Tit-for-Tat: Liberale Moral

Moral, ein Begriff, der immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheint, beschreibt ein Normensystem, das Auffassungen über richtig und falsch, über gut und böse beinhaltet. Offenkundig flottiert ein solches Normensystem nicht frei im Raum. Es muss vereinbart und entsprechend verhandelt werden.

Kant für Anfänger

Kant für Anfänger

Zum Glück gibt es eine Vielzahl geteilter Vorstellungen darüber, was richtig und falsch, gut und böse ist, geteilte Vorstellungen, die sich auf Basis der conditio humana und auf Basis einer menschlichen Entwicklungsleistung einstellen, die Immanuel Kant in seinem kategorischen Imperativ beschrieben und Thomas Hobbes als die wichtigste seiner Verstandestugenden gefasst hat. Gemeint ist damit die Einsicht, dass man anderen besser mit Wohlwollen begegnet, denn tut man es nicht, so könnte es passieren, dass einem diese anderen auch nicht mit Wohlwollen begegnen.

Bei Kant nimmt diese Einsicht eine normative Form an („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde”), bei Hobbes ist es eine Leistung der Vernunft, die intelligente Menschen zu dem Schluss kommen lässt, dass Vorteile, die sie sich z.B. durch Übergriffe auf andere Menschen verschaffen können, schnell durch Schutzmaßnahmen zunichte gemacht werden, die man gegen Übergriffe durch andere Menschen ergreifen muss.

Moral baut grundlegend auf dieser Einsicht auf und ist entsprechend eine Entwicklungsleistung, von der man sagen könnte, dass sie den Menschen erst zum Menschen macht, und sie ist eine Entwicklungsleistung, die manche nicht zu erbringen im Stande sind.

Es ist relativ einfach, diejenigen zu erkennen, die die entsprechende Entwicklungsleistung nicht erbracht haben: Sie können anhand von zwei Kriterien erkannt werden:

  • Sie verursachen Dritten Externalitäten, indem sie physische, psychische oder intellektuelle Übergriffe auf deren Integrität vornehmen.
  • Sie vertrauen darauf, dass jene Dritte die Externalitäten hinnehmen. Sie ruhen sich auf der Liberalität ihrer Opfer aus und kalkulieren damit.

Elisabeth Tuider ist jemand, der diese beiden Kriterien erfüllt. Sie will sexualpädagogisch intervenieren, und sie bereitet all denen moralische Externalitäten, die nicht der Ansicht sind, man müsse ihre Kinder oder generell Kinder in Schulen mit Analverkehr und der Einrichtung eines Bordells belästigen. Und sie ruht sich darauf aus, dass die entsprechend moralisch Verletzten sich nicht zur Wehr setzen, Tuider nicht sagen, was sie von den entsprechenden Ansinnen halten – in der pazifistischsten Variante.

Lann Hornscheidt ist ebenfalls jemand/etwas, das/der/die diese Kriterien erfüllt. Er/sie/es will eine neue Sprache durchsetzen und ruft dazu auf, dieses Durchsetzen über “Interventionen” vorzunehmen, die z.B. darin bestehen, Veranstaltungen von Gegnern ihrer/seiner Ideologie zu stören oder Bücher, die von dem abweichen, was Hornscheidt für richtig hält, zu beschädigen. Er/sie/es verursacht Externalitäten für Dritte, die sich z.B. mit einer seltsamen für sie nicht verständlichen Sprache konfrontiert sehen, die ihnen nichts sagt, oder die sich mit einem studentischen Mob in ihren Veranstaltungen oder mit fehlenden Seiten in Büchern konfrontiert sehen. Er/sie/es vertraut darauf, dass die entsprechenden Adressaten der “Interventionen” sich nicht zur Wehr setzen und erdulden, was ihnen zugemutet wird.

Aus liberaler Sicht stellt sich die Frage, wie man mit Personen umgeht, die offensichtilch eine Entwicklungsleistung zum moralischen Menschen nicht erbracht haben, die nicht in der Lage sind, eine einfache Überlegung anzustellen, die da lautet: Was passiert, wenn andere mich so behandeln, wie ich andere behandle?

Axelrod1Die Antwort findet sich in einem Buch, das Robert Axelrod bereits 1984 veröffentlicht hat, und sie lautet: Tit-for-Tat. Tit-for-Tat ist ein Computerprogramm, das Anatol Rapoport entwickelt hat. Es besteht aus genau 5 Anweisungen in FORTRAN und hat sich in einem Turnier gegen 62 konkurrierende Computerprogramme durchgesetzt. Ziel des Turniers war es, die Strategie zu finden, die für Kooperationen zwischen Akteuren den größten Erfolg verspricht. Tit-for-Tat ist das Programm, das in Kooperationen zu den besten Ergebnissen führt. Es startet mit Goodwill, mit Wohlwollen und reagiert in der Weise, in der ihm begegnet wird. Nimmt das Gegenüber das Kooperationsangebot von Tit-for-Tat an und kooperiert seinerseits, dann kooperiert Tit-for-Tat weiterhin. Versucht das Gegenüber das Kooperationsangebot und die damit verbundene Vorleistung auszunutzen und defektiert, dann reagiert Tit-for-Tat ebenfalls mit Defektion und kündigt die Kooperation auf.

Die Funktionsweise von Tit-for-Tat kann nun genutzt werden, um das moralische Dilemma, in dem sich Liberale befinden, wenn sie mit Personen konfrontiert sind, die die moralische Entwicklungsleistung, die hier beschrieben wird, nicht erbracht haben, die Übergriffe auf Dritte landen, wie dies für Tuider und Hornscheidt beschrieben wurde.

Wenn demnach Tuider oder Lann Hornscheidt das Wohlwollen, das ihnen entgegen gebracht wird, z.B. dadurch, dass man sie auf ihren Positionen gewähren lässt und nicht nach dem Nutzen, den sie erbringen, fragt, mit Defektion goutieren, wenn sie Externalitäten durch Übergriffe auf Dritte, seien es Schüler, seien es Lehrende an Universitäten und ihre Studenten, seinen es Leser, die mit fehlenden Seiten in Büchern konfrontiert sind, verursachen, dann erfordert dies eine entsprechende Reaktion, ein “Tat”, eine Form der Abschreckung, die den Aggressoren zeigt, dass sie eine Grenze überschritten haben und sich besser und so schnell wie möglich auf ihre Seite der Grenze zurückziehen.

Wie kann diese Abschreckung aussehen? Nun, sie besteht darin, den Aggressoren ihre eigene Medizin zu trinken zu geben.

Lann Hornscheidt ruft dazu auf, die Veranstaltungen anderer zu stören, deren Lehre Inhalte umfasst, die Lann Hornscheidt nicht positiv beurteilt. Entsprechend kann Lann Hornscheidt nichts dagegen haben, wenn diejenigen, die mit dem, was Lann Hornscheidt vorschlägt, nicht einverstanden sind, in ihre/seine Veranstaltungen drängen, um dort zu stören.

Lann Hornscheidt ruft dazu auf, aus Büchern Seiten herauszureißen, die Inhalte haben, die von ihm/ihr nicht positiv beurteilt werden. Entsprechend kann Lann Hornscheidt nichts dagegen haben, wenn diejenigen, die mit dem, was Lann Hornscheidt schreibt, nicht einverstanden sind, Bücher von Lann Hornscheidt zur Hand nehmen und Seiten, die ihnen nicht gefallen, herausreißen.

Moron borderTuider behauptet, ihre sexualpädagogischen Interventionen in Klassenräumen seien gerechtfertigt, um Kinder zu selbständigen Menschen zu erziehen, entsprechend kann sie nichts dagegen haben, wenn die selbständigen Menschen ihre neu erworbenen Kenntnisse in ihrem Büro ausleben.

Und so weiter.

Ein vernünftiger Mensch, ein Mensch, der den kategorischen Imperativ von Kant verinnerlicht hat, wird natürlich erkennen, dass er sich in einer Eskalationsspirale befindet, dass es wenig Sinn macht, Übergriffe mit Übergriffen mit Übergriffen zu beantworten. Ein Vernünftiger Mensch wird wissen, dass diese Eskalationsspirale der Grund dafür ist, dass er Übergriffe auf Dritte unterlässt.

Tuider und Lann Hornscheidt fehlt diese Einsicht. Sie sind über die Reaktionen auf ihre “Interventionen” überrascht, was der beste Beleg dafür ist, dass sie die Entwicklungsleistung zum moralischen Menschen (noch) nicht erbracht haben. Sie müssen es entsprechend auf die harte Tour lernen, wie man so schön sagt, in dem sie – wie oben dargestellt – mit den Folgen, ihrer Übergriffe konfrontiert werden, immer in der Hoffnung, dass sich spätestens dann ein Lerneffekt einstellt.

 

Genetisches Enhancement – Genetisches Doping

Religion und Politik, so die Benennung eines so gernannten Exzellenzclusters an der Universität Münster, aus dem eine interessante Arbeit zum Thema “Genetisches Enhancement” stammt, die gerade bei Springer veröffentlicht wurde.

Genetisches Enhancement oder, wie wir lieber sagen, weil es treffender ist: genetisches Doping, wird in diesem Buch, das Lioba Welling verfasst hat, wie folgt definiert:

genetisches Enhancement“Als ‘Enhancement’ werden somit Eingriffe bezeichnet, welche die menschliche Gestalt über das Maß hinaus verbessern sollen, das für die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit erforderlich ist. Dies kann die Verbesserung einer Funktionsweise bedeuten, aber auch das Hinzufügen neuer Eigenschaften und Fähigkeiten umfassen (20).”

Pointiert formuliert ist unter genetischem Enhancement also eine Form des umfassenden Dopings zu verstehen, etwa so:

  • Sie sind strunzdumm, wollen aber hyperintelligent sein? Genetisches Enhancement fügt ein paar Gensequenzen ein, die für etwas mehr “Sparkle” im Gehirn sorgen.
  • Sie sind feige und wollen die Eigenschaft “Mut” ihrem Repertoire hinzufügen? Genetisches Enhancement fügt das Mut-Gen in die Sequenz der Einstellungen gegenüber der Außenwelt ein und entfernt die Angst-Sequenz.
  • Sie haben es satt, krank zu sein? Genetisches Enhancement macht sie zum ewig Gesunden.

Inwieweit diese Beispiele der Realität des genetischen Enhancements entsprechen, wie weit die Möglichkeiten genetischen Dopings bereits gediehen sind, das ist eines dieser Tabus, das im öffentlichen Diskurs besteht, so dass über das, was möglich ist, nicht diskutiert wird.

Deshalb sind Bücher, wie das von Welling wichtig, denn sie machen auf Dinge aufmerksam, zeigen Entwicklungen auf, die unter unserer aller Nase weitgehend unbemerkt stattfinden. Der Markt für genetisches Enhancement, so es denn serienreif werden sollte, ist nach Ansicht von Welling vorhanden: “Der Wunsch nach genetischen Verbesserungen”, so sagt sie, “kann bei vielen Menschen aufkommen [oder auch nicht]. … Dahinter stehen ähnliche Motive wie bei Schönheitsoperationen, Doping oder hohen Bildungsinvestitionen: die Hoffnung auf Schönheit, Gesundheit, Leistung und Erfolg”.

Wer also mit sich nicht zufrieden ist, weil seine Leistung im Fussball hinter der von Gareth Bale zurückbleibt, dem macht genetisches Enhancement Hoffnung. Na ja, indirekte Hoffnung, denn im Moment ist das alles noch Zukunftsmusik, wenngleich kurzfristige Zukunftsmusik, die sich in 10, vielleicht 20, vielleicht 30 Jahren zum realen Konzert entwickelt haben wird, und die durch das Grundgesetz nicht verboten ist. Denn: wie Welling im siebten Kapitel ihres Buches ausführt, Verbesserungen am Erbgut verletzen dann keine Grundrechte, wenn sie mit hinreichender Sicherheit ausgeführt werden können, wenn Ärzte also garantieren können, dass die Verbesserung, das genetische Doping, den gewünschten Effekt auch hat.

Gibt es also bald ein Volk bestehend aus Superfussballern und Denk-Monstern? Nun, genetisches Doping wird nicht billig. Entsprechend wird es eine soziale Schichtung bei den Gedopten geben: Wer mehr Geld hat, kann sich genetisch verbessern, wer wenig Geld hat, nicht. Eine Herausforderung für die AOK. Gleichzeitig verbinden sich mit der Ko-Existenz von Gedopten und nicht Gedopten normative Probleme, denn wie soll man die Leistung des Gedopten (des Genverbesserten) im Vergleich zur Leistung des nicht Gedopten (nicht Genverbesserten) honorieren? Ersterem fällt seine höhere Leistung ja leichter, und er hat einen unfairen Startvorteil.

