„Hunde wollt Ihr ewig leben“: Tag des vorzeitigen Männertodes

Sie verdienen das meiste Geld, finanzieren die meisten Mitversicherten, investieren am meisten Lebenszeit in Arbeit, zahlen die meisten Steuern und Rentenbeiträge und sterben früher: Die Männer.

Zeit das zu ändern.

Deshalb hat die Stiftung „Männergesundheit“ den Tag der ungleichen Lebenserwartungen ausgerufen.

Am 10. Dezember ist dieser Tag, an dem die Lebenserwartung von Männern, rechnet man sie auf ein Jahr um, zu Ende ist. Frauen dagegen durchleben den Rest des Jahres bis zu Sylvester (einschließlich).

Trotz dieser eklatanten Ungleichheit ist die Lebenserwartung von Männern bislang noch bei jeder Anstrengung zur Gleichstellung ignoriert worden: So lange Männer die Sozialkassen füllen, solange sie zur Arbeit trotten, Steuern und Abgaben entrichten und sich erzählen lassen, wie privilegiert sie doch sind, dass sie nicht auf dem Sofa sitzen und sich die Sendungen des Hausfrauenfernsehens antun müssen, so lange ist alles in Ordnung. Und überhaupt: Wollen Männer am Ende ewig leben?

Wollten Sie das zwar nicht, aber zum Beispiel so alt werden wie Frauen, dann würden sie aufhören, sich häufiger selbst umzubringen (Männer bringen sich dreimal so häufig selbst um wie Frauen).

Wollten Sie das, sie würden aufhören, gefährliche Tätigkeiten und Berufe auszuführen, ihr Risiko in einem Verkehrsunfall zu sterben, durch eine deutliche Reduzierung z.B. der Pendelzeit oder, wenn nicht anders möglich, durch Aufgabe ihres Arbeitsplatzes, um mehr Zeit für die Familie zu haben, im wahrsten Sinne des Wortes, mehr Lebenszeit nämlich, vermindern.

Wollten Sie das nicht, sie würden gefährliche Jobs meiden und statt dessen lieber Einzelhandelskaufmann, Medizinischer Assistent, Grundschullehrer, Professorenprogramm-Begünstigter oder Sachbearbeiter in einer Verwaltung ihrer Wahl werden. Das Risiko, Opfer eines Arbeitsunfalls zu werden, wäre fast null.

Wollten Sie wirklich so lange leben wie Frauen, sie würden aufhören sich, wie man in der Pfalz sagt, den Herzbennel herauszurennen, immer im Bemühen, dem Image des Main Income Earners gerecht zu werden. Das Risiko für Herzinfarkt, es wäre reduziert.

Aber all das machen Männer nicht.

Und deshalb haben sie eine um knapp 5 Jahre kürzere Lebenserwartung. Anstelle der 83,1 Jahre, die Frauen in der Regel leben, leben Männer nur 78,2 Jahre. Umgerechnet auf ein Jahr, leben Männer bis zum 10. Dezember, Frauen bis Sylvester (einschließlich).

Deshalb ist der 10. Dezember Tag der ungleichen Lebenserwartungen.

Matthias Stiehler, Vorstand der Stiftung Männergesundheit, der diesen Tag ins Leben gerufen hat, will Männern ein Leben bis zum Jahresende ermöglichen. In jedem Fall will er ein Bewusstsein dafür wecken, wer die wahren Benachteiligten in der deutschen Gesellschaft sind. Das ist ein lobenswertes und wichtiges Unterfangen, das wir hiermit unterstützen.

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles

Gender-Life Gap und Rentenhöhe: Das Gerechtigkeitsproblem, über das wohlweislich geschwiegen wird

Ein Junge, der heute geboren wird, hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von 78,2 Jahren. Ein Mädchen, das heute geboren wird, hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von 83,1 Jahren, also 4,9 Jahre mehr. Diese Zahlen hat das Statistische Bundesamt gerade unter der irreführenden Überschrift: „Regional Unterschiede in der Lebenserwartung haben in den letzten 20 Jahren abgenommen“ veröffentlicht.

