Professionelles Schüren von Angst: Karl Lauterbach, der MDR und Long COVID

Was sich derzeit in Medien abspielt, das hat mit Berichterstattung nur am Rande zu tun.
Die Art und Weise, in der in Medien Angst geschürt wird, mit der ein Ball ins Feld geworfen wird, den Leute wie Karl Lauterbach dann aufnehmen, die hat nichts mehr mit lauterem Journalismus zu tun. Womit es etwas zu tun hat, das ist eine Frage, die wir an dieser Stelle einmal an unsere Leser weitergeben.

Karl Lauterbach tweetet:

Mindestens 10% derjenigen, die an COVID-19 erkranken, so behauptet Lauterbach, würden “Long COVID” entwickeln. Selbst bei Kindern bilde sich Long-COVID aus, wie Lauterbach mit Bezug auf “Reha Spezialisten” behauptet. Zu diesen Behauptungen verlinkt er einen Beitrag des MDR, so dass man annehmen muss, was Lauterbach behauptet, werde im Beitrag des MDR irgendwie belegt. Tatsächlich kommen Kinder in dem gesamten Beitrag des MDR nicht vor. Lauterbach hat sie vermutlich aus dramaturgischen Gründen angefügt. Als Träger von Mitleid sind Kinder immer geeignet, um die eigene Sache zu befördern, wenngleich das natürlich schäbig ist …

Wie auch immer, im Beitrag des MDR geht es auch nicht um 11.300 Thüringer, die an Long COVID leiden, denn die Zahl ist eine Hochrechnung, die Andreas Kehrer vom MDR Thüringen auf Basis einer Studie durchgeführt hat, auf deren ältere Version er löblicherweise verlinkt. Ältere Version ist hier von Wichtigkeit, denn die neuere und die ältere Version des Beitrags unterscheiden sich erheblich und signifikant:

Die Autoren haben doch glatt bei der älteren Version ihres Beitrags (links), auf die Kehrer verlinkt, vergessen, ihre Anbindungen und Mentoren, ihre Finaciers und sonstigen Abhängigkeiten offenzulegen. Sagen wir es einmal so: Diejenigen, die die Studie finanziert haben, haben ein nicht unerhebliches Eigeninteresse an der Entdeckung von “Long COVID”. Damit ist kein abschließendes Urteil über die Qualität der Studie gesprochen. Das behalten wir uns für einen späteren Zeitpunkt vor. Aber es ist offenkundig, dass die Autoren in ihrer ersten Version dachten, sie müssten ihre Anbindung und ihre Finanzgeber verschweigen.



Das an sich spricht Bände. Die Studien zu Long COVID, die wir kennen, eine davon haben wir auch bereits besprochen, gehören in ihrer Mehrzahl in den Bereich der Junk Science, Studien, deren Autoren entweder versuchen, mit miserabler Arbeit auf einem Trittbrett mitzufahren oder Studien, deren Autoren ein ganz anderes Interesse an der Feststellung von Long COVID haben.

In der verlinkten Studie kommen die Autoren zu dem Schluss, dass 13,3% der von ihnen untersuchten, nach 8 Wochen noch von Symptomen berichten, die mit COVID-19 assoziert sein können. Aus der Tatsache, dass nach 12 Wochen die Zahl derer, die von vermeintlichen Spätfolgen berichten, auf 2,3% (N = 95) gesunken ist (die seche Monate, von denen Lauterbach faselt, kommen nirgendwo vor), glaubt Kehrer schließen zu können, dass die 2,3% noch auf die 13,3% aufgeschlagen werden müssen. Aus dem Gebräu aus Mutmaßung und schlichter Unkenntnis, resultiert dann der folgende Schmarrn bei Kehrer vom MDR:

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“Legen wir den tatsächlich erkrankten Thüringern nun die Ergebnisse einer internationalen Long Covid-Studie zugrunde, wonach 13,3 Prozent aller Covid-19-Patienten länger als vier Wochen unter Symptomen leiden, so erhalten wir eine vorsichtige Schätzung von 7.300 bis 11.300 Thüringer, die langfristige Beeinträchtigungen nach einer Corona-Infektion erlitten. Der Studie zufolge leiden ferner 2,3 Prozent – also zwischen 1.200 und 2.000 Thüringer – sogar länger als zwölf Wochen unter den Folgen einer Corona-Infektion. Die Studie, auf die auch das Robert Koch Institut beim Thema Langzeitfolgen verweist, deckt sich auch mit den Beobachtungen der Fachmediziner in Thüringen, wonach zehn bis 20 Prozent aller Covid-19-Patienten Langzeitfolgen davontragen.”

