Verhaltensveränderung, „nudging“, persuasive Technologie: Wissenschaft im Einsatz, um Sie zum „richtigen“ Verhalten zu bringen – Teil 2

Nachdem wir im ersten Teil unserer kleinen Mini-Serie über „nudging“ und persuasive Technologie beschrieben haben, worum es sich dabei handelt, und auf dessen ethische Fragwürdigkeit im Allgemeinen hingewiesen haben, wollen wir im zweiten Teil der Serie Besonderheiten des „nudging“ im Dienst von Politik und öffentlicher Verwaltung herausarbeiten, Besonderheiten, die dieses „nudging“ vom „nudging“ in anderen Bereichen, vor allem auf dem Konsummarkt und in der Werbung, erheblich unterscheiden, und es in besonderem Maß ethisch fragwürdig machen. Die Identifizierung dieser Besonderheiten ist das Ergebnis unserer eigenen Beobachtungen und Überlegungen. Wir haben sie nirgendwo in der Literatur gefunden. Insofern sind wir gespannt darauf, was unsere Leser zu den von uns herausgearbeiteten Besonderheiten des „nudging“ durch politische Akteure zu sagen haben werden.

 

2. Besonderheiten des „nudging“ im Dienst von Politik und öffentlicher Verwaltung

Was das Besondere an „nudging“ im Dienst von Politik und öffentlicher Verwaltung ist, lässt sich vielleicht am besten herausarbeiten, wenn man sich vergegenwärtigt, wie „nudging“ normalerweise funktioniert, z.B. auf dem Konsummarkt, wo es, wenn nicht allgegenwärtig, so doch sehr weit verbreitet ist. In Teil 1 dieser Mini-Serie wurde ein Beispiel aus einer Studie von Fasolo et al. (2006) gegeben, bei dem es um “nudging“ zum Kauf eines vom Kunden bereits anvisierten Produktes, dort: eines Laptops, ging. Das „nuding“ erfolgte durch die Beigabe zweier anderer Laptops, die im Rahmen einer speziellen Wahl-Architektur aufgrund spezieller Eigenschaften ausgewählt wurden, und zwar so, dass der Kunde in seiner Entscheidung für das anvisierte Gerät bestärkt wurde.

Auf dem Konsummarkt zielt „nudging“ prinzipiell darauf ab, einen potenziellen Käufer zum Kaufabschluss zu bewegen, sei es für das von ihm anvisierte Produkt oder für weitere Produkte, die den Käufer interessieren oder ansprechen könnten. So mögen einem Käufer, der eine CD von Pink Floyd gekauft hat, CDs von Genesis vorgeschlagen werden, weil die Beobachtung der Kaufentscheidungen vorheriger Käufer in einen entsprechenden Vorschlags-Algorithmus eingeflossen ist. Der Vorschlag basiert auf ähnlichen Kaufentscheidungen, die tatsächlich getätigt wurden. Man könnte daher sagen, dass mit einer Präferenz für Pink Floyd eine Präferenz für Genesis einhergeht, auch, wenn nicht klar ist, ob dieser Präferenz ihrerseits eine Präferenz für die Art von Musik, einen „elastic, echoing, mind-bending sound that evokes the chasms of space“ (wie man bei Allmusic sagt;), zugrundeliegt oder eine Präferenz für Musik, die man aus seiner Jugend kennt, mit der man aufgewachsen ist (oder was auch immer).

