Es hat sich inzwischen herumgesprochen: Konsens ist in der Wissenschaft und für die Wissenschaft bestenfalls irrelevant, schlimmstenfalls schädlich.
“There is no such thing as consensus science. If it’s consensus, it isn’t science. If it’s science, it isn’t consensus. Period”,
d.h.
„So etwas wie eine Konsenswissenschaft gibt es nicht. Wenn es einen Konsens gibt, ist es keine Wissenschaft. Wenn es Wissenschaft ist, ist es kein Konsens. Punkt“.
Julian Reiss, Professor für Philosophie an der Universität Linz und Leiter des Instituts für Philosophie und wissenschaftliche Methode, hat seinerseits darauf hingewiesen, dass der Blick derjenigen, die meinen, es bestehe in einer Frage wissenschaftlicher Konsens, gewöhnlich nicht weit genug reicht – nicht weit genug in die Vergangenheit oder nicht weit genug über das eigene Echozimmer hinaus –, und ein Ergebnis von Konformismus ist (Reiss 2019: 190-191).
Die Rede vom „wissenschaftlichen Konsens“ hat in der Wissenschaft also nichts zu suchen. Dieses Wissen setzt sich in der nicht-wissenschaftlichen Öffentlichkeit immer weiter durch, und man würde meinen, dass man sie in Veröffentlichungen, die den Anspruch erheben, selbst wissenschaftliche zu sein, überhaupt nicht findet, außer in zurückweisender Absicht (wie bei Reiss).
Aber in dieser Annahme sieht man sich getäuscht. Manche Akademiker, die die Idee der Wissenschaft nicht begriffen haben und anscheinend auch nicht begreifen können, und die man treffender als selbst-stilisierte technokratische Propheten und Erlöser-Typen bezeichnen würde, glauben, dass über ihre persönlichen Überzeugungen oder Lieblings-Vorstellungen tatsächlich ein wissenschaftlicher Konsens bestehe, und dass es Aufgabe „der“ Wissenschaft sei oder „der“ Wissenschaft möglich sei, die Welt zu retten, indem sie Menschen bzw. der Öffentlichkeit, die „richtige“ Art zu denken und zu leben, vorgeben. Diese Vorstellung hat sich bei einigen zu einer regelrechten Wahnvorstellung ausgewachsen, so z.B. bei van Stekelenburg et al.:
Die neue Klima-App des WDR, gedacht für Schüler:
Nicht nur, dass der Blick dieser Autoren offensichtlich stark eingeschränkt ist und nur sieht, was ihre Vorstellungen vielleicht unterstützt, so dass sie sich selbst einen wissenschaftlichen Konsens in diesen Fragen vormachen können; sie meinen auch, dass Behauptungen, die nicht mit dem vorgestellten Konsens übereinstimmen, unzutreffend sein müssten, weil der (angebliche) Konsens ja auf wissenschaftlichen Belegen beruhe, wobei diese Belege diejenigen sind, die diese Autoren zur Kenntnis nehmen möchten, während Kritik an diesen Belegen und falsifizierende Befunde von ihnen systematisch ignoriert werden. Und sie meinen darüber hinaus, dass eine Demokratie davon „profitiere“, wenn vermeintlich (richtig) „informierte“ Wähler, eben weil sie „informiert“ sind, alle dasselbe möchten und dieselben wählen, so, als ob es in einer Demokratie darum ginge, dass sich möglichst viele Menschen per Wahlzettel für den einzig richtigen Weg in eine heile Welt und gute Gesellschaft aussprechen, statt darum, den vielfältigen und eben nicht gleichgerichteten Interessen verschiedener Menschen mit verschiedenen Werten und in verschiedenen Lebenslagen Geltung zu verschaffen. Es kann keine Demokratie geben, die von Gleichgerichtetheit (bzw. Gleichschaltung) „profitiert“, denn eine Gleichgerichtetheit aller Interessen kann nur künstlich herbeigeführt bzw. erzwungen sein, was das System, das sich vielleicht gerne als Demokratie bezeichnet, klar als ein totalitäres System ausweist. Diese Autoren haben nicht nur die Idee der Wissenschaft nicht verstanden, ihnen ist offensichtlich auch die Idee der Demokratie schlichtweg unbekannt.
Statt diese deutlichen Mängel bei sich zu bemerken, meinen Autoren, die Öffentlichkeit wäre zu dumm, zu ungebildet, zu unaufgeklärt, um dem Rechnung zu tragen, was sich diese Autoren als wissenschaftlichen Konsens vorstellen. Für sie zerfällt die Welt in „informierte“ Akademiker einerseits (andersmeinende Akademiker bzw. „uninformierte“ Akademiker kommen bei diesen Autoren gewöhnlich nicht vor; sie sind gewohnt, „Anomalien“ einfach zu ignorieren, denn sie stören naturgemäß jeden Konsens) und begriffsstutzige und unwissende Öffentlichkeit, die Verständnisschwierigkeiten hat und „Hilfe“ braucht, andererseits:
“
d.h.