Fragen über Fragen, die Welling anspricht und ansatzweise diskutiert, und es kommt ihr sicher das Verdienst zu, ein Buch veröffentlicht zu haben, das, sofern es wahrgenommen wird, dazu führen könnte, dass selbst in Deutschland die Konsequenzen aus einer Entwicklung diskutiert werden, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Nur eine Frage, die naheliegt, aber in deutscher Literatur systematisch fehlt, fehlt auch bei Welling, nämlich die Frage staatlicher Eingriffe. Wie immer, kommt der Staat nur als guter Hirte vor, der entweder seine Hände schützend über seine Schäfchen legt und das Erbgut eines Menschen für unantastbar erklärt oder seinen Schäfchen verbietet, Schöpfer ihrer selbst zu sein. Der Staat, als Konglomerat von Akteuren, die nach ihrem Vorteil suchen und somit eigene Interessen haben, kommt nicht vor, jener Staat, der genetisches Doping einsetzen könnte, um seine Gesellschaft zum Beispiel zu stratifizieren, in Arebitsdrohnen und Arbeiterverwalter, indem man Letztere genetisch verbessert und erstere genetisch verschlechtert, denn was in die eine Richtung geht, geht natürlich auch in die andere Richtung.

supersoldierUnd was wäre dienlicher als eine soziale Klasse der Arbeiterdrohnen, denen man zudem die Sprachfähigkeit genetisch ab-verbessern könnte, damit sie nicht maulen und ihr Los schweigend ertragen und sich vor allem nicht zusammenschließen und Aufwiegelungsreden halten, die all die Arbeiten tun, die diejenigen, die mit dem Verwalten beschäftigt sind und sich für zu wichtig halten, als dass sie ihre Hände benutzen könnten, nicht tun wollen, schon weil sie gerade mit erheblichen Menschheitsproblemen beschäftigt sind, z.B. mit der Frage, wie man seine eigenen Deprivationen in einen Forschungsgegenstand umwidmet, der ein Auskommen verspricht.

Und natürlich fällt x-files Kennern der Super-Soldier ein, jener genetische Mutant, der nicht schlafen muss und dem das moralische Bewusstsein ab-verbessert wurde, damit er beim Töten keine Skrupel hat. Auch eine sehr nützliche genetische Verbesserung, die einmal mehr zeigt, dass die Frage, was als genetische Verbesserung als akzeptables genetisches Doping zu gelten hat, relativ zu den Interessen derjenigen ist, die die Verbesserung vornehmen.

Und deshalb ist es so wichtig, darüber zu diskutieren, gerade in Deutschland.

Das Lied der Partei und Aktion: Pay for it

Gestern haben wir auf das Lied der Partei verlinkt. Aber ein Link ist eigentlich nicht genug, um diesem traurigen Zeitzeugen eines kollektiven und menschenverachtenden Geistes, der einst die DDR aus Ruinen auferstehen und in eben diesen Ruinen leben ließ, gebührend Rechnung zu tragen. Deshalb wollen wir dem Lied der Partei, das Louis Fürnberg 1949 geschrieben hat und das über die Dauer der DDR die Hymne der SED war, heute einen würdigen Platz auf ScienceFiles einräumen. Wer nachdem er den Text gelesen hat, immer noch der Meinung ist, man könne und dürfe sozialistische Experimente machen, dem ist nicht mehr zu helfen:

Klicken Sie, um in die richtige Richtung geschubst zu werden!

Klicken Sie, um das Lied auch akkustisch zu genießen!

Sie hat uns alles gegeben,
Sonne und Wind, und sie geizt nie.
Wo sie war, war das Leben,
Was wir sind, sind wir durch sie.
Sie hat uns niemals verlassen,
Frohr auch die Welt, uns war warm.
Uns schützt die Mutter der Massen,
Uns trägt ihr mächtiger Arm.

Die Partei, die Partei,
Die hat immer recht
Und Genossen es bleibe dabei,
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer Recht,
Gegen Lüge und Ausbeuterei.
Wer das Leben beleidigt,
Ist dumm oder schlecht,
Wer die Menschen verteidigt,
Hat immer recht.
So aus Lenin’schem Geist
Wächst von Stalin geschweißt
Die Partei, die Partei, die Partei.

Sie hat uns niemals geschmeichelt.
Sank uns im Kampfe auch immer der Mut.
Hat sie uns leis nur gestreichelt:
“Zagt nicht!” und gleich war uns gut.
Zählt denn noch Schmerz und Beschwerde,
Wenn uns das Gute gelingt.
Wenn man den Ärmsten der Erde,
Freiheit und Frieden erzwingt?

Die Partei, die Partei,
Die hat immer recht …

Sie hat uns alles gegeben,
Ziegel zum Bau und den großen Plan.
Sie sprach: “Meistert das Leben,
Vorwärts Genossen, packt an.”
Hetzen Hyänen zum Kriege,
Bricht euer Bau ihre Macht.
Zimmert das Haus und die Wiege,
Bauleute seid auf der Wacht!

Die Partei, die Partei,
Die hat immer recht …

Deutlicher kann man die Verachtung des Individuums nicht machen. Deutlicher kann man die im Sozialismus angelegte Überschätzung, man wisse, was richtig und gut und wahr ist und könne das Leben anderer planen, für sie sprechen und über sie bestimmen kaum machen. Und wer weiß, vielleicht hat die derzeit in Vergessenheit geratene Hymne ja eine Zukunft, dann, wenn die deutsche Regierung ihre Bevölkerung jetzt schubsen will, in die richtige Richtung schubsen will, setzt das voraus: “Die Regierung, die Regierung, die hat immer recht und Genossen es bleibe dabei …”.

Zum Thema die Bevölkerung Schubsen gibt es eine neue Untersuchung, die Lee Shephard, Ronan E. O’Carroll und Eamonn Ferguson erstellt haben. Über 13 Jahre (2000 bis 2012) haben sie die Spenderaten von Organen in Ländern mit unterschiedlichen Systemen zum Schubsen der Bevölkerung untersucht. Während in manchen Ländern Organspende als Standard gesetzt wird, und Nicht-Spender ihre Nichtspende erklären müssen (opt-out), wird in anderen Ländern das Nichtspenden als Standard gesetzt und Spender müssen ihre Spendewilligkeit erklären (opt-in).

Das Ziel beider Systeme besteht darin, so viel wie möglich Organe zu ernten (to harvest), und entsprechend ist die Menge der geerntete Organe das Maß aller Dinge. Die Ergebnisse: Mehr Organe gibt es bei opt-out Systemen, vermutlich weil viele vergessen, dem System ihre Organe zu entziehen bevor sie der Tod ereilt. Dafür gibt es in opt-in Systemen mehr Lebensspender also Menschen, die eine ihrer Nieren spenden und mit der verbleibenden weiterleben.

Das verkompliziert das Unternehmen “Organspende”, denn wie so oft im Leben erweist sich die Realität als komplexer als die Gedankengänge der nach ihrer eigenen Überzeugung allwissenden Planer. Das gibt einem ein Gefühl der Zufriedenheit, zeigt es doch, dass die Planer planen können wie sie wollen und dennoch hinter ihren Zielen zurückbleiben werden. Egal, wie geschubst wird, immer wird sub-optimal geschubst, denn die gewählte Form der Schubserei bleibt in mindestens einem Punkt hinter dem Ergebnis der abgwählten Form der Schubserei zurück.

Allerdings ist es ärgerlich, wie Planer und Ärzte und all diejenigen, die am Organhandel verdienen, denken, sie könnten mit den Organen ihrer Bevölkerung planen, mit den Organen der naiven Spender, die umsonst hergeben, woran andere sich dann eine goldene Nase verdienen. Deshalb und um die Fronten im Organhandel gerade zu rücken, haben wir eine Aktion gestartet:

If you want my organ – pay for it.

Wenn Ihr eines meiner Organe wollt – zahlt dafür!

Es ist nämlich nicht einzusehen, dass ausgerechnet diejenigen, die die Güter bereitstellen, auf denen die Wertschöpfungskette des Organhandels aufbaut, leer ausgehen.

Pay for it

Was ist ein Mensch wert?

Allein die Überschrift wird manche schon verärgern. Menschen kann man nicht nach Wert bemessen. Ihren Nutzen kann man nicht in Zahlen angeben. Menschen sind ein Wert an sich, so wird behauptet und mit dieser Behauptung auf den Lippen wird um jeden Menschen, geboren oder ungeboren, gekämpft – oder auch nicht.

Aber: Der Wert eines Menschen variiert massiv mit dem Verwendungszusammenhang.

carnageMenschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, unterliegen einer seltsamen Metamorphose. Sie werden zu Extremisten und Zivilisten, die bei einem Militärschlag getötet wurden. Die Objektivierung der ehemligen menschlichen Subjekte findet sich nicht nur bei kriegersichen Auseinandersetzung, auch bei ideologischen Auseinandersetungen: politische Gegner werden zu Populisten, Extremisten, Kritiker werden zu prekären Existenzen, zu ärgerlichen weißen Männern. Ziel der Objektivierungen: Den Wert der entsprechend bezeichneten Menschen in Frage stellen.

Und das, obwohl die UN angeblich um jedes Menschenleben kämpft, sich UNICEF weltweit für die Rechte und das Leben von Kindern stark macht. Nur: Sind die Kinder einmal erwachsen, werden die Menschen z.B. zu Palästinensern, die in ihrem Staatsgefägnis aufbegehren, werden sie zu Menschen, über die man nicht mehr so einfach Mitleid ausgießen kann, wie dies bei Kindern noch möglich ist, dann reduziert sich augenscheinlich ihr Wert: Dann werden sie zu Hamas-Extremisten, Islamisten, Terroristen, sie werden Ewiggestrige, die der Moderne im Weg stehen.

Den Möglichkeiten zur Objektivierung von Menschen sind keine Grenzen gesetzt. Immer funktioniert die Objektivierung über Gruppenbildung: Wenn Individuen einer Gruppe zugeordnet werden, werden sie ent-menschlicht, sie sind ab sofort nicht mehr Ahmed Al-Nur, der im Gaza-Streifen wohnt, sondern Hamas-Terroristen, sie sind nicht mehr Arne Hoffmann, der Kritik am Genderismus übt, sondern Männerrechtler, linke Männerrechtler in seinem Fall, sie sind nicht mehr Kevin Preis, dem die Grundschulempfehlung verweigert wird, weil sein Vater als Hilfsarbeiter tätig ist, sondern Kinder aus bildungsfernen Schichten.

Die Objektivierung in Gruppen hat den Vorteil, dass man die individuellen Unterschiede nunmehr ignorieren kann, so tun kann, als wären alle Männer gleich, als wollten alle Frauen nur das eine, als wären alle AfD-Wähler Rechtsextremisten und alle Türken in Deutschland verhinderte IS-Kämpfer. Die entsprechenden psychologischen und sozialpsychologischen Vorteile, die sich mit dieser Form der Objektivierung verbinden, sind unter den Stichworten Stereotype und Vorurteile gut erforscht, sie sollen uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren.

Uns geht es um den Wert von Menschen, und wie die Ausführungen bislang zeigen, ist der Wert von Menschen Gegenstand einer Askription. Trotz aller Bekundungen von der Gleichheit der Menschen, trotz aller Lippenbekenntnisse über den Wert an sich, den jedes menschliche Leben darstellt. Zudem haben Menschen einen inkorporierten Wert, der sich als Summe ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten darstellt -

Brown prejudicez.B: im Hinblick auf ihr Humankapital: Spezialisierte Arbeiter, die in der Lage sind, nachgefragte Leistungen zu erbringen, haben einen höheren Wert als Personen, die es in ihrem Leben nie für notwendig gefunden haben, sich in irgend etwas zu bilden und zu entwickeln. Erwachsene Menschen, die am gesellschaftlichen Leben z.B. durch Arbeit teilhaben, haben einen höheren Wert als Kinder, Letztere kosten die Gesellschaft, erstere bringen einen Beitrag für die Gesellschaft. Entsprechend lächerlich ist die politisch korrekte Routine, die in öffentlich rechtlichen Anstalten die Insassen verpflichtet, die Toten bei einem Flugzeugabsturz nach Alter zu differenzieren.

