Was macht den Menschen zur Person?

In unserer kleinen Reihe zum Wert des Menschen, sind wir heute bei Peter Singer angekommen und der Frage, was macht aus einem Menschen, also einem Angehörigen der Spezies “Homo sapiens”, eine Person. Diese Frage ist insofern von großer Relevanz, als die Zugehörigkeit zur Spezies “Homo sapiens” den intellektuellen Überlegenheitsanspruch über andere Spezies, z.B. über Wanzen, den Menschen geltend machen, nicht begründen kann.

Insofern stellt sich die Frage, was den Menschen zur Person macht und ihn – hoffentlich – intellektuell über das Stadium einer Wanze hinausführt.

Peter Singers Antwort:

Singer Praktische Ethik“Eine andere Verwendung des Begriffs ‘menschlich’ wurde von Joseph Fletcher vorgeschlagen, einem protestantischen Theologen, der viel über moralische Probleme publiziert hat. Fletcher hat eine Liste mit ‘Indikatoren des Menschseins’ aufgestellt, die folgendes umfasst: ‘Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle [ein K.O-Kriterium für viele], Sinn für Zukunft, Sinn für Vergangenheit, die Fähigkeit, mit anderen Beziehungen zu knüpfen [das nächste K.O.-Kriterium für viele], sich um andere zu kümmern, Kommunikation und Neugier. Diese Bedeutung des Begriffs haben wir vor Augen, wenn wir von jemandem sagen, er sei ein ‘wirklich menschliches Wesen’ oder zeige ‘wahrhaft menschliche Eigenschaften’. Damit meinen wir natürlich nicht, dass die Person der Spezies Homo sapiens angehört, was eine biologische Tatsache ist und kaum in Zweifel gezogen wird; wir implizieren vielmehr, dass menschliche Wesen gewisse charakteristische Eigenschaften besitzen und dass die betreffende Person sie in einem hohen Maße besitzt.
[…]
Das Wort ‘Person’ stammt ursprünglich von lateinisch persona, dem Wort für die Maske, die die Schauspieler im antiken Drama trugen. Indem die Schauspieler eine Maske benützten, zeigten sie an, dass sie eine Rolle spielten. In der Folgezeit erhielt ‘Person’ dann die Bedeutung eines Menschen, der eine Rolle im Leben spielt, eines Handelnden. Nach dem Oxford Dictionary lautet eine der gegenwärtig gebräuchlichsten Bedeutungen des Begriffs Person: ‘ein selbstbewusstes und rationales Wesen’. In diesem Sinne ist der Begriff in der Vergangenheit von untadeligen Philosophen verstanden worden. John Locke definiert eine Person als ‘ein denkendes intelligentes Wesen, das Vernunft und Reflexion besitzt und sich als sich selbst denken kann, als dasselbe denkende Etwas in verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten.
[…]
Auf jeden Fall schlage ich vor, ‘Person’ in der Bedeutung eines rationalen und selbstbewussten Wesen zu gebrauchen, um jene Elemente der landläufigen Bedeutung von “menschliches Wesen” zu erfassen, die von ‘Mitglied der Spezies Homo sapiens” nicht abgedeckt werden”.

Als Konsequenz der Forderung, dass sich eine Person durch Selbstbewusstsein und Rationalität auszeichnet, wie dies von Singer dargelegt wurde, ergibt sich zweierlei:

  • Mitglieder der Spezies “Homo sapiens” sind nicht zwangsläufig oder automatisch Person. Erst wenn sie die oben genannten Merkmale aufweisen, können sie als Person gewertet werden und erwarten, auch entsprechend behandelt zu werden.
  • Nichtmitglieder der Spezies “Homo sapiens”, Tiere, können Person sein, nämlich dann, wenn sie die Merkmale aufweisen, die oben dargestellt wurden.

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Der Wert eines Menschen

Was macht eigentlich den Menschen zum Menschen? Was macht sein Menschsein, seinen Wert aus? Haben alle Menschen den gleichen Wert, sind somit gleichwertig? Wenn ja, wieso gibt es dann Gesellschaften, deren Mitglieder danach streben, sich von anderen zu differenzieren? Sind alle Menschen gleich? Wieso formulieren dann manche Menschen Regeln, die für alle Menschen gelten sollen? Ist man als Mensch a-priori ein Wert an sich oder muss man sich sein Menschsein und somit seinen Wert erst verdienen? Gibt es eine Mindestanforderung an den Status “Mensch” oder ist alles Mensch, was wie ein Mensch aussieht?

Wir beginnen mit diesem Post eine Reihe zum Wert von Menschen, Posts, die in loser Folge unterschiedliche Perspektiven, wie sie Philosophen durch die Jahrhunderte auf die Fragen gerichtet haben: Was ist der Wert eines Menschen? Was macht den Mensch zum Menschen?

Und weil wir heute schon einmal Thomas Hobbes zitiert haben, geben wir dem alten Philosophen (1588 geboren) aus Englands Süden (genau aus Wiltshire) doch abermals das Wort.

Vorweg schicken müssen wir, dass für Hobbes jeder Mensch das ist, was man am besten als eine Ansammlung von natürlichen und zweckdienlichen Kapazitäten bezeichnen kann. Erstere, die natürlichen Kapazitäten (wie Intellekt, Körperkraft), die hat man von Geburt an, letztere, die zweckdienlichen Kapazitäten (Wissen oder Kampftechnik), die muss man sich erwerben. Beide Formen von Kapazitäten muss man nutzen, um sie zum eigenen Vorteil einzusetzen, wobei man die zweckdienlichen Kapazitäten erst erwerben muss, ehe man sie nutzen kann. Vorteile, die ein Mensch aufgrund seiner natürlichen Kapazitäten vor einem anderen hat, können jederzeit durch zweckdienliche Kapazitäten, die sich Letzterer aneignet, ausgeglichen oder umgekehrt werden. Kurz: Was ein Mensch ist, sein Wert, das ist letztlich die Frage danach, was ein Mensch im Laufe seines Lebens geleistet hat bzw. aus seinen natürlichen Kapazitäten gemacht hat.

In den Worten von Hobbes liest sich das wie folgt:

Leviathan.hobbesDie Macht eines Menschen besteht, allgemein genommen, in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts und ist entweder ursprünglich oder zweckdienlich. Natürliche Macht ist das Herausragen der körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, wie außerordentliche Stärke, Schönheit, Klugheit, Geschicklichkeit, Beredsamkeit, Freigebigkeit und Vornehmheit. Zweckdienlich ist die Macht, die durch natürliche Macht oder durch Zufall erlangt wird und als Mittel oder Instrument zum Erwerb von mehr Macht dient, wie Reichtum, Ansehen, Freunde […]

Die Geltung oder der Wert eines Menschen ist wie der aller anderen Dinge sein Preis. Das heißt, er richtet sich danach wieviel man für die Benützung seiner Macht bezahlen würde und ist deshalb nicht absolut, sondern von dem Bedarf und der Einschätzung eines anderen abhängig. Ein fähiger Heerführer ist zur Zeit eines herrschenden oder drohenden Krieges sehr teuer, im Frieden jedoch nicht. Ein gelehrter und unbestechlicher Richter ist in Friedenszeiten von hohem Wert, dagegen nicht im Krieg. Und wie bei anderen Dingen, so bestimmt auch bei den Menschen nicht der Verkäufer den Preis, sondern der Käufer. Denn mag jemand, wie es die meisten Leute tun, sich selbst den höchsten Wert beimessen, so ist doch sein wahrer Wert nicht höher als er von anderen geschätzt wird”.

Liefert Thomas Hobbes hier nicht eine hervorragende Erklärung für Wert-Inszenierungen, wie sie z.B. im Rahmen der derzeitigen öffentlichen Diskussionen stattfinden, in denen der Wert, den bestimmte Personen z.B. Flüchtlingen zuweisen, mit dem Unwert, den sie denen zuweisen, die ihre Wertsetzung nicht teilen, aufgerechnet wird. Ziel ist es natürlich, den eigenen Preis und den Preis des eigenen Leistungsspektrums für z.B. Arbeit mit Flüchtlingen in die Höhe zu treiben, und den Wert all derer, die wiederum am Wert der entsprechenden Leistungen zweifeln, in Abrede zu stellen?