Tatsächlich hat sich die Lücke in der Lebenserwartung etwas verringert: von 6,5 auf 4,9 Jahre, die Jungen ab Geburt und im Vergleich zu Mädchen an durchschnittlicher Lebenserwartung weniger haben.

gerechte-muetterrenteHinter den Zahlen für Deutschland verbergen sich interessante regionale Unterschiede, die wir schnell berechnet haben. Als Ergebnis präsentieren wir die Rangfolge der Differenz in der Lebenserwartung zwischen Jungen und Mädchen, wie sie sich derzeit darstellt (angegeben ist die Höhe der für Jungen durchschnittlich geringeren Lebenserwartung):

  1. Mecklenburg-Vorpommern: -6,4 Jahre;
  2. Sachsen-Anhalt: -6,3 Jahre;
  3. Sachsen: -6,0 Jahre;
  4. Thüringen: -5,8 Jahre;
  5. Brandenburg: -5,5 Jahre;
  6. Bremen: -5,5 Jahre;
  7. Berlin: -5,2 Jahre;
  8. Niedersachsen: -5,0 Jahre;
  9. Saarland: -5,0 Jahre;
  10. Schleswig-Holstein: -4,8 Jahre;
  11. Hamburg: -4,7 Jahre;
  12. Bayern: -4,6 Jahre;
  13. Nordrhein-Westfalen: -4,6 Jahre;
  14. Rheinland-Pfalz: -4,6 Jahre;
  15. Baden-Württemberg: -4,4 Jahre;
  16. Hessen: -4,4 Jahre;

Da Politiker in Deutschland so gerne über Gleichstellung und Gerechtigkeit diskutieren haben wir eine Aufgabe für die entsprechenden Politiker: Wie kann man dafür sorgen, dass Männer bei der gesetzlichen Rentenversicherung gerecht behandelt werden?

Unsere Antwort ist einfach und basiert auf zwei Tatsachen:

  1. Männer zahlen im Durchschnitt mehr Beiträge in die Gesetzliche Rentenversicherung;
  2. Männer nehmen Rentenleistungen im Durchschnitt kürzer in Anspruch als Frauen.

Eine Gesetzliche Rentenversicherung, die gerecht sein will und diese beiden Fakten dazu in Rechnung stellen muss, sieht für Männer höhere Auszahlungen als für Frauen vor, z.B. um 4,9% höhere Auszahlungen in Bezug auf den aktuellen Rentenwert, so dass die Formel der Rentenberechnung für Männer wie folgt aussieht:

Rentenhöhe (monatlich; Männer)= Entgeltpunkte * Zugangsfaktor * Rentenartfaktor * (aktueller Rentenwert *1,049).

Die entsprechende Formel für Frauen lautet:
Rentenhöhe (monatlich; Frauen)= Entgeltpunkte * Zugangsfaktor * Rentenartfaktor * aktueller Rentenwert.

Auf diese Weise wäre Gerechtigkeit zumindest ansatzweise hergestellt. Aber natürlich geht es bei der Berechnung der Rentenhöhe nicht um Gerechtigkeit…

Nichts als “schöne” Worte: Soziale Gerechtigkeit und die sozialdemokratische Funktionärs-Mittelschicht

Parteipolitik ist in weiten Bereichen ein Sprachspiel, bei dem es, in den Worten von Anthony Downs, darum geht, Ideologien in ansprechender sprachlicher Verpackung und in der Weise, wie man Waschpulver an den economic theory demoKäufer bringt, an Wähler zu verkaufen. Es gewinnt die Partei, der es am besten gelingt, die sprachlich-affektiven Erwartungen von Wählern zu erfüllen (wobei man angesichts der Dominanz, wie sie z.B. die SPD als Medienkonzern über die öffentliche Meinung ausübt, besser davon sprechen sollte, dass Parteien über die von ihnen besetzten Begriffe die Erwartungen erfüllen, die sie zuvor erst erweckt haben). Es geht also nicht um den Inhalt, sondern um die sprachliche Verpackung. Als besonders erfolgreiche Verpackung eines Inhalts, der sich bislang jedem Versuch näherer Bestimmung entzogen hat, hat sich “soziale Gerechtigkeit” erwiesen. Soziale Gerechtigkeit ist gleich doppelt gut, da sozial und gerecht. Was genau das bedeutet, weiß niemand so richtig, es ist wie bei Winnie-the-Pooh:

When I first heard his name, I said, just as you are going to say, “But, I thought he was a boy?” “So did I,” said Christopher Robin. “Then you can’t call him Winnie?” “I don’t” “But you said -” “He’s Winnie-ther-Pooh. Don’t you know what ‘ther‘ means?” “Ah, yes, now I do”, I said quickly, and I hope you do too, because it is all the explanation you are going to get”.