Vermutlich haben wir alle die Erfahrung gemacht, dass wir aufgrund von falschen Annahmen über die zugrundliegenden Präferenzen unserer Kaufentscheidungen zum Kauf von Produkten „genudgt“ werden sollten, für die wir uns nicht im mindesten interessiert haben, denen wir vielleicht sogar regelrecht abgeneigt waren. Wenn z.B. die Annahme diejenige ist, dass ich als Käufer von Büchern zum Erlernen der italienischen Sprache und später als Käufer von Büchern in italienischer Sprache an allen möglichen Büchern in italienischer Sprache interessiert sei, wohl, um meine Sprachkenntnisse zu üben und zu erweitern, dann ist es vielleicht überraschend, dass ich die ganze Reihe der Schiavone-Krimis von Antonio Manzini in italienischer Sprache und Bruno Leonis „La Libertà e la Legge“ kaufe, aber mich gegen den Kauf der vorgeschlagenen Bücher von Norberto Bobbio entscheide. Aber tatsächlich ist das Üben und Erweitern meiner Italienisch-Sprachkenntnisse eben nicht meine einzige Präferenz, die dafür ausschlaggebend ist, welche Bücher in italienischer Sprache ich kaufe und welche nicht. Tatsächlich dürfte so gut wie keine Entscheidung, die jemand trifft, durch das Vorhandensein einer einzigen (starken) Präferenz zu erklären sein. (Wenn das der Fall ist, hat man es vermutlich mit Pathologien zu tun, wie z.B. starker Drogenabhängigkeit.)

„Nudging“ auf dem Konsummarkt ist um so erfolgreicher, je besser es gelingt, Präferenzenbündel zu identifizieren, immer mit dem – notwendigerweise unerreichbar bleibenden – Ziel vor Augen, individuelle Präferenzen vollständig fehlerfrei rekonstruieren zu können. Deshalb ist es wichtig, dass Algorithmen „lernen“, und was sie „lernen“ ist, immer mehr und genauere Informationen zu sammeln, zu verarbeiten, auszuwerten und in Rechnung zu stellen. Damit der Algorithmus lernen kann, müssen ständig neue Informationen von Käufern zur Verfügung stehen, und (nicht nur, aber auch,) deshalb ist es wichtig, dass Fehlversuche beim „nudging“, nennen wir sie Fehl-„nudges“, der falsch „genudgten“ Person möglichst wenig oder idealerweise keine Kosten verursachen. Wenn sie Kosten verursachen, läuft man Gefahr, dass Käufer die entsprechenden Versuche zunehmend ablehnen werden, z.B. Vorschläge immer weniger und dann prinzipiell nicht mehr beachten oder immer weniger Bücher online bestellen werden. Es kommt dann also zur Abwanderung der Kundschaft, wie das z.B. Anbietern sozialer Medien passiert ist (z.B. Abwanderung vom Google Chrome-browser zum Brave-browser und von YouTube zu Rumble).

Fassen wir zusammen:

Auf dem Konsummarkt setzt das „nudging“ auf die Präferenzen, die der jeweilige Käufer hat, auf: es geht hier darum, ihn angesichts seiner Präferenzen zum Kauf eines bestimmten Produktes zu bringen, d.h. ihn dazu zu bringen, ein bestimmtes Produkt auch tatsächlich zu kaufen, für das er sich aufgrund seiner Präferenzen – welche genau dies auch immer sein mögen – interessiert, oder ihn zum Kauf weiterer Produkte zu „nudgen“, von denen angenommen wird, dass sie ebenfalls seinen Präferenzen entsprechen werden. Die für verschiedene Kunden jeweils unterschiedlichen Präferenzen bilden die Basis des „nudgens“. Und „nudgen“ gelingt auf dem Konsummarkt umso besser, je mehr sich das „nudgen“ nicht auf Annahmen über einzelne Präferenzen, die mehr oder weniger allein eine Kaufentscheidung bestimmen sollen, sondern auf Annahmen über Präferenzenbündel stützt. Entsprechende Informationen zu sammeln, erfordert die Kooperation von Kunden, weshalb es wichtig ist, sie möglichst nicht duch Fehl-„nudges“ zu verärgern bzw. von zukünftiger Informationszuarbeit abzuschrecken. Die unvermeidlichen Fehl-„nudges“ dürfen deshalb mit keinen oder nur sehr geringen Kosten für die Kunden verbunden sein.