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Münsteraner Parodie auf Ethik: “Nationale Egoismen in der Flüchtlingskrise aufgeben”

Nationale Egoismen in der Flüchtlingskrise aufgeben“, das fordert die “Sozialethikerin und katholische Theologin Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins vom Exzellenzcluster ‘Religion und Politik’ der Uni Münster”.

Vom Exzellenzcluster! Wir hoffen, Sie sind hinreichend beeindruckt, denn Exzellenzcluster, das meint Exzellenz, Exzellenz in was auch immer, vielleicht Exzellenz in Weltfremdheit?

Spaemann_moralische GrundbegriffeBevor wir diese Frage beantworten, ist es notwendig darauf hinzuweisen, dass wir durch die intensive Lektüre von Rpbert Spaemann, die Dr. habil. Heike Diefenbach derzeit vornimmt und in der letzten Zeit vorgenommen hat, einen gewissen Standard von Ethik und Argumentation gewohnt sind, einen Standard, wie man ihn bei Spaemann (über den wir nun regelmäßig diskutieren) findet, einen hohen Standard von Denken, logischer Schlussfähigkeit, Urteilskraft und Abstraktionsvermögen.

Ausgehend von diesem Standard waren wir natürlich gespannt auf die Einlassungen zur Flüchtlingskrise, die die “katholische Theologin Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins vom Exzellenzcluster ‘Religion und Politik’ der Uni Münster” von sich gegeben hat.

Und ausgehend vom Spaemannschen Standard sind wir sehr stark enttäuscht worden.

Es beginnt damit, dass die Sozialethik von Heimbach-Steins Begriffe enthält wie, “niederschmetternd”, “verheerend”, “perfide”, “anhaltende humanitäre Katastrophe”. Wenn man eine Ethik begründen will, also eine Anleitung zum richtigen Handeln, dann ist es problematisch, Handlungen, die als ethisch gut bewertet werden sollen, ihrerseits durch Bewertungen zu begründen. Man begibt sich damit in einen infiniten Regress, in dem eine Bewertung die nächste ersetzt. Von einem Sozialethiker, der sein Geld wert ist, erwartet man, dass ihm dieses Problem der Begründung bewusst ist. Wenn es ihm bewusst ist, dann verzichtet er auf Begriffe wie “niederschmetternd”, “perfide”, “verheerend” oder “anhaltende humanitäre Katastrophe” um damit seine Ansicht der richtigen Handlung zu begründen.

Ein Sozialethiker, der sich überlegt hat, was er schriftlich an andere richtet, der vermeidet auch Sätze wie die folgenden:

“Jeder Schutzsuchende habe einen menschenrechtlichen Anspruch auf Hilfe”, so sagt Heimbach-Steins und ergänzt: “Das gemeinsame Menschsein wiegt schwerer als politische Grenzen”.

Vielleicht gibt es für derartige Aussagen Browniepoints im Himmel der Gutmenschen, in der Realität kann man über diese Sätze nur den Kopf schütteln. Gerade einem angeblichen Sozialethiker sollte die Schwierigkeit ethisches Verhalten zu begründen, die sich aus der Begrenztheit von Ressourcen ableiten lässt, bekannt sein. Wenn man aber weiß, dass Ressourcen begrenzt sind, dass es keinen Free Lunch gibt, wie Milton Friedman gesagt hat, denn das, was A gegeben wird, das steht für B nicht mehr zur Verfügung oder muss von B (zusätzlich) aufgebracht werden, dann kann man deratige Sätze nicht von sich geben. Das ist elementare Sozialphilosophie. Ein Sozialethiker, der meint, andere zur Aufgabe nationaler Egoismen anhalten zu müssen, sollte das wissen.

Hat man die Begrenztheit von Ressourcen erst einmal akzeptiert, dann muss man nicht lange weiterdenken, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Aussage “Jeder Schutzsuchende habe einen menschenrechtlichen Anspruch auf Hilfe”, ausgemachter Unsinn ist, denn wenn Jeder den entsprechenden Anspruch hat, dann ist es eine Frage der Zeit, dass der menschenrechtliche Anspruch auf Hilfe mit dem menschenrechtlichen Anspruch auf ein gutes Leben derjenigen in Konflikt gerät, die die Hilfe geben sollen. Ressourcen sind nun einmal begrenzt. Daran ändern auch vielleicht gut gemeinte, aber unsinnige Sätze, wie der von Heimbach-Steins nichts.

Folglich kommt man zu dem Schluss, dass nicht “jeder” einen Anspruch auf Hilfe haben kann, sondern nur manche, was zunächst die Tragweite des Anspruch modifiziert und zu einer freiwilligen Hilfeleistung derer, die Hilfe gewähren, verändert, zum anderen die Frage aufwirft, wie die Manchen, denen Hilfe gewährt werden soll, ausgewählt werden. Diese Frage müsste man öffentlich diskutieren. Absurde Proklamationen wie die eines menschenrechtlichen Anspruchs auf Hilfe für jeden, machen dies unmöglich.

Entsprechende Forderungen sind schon deshalb absurd, weil Menschen doch alle gleich sind – oder? Und wenn alle Menschen gleich sind, wie kann es dann sein, dass manche Menschen Rechte für andere formulieren, sich also über diese anderen erhöhen. Und wie kann es sein, wenn alle Menschen gleich sind und die Ressourcen begrenzt sind, dass einige nicht nur anderen Rechte einräumen, sondern wieder andere dazu bestimmen, die Kosten der eingeräumten Rechte zu tragen?

Ein Sozialethiker, der über Zusammenhänge nachgedacht hat, sollte von selbst zu solchen Einsichten gelangen und nicht Unsinn verbreiten wie: “Jeder Schutzsuchende habe einen menschenrechtlichen Anspruch auf Hilfe”.

Aber Heimbach-Steins hat wohl nicht nachgedacht, sondern ihr Buch, das in einer Pressemitteilung beim idw beworben werden soll, vermutlich weil jeder Autor einen menschenrechtlichen Anspruch auf Tantiemen hat, vielmehr dazu genutzt, um politisch-korrekten Unsinn von sich zu geben, der dem Zeitgeist entsprechend bei manchen, die gerne ohne an sich zu arbeiten, ohne nachzudenken und ohne Aufwand gleichwelcher Art, gut sein wollen, auf fruchtbaren Boden fällt, der aber nichts anderes als politisch-korrekter und anbiedernder Unsinn ist, wie man einige Absätze weiter unten in der Pressemitteilung feststellen kann:

Overcrowded beach“Wer jedoch pauschal darauf pocht, dass die Grenzen der Aufnahmefähigkeit erreicht seien, betreibt einen Alarmismus, der Ängste erst schürt”, so Heimann-Steins. “Rechte politische Kräfte betrieben ein ‘perfides Spiel mit der Unsicherheit in Teilen der Bevölkerung’.”

Was für eine armselige Sozialethik das, was Heimann-Steins uns hier verkaufen will, doch ist. Wer aufgrund der Begrenztheit von Ressourcen darüber diskutieren will, ob Grenzen der Aufnahmefähigkeit erreicht sind, betreibt Alarmismus und schürt Ängste, denn in der sozialethischen Parodie von Heimann-Steins schürt man Ängste mit Feststellungen.

Und dann erinnern wir uns an das “gemeinsame Menschsein”, von dem Heimann-Steins noch zu Beginn der Pressemitteilung der Ansicht war, es wiege schwerer als politische Grenzen. Das tut es offensichtlich nur, wenn die politischen Grenzen nicht zwischen links und rechts verlaufen, denn rechts steht der Feind, den die angebliche Sozialethikerin in ihrem armseligen Versuch, Sozialethik zu betreiben, ausgemacht hat. Entsprechend erstreckt sich das gemeinsame Menschsein weder auf die “rechten politischen Kräfte” noch auf die Unsicheren “in Teilen der Bevölkerung”. Erstere sind zum Verstummen zu bringen und Letzteren ist die Unsicherheit z.B. durch staatliche Enteignung zu nehmen, denn wer sein Eigentum erst verloren hat, der muss weder Angst davor haben, es zu verlieren, noch unsicher in seine Zukunft schauen.