Wenn man dem Mann noch ein paar Studien zur Hand geben würde, dann käme er vermutlich auf 100% ehemals an COVID-19 Erkrankter, die auch weiterhin erkrankt sein wollen oder sollen oder sind. Dass die Anzahl der Long COVID Erkrankten mit der Zeit offenkundig abnimmt, diese Idee ist Kehrer nicht gekommen, und so kann er sich, ganz ohne Zweifel, selbst davon überzeugen, dass die Schätzung von 10% bis 20% ehemaligen COVID-19 Erkrankten, die nun zu Long COVID Erkrankten geworden sind, zutrifft. Und diese absurde, wenn nicht idiotische Schätzung, die nimmt wiederum Karl Lauterbach auf und macht daraus, die “mindestens 10%”, die an Long COVID erkrankt sein sollen.

Und weil das alles noch nicht reicht und Kehrer auch von aktuellen Daten nicht zu belehren ist, schreibt er zum Ende seines Beitrags:

“Zusammen mit den Rehakliniken ergibt sich in Thüringen also eine Zahl von etwa 1.200 Behandlungen für ehemalige Covid-19-Patienten und damit eine große Diskrepanz zu der geschätzten Anzahl von Patienten mit Langzeitfolgen.”

Wie bewertet man Leute, die eher an die Korrektheit einer Schätzung, die sie gerade auf Grundlage von eher bedenklichen Studien gemacht haben, glauben, als dass sie die Realität für korrekt halten würden?

Wie dem auch sei, wenn nicht 11.300 Thüringer, sondern “nur 1.200” Thüringer an Long COVID erkrankt sein sollen, dann reduziert sich ihr Anteil von 10% auf rund 1% und dieses eine Prozent, das ist dann zwar nicht panikfähig und damit für Leute wie Karl Lauterbach vollkommen nutzlos, aber es ist eher im Einklang mit dem, was Wissenschaftler, die sich nicht nur nebenbei mit “Erkrankungen” wie Long COVID befassen, an Einschätzung treffen.

Michael Sharpe ist Professor for Psychological Medicine und hat Ende Februar für swiss.re die Befundlage für Long COVID zusammengefasst. Er hat dies in einer hervorragenden Weise getan, einer Weise, die geeignet ist, den Panikeuren den Wind aus den Segeln zu nehmen, und sie in die Flaute zu schicken, in der sie hoffenlicht für die nächsten Jahre verharren.

Zunächst zur Frage, was mit Long COVID eigentlich beschrieben wird. Die Antwort findet sich auf der folgenden Abbildung, die aus der Präsentation von Michael Sharpe stammt:

Quelle: Michael Sharpe
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Die meisten Symptome, die sich unter dem Dach von Long COVID einfinden, sind Symptome, die man auch aufgrund anderer Krankheiten entwickeln kann oder die man sich mehr oder minder einbilden kann, zu haben. Ob sich die Symptome, die von überwiegend Frauen, denn wie bei psychischen Krankheiten die Regel, berichten Frauen häufiger von entsprechender Erkrankung an Long COVID, angegeben werden, objektivieren lassen, das ist eine ganz andere Frage. Deshalb stellt Sharpe in seinem Vortrag fest, dass “Long COVID” offenkundig eine Erkrankung sei, die sich in zahlreichen Beschwerden äußere und dass: “multi-symptom illness does not necessarily mean multi-system pathology”, dass sich die Beschwerden somit nicht unbedingt in organischem Leiden niederschlagen oder nachweisen lassen.

