Gesinnungs-Hilfs-Polizisten

Die Helden des Alltags, sie haben sich verändert.

Früher waren Helden des Alltags Menschen, die etwas Produktives, etwas für andere Hilfreiches getan haben. Heute sind diejenigen, die sich für Helden des Alltags halten, die sich auf die Schulter schlagen und dafür auch noch Zuspruch erwarten, Verbalakrobaten, selbstgerechte Krieger für das von Ihnen verkündete Heil, Streiter gegen alle Ismen, gegen die Opposition verspricht, Browniepoints einzubringen und vor allem: nicht mit Unannehmlichkeiten verbunden zu sein.

Während man Helden des Alltags in früherer Zeit oft bewundern konnte, kann man die modernen Helden des Alltags nur verachten:

Da feiert sich einer dafür, dass er ein „Rentnerpärchen“ in der Berliner U-Bahn belauscht hat. Er feiert sich dafür, dass er sie nicht nur belauscht, sondern nach seiner Version auch zurechtgewiesen hat, weil ihm das, was er erlauscht hat, nicht gefallen hat. Diese Erweiterung zur DDR-Tradition der Blockwarte lässt ungute Erinnerungen an ein Gesetz aufkommen, das im März 1933 durch Verordnung des Reichspräsidenten vorbereitet und im Dezember 1934 unter der Bezeichnung „Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei …“ verabschiedet wurde:

„(1) Wer öffentlich gehässige, hetzerische oder von niedriger Gesinnung zeugende Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates oder der NSDAP, über ihre Anordnungen oder die von ihnen geschaffenen Einrichtungen macht, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben, wird mit Gefängnis bestraft. (2) Den öffentlichen Äußerungen stehen nichtöffentliche böswillige Äußerungen gleich, wenn der Täter damit rechnet oder damit rechnen muß, daß die Äußerung in die Öffentlichkeit dringen werde.“

Es hat viele wissenschaftliche Autoren fasziniert, wie einfach es im Dritten Reich gewesen ist, Bürger gegen Bürger in Stellung zu bringen. Den einen als Überwacher, den anderen als Überwachten. Den einen als Volksgenosse, den anderen als Volksschädling, den einen als Denunziant, den anderen als Denunzierten. Sie alle haben nicht wirklich eine Antwort auf die Frage gefunden, warum es manchen Deutschen so großen Spaß zu machen scheint, sich bei dem, was sie für die Obrigkeit halten, anzudienen.

Und gut 85 Jahre später stehen wir vor derselben Frage.

Vielleicht finden wir dieses Mal eine Antwort. Was bringt einen Menschen dazu, andere Menschen in der U-Bahn nicht nur zu belauschen, sondern sie darüber hinaus wegen einer Gesinnungsstraftat anzupöbeln, einer, von der er offenkundig denkt, dass sie von „niedriger Gesinnung“ zeuge und dazu geeignet sei, das „Vertrauen des Volkes zur politisch“-korrekten Gesinnung zu unterminieren?

Es ist wohl eine sozialpsychologische Erklärung, die man in Ansatz bringen muss, eine, die bei den Robbers Cave Experimenten von Muzafer Sherif ansetzt. Sherif konnte zeigen, dass es sehr einfach ist, eine Gruppe kleiner Jungen, die aufgrund ihres Alters noch nicht in der Lage waren, eine personale Identität auszubilden, mit einer sozialen Identität, einer Zugehörigkeit zu einer Gruppe auszustatten, der Gruppe der Rattlers oder der Eagles. Ist die Gruppe erst einmal konstituiert, kann man denjenigen, deren Persönlichkeit über die Gruppe determiniert wird, schnell einen gemeinsamen Sinn und einen gemeinsamen Feind geben und dafür sorgen, dass sie den Gruppensinn in einem Symbol ausdrücken, einer Fahne, einem Fetisch, was auch immer, den sie gegenüber Fremdgruppen verteidigen. Im nächsten Schritt werden Übergriffe auf die Fremdgruppe zu Akten, die Status in der Eigengruppe verschaffen und fertig ist der Antagonismus der Jungengruppen, der bei Sherif so heftig wurde, dass er vorzeitig und schlichtend in sein Experiment eingreifen musste.

Offenkundig sind manche heute nicht über das Stadium hinausgelangt, in dem sich die Jungen bei Sherif, die alle um die 12 Jahre alt waren, befunden haben.

Das Belauschen anderer mit dem Zweck, sie bei Gesinnungsverbrechen zu ertappen und dann zurechtzuweisen, soll sozialen Status verschaffen. Damit der soziale Status auch erreicht wird, muss die Aktion über soziale Medien verbreitet werden, in der Hoffnung, dass sie aufgenommen und gefeiert wird.

Zwangsläufig ist derjenige, der mit solchen Aktionen sozialen Status erzielen will, niemand, der es bislang geschafft hat, eine personale Identität zu entwickeln. Er ist vollständig vom Zuspruch seiner Eigengruppe abhängig, und dieser Zuspruch wird ihm auch zuteil, denn er hat sich als folgsamer kleiner Junge erwiesen, der brav tut, was die Gruppe von ihm erwartet, was ihm erst seine soziale Identität gibt.

Das ist natürlich kein Verhalten, das ein erwachsener Mensch zeigt, es ist ein retardiertes Verhalten, das jemand zeigen muss, der im sozialen Leben keinen Fuß auf den Boden bringt, wenn er sich nicht als freiwilliges Mitglied der Gesinnungspolizei andient. Dass er sich dabei leichte Opfer sucht und sich nicht etwa mit Muslimen oder mit Rechtsextremen oder mit Linksextremen anlegt, zeigt die Verzweiflung, mit der die soziale Identität gebaut werden muss.

Wir haben die Hypothese, dass der Erfolg faschistischer Organisationen darauf zurückzuführen ist, dass sie denen Heimat geben, die es nicht schaffen, sich eigenständig im Leben zu verorten, die auf vorgegebene kollektive Inhalte und Angebote zurückgreifen müssen, um ein Bild von sich selbst zu entwickeln. Dass dieses Bild von sich selbst dann notwendig kein eigenständiges, sondern ein geliehenes Gruppenbild ist, macht sie einfach zu steuern und für Faschisten aller Art so hilfreich.

Politikwissenschaftlich betrachtet sind Personen, die ihre Aufgabe darin sehen, als Hilfs-Gesinnungspolizist durch die Städte zu ziehen, um andere bei einem Gesinnungsverbrechen zu ertappen, eine Katastrophe. Demokratische politische Systeme leben nicht nur von der Pluralität und der Vielfalt der Meinungen, sie leben vor allem davon, dass diejenigen, die sich in politischen Positionen finden, kontrolliert werden. Politische Systeme, in denen die Bürger sich gegenseitig, nicht aber die Inhaber politischer Positionen kontrollieren, sind der optimale Nährboden für politische Korruption und Totalitarismus. Daher haben politische Akteure ein Interesse daran, Bürger gegeneinander in Stellung zu bringen, und natürlich haben sie ein Interesse daran, Organisationen zu finanzieren, zu unterhalten, die Bürger bestärken, deren Lebenssinn darin besteht, andere zu überwachen.

Was die Frage aufwirft, wer eigentlich die Neuen Deutschen Medienmacher finanziert.


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