Nun schaut die Sozialethik auf eine lange Tradition zurück. Und jedes der philosophischen Werke, die Sozialethik zum Gegenstand haben, ist lesenswerter als das, was im Exzellenzcluster in Münster fabriziert worden ist. Sozialethik ist nämlich etwas anderes als die Äußerung einer unbegründeten Meinung, durch ein Mitglied in einem Ezellenzcluster für was auch immer. Letztlich will Sozialethik Anleitung zum richtigen Leben geben und wenn Heimann-Steins so betroffen vom Alarmismus und von den perfiden Rechten ist, warum spendet sie dann nicht ihr komplettes Gehalt, verkauft ihr Eigentum und spendet den Erlös der Flüchtlingshilfe, um zu demonstrieren, dass Jeder ein Menschenrecht auf Hilfe hat, koste es, was es wolle (oder wie man im Vereinigten Königreich sagt: Put your money were your mouth is!).

Spaemann ist übrigens der Ansicht, dass die Voraussetzung eines gelungen Lebens darin besteht, sein Handel, auch das verbale Handeln am Respekt für andere und der Bedeutung, die Handlungen und Aussagen für andere haben können, auszurichten, kurz: (verbales) Handeln soll sich durch Sorgsamkeit für die Empfindungen und Interessen anderer auszeichnen. Insofern Heimann-Steins meint, Rechte als perfide und ängstlich und in jedem Fall falsch ausgrenzen und denunzieren zu müssen, lässt sie jede Form von Sorgfalt für die Interessen und Bedürfnisse der entsprechenden Menschen, denen sie konsequenterweise auch ihr Menschsein absprechen muss, schon um ihnen kein Menschenrecht auf eigene Interessen zugestehen zu müssen, vermissen. Insofern liefert sie ein Armutszeugnis für einen angeblichen Sozialethiker.

Damit in dieser Zeit, in der angebliche Sozialethiker sich als eine Art Super-Human inszenieren, der über andere richten und bestimmen darf, ein wenig Realität einzieht, hier ein kurzer Abschnitt aus Thomas Hobbes’ Leviathan:

Leviathan.hobbes“Und weil sich die Menschen, wie im vorhergehenden Kapitel dargelegt, im Zustand des Krieges eines jeden gegen jeden befinden, was bedeutet, dass jedermann von seiner eigenen Vernunft angeleitet wird, und weil es nichts gibt, das er nicht möglicherweise zum Schutze seines Lebens gegen seine Feinde verwenden könnte, so folgt daraus, dass in einem solchen Zustand jedermann ein Recht auf alles hat, selbst auf den Körper des anderen. Und deshalb kann niemand sicher sein, solange dieses Recht eines jeden auf alles besteht, die Zeit über zu leben, die die Natur dem Menschen gewöhnlich einräumt, wie stark und klug er auch sein mag. Folglich ist dies eine Vorschrift oder allgemeine Regel der Vernunft: “Jedermann hat sich um Frieden zu bemühen, solange dazu Hoffnung besteht. Kann er ihn nicht herstellen, darf er sich alle Hilfsmittel des Kriegs verschaffen und sie benützen”. Der erste Teil dieser Regel enthält das erste und grundlegende Gesetz der Natur: Suche Frieden und halte ihn ein. Der zweite Teil enthält den obersten Grundsatz des natürlichen Rechts: Wir sind befugt, uns mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen”.

Wer Rechte für Menschen begründen will, der muss dies in einer Form tun, die auf alle Menschen in gleicher Weise zutrifft. Das schließt die Gewährung von Rechten für Menschen durch Menschen aus und hat zur Konsequenz, dass es nur gleiche Individualrechte geben kann.

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Die Schule der Unaufrichtigkeit

Dr. habil. Heike Diefenbach liest derzeit Robert Spaemann, mit viel Spass und der Konsequenz, dass in der Redaktion von ScienceFiles oft über Spaemann und seine Philosophie gesprochen wird, denn: Seine Ideen sind bemerkenswert und seine Philosophie ist eine faszinierende, stringent argumentierte Philosophie.

Robert Spaemann ist ein deutscher Philosoph, der in den wissenschaftlichen Anstalten Deutschlands kaum rezipiert wird, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, das seiner Philosophie und seiner Arbeit gerecht werden würde. Dagegen sind die Arbeiten von Spaemann ins Englische übersetzt und Spaemann gewinnt international die Anerkennung, die ihm in Deutschland bislang versagt bleibt.

Der Grund dafür, dass Spaemann’s Werk in Deutschland nur selten rezipiert oder bearbeitet wird, liegt wohl in der Geradlinigkeit seiner Argumentation und den Inhalten seiner Argumentation, die Gutmenschen und allen, die sich als gut inszenieren wollen, und davon gibt es in Deutschland wahrlich Legionen, nicht gefallen können.

Spaemann_moralische GrundbegriffeSo ist Spaemann der Ansicht, dass Handlungen, Einzelhandlungen, zwar in einem Kontext erfolgen, immer aber für sich stehen und als solche “diskrete Entitäten” alleine die Möglichkeit eröffnen, ethische Urteile über die Handlungen anderer Menschen, über die Sittlichkeit von deren Handlung zu sprechen.

Dies kann Leuten nicht in den Kram passen, die Dritte z.B. dazu zwingen wollen, etwas zu tun, was diese Dritten nicht tun wollen und dies damit rechtfertigen, dass die Handlung das Beste für diese Dritten sei. Als Einzelhandlung betrachtet, stellt der Handlungszwang, dem Dritte unterworfen werden, eine unmoralische Handlung dar und führt dazu, wie Spaemann stringent argumentiert, dass das entsprechende ethische Urteil über den Zwingenden oder den Gutmenschen in unserer Diktion negativ ausfallen muss, mehr noch: die Behauptung eine schlechte Handlung sei im Rahmen eines größeren guten Kontextes notwendig, wird von Spaemann im Anschluss an Pascal als “Schule der Unaufrichtigkeit” offengelegt.

Wir geben im Folgenden Teile seines Beitrags über Einzelhandlungen wider, in dem Spaemann diese Argumentation ausbreitet.