Winnie the PoohSo verhält es es sich mit sozialer Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit ist gut, erstrebenswert, wichtig, eigentlich sehr gut und noch besser, sehr wichtig und noch viel wichtiger, das, was es zu erreichen gilt, das Ziel guter Politik eben, weil gerecht und sozial und so, and this is all the explanation you are going to get. Deshalb setzt die SPD “im Bundestagswahlkampf auf soziale Gerechtigkeit”. Die SPD, das ist die ehemalige Arbeiterparei, die in den siebziger Jahren nicht nur in Frankfurt eine merkliche Transformation durchlebt hat, denn damals “strömten Angehörige der akademischen Mittelschicht in die Partei ein” (Schacht, 2008, S.364). Und das war dann das Ende der SPD als Arbeiterpartei. Geblieben sind Reminiszenzen wie die folgende aus dem Programmentwurf für die kommende Bundestagswahl:

“Die Frage von sozialer Gerechtigkeit und gleicher Rechte ist heute und in Zukunft genauso aktuell wie immer wieder in den vergangenen 150 Jahren. Ohne die SPD sähe unser Land anders und ärmer aus, gäbe es keinen Acht-Stunden-Tag, keine Arbeitnehmerrechte, keine Arbeitsschutzgesetzgebung und keine Sozialstaatlichkeit in unserer Verfassung. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit bleibt daher eine Daueraufgabe (S.4)”.

Ich will nur nebenbei bemerken, dass mir die Formulierung “genauso aktuell wie immer wieder in den vergangenen 150 Jahren” etwas schief zu sein scheint, aber vermutlich bin ich nur altmodisch und vermisse hier mindestens ein Hilfsverb im Perfekt. Ansonsten will ich feststellen, dass die Errungenschaften, die die SPD mit dem guten Begriff “soziale Gerechtigkeit” in Verbindung bringt, allesamt auf Arbeiter bezogen sind. Soziale Gerechtigkeit hatte somit zumindest in der Vergangenheit etwas mit Arbeitern zu tun. Aktuell hat sie das nicht mehr, wie eine Kontextanalyse der Verwendung “sozialer Gerechtigkeit” im Programmentwurf der SPD zeigt. Insgesamt kommt soziale Gerechtigkeit 13 Mal auf den rund 100 Seiten des Programmentwurfs vor, und zwar wie folgt:

  1. Zweimal in Verbindung mit der Geschichte der SPD (siehe oben)
  2. Zweimal in Verbindung mit sozialer Marktwirtschaft (S.9 und 22)
  3. Einmal in Verbindung mit wirtschaftlichem Erfolg (S.23)
  4. Einmal in Verbindung mit dem Bildungssystem (S.39)
  5. Einmal in Verbindung mit Steuerpolitik (S.58)
  6. Einmal in Verbindung mit der Forderung nach einem Mindeslohn (S.59)
  7. Einmal in Verbindung mit sozialer Stadtentwicklung (S.75)
  8. Einmal in Verbindung mit Umweltschutz (S.79)
  9. Einmal in Verbindung mit Europa (S.89)
  10. Einmal in Verbindung mit Entwicklungspolitik (S.99)
  11. Einmal in Verbindung mit “umfassender Frieden” (S.101)

