Heranwachsende Probleme: Muslimische (und christliche) Schüler in Düsseldorf und Wuppertal

Autoritäre Einstellungen bei Schülern“, so lautet die Überschrift eines Blogposts bei der Richard Dawkins Foundation. Der Post, ein Text von Felix Kruppa, behandelt im Wesentlichen die Ergebnisse, die Kruppa für die wichtigsten seiner Magisterarbeit hält, der Magisterarbeit, in der er nach seiner Ansicht autoritäre Einstellungen gemessen hat.

Was er in jedem Fall gemessen hat, sind in Teilen bedenkliche Einstellungen bei jungen Menschen, die im Durchschnitt noch nicht einmal das 18. Lebensjahr erreicht haben. Alle Befragten von Kruppa, 668 an der Zahl, sind Schüler an Schulen in Düsseldorf oder Wuppertal, etwas mehr als die Hälfte besuchen ein Berufskolleg, der Rest verteilt sich auf Gymnasien, Gesamt- und Hauptschulen.

Kruppa unterscheidet seine Befragten, die er konsequent und politisch-korrekt mit SuS abkürzt, also Schüler und Schülerinnen (dazu kommen wir noch), nach Religionszugehörigkeit: 296 Christen, 189 Muslime, 159 Atheisten und 24 Sonstige hat er in seinem Datensatz, einem Datensatz in dem auch die Antworten auf neun Aussagen enthalten sind, die Kruppa im Text darstellt.

Wir wollen das an dieser Stelle verkürzt und auf die Aussagen beschränkt tun, die man nicht als politisch-korrekte mit einer gewissen Anbiederungsaffinität versehene Aussagen ansehen muss.

„Ich kann mir eine Freundschaft mit einem homosexuellen Menschen gut vorstellen“
Ablehnung: 15% der christlichen, 48,1% der muslimischen und 12% der atheistischen Schüler.

“Ich kann mir eine Freundschaft mit einem Juden vorstellen.”
Ablehnung: 6,2% der christlichen, 17,3% der muslimischen und 8,2% der atheistischen Schüler.

“Religiöse Gesetze sind mir wichtiger als die Gesetze des Landes, in dem ich lebe.”
Zustimmung: 12,5% der christlichen, 52,3% der muslimischen Schüler;

Alle sonstigen Items, wie „Männer und Frauen sollten ihren traditionellen Rollen nachkommen“; „Meine eigene Weltanschauung hat einen hohen Stellenwert in meinem Leben“ oder „In der Erziehung von Kindern sind Körperstrafen manchmal wichtig, um das Kind wieder auf den richtigen Weg zu bringen“, sind Zeitgeistfragen, deren Beantwortung wenig über die Einstellung der Befragten, aber viel über ihre Fähigkeit gesellschaftliche Vorgaben nachzuplappern aussagt, so wie die konsequente Genderschreibweise, die Kruppa nutzt, viel über dessen kritische Denkfähigkeit aussagt (auch dazu später).

Beschränkt man sich auf die relevanten Aussagen, die wir oben dargestellt haben, dann zeigt sich ein erstaunliches Scheitern schulischer und gesellschaftlicher Integration, und zwar nicht nur für Muslime. Schüler, die die Frage einer Freundschaft von einem vorausgehenden Passungstest dahingehend abhängig machen, ob der eventuelle Freund nicht zu einer Population gehört, die man aus welchen Gründen auch immer ablehnt, die also ihr eigenes Urteil unter die Herrschaft von Vorurteilen stellen, keinen Wert auf die Person des Gegenüber, und allen Wert auf deren Religionszugehörigkeit oder sexuelle Orientierung legen, sind das Paradebeispiel für autoritäre Persönlichkeiten, die nicht zur eigenen Urteilsbildung fähig sind.

Sie stellen in einer demokratischen Gesellschaft dann ein Problem dar, wenn sie zu häufig werden. Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass die Argumente oder die Leistung oder die Verdienste eine Menschen, eines konkreten Menschen seine Beurteilung determinieren, und nicht seine Zugehörigkeit zur AfD, zur Jungen Union, zu Attac! oder sonstige Variablen, die keinen Aufschluss über die Qualität seiner Aussagen oder seiner Leistungen geben.

Noch beklemmender als die Tatsache, dass stattliche Anteile von Schülern, es nicht geschafft haben, eine unabhängige Persönlichkeit zu entwickeln, ist das Ausmaß einer fehlenden politischen Integration, das sich darin zeigt, dass 12,5% der christlichen und 52,3% der muslimischen Schüler religiöse Gesetze für wichtiger halten als die Gesetze des Landes in dem sie leben. Abermals ist dies per se kein Problem. Es wird dann zu einem Problem, wenn die Gesetze des Landes mit den religiösen Gesetzen in Widerspruch treten. Und es wird zum Problem, weil mit religiösen Doktrinen im Gegensatz zu politischen Gesetzen keinerlei Variabilität verbunden ist. Religiöse Doktrinen beanspruchen umfassende Geltung, während Gesetze eines Staates beanspruchen, die beste Lösung für bestimmte Probleme darzustellen, was es grundsätzlich mit sich bringt, dass Gesetze, die sich als kontraproduktiv oder schlicht unzulänglich erweisen, revidierbar sind. Ganz davon abgesehen kommen Gesetze in einem demokratischen Staat durch Diskussion und Abstimmung zustande (im Ideal), während eine religiöse Doktrin von einem, der für sich beansprucht, ihm habe sich die Wahrheit offenbart, verkündet wird.