„[u]m der Öffentlichkeit zu helfen, die wissenschaftlichen Fakten rund um diese Themen zu verstehen, können Strategien zur Wissenschaftskommunikation eine wichtige Rolle spielen“ (van Stekelenburg et al. 2022: 1990).
Und als eine solche Strategie betrachten van Stekelenburg et al. die Darstellung bestimmter Überzeugungen oder Vorstellungen – die sie für „wissenschaftliche Fakten“ halten – eben als wissenschaftlicher Konsens:
(Man beachte, dass „Konsens“ hier mit „eine[m] hohen Grad[….] an Übereinstimmung“ gleichgesetzt wird, was durchaus nicht dasselbe ist.)
Statt Menschen sachliche Argumente zu nennen, die dafür sprechen (sollen), bestimmten Überzeugungen Vertrauen zu schenken, wird hier vorgeschlagen, ihnen die (vorgestellte) Existenz eines wissenschaftlichen Konsens mit Bezug auf diese Überzeugungen als eine Art Ersatz für sachliche Argumente, als Pseudo-Argument, anzubieten. Anders ausgedrückt: Die Autoren glauben an die Existenz eines Konsens‘ mit Bezug auf bestimmte Überzeugungen, glauben, dass der vorgestellte Konsens deshalb Konsens sei, weil es gute Argumente für ihn geben müsse – sie selbst sind in den Sozialwissenschaften beheimatet und verstehen nichts oder so gut wie nichts von Klima, Wetter, spezifischen Methoden wie Dendrochronologie oder Eiskernentnahme, oder von den Folgen genetischer Manipulation in einem Organismus etc., weshalb sie Wissenschaftlern in den entsprechenden Fachgebieten Glauben schenken –, und schlagen vor, dass „die Öffentlichkeit“ es genauso machen sollte wie sie (bzw. sich genauso einfältig verhalten sollte wie sie).
“Despite decades of concerted efforts to communicate to the public on important scientific issues pertaining to the environment and public health, gaps between public acceptance and the scientific consensus on these issues remain stubborn” (Slater et al. 2020: o.S.; im dem Text voranstehenden Abstract),
d.h.
„Trotz jahrzehntelanger konzertierter Bemühungen, die Öffentlichkeit über wichtige wissenschaftliche Themen im Zusammenhang mit der Umwelt und der öffentlichen Gesundheit zu informieren, klaffen die Akzeptanz in der Öffentlichkeit und der wissenschaftliche Konsens[!] zu diesen Themen nach wie vor hartnäckig auseinander“ (Slater et al. 2020: o.S.; in dem Text voranstehenden Abstract).
Um „die Öffentlichkeit“ dazu zu bewegen, die Vorgaben aus der Wissenschaft zu akzeptieren, also dem, was ihr gerade als wissenschaftliche Erkenntnis präsentiert wird, einstellungs- und verhaltensmäßige Gefolgschaft zu leisten, sei es sachdienlich, so meinen auch Slater et al., das jeweils an den Mann und die Frau zu Bringende als etwas darzustellen, worüber wissenschaftlicher Konsens herrsche:
Etwas als wissenschaftlichen Konsens darzustellen, wird hier also ganz offen als Beeinflussungsstrategie vorgeschlagen, wobei Journalisten bzw. Medien als Helfershelfer – manche sagen lieber: Multiplikatoren oder „influencer“ – benutzt werden sollen.
Nach Slater et al. hat die Darstellung bestimmter Behauptungen oder Überzeugungen von (bestimmten) Wissenschaftlern als wissenschaftlicher Konsens den Vorteil, dass die Öffentlichkeit nicht damit belastet wird (man könnte auch sagen: nicht die Möglichkeit hat), sich ein Bild von einzelnen Wissenschaftlern, die etwas vorbringen oder vertreten, machen zu müssen (bzw. zu machen). D.h. sie müssen sich nicht fragen, was genau die Qualifikationen eines oder mehrerer Wissenschaftler sind, wie der/die Wissenschaftler zu seiner/ihrer Einschätzung gekommen sind bzw. auf welchen Studien oder Daten sie basiert, welche ggf. außerwissenschaftlichen Interessen oder Verbindungen ein bestimmter Wissenschaftler hat, denen er mit dem, was er vorbringt, vielleicht Rechnung trägt, ob ein bestimmter Wissenschaftler eine integre Person zu sein scheint oder nicht, etc.
