Faschismus: Viel Gerede um wenig Verständnis

Was bedeutet Faschismus?

Keine triviale Frage für einen Begriff, für den eine normale Google-Suche mehr als 2 Millionen Treffer ergibt, der rund 67.000 Fundstellen in Zeitungen aufweist und es in wissenschaftlichen Beiträgen auf 75.000+ Nennungen bringt.

Wenn man vom Faschismus eines sagen kann, dann, dass er ein Modebegriff ist, der von vielen benutzt wird, und wie sich bei näherem Hinsehen zeigt, den wenigsten in seiner Bedeutung bekannt ist.

Das muss er auch nicht sein, denn Faschismus wird weitgehend als politischer Kampfbegriff benutzt, der auf politische Gegner angewendet wird, mit dem Ziel, sie zu diskreditieren. Deshalb taucht der Begriff heute häufig gemeinsam mit dem Begriff Nazi auf.

Machen wir dazu einen kleinen Abstecher.

Wir sind schon seit längerem über die radebrechenden Versuche von Belltower News, einem Anhängsel der Amadeu-Antonio-Stiftung, amüsiert, sich einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben und den Anschein zu erwecken, „wissenschaftlich“ zu sein. Nun hat schon Erving Goffman darauf hingewiesen, dass eine Darstellung stimmig sein muss, um glaubwürdig zu sein und dass „eine Darstellung, die im ehrlichen Glauben an ihre Richtigkeit gegeben wird, dennoch infolge des Fehlens vernünftiger Sorgfalt bei der Feststellung der Tatsachen oder in der Ausdrucksweise oder infolge des Fehlens der für einen bestimmten Beruf notwendigen Geschicklichkeit oder Fähigkeit fahrlässig sein kann“ (Goffman 1983: 59). Anders formuliert: Wenn Nicht-Wissenschaftler versuchen Wissenschaft zu imitieren, dann scheitert ihre Darstellung in der Regel daran, dass sie die entsprechenden Kompetenzen, Routinen, Methoden, die die Wissenschaft ausmachen und den Wissenschaftler auszeichnen, nicht haben bzw. nicht kennen.

Und so präsentiert uns Belltower-News Tobias Ginsburg, den uns Wikipedia als „Theaterregisseur und Autor“ bekannt macht und dessen Biographie keinerlei Hinweis enthält, die ihn zum Experten für ausgerechnet Faschismus machen, als ebensolchen Experten.

Man muss also präzise vorgehen und eine klare Definition von Faschismus als Ausgangspunkt nutzen. Und das ist, wie Ginsburg meint zu wissen, gar nicht „so schwer“ [er meint: schwierig], denn „der gesamte Katalog faschistischer Merkmale“ werde aktuell von den „rechten Bewegungen … dargeboten“.

Also:

  1. völkische und biologische Rassismen;
  2. Verschwörungsideologie,
  3. verkürzte Kapitalismuskritik
  4. den Wunsch nach starken Führern,
  5. Hass auf die pluralistische Gesellschaft

Das ist die Checkliste des Faschismus, die der Theaterregisseur und Autor Ginsburg den staunenden Lesern präsentiert.

Wäre Ginsburg nicht „Theaterregisseur und Autor“, sondern, sagen wir Sozialwissenschaftler, vielleicht mit einer Ausbildung in Politikwissenschaft, dann wüsste er, dass er absolutes Blech geredet hat, denn was Faschismus ist, das ist ganz und gar nicht klar.
Kurz gesagt: Je nach Faschismustheorie ist keiner der fünf Punkte, die Ginsburg nennt, ein Bestandteil von Faschismus oder ein Alleinstellungsmerkmal von Faschismus. Völkische und biologische Rassismen mögen bei Ginsburg hoch im Kurs stehen, als Bestimmungsmerkmal von Faschismus taugen sie nicht. Verschwörungsideologien gibt es unzählige, nicht zuletzt sind Sozialismus und Kommunismus und Feminismus Verschwörungsideologien, die die Verschwörung von Kapitalisten, weißen Männern oder Eigentümern von Produktionsmitteln wittern. Auch eine verkürzte Kapitalismuskritik zeichnet Faschismus nicht aus, eher der Versuch, die Modernisierung durch verstärkte Investitionen in den Kapitalismus zu beschleunigen, eine These, die Ralf Dahrendorf (1971) in die Faschismusdiskussion eingeführt hat. Aber davon weiß Ginsburg natürlich nichts. Nicht einmal der Wunsch nach starken Führern zeichnet den Faschismus aus, denn der Faschismus basiert auf einer entsprechenden Organisation mit EINEM FÜHRER an der Spitze. Also wieder nichts. Und der Hass auf die pluralistische Gesellschaft führt auch nicht weiter, denn