Beim „nuding“ in der Politik oder der öffentlichen Verwaltung verhält es sich mit Bezug auf die oben herausgearbeiteten Merkmale des „nudging“ auf dem Konsummarkt gerade umgekehrt: „Nuding“ in der Politik und in der öffentlichen Verwaltung soll (nicht immer, aber) typischerweise erreichen, Menschen ungeachtet ihrer individuellen und im übrigen von Individuum zu Individuum verschiedenen Präferenzen zu gleichartigem Handeln zu bringen, nämlich dem Handeln, das der Erreichung eines von der Politik oder Verwaltung vorgegebenen Zieles dient, eines Zieles, von dem die Politik behauptet, dass es erstens ein sogenanntes Kollektivinteresse sei, und zweitens (deshalb) das Ziel der Einzelnen sein sollte (aber per definitionem nicht ist und nicht sein kann, eben weil Menschen nur als Individuen mit individuellen Präferenzen und Zielen vorkommen, jedoch nicht z.B. als Menschheit, die nicht real existiert; vielmehr ist „die Menschheit“ ein Konstrukt, das ein Ergebnis einer bestimmten biologischen Taxonomie darstellt, also keine reale Existenz hat).

Cass Sunstein hat dies in einem Interview mit McKinsey indirekt beschrieben, als er auf die Frage

„How is nudging different now than it was, say, 13 years ago, when your book was originally published? What makes for a good nudge in 2021?”

die folgende Antwort gab:

„The basic theory is similar, though I think we understand it better now than we did then—and I think we’ll understand it better in ten years than we do now. We know that good nudges still make the chooser’s life better, and bad nudges don’t. What we’re seeing more of now, however, is nudging to protect third parties. You might have a climate-change nudge where the basic goal isn’t to protect the chooser; it’s to reduce greenhouse-gas emissions. In Switzerland, for instance, people have been nudged to automatically enroll in clean-energy programs. If they don’t want to, they can opt out, although the “dirtier” program may be more expensive. That nudge is designed to protect people from climate change generally, not necessarily to protect individual choice makers.”

Sunstein spricht von “nuding” zum “Schutz dritter Parteien” und meint damit anscheinend die Ausweitung der Beziehung zwischen einem „nudge“ und der Person, auf die der „nudge“ spezifisch ausgerichtet ist auf einen gleichartigen „nudge“, der gleichermaßen auf alle Menschen (im Einflussbereicht des „nudgers“) abzielt, und gerade deshalb die verschiedenen Präferenzen verschiedener Menschen nicht nur nicht respektiert, sondern sie gar nicht erst zu erkunden braucht. Denn den verschiedenen Präferenzen verschiedener Menschen soll ja gar nicht Rechnung getragen werden; es genügt für den politischen „nudger“, das Verhalten von Menschen zu beobachten, um zu wissen, ob sie die eine „richtige“ Präferenz haben oder irgendwelche anderen Präferenzen, die allesamt die „falschen“ sind insofern sie einfach andere sind als die Präferenz, die vom politischen „nudger“ für allein richtig gesetzt wurde, in jedem Fall als diejenige Präferenz gesetzt wurde, die seiner Meinung nach – aber eben nur das: seiner Meinung nach – alle anderen Präferenzen dominieren sollte.

Die französische Polizei nudged unerwünschte Bürger

Real existierende Präferenzen von Menschen werden übergangen oder, wenn sie erhoben und berücksichtigt werden, dann nicht zu dem Zweck, ihnen in positiver Weise Rechnung zu tragen, also dem gerecht werden zu wollen, was Menschen tatsächlich wollen, sondern vorrangig zu dem Zweck, ihnen in negativer Weise Rechnung zu tragen, d.h. um Anhaltspunkte darüber zu erhalten, wie Widerständen gegen die allein richtige Präferenz oder Zielsetzung des politischen „nudgers“ am besten begegnet werden können. (Aber wie mir scheint, ist bereits dies für den politischen „nudger“ ein Luxus; er kann sich ggf. auf Erpressung beschränken wie im Fall des sogenannten Grünen Passes; s. hierzu Teil 1 unserer Mini-Serie zum „nudging“).