“Such complications at the individual level suggest an alternative locus for the prima facie trustworthiness of science: the scientific community (as a somehow united whole)9 — or, to construe things more narrowly: scientific consensus (concerning a particular issue)” (Slater et al. 2022: o.S.),
d.h.
„Solche Komplikationen auf der individuellen Ebene legen es nahe, die prima facie- Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft woanders zu verorten [als beim individuellen Wissenschaftler, der etwas bestimmtes vorbringt]: bei der wissenschaftliche Gemeinschaft (als ein irgendwie vereintes Ganzes) – oder, um die Dinge enger zu fassen: beim wissenschaftlichen Konsens (in Bezug auf ein bestimmtes Thema)“ (Slater et al. 2022: o.S.).
Die Idee ist also, dass dann, wenn man Leute glauben machen kann – die einfältigen sozialwissenschaftlichen Nicht-Experten in Sachen menschengemachter Klimawandel würden natürlich sagen: Leute darüber aufklären kann –, dass über ein bestimmtes Thema ein wissenschaftlicher Konsens herrsche, sie kraft ihres Vertrauens in „die“ oder ihrem Respekt vor „der“ Wissenschaft, akzeptieren, was ihnen gesagt wird.
Dabei wird der Glaube, dass über ein Thema ein wissenschaftlicher Konsens herrsche, als “gateway belief” (van der Linden et al. 2015) angesehen, d.h. als „Zugangs-Glaube“ bzw. als Türöffner, so dass Menschen spezifischen anderen Glauben zugänglich werden, z.B. dem vom menschengemachten Klimawandel, gemäß derer sie sich dann verhalten (sollen):
Das mit Wissenschaft unvereinbare Bestehen auf der Existenz eines wissenschaftlichen Konsens, sei es mit Bezug auf menschengemachten Klimawandel oder mit Bezug auf angeblich sichere und wirksame Spritzmittel, ist also eine Strategie, die letztlich auf Verhaltensmanipulation abzielt, wobei naiverweise angenommen wird, dass bestimmte Überzeugungen entsprechendes Verhalten quasi automatisch nach sich ziehen würde – und dies nach bald einem Jahrhundert sozialpsychologischer Befunde und entsprechender Diskussion über das komplizierte Verhältnis zwischen Einstellung und Verhalten, von denen man erwarten würde, dass Sozialwissenschaftler sie kennen!
Und funktioniert sie? Falls ja, dann mehr recht als schlecht. Van Stekelenburg et al. (2022) haben eine Meta-Analyse vorgenommen, in deren Rahmen sie 33 Studien zum Effekt der Rede vom wissenschaftlichen Konsens, in denen insgesamt 43 Experimente durchgeführt wurden, daraufhin betrachtet haben, welche Ergebnisse sie produziert haben mit Bezug auf
Die Autoren stellen fest, dass über alle 43 Experimente und damit über alle drei genannten Themen hinweg besehen die Rede von einem wissenschaftlichen Konsens einen statistisch signifikanten positiven Effekt auf die Wahrnehmung eines wissenschaftlichen Konsens‘ (bzw. den Glauben daran, dass er existieren würde) hatte und einen zwar statistisch signifikanten, aber sehr geringen Effekt auf den Glauben an die Sache, über die (angeblich) ein wissenschaftlicher Konsens herrschen sollte (van Stekelenburg et al. 2022: 1994; 2003). Gleichzeitig beobachten die Autoren, dass die Studien in ihrer Meta-Analyse sehr unterschiedliche Ergebnisse – technisch gesprochen: große Heterogenität der Effekte – mit Bezug auf die Wahrnehmung eines wissenschaftlichen Konsens‘ bei den Probanden hatten, aber keine statistisch signifikante Heterogenität mit Bezug auf die Ergebnisse hinsichtlich des Glaubens an das, worüber angeblich wissenschaftlicher Konsens besteht (van Stekelenburg et al. 2022: 1994).
Eine getrennte Betrachtung für die drei Themen „(menschengemachter) Klimawandel“, „gentechnisch veränderte Nahrungsmittel“ und „Impfungen“ erbrachte keine anderen Ergebnisse (van Stekelenburg et al. 2022: 1994) abgesehen davon, dass der Effekt der Rede von einem wissenschaftlichen Konsens den Glauben an menschengemachten Klimawandel noch weniger beeinflusste als den Glauben an die Ungefährlichkeit genetisch veränderter Nahrungsmittel. Am geringsten war der Effekt der Rede vom menschengemachten Klimawandel auf den Glauben an die Sicherheit und Effektivität von Impfungen, aber weil sich nur zwei der betrachteten Studien auf Impfungen bezogen, ist dieser Befund mit großen Zweifeln behaftet (van Stekelenburg et al. 2022: 1997).