“Wir fragen uns nicht ganz allgemein ‘Wohin soll mein Leben gehen?’, sondern: ‘Was soll ich jetzt tun?’. Und diese Frage beantworten wir durch Benennung eines bestimmten Inhalts, der eine bestimmte Handlung zu dem macht, was sie ist, eines bestimmten ‘Objekts’, wie es in der Sprache der Scholastik hieß. Dieser Inhalt der Handlung ist es, der sie zu einer solchen Handlung macht, und nur indem sie eine solche Handlung ist, ist sie überhaupt eine identifizierbare Handlung.
Nur über solche, durch Universalien bestimmte und identifizierbare Handlungen können wir uns miteinander verständigen. Und nur solche Handlungen können wir voreinander rechtfertigen. Rechtfertigung aber ist jedenfalls dort unverzichtbar, wo andere von den Folgen meines Handelns betroffen sind. Wäre nur das Ganze einer Lebenspraxis beurteilbar, und dies zudem nur unter dem Gesichtspunkt einer universellen Optimierungsstrategie, dann wäre ein die Praxis begleitender sittlicher Diskurs, dann wären auch sittliche Äußerungen wie Lob und Tadel gar nicht möglich. Wir könnten einander nicht in die Karten schauen, und auch jede Mitteilung über den Sinn unseres Handelns, ja jede Kommunikation stünde, statt unter dem Wahrheitsanspruch, unter dem Gebot der Weltoptimierung, also unter einer strategischen Absicht.
[…]
Die menschliche Lebenspraxis aber ist eine Form von Sprache. Handelnd geben wir einander etwas zu verstehen. Ja, handelnd lernen wir erst, uns selbst zu verstehen.
[…]
Im übrigen herrscht eine eigentümliche Asymmetrie zwischen Wahrheit und Falschheit. Für die Wahrheit komplexer Sätze gilt: Eine Konjunktion von Teilsätzen wird durch die Falschheit eines Teilsatzes als Ganze falsch, durch die Wahrheit eines Teilsatzes aber nicht wahr.
[…]
Eine ihrem Typus nach schlechte Einzelhandlung kann nicht durch einen übergreifenden Kontext gutgemacht werden, wohl aber die übergreifende, von einer guten Absicht geleitete Handlungssequenz durch eine schlechte Einzelhandlung schlecht. Mit – ihrem Typus nach – guten Einzelhandlungen verhält es sich umgekehrt: Sie werden durch den schlechten Charakter der Handlungssequenz – also durch deren schlechten ‘Zweck’ – selbst korrumpiert, statt umgekehrt den sittlichen Charakter des Komplexes zu sanieren. Mit anderen Worten, der schlechte Zweck verdirbt das gute Mittel, aber der gute Zweck heiligt nicht das schlechte.
[…]
Es gibt Handlungen, deren moralische Verwerflichkeit deshalb ohne Ansehung des Kontextes von außen beurteilbar ist, ohne dass deshalb über die Gesinnung, also die moralische Qualität der handelnden Person, ein definitives Urteil gefällt werden muss. Über die Lobwürdigkeit einer Handlung kann – aufgrund des Handlungstypus – häufig ebenfalls von außen geurteilt werden, allerdings nur im Sinne eines prima facie Urteils, das durch die Aufdeckung eines korrumpierenden Kontextes revisionsbedürftig werden kann. Worauf es mir ankommt ist, zu zeigen, dass die Annahme von Einzelhandlungen als diskreten Entitäten die Bedingung eines die Lebenspraxis begleitenden ethischen Diskurses ist.
[…]
Fast jede Handlung steht in einer Anzahl verschiedener Kontexte. […] Jeder dieser Kontexte kann dazu dienen, die Handlung zu beschreiben. Komplexe Handlungen sind Handlungen, die wir beschreiben, indem wir sagen, dass jemand etwas tut, indem er etwas anderes tut oder unterlässt.
[…]
Spaemann personenWichtig ist hier, dass es sich nicht um eine zeitliche Folge von Ursachen und Wirkungen, von Mitteln und Zwecken handelt, sondern um eine Integration von Bedeutung. Das Gelingen des Lebens verhält sich zu den Handlungen, die diesem telos dienen, nicht wie der Zweck zu den Mitteln, sondern wie das Ganze zu den Teilen. Die Teile erfüllen eine Funktion für das Ganze, aber sie bilden zusammen selbst dieses Ganze. Die einzelne Handlung aber ist nur dadurch Teil des Ganzen eines gelungenen Lebens, dass sie selbst bereits ein Ganzes ist, indem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt die handelnde Person zur Erscheinung bringt. Der Mensch ist der, der dies – und das heißt, der ’so etwas’ – tut.
Die Beschreibung der Handlung, also die Definition des ’so etwas’ kann, wie wir sahen, verschieden sein, aber sie ist nicht beliebig. Ich kann, …, von jemandem sagen: ‘Er hat Peter eine Mitteilung gemacht’ oder ‘er hat Hans beleidigt’ oder ‘er hat sich gerächt’. Aber diese Beschreibungen stehen in einem eindeutigen Verhältnis der Über- und Unterordnung zueinander. Er hat sich gerächt, indem er Hans beleidigte, und er hat Hans beleidigt, indem er gegenüber Peter bestimmte Äußerungen tat. Diese Reihenfolge ist nicht umkehrbar. Vor allem aber: die jeweils spätere Beschreibung hebt die jeweils frühere, grundlegendere nicht auf. Man kann mit Bezug auf sie nicht, wie es der amerikanische Moraltheologe McCormick tut, von einem ‘expanded object’ sprechen, das es erlaubt, eine an sich unsittliche Handlung umzudefinieren und in eine sittliche zu verwandeln: so also zum Beispiel die Handlung der Tötung von zehn unschuldigen Menschen in die Handlung der Rettung von 100 anderen, die, wenn diese Tötung verweigert worden wäre, hätten sterben müssen. Diese konsequentialistische oder ‘proportionalistische’ Sicht läßt nicht nur die identifizierbaren Einzelhandlungen in einem Bedeutungskontinuum untergehen, sie ist auch, worauf schon Pascal hinwies, eine Schule der Unaufrichtigkeit. Die Kunst, die sie lehrt ist: ‘diriger l’intention’. Wem es am besten gelingt, dem, was er tun will, eine gute Absicht zu unterlegen und alles andere zu verdrängen, der hat einen Freibrief, zu tun, was er will. Die einzelne Handlung hat als solche gar keine Identität und daher auch keine sittliche Qualität.”

Aus: Spaemann, Robert (2000). Einzelhandlungen. Zeitschrift für philosophische Forschung 54(4): 514-531.

Spendenwollen ist nicht gleich Spende

In dieser Zeit, in der die Erfragung von Einstellungen und Einschätzungen zu Dingen so hoch im Kurs steht, Einstellungen zu Gewalt, zu Flüchtlingen, zu Rechtsextremismus, zum Bundesfreiwilligendienst oder zur Organspende, ist es wieder einmal notwendig darauf hinzuweisen, dass Einstellung und Verhalten zwei verschiedene Dinge sind.

Die Einstellungsforschung schlägt sich schon seit etlichen Jahrzehnten mit dem Problem herum, dass eine positive Einstellung zu Nutella nicht bedeutet, dass man Nutella auch kauft und isst, ebenso wenig, wie eine positive Einstellung zur SPD bedeutet, dass man die SPD auch wählt oder eine Befürwortung von Windkrafträdern bedeutet, dass man ein entsprechendes Monster in unmittelbarer Nähe zum eigenen Haus dulden würde.

human organ tradeDie Versuche das Problem, nach dem Einstellung und Verhalten oft nicht sonderlich viel miteinander zu tun haben, zu beheben, sind zwischenzeitlich Legion, sie reichen von den Arbeiten, die Ajzen und Fishbein veröffentlicht haben, über die entsprechenden Arbeiten von Russell Fazio bis zu den Beiträgen von Mark Zanna und dürften mittlerweile etliche Regalreihen in entsprechenden Bibliotheken füllen. Gelöst haben Sie das Problem jedoch nicht.

Nur bei der Bundesregierung scheint das Auseinanderklaffen von Einstellung und Verhalten noch nicht angekommen zu sein. Dies wird anhand einer “Unterrichtung” der Bundesregierung deutlich.

Unterrichtet wird wohl der Bundestag über die Entwicklung der Anzahl der Organspender. Sie ist gesunken, die Anzahl der Organspender, im Jahre 2014, weiter gesunken von 876 (hoffentlich) postmortalen Spendern auf 864 postmortale Spender. Die 864 Spender brachten es 2014 auf immerhin 2.989 Spendeorgane, so dass die entsprechende Wertschöpfungskette des offiziellen Organhandels zumindest nicht in Richtung Insolvenz getriftet ist.

Am häufigsten waren die Nieren (1.481 Stück) der postmortalen Spender verwertbar, am seltensten wurden Herzen gespendet (294 Stück). Als ein Grund für die “geringe Spendenbereitschaft wird der Organspendeskandal gesehen, der im Sommer 2012 bekannt wurde”, so unterrichtet die Bundesregierung. Denn: “seither ging die Zahl der Organspender deutlich zurück”.

Der entsprechende Skandal, so die Interpretation der Bundesregierung, hält die ansonsten spendewillige Bevölkerung vom Spenden ihrer Organe ab. Wird also geregelt, dass mit Organen nur noch korrekt und nicht mehr inkorrekt gehandelt werden kann, dann – so denkt man bei der Bundesregierung – sei der Spendenwut der Bundesbürger keine Grenze mehr gesetzt.

Und warum denkt man das bei der Bundesregierung?

Deshalb:

“Nach einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 2014 stehen den Angaben zufolge 80 Prozent der Befragten einer Organ- und Gewebespende positiv gegenüber. 71 Prozent sind demnach grundsätzlich einverstanden, dass ihnen nach ihrem Tod Organe und Gewebe entnommen werden.”

