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“Hinter Passau beginnt das Meer” – Erzählungen aus einer bayerischen Mittelschule

Teil 3 unserer Serie, in der ein Lehrer aus Bayern einen Überblick über das, was in seiner und vermutlich nicht nur in seiner Schule vor sich geht, gibt, befasst sich mit GPG, ehedem: Geschichte, Erd- und Sozialkunde.

“In den Mittelschulen in Bayern wurden vor Jahren die Fächer Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde zu einem Fach zusammengelegt. Das war eigentlich eine gute Idee, denn viele Schüler haben in der 5.Klasse noch kein räumliches oder zeitliches Verständnis wie man das erwarten könnte. Wie sollen sich Schüler Jahrzehnte oder Jahrhunderte vorstellen, wenn noch einige in der Klasse sich melden und fragen, wie lange es noch bis zur Pause ist oder welche Stunde wir haben, obwohl eine Uhr im Klassenzimmer hängt?

Es gibt Schüler, die gehen davon aus, dass es alles, was es jetzt gibt, auch vor 3000 Jahren gegeben hat. Wenn man dann einen Lehrfilm mit nachgespielten Szenen aus der Römerzeit zeigt, dann fragen Schüler, welche Kamera die damals gehabt haben. Als ich als Symbolbild für die Frühzeit der Entstehung der Erde ein Bild von einem lavagefüllten Krater zeigte, fragte eine, wer das damals fotografiert habe. Vielleicht haben sie das Gefühl, dass sich nichts verändert, weil Merkel schon vor ihrer Geburt Kanzlerin war.

Meine Söhne haben schon im Grundschulalter Dokumentationen über den 2.Weltkrieg angesehen, weil die wirklich täglich rauf und runter im Fernsehen laufen. Für viele der heutigen Schüler hat der 2.Weltkrieg nicht stattgefunden oder er wird in den 80igern des letzten Jahrhunderts vermutet. da frage ich mich, ob die nicht mal ihre Großeltern gefragt haben, wie deren Jugendzeit war? Durch eigene Erfahrung kann ich sagen, dass man bei den wirklich sehr wenigen Schülern, die rechtsextreme Ansichten haben (einer pro Jahrgangsstufe, wo es offensichtlich ist) mit irgendwelchem Kampf-gegen-rechts-Gedöns nichts erreicht. Wichtig ist eher zu zeigen, in welchem Umfeld Hitler möglich war, warum es so viele Mitläufer und „Schlafschafe“ gab, und wie man mit gut 30% Zustimmung bei Wahlen die Macht an sich reißen kann, so dass es kein Zurück mehr gibt.

Man braucht auch Leute, die im richtigen Leben Versager sind und hier die Chance witterten mal groß raus zu kommen, am besten kombiniert mit einem miesen Charakter. Ist ein guter Hieb gegen die Schüler, die insgeheim mit HJ oder NSDAP liebäugeln. Meist haben sie die Einstellung ja von den Eltern, so dass sie dann hoffentlich auch ihre Eltern etwas anders sehen.

An unserer Schule spielt Rechtsextremismus überhaupt keine Rolle, obwohl es das vor 20 Jahren mal gegeben haben soll. Wenn sich einer mit den wenigen Ausländern anlegt (oder umgekehrt), dann sind das Typen, die sich grundsätzlich mit jedem anlegen. Sind dann meist nicht die größten Lichter.

Das größte Problem in diesem Fach „GPG“ ist aber, dass die Schüler nur in Ansätzen Ahnung von Ländern oder Kontinenten haben, obwohl ich am Beginn des Schuljahres immer eine große Weltkarte aufhänge. Obwohl die nächste größere Stadt nur wenige Kilometer entfernt liegt, wissen die wenigsten, dass dort die Donau durchfließt. Wenn die mit dem Auto nach München fahren, dann müssen die wirklich ununterbrochen auf dem Rücksitz daddeln, weil, wenn man als Kind zum ersten Mal über die Donaubrücke fährt, dann war das für mich schon noch beeindruckend. So ist es kein Wunder, wenn kein einziger Schüler sagen kann, wie weit es ungefähr bis München ist, ich meine mit ungefähr, dass sie die Stadt nicht in 20 km Entfernung vermuten.