Ebenso wenig erwiesen sich Moderatorvariablen als statistisch bedeutsam: wie stark die Probanden in einem Experiment auf die „rechte“ oder „linke“ Seite des politischen Spektrums neigten, machte keinen Unterschied in den Ergebnissen, ihre vor dem jeweiligen Experiment bestehende Wahrnehmung von einem (angeblich bestehenden) wissenschaftlichen Konsens‘ machte keinen Unterschied, und ihre vor dem jeweiligen Experiment bestehenden Überzeugungen mit Bezug auf die Existenz eines menschengemachten Klimawandels, auf die Ungefährlichkeit gentechnisch veränderter Nahrungsmittel oder die Sicherheit und Effektivität von Impfungen machten ebenfalls keinen Unterschied (van Stekelenburg et al. 2022: 2002).
Der einzige positive Befund der Autoren ist also derjenige, dass die Rede von einem wissenschaftlichen Konsens (bzw. die „Aufklärung“ darüber) einen positiven Effekt auf die Wahrnehmung desselben auf seiten der Probanden hat. D.h., wenn ihnen erzählt wird, dass es einen wissenschaftlichen Konsens über die Existenz eines menschengemachten Klimawandels, auf die Ungefährlichkeit gentechnisch veränderter Nahrungsmittel oder die Sicherheit und Effektivität von Impfungen gebe, dann sind sie dessen hinterher gewahr, oder anders gesagt: dann können sie hinterher reproduzieren, dass es (anscheinend) einen solchen Konsens gibt. Weil aber nur ein sehr geringer Effekt der Rede vom wissenschaftlichen Konsens auf den Glauben an die Existenz eines menschengemachten Klimawandels, auf die Ungefährlichkeit gentechnisch veränderter Nahrungsmittel oder die Sicherheit und Effektivität von Impfungen beobachtet wurde, ist es irrelevant, ob Probanden nach Mitteilung, es gebe einen wissenschaftlichen Konsens, diese Mitteilung als solche reproduzieren können oder nicht. Der Glaube an die in Frage stehenden Inhalte bleibt hiervon fast gänzlich unberührt.
Die Autoren fassen ihr Ergebnis wie folgt zusammen:
Davon abgesehen, dass nicht erkennbar ist, womit die Autoren die praktische Relevanz der Rede von einem wissenschaftlichen Konsens gemessen haben wollen, darf man dieselbe eben deshalb bezweifeln, weil die Rede von einem wissenschaftlichen Konsens es gemäß der Ergebnisse von Stekelenburg et al. nicht einmal schafft, die Überzeugungen der Probanden mit Bezug die in Frage stehende Sache zu verändern, die normalerweise als einem entsprechenden Verhalten vorausgehend vorgestellt wird (jedenfalls von denjenigen, die immer noch meinen, Überzeugungen würden zu entsprechend vorhersagbarem Verhalten führen).
Anstatt einzuräumen, dass die Rede von einem wissenschaftlichen Konsens offenbar kein wirksames Manipulationsmittel ist, spekulieren die Autoren gemäß dem Motto „viel hilft viel“, dass Leute an das, worüber es angeblich einen wissenschaftlichen Konsens gibt, zu glauben beginnen, wenn man es ihnen nur richtig einhämmert.
Zu befürchten steht also vielleicht, dass wir zukünftig mit mehr vom selben Unsinn über wissenschaftlichen Konsens belästigt werden, auch, wenn das vorhersehbar nichts bewirken wird. Am Versuch, „falsches Bewusstsein“ von Menschen in „richtiges Bewusstsein“ zu transformieren – oder in den Worten der Autoren: Menschen dabei zu „helfen“, das, was die Autoren inkompetenterweise für „Fakten“ halten, in gleicherweise inkompetenter Weise ebenfalls als „Fakten“ anzusehen – sind bekanntlich schon viele Andere vor den Beschwörern eines wissenschaftlichen Konsens‘ gescheitert.
Literatur:
Reiss, Julian, 2019: Expertise, Agreement, and the Nature of Social Scientific Facts or: Against Epistocracy. Social Epistemology 33(2): 183-192.
Slater, Matthew H., Huxster, Joanna K., & Scholfield, Emiliy R., 2022: Public Conceptions of Scientific Consensus. Erkenntnis (2022). https://doi.org/10.1007/s10670-022-00569-z
van der Linden, Sander L., Leiserowitz, Anthony A., Feinberg, et al., 2015: The Scientific Consensus on Climate Change as a Gateway Belief: Experimental Evidence. PLoS ONE 10(2): e0118489. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0118489
van Stekelenburg, Aart, Schaap, Gabi, Veling, Harm, et al., 2022: Scientific-consensus Communication about Contested Science: a Preregistered Meta-Analysis. Psychological Science 33(12): 1989-2008.