Aber diese Routine, die Tote nach Wert unterscheidet, denn wollte man nicht behaupten tote Kinder seien mehr Wert als tote Erwachsene, man müsste die Toten nicht in entsprechende Altersgruppen zerlegen, diese Routine, sie hat ihren Sinn, sie wirkt über Objektivierung und Gruppenbildung und vermittelt den Eindruck, dass bestimmten Gruppen von Dritten ein höherer Wert zugeschrieben wird als anderen Gruppen. Dieses soziale Ranking des Wertes von Menschen funktioniert ausschließlich über Gruppen, Gruppen, die mit einer positiven Konnotation versehen sind.

Die Litanei der deutschen Wertzuschreibung beginnt bei Frauen, die höheren Wert haben als Männer, und zwar über eine Opfer-Erzählung, die genutzt wird, Frauen, also solche, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren lassen wollen, in allen Lebenslagen zu fördern. Frauen und Kinder stehen in etwa auf einer Stufe. Auch Kinder sind der Gegenstand vielfältiger Förderung und natürlich der Gegenstand von Erziehung, was heute die Vermittlung der Inhalte bedeutet, die die politisch-korrekte Erzählung in Deutschlands umfasst. Weiter sind die Gruppen der Altruisten und zivil Engagierte und Ehrenamtliche und Organspender gut angesehen, bieten den Willigen die Möglichkeit, sich von ihrer Individualität zu transzendieren und einen Wert zugewiesen zu bekommen.

Wie die Sirenen es mit Odysseus versucht haben, so versuchen moderne Profiteure Menschen zu ködern und zu fangen, ihnen etwa ein Leben nach dem Tod zu versprechen, z.B. durch Organspende. Organspende ist nicht nur ein Beispiel dafür, wie der Platz, der nach der vermeintlichen Säkularisierung und dem damit verbundenen Verschwinden des Lebens nach dem Tod freigeworden ist, gefüllt wird, sie ist auch ein Beispiel dafür, wie man Menschen objektiviert, als Organspender in diesem Fall, um sie dann in aller Gemützsruhe ausnehmen zu können, und zwar im doppelten Sinne.

Organspende appelliert an die Menschenliebe, gibt es doch so viele, die auf ein Spenderorgan warten, damit sie weiterleben können. Organspende macht sich das Mitleid von Menschen zunutze und verspricht Ihnen eine soziale Aufwertung, wenn sie ihre nach dem Tod unnützen Organe spenden. Lebendspendern wird, wie z.B. Selbstmordattentätern, eine Art Märtyrerdasein versprochen, wenn sie sich von einer Niere trennen, um einem Dritten das Überleben zu ermöglichen.

Soweit, so gut.

Ganz nebenbei wird über die Organspende eine Hierarchisierung vorgenommen, Organspender sind besondere Menschen, aber das ist nicht ihr einziger Wert, denn Organe, die gespendet werden, haben einen besonderen Wert, werden aufgrund der Nachfrage nach ihnen hoch gehandelt. Eine neue Niere kostet in Ungarn 30.000 Euro, Einbau inklusive. Der Wert von Menschen, von organspendenden Menschen ist demnach ein handfester Wert, er materialisiert sich für alle, die an der Produktkette beteiligt sind: Der Spender erhält einen kleinen Obolus für seine Niere, der Mittelsmann, der die Niere an einen Nachfrager vermittelt hat, erhält einen größeren Obolus und der Arzt, der die Niere entnimmt und einbaut, erhält einen mittelgroßen Obolus. Die Wertschöpfung des Handels mit Organen ist offensichtlich.

human organ tradeDrastisch wird diese Wertschöpfungskette im häufig beklagten “Organ Trafficking”, dessen Geschichte um kriminelle Banden rankt, die Arme in den Ländern Asiens und Afrikas oder Kriegsgefangene ausnehmen, um mit deren Organen einen hohen Profit zu erzielen. Seltsamer Weise bricht die Erzählung vom Organ Trafficking immer auf der Angebotsseite ab und berücksichtigt diejenigen, die auf der Nachfrageseite profitieren, die Ärzte, die sich für Transplantationen hergeben ebenso wie die Empfänger der Organe in keiner Weise, schon um nicht die Mitleids-Erzählung zu ruinieren, nach der Organempfänger arme und auf Hilfe angewiesene Menschen sind, die mit dem Tode ringen und nicht den Eindruck zu erwecken, es gebe eine Hierarche des menschlichen Werts, die die Organ-Lieferanten auf der untersten Stufe sieht.

Nicht nur im Rahmen der beschriebenen Formen des Organ-Handels, auch in Deutschland haben Organe einen Wert – für Krankenhäuser und Ärzte, sie werden abgerechnet und finanziert, eine Organtransplantation ist eine Operation, die dem durchführenden Krankenhaus Umsatz und Reputation verschafft und oft genug verdienen alle Beteiligten noch ein bißchen oder ein bißchen mehr nebenher. Entsprechend haben Spenderorgane auch in Deutschland für die an der Wertschöpfungskette Beteiligten einen Wert, ist Organspende ein Geschäft.

Im Gegensatz zur Organspende im Beispiel aus Ungarn, bei der ein Spender als Verkäufer seiner Niere auftritt und somit etwas mit seiner Organspende verdient, geht der deutsche Spender leer aus: Weder können die Angehörigen nach Tod eines erklärten Spenders seine Spendeprodukte gewinnbringend verkaufen noch können Lebendspender einen Profit aus ihrer Veräußerung gewinnen. Ihr Lohn besteht darin, sich einbilden zu können, sie seien ein guter Mensch und andere würden das auch so sehen, sie dafür schätzen, der Lohn der post-hum Ausgenommenen besteht darin, zu Lebzeiten stolz den Spendeausweis vorzeigen zu können.

Den Profit mit den Organen machen andere, das Gesundheitssystem, die an der Wertschöpfungskette Beteiligten, diejenigen, die davon profitieren, dass andere eine (Organ-)Leistung erbracht haben. Das nennen manche gelebte Solidarität oder wahren Altruismus, und es erfüllt auch alle Kriterien, die man an Sklaverei anlegt, in diesem Fall eine Form freiwilliger Sklaverei, bei der man Menschen einen psychologischen Wertzuwachs verspricht, wenn sie sich in die Gruppe der Organspender einfügen, die wiederum von denjenigen, die in der Wertschöpfungskette erst noch kommen, genutzt werden kann, um ihrerseits unter dem Mantel der Hilfe für Menschen in Organnot, zu profitieren. Die psychologische Werterhöhung des Organspenders entspricht demnach der monetären Werterhöhung bei professionellen Organverwertern.

 

 

Tabus der Altenpflege

Salbungsvolle Worte zum Wochenende:

“Zentrale Anliegen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sind es, dass eine qualitätsvolle Pflege gewährleistet wird, ältere Menschen mit Pflegebedarf ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen können und pflegende Angehörige in ihrer Aufgabe angemessen unterstützt werden.”

oder:

“Menschen mit Pflegebedarf müssen sich darauf verlassen können, die erforderlichen Leistungen zu erhalten.”

Altenbild

Altenbild

Die salbungsvollen Worte zum Thema “Altenpflege” werden ergänzt durch einen Altenbericht, in dem Alte fast nur als potentielle ehrenamtlich tätig bürgerlich Engagierte vorkommen. Verlieren sie ihren entsprechenden Wert, weil sie zum Pflegefall werden, dann verschwinden sie nicht nur aus dem Altenbericht, sondern auch aus der öffentlichen Wahrnehmung. Vorhanden ist dann nur noch die Arbeit, die Alte verursachen, etwa in Form der Werbetrommel, die für Altenpflegeberufe gerührt wird, dem Versuch, den eklantanten Fachkräftemangel wegzureden oder den Zahlen, mit denen im Rahmen der Pflegeversicherung jongliert wird. Wer nicht mehr vorkommt, das sind die Insassen von Altenpflegeheimen. Hinter wem sich erst einmal die Tür eines Altenpflegeheimes geschlossen hat, der ist dem Vergessen anheim gestellt, wie sich z.B. im sechsten Altenbericht zeigt, der an wenigen Stellen über zu pflegende Alte redet, aber nicht von ihnen berichtet.

Dies wird sehr deutlich am Begriff des Pflegeheims. Er kommt insgesamt 21 Mal auf den 293 Seiten des Berichts vor, wobei die Zusammenhänge, in denen er vorkommt, sehr auschlussreich sind, wie eine kleine Inhaltsanalyse zeigt:

  • In vier von 21 Zusammenhängen wird von Problemen in Altenpflegeheimen berichtet, ohne die Probleme auch als Probleme zu benennen. Eine Fremduntersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass zwei Drittel der Insassen in Altenpflegeheimen unter Mangelernährung leiden (xii). Jemand anderes findet, dass der hohe Verwendungsgrad freiheitsentziehender Maßnahmen in Altengefängnissen bedenklich sei (162). Schließlich wird angemerkt, dass es keinerlei Forschungsarbeiten zur Prävention von Stürzen alter Menschen in Pflegeheimen gibt (162). Das alles wird in einem distanzierten Ton berichtet, so wie man von Dingen berichten, die nicht sonderlich tangieren, ähnlich der Ebola-Berichterstattung aus Liberia – da gibt es welche, die leiden und sterben…
  • Viel wichtiger scheinen Altersbilder und ihre Auswirkung auf alles Mögliche zu sein, z.B. die Bereitschaft von Migranten, ihre Eltern in Pflegeheime zu stecken. Altersbilder kommen an sieben Stellen im Bericht im Zusammenhang mit Pflegeheim vor (57, 162, 181), und sie bilden, wenn man so will, den Rahmen, innerhalb dessen über Desozialisation (71) gefachsimpelt wird und die “Verknüpfung des Mikrosozialraums Pflegeheim” mit dem “kommunalen Sozialraum” (72) angeregt wird, was natürlich bürgerliches Engagement voraussetzt (71; 73) und etwas dadurch behindert wird, dass die Anzahl der Pflegeheimbewohner von manchen als zu hoch eingeschätzt wird (164), was im Hinblick auf 13% vakante Pflegeheimplätze (189) etwas erstaunt, aber im Zusammenhang mit der Patientenverfügung stehen kann, die vor allem Pflegeheiminsassen machen sollten (179).

limiting harmWie immer, wenn ein Thema in Deutschland offiziell behandelt wird, dann wird nicht das Thema, sondern eine Wunschvorstellung davon behandelt. Dies hat regelmäßig zur Folge, dass vom Thema Betroffene, Alte in Pflegeheimen in diesem Fall, nicht vorkommen, bestenfalls als Kostenfaktor oder Gegenstand freiheitsentziehender Maßnahmen oder als Verursacher von Selbst-Stürzen finden sie Berücksichtigung. Angesichts der angeblich so hoch sozialen Gesellschaft mit all ihren vielen hingebungsvollen Menschen, ist dies mehr als erstaunlich.

Fast so erstaunlich wie die Tatsache, dass ein international heißdiskutiertes Thema, nämlich das Thema der Iatrogenese (iatrogenesis) in Deutschland und im Zusammenhang mit Altenpflege keine Rolle spiel (im Altenpflegebericht kommt der Begriff “Iatrogenese” nicht vor), obwohl es eine sehr prominente Rolle spielen sollte. Iatrogenese bezeichnet Krankheit durch Behandlung, beschreibt die Folgen der Behandlung die manche Alte in Pflegeheimen erfahren.

Nicht nur um den salbungsvollen Worten und dem Schweigen, zu dem Pflegeheiminsassen verurteilt sind, entgegenzuwirken, sondern um eines dieser Tabus der deutschen Gesellschaft zu brechen, in dem der Gender-Firlefanz und die Vorlieben von kleinen Damen, die große Positionsinhaber spielen, wichtiger sind als das Wohlergeben einer ganzen Generation von Alten, hier ein Beispiel aus der Wirklichkeit, wie sie sich in Pflegeheimen abspielt.

Es ist die Wirklichkeit, der sich Herr S täglich gegenübersieht.

Herr S. ist 89 Jahre alt und bislang als rüstiger Rentner durch sein Leben gegangen. Eine Darm-Erkrankung, die ihn körperlich geschwächt hat, lässt dies nicht mehr zu. Also wird er vom Krankenhaus in ein Altenpflegeheim überstellt. Vorher bewohnte er ein eigenes Haus, nun teilt er sich ein Zweibettzimmer. Weil er geschwächt ist, ist er wackelig auf den Beinen. Nach mehreren Stürzen als Folge seiner Versuche, zur Toilette zu gelangen, und nachderm er bei seinem letzten Sturz gut 30 Minuten auf Hilfe warten musste, wird er in Windeln gepackt und zum Bettlägerigen gemacht – denn ein Pfleger, der ihn zur Toilette begleitet, ist nicht verfügbar.