Ich hatte Schüler, die glaubten ernsthaft, dass hinter Passau schon das Meer beginnt. Man muss wirklich das ganze Jahr mit dem Atlas arbeiten, damit die Schüler wenigstens die wichtigsten Nachbarländer kennen. Dann ist es umso mehr verwunderlich, wenn man sie eine kleine Europakarte, in die das antike Griechenland bzw. das Römische Reich eingezeichnet ist, ins Heft kleben lässt und sie dann fragen, wie herum die Karte ins Heft gehört. Zumindest sollte ein Kind mal die 20-Uhr-Nachrichten gesehen haben, damit es feststellt, dass das hinter dem Moderator nicht eine Deko darstellt, sondern eine Europakarte. Dabei scheitern viele schon bei der nächsten Umgebung ihres Heimatorts. In etwa 15 km Entfernung zum Schulort liegt eine Talsperre. Ich hatte eine Klasse, da kannten manche diesen See wenigstens vom Hörensagen, den meisten war diese gar kein Begriff.

Die Schüler erzählen zwar vom Urlaub im europäischen Ausland, vermuten aber Griechenland teilweise in Nordnorwegen. Aber auch im Inland sieht es nicht besser aus. Da kaufen die Eltern ihren Kindern im Vorschulalter Computerspiele und Handys und wollen chinesisch im Kindergarten lernen, sehen es aber nicht als notwendig an, dass eine Kinder-Deutschlandkarte (meist mit interessanten Tieren garniert) von Geburt an ins Kinderzimmer gehört. Da weiß ich heute noch, wie die bei mir ausgesehen hat, und das nach 50 Jahren. Darum kann nur eine verschwindend kleine Minderheit in dieser Jahrgangsstufe die ungefähre Lage des eigenen Heimatortes oder Bayerns in eine Deutschlandkarte einzeichnen. Kein Wunder, dass für manche der Nil durch Passau fließt.

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Jetzt ist mir auch klar, warum manche Leute nur mit dem Navigationssystem wieder nach Hause finden oder zu Orten in der nächsten Umgebung. Das wäre für mich undenkbar.

Früher hat man seine Eltern bewundert, dass sie den Namen jedes Berges kannten, auf den man zeigte oder den, der Ortschaften im Tal. Die fanden auch ohne Karte zu Orten, die mehrere Stunden entfernt lagen. Das wollte man natürlich auch können. Heute können schon Grundschüler zwar den Sprachassistenten am Navi programmieren, damit sie „Heimadresse“ eingeben können, sind aber zum allergrößten Teil nicht in der Lage, mit 12 Jahren Europa auf der Weltkarte zu finden.

Ich habe Gymnasiasten kennengelernt, die konnten auch nach ihrer Schulzeit noch leine Karte lesen.

Allerdings kann ich kein Navi bedienen. Im Gymnasium ist Geschichte in der 10.Klasse ein einstündiges Fach. So wird hier eine Generation nachwachsen, die jedes von den Medien verbreitete Narrativ glauben muss, weil sie gar nicht in der Lage ist, dieses zu hinterfragen. Allerdings kann man froh sein, dass auch Propaganda ihre Grenzen hat und dass trotz aller positiver Propaganda Merkel nur mehr eine Zustimmung von 46% erreicht und nur 13% Putin für eine Gefahr für den Weltfrieden halten, obwohl viele Russland nicht mal auf der Karte finden. Eigentlich müssten Medien und Politiker froh sein, dass Schüler heute nur mehr rudimentäre historische und geopolitische Kenntnisse haben, sonst würde die Hetze unserer Medien gegen andere Länder noch weniger auf fruchtbaren Boden fallen.”

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