SARS-Variante aus Indien: Impfstoffe wirksamer Schutz vor Erkrankung? Von MS-Medien gefeierte Studie kann das nicht zeigen

Wenn es darum geht, über Studien zu berichten, die die Effektivität von Impfstoffen analysieren, dann muss die ARD-tagesschau und dann müssen andere deutsche MS-Medien regelmäßig auf Studien und Ergebnisse zurückgreifen, die im Vereinigten Königreich durchgeführt und veröffentlicht wurden. Das hat einen einfachen Grund: Für viele Studien ist es notwendig, auf umfassende SARS-CoV-2 Sequenzen zurückgreifen zu können. Diese Daten gibt es in Deutschland nicht in ausreichender Menge. Denn eine relevante Sequenzierung von SARS-Genomen findet in Deutschland nicht statt.

Also berichtet die ARD-tagesschau heute unter der Überschrift: “Zwei Vakzine wirksam bei Mutationen“, dass der britische Gesundheitsminister “Matt Hancock” von “bahnbrechenden” Ergebnissen einer Studie gesprochen habe, die die Effektivität von Comirnaty und Vaxzevria getestet haben soll und zwar gegen das, was in Deutschland als britische Variante (b.1.1.7) und als indische Variante (b.1.617.2) bekannt ist.

Die ARD berichtet, dass beide Impfstoffe

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  1. einen recht hohen Schutz gegen eine Erkrankung an b.1.617.2 gewährten;
  2. beinahe so effektiv gegen eine durch diese Varianten ausgelöste Corona Erkrankung seien wie gegen eine durch die britische Variante hervorgerufene;
  3. nach zweiter Dosis zwischen 66 Prozent und 88 Prozent Effektivität erreichen würden;

Für die Studie, so heißt es weiter, seien 12.675 Virus-Proben verwendet worden, von denen 1.054 zur indischen Variante gehörten.

Wie gewöhnlich, so verlässt man sich bei der ARD-tagesschau ausschließlich auf das, was von Nachrichtenagenturen gemeldet wird, reicht es an die Konsumenten durch, ohne es zu prüfen. Dass es nicht geprüft wird, das hat eine offenkundige Ursache: Dazu ist bei der ARD-tagesschau niemand in der Lage, denn trotz üppiger Gehälter, die auf Basis von abgepressten Gebühren bezahlt werden, findet sich in der ganzen weiten Welt der ARD niemand, der in der Lage ist, eine Studie auf Herz und Nieren zu prüfen, bevor man seinen Konsumenten die heilbringenden Ergebnisse verkündet.

Aber es gibt ja ScienceFiles.
Wir sind gebührenfrei und in der Lage, wissenschaftliche Studien zu lesen und zu analysieren. Das haben wir auch im vorliegenden Fall getan. Die Studie, deren Titel, wir halten jede Wette, bei der ARD niemand kennt und die niemand dort gelesen hat, trägt den Titel “Effectiveness of COVID-19 vaccines against the B.1.617.2 variant“. Sie wurde von Angestellten von Public Health England erstellt. In die Reihe der vielen Autoren hat sich auch ein Wissenschaftler der Universität Oxford verirrt. Der Qualität der Studie war dies nicht förderlich.

Beginnen wir also damit, die Studie und das, was die ARD-tagesschau in ihrer vom Hörensagen-Berichterstattung daraus macht, zu analysieren.

Zunächst etwas, das für das Verständnis sehr wichtig ist, die Datengrundlage:

  • 12.675 Sequenzen von Personen, die mindestens ein Symptom von COVID-19, Husten, Halsschmerzen, Kopfschmerzen, Geschmacksverlust, Fieber usw. hatten und positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, bilden die Grundgesamtheit dieser Studie;
  • 11.621 Sequenzen sind der Varinate b.1.1.7 zuordenbar, 1.054 der Variante b.1.617.2 (Indien);
  • Nach Ausschluss einer Reihe von Fällen bleiben für die eigentliche Analyse 11.792 Fälle übrig, davon
    • 1.791 die mit Vaxzevria (AstraZeneca) geimpft wurden und dennoch positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden;
    • 720, die mit Comirnaty (Pfizer) geimpft wurden und dennoch positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden;
    • 8.268 positiv auf b.1.1.7 Getestete, die nicht geimpft wurden;
    • 691 positiv auf b.1.617.2 Getestete, die nicht geimpft wurden;
    • 24% der Geimpften im Sample werden also trotz Impfung positiv getestet und zeigen eines der oben genannten Symptome. Diese 24% sind letztlich das Ergebnis, das am Ende einer, wie man in der Pfalz sagt: überzwärchen Analyse steht, von der man sich fragt, warum so viel Aufwand betrieben wird, um ein Ergebnis zu erreichen, das schon von Anfang an da war, denn die Einbuße an Effektivität beträgt  nach alldem Analyse Tamtam das nachfolgt rund 20%

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  • Der Zeitraum, in dem die Sequenzen gesammelt wurden, beginnt am 20. Oktober 2020 und endet am 16. Mai 2021.
  • Die Analysen, die für b.1.617.2 durchgeführt wurden, umfassen den Zeitraum vom 5. April 2021 bis zum 16. Mai 2021, basieren also auf einem deutlich kürzeren Zeitraum. Das ist insofern misslich als dadurch Äpfel mit Birnen verglichen werden, denn Sequenzen als Basis der Analyse hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, in der Gruppe der nicht Geimpften zu landen (wegen des längeren Zeitraums) als in der Gruppe der Geimpften.
  • Die Analysen können keinerlei Hinweis darauf liefern, ob die Wahrscheinlichkeit, nach Impfung schwer an COVID-19 zu erkranken, hospitalisiert zu werden oder gar zu sterben, geringer ist als die entsprechende Wahrscheinlichkeit Ungeimpfter. Da in der ARD behauptet wird, dass durch die Impfung mit Comirnaty oder Vaxzevria ein “recht hoher Schutz vor Erkrankung” gewährleistet sei, verbreitet die ARD einmal mehr Fake News, denn ein normaler Leser versteht diese Formulierung so, dass ein hoher Schutz vor JEDER Erkrankung, leicht, schwer, tödlich verlaufend gewährt wird. Das ist schlicht und ergreifend nicht so, denn das können die Autoren als Ergebnis gar nicht bereitstellen, oder in ihren Worten:

    “Numbers of cases and follow-up periods are currently insufficient to estimate effectiveness against severe disease, including hopsitalisation and mortality…” Der bahnbrechende Durchbruch, von dem Matt Hancock geschwärmt hat, scheint eher dem Loch zu entsprechen, das ein Nagel in einer Wand hinterlässt.

  • Die Frage, ob diese Studie überhaupt etwas gemessen hat, ist zudem eine offene Frage, denn gerade die Daten, die sich auf die b.1.617.2 Sequenzen beziehen sind verzerrt und erlauben von daher auch nach Standardisierung keinerlei Generalisierung. b.1.617.2 findet sich vor allem bei Briten indischer Abstammung (26.2% – bei b.1.1.7 beträgt der Anteil: 3,3%), die Variante findet sich vornehmlich bei Männern (55% im Gegensatz zu 48,4% bei b.1.1.7), die Variante findet sich häufiger bei Personen, die von einer Reise zurückkommen als andere Varianten und sie findet sich lokal begrenzt (42,0% im Nordwesten Englands, 20% in London), so dass man – wenn man an Wissenschaft interessiert ist, konstatieren muss, dass hier ein lokal begrenztes Phänomen beschrieben und mit einem englandweiten (b.1.1.7) verglichen wird .