Wenn man gutwilligerweise davon ausgehen möchte, dass dem politischen Ziel „Reduktion der Emission von Treibhausgasen“ die Präferenz dafür zugrundeliegen würde, „Menschen allgemein vor Klimawandel“ zu schützen, muss also eingewendet werden, dass die Präferenz und die mit ihr in Verbindung gebrachte Zielsetzung auf einer ganzen Reihe von Annahmen beruht, die der politische „nudger“ macht, die aber allesamt bezweifelbar sind und – davon, dass sie dies sind, unabhängig – keineswegs die Annahmen anderer Leute sein müssen, die dementsprechend ganz andere Präferenzen und Zielsetzungen haben können (und sehr häufig: haben werden): Mindestens muss man die Annahmen machen,

  • dass es einen menschengemachten Klimawandel in nennenswertem Ausmaß gebe,
  • dass irgendwelche politischen Akteure die Fähigkeit hätten, irgendjemanden vor „Klimawandel“ zu schützen,
  • dass es wünschenswert sei, die Emission von Treibhausgasen zu verringern, was angesichts der Notwendigkeit von CO2 für das Gedeihen der Flora (und damit auch: für die Möglichkeit, gute Ernten einzubringen,) eine ziemlich abenteuerliche Annahme ist,
  • dass all diese Annahmen gar keine Annahmen seien, sondern Tatsachen, und
  • dass andere Menschen deshalb dieselben Präferenzen und Zielsetzungen haben sollten wie der politische Akteur
  • und dass sich außerdem – und dies ist m.E. die abenteuerlichste aller Annahmen – aus dem, was man selbst für eine Tatsache hält, irgendwie ein Recht ableiten ließe, einfach über die angesichts der eigenen Überzeugung für irrelevant oder gar „schädlich“ erklärten Überzeugungen, Präferenzen und Zielsetzungen anderer Menschen hinwegzugehen.

Anders ausgedrückt: Der politische „nudger“, zeichnet sich, wenn man gutwilligerweise annehmen möchte, dass er „Überzeugungstäter“ ist, (mindestens) durch die maßlose Überschätzung seines Urteilsvermögens und einer Wahnvorstellung von seiner Person als Heilsbringer aus.

Eine weniger gutwillige Betrachtung betont den Punkt, dass politische Ziele wie die „Reduktion der Emission von Treibhausgasen“ und „Programme für saubere Energie“ eben das sind: politische Ziele, d.h. die verlautbarten Zielsetzungen einer bestimmten Regierung, Partei oder anderer politischer Akteure. Welche Präferenzen der einzelnen Beteiligten diesen Zielverlautbarungen tatsächlich zugrundeliegen, ist unbekannt. Die diesbezüglichen Möglichkeiten reichen vom bereits betrachteten Überzeugungstätertum über die durch menschliche Trägheit zu erklärende Präferenz dafür, das zu erzählen, was andere politische Akteure erzählen, bis hin zu einer Präferenz dafür, ohne eigene Arbeit, aber durch Begünstigung „dritter Parteien“, Geld zu verdienen, auch Korruption genannt.

Was den politischen „nudger“ außerdem auszeichnet, ist, dass für ihn in der Regel keine oder keine nennenswerten Kosten mit seinen „nudges“ (oder Fehl-„nudges“) verbunden sind. Was die Umsetzung der „nudges“ betrifft, so nehmen sie die Form von Kampagnen und Programmen und Maßnahmen an, die aus Steuergeldern finanziert werden, für die also Steuerzahler aufkommen, denn der politische Akteur wird (zumindest in Deutschland und den meisten anderen Ländern der Erde) – ebenso wie seine Kampagnen, Programme und Maßnahmen nahezu ausschließlich aus Steuermitteln finanziert. Der Steuerzahler bezahlt also dafür, dass er auf ein Verhalten hin „genudgt“ wird, das seinen Präferenzen zumindest nicht entspricht oder ihnen ggf. entgegensteht.