Klassisch! Das grundsätzliche Einverständnis von 71% würde vollständig in Spendeorganen resultieren, wäre da nicht dieser dumme Organspendeskandal gewesen. Die positive Einstellung gegenüber der Organspende, sie ist also problemlos in ein entsprechendes Verhalten transferierbar, meint die Bundesregierung, wenn die rechtlichen Randbedingungen stimmen, meint die Bundesregierung. Damit wirft die Bundesregierung eben einmal Jahrzehnte der Einstellungsforschung über Bord, in denen sich wieder und wieder gezeigt hat, dass eine Einstellung eben nicht oder nur selten oder nur unter bestimmten Umständen zu einem entsprechenden Verhalten führt.

Vermutlich ist der politische Wunsch hier Anlass dieser Träumerei in Organspende, die auf einer repräsentativen Umfrage basiert, wie könnte es auch anders sein. Das Wörtchen “repräsentativ”, es adelt Umfragen, macht aus Unsinn, repräsentativen Unsinn.

Literatur:
Ajzen, Isaac, 1991: The Theory of Planned Behavior. Organizational Behavior and Human Decision Process 50, 179-211.

Ajzen, Isaac, 1988: Attitudes, Personality, and Behavior. Milton Keynes: Open University Press.

Ajzen, Isaac & Fishbein, Mark, 1977: Attitude-Behavior Relations: A Theoretical Analysis and Review of Empirical Research. Psychological Bulletin 84, 888-918.

Fazio, Russell H., 1990: Multiple Processes by which Attitudes Guide Behavior. pp. 75-109 in: Zanna, Mark P. (ed.): Advances in Experimental Social Psychology. San Diego: Academic Press.

Zanna, Mark P. & Rempel, John K., 1988: Attitudes: A New Look at an Old Concept. S. 315-334 in: Bar-Tal, Daniel & Kruglanski, Arie W. (eds.): The social psychology of knowledge. New York: Cambridge University Press.

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Werturteil: “Sie sind ein Arschloch”

In den 1970er und 1980er Jahren wurde in Deutschland häufig auf einen demokratischen Grundkonsens verwiesen. Dieser Grundkonsens, er umfasst eine Reihe von Normen und Werten, die u.a. den Umgang miteinander regeln, er beinhaltet eine Anzahl von Grundrechten, die für Demokratien nicht hinterfragbar sind, wie z.B. das Recht auf freie Meinungsäußerung, und er umfasst eine Verhaltensethik, die den Repräsentanten des Volkes eine Reihe von Verhaltensregeln auferlegt: Nicht korrupt, sollen sie sein, die Wähler nicht manipulieren, nicht belügen und sich in jedem Fall innerhalb der durch das Strafrecht gesetzten Grenzen bewegen.

Hinzu kommen zwei formale Kriterien, die alle demokratischen Systeme im Kern gemeinsam haben: Rechtssicherheit und Rechtsgleichheit, d.h. für die gleiche Straftat werden unterschiedliche Täter mit der gleichen vorab bekannten Strafe belegt.

Das Urteil von NuernbergRechtssicherheit ist die wichtigste Bastion gegen die Willkür, die aus totalitären Systemen bekannt ist, in denen Strafen politischen Zwecken dienen. Wer jemals den Film “Das Urteil von Nürnberg” gesehen hat, weiß, was gemeint ist. Wer es nicht weiß, dem sei der Film dringend empfohlen.

Rechtssicherheit gewährleistet zudem die Festigung des demokratischen Grundkonsenses, denn die Bewertung bestimmter Verhaltensweisen ist gleich und jeder, der die entsprechenden Verhaltensweisen zeigt, weiß, was er zu erwarten hat.

Deutschland ist dabei, nicht nur besagten demokratischen Grundkonsens auszuhöhlen, sondern auch Rechtssicherheit als Basis von Verhaltenssicherheit durch Willkür zu ersetzen und sich entsprechend in die Reihe der Staaten zu stellen, die auf dem Weg in eine totalitäre Zukunft sind. Mainstream-Medien spielen dabei eine mehr als unglückliche Rolle.

Das war die Behauptung, nun kommt der Beleg!

Ex-Lehrer bezeichnet Minister als Arschloch“, so titelt die Welt am 10. September 2015:

“13.320 Euro Strafe. Ein ehemaliger Lehrer aus Köln nannte NRWs Innenminister Ralf Jäger (SPD) ein Arschloch. Das brachte ihm zunächst eine Anzeige und nun eine hohe Geldstrafe ein.”

Merke: Wenn ein Ex-Lehrer einen Minister ein Arschloch nennt, dann ist dies, unabhängig davon, in welchem Kontext die Aussage getätigt wurde, für deutsche Medien und Richter eine Beleidigung, die den Ex-Lehrer 13.320 Euro kostet.

Die Äußerung des Ex-Lehrers erfolgte im Kontext einer als rechtsextrem bewerteten Demonstration der Dügida in Düsseldorf wie die Welt weiter schreibt.

Neun Monate später und andere Akteure:

peter-tauber-facebook

Eigentlich würde man Schlagzeilen erwarten wie: “CDU-Generalssekretär beleidigt Bürger”, jedenfalls dann, wenn in deutschen Medien mit einheitlichem Maß und auf Grundlage derselben moralischen Prinzipien geschrieben würde.

Wird es aber nicht, wie ein Blick auf die Monokultur des deutschen Blätterwalds zeigt. Hier ein kleiner Rundgang durch die Titel:

Unter den schon weitgehend identischen Titeln finden sich weitgehend identische Texte, die von dpa übernommen wurden und die sich alle dadurch auszeichnen, dass die Beleidigung, für die Peter Tauber zitiert wird, gerechtfertigt wird.

Ein Facebook-Pöbler hat den armen Generalsekretär quasi zur Beleidigung genötigt. Vermutlich deshalb wird die Beleidigung nicht als Beleidigung, sondern als “Werturteil” bezeichnet. Womit die (Ab-)Schreiber von dpa, alles nur schlimmer machen, denn wenn Peter Tauber “Arschloch” nicht als entweder faktische Beschreibung oder Beleidigung sondern als Werturteil gemeint hat, dann sagt er damit, Siegfried August Mussner, der Adressat des Werturteils, sei ein Mensch zweiter Klasse, ein minderwertiger Mensch, ein Arschloch eben.

Offensichtlich ist man sich bei dpa und den den dpa-Text abschreibenden Medien darüber sicher, dass “Arschloch” als Urteil über den Minderwert von Mussner gemeint war, denn nur dann macht es Sinn, dass Mussner zudem als Facebook-Pöbler bzw. Facebook-Hetzer bezeichnet wird, eine Behauptung, die vollkommen unbelegt bleibt, so dass man weiter annehmen muss, die verantwortlichen Redakteure seien tatsächlich der Ansicht, es mit einem Untermenschen zu tun zu haben.

In jedem Fall ist der Generalsekretär entschuldigt, denn er hat für deutsche Medien in Notwehr gehandelt:

“Politiker stehen wegen freier Meinungsäußerungen oftmals unter Dauerbeschuss von Pöblern im Internet. So gibt dieser Tage CDU-Generalsekretär Tauber ein Werturteil ab, das man getrost als emotionalen Aufschrei bezeichnen darf.”

Auch der Ex-Lehrer im Eingangs zitierten Beispiel stand wegen freier Meinungsäußerung und der Wahrnehmung der Demonstrationsfreiheit unter Dauerbeschuss, hat ihn doch der Ralf Jäger, den er später als “Arschloch” nach Ansicht von Richtern beleidigt hat, als “Nazi in Nadelstreifen” bezeichnet.

Insofern könnte man auch für den Ex-Lehrer einen Ausnahmezustand geltend machen, eine Situation, in der sich ein emotionaler Aufschrei Bahn gebrochen hat. Das jedenfalls würde man dann tun, wenn man das mit der Rechtssicherheit und der Rechtsgleichheit in Medien Ernst nehmen würde.

Welt ArschlochOb Rechtssicherheit und Gleichheit vor dem Gesetz für Richter gilt, wird sich spätestens dann zeigen, wenn besagter Mussner wegen Beleidigung Strafanzeige gegen den CDU-Generalsekretär stellt. Auf Basis des Eingangs zitierten Urteils gegen den Ex-Lehrer aus Düsseldorf bliebe keine andere Wahl, als Tauber zu einer Geldstrafe (vermutlich eher Geldbuße) zu verurteilen.