Das vielleicht größte Problem der Analyse verbindet sich mit der folgenden Tabelle. Dargestellt sind die Ergebnisse von Logistischen Regressionsrechnungen, wie so oft, fehlt jede Angabe eines Gütemaßes, was alleine schon dazu ausreicht, diesen Tand in den Mülleimer zu werfen. Dieses Mal kommt jedoch noch ein Ergebnis hinzt, das uns stutzig gemacht hat:

Wir empfehlen zunächst den roten Text den ARD-Faktenfindern, die wir als reine peer review Fetischisten kennengelernt haben. Vielleicht findet Patrick Gensing ja die Zeit, um die ARD Verwendung von Studien, die nicht peer reviewed sind, anzuprangern. Für uns andere, die zu einem eigenständigen Urteil im Stande sind, ist die letzte Spalte von besonderem Interessen, denn sie zeigt, dass Personen, die eine zweite Dosis von einem der beiden Impfstoffe erhalten haben, eine um 60% höhere Wahrscheinlichkeit haben, positiv auf b.1.617.2 getestet zu werden als Personen, die nicht geimpft sind. Das ist odd, um es einmal englisch auszudrücken. Man hätte gedacht, dass die entsprechende Wahrscheinlichkeit bei Personen, deren Impfstoff angeblich zu rund 80% effektiv gegen b.1.617.2 ist, geringer ausfällt als bei Ungeimpften. Was ist der Witz am Impfen, wenn die Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Variante anzuziehen, dadurch erhöht wird?

Die Autoren sind offenkundig auch über dieses Ergebnis gestolpert und haben versucht, es in einer Weise zu beschreiben, die niemand versteht:

“Table 3 shows the adjusted odds ratios for detection of B.1.617.2 relative to B.1.1.7 in vaccinated compared to unvaccinated individuals odds of cases having B.1.617.2 detected in vaccinated individuals was higher than in unvaccinated individuals for dose 1 of any vaccine (OR 1.38; 95% CI 1.10-1.72) and dose 2 of any vaccine (OR 1.60; 0.87-2.97).

Interessant ist auch, wie es weitergeht:

“Given that vaccine effectiveness against symptomatic disease with B.1.1.7 is estimated at approximately 60% after dose 1 and 85% after dose 2 these results would indicate effectiveness of 45% and 76% respectively for B.1.617.2. By vaccine type the reduction in vaccine effectiveness appeared to be greater with ChAdOx1 (OR 1.48; 95%CI 1.18-1.87) than BNT162b2 (OR 1.17; 95%CI 0.82-1.67) though confidence intervals overlapped.”

Wie kommen die Autoren auf die beiden Effektivitäten von 45% und 76%? Eine sehr gute Frage. Wenn Sie eine Antwort darauf haben, bitte im Kommentarbereich. Die Frage ist umso interessanter, als dieselben Autoren die hier von 45% und 76% Effektivität schreiben, eine Seite weiter schreiben:

“Using a TNCC analysis, estimated vaccine effectiveness against symptomatic disease with B.1.617.2 for a single dose of either vaccine is approximately 33%, for two doses of BNT162b2 is approximately 88% and for two doses of ChAdOx1 is approximately 60%.”

Das Problem ist schnell erklärt, beide Ergebnisse sind Ergebnisse von Schätzungen, die mit logistischen Regressionen vorgenommen werden und logistische Regressionen haben die Angewohnheit, sehr empfindlich auf kleinste Veränderungen in der Fallzahl bzw. der Variablenzahl zu reagieren. Deshalb sind die Gütemaße, die hier aus welchem Grund auch immer verheimlicht werden oder gegen jede wissenschaftliche Konvention nicht ausgewiesen werden, so wichtig, um sich ein Bild von der Qualität der unterschiedlichen Ergebnisse machen zu können. Im vorliegenden Fall stehen die Ergebnisse aus Tabelle 3, in der die Effektivität gegen b.1.617.2 im Vergleich von Effektivitäten für b.1.1.7 und b.1.617.2 geschätzt wird, in irgendeinem Verhältnis zu Ergebnissen aus Tabelle zwei, in der Effektivitäten für Geimpfte im Vergleich zu Ungeimpften geschätzt wurden.

