Denunziation heißt nun Zivilcourage

Der Duden weiß es noch:

Zivilcourage: Mut, den jemand beweist, indem er humane und demokratische Werte (z. B. Menschenwürde, Gerechtigkeit) ohne Rücksicht auf eventuelle Folgen in der Öffentlichkeit, gegenüber Obrigkeiten, Vorgesetzten o.Ä. vertritt.

Nathan Stoltzfus (2004) weiß es noch: Er hat einen Beitrag geschrieben, in dem es um die Zivilcourage von Deutschen im Dritten Reich geht, als man schnell abgeholt werden konnte, wenn man gegen die Obrigkeit Stellung bezogen hat. Um z.B. einen Juden zu verstecken, war in der Tat Zivilcourage notwendig.

Henning Melber (2001) weiß es auch noch. Er hat einen Artikel geschrieben, in dem er die Notwendigkeit von Zivilcourage als Voraussetzung für zivilen Ungehorsam dargestellt hat, der sich wiederum gegen die einstige Apartheits-Politik südafrikanischer Regierungen gerichtet hat.

Der Begriff Zivilcourage beschreibt ein Verhalten, das Akteure ihren moralischen Prinzipien folgen sieht, das sie ihr Verhalten an dem, was sie für richtig halten und nicht an dem, was andere vorgeben, ausrichten sieht, und er beschreibt ein Verhalten, das die individuelle Freiheit gegen die Obrigkeit verteidigt. Zivilcourage verteidigt die bürgerliche Freiheit und Menschlichkeit gegen Übergriffe des Staates. Scholtyseck (2013) spielt dies am Beispiel der Zivilcourage im Dritten Reich durch, so wie das Stolzfus (2004) und Melber (2001) ebenfalls für das Dritte Reich und für die Zeit des Apartheits-Regimes in Südafrika tun.

Ralf Dahrendorf hat den Kern des zivilcouragierten Verhaltens wie folgt auf den Punkt gebracht:

„Die Fähigkeit, sich auch wenn man allein bleibt, nicht vom eigenen Kurs abbringen zu lassen; die Bereitschaft, mit den Widersprüchen und Konflikten der menschlichen Welt zu leben; die Disziplin des engagierten Beobachters, der sich nicht vereinnahmen lässt; die leidenschaftliche Hingabe an die Vernunft als Instrument der Erkenntnis und des Handelns. Das sind Tugenden, Kardinaltugenden der Freiheit“ (Dahrendorf 2008: 79).

Wie so viele Begriffe, so ist auch der Begriff der Zivilcourage von den Gutmenschen entwertet und zu einer Floskel gemacht worden, die nahezu jede Handlung im täglichen Leben umfassen kann und die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sich Zivilcourage nicht mehr gegen die Obrigkeit richtet, nicht mehr gegen Gesetze und Regelungen, Maßnahmen des Staates, sondern nur noch gegen andere Bürger. Zivilcourage ist verblockwartet worden. Mensch überwacht Mensch. Zivilcourage reduziert sich auf die Kontrolle der Handlungen anderer, darauf, anderer Verhalten auf Vereinbarkeit mit dem, was von der Obrigkeit als korrektes Verhalten vorgegeben wird, zu überprüfen. Und seit neuestem wird der Begriff der Zivilcourage vollständig pervertiert und dann angewendet, wenn ein Verhaltensverstoß durch einen Blockwart mit einer Anzeige bei der Obrigkeit geahndet wird.

Lächerlicher kann man die Widerstandskämpfer, die im Dritten Reich Zivilcourage bewiesen haben und Einsatz ihres Lebens (und dem ihrer Angehörigen) gegen ein unmenschliches Regime gekämpft haben, nicht mehr machen als sie mit Informanten staatlicher Ordnungsbehörden in einen Topf zu werfen.

Aber genau das haben die Jüdische Gemeine Berlin und der Förderkreis „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ getan. Sie haben – wie man der gleichgeschalteten Welt der medialen Durchlauferhitzer entnehmen kann – eine 15jährige dafür ausgezeichnet, dass sie einen Klassenkameraden angezeigt hat. Nicht alleine, wie man beim Deutschlandfunk lesen kann:

„Emilia sprach mit ihren Eltern über den Fall und gemeinsam beschlossen sie, den Mitschüler anzuzeigen. Für ihr Eingreifen wurde Emilia nun mit dem Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus ausgezeichnet, der gestern zum achten Mal in Berlin vergeben wurde. Er wird vom Förderkreis Denkmal für die Ermordeten Juden Europas gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vergeben und ist mit 2.000 Euro dotiert. Die Organisationen wollen damit Menschen ehren, die durch ihr öffentliches Engagement beeindruckt haben.“

Weiter von den Prinzipien, die Ralf Dahrendorf für zivilcouragiertes Handeln aufgestellt hat, weiter von der Bedeutung von Zivilcourage kann man nicht entfernt sein. Die neue pervertierte Fassung ziviler Courage besteht also darin, Mitmenschen bei Behörden anzuzeigen. Entsprechend müssen auch diejenigen, die im Mittelalter die Kästen der Inquisition mit Hinweisen auf Gotteslästerer gefüllt haben, für ihre zivile Courage nachträglich gewürdigt werden, denn auch sie haben ein Verhalten zur Anzeige gebracht, das damaligen Behörden nicht in den Kram gepasst hat.