Ich denke, angesichts dieser Verbindungen, die der Begriff “soziale Gerechtigkeit” im Programmenturf der SPD eingeht, ist es fair festzustellen, dass soziale Gerechtigkeit für die SPD soziale-gerechtigkeit1210von heute so gut wie nichts mehr mit Arbeitern und ihren Rechten zu tun hat. Die SPD, so könnte man formulieren, hat als Arbeiterpartei abgedankt und kümmert sich nurmehr und ausschließlich um die Bedürfnisse der Mittelschicht. Dies ist nicht weiter verwunderlich, entstammen doch die meisten der SPD-Funktionäre eben dieser Mittelschicht, der Themen wie Europa und Umweltpolitik und Neid auf die, denen es vermeintlich besser geht, näher liegen als Themen der Arbeiterklasse, deren Fahne die SPD immer noch zu tragen für sich beansprucht. Dies wird an nichts so deutlich wie daran, dass der Begriff, aus dem sich alle positiven Affekte, die man mit der SPD verbinden kann, ableiten lassen, die “soziale Gerechtigkeit”, im Kapitel, das mit “soziale Sicherheit und Vorsorge” überschrieben ist, schlicht nicht vorkommt. Soziale Gerechtigkeit hat demnach nichts mit “Gesundheit und Pflege”, nichts mit “Arbeit und Rente” und nichts mit “Menschen mit und ohne Behinderung” zu tun.

Die SPD hat nicht nur nichts mehr mit Arbeitern zu tun, sie ist auch weit davon entfernt, für (soziale) Gerechtigkeit einzutreten. Auch dies ist nicht weiter verwunderlich, denn Gerechtigkeit ist ein sperriges Konzept, das sich mit Prozentrechnung vergleichen lässt. Um Gerechtigkeit oder Prozente zu bestimmen, benötigt man eine Basis. Gerechtigkeit ist ein zweistelliger Funktor, denn es kann Gerechtigkeit immer nur im Hinblick auf eine Relation geben, also z.B. auf die Relation zwischen dem Aufwand, den man für etwas betreibt, und dem Nutzen, den man von seinem Aufwand hat. Im Englischen wird diese Relation auch als Equity-Prinzip bezeichnet. Es besagt schlicht, dass die Auszahlung die X für seinen Aufwand erhält, proportional zur Nützlichkeit seines Aufwands und proportional zu Nützlichkeit, Aufwand und Auszahlung von Y sein soll. 

Wäre die SPD also an sozialer Gerechtigkeit interessiert, wie sie vorgibt, dann würde Sie Fragen stellen wie: Ist die Höhe des Gehalts eines Bundestagsabgeordneten gemessen am Nutzen, den ein Bundestagsabgeordneter produziert, im Vergleich zum Lohn eines Kanalarbeiters und dem Nutzen, den er produziert, zu rechtfertigen? Wäre die SPD nicht nur an sozialer Gerechtigkeit, sondern auch an Arbeitern interessiert, sie würde die Frage “sozialer Gerechtigkeit” ganz sicher unter der Überschrift “Gute Rente” diskutieren, z.B. im Zusammenhang mit der Frage von Lebenserwartung und etwa in der folgenden Weise:

Es ist zwar nach wie vor ein Thema, das nur wenige Sozialwissenschaftler interessiert, aber es gibt mittlerweile eine Reihe von Untersuchungen, die zeigen, dass die Lebenserwartung nach sozialen Klassen variiert. Arbeiter sterben im Durchschnitt (deutlich) früher als Angestellte oder Beamte. Dies lässt sich mit Untersuchungen auf der Basis des SOEP belegen, wie sie Voges und Groh-Samberg (2011), Klein (1999, 1993) oder Hoffmann (2008) durchgeführt haben. So kommt z.B. Thomas Klein in einer interessanten Analyse, die er anscheinend noch unbelastet von strategischen Karrierekalkülen durchgeführt hat, zu folgendem Ergebnis:

“Dabei ist die aktive Lebenserwartung [das ist die Lebenszeit, die ohne schwere Krankheit und Pflegebedürftigkeit verbracht wird] von verheirateten Männern nicht größer als die von Unverheirateten, während verheiratete Frauen auch in bezug auf die aktive Lebenserwartung von der Ehe profitieren. Auch der vergleichsweise geringe Wohlstandseffekt kommt tendenziell Frauen zugute, während Männer auch unter den mit dem Wohlstand verbundenen Arbeitsbelastungen leiden. Lediglich der Bildungseffekt macht sich – wohl wegen der mit dem Bildungsniveau verknüpften Arbeitsbedingungen – bei Männern etwas stärker bemerkbar” (Klein, 1999, S.462, meine Hervorhebung).