„Traditionalism implies the rejection of modernism. Both Fascists and Nazis worshiped technology, while traditionalist thinkers usually reject it as a negation of traditional spiritual values.” (Eco 1995: 6)

Das schreibt Umberto Eco, der zwar auch kein ausgewiesener Kenner der Materie ist, aber dem Theaterregisseur Ginsburg vielleicht leichter zugänglich ist.

Kurz: Ginsburg hat keine Ahnung davon, was seit nunmehr rund 100 Jahren im Hinblick auf den Begriff des Faschismus diskutiert wird. Für ihn beschreibt Faschismus das, was er nicht mag. Er summiert, das was er nicht mag, unter die Klammer eines Begriffes, den er für negativ und für ein geeignetes Mittel hält, um politische Gegner zu diskreditieren.

Diese Benutzung von Faschismus hat eine lange Geschichte. Man kann ihren Anfang bei Georgi Dimitroff, dem Generalsekretär der Kommunistischen Internationalen, sehen. Dimitroff hat 1924 Faschismus als

„terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ definiert (zitiert nach Wippermann 1989: 22).

Wie Ginsburg, so versammelt auch Dimitroff eine Reihe von Begriffen, die er negativ bewertet, unter dem Dach des „Faschismus“, um den Begriff als politischen Kampfbegriff nutzen zu können.

Das hat viel mit Sprachfaschismus zu tun, aber nichts mit der Bestimmung von Faschismus.

Was also ist Faschismus?

Beginnen wir mit dem italienischen Historiker Emilio Gentile (2006, 2003). Der muss es wissen, hat er sich doch wie kaum ein anderer mit dem italienischen Faschismus, mit Benito Mussolini, dem Duce, der dem italienischen Faschismus vorstand, sein Führer war, beschäftigt. Das Prinzip, dass es nur einen Führer gibt, ist es dann auch, das für Gentile den Faschismus an erster Stelle auszeichnet. Der Führer erhebt einen Totalitätsanspruch, d.h. er will alles führen, jeden Bereich der Gesellschaft, den er für relevant hält. Dabei stützt er sich auf eine Parteiorganisation, die militärisch und straff organisiert ist, wie z.B. die SED es war und die sich auf eine irrationale Ersatzreligion stützt, die wiederum in Mythen, Riten und Traditionen ihren Niederschlag findet, wie man dies z.B. bei Gewerkschaft und ihren Aufmärschen oder religiösen Sekten beobachten kann. Die Gesellschaft im Faschismus ist hierarchisch organisiert, Funktionshierarchien, die auf eine Modernisierung der Gesellschaft gerichtet sind, durchziehen die Gesellschaft.

Kurz: Faschismus ist eine Form der politischen Ordnung für Gentile.

Aber die Sozialwissenschaften wären nicht die Sozialwissenschaften, hätten sie es bei der einen Bestimmung von Faschismus, die Gentile vorgenommen hat, belassen. Tatsächlich gibt es unzählige, wie Ginsburg wissen würde, wenn er sich jemals mit dem Begriff, den er benutzt, um politische Gegner zu diskreditieren, befasst hätte.

Besonders einflussreich und bekannt ist die Definition von Roger Griffith:

„Faschismus ist eine politische Ideologie, deren mythischer Kern in seinen diversen Permutationen die palingenetische Form von populistischem Ultra-Nationalismus ist.“ (Griffith 2014: 17)

Alles klar?

Ultra-Nationalismus bezieht sich auf einen Nationalismus, der Gemeinsamkeit über den Bezug auf eine mythischen Ursprung herzustellen versucht, Blut und Boden, Ariertum, der eine gemeinsame Bestimmung, eine Schicksalsgemeinschaft zementieren will. Diese Bestimmung einer nationalen Gemeinschaft auf Grundlage eines „Schöpfungsmythos“ nennt Griffith „palingenetisch“, sie ist ihm Anzeiger dafür, dass Faschismus eine enge Verwandtschaft zu Religionen hat.