Der Entprivatisierung seiner bisherigen Existenz durch Einlieferung in ein Zweibettzimmer folgt die Demütigung, die ihn zum würdelosen Dasein eines Inkontinenten verurteilt, obwohl er gar nicht inkontinent ist.

Besucher, die ihn an Wochenenden und Wochentags sehen, nehmen eine seltsame Abwesenheit und Interesselosigkeit bei ihm war, aber nur an Wochenenden. Das  hat seine Ursache darin, dass er an Wochenenden ruhig gestellt wird: Die Pflegersituation ist noch schlechter als an Wochentagen, entsprechend müssen die Alten eben medikamentös vor sich hindämmern.

Der Entprivatisierung und Demütigung folgt die medikamentöse Entmündigung, die Herrn S. willentlich seines Willens beraubt.

Nach nur wenigen Wochen im Pflegeheim hat Herr S. eine Lungenentzündung, die seine Überstellung auf die Intensivstation des örtlichen Krankenhauses zur Folge hat. Eine intensive Behandlung verbessert seinen Zustand, was dazu führt, dass er schnellstmöglich wieder aus dem Krankenhaus in sein Pflegeheim zurückgegeben wird, denn die Krankenkasse bezahlt keinen Krankenhausaufenthalt zur Pflege, da Herr S. schon zur Pflege im Pflegeheim ist.

Entprivatisiert, gedemütigt und entmündigt, hilflos, wie man Herrn S. hinterlassen hat, gibt es nur noch eines, das man ihm antun kann, man kann ihn seine Hilflosigkeit spüren lassen, ihn vernachlässigen. Wo die Grenze zwischen der Vernachlässigung und der Körperverletzung verläuft, wer will es entscheiden?

Fixierungen-in-der-PflegeWie lange Herr S. die Pflege noch überleben wird, ist derzeit noch eine offene Frage, deren Beantwortung wohl eher früher als später erfolgen wird. Beantwortet ist jedoch die Frage, was öffentlich finanzierte Altenpflegeheime mit Würde und Respekt vor dem Alter zu tun haben. Auf Basis eines Einzelfalls und dem, was ansonsten im Hinblick auf Iatrogenese (aus Ländern, in denen sie erforscht wird und die entsprechende Forschung kein Tabu darstellt), freiheitsentziehende Maßnahmen, wie das ans-Bett-Fesseln von Alten genannt wird, vermutlich um Alte in die Nähe von Kriminellen zu rücken oder auf Basis der endemischen Stürze, die auf sich gestellte Alte in den eigens für sie eingerichteten Pflegeheimen erleiden, von der weitverbreiteten Mangelernährung ganz zu schweigen, muss man feststellen, dass es eine Schande ist, wie mit pflegebedürftigen Alten in Deutschland verfahren wird.

Aber wen wundert diese Missachtung alter Menschen angesichts einer Meute von Politikern, die Wichtigeres zu tun haben: Frauenförderung, Hilfe für Homosexuelle, Nottelefone für die Massen misshandelter Frauen, Kinderförderung, Beratungsangebote für diejenigen, die sich depressiv fühlen, Netzwerktreffen derjenigen, die nichts anderes machen, als sich in Netzwerken zu treffen, in-vitro-Fertilisation für die Torschluss-Gepanikten, und, nicht zu vergessen, Sexologen für das wichtigste, was die derzeitige Gesellschaft zu kennen scheint …

Nachtrag:

Herr S. ist innerhalb von 48 Stunden nach seiner Rückkehr in das Pflegeheim nach erster Einschätzung an einer Lungenembolie verstorben.

Nachhaltige Indoktrination

Heute muss alles nachhaltig sein. Politik reicht nicht mehr, es muss nachhaltige Politik sein. Umweltschutz reicht schon lange nicht mehr: nachhaltiger Umweltschutz muss her. Personalkonzepte sind nur noch akzeptabel, wenn sie nachhaltig sind, nachhaltig ist der Anbau von Kakaobohnen, Marken sind sogar “top-nachhaltig“, Arbeiten als solches reicht auch nicht mehr, nur nachhaltiges Arbeiten wird belohnt, Nachhaltige Investmentfonds suchen Investoren, wer Rad fährt, fährt nicht mehr Rad, nein, er radelt für die Nachhaltigkeit und, last but not least, ist Friede nicht mehr als einfacher Friede von Wert, sondern nur noch, wenn er ein nachhaltiger Friede ist.

Go GreenDie Beispiele zeigen nachhaltig, dass Nachhaltigkeit in mannigfaltiger Weise verwendet wird und immer ist damit dasselbe Ziel verbunden: etwas durch den Zusatz von “Nachhaltigkeit” zu etwas Besserem, Wichtigerem zu machen, es vor anderen Dingen auszuzeichnen, um auf diese Weise eine nachhaltig positive Wirkung bei Zuhörern und Lesern zu erzielen. Kurz: Nachhaltigkeit ist ein Füllwort, dessen Wirkung nicht über die Kognition erfolgt, denn Nachhaltigkeit hat keine inhaltiche Bedeutung, sondern über die affektive Konnotation von Nachhaltigkeit, die dem Wort “Nachhaltigkeit” immanente Wertung, die man mit: gut, wichtig, schön, wünschenswert, richtig, hervorragend und in jedem Falle anzustreben umschreiben kann.

Dass Nachhaltigkeit ein leerer Begriff ist, zeigen auch die (pseudo-)wissenschaftlichen Versuche, den Begriff zu bestimmen:

Nachhaltigkeit, so kann man diese Anstrengungen zusammenfassen, soll alle Prozesse beschreiben, die eine Erneuerung von Ressourcen gewährleisten und einen Raubbau an Ressourcen verhindern. Diese Beschreibung nachhaltiger Entwicklung, findet sich zum Beispiel im Urtext, dem die Nachhaltigkeit entsprungen ist: dem Brundtland-Bericht. Dort wird eine nachhaltige Entwicklung als eine Entwicklung definiert, “die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ (Hauff, 1987, S.46). Das beschriebene Kunststück, die bekannten Bedürfnisse heutiger Generationen mit den unbekannten Bedürfnissen zukünftiger Generationen in Einklang zu bringen, wird in der AGENDA 21 weitergeführt. Der Nachhaltigkeit werden nun drei Dimensionen zugewiesen, nämlich (Bolz, 2005, S.37; Rotmans & DeVries, 1997, S.10):

  • eine soziale und wirtschaftliche Dimension, die u.a. der Bekämpfung von Armut dient, Bevölkerungspolitik betreiben will und den Handel umschließt;
  • eine Dimension die die Erhaltung und Bewirtschaftung der Ressourcen sicherstellen soll und u.a. die Bereiche Klima-, Energie- und Landwirtschaftspolitik umfasst;
  • eine Dimension die auf die Stärkung der Rolle (Rechte) gesellschaftlicher Gruppen abzielt, worunter vornehmlich Minderheiten, Frauen, aber auch NGOs fallen.

Es ist jedem halbwegs in Wissenschaft Geschulten leicht ersichtlich, dass Nachhaltigkeit kein wissenschaftliches, sondern ein normatives Konzept ist, denn Nachhaltigkeit beschreibt gesellschaftliche Zustände, die aus Sicht derer, die die entsprechenden Zustände als nachhaltig beschreiben, wünschenswert sind. Warum sie das sind, wird regelmäßig nicht begründet, vielmehr werden diejenigen, die nach einer Begründung fragen, durch einen entrüsteten Appell an einen nicht näher bestimmte Verantwortung gegenüber nicht näher bestimmten Dritten oder Dingen mundtot gemacht.

Dass Nachhaltigkeit somit ein Begriff ist, der bestenfalls mit Bezug auf die Ethik bestimmt werden kann, wird spätestens dann deutlich, wenn man die Argumentation der Nachhaltigkeitsapostel umdreht und fragt:

  • Ist es nicht wichtiger das Los der derzeitig lebenden Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verbessern, anstatt ihnen Einschränkungen mit Blick auf noch nicht geborene Menschen aufzuerlegen?
  • Wieso soll man bekannte Bedürfnisse lebender Generationen zu Gunsten unbekannter Bedürfnisse (noch) nicht lebender Generationen zurückstellen?
  • Warum sollen heute lebende Generationen auf einenhöheren Lebensstandard, der ihnen mögilch ist, verzichten, nur weil Berufspessimisten annehmen, dass zukünftige Generationen zu dumm sein werden, um mit den Herausforderungen, vor die sie gestellt sind, selbst fertigwerden zu können?
  • Ist es überhaupt ethisch vertretbar, von Menschen Verzicht zu fordern und ihnen ein schlechteres anstelle eines besseren Leben zu verordnen?

Dies sind nur einige Fragen, die mit dem Konzept der Lebensqualität oder Nicht-Nachhaltigkeit verbunden sind und die deutlich machen, dass Nachhaltigkeit lediglich dazu dient, moralischen Druck auf Menschen auszuüben, um sie in eine Richtung und zu Handlungen manipulieren zu können, die sie von sich aus nicht vorgenommen hätten.

overpopulationAufgabe einer Wissenschaft, die sich ernst nimmt, wäre es entsprechend den anti-emanzipatorischen Kern, den Nachhaltigkeit umschließt, deutlich zu machen und eine moralische Aufklärung zu betreiben, die Menschen nicht zu Lemmingen des Zeitgeistes macht, sondern sie darüber entscheiden lässt, ob sie sich im Sinne der Nachhaltigkeits-Apostel verhalten wollen oder nicht. Das würde natürlich voraussetzen, dass die Nachhaltigkeitsapostel ihre Argumente dafür präsentieren, warum es für derzeit Lebende einen Nutzen bringen soll, sich nachhaltig zu verhalten und diesen Nutzen auch konkret anzugeben. Anders formuliert: Die Nachhaltigkeitsapostel müssten begründen, warum die Lebensqualität der derzeit lebenden weniger wert sein soll als die Lebensqualität zukünftiger Generationen. Und schon weil ein konkreter Nutzen gefragt ist, wird man vergeblich auf entsprechende Argumente warten (schon weil Nachhaltigkeit, dann, wenn sie ernstgenommen wird, und als Reduzierung des Einflusses von Menschen auf ihre Umwelt operationalisiert wird, logisch zu der Konsequenz führt, dass man einen Geburtenstopp fordern müsste.).

Institutionalisierte Wissenschaft in Deutschland 2014 ist jedoch weit davon entfernt auch nur Spuren einer emanzipativen Auffassung der eigenen Tätigkeit zu enthalten. An die Stelle der Rationalität, die die Idee der Wissenschaft über Jahrhunderte hinweg getragen hat, tritt immer häufiger eine Irrationalität, deren Ziele gerade nicht in der Befreiung von Menschen und der Herstellung von Autonomie bestehen, sondern im Gegenteil darin, Heilsbotschaften zu verkünden, Verhaltensvorschriften zu geben oder, in anderen Worten, Inhaber wissenschaftlicher Positionen in der moralischen Überzeugung schwelgen zu lassen, sie könnten irgend etwas besser für andere beurteilen als diese selbst.

Und so ist es nicht verwundertlich, dass sich vermeintliche Wissenschaftler dafür hergeben, an einer effektiven Verbreitung der Nachhaltigkeits-Saga mitzuwirken. Ziel: “Sachwissen in den Themenfeldern der Nachhaltigkeit zu vertiefen und mit erfahrenen Fachleuten aus der Praxis (z. B. taz, SPIEGEL) die verständliche und spannende Vermittlung der Themen zu üben”. Deutlicher kann man die Tasache nicht mehr machen, dass deutsche Universitäten nicht mehr Erkenntnisgewinn zum Ziel haben, sondern klar sozial-technologische Ziele verfolgen, also dabei mitwirken wollen oder sollen, die Bürger auf den richtigen Weg zu führen, ihnen das richtige Verständnis zu vermitteln, als es in diesen wenigen Zeilen aus dem Zertifikatstudium “Nachhaltigkeit und Journalismus”, das an der Leuphana-Universität Lüneburg angeboten wird, von der wir uns zunehmend fragen, warum sie “Universität” nicht endlich durch Schule ersetzt.

nachhaltig siegelIm Zertifikatstudium, das mit dem Zertifikat “Nachhaltigkeit und Journalismus” endet, eine Auszeichnung, die man sich dann vermutlich auf den Allerwertesten tätowieren lassen darf, werden Grundlagen in “Nachhaltigkeitsnaturwissenschaften”, “Nachhaltigkeitshumanwissenschaften”, in der “Nachhaltigkeitskommunikation” gelegt, in dem die “Nachhaltigkeitsforschung” der entsprechenden “Nachhaltigkeitswissenschaften” dargelegt und genutzt werden, um einen “Nachhaltigkeitsjournalismus” darauf zu gründen. Bei so viel Nachhaltigkeit muss es auch dem letzten Leser  deutlich werden, dass hier nachhaltige Kaderbildung betrieben werden soll, und zwar in Form nachhaltiger Journalisten, oder, in den Worten von Dr. habil. Heike Diefenbach, von Multiplikatoren, die wie die 12 Apostel in die Welt ziehen und die heilige Botschaft verkünden, nicht die heilige, in diesem Fall, sondern die nachhaltige Botschaft.