Lebenserwartung durchEs ist bekannt, dass heute geborene Jungen eine um mehr als fünf Jahre geringere Lebenserwartung haben als Mädchen. Für einen heute 60jährigen Mann ist die noch-Lebensdauer, die er erwarten kann, um gut vier Jahre geringer als die einer 60jährigen Frau. Ein Arbeiterleben beginnt in der Regel mit 16 Jahren und der Lehre und endet in der Regel mit 60 oder 65 Jahren in der Rente. Ein Beamter tritt seinenen Dienst nach dem Studium und im Alter von 25 bis 30 Jahren an und geht mit 60 oder 65 in Pension. Verglichen mit Beamten zahlen Arbeiter im Durchschnitt über einen längeren Zeitraum Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung. Wegen ihrer höheren Mortalität ist die Dauer des Rentenbezugs von Arbeitern im Durschnitt aber deutlich kürzer als bei Beamten. Männliche Arbeiter sind die Leidtragenden. Sie haben im Durchschnitt am längsten in die Rentenkasse eingezahlt. Sie beziehen aufgrund  ihrer durchschnittlichen Lebenserwartung und verglichen mit Angestellten, Beamten und Frauen Rente für einen deutlich kürzeren Zeitraum. Da die Höhe der Rente an die Höhe der Beiträge gekoppelt ist, bedeutet dies, dass Arbeiter im Durchschnitt gesehen, weniger von den Beiträgen haben, die sie in die Rentenversicherung einzahlen, als z.B. Beamte (Dies ist kein Argument für eine Basisrente oder eine gleiche Rente für alle, da beide Formen von Rente das Fairnessprinzip verletzen.).

Ginge es der SPD um “soziale Gerechtigkeit” im Sinne eines fairen Rentensystems, die SPD würde fordern, dass die Rentenhöhe mit der verbleibenden durchschnittlichen Lebenserwartung verrechnet wird. Sie würde entsprechend z.B. fordern, dass männliche Arbeiter nach dem Erreichen des Rentenalters eine Rente erhalten, die mindestens 150% über dem Rentenanspruch liegt, den sie über die Jahre ihrer Erwerbstätigkeit erwirtschaftet haben, um auf diese Weise die entsprechenden Arbeiter für die kürzere Zeit, in der sie eine Rente beziehen, zu entschädigen. Auf diese Weise wäre sichergestellt, dass nicht Arbeiter über Jahrzehnte die Rente finanzieren, in deren Genuss alle außer ihnen kommen.

Aber derartige Fragen der Gerechtigkeit interessieren die SPD derzeit nicht. Die ehemalige Arbeiterpartei ist mit Erziehungszeiten, Umweltschutz und Europa beschäftigt und hat die Klientel, in deren Namen sie immer noch zu handeln vorgibt, vergessen.

Literatur

Hoffmann, Rasmus (2008). Socioeconomic Differences in Old Age Mortality. Berlin: Springer.

Klein, Thomas (1999). Soziale Determinanten der aktiven Lebenserwartung. Zeitschrift für Soziologie 28(6): 448-464.

Klein, Thomas (1993). Soziale Determinanten der Lebenserwartung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45(4): 712-730.

Schacht, Konrad (2008). Ist Frankfurt eine CDU Hochburg? In: Schroeder, Wolfgang (Hrsg.). Parteien und Parteiensystem in Hessen. Vom Vier- zum Fünfparteiensystem? Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.361-370.

Voges, Wolfgang & Groh-Samberg, Olaf (2011). Der Einfluss von Einkommenslage und Lebenslage auf das Mortalitätsrisiko.

Fünf Jahre wegen Joggen! Offizielle Erklärung für das “Gender Life-Expectancy Gap”

Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat man die Männer entdeckt. Und mit der Entdeckung der Männer ging eine weitere Entdeckung einher: Männer leben gut 5 Jahre kürzer als Frauen. Während ein heute geborener Junge eine Lebenserwartung von 77 Jahren hat, hat ein heute geborenes Mädchen eine Lebenserwartung von 82 Jahren. Nicht nur hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die unterschiedliche Lebenserwartung entdeckt, nein, die Bundeszentrale hat auch gleich einen Hauptgrund für das unterschiedlich lange Leben gefunden: Männer bewegen sich weniger als Frauen:

“Männer bewegen sich auch zu wenig. Laut einer Umfrage des Robert-Koch-Instituts folgen nur knapp ein Viertel (23%) der Männer in Deutschland der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und sind fünfmal in der Woche 30 Minuten sportlich aktiv. Zur Förderung der Gesundheit bei Männern stellt das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) die Broschüre “Männer in Bewegung! Auswirkungen von körperlicher Aktivität auf die psychische (!sic) Gesundheit bei Männern” und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) das Informationsportal www.männergesundheitsportal.de vor.