Insofern als „nudges“ politischer Akteure aus den oben genannten Gründen notwendigerweise an den tatsächlichen Präferenzen der Menschen vorbeigehen müssen (und dies bewußt tun!), sind sie Fehl-„nudges“. Aber auch als solche verursachen sie dem politischen „nudger“ keine oder nur geringe Kosten. Wenn Menschen durch das „nudging“ politischer Akteure verärgert werden, so kann der politische Akteur dies zuerst einmal ignorieren, denn die Finanzierung seiner Arbeitsstelle wird dadurch ebenso wenig bedroht wie die Finanzierung der „nugding“-Maßnahmen; sie werden ja aus Steuergeldern bezahlt, über deren Höhe und Verwendungsweise der Steuerzahler keinerlei Mitspracherecht hat. Z.B. kostet es den politischen „nudger“ nichts, Menschen Einlass in Supermärkte zu verwehren, wenn sie keine Maske tragen; er delegiert die (psychologischen und materiellen) Kosten für die Überwachung der Einhaltung seiner „Maßnahme“ an die Supermärkte und kann darüber hinaus auf Wirkung sozialer Kontrolle hoffen. Und in jedem Fall ist sein „nudging“ transparent und kein Zwang, denn es steht einem ja frei, keine Lebensmitteln im Supermarkt einzukaufen und statt dessen andere Wege der Nahrungsmittelbeschaffung zu finden oder die vielleicht ohnehin angeratene Abnehmkur zu machen.

Deutsche Polizei nudged unerwünschte Bürger

Und der politische Akteur kann jederzeit gegen jeden einzelnen verärgerten Menschen ins Feld führen, dass das „nudging“ dem „Kollktivinteresse“ diene, auch, wenn es dem des entsprechenden Bürgers gerade nicht entspreche. Und die Fiktion vom „Kollektiv“ kann jedesmal wieder gegen jeden einzelnen Menschen verwendet werden, denn das „Kollektiv“ sind immer und per definitionem „alle Anderen“, die dem Individuum entgegengesetzt sind. Das macht die Rede vom „Kollektiv“ für den politischen Akteur so wertvoll: Statt dem Interesse und dem Willen der real existierenden Menschen, wie ihm z.B. in Volksbefragungen Ausdruck verschafft würde, Rechnung tragen zu müssen, kann er sich gegen jedwedes von real existierenden Menschen vorgebrachte Interesse abschotten, indem er auf das „Kollektiv“ verweist, dessen Interesse der politische Akteur besser zu kennen bzw. beurteilen zu können vorgibt.

Greifen die durch das „nudging“ verärgerten Menschen zu Aktionen zivilen Ungehorsams, so kann der politische „nudger“ die Situation auszusitzen versuchen, wenn er hofft, dass nur bei einer relativ geringen Anzahl von Menschen der Ärger zu zivilem Ungehorsam führen werde. Anscheinend hofft das derzeit Joe Biden mit Bezug auf die von seiner Verwaltung verfügte Impfpflicht nicht nur für medizinisches und Pflegepersonal. Und falls diese Hoffnung enttäuscht wird und sich erhebliche Abwanderung einstellt, so dass ganze Krankenhausabteilungen mangels Personal geschlossen werden müssen, so entstehen die unmittelbaren Kosten bzw. entgangener Nutzen dem ehemaligen Personal, das kündigen musste, um sich der Impfpflicht zu entziehen und jetzt vielleicht arbeitslos ist, und den Patienten, die auf Behandlung oder Pflege angewiesen sind, aber jetzt eben nicht behandelt oder gepflegt werden oder Mühe und Kosten aufbringen müssen, um woanders behandelt oder gepflegt zu werden. Der politische Akteur sitzt in seinem Schutzraum (z.B. im Weißen Haus) bzw. seiner Echokammer, während all dies geschieht, ohne dass es ihm Kosten verursacht – vielleicht, bis er selbst erkrankt und Behandlung oder Pflege durch just die Menschen braucht, die er zu einem Verhalten „genudgt“ hat, für das sie eigentlich keine Präferenz hatten; so darf man wohl davon ausgehen, dass die meisten der nunmehr arbeitslosen oder woanders tätigen Ärzte, Pfleger etc. ursprünglich keine Präferenz für die Kündigung hatten, also sozusagen sowieso, also ohne Impfzwang, gekündigt hätten.