Der so beschriebene Faschismus hat mit dem Kampfbegriff von Ginsburg überhaupt nichts gemein. Er ist deskriptiv am Beispiel von französischem, italienischem und deutschem Faschismus entwickelt und weist wenig über diese drei Faschismen hinaus. Vielleicht hat Ernst Nolte (1963) deshalb dafür votiert, den Faschismus als eine Epoche in der Geschichte der Menschheit zu sehen, eine Epoche, die mit dem Dritten Reiches zuende gegangen ist. Faschismus ist hier ein Begriff, der ein historisches Phänomen beschreibt.

Bislang haben wir die kommunistische Tradition, die Faschismus als Kampfbegriff benutzt, die faschistische Tradition, die ihn als politische Ordnung konzipiert, die historische Tradition ,die Faschismus als Epoche ansieht, die sich durch eine bestimmte Form der Nationenbildung ausgezeichnet hat. Bleibt noch die sozialwissenschaftliche Tradition, als deren Vertreter wir Robert Paxton ausgewählt haben.

„Faschismus kann definiert werden als eine Form politischen Verhaltens, das gekennzeichnet ist durch eine obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit, wobei eine massenbasierte Partei von entschlossenen nationalistischen Aktivisten in unbequemer aber effektiver Zusammenarbeit mit den traditionellen Eliten demokratische Freiheiten aufgibt und mittels einer als erlösend verklärten Gewalt und ohne ethische oder gesetzliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und äußeren Expansion verfolgt“ (Paxton 2006: 319)

Gibt es auf Grundlage dieser Definition einen Faschismus in Deutschland?

Uns fällt nur eine Ideologie ein, die nahe an die Definition von Paxton heranreicht: Der Genderismus, den eine obsessiven Beschäftigung mit Niedergang und Opferrolle auszeichnet, der steuerzahlerfinanzierte Säuberungsriten, wie sie im Professorinnenprogramm zu finden sind, vorzuweisen hat, der sich in die Programme der meisten im Bundestag vertretenen Parteien eingeschlichen hat, Anteil an der Beseitigung bürgerlicher Freiheiten hat, der innere Säuberungen gegenüber weißen Männern anstrengt und international über UN und EU verbreitet wird.

Aber dem Genderismus fehlt die Basis in der Mehrheit der Gesellschaft, was uns zur nächsten Frage bringt: Benötigt Faschismus eine Unterstützung durch die Mehrheit der Gesellschaft?

Aber der Post ist schon zu lange, um auf einen weiteren Streit, der den Begriff des Faschismus begleitet, ausführlich einzugehen. Daher in aller Kürze: Kommunisten und Sozialisten behaupten: Faschismus hat keine Basis in der Mehrheitsgesellschaft und wenn er sie hat, dann liegt das am falschen Bewusstsein, der Deppen, die nicht kommunistisch wählen. Historiker und andere Sozialwissenschaftler sind wohl mehrheitlich der Ansicht, dass Faschismus zumindest zeitweise eine Mehrheit in der Bevölkerung benötigt, diese aber ebenso schnell verspielt, wie er sie gewonnen hat. Was uns zur abschließenden Feststellung bringt, dass Faschismus kein auf Dauer stabiles System darstellt und die Bestimmung von Faschismus als autokratische politische Ordnung als die richtige Definition von Faschismus nahelegt.

  • Dahrendorf, Ralf (1971). Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. München: dtv.
  • Eco, Umberto (1995). Ur-Facism.
  • Gentile, Emilio (2006). Politics as Religion. Princeton: Princeton University Press.
  • Gentile, Emilio (2003). The Struggle for Modernity. Nationalism, Futurism and Fascism. Westport: Praeger.
  • Goffman, Erving (1983). Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Piper.
  • Griffith, Roger (2014). Palingenetischer Ultranationalismus. Die Geburtswehen einer neuen Faschismusdeutung. In: Schlemmer, Thomas & Woller, Hans (Hrsg.). Der Faschismus in Europa. Wege der Forschung. München: deGruyter-Oldenbourg.
  • Nolte, Ernst (1963). Der Faschismus in seiner Epoche. Action Francaise – Italienischer Faschismus – Nationalsozialismus. München: Piper.
  • Paxton, Robert (2006). Anatomie des Faschismus. München: dtv.
  • Wippermann, Wolfgang (1989). Faschismustheorie. Zum Stand der gegenwärtigen Diskussion. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

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