Zu lernen gibt es bei dieser Vorstellung für Männer – wie man sieht – eine ganze Menge: Sie treiben nicht regelmäßig Sport, obwohl Sport und Bewegung, wie Thomas Ilka weiß, wichtige Bestandteile einer gesunden Lebensweise sind und zudem Spaß bringen und die Stimmung heben. Männer, so geht es weiter mit erhobenem Zeigefinger, trinken mehr Alkohol als Frauen, rauchen mehr als Frauen und ernähren sich auch ungesünder, das weiß Prof. Dr. Elisabeth Poth beizusteuern (ohne Beleg übrigens), und deshalb und in aller Kürze, sind sie selbst schuld an ihrer im Vergleich zu Frauen kürzeren Lebenserwartung. (Die Broschüre bezieht sich übrigens wirklich auf die “psychische Gesundheit” von Männern und das scheint mir dann ein Indiz dafür zu sein, dass hier Zynismus oder Unsinn betrieben wird, denn ich glaube nicht, dass Tod unter die psychischen Erkrankungen fällt…)

Diese Rabulistik ist mir doch etwas zu krude, um die unterschiedliche Höhe der Lebenserwartung von Männern und Frauen zu erklären, zumal das hohe Lied des Kollektivismus immer dann in Misstönen endet, wenn man es konkret anwendet, z.B. auf Erwin Horstkemper, der sein Geld bei der Müllabfuhr verdient. Fast täglich und mindestens fünf Mal in der Woche läuft Erwin mehrere Kilometer von Tonne zu Tonne, stemmt mehrere Kilo und nun soll er, weil er sich zu wenig bewegt und vermutlich zuviel trinkt, abends noch 30 Minuten im “schicken Dress” aufs Mountain bike steigen und sich mit seinen 45 Jahren aufführen wie ein Jugendlicher? Und das soll gesund sein, soll ihm Spaß und eine gehobene Stimmung bringen? Oder wie wäre es mit Karl Weber. Karl Weber arbeitet auf dem Bau und trägt täglich etliche Kilo Steine, die er der Einfachheit halber auch gleich einmauert. Auch für Karl wäre es demnach gesund, abends noch ein paar Runden um seine Stammkneipe zu rennen, am besten in kurzen Hosen, damit die Kollegen in der Kneipe beim Bier auch was zum Lästern haben.

Die Beispiele zeigen zum einen, wie hanebüchen die Idee ist, die fünf Jahre längere Lebenserwartung von Frauen im Vergleich zu Männern hätte auch nur entfernt etwas mit “Bewegung” zu tun, sie zeigt den Unsinn von Versuchen, kollektive Allheilmittel auf Individuen zu übertragen, und sie macht den sozialen Hintergrund derjenigen deutlich, denen der besagte kollektive Unsinn einfällt. Nur so viel: Sie arbeiten weder auf dem Bau noch bei der Müllabfuhr.

Ich habe die Bewegungsinitiative der Bundeszentrale zum Anlaß genommen, um die Todesursachenstatistik (die sinnvoller Weise der Gesundheitsberichterstattung des Bundes zugeordnet ist) ein wenig genauer anzusehen. Dabei bin ich auf das ein oder andere Indiz dafür gestoßen, dass die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern eher dadurch erklärt wird, dass mehr Männer öfter und mehr arbeiten als Frauen. Wenn man das Gender Life-Expectancy Gap schließen will, dann kann man dass entsprechend nur dadurch, dass man Männer weniger und andere Arbeit und mehr zu Hause bleiben verordnet.