Es gab einmal Demokratietheoretiker, die haben Medien als vierte Gewalt angesehen, zur Beobachtung und Kontrolle der drei anderen Gewalten. Deutsche Medien sind eher so etwas wie die vierte Kolonne. Die Redaktionsräume scheinen Wut-Zimmern zu gleichen, in denen Wut-Redakteure nur auf Gelegenheiten warten, die da draußen zu diffamieren und als Facebook-Hetzer oder Facebook-Pöbler zu bezeichnen und sich damit auf eine intellektuelle Ebene zu begeben, die weit unterhalb derjenigen liegt, die der angebliche Facebook-Pöbler eingenommen hat.

Wenn man bedenkt, dass in Medien Personen arbeiten, die ihre kognitiven Fähigkeiten durch den Abschluss eines Studiums belegt haben sollen, dann macht diese Lust am Pöbeln und Unfähigkeit zu argumentieren, die Redaktionen in Beschlag zu haben scheint, betroffen.

Die Bezeichnungen “Facebook-Pöbler” oder “Facebook-Hetzer” stellen übrigens auch Beleidigungen dar, so dass sich Siegfried August Mussner überlegen sollte, ob er nicht Strafanzeige gegen die verantwortlichen Redakteure und Unterlassungsklage gegen die Zeitungen erhebt sowie eine Gegendarstellung erwirkt, etwa in der Weise, wie dies Akif Pirincci getan hat, der sich gegen alle Zeitungen, die versucht haben, seine wirtschaftliche Existenz zu vernichten, vor Gericht durchgesetzt hat.

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Von wegen Neutralitätspflicht: Bildungsministerin übt Schmähkritik

Es gibt in Deutschland ein Neutralitätsgebot für die z.B. die Mitglieder der Bundesregierung. Dazu schreibt der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts im Urteil vom 16. Dezember 2014 (2 BvR 2/14):

bverfg“Mitglieder der Bundesregierung haben bei Wahrnehmung ihrer amtlichen Funktionen die Pflicht zu strikter Neutralität (4.). Das Neutralitätsgebot gilt, soweit die Äußerung eines Mitglieds der Bundesregierung unter spezifischer Inanspruchnahme der Autorität seines Amtes oder der damit verbundenen Ressourcen erfolgt (5.). Geltung und Beachtung des Neutralitätsgebots unterliegen bei Äußerungen von Bundesministern uneingeschränkter verfassungsgerichtlicher Kontrolle (6.)”

Im selben Urteil gibt es eine Passage, die sich mit “Schmähkritik” befasst:

“Nicht mehr mit seiner Repräsentations- und Integrationsaufgabe in Einklang stehen Äußerungen, die keinen Beitrag zur sachlichen Auseinandersetzung leisten, sondern ausgrenzend wirken, wie dies grundsätzlich bei beleidigenden, insbesondere solchen Äußerungen der Fall ist, die in anderen Zusammenhängen als „Schmähkritik“ qualifiziert werden.”

Schmähkritik liegt dann vor, wenn bei einer herabsetzenden Äußerung (z.B. offener Volksverhetzer) nicht mehr die Auseinandersetzung mit der Sache, sondern die Diffamierung und Herabsetzung der Person im Vordergrund steht (BVerfG NJW 2003, 1109, 1110).

Einem Amtsträger der Bundesregierung ist jede Äußerung, die als Schmähkritik qualifiziert werden kann, untersagt. Sie ist schlicht mit dem Anspruch an einen Amtsinhaber, die Würde seines Amtes und das Ansehen der Demokratie nicht vereinbar, denn die Mitglieder einer Regierung sollen der Theorie nach alle Bundesbürger vertreten, ein Anspruch, der kaum einzuhalten ist, wenn die Mitglieder der Bundesregierung Teile der Bevölkerung schmähen, diskreditieren und beleidigen.

Und wenn Heiko Maas mit seinen Namensbeiträgen in Zeitungen, in denen er gegen Pegida und Rechtsextremisten und Hassredner zu Felde zieht, auf des Messers Schneide, zwischen erlaubt und vom Bundesverfassungsgericht untersagt, tanzt, so hat Johanna Wanka sich eindeutig – kraft fehlender Virtuosität und vielleicht auch kraft fehlenden (Un-)Rechtsbewusstsein auf die Seite gestellt die das Bundesverfassungsgericht als no go area für Regierungsmitglieder ausgewiesen hat:

Wanka Schmaehkritik“Rote Karte für die AfD
Johanna Wanka zur geplanten Demonstration der AfD in Berlin am 07.11.2015

“Die Rote Karte sollte der AfD und nicht der Bundeskanzlerin gezeigt werden. Björn Höcke und andere Sprecher der Partei leisten der Radikalisierung in der Gesellschaft Vorschub. Rechtsextreme, die offen Volksverhetzung betreiben wie der Pegida-Chef Bachmann, erhalten damit unerträgliche Unterstützung.”

Die Aussagen, die auf der Seite des BMBF veröffentlicht wurden, die Ressourcen des BMBF in Anspruch nehmen und in den Worten des BVerfG die Autorität des Amtes beanspruchen (welche auch sonst?) verstoßen eindeutig gegen den Grundsatz der Neutralität von Amtsinhabern. Sie enthalten Schmähkritik und zielen darauf ab, die AfD mit wilden Behauptungen zu diskreditieren und Parteipolitik zu betreiben.

Denn: Es gibt keinerlei Beleg für einen kausalen Zusammenhang zwischen den Aussagen von Björn Höcke und anderer Sprecher der AfD und einer “Radikalisierung in der Gesellschaft”. Es gibt nicht einmal einen Beleg für eine “Radikalisierung in der Gesellschaft”. Es gibt keinerlei Beleg dafür, dass Lutz Bachmann die Kriterien erfüllt, um als rechtsextrem bezeichnet zu werden und es gibt bislang keinerlei Verurteilung wegen Volksverhetzung von Bachmann (obwohl es eine Anklage gibt).

Weder obliegt es Frau Wanka ihr Amt für Parteipolitik zu missbrauchen noch den Grundsatz der Unschuldsvermutung vor Verurteilung zu beseitigen noch ist es ihre Aufgabe als Minister für Bildung und Forschung, Personen als Rechtsextreme und offene Volksverhetzer zu diffamieren (Es gibt nach wie vor einen Unterschied zwischen einer Anklage und einer Verurteilung).

Kurz: Frau Wanka ist für ihr Amt nicht geeignet.

Die Würde des Amtes “Bundesminister für Bildung und Forschung” wird durch Frau Wanka geschädigt. Entsprechend sollte sie schleunigst zurücktreten und das Amt für einen geeigneten Inhaber freimachen.

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Unglaublich: Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, gibt Briten Wahlempfehlung

Wer in den 1980er Jahren Politikwissenschaft studiert hat, hatte eine gute Chance, über Dolf Sternberger und seine Schriften zum Politischen zu stolpern. In diesen Schriften hat Sternberger, den man vermutlich besser als politischen Philosophen, denn als Politikwissenschaftler klassifiziert, eine höchst moralische Sicht auf die Politik eingenommen, nicht nur dadurch, dass er die Bewahrung des Friedens als oberstes Politikziel ausgegeben hat, sondern auch dadurch, dass er Werte wie Amtsneutralität, Fairness im Umgang miteinander und Legitimität politischer Entscheidungen in den Mittelpunkt seiner Argumentation gestellt hat, einer Argumentation, wie sie sich z.B. in Büchern, wie dem 1962 erschienen: Grund und Abgrund der Macht. Kritik der Rechtmäßigkeit heutiger Regierungen” findet.

Sternberger MachtNun ist Dolf Sternberger lange tot. Nur noch der Dolf-Sternberger-Preis, den die gleichnamige Gesellschaft wohl al gusto vergibt, denn Kriterien, nach denen der Preis vergeben wird, sind nicht bekannt, erinnert an den ehemaligen Verfassungspatrioten Sternberger.