Und es sind just die spezifischen Merkmale des „nudgings“ durch politische Akteure, die dieselben ethisch nicht vertretbar machen: Sie sind für den politischen Akteur kostenfreie Mittel der Erpressung, die im Kern geradezu darauf abzielen, über die Interessen und Präferenzen, die Menschen haben, hinwegzugehen und sie zu einem Verhalten zu bringen, oft: zu zwingen, das sie tatsächlich nicht zeigen wollen.

Bestenfalls nutzen politische Akteure „nudges“ im Graubereich der relativen Gleichgültigkeit oder Trägheit von Menschen, wie z.B. hinsichtlich von Organspenden, deren Anzahl erhöht werden kann, wenn Menschen, statt der Spende ihrer Organe (bislang: nach ihrem Ableben) zustimmen zu müssen, per se als willige Organspender behandelt werden, wogegen sie Einspruch zu erheben gezwungen sind, wenn sie keine Organe spenden wollen (d.h. ein opt-in-Modell durch ein opt-out-Modell ersetzt wird). Dies ist mit Kosten (an Energie, Zeit …) verbunden, und manche Menschen scheinen in der Organspende-Frage keine Präferenz zu haben, die hinreichend ausgeprägt ist, um diese Kosten auf sich zu nehmen. Die Frage ist allerdings, ob diese Menschen letztlich mit ihrer Nicht-Entscheidung glücklich oder auch nur zufrieden sind. Vielleicht liegt das in der Natur der Sache; vielleicht denken die meisten Menschen: “Wenn ich tot bin, kann mir egal sein, was man mit meinem Körper anstellt”.

Aber „nudges“ zielen eben nur in Ausnahmefällen auf Verhaltensweisen ab, die für den “Genudgten” zu seinen Lebzeiten keine direkten, materiellen Konsequenzen haben. Gerade die „nudges“ politischer Akteure zielen auf Verhaltensweisen ab, die für Menschen während ihrer Lebenszeit teilweise erhebliche und dauerhafte materielle und insofern “fassbare” Konsequenzen haben. Vor dem Hintergrund, dass sie typischerweise darauf abzielen, dass Menschen sich entgegen ihrer Präferenzen und im Einklang mit angeblichen „Kollektiv“interessen verhalten, muss man in der Tat die Frage stellen, ob sie überhaupt jemals ethisch vertretbar sind. Ziehen wir die Kriterien zu Rate, die Sunstein im Interview mit McKinsey für „nudges“ formuliert hat:

„In the book, we refer to a bill of rights for nudging. Nudges should satisfy certain constraints—that is, they should be transparent, not covert or hidden. They should be in the interests of the people who are being nudged and consistent with their values. They should be subject to political safeguards, in the sense that if the people don’t like them, they should be able to say, ‘We don’t want that one’. And they should be consistent with constitutional understandings in the relevant nation. We’re very focused on ensuring that nudges are compatible with human dignity. If you’re nudged and you think, “That was awful. Why did that happen? I’m sadder and poorer,” that’s an unethical nudge” (Hervorhebungen d.d.A.).

Transparenz klingt gut und schön, aber es ist wichtig, mit Sunstein zu betonen, dass sie nicht genügt, um einen “nudge” ethisch vertretbar zu machen, denn was nutzt es jemandem, zu wissen, dass er “genudgt” wird, wenn ihm gleichzeitig keine Möglichkeit gegeben wird, “to opt out”, also zumindest für sich selbst den “nudge” abzulehnen?! Und es ist wichtig, sich bewusst darüber zu sein, dass “nudges” politischer Akteure de facto oft Erpressungsversuche darstellen, die (würde jemand anders sie anstellen, strafrechtliche Konsequenzen haben würden und) als Erpressungsversuche geradezu darauf basieren, dass sie dem Opfer gegenüber “transparent” gemacht werden: Wenn ich nicht weiß, dass mein Kind entführt wurde, und ich nicht weiß, dass ich eine halbe Million Euro übergeben muss, um mein Kind lebendig wiederzusehen, dann kann auch keine Erpressung stattfinden. Jeder Erpressungsversuch hat Transparenz zur Voraussetzung!