Deshalb sind religiöse Doktrinen, und zwar egal, aus welchem Glaubenskontext sie stammen, nicht mit demokratischen Gesetzen vereinbar. Deshalb verlangt ein demokratisches Staatswesen die politische Integration seiner Bürger unter Zurücklassung ihrer religiösen Überzeugungen. Letztere sind Privatsache. In der Sphäre politischer Ordnung haben sie nichts zu suchen, weder in christlicher noch in muslimischer Variante, denn private Vorlieben können nicht der Maßstab für Regelungen des öffentlichen Lebens sein. Wenn 12,5% der christlichen und 52,3 der muslimischen Schüler dies anders sehen, dann ist das ein erhebliches Problem für eine demokratische Gesellschaft, denn hier wachsen Fundamentalisten heran, die unfähig zu Kompromissen und unfähig zur Toleranz sind, wenn es um das geht, was sie für eine religiöse Wahrheit halten.

Sollten die Ergebnisse von Kruppa, die an Schulen in Düsseldorf und Wuppertal gewonnen wurden, an anderen Schulen und in anderen Bundesländern repliziert werden können, dann müsste man daraus den Schluss ziehen, dass der demokratischen Gesellschaft Deutschlands ein erhebliches Problem ins Haus steht, erheblicher als es die derzeit dem Totalitarismus frönenden Gläubigen an das Heil des Marxismus oder Leninismus derzeit bereits darstellen.

Kruppa hat somit in einer Magisterarbeit anschlussfähiges Material geliefert, Forschungsergebnisse, die nach Replikation und Weiterverwendung geradezu rufen. Ob der Ruf von der institutionalisierten Wissenschaft gehört wird, wenn vorhersehbar unpopuläre Ergebnisse dabei herauskommen?

Wir werden es sehen.

Was weniger erfreulich ist, ist die fast schon autoritäre Anpassung an staatliche Vorgaben, die selbst bei Studenten, denen man ein gewisses Kritikpotential unterstellen kann, wie Kruppa, der Fall ist. Er schreibt durchgängig von SuS, „Schüler und Schülerninnen“, und stellt damit seine persönlichen Vorlieben über wissenschaftliche Standards. Dabei kommen Absurditäten wie „weibliche Schülerinnen“ heraus, von denen man normalerweise denken würde, ein kritischer Student sei in der Lage, sie zu erkennen und zu löschen, schon um sich nicht lächerlich zu machen.

Was jedoch verstörend wirken muss, ist wenn ein Student, der sich auf Popper beruft, und der über „autoritäre Persönlichkeiten“ schreibt, am Ende seines Textes einen apodiktischen Stil pflegt, den man einer autoritären Persönlichkeit zuschreiben würde und der sich dadurch auszeichnet, dass er in die offizielle Litanei der notwendigen Erziehung der Massen dieses Mal zur korrekten Verwendung demokratischer Floskeln und Leerformeln, einstimmt:

„Unabdingbar ist neben einer stärkeren Demokratieerziehung, die auch geschichtliches Wissen beinhalten müsste und die Diskussion über gelebte und konstituierende Werte miteinschließt, bei Lehrkräften auch ein Wissen über die Lebenswelt und Religion ihrer SuS. Vor allem, weil Autoritarismus nicht vereinbar ist mit der kritisch-historischen Auslegung religiöser Schriften auf Basis philosophischer Wertehaltungen (Quest-Orientierung) müssen grundlegende Kenntnisse über die jeweilige Religion schon in der Lehramtsausbildung vermittelt werden, um religiös begründeten autoritären Einstellungen sinnvoll begegnen zu können.
Gleichzeitig muss vor allem einer extrinsisch, durch sozialen Druck oder instrumentell motivierten Religionsoktroyierung entgegengewirkt werden, die mit autoritären Persönlichkeiten korreliert und gemäß des Islamwissenschaftlers Abdel-Hakim Ourghi in den deutschen Koranschulen vorherrschend ist.“

Einmal davon abgesehen, dass die Ergebnisse, die Kruppa berichtet, derart weitreichende Schlüsse nicht einmal im Entferntesten tragen, ist es geradezu autoritär-dogmatisch, dass Kruppa weiß, was „unabdingbar“ ist, was „nicht vereinbar“ ist, wie man etwas „sinnvoll begegnen“ kann und was „entgegenwirkt“ werden muss. Etwas Zurückhaltung ist zuweilen in wissenschaftlichen Arbeiten besser, schon weil diejenigen, die die bedenklichen Einstellung äußern, keine Erziehungsmasse, der man den Gütestempel „demokratisch unbedenklich“ auf den Hintern brennen kann, sind, sondern Menschen, die wie alle anderen Menschen auch, zunächst einmal Respekt verdient haben, und weil es bislang noch keine soziale Planung gegeben hat, die ohne Nebenfolgen, ohne unbeabsichtigte Folgen und ohne Reaktanz geblieben ist.

Derartige Zurückhaltung ist besonders dann erforderlich, wenn man Schlüsse aus Ergebnissen zieht, die auf heftig verzerrten Stichproben basieren, wie dies Kruppa tut.

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6 Responses to Heranwachsende Probleme: Muslimische (und christliche) Schüler in Düsseldorf und Wuppertal

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  2. xxx says:

    Ich hoffe, die verlinkte pdf-Datei ist nur eine Zusammenfassung der Arbeit, weil 13 Seiten für eine Magisterarbeit sehr dünn sind. Für eine Facharbeit in der gymnasialen Oberstufe würde das dagegen reichen.

  3. Ein hervorragender, wenn auch sehr beängstigender Artikel.
    Es braucht. nicht viel “Phantasie” um sich “auszumalen” was das für die Zukunft bedeutet.

  4. asisi1 says:

    Politiker, Polizei und justizbeamte werden in Zukunft Sozialarbeiter!
    das ist Deutschlands weg!

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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