Die von Dolf Sternberger vertretenen Werte von Fairness im Umgang miteinander, Amtsneutralität oder Legitimität politischer Entscheidung, sie scheinen, wie Sternberger selbst, in Vergessenheit geraten zu sein, wie man täglich aufs Neue am Umgang von Politikern mit ihrer Bevölkerung sehen kann.

Ein besonderes Exemplar, an dem sich der Verlust von politischer Moral und Fairnessvorstellungen aufzeigen lässt, ist Martin Schulz, der seit Jahren das Amt des Präsidenten des Europäischen Parlaments besetzt. Präsidenten von Parlamenten, so will es nicht nur die Tradition, sondern auch der Anstand, sie sind zur Neutralität verpflichtet, zur Zurückhaltung und insbesondere dazu, die Würde des Amtes zu bewahren.

Letzteres ist natürlich ein Problem, setzt die Würde eines Amtes doch die Würde des Amtsinhabers voraus.

Nehmen wir daher die Amtsneutralität, mit der sich geringere Probleme verbinden. Die Amtsneutralität, die z.B. in der Behauptung des Bundeskanzlers, Schaden vom deutschen Volk und nicht nur von den Wählern der CDU/CSU abwenden zu wollen, zum Ausdruck kommt, sie hat zur Folge, dass man als Amtsinhaber zuweilen seinen Mund halten muss, insbesondere hat sie zur Folge, dass man sich nicht in politische Streits oder Wahlen zu Gunsten einer (Streit-)Partei einmischen darf. Im Gegenzug wird z.B. der Präsident des Europäischen Parlaments besser bezahlt als der herkömmliche Europaabgeordnete. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass das zusätzliche Entgelt wie eine moralische Verpflichtung, die Würde des Amtes zu bewahren, wirkt – also zumindest die Symbolik, mit der man sich umgibt, soll stimmen.

Nun, wir haben die Rechnung ohne Martin Schulz gemacht. Martin Schulz spielt gerne den Staatsmann, lässt sich gerne in seiner Funktion als Präsident des Europäischen Parlaments ablichten und ansprechen, aber er kann dennoch seinen Mund nicht halten, und vor allem kommt er nicht über seine mangelnde Erziehung zu Fairness hinweg. Weshalb er der Ansicht ist, er müsse sich in den Britischen Wahlkampf einmischen, und zwar mit einer Form der Dachlattensuggestion, die geeignet ist, Briten in Rage zu versetzen (uns mit Sicherheit).

Gegenüber dem WDR/NDR hat der Schulz nach Angaben der Tagesschau Folgendes in Worte gefasst:

Martin Schulz“Wenn David Cameron gewinnen sollte, wird er sein Versprechen eines Referendums halten müssen. Das bringt möglicherweise Großbritannien und die EU in eine sehr schwierige Situation”, warnt EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. […] Schulz fürchtet, dass das Konsequenzen haben könnte: “Er wird davon möglicherweise nicht mehr herunterkommen. Er selbst ist jemand, der in der EU bleiben möchte unter allen Umständen. Und hat sich damit eine Kampfzone eingehandelt, in der er nicht immer Herr des Verfahrens ist. Und das ist für den Premierminister eines so bedeutenden Landes wie Großbritannien schwierig”, sagt der EU-Parlamentspräsident im Interview mit dem WDR/NDR-Hörfunk.”

Also Ihr Briten, wählt Miliband, auch als #EdStone bekannt, denn wenn ihr Cameron wählt, dann wird David Cameron etwas tun, was Martin Schultz unvorstellbar ist: Er wird ein Versprechen, das er Wählern gegeben hat, einhalten und ein Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU abhalten.

Dass ein Politiker ehrlich sein könnte, dass er sich an sein Versprechen halten könnte, das ist Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, offensichtlich vollkommen unvorstellbar und so sinniert er darüber, welche Möglichkeiten es für Cameron dennoch geben könnte, sein Versprechen zu brechen, davon, wie Schulz sagt, herunterzukommen.

Als wäre die Schulzsche Prämisse, dass Politiker nicht zu ihren Versprechen stehen sollen, nicht ehrlich sein sollen, versuchen müssen, von Versprechen “herunterzukommen”, nicht schon ausreichend, wird es noch schlimmer, wenn man die davon bedingte Prämisse betrachtet, die da lautet: Es darf auf keinen Fall ein Referendum über den Verbleib in der Europäischen Union stattfinden, oder eingeschränkter: Es darf im Vereinigten Königreich auf keinen Fall ein Referendum über den Verbleib in der Europäischen Union geben.

Heftig.

Da stellt sich doch der Präsident des Europäischen Parlaments hin und verkündt in aller Öffentlichkeit deutscher Medien, dass man Bürger auf keinen Fall an Entscheidungen beteiligen darf. Dass es vielmehr notwendig sei, alles zu tun, um die Beteiligung von Bürgern an Entscheidungen zu verhinden. Und war man so unvorsichtig, die Beteiligung von Bürgern an Entscheidungen zu versprechen, dann, so empfiehlt Martin Schulz, muss man versuchen, von diesem Versprechen “herunterzukommen”.

Es ist gut, dass Philosophen wie Dolf Sternberger tot sind und nicht miterleben müssen, wie ihr Traum einer moralischen Politik platzt wie eine Seifenblase und wie sich die realistische Sicht, die Anthony Downs vor gut 60 Jahren entwickelt hat, als die richtige Sicht erweist: Die meisten Politiker sind Opportunisten, die in Wahlkämpfen alles versprechen, um gewählt zu werden und dann, wenn sie gewählt sind, keinerlei Erinnerung mehr haben, was sie versprochen haben oder versuchen, von den Versprechen “herunterzukommen”, wie Martin Schultz es nennt, den man nach allem, was wir hier an Kriterien zusammengetragen haben, wohl als Präsidenten der Opportunisten ansehen muss.

Konstruktivismus fördert den moralischen Verfall

Werner J. Patzelt ist gerade mit seinem Steckbrief konfrontiert. Der Steckbrief steckt voller falscher Behauptungen und kursiert derzeit an der Universität Tübingen, wo als der “Pegida-Versteher” etikettierte Patzelt demnächst einen Vortrag halten wird.

constructivism IAlexander Ulfig hat in einem Beitrag über den inhärenten Widerspruch, den viele Linke inkorporiert haben und der darin besteht, dass man rechte Gewalt ganz furchtbar findet und linke Gewalt in viel größerem Ausmaß dagegen setzt, diesen inhärenten Widerspruch auf das Fehlen einer ethisch-moralischen Grundhaltung zurückgeführt.

An Universitäten stehen konstruktivistische Ansätze in voller Blüte. Sie zeichnen sich nicht nur durch eine feindliche Haltung gegenüber der Ratio aus, sondern vor allem dadurch, dass sie die soziale Konstruktion von Wahrheit und nicht nur deren Überformung durch die Wahrnehmung, von allem, was Realität ausmacht, behaupten. Entsprechend wird für soziale Konstrukteure alles, Wahrheit wie Realität, zur Verhandlungssache.

Nun ist Wahrheit ein geschundener Begriff.

Betrachtet man ihn zunächst als Begriff, der an einen Bezugsrahmen gebunden ist, dann ist etwas immer mit Bezug auf diesen Rahmen wahr oder falsch. Im Rahmen der Mathematik gilt “25 / 5 = 5”. Insofern das Ergebnis der Berechnung richtig ist, ist die in Anführungszeichen gesetzte Aussage wahr.

Auch im Rahmen des täglichen Lebens kann man Dinge, die wahr sind, leicht entscheiden: Wenn A über B sagt, er sei ein Idiot, und C sagt B, dass A ihn als Idioten bezeichnet hat, dann sagt C die Wahrheit. Daran gibt es nichts zu drehen und nichts zu konstruieren.

Konstruieren kann man eigentlich nur am Rahmen, an Theorien, weshalb Diskussionen über Wahrheit, wenn sie mehr sein wollen als die Diskussion von Offensichtlichkeiten, immer Diskussionen über Theorien, deren Geltungsbereich und deren Bestätigungsgrad sein müssen.