Und was ist mit der Übereinstimmung von “nudges” mit Werten der “Genudgten” oder ihren Möglichkeiten, “to opt out”, oder den psychologischen oder materiellen Konsequenzen, die “nudges” für die “Genudgten” haben? Wer geht gerne mit der Maske in den Supermarkt? Wem verschaffen Nebenwirkungen der Impfungen gegen Covid19 ein gutes Gefühl? Wie kann der Grüne Pass als Erpressungsmittel z.B. mit dem Wert/dem Recht der/auf  Integrität des eigenen Körpers übereinstimmen? Wer kann hoffen, dass er Gehör beim politischen „nudger“ findet, wenn er sagt: „Ich finde, dass der Grüne Pass Menschenrechte verletzt und die Gesellschaft entzweit. Deshalb möchte ich diesen nudge, also den Grünen Pass, nicht haben“? Und wer kann dasselbe hoffen, wenn er sagt: „Meine Stromversorgung ist weniger zuverlässig und meine Stromkosten sind deutlich höher, seit die Regierung sogenannte alternative Energieformen subventioniert“; ich bin deshalb trauriger und ärmer als vorher”?

Eben. Was einem Menschen, für den ein “nudge” negativ wirkt, dessen Menschenrechte durch einen “nudge” verletzt werden, der durch einen “nudge” trauriger oder ärmer gemacht wird, bleibt, ist also bloß die Feststellung, dass diese „nudges“ unethisch waren/sind. Aber das stört den politischen „nudger“ nicht, denn für ihn sind die negativen Folgen seiner “nudges” kostenfrei. Für ihn entstehen Kosten einzig und allein durch zivilen Ungehorsam einer hinreichend großen Menge von Menschen.

Es wäre nur konsequent, wenn sich Sunstein und Thaler angesichts ihrer eigenen Aussagen im zitierten Interview (und anderswo) klar gegen „nudges“ durch politische Akteure ausgesprochen hätten (und tatsächlich führen sie, wenn sie für “nudges” werben, sehr viel häufiger Beispiele aus dem Bereich der privaten Lebensführung bzw. des Konsummarktes an als aus dem Bereich der Politik). Aber leider haben sie das nicht getan. Während Richard Thaler sich m.W. zumindest nicht direkt Dienst für politische “nudger” tut, dient Cass Sunstein politischen „nudgern“ aller Art auf direkte Weise:

“… In 2020, the World Health Organization appointed him [Cass Sunstein] as Chair of its technical advisory group on Behavioural Insights and Sciences for Health. From 2009 to 2012, Sunstein was Administrator of the White House Office of Information and Regulatory Affairs, and subsequently served on the President’s Review Board on Intelligence and Communications Technologies and on the Pentagon’s Defense Innovation Board. Sunstein has testified before congressional committees on many subjects and advised officials at the United Nations, the European Commission, the World Bank, and many nations on issues of law and public policy. He serves as an adviser to the Behavioural Insights Team in the United Kingdom.”

Und das bringt uns zum Thema des dritten Teils dieser Mini-Serie über „nuding“, in dem ein Eindruck davon vermittelt werden wird, wie weit „nudging“ bzw. persuasive Technologie im Dienst von Politik bereits in der öffentlichen Verwaltung verankert sind. Den dritten Teil können Sie bald hier auf ScienceFiles lesen.


Literatur

Fasolo, Barbara, Misuraca, Raffaella, McClelland, Gary H., & Cardaci, Maurizio, 2006: Animation Attracts: The Attraction Effect in an On-line Shopping Environment. Psychology & Marketing 23(10): 799-811.

Sunstein & Thaler, 2008: Nudge: Improving Decisions about Health, Wealth, and Happiness. London: Yale.



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