Das Pikante am Zertifikatsstudium der Kaderschmiede in Lüneburg findet sich unter dem Punkt “Partner”. Partner des Zertifikatsstudium, das aus Gründen der Verschleierung an einer Institution angeboten wird, die sich (noch) Universität nennt, sind:

  • Der BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland, die “treibende gesellschaftliche Kraft für eine nachhaltige Entwicklung in Deutschland”.
  • Die Zeitschrift GEO, des Verlagshauses Gruner und Jahr, die offensichtlich und bislang noch keine nachhaltigen Reportagen produziert.
  • Germanwatch, eine “Entwicklungs- und Umweltorganisation, die sich für globale Gerechtigkeit und den Erhalt der Lebensgrundlagen einsetzt”.
  • Die Lüneburger Landeszeitung, die derzeit “31.689” nicht nachhaltige Exemplare verkauft.
  • Die taz.panterstiftung, die in Workshops “kritische Journalisten” der Art, wie man sie fast täglich in der “taz” bewundern kann, heranzüchten will.
  • Völkel Naturkostsäfte, bei denen der “Anbau von Bio-Streuobstwiesen und die Förderung von samenfesten Gemüsesorten” ganz hoch im Kurs steht.
  • Und der WWF, der “weltweit die Zerstörung der Natur und Umwelt” stoppen will, woraus man nehmen muss, dass Natur mit Umwelt nichts zu tun hat.

go green 2Die genannten Partner, deren richtige Bezeichnung wohl eher: Sponsoren wäre, machen das Zertifikatsstudium erst möglich, und entsprechend empfehlen wir das Studium der vollen Aufmerksamkeit der GEW, die im regelmäßig auf uns niederkommenden “Privatisierungsbericht”, die Einflussnahme privater Organisationen auf die Bildung beklagt. Und im vorliegenden Fall sind wir ganz und gar einer Meinung mit der GEW: Es ist höchste Zeit die Finanzierung von Zertifikatsstudien zu “Nachhaltigkeit und Journalismus” , die Einflussnahme privater Organisationen auf die Ausgestaltung von Bildung und den Missbrauch universitärer Ressourcen für Indoktrination und Manipulation zu unterbinden.

Literatur

Bolz, Hermann R. (2005). Nachhaltigkeit. Eine weitere Worthülse oder ein wirksamer Beitrag zur Verringerung der Ontologischen Differenz? Norderstedt: Book on Demand.

Hauff, Volker von (Hrsg.)(1987). Unsere gemeinsame Zukunft – Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Köln: Greven.

Rotmans, Jan & De Vries, Bert (1997). Perspectives on Global Change: The TARGETs Approach. Cambridge. Cambridge University Press.

Der Feind in unserer Mitte: Gender Studies können an Universitäten nicht mehr einfach geduldet werden

Prof. Dr. Günter Buchholz hat einen Fachartikel an der Fachhochschule Hannover veröffentlicht, der sich – folgt man der Überschrift – mit “Gender Studies – Die Niedersächsische Forschungsevaluation und ihre offenen Fragen” befasst, der sich jedoch bei Lektüre als viel umfassenderer und weitreichenderer, weil weit über Niedersachsen hinausreichender Fachartikel darstellt.

buchholzWer den Beitrag von Prof. Dr. Günter Buchholz gelesen hat, der kann, sofern ihm Wissenschaft und gesellschaftliche Prosperität am Herzen liegen, nicht mehr schweigen, der muss aufstehen und den Feind in unserer Mitte bekämpfen.

Nun, nach diesem pathetischen Anfang ist es notwendig, die Rechtfertigung für diesen pathetischen Anfang, zu liefern, damit auch dem Trägsten unter den Lehrstuhlplattsitzern in Deutschland Dampf unter dem Allerwertesten gemacht wird.

Günter Buchholz hat einen Aufhänger in seinem Beitrag, einen Bericht, der von der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen als Evaluationsbericht zur “Geschlechterforschung in Niedersachsen” bezeichnet wird. Es ist dies ein klassischer Fall von Etikettenschwindel, mit dem die Öffentlichkeit absichtlich und mutwillig getäuscht werden soll, denn der Bericht und die Empfehlungen zur Geschlechterforschung ist alles, aber er ist weder eine Evaluation noch etwas, was auch nur entfernt an eine Evaluation erinnert.

Es beginnt damit, dass die Autoren des Werks, Birgit Geissler, Christina von Braun, Ineke Klinge, Birgit Riegraf, Friederike Maier und Ines Weller alle Nutznießerinnnen des Genderismus sind, d.h. auf entsprechenden Lehrstühlen für Gender Studies installiert wurden. Die Evaluation von Gender Studies oder Geschlechterforschung durch Personen, die Gender Studies oder Geschlechterforschung betreiben, gleicht somit dem Unterfangen, die Relevanz und Wirkungsweise von Astrologie durch Astrologen evaluieren zu lassen.

Logik f dummiesNun könnte man uns vorwerfen, hier ein argumentum ad hominem gemacht zu haben, denn prinzipiell ist es denkbar, dass auch Personen, die von Gender Studies profitieren, deren Einkommensquelle vom Bestand der Gender Studies abhängt, zumindest den Versuch unternehmen, die Gender Studies ansatzweise objektiv zu beurteilen. Entsprechend muss man die vermeintliche Evaluation als solche zur Kenntnis nehmen und sein Urteil begründen, um es nicht dem Vorwurf eines argumentum ad hominem auszusetzen.

Im vorliegenden Fall ist das einfach.

Evaluationsstudien untersuchen die Konsequenz von etwas. So kann man die Wirkung von Medikamenten untersuchen, in dem man die Personen, die nach Einnahme eines Medikaments gestorben sind, denen gegenüberstellt, die geheilt wurden. Man kann wissenschaftliche Fachdisziplinen, z.B. die Soziologie, im Hinblick auf ihren gesellschaftlichen Einfluss untersuchen, in dem man soziologische Forschungsergebnisse z.B. im Rahmen der Bildungsforschung zusammenstellt und untersucht, welchen Niederschlag diese Forschungsergebnisse in der Bildungspolitik gefunden haben. Das setzt natürlich voraus, dass es überhaupt Forschungsergebnisse gibt. Schließlich kann man Publikationen von Wissenschaftlern in einem Fachgebiet einer Evaluation zu Grunde legen, dieselben auf der Basis einer Reihe von Kriterien wie: empirische Bewährung, wissenschaftliche Reichweite usw. bewerten. Wie auch immer man im Rahmen einer Evaluationsstudie vorgeht, immer wird der Output bewertet, d.h. die Konsequenzen einer Forschung, deren Niederschlag, das, was man auch als Außenstehender als Ergebnis der entsprechenden Forschung wahrnehmen kann. Und selbstverständlich wird das Ergebnis mit den Kosten, die angefallen sind, um es zu erzielen, gewichtet.

Nur bei den Gender Studies und der angeblichen Evaluationsstudie aus Niedersachsen ist dies nicht der Fall. Hier versuchen die Autorinnen wie Günter Buchholz sehr klar und mit Liebe zum Detail darstellt, zu argumentieren, dass die wissenschaftlichen Kriterien, die seit Jahrhunderten genutzt werden, um den Wert einer wissenschaftlichen Forschung zu bestimmen, für Gender Studies nicht gelten. Gender Studies dürfen nicht an ihrem Output bewertet werden, vielmehr sollen Gender Studies am Input bewertet werden: Je mehr Lehrstühle für Gender Studies, desto besser. Je mehr angebliche Wissenschaftler Gender Studies betreiben, desto besser. Dies ist eine äußerst verquere Logik, die an das Verbot, die katholische Kirche zu kritisieren, erinnert, das es im Mittelalter gegeben hat.

Dazu schreibt Günter Buchholz:

“Damit wird der ministerielle Evaluationsauftrag im Hinblick auf Forschungsleistungen (Output) umgedeutet in eine Untersuchung, die zur Stärkung von Forschungs – Input-Strukturen (Stellen,Professuren, unabhängige Institute, finanzielle Mittel) beitragen soll, welche durch den Nachweis von erbrachten Forschungsleistungen weder gerechtfertigt werden können noch sollen.”

offene gesellschaft bdIIVermutlich ist Günter Buchholz hier zu nachsichtig mit dem Ministerium, das diese angebliche Evaluationsstudie in Auftrag gegeben hat. Denn, wie er selbst in seinem Beitrag feststellt, geht es vor allem darum, sich eine Legitimation dafür zurecht zu legen, Steuerzahlern weiterhin und in immer größeren Ausmaß zur Finanzierung von Gender Studies zur Kasse zu bitten, obwohl Steuerzahlern kein erkennbarer Nutzen aus Gender Studies entsteht. Statt dessen entstehen Steuerzahlern weitere Kosten, die sich mit Zerstörung von Wissenschaft und Behinderung von Erkenntnisfortschritt und Prosperität benennen lassen. Entsprechend kann man davon ausgehen, dass die angebliche Evaluationsstudie mit genau diesem Ziel beauftragt wurde.

Letztlich stellen sich die Gender Studies in der vermeintlichen Evaluations Studie als großangelegter Versuch des Nutznießens auf Kosten von Steuerzahlern dar, so dass Günter Buchholz zu der folgenden abschließenden Evaluation kommt:

“Die Politik ist aus Sicht des Autors aufgefordert, die den Staatsfeminismus ermöglichenden verfassungswidrigen Rechtsnormen aufzuheben und seine Finanzierung umgehend einzustellen; hierbei sind auch Zivilgesellschaft und Justiz gefordert.”

In kurz: Gender Studies sind der Versuch durch die unbelegte Behauptung vermeintlicher Benachteiligung von Frauen, der der Status einer sakrosankten Aussage zugewiesen wird, Steuermittel zu zweckentfremden und in die eigenen Taschen zu leiten. Dazu lagern sich Gender Studierte wie Misteln um Ministerien an, um Förderungen zu erhalten. Dazu ist es zudem notwendig, eine wissenschaftliche Legitimation vorzutäuschen, weshalb Gender Studies an Universitäten installiert wurden. Und da Gender Studies sich zu Wissenschaft verhalten wie Gift zu Gesundheit, schädigen sie die institutionalisierte Wissenschaft, machen sie ganze Fachbereiche lächerlich und führen sie dazu, dass wissenschaftliche Kriterien, für deren Einhaltung gerade in Deutschland schwer gekämpft werden musste, wieder beseitigt werden und die Willkür abermals die Hochschulen Deutschlands mit Beschlag belegt.

Diese Einschätzung ist zu pessimistisch? Sie wird den Gender Studies nicht gerecht? Nun, alle Wissenschaft ist empirisch, und deshalb testen wir unsere Thesen, d.h. nicht wir tun das, sondern Günter Buchholz, und zwar mit einer Befragung, die dazu konzipiert wurde, Gender Studies Betreibern die Gelegenheit zu geben, ihre Wissenschaftlichkeit und ihre Nützlichkeit zu demonstrieren. Die Befragung besteht aus drei Teilen und kann hier als Ganzes heruntergeladen werden.

Wir wollen uns an dieser Stelle auf Teil B beschränken, weil er der Teil ist, mit dem die Wissenschaftlichkeit der Gender Studies steht und fällt. Die Fragen zur Wissenschaftlichkeit der Gender Studies sind die folgenden:

Buchholz Fragebogen

Ein Wissenschaftler, dem derartige Fragen vorgelegt werden, würde sie mit der größten Freude beantworten, zielen die Fragen doch genau auf das, was seine Wissenschaft ausmacht, die Methode, den harten Kern der Theorie, wie Lakatos dies genannt hat, die Zuordnung zu einer bestimmten Forschungsmethodologie, die Art und Weise der Prüfung von Hypothesen usw.