Aber natürlich sind Judenwitze und „Heil Hitler“ Provokationen durch Halbstarke, die gerade austesten, wie weit sie gehen können, nicht mit den Ketzern des Mittelalters vergleichbar, denn damals hatten die Anzeigenden unrecht, heute haben sie recht. Heute besteht ja auch Zivilcourage darin, Anzeige zu erstatten. Heute wird Zivilcourage wird zur Anbiederung an die Obrigkeit umgedeutet, hat mit dem ursprünglichen Widerstand gegen die Obrigkeit nichts mehr gemein.

Im Kampf um Worte, der derzeit geführt wird, ist ein weiterer Begriff, der eine Gemeinsamkeit zwischen Bürgern herstellen kann, sie gemeinsam gegen ihren Staat Stellung beziehen lassen kann, zur Floskel entwertet worden, die jedes Verhalten umfasst, in dem ein Bürger auf Grundlage seiner Kontrolle des Verhaltens eines anderen Bürgers diesen Bürger zur Anzeige bringt. Der Erfolg totalitärer Systeme beruht darauf, Bürger in Gute und in Böse zu teilen, sie gegeneinander in Stellung zu bringen und sie davon abzuhalten, sich gegen den Staat zu verbünden. Der Erfolg totalitärer Systeme wurde von George Orwell in das Bild der Kinder gepackt, die die eigenen Eltern bespitzeln und verraten.

Die Preisverleihung ausgerechnet durch jüdische Organisationen steht in dieser Tradition. Sie stärkt das Misstrauen gegenüber seinen Mitmenschen bereits in der Schule und zerstört das, was eine Gesellschaft mehr nötig hat als allen Kampf gegen Judenwitze: Wohlwollen. Kooperation, das, was Gesellschaften zusammenhält, ist nur möglich, wenn man dem Gegenüber wohlwollend entgegentritt. Misstrauen macht Kooperation unmöglich. Wer es mit Preisen belohnt, wenn Schüler andere Schüler anzeigen, der fördert Misstrauen bereits in der Schule und zerstört Kooperation. Das ist ein hoher Preis, auch gemessen daran, dass die Anzeige mit hoher Wahrscheinlichkeit im schlimmsten Fall ein paar Arbeitsstunden, im besten Fall eine Einstellung ohne Auflagen zur Folge haben wird.

Dass bereits Jugendliche sich von politischer Korrektheit vereinnahmen lassen und es ihnen näher liegt, sich mit Erwachsenen und ihren Institutionen gegen Gleichaltrige zu verbünden, als mit Gleichaltrigen Meinungsverschiedenheiten auszutragen, lässt nichts Gutes erwarten, haben sie doch bereits heute die Autonomie über ihr Leben, die Disziplin, sich nicht vereinnahmen zu lassen und die Hingabe an die Vernunft zu Gunsten des Anbiederns und des Rufes nach dem paternalistischen Staat aufgegeben. Insofern ist nichts Couragiertes am Verhalten von Emilia, nichts, was man – wie es der Preis nahelegt – bewundern, aber vieles was man bedauern muss und verachten kann.

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16 Responses to Denunziation heißt nun Zivilcourage

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  2. Gereon says:

    Die nächste Ehrung geht dann an die junge Dame, die ihre Eltern anzeigt, weil sie in einer AfD-Broschüre geblättert haben oder danisch.de gelesen.

    Was fehlt: Zivilcourage Deutschlan 2017:

    30 vermummte und zum Teil bewaffnete schlagen mutig (gegen rechts) eine (!) siebzehnjährige (!) zusammen und Krankenhaisreif , weil diese die Dreistheit beging, aus einer Tür zu kommen, hinter der eine AfD-Wahlparty veranstaltet wurde.

    • Darüber brauchen wir uns doch nicht zu wundern, wenn es inzwischen selbst im Land der Liberté Égalité und Fraternité angesagt ist, den Nachbarn anzuzeigen, sobald jemand “gefährliches Gedankengut” äußert.

      • Gereon says:

        Denken Sie immer daran, dass Liberté Égalité und Fraternité einen Marat https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Paul_Marat hervorgebracht hat, einen der schlimmsten Schlächter der Revolution der wohl ganze Dorfschaften aufs Schafott brachte. Nach diesem Marat hat die Antifa ihr Hauptquatier in München benannt, welches von der Stadt gesponsert und unterhalten wird.

        Das ist genauso als wenn Antisemiten ihr Lokal Cafe Eichmann nennen würden.
        Man darf also annehmen, dass der Wind, der weht, politsch gewollt ist.