Wie jeder gute Wissenschaftler dies tun sollte, so unterteilt Sharpe zunächst das Phänomen, und zwar von den möglichen Ursachen her, demnach kann die Ursache von “Long COVID”

  • eine biologische sein: erlittene Lungenschäden können dauerhaft sein, Angewohnheiten, wie erratische Atmung, die im Verlauf der Erkrankung antrainiert wurden, können fortbestehen usw. – biologische Ursachen beschreiben den Fall, in dem eine Beschwerde einem auffindbaren organischen Schaden zugeordnet werden kann.
  • eine psychologische sein: Fixierung auf den eigenen Körper, an dem dann alarmierende Dinge festgestellt werden, Angst vor Langzeitfolgen von COVID-19, können die Ursache dafür sein, dass ein ehemals an COVID-19 Erkrankter weiterhin Symptome berichtet;
  • eine soziale sein: Panik, wie sie von Medien verbreitet wird, wie sie von Politdarstellern geschürt wird, Organisationen, die sich eigens gegründet haben, um den Opfern von Long COVID zu helfen, und die nun ein vitales Interesse daran haben, dass es Long COVID auch in substantiellem Ausmaß gibt, sie sind die Ursache dafür, dass vorhandene Allerweltsleiden von denen, die einst an COVID-19 erkrankt waren, als Long COVID geframt werden. Konsequenterweise zählt Sharpe auch Ärzte zu den sozialen Faktoren, Ärzte, die dafür werben, die Leiden von Patienten als Long COVID anzuerkennen, und die damit diesen (alten und bekannten) Leiden einen neuen Möglichkeitsraum eröffnen, eine Realität verleihen.

Und natürlich ergänzen sich soziale und psychologische Ursachen.

Das zu wissen, ist kein Hexenwerk. Die Literatur ist voller Beispiele dafür, was sich Menschen, wenn sie sich nur lange genug mit sich selbst befassen oder von fachkundiger oder interessierter Seite dabei betreut werden, alles einbilden und zur Gewissheit erklären können. Michael Shermer füllt in seinem Buch “Why People Believe Weird Things” ein ganzes Kapitel mit den “Epidemics of Accusation”, den Epidemien der Anschuldigung an, mit alten und modernen Hexenjagden, mit Hexenjagden, die ohne die Mithilfe von Psychiatern, die ihre Patienten von der Richtigkeit ihrer Einbildung, die oft über Jahrzehnte zurückgereicht hat, überzeugt haben, nicht möglich gewesen wären. Wenn es etwas gibt, was bei Menschen unbegrenzt ist, dann ist das ihre Fähigkeit, den größten Blödsinn zu erfinden, sich einzubilden, sie seien Opfer ihrer eigenen Erfindung und die Verantwortung dafür dann bei anderen abzuladen. Dass Leute wie Lauterbach, Medien wie der MDR und viele andere dabei mitwirken, Panik und Angst auf dem zur Durchsetzung von Kontrollmaßnahmen notwendigen Level zu halten, macht die ganze Angelegenheit zu einer ziemlich sinistren.

Quelle: Michael Sharpe
Quelle: Michael Sharpe

All diese Faktoren, all diejenigen, die sich die Tatsache zunutze machen, dass es zu Long COVID so gut wie keine Forschung gibt, die man guten Gewissens als solche bezeichnen kann, sie tragen dazu bei, dass Long COVID zu einem Problem aufgeblasen wird, das es vermutlich nicht ist. Im Ergebnis, so schätzt Sharpe, wird der Anteil derjenigen, die nach einer Erkrankung an COVID-19 Long COVID entwickeln, sich wohl bei 1% einpendeln. Damit wären wir genau bei dem Anteil, der mit den Zahlen aus Thüringen übereinstimmt, die Kehrer nicht mag, weil sie seiner schönen Rechnung so heftig widersprechen. 1% der COVID-19 Erkrankten, die Long COVID entwickeln oder meinen, das ist keine Zahl, mit der man Panik verbreiten kann, nicht einmal Karl Lauterbach kann das. Deshalb werden Sie von diesem Anteil nichts lesen. Deshalb ist Kehrer vom MDR bereit, seine Schätzung für korrekter zu halten als die tatsächlichen Zahlen und zu suggerieren, dass diejenigen, die es tatsächlich nicht in Behandlungsräumen gibt, zwar nicht in Behandlungsräumen, aber dennoch krank sind.

Welch’ seltsame Krankheit Long COVID doch ist. Einerseits ist sie furchtbar und schrecklich, andererzeit lässt sie den Leidenden die Wahl, ärztliche Hilfe nachzufragen oder nicht. Es gibt wirklich nichts, was Ideologen und Interessenvertreter von ihrer vorgefassten Meinung abbringen kann. Deshalb sind sie so gefährlich, so destruktiv für Gesellschaften.



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