Entsprechend muss man erwarten, dass dann, wenn Gender Studies Betreiber Wissenschaftler sind, sie diese Fragen mit Freude und Leichtigkeit beantworten (können und wollen). Da die Fragen zudem von einem Kollegen einem Professor im Rahmen eines Forschungsprojekts gestellt wurden, ist deren Beantwortung mit um so größerer Motivation von empirisch arbeitenden Wissenschaftlern zu erwarten.

Um die Beantwortung der Fragen, wurden die folgenden Personen gebeten:

      1. RWTH Aachen, Herrn Prof. Dr. Ernst Schmachtenberg, Rektor
      2. Frau Prof. Dr. Tanja Paulitz
      3. Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Präsident Herr Prof. Dr. Bernd ReissertFrau Prof. Dr. Kristina Bautze
      4. Präsident der Goethe-Universität Frankfurt/Main, Herrn Prof. Werner Müller-Esterl
      5. Frau Prof. Ulla Wischermann
      6. Präsident der Universität Hamburg, Prof. Dr. Dieter Lenzen
      7. Frau Prof. Blunck
      8. Präsident der Universität Hamburg, Prof. Dr. Dieter Lenzen
      9. Frau Prof. Raasch
      10. Genderbüro, Frau Dr. Frey,
      11. Universität Trier, Der Präsident Prof. Dr. Jäckel
      12. Frau Prof. Dr. Geier
      13. Universität Basel, Der Rektor Herr Prof. Dr. Piveteau,
      14. Frau Dr. Ramsauer
      15. TU Berlin, Der Präsident Herr Prof. Dr. Jörg Steinbach
      16. Frau Prof. Dr. Sabine Hark
      17. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Präsident Herr Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Jochen Schiewer
      18. Frau Prof. Dr. Nina Degele
      19. Frau Prof. Dr. Weber, Rektorin der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald
      20. Herr Dr. P. Pohl
      21. Präsident der Universität Hamburg Prof. Dr. Dieter Lenzen
      22. Frau Prof. Lembke
      23. Rektor der Universität Bremen Prof. Dr. Scholz-Reiter
      24. Frau Prof. Eifler
      25. Universität Osnabrück – Der Präsident Prof. Dr. Rollinger
      26. Frau Prof. Dr. Schwarze
      27. Wirtschaftsuniversität Wien, Der Rektor Herr Prof. Dr. Badelt
      28. Frau Prof. Dr. Hanappi-Egger
      29. Universität Bern, Der Rektor Herr Prof. Dr. Täuber,
      30. Frau Prof. Dr. Schnegg
      31. Herrn Prof. Dr. Umbach, Präsident der Ostfalia – Hochschule
      32. Frau Stephanie Zuber
      33. Ruhr Universität Bochum, Rektor Herr Prof. Dr. Dr. h.c. Elmar W. Weiler
      34. Frau Prof. Dr. Ilse Lenz
      35. Frau Prof. Dr. Dienel, Präsidentin der HAWK Hildesheim
      36. Frau Prof. Dr. A. Müller
      37. Präsident der Universität Hamburg, Prof. Dr. Dieter Lenzen
      38. Frau Prof. Schirmer
      39. Präsident der Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr. Radtke
      40. Frau Prof. Klammer
      41. Universität Gießen, Der Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee
      42. Frau Dr. Hergenhan
      43. Universität Wien, Der Rektor Herr Prof. Dr. Engl
      44. Frau Prof. Dr. Schmitz
      45. Universität Klagenfurt, Der Rektor Herr Prof. Dr. Vitouch
      46. Frau Prof. Dr. Wächter
      47. Herr Prof. Dr. Berger
      48. Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen, Frau Prof. Ulrike Beisiegel
      49. Frau Dr. Uta Schirmer
      50. Universität Bremen, Rektor Herr Prof. Dr.-Ing. Bernd Scholz-Reiter
      51. Frau Prof. Dr. Christine Eifler
      52. Universität Oldenburg, Die Präsidentin Frau Prof. Dr. B. Simon
      53. Präsident der Universität Hamburg, Prof. Dr. Dieter Lenzen
      54. Frau Prof. Benthien
      55. Heidelberger Institut für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung,
        Frau Prof. Blaettel-Mink, Frau Dr.Kramer
      56. Universität Kassel, Der Präsident Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep
      57. Frau Prof. Dr. Tuider
      58. Universität Wien, Der Rektor Herr Prof. Dr. Bieger
      59. Herr Prof. Dr. Steyart
      60. Technische Universität Berlin, Der Präsident Prof. Dr. Steinbach, Der Vizepräsident Prof. Dr. Thamsen
      61. Frau Prof. Dr. S. Hark
      62. Universität Graz, Die Präsidentin Frau Prof. Dr. Christa Neuper
      63. Frau Prof. Dr. Angelika Wetterer
      64. Herrn Prof. Dr. Bernd Huber, Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität München
      65. Frau Prof. Paula-Irene Villa
      66. Präsident der HAW Hamburg, Prof. Dr. Michael Stawicki
      67. Frau Prof. Bessenrodt-Weberpals
      68. Präsident der Universität Hamburg,Prof. Dr. Dieter Lenzen
      69. Frau Prof. Rastetter
      70. Deutsche Stiftung Frauen- und Geschlechterforschung
        Frau Dr. Dumont du Voitel,
      71. Universität Siegen, Der Rektor Prof. Dr. Burkhart
      72. Frau Prof. Dr. Moog
      73. Universität Basel, Der Rektor Herr Prof. Dr. Loprieno
      74. Frau Prof. Dr. Maihofer

Von den verschickten Fragebögen hat Günter Buchholz insgesamt keinen einzigen ausgefüllt zurückbekommen. Mit anderen Worten: Keiner der Angeschriebenen hat an der Befragung des Kollegen Buchholz teilgenommen. Lediglich eine, der angeschriebenen hat ein intensives Telefongespäch mit Günter Buchholz geführt, das letztlich jedoch zu keinem ausgefüllten Fragebogen geführt hat. In fünf Fällen hat Günter Buchholz einen Rückruf erhalten, in dem der Angeschriebene seine “unverhohlene Empörung” zum Ausdruck gebracht hat, was wohl die Art und Weise ist, mit der Buchholz Beschimpfungen am Telefon umschreibt.

Es bleibt also festzustellen, dass Gender Studierte nicht Willens oder nicht in der Lage sind, die oben dargestellten Fragen, die jeder Wissenschaftler aus dem ff beherrschen und mit Freude für seinen Tätigkeitsbereich beantworten können muss, zu beantworten. In beiden Fällen, dem des nicht Wollens und dem des nicht Könnens muss man feststellen, dass es sich bei den Angeschriebenen offensichtlich um keine Wissenschaftler handelt.

Offene Gesellschaft BD1Vielmehr belegt die Befragung von Günter Buchholz einmal mehr in eindrücklicher Weise die Tatsache, dass Gender Studies nichts mit Wissenschaft zu tun haben, dass dann, wenn Gender Studierte um eine Legitimation oder eine wissenschaftliche Begründung für ihre Gender Studies gebeten werden, sie empört reagieren, wie dies für Anhänger eines Kultes, deren Fetisch man hinterfragt, üblich ist. In jedem Fall ist das Bemühen evident, den eigenen Tätigkeitsbereich hermetisch gegen Begutachtung und vor allem gegen eine wissenschaftliche Untersuchung abzuschirmen. Nicht zuletzt ist dies in einem Boykott-Aufruf der Befragung von Günter Buchholz deutlich geworden, den Beate Kortendiek, die dem Steuerzahler in Duisburg-Essen zur Last fällt, verbreitet hat.

Wissenschaftler haben seit dem Advent der rationalen Wissenschaft, seit Philosophen wie Francis Bacon oder Thomas Hobbes, Immanuel Kant oder Karl Raimund Popper die Emanzipation der und Begründung von Wissenschaft als empirische Wissenschaft vorangetrieben haben, einen stetigen und erfolgreichen Kampf gegen die Religion geführt, die regelmäßig versucht hat, Wissenschaft und ihre Erkenntnis zu unterbinden oder für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Die scheinbare Säkularisierung, die angeblich in modernen Gesellschaften eingesetzt hat, hat nur den Gegner im Kampf um freie Wissenschaft und freie Erkenntnis verändert: Nicht mehr Religion versucht, Wissenschaft zu verunmöglichen und freie Erkenntnis zu beseitigen, sondern Ideologie, namentlich der Genderismus, der nichts anderes ist, als die Neuauflage eines feministisch gewendeten Sozialismus.

Wissenschaftler haben nicht über Jahrhunderte gegen den Einfluss der Kirche gekämpft, um nunmehr tatenlos dabei zuzusehen, wie ein neuer Feind aus ihrer Mitte heraus, die Wissenschaft zerstört. Entsprechend ist Widerstand geboten, Widerstand gegen Genderisten und ihre vermeintlichen Studien.

Wir fordern unsere Leser dazu auf, Teil B des Fragebogens, der oben dargestellt ist und hier heruntergeladen werden kann, auszudrucken und Gender Studierte mit diesen Fragen zu konfrontieren wo sie gehen und stehen. Konfrontiert die Gender Studierten so lange mit diesen Fragen, bis sie sich nicht mehr aus ihren Büros trauen! Verlangt Antworten und macht den Gender Studierten klar, dass sie zum Geben von Antworten verpflichtet sind, schließlich werden sie von uns allen bezahlt! Und wenn sie keine Antworten zu geben in der Lage sind oder unwillig sind, Antworten zu geben, dann haben sie an Universitäten nichts zu suchen und sollten schnellstens von dort entfernt werden.

Aktive Sterbehilfe: eine Frage der Selbstbestimmung

Die Frage danach, ob aktive Sterbehilfe erlaubt sein soll oder nicht, rührt an den Grundfesten westlicher Gesellschaften, insbesondere an dem, was viele als christliches Erbe sehen. Dieses christliche Erbe sieht es vor, sich auch oder gerade um die zu kümmern, die sich nicht mehr selbst versorgen können, in Altersheimen zum Beispiel, in denen alte Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben geführt haben und nach dem Tod ihres Partners alleine weitergelebt haben, am Ende ihrer Tage in ein Zweibettzimmer gezwängt werden, um dort darauf zu warten, dass sie die Mildtätigkeit ihrer Gesellschaft erreicht, natürlich innerhalb der Arbeitszeiten und nur im Hinblick auf die Grundbedürfnisse.

Am anderen Ende der “sich-kümmern”-Skala stehen die Kranken und Pflegefälle, die zuweilen keinerlei eigenen Beitrag mehr zu ihrem Leben leisten können, deren Leben im Gegenteil zu einer von Schmerzen gepeinigten Hölle geworden ist, wie dies bei Tony Nicklinson der Fall war, dessen Beispiel als das Beispiel eines Verzweifelten, dem die Sterbehilfe von britischen Gerichten verweigert wurde, durch die Presse gegangen ist.

dignity in dyingAber sein Leiden scheint nicht umsonst gewesen zu sein, denn ausgerechnet der ehemalige Archbishop of Canterbury, also das ehemalige geistliche Oberhaupt der Church of England, Lord Carey, hat nun seine Entscheidung publik gemacht, einen Gesetzentwurf zur Legalisierung aktiver Sterbehilfe, der zur Zweiten Lesung im House of Lords ansteht, zu unterstützen. Es sei vor allem der Fall Nicklinson gewesen, der seine alten philosophischen Sicherheiten darüber, dass Sterbehilfe falsch sei, zum Einsturz gebracht habe, so Lord Carey, dem es nunmehr darum geht, unnötiges Leiden zu verhindern, und zwar durch seine Unterstützung für das Gesetz, das im Vereinigten Königreich die aktive Sterbehilfe erlauben soll.

Lord Carey hat seine Meinung angesichts der Realität geändert. Die Wirklichkeit war noch immer das beste Mittel gegen Ideologie. Auch der überzeugteste Sozialist fängt an, Eigentum zu verteidigen, wenn er mit Knappheiten konfrontiert ist und der Gefahr, seinen Lebensstandard aufgeben zu müssen. Noch der Überzeugteste unter denen, die die Sterbehilfe ablehnen, wird seine Ablehnung zumindest überdenken, wenn er mit der Realität, wie sie Fälle wie der von Tony Nicklinson nun einmal darstellen, konfroniert ist.