        Ach ja, und in Schweden kam letztens die Polizei, weil jemand einer Kindergruppe eine Orginalfassung von Pippi Langstrupf vorgelesen hat, mit dem Wort Negerkönig!

        Ob das Buch weiterleben durfte ist nicht überliefert!

  3. Danke für die Aufklärung. Von diesem Mara hatte ich noch nie etwas gehört.
    Da bin ich ja mal wieder voll ins Senftöpfchen getreten.
    Pipi Langstrumpf geistert zur Zeit durch alle Blocks. Es soll Strafanzeige gegen die Vorleserin gestellt worden sein.
    Wäre zu schön zu erfahren, was dieses kleine Luder dazu zu sagen hätte.
    Sie würde sich wahrscheinlich diebisch freuen, was sie da wieder angezettelt hat.

  4. Marat heißt der Typ. Entschuldigung.

  5. D.W. says:

    Was ist eigentlich passiert in diesem Land? Früher wurde sowas in der Regel dem Klassenlehrer oder der Schulleitung gemeldet, dann gab es Sanktionen und ggf. Aufklärung und das Thema war erledigt. Klar, dann gab es für niemanden Auszeichnungen und Geldpreise von dubiosen Grüppchen. Ich denke, die Denunziantin hat nun eine hervorragende Laufbahn als alle nur nervende und nichts produzierende Feministin oder Grüne vor sich. Oder als IM bei der Amadeu Antionio-Stasi äh… -Stiftung…

  6. Dass wie in DDR-Zeiten eine pubertierende Schülerin ihre pubertären Mitschüler hinhängt, sagt etwas über das Klima hierzulande. Dem Kind ist allerdings mit Prügeln nicht zu helfen, Kinder aus totalitärer Konditionierung zu lösen, bräuchte halbwegs intelligente Ansprache. Z.B. “Gefiele es Dir, öffentlich bloßgestellt zu werden?” Aber die Chance ist vertan. Sie sitzt schon im Schützengraben – sie wird benutzt. Wie die IM in meiner Klasse vor 50 Jahren. Wenn sie Glück hat, lernt sie. Prügel sind dabei nur sehr, sehr begrenzt tauglich.

  7. Pingback: der „goldene Blockwart“* sowie der „goldene Blockwart mit Brillianten & Molotow-Cocktails“* | fakeminr

  8. Jens says:

    Zu dem Thema habe ich auch ein Beispiel. Ein Malermeister aus der Nähe von Karlsruhe hat viele Jahrzehnte aus öffentlichen Quellen Adressen und Geburtsdaten gesammelt und Glückwünsche verschickt. Natürlich niemals zu dem Zweck der Werbung für seine Firma, sondern selbstverständlich nur aus reiner Nächstenliebe. Ruft jedoch eine Versicherungsagentur bei ihm an um Angebote zu machen, erfolgt eine Anzeige an die Bundesnetzagentur wegen unerlaubter Werbung. Promt möchte die Bundesnetzagentur ein Bussgeld erlassen. Nun mag es sein, dass Briefe erlaubt sind und Anrufe verboten, doch für mich macht das keinen Unterschied. Wie sind Menschen gestrickt, die so handeln. Welche Störung ist das?

  9. Pingback: KStA im Delirium => TOTALER FakeRausch | fakeminr

  10. Ich hatte den Spiegel artikel “Nazi-Sprüche in Dresden, 15-Jährige zeigt Mitschüler an – und gewinnt Preis” (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/dresden-schuelerin-zeigt-mitschueler-wegen-nazi-spruechen-an-a-1176932.html ) wie folgt kommentiert:

    “Abgesehen davon, dass “der schlimmste Hund im ganzen Land der Denunziant bleibt”, kann man George Orwell nur Recht geben:

    “Die Frauen, und vor allem die jungen, gaben immer die blind
    ergebenen Parteianhänger, die gedankenlosen Nachplapperer, die freiwilligen Spitzel ab, mit deren Hilfe man weniger Linientreue aushorchen konnte.” – George Orwell in 1984

    Preise für Denunzianten gehört schon in die unterste Kategorie des sittlichen Verfalls.”

    Daraufhin hat die Frankfurter Rundschau einen Hetzartikel verfasst, der sich gewaschen hat:
    http://www.fr.de/politik/meinung/kommentare/carsten-haerle-afd-politiker-hetzt-gegen-15-jaehrige-a-1383264

    Ich habe daraufhin gestern diesen Artikel hier (über die Webseite Faktum) verlinkt und die Frankfurter Rundschau mit dem nächsten Lügenartikel zugeschlagen:
    http://www.fr.de/politik/meinung/kommentare/afd-und-carsten-haerle-wenn-die-rechten-das-opfer-zum-taeter-machen-a-1386913

    Wer hier Schnappatmung hat, ist offensichtlich. Ich bin es jedenfalls nicht.

  11. Pingback: Denunzianten, Duden und Zivilcourage – Lollipops for equality

  12. Pingback: Das Problem mit der Denunziation oder: Warum Denunzianten keine Preise erhalten dürfen | ScienceFiles

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