Die erste Hypothese, um zu belegen, dass Männer durch mehr Arbeit mehr Gelegenheit haben, ihr Leben zu verkürzen, lautet: Mehr Tote Männer durch Arbeitsunfälle. Die zugehörige Hilfshypothese lautet: Wer weniger zu Hause sitzt, hat mehr Gelegenheit, einen Unfall zu erleiden: Mehr Tote Männer durch Unfälle. Die folgende Abbildung zeigt, dass beide Hypothesen zutreffen. Wie man sieht, sind rund 97% aller durch einen Arbeitsunfall Getöteten männlich. Auch unter den Unfalltoten sind mehr Männer als Frauen, das Verhältnis lautet hier 55:45. Der Vergleich der Jahre 1998 und 2010 zeigt zudem, dass sich anteilig nicht viel verändert hat. Wenig verändert hat sich auch die Anzahl der Unfallopfer: Fielen 1998 11849 Männer und 8184 Frauen einem Unfall zum Opfer, waren es 2010 10956 Männer und 9287 Frauen. Die Menge der Arbeitsunfälle hat sich dagegen deutlich reduziert, von 601 toten Männern (33 tote Frauen) im Jahre 1998 auf 379 tote Männer (15 tote Frauen) im Jahre 2010. Ob es den bei Unfällen welcher Art auch immer Getöteten geholfen hätte, wenn Sie sich häufiger bewegt hätten, weniger getrunken und geraucht hätten?

Die zweite Hypothese lautet: eine höhere Belastung im Arbeitsleben schlägt sich in einer höheren vorzeitigen Mortalität nieder, d.h. in einem größeren Anteil von Männern, die versterben, bevor sie das Rentenalter erreichen. Dieser Hypothese unterliegt die Annahme, dass das Arbeitsleben mit seinen Anforderungen sich stärker auf die Gesundheit auswirkt als 30 Minuten Sport fünfmal in der Woche. Die nächste Tabelle zeigt vor diesem Hintergrund die Anzahl der vorzeitig (bevor sie das Alter von 65. Jahren erreicht haben) Verstorbenen auf die häufigsten Todesursachen für beide Geschlechter.

alle männlich weiblich
Vorzeitig Gestorbene 137431 90078 47353
Krebs 52099 29284 22815
Kreislauferkrankung 28453 21106 7347
Verletzung, Vergiftung 14368 10910 3458
Erkrankung Verdauungssystems 10774 7453 3321

Wie die Tabelle zeigt, sterben deutlich mehr Männer vorzeitig als Frauen: 90078 Männern stehen 47353 Frauen gegenüber. Die häufigsten Ursachen, die einen vorzeitigen Tod befördern, sind bei beiden Geschlechtern dieselben: Krebs, Kreislauferkrankungen, Verletzungen, Vergiftungen und Erkrankungen des Verdauungssystems. Könnte man diese größere Zahl vorzeitig sich aus dem Diesseits verabscheidender Männer dadurch reduzieren, dass man Männern mehr Bewegung, weniger Alkohol und Tabak und gesündere Ernährung verordnet oder sind die Ergebnisse nicht doch eher Folge davon, dass das Leben von vielen Männer um berufliche Aktivitäten und die Alleinernährerrolle zirkelt, während das Leben vieler Frauen von Kindern und Haushalt aufgefüllt wird? Wäre Ersteres der Fall, das Muster der Ursachen eines vorzeitigen Todes von Männern und Frauen müsste sich unterscheiden, wäre Letzteres der Fall, das Muster dürfte sich nicht unterscheiden. Wie die Abbildung zeigt, unterscheidet sich das Muster der Ursachen vorzeitigen Ablebens nicht: Männer wie Frauen sterben am häufigsten an Krebserkrankungen, an zweiter Stelle stehen für beide Geschlechter Kreislauferkrankungen als Todesursache, gefolgt von Verletzungen und Vergiftungen sowie Erkrankungen des Verdauungstrakts. Die Bedeutung der genannten Todesursachen für das vorzeitige Ableben ist also zwischen den Geschlechtern nicht unterschiedlich, was unterschiedlich ist, ist die Prävalenz, die Häufigkeit der Todesursachen. Und wenn eine Verteilung zu erklären ist, die zwischen zwei Gruppen im Muster identisch ist, sich nur in der Ausprägung unterscheidet, dann gilt es nach einer Variablen zu suchen, die sich systematisch zwischen beiden Gruppen unterscheidet, aber sich in gleicher Weise auf das Muster der Todesursachen auswirkt. Mir fällt dazu die höhere Erwerbsbeteiligung und die Beschäftigung von Männern in gefährlichen und körperlich fordernden Berufen ein – und nichts anderes.

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