Für Liberale ist die Frage aktiver Sterbehilfe sowieso keine Frage: Für Liberale ist Selbstbestimmung der höchste Wert, und entsprechend ist die freie Entscheidung eines Individuums, sein Leben zu beenden, zu akzeptieren und zu respektieren. Man könnte dies auch in Frageform verpacken und fragen: Wer gibt jemandem das Recht, die freie Entscheidung eines anderen, sterben zu wollen, nicht zu akzeptieren, und auf welcher Grundlage nimmt sich jemand das Recht, diese freie Entscheidung nicht zu respektieren?

Auf diese Frage gibt es in der Regel drei gleichermaßen unbefriedigende Antworten:

  • Gläubige behaupten, es sei Sünde, sein Leben zu beenden und Mord bei Selbstmord zu helfen, selbst wenn das in Frage stehende Leben mit noch so viel Schmerzen und Leid verbunden ist. Diese Position ist weder begründet noch belegbar, denn das Konzept der Sünde rekurriert auf einen Gott, dessen Existenz bislang unbewiesen ist. Daher sind die vermeintlichen Verhaltensgesetze, die Selbstmord oder Sterbehilfe verbieten, auf Basis ihrer moralischen Qualität zu beurteilen, was letztlich bedeutet, die Schmerzen und das Leid, das ein konkreter Mensch zu erdulden hat und das ihn dazu bewegt, seinem Leben ein Ende setzen zu wollen, müssen mit der Wichtigkeit, der entsprechenden religiösen Regeln, die Leid in Kauf nehmen, um aufrechterhalten werden zu können, gewichtet werden. Man hat also die Wahl, aus Prinzip dem Leiden anderer zuzusehen, es in Kauf zu nehmen oder das Leiden zu verkürzen und das Prinzip entsprechend aufzugeben. Ein Prinzip, das individuelles Leiden akzeptiert, ist keine Basis, auf der die freie Entscheidung anderer in Abrede gestellt werden kann, denn wer hat das Recht, andere gegen ihren Willen zum Leiden zu verurteilen,  und die Entscheidung dennoch nicht akzeptiert und respektiert wird, dann auf Basis einer Motivation der Herrschaft über und Kontrolle von anderen.
  • assisted-suicide-thumbDas führt zur nächsten Position, die behauptet, die Erlaubnis aktiver Sterbehilfe würde die Schleusen für Missbrauch öffnen und dazu führen, dass alte Menschen, die sich nicht wehren können, von ihren erbgierigen nächsten Verwandten entsorgt werden. Nun ja, das Argument wird gewöhnlich in paternalistischer Schutzterminologie verpackt, aber die versteckten Prämissen sind diejenigen, die wir gerade ausgesprochen haben. Auch diese Position ist nicht haltbar, denn in allen Dingen, in denen Menschen etwas tun oder regeln, liegen Missbrauch und Gebrauch nahe beeinander. Wer den Missbrauch generell ausschließen will, der muss das menschliche Leben ausschließen, was im unmittelbaren Fall Selbstmord bedeuten würde, was wiederum eine groteske Konsequenz der eigenen absurden Position ist.
  • Schließlich gibt es noch eine Art moderner Moralapostel, der prinzipiell ein Problem damit hat, Menschen allzu viel Freiheit über ihr eigenes Leben zuzugestehen. Während Philosophen im 16. 17. und 18. Jahrhundert (von Bacon und Hobbes über Locke bis Kant) den Ursprung aller Entscheidungsgewalt im Individuum festgemacht haben, haben diese Moralapostel die Welt in ihr Gegenteil verkehrt: Nicht Individuen haben heute die Hoheit über Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, sondern kollektive Akteure, Gruppen, Gesellschaften, Regierungen, also Gebilde, die es nicht gibt, die man aber sehr gut zu Zwecken von Kontrolle und Herrschaft einsetzen kann. Und so hat sich über die Zeit die Normalität eingeschlichen, dass die Frage, ob ich sterben will und kann, eine Frage ist, die von Dritten entschieden wird. Nirgends wird die schleichende Entmündigung von Individuen, die in modernen Staaten stattgefunden hat, so deutlich wie in Fragen, die mit dem menschlichen Leben zusammenhängen. Egal, ob damit Sterbehilfe oder Abtreibung gemeint sind, ständig finden sich interessierte Dritte, von denen man nicht wirklich weiß, welche Zwecke sie verfolgen und welche Motivation sie antreibt, die denken, sie könnten die freie Entscheidung von Individuen aussetzen, letztere daran hindern, ihr Leben in letzter Konsequenz selbst in die Hand zu nehmen. Auch diese Position ist aus liberaler Sicht nicht haltbar, denn sie entmündig den Einzelnen zu Gunsten einer amorphen Masse von Interessen und Handlungsmotivationen Dritter, die zum Missbrauch geradezu einlädt.

Und so kommen wir zum Ende dieser kurzen Abhandlung zu dem Schluss, dass es an sich schon eine Unglaublichkeit ist, dass man darüber diskutiert, ob der Entschluss, sterben zu wollen, den ein freies Individuum trifft, respektiert und akzeptiert werden muss oder nicht. Aber wenn man nun schon einmal mit einer Realität konfrontiert ist, die individuelle Freiheit nur als Travestie kennt, dann ist jede Besserung besser als keine Besserung, und deshalb gibt es keine Alternative zu einem Gesetz, das die aktive Sterbehilfe erlaubt, wie dies im Vereingten Königreich hoffentlich bald in Kraft treten wird.

Auch dieses Gesetz ist nicht wirklich ein Durchbruch gegenüber dem allgegenwärtigen Paternalismus, denn der Wunsch zu sterben, wird zu einem Bittgang, dem zwei Ärzte zustimmen müssen. Aber scheinbar ist die Angst vor den Angehörigen so begründet und so groß, dass man Schutzmechanismen einbauen muss, die aktive Sterbehilfe zum Zwecke schnellerer Erbschaft erschweren.

Organgeschacher: Wie kommt ein Spenderorgan zum “richtigen” Nehmer?

Organspende steht, aus welchen Gründen auch immer, bei einer Reihe von Lobbyisten ganz oben auf der Agenda. Ob dies damit zu tun hat, dass mit Transplantationen viel Geld zu verdienen ist,  sei – obwohl es die wahrscheinlichste aller Erklärungen ist – einmal dahingestellt. Natürlich kommt Organhandel nicht als großes Geschäft daher, sondern als mildtätige Veranstaltung, mit der die Leben von ansonsten zum Tode Verdammten, zunächst vielleicht gerettet und dann vielleicht verlängert werden können – vielleicht auch nicht.

Vultures_in_the_nestMit dem schönen Märchen von der Gabe, für den Spender zwischenzeitlich unnütz gewordener Organe, an einen Empfänger, dem selbst Gebrauchtorgane ein neues Leben ermöglichen, verbinden sich jedoch einige Probleme: Transplantationen sind mehr oder weniger erfolgreich, wobei die Erfolgsquote von der Frische und der Art des transplantierten Organs abhängig ist. Transplantationen ermöglichen kein neues Leben, sondern ein Leben mit gebrauchtem Organ, das in den meisten Fällen nur durch die dauerhafte Einnahme das Immunsystem schwächender Medikamente möglich ist.

Zu diesen rein materiellen Fragen des Transplantationsergebnisses gesellt sich eine Frage, die unlängst der Deutsche Ethikrat (ja, es gibt ihn noch) gestellt hat: Wie kommt das gespendete Organ zum richtigen Empfänger? Oder besser: Wie wird gewährleistet, dass die Verteilung der Organe nicht nach dem, “wer am besten zahlt gewinnt” oder “wer mich am besten schmiert gewinnt” Kriterium verteilt werden oder, in den Worten des Deutschen Ethikrats: Wie müssen die Verteilungskriterien für Spenderorgane beschaffen sein, damit sie nicht anstößig sind.

Dazu hat der Deutsche Ethikrat wie immer eine Reihe von Personen eingeladen, ihre Position vorzutragen und unter denen, die der Einladung gefolgt sind, ist Prof. Dr. Micha Werner vom Institut für Philosophie der Universität Greifswald. Er hat seinen Vortrag mit “Kriterien gerechter Organallokation (innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft)” überschrieben, wobei der Untertitel Fragen aufwirft, die man besser nicht an Philosophen richtet, obwohl es mich schon interessiert hätte, mich welcher sonstigen Vernunft Werner zu denken im Stande ist.

deutscherethikratEgal. Werner beschäftigt sich also mit der Frage, wie teilt man eigentlich Gebrauchtorgane an Organsuchende zu, nach welchem Kriterium?: Nach der Erfolgswahrscheinlichkeit, also der Wahrscheinlichkeit, dass der Organsuchende das transplantierte Organ auch in sich behält?; Nach der Dringlichkeit, also der Überlebenswahrscheinlichkeit, bei der die Frage des Transplantationserfolgs zunächst außen vor bleibt? Nun, diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten, vor allem, wenn man die Fragen noch mit Ansprüchen wie: Es darf keine soziale Diskriminierung stattfinden, verkompliziert.

Ein kleiner Einschub: Was fällt unter soziale Diskrminierung? so fragt Micha Werner im Verlauf seines Vortrags und beantwortet seine Frage mit: “religiöse und ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Bildungsgrad, Zahlungsfähigkeit? Staatsbürgerschaft?”. Na, fällt jemandem etwas auf? Dass etwas fehlt zum Beispiel? Wem nichts auffällt, der betrachte das Kriterium, das Wikipedia als allererstes Kriterium einfällt, wenn es um soziale Diskriminierung geht: … na? … Geschlecht! Richtig! Micha Werner hat Geschlecht vergessen. Ich habe einen neuen Helden, einen Philosophen aus Greifswald, dem nicht wie einem Sprechautomaten immer und überall “Geschlecht” einfällt. Überhaupt kommt Geschlecht in seinem Vortrag überhaupt nicht vor. Schon deshalb ist es ein guter Vortrag, aber nicht nur deshalb:

Keine Diskriminierung dürfe es geben und transparent müsse das Verfahren sein, stellt Werner fest und legt beide Kriterien an den Paragraphen 12 des Transplantationsgesetzes an, dort heißt es:

“Die vermittlungspflichtigen Organe sind von der Vermittlungsstelle nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, insbesondere nach Erfolgsaussicht und Dringlichkeit für geeignete Patienten zu vermitteln”. (“vermittlungspflichtige Organe”: eine interessante Formulierung; Gespendete Organe sind die einzigen Subjekte, denen eine Metamorphose vom Subjekt zum Objekt und zurück gelingt, wobei an der Metamorphose eine ganze Reihe von Günstlingen verdient…).

Handbuch EthikZurück zu Werner, der sich fragt, was von dieser Passage im Gesetzestext zu halten ist und seine Frage mit: nichts in meiner Sprache beantwortet. Der Gesetzestext sei uneindeutig (Was sind geeignte Patienten? Wie bemisst sich die Erfolgsaussicht?), er stelle die Anwendung weiterer, nicht genannter Verteilungsregeln anheim, (z.B. Politiker bekommen immer sofort ein Organ und zwar so lange, bis eines gefunden ist, das selbst in einem Politiker bleiben will), eine Legitimation von Erfolgsaussicht und Dringlichkeit finde nicht statt und zudem vermittle der Gesetzestext den Eindruck, als seien die Kriterien der Dringlichkeit und der Erfolgsaussicht ausschließlich medizinische Kriterien, was sie jedoch dezidiert nicht sind.

Letzteres kann leicht nachvollzogen werden, wenn man sich fragt, wie sich z.B. Erfolgsaussicht bemisst:

  • Als Annahme der transplantierten Organe durch den Körper des Empfängers der Organe?
  • Als Maximimierung des Anteils aller angenommenen transplantierten Organe?
  • Als menschenwürdiges Leben nach der Transplantation? (Was zwangsläufig die Frage aufwirft, was ein menschenwürdiges Leben ist).
  • Als Wahrscheinlichkeit, mindestens 5 Jahre mit dem Organ zu überleben oder als Wahrscheinlichkeit, dass mindestens 90% der Organempfänger mindestens 5 Jahre mit dem transplantierten Organ überleben?
  • Oder muss man am Ende die Kosten für das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem berücksichtigen und fordern, dass die Kosten für die Beitragszahler so gering wie möglich gehalten werden, was letztlich dazu führt, dass nur dann Organe transplantiert werden, wenn die Aussichten einer erfolgreichen Transplantation besonders hoch sind?
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Das sagt nicht nur der Honigmann

Im Gutheitstaumel, der die Organspende umgibt, sind alle die genannten Fragen und noch viel mehr Fragen, die hier nicht genannt wurden, untergegangen bzw. nie gefragt worden. Insofern gebührt Micha Werner Hochachtung, Hochachtung dafür, dass er diese Fragen in die Diskussion beim Deutschen Ethikrat eingebracht hat (wenngleich ich den Eindruck habe, dass die Funktion des Deutschen Ethikrats darin besteht, die Möglichkeit zu schaffen, dass Fragen wie die von Micha Werner gestellt und dann vergessen werden können).