In der letzten Spalte finden sich die Effektivitäten gegen b.1.617.2. Sie sind generell geringer als die gegen b.1.1.7 (Spalte 6), und sie basieren auf einer so geringen Anzahl von Fällen, dass man sich den Kuddelmuddel, der als Ergebnis einer logistischen Regression berechnet wird, ziemlich gut vorstellen kann. Eine logistische Regression berechnet letztlich die Wahrscheinlichkeit dafür, dass einer von zwei Zuständen durch eine Reihe von unabhängigen Variablen hervorgerufen wird. Ein schönes Feature, das in SPSS mit logistischen Regressionen geliefert wird, das aus naheliegenden Gründe von sehr wenigen Nutzern angewendet wird, nimmt die Ergebnisse der logistischen Regression (die Exp(B)-Werte) zum Ausgangspunkt, um für jeden Ausgangsfall zu berechnen, ob er richtig vorhergesagt wurde. Als Ergebnis ergibt sich ein Prozentwert richtiger Vorhersagen aktueller Fälle auf Grundlage der Ergebnisse der logistischen Regression. Wir würden wetten, dass der entsprechende Prozentwert in der vorliegenden Analyse von PHB sehr gering ist.

Die Analysen dieser Studie als “bahnbrechend” zu bezeichnen, das kann auch nur jemand, der von Statistik keine Ahnung hat. Was am Ende dieser Analyse steht ist, dass beide Impfstoffe einen deutlich geringeren Schutz vor b.1.617.2 bieten als vor b.1.1.7 und dass es keinerlei Information dafür gibt, ob beide Impfstoffe vor einem schweren Verlauf einer COVID-19 Erkrankung, die von b.1.617.2 ausgelöst wurde, schützen.

Soweit haben wir das Boot sturmreif geschossen.
Versenken wir es.

Wie Tabelle 1 ausweist, stammen die Sequenzen in 93,7% (b.1.1.7) bzw. 93,1% (b.1.617.2) der Fälle von Personen unter 60 Jahren. Personen in dieser Altersklasse haben ein geringes, ein sehr geringes Risiko, überhaupt nennenswert an COVID-19 zu erkranken. Die Analyse ist eine elaborierte Luftnummer, eine bahnbrechende Luftnummer.

Beenden wir diesen Post mit einem kleinen Gedankenexperiment.
Wenn man Leute, aus welchen Gründen auch immer, impfen lassen will, dann ist es hilfreich, zu diesem Zweck ein Pathogen zu finden oder zu schaffen, das die Kapazität hat, große Teile der Bevölkerung zu infizieren und einige davon schwer erkranken zu lassen.
Wenn man die Kapazität des Pathogens etwas übertreibt, wie dies die britische Regierung getan zu haben zugibt und die deutsche Regierung steht ihr mit Sicherheit in nichts nach, eher im Gegenteil, dann kann man dadurch eine Hysterie eine Massenangst vor Erkrankung durch ein eher harmloses Pathogen herstellen, eine Massenangst, die man wiederum durch einen Impfstoff besänftigen kann, mit dem die große Rettung vor dem erschreckenden Pathogen verspricht.
Wenn die Impflust in der Bevölkerung nach all diesem Aufwand dennoch nicht das Soll erreicht, dann kann man noch “schrecklichere” Varianten des “fürchterlichen” Pathogens ins Spiel bringen, und für diese Varianten behaupten, dass sie von den Impfstoffen abgedeckt werden, immer in der Hoffnung, die Impfbereitschaft dadurch zu steigern.

Das bringt uns zurück zur ARD-tagesschau, deren Behauptungen hier Ausgangspunkt waren.
Die Impfstoffe Vaxzevria und Comirnaty

      1. würden einen recht hohen Schutz gegen eine Erkrankung an b.1.617.2 gewähren;
      2. wären beinahe so effektiv gegen eine durch diese Varianten ausgelöste Corona Erkrankung wie gegen eine durch die britische Variante hervorgerufene;
      3. hätten nach zweiter Dosis zwischen 66 Prozent und 88 Prozent Effektivität;

Vor dem Hintergrund unserer Analyse muss man diese Behauptungen als 

      1. Fake News einordnen, denn gemessen wurde das Auftreten von Symptomen, nicht von Erkrankung;
      2. abermals als Fake News einordnen, denn das Kriterium zur Auswahl der Sequenzen war ein positiver Test und das Vorhandensein von mindestens einem Symptom, entsprechend ist die Frage, ob ein Schutz vor (schwerer) Erkrankung besteht, nicht Gegenstand der Analyse;
      3. als ein Ergebnis bewerten, dessen Stellenwert aufgrund erheblicher methodischer Mängel nicht klar ist.

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