Deshalb sind Genderisten, wenn sie mit ihren 1000 Geschlechtern des Wegs kommen, so lächerlich. Das tägliche für die Fortpflanzung relevante Leben kennt nur zwei Geschlechter. Deshalb wirken Sozialisten, wenn sie ihre Planspiele durchsetzen wollen, so lächerlich, denn dass eine Gesellschaft der Gleichen eine Drohung und kein erstrebenswerter Zustand ist, das ist allen klar, die ein Bild von Menschen als Individuum und nicht als Herdentier haben.

Wenn wir über Wahrheit streiten, dann geht es also immer um den Bezugsrahmen, der das, was wir für wahr halten, vorgibt. Kreationisten, die denken, die Welt sei durch Gott geschaffen, leiten ihre sonstigen Aussagen von dieser Aussage ab. Astronomen und Physiker, die denken, die Datenlage spreche für den Beginn unserer Zeitrechnung in einem Big Bang, gehen eben von diesem aus und beurteilen ihre Aussagen in Bezug auf den Big Bang und der Entwicklung, wie sie sich auf Grundlage physischer Gesetze bzw. von Naturgesetzen rekonstruieren und vorherberechnen lässt.

Popper objektive ErkenntnisDass es zwei Fraktionen wie Kreationisten und Physiker gibt, hat aber nichts damit zu tun, dass Wahrheit konstruiert wäre, wie es Konstruktivisten glauben. Wahrheit ist, wie Karl Raimund Popper einmal gesagt hat, eine regulative Idee: Auch wenn wir nie sicher sein können, dass wir Wahrheit gefunden haben, so brauchen wir die Wahrheit als Kriterium für Wissensfortschritt. Wahrheit wird daher zur Übereinstimmung mit der Realität, wie sie unabhängig voneinander wahrnehmende Akteure zur selben Zeit und am selben Ort und im selben Ausmaß wahrnehmen können.

Und diese regulative Idee haben Konstruktivisten aufgegeben. Für sie ist alles dieselbe Soße. Die Brocken in der Soße ergeben sich aus kommunikativer Übereinkunft. Wir kommen überein, die Brocken als vorhanden anzusehen und ab sofort zu behaupten, dass es 1000 Geschlechter gibt, denn: Alles ist verhandelbar und wird von den Grillen abgeleitet, die diejenigen gerade haben, die, aus welchen Gründen auch immer, ihre Grillen gerade in den öffentlichen Diskurs tragen dürfen oder können. Entsprechend gibt es für Konstruktivisten keine Wahrheit, sondern Wahrheits-Moden. Derzeit halten sie heute die 1000 Geschlechter für wahr, morgen werden sie einen anderen Spleen verfolgen.

Nun stellt sich angesichts der Anhänger, die der Konstruktivismus gefunden hat, die Frage, was so attraktiv daran ist, die Existenz von Wahrheit zu leugnen. Die Antwort kommt dieses Mal aus Israel (aber nicht in Form von 10 Geboten und Steintafeln…).

Dort haben Andrea Pittarello, Margarita Leib, Tom Gordon-Hecker und Shaul Shalvi eine Reihe interessanter Experimente durchgeführt, bei denen es darum geht, die Abhängigkeit von Wahrheit bzw. eher Wahrheitsliebe von bestimmten Situationen zu untersuchen. Es geht also um soziale Situationen und die Frage, wie diese sozialen Situationen bestimmt und bewertet werden können.

Herausgekommen ist, dass in ambivalenten Situationen, also in Situationen, die sich dadurch auszeichnen, dass man nicht sofort erkennen kann, was wahr ist, Lügen häufiger vorkommen als in eindeutigen Situationen. Anders formuliert: Es gibt eine Reihe von Zeitgenossen, die unklare Situationen dazu ausnutzen, ihre eigenen Interessen, ihren eigenen Vorteil zu verfolgen, Zeitgenossen, die nicht über die ethisch-moralische Integrität verfügen, eine sie bevorteilende Lüge zu unterlassen, wenn sie der Ansicht sind, eine Entdeckung dieser Lüge sei nicht wahrscheinlich.

Ambivalenz ist das Kredo des Konstruktivismus, dessen Anhänger geradezu die Unklarheit von Situationen zu zelebrieren scheinen, jedenfalls dann, wenn sie sich davon einen Vorteil versprechen. Ambivalenz wird im Rahmen des Konstruktivismus brachial hergestellt: Dadurch, dass man behauptet, Wahrheit sie das Ergebnis sozialer Verhandlungen (wobei die Wahrheit dieser Behauptung von Konstruktivisten seltsamerweise vorausgesetzt wird…). Der Vorteil dieser Behauptung: Die eigenen Konstruktionen müssen nicht mit der Realität übereinstimmen, und von der eigenen Konstruktion abweichende Positionen, also aus Sicht der Konstruktivisten andere (am Ende falsche?) Konstruktionen, können mit sprachlichen Mitteln und ohne Rücksicht auf die Wahrheit angepöbelt werden.

Das ist die Situation, in der sich Werner J. Patzelt gerade befindet, der sich mit der Realität gegen die falschen Behauptungen “des Gastes (der Autor des Steckbriefes versteckt sich hinter diesem Pseudonym)” wehrt, der in Tübingen einen Steckbrief voller Falschheiten über Patzelt verbreitet.

Die Verleumdung und Diskreditierung von Personen mit anderen Meinugen floriert im Konstruktivismus, denn die Anhänger der unterschiedlichen Sozialkonstruktionen, seien sie Sozialismus-Mystiker, Genderismus-Verklärte oder nachhaltige Klimaretter (Die nachhaltigste Entlastung des Klimas ist übrigens der Selbstmord der um das Klima Besorgten. Die Einsparungen an Folgekosten, die durch die Selbstentsorgung der entsprechenden Existenzen entstehen, sind immens.), diese Anhänger sind bar jeglicher moralischer oder ethischer Erwägungen.

Weder haben Sie moralische Prinzipien noch leben sie eine praktische Ethik, denn: beides ist entscheidbar, ist bindend.

Ethics and importanceD.h.: Wer sich zu bestimmten moralischen Prinzipien bekennt, z.B. zur Fairness, die ausschließt, dass man über Dritte Unwahrheiten in die Welt setzt oder Personen mit anderer Meinung diffamiert, der schließt damit bestimmte Handlungsweisen, die nicht seinen moralischen Prinzipien entsprechen, aus. Steckbriefe, wie der, dem sich Werner Patzelt gegenüber sieht, sind ein Indiz für die Abwesenheit moralischer Prinzipien und ein Indiz für das Fehlen einer praktischen Ethik, denn Ethik meint nichts anderes, als im Einklang mit den eigenen, für sich selbst beanspruchten moralischen Prinzipien, also authentisch und im Hinblick auf die eigenen moralischen Prinzipien wahrhaftig zu handeln.

Das Fehlen einer ethisch-moralischen Grundhaltung, das Alexander Ulfig konstatiert, kann somit auf die willkürliche Herbeiführung von Ambivalenz, wie sie durch den Konstruktivismus erfolgt, zurückgeführt werden, womit auch erklärt wäre, warum die entsprechend Befallenen vornehmlich im Dunstkreis von Hochschulen zu finden sind, blühen doch gerade an Hochschulen in den letzten Jahren Irrationalismen und offen die Rationalität ablehnende Konstruktivismen, wie der Genderismus und der Sozialismus in all seinen Spielformen.

Wie die Kausalität verläuft, ist indes unklar:

Ziehen Ideologien, die behaupten, die Wirklichkeit sei eine ambivalente Brühe, die man nach eigenem Gutdünken interpretieren könne, schwache Persönlichkeiten an, die eine Surrogatidentität suchen, die es ihnen erlaubt, individuelles Nichts und kollektives Etwas zugleich zu sein, wobei die Voraussetzung zum individuellen Nichts darin besteht, keine Moral und keine Ethik, eben keine Person zu besitzen? Oder ist es so, dass sich die entsprechenden Nichtse zusammenfinden, um zum kollektiven Etwas zu transzendieren, das sich dadurch auszeichnen muss, Identität zu verleihen ohne die individuelle Nichtigkeit zu gefährden