Was die Organspendepraxis in Deutschland angeht, so muss festgestellt werden, dass derzeit viel Geld mit Transplantationen verdient wird, es keinerlei transparente oder gar feste und regelgeleitete Form der Organverteilung gibt, dass alle moralischen und ethischen Fragen, die man an eine Organtransplantation stellen kann, weder gestellt noch beantwortet sind und dass es vor diesem Hintergrund nur eine vernünftige Entscheidung gibt, nämlich seine Organe für sich zu behalten, auch posthum.

liver on boardUnd selbst Micha Werner hat nicht gefragt, ob es eigentlich statthaft ist, Spenderorgane als “vermittlungspflichtige” Sachen zu behandeln, die nach Entnahme zu einer Art Gemeingut in staatlicher Verwaltung geworden sind, mit dem Dritte einen Verdienst erwirtschaften können. Und er hat sich nicht gefragt, ob es nicht moralisch notwendig wäre, Organspendern eine Mitsprache bei der weiteren Verwendung ihrer Organe einzuräumen, eine Art Widmung per Testament: Meine Niere geht nur an Männer über 50, oder: meine Organe dürfen nicht in Personen unter 15 Jahren eingebaut werden oder so. Ganz davon abgesehen, suggeriert der Begriff “Vermittlungspflicht” Menschen seien nach ihrem Tod (im besten Fall) ein Recyclinggegenstand, ein Gegenstand zum Ausschlachten und hätten mit ihrem Tod eine Metamorphose vom Individuum zum Allgemeingut vorgenommen, dessen sich Dritte nach Lust und Laune bedienen können (wie eine leerstehende Sozialwohnung) – eine moderne Form des Kannibalismus gewissermaßen.

Aber bis derartige Fragen in Deutschland diskutiert werden, wird es wohl noch einen Jahrtausendwechsel brauchen.

Weitere ScienceFiles-Beiträge zum Thema Organspende:

Männer mit asozialen Gesichtszügen – Wissenschaftler als Brandstifter und Feuerwehr

Es ist wirklich überraschend, was man heutzutage wieder alles an Forschung vorfindet. Zuweilen habe ich den Eindruck, die wissenschaftliche Entwicklung seit 1900 ist vielen, die sich heute in den Institutionen der Wissenschaft bewegen, vollständig, aber zumindest weitgehend unbekannt. Deshalb will ich diesen Post mit dem Zitat eines Zitats aus einem Buch von Siegfried Lamnek beginnen, das 1979 erstmals veröffentlicht wurde:

Lamnek_abweichendes Verhalten“Diebe haben im allgemeinen sehr bewegliche Gesichtszüge und Hände; ihr Auge ist klein, unruhig, oft schielend; die Brauen gefältet und stoßen zusammen; die Nase ist krumm oder stumpf, der Bart spärlich, das Haar seltener dicht, die Stirn fast immer klein und fliehend, das Ohr oft hinkelförmig abstehend. Die Mörder haben einen glasigen, eisigen, starren Blick, ihr Auge ist bisweilen blutunterlaufen. Die Nase ist groß, oft eine Adler- oder vielmehr Habichtnase: die Kiefer starkknochig, die Ohren lang, die Wangen breit, die Haare gekräuselt, voll und dunkel, der Bart oft spärlich, die Lippen dünn, die Zähne groß. Im allgemeinen sind bei Verbrechern von Geburt die Ohren henkelförmig, das Haupthaar voll, der Bart spärlich, die Stirnhöhlen gewölbt, die Kinnlade enorm, das Kinn viereckig oder hervorragend, die Backenknochen breit – kurz ein mongolischer und bisweilen negerähnlicher Typus vorhanden” (Lombroso zitiert nach Lamnek, 1991, S.68).

Das Zitat stammt von Cesare Lombroso, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts versucht hat, Kriminalität als biologische Abnormität der körperlichen Entwicklung auszuweisen. Und nicht nur die im obigen Zitat beschriebenen Gesichtszüge, waren für Lombroso Anzeichen einer biologisch determinierten Delinquenz, sondern auch die Form und Größe des Schädels. Lombroso ist bis heute unter Kriminologen für seine Schädelvermessungen bekannt, denn besonders markante Schädel, in Größe, Breite und Form, so Lombrosos Ansicht, weisen den Kriminellen aus.

Im Zeitraffer haben wir uns ins 21. Jahrhundert bewegt und hier treffen wir nunmehr die Erben von Lombroso. Heute kleiden sich Biologisten in andere Begriffe, sind nicht mehr so deutlich und offen, wie Lombroso dies war, und deshalb schreiben sie von der fWHR, der facial width-to-height-ratio. Das Verhältnis zwischen Gesichtsbreite zu Gesichtshöhe ist also ihr Spielzeug und heute muss man seine Vorurteile nicht mehr, wie dies Lombroso getan hat, in Deskriptionen des Forschungsgegenstand kleiden, nein, heute kann man korrelieren. Und das wird getan, bar jeder theoretischen Fundierung und mit allem, was im Fundus der “nachhaltigen Werte”, wie von sie Nicht-Regierungsorganisationen global verbreitet werden, negativ bestimmt ist.

  • Carré und McCormick (2008) finden, dass Männer mit einer großen fWHR (also breit und kurz) aggressiver sind als Männer mit einer kleinen fWHR.
  • Stirrat und Peret (2010) finden, dass Männer mit einer großen fWHR nicht so vertrauenswürdig sind, wie Männer mit einer kleinen fWHR.
  • Haselhuhn und Wong (2012) wollen gar herausgefunden haben, dass Männer mit einer großen fWHR eher bereit sind, andere zu täuschen als Männer mit einer kleinen fWHR.

Pazzi criminialeKeiner der vermeintlichen Wissenschaftler hat sich die Frage gestellt, warum die fWHR mit all den negativen Eigenschaften zusammenhängen soll, die sie den entsprechenden Männern mit ihrer Forschung gerade anhängen wollen. Sie alle betätigen sich als Brandstifter und behaupten eine biologische Basis für diese negativen Eigenschaften, die sich eben mit der fWHR messen lässt. Derartige Behauptungen kann man nicht unabhängig prüfen, jedenfalls nicht mit den Untersuchungsanlagen, die biologistische Forscher gemeinhin verwenden und entsprechend ist es ziemlich einfach, deratige Behauptungen in die Welt zu schleudern.

Umso wichtiger sind Studien, wie die von Haselhuhn, Wong und Ormiston (2013), die umso bemerkenswerter ist, weil Haselhuhn und Wong mit dieser neuen Studie Ergebnisse hinterfragen, die sie selbst 2012 veröffentlicht haben. Sind unsere Ergebnisse das Ergebnis einer self-filfilling prophecy, so fragen sich die Forscher. Der Begriff der self-fulfilling prophecy wurde von Robert K. Merton in die Soziologie und die Sozialpsychologie eingeführt ,und er beschreibt eine Situation, in der die Furcht vor einem Ergebnis zu Handlungen führt, die dieses Ergebnis erst eintreten lassen. Das klassische Beispiel ist der Bankrun, bei dem Anleger aus Angst, ihr Geld durch den Zusammenbruch einer Bank zu verlieren, in Banken stürmen, um ihr Geld abzuheben und dadurch den Zusammenbruch der Bank erst auslösen.

Im Zusammenhang mit den Männern, die ein breites und kurzes Gesicht haben, besteht die self-fulfilling prophecy darin, dass die Männer mit dem breiten und kurzen Gesicht sich so fies verhalten, weil sie denken, dass das fiese Verhalten an sie herangetragen, von ihnen erwartet wird, weil sie wissen, dass Interaktionspartner ihre Gesichtszüge zum Anlass nehmen, eine Kooperation zu verweigern, sie schlecht zu behandeln, ihnen asozial zu begegnen, und dies entsprechend antizipieren und sich ihrerseits unkooperativ zeigen.

euheadofstateDass dem so ist, dass negativ bewertete Verhaltensweisen an bestimmte Personen herangetragen werden und diese Personen sich dann entsprechend verhalten, können Haselhuhn, Wong und Ormiston in insgesamt vier Experimenten zeigen, in denen sie Versuchspersonen vor eine Wahl zwischen einer prosozialen und dem, was sie als antisoziale Wahl ansehen, gestellt haben. Bei dieser Wahl ging es im Wesentlichen darum, Ressourcen aufzuteilen. Herauskam, dass mit einer zunehmenden fWHR weniger prosoziale Wahlen getroffen wurden. Wichtiger ist jedoch, dass Versuchspersonen, die mit Männern mit hoher fWHR als Interaktionspartner konfrontiert waren, deutlich weniger bereit waren, sich diesen gegenüber pro-sozial zu verhalten. Es scheint also, als würden Männer mit hoher fWHR sich nur deshalb anti-sozial verhalten, weil man ihnen anti-sozial begegnet oder wie Haselhuhn, Wong und Ormiston schreiben: “Across four studies, our results illustrated a self-fulfilling prophecy illustration for the link between men’s fWHR and behavior” (5).

Allerdings haben die Auoren nicht den Mut, die Konsequenz aus diesem Ergebnis zu ziehen und festzustellen, dass es Forscher wie sie selbst sind, die mit abstrusten Korrelationen soziale Erwartungen aufbauen, mit denen sich dann die entsprechenden Forschungsopfer konfrontiert sehen. Diese Form der Projektion eigener Vorurteile auf Dritte, die dann gegen Vorurteile ankämpfen müssen, ist zudem ein fester Bestand der Kriminologie und der Sozialwissenschaft. Er findet sich als sekundäre Devianz im labeling approach und beschreibt die Erwartung der Umwelt an ehemalige Kriminelle, wieder delinquent zu werden. Er findet sich als Stereotype Threat in der Bildungsforschung und wurde von Dr. habil. Heike Diefenbach auf Deutschland und hier insbesondere Migranten und Jungen übertragen: Erstere sind in der Schule schlecht, weil sie mit der Erwartung konfrontiert sind als Migranten in der Schule schlecht abzuschneiden, machen diese Erwartung zu ihrer Handlungsgrundlage. Letztere sind in der Schule schlecht, weil man sie ab der Einschulung als kleine Machos stereotypisiert, denen man den Machismo austreiben muss, was zum Ergebnis hat, dass sie sich erst in der von ihnen erwarteten Weise verhalten.

meaningoflifeLetztlich beschreibt die Forschung von Haselhuhn, Wong und Ormiston das Elend von Gutmenschen, wie z.B. Genderisten, die in der Welt nichts anderes als Frauenhasser erblicken können und Dritten mit dieser Erwartung begegnen. Sie projezieren ihre Ängste und Befürchtungen auf Dritte und wundern sich, wenn diese Dritte das nicht gut funden. Und so ist es kein Wunder, dass Dritte sich dann Genderisten gegenüber nicht freundlich verhalten, denn wer will sich schon vorverurteilen lassen.

Am Ende fällt sowohl genderistischer Interventionismus wie Forschungen, die alle möglichen theoretisch nicht begründeten Korrelationen suchen und finden, auf diejenigen zurück von denen Interventionismus oder Studie ausgeht. Sie projezieren ihre Vorturteile, zwingen unbeteiligte Dritte in ihre Vorstellungswelt und finden wenig überraschend wonach sie gesucht habe. Dies ist das Elende der atheoretischen Sozialforschung.

Carré, Justin M. & McCormick, Cheryl M. (2008). In your Face: Facial Metrics Predict Aggressive Behavior in the Laboratory and in Varsity and Professional Hockey Players. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 275(1651): 2651-2656.

Haselhuhn, Michael P. & Wong, Elaine M. (2012). Bad to the Bone. Facial Structure Predicts Unethical Behavior. Proceedings of the Royal Society B: Biological Science 279(1728): 571-576.

Haselhuhn, Michael P., Wong, Elaine M. & Margaret E. Ormiston (2013). Self-Fulfilling Prophecies as a Link between Men’s Facial Width-to-Height Ratio and Behavior. PlosOne.

Stirrat, Michael & Perret David I. (2010). Valid Facial Cues to Cooperation and Trust: Male Facial Width and Trustworthiness. Psychological Science 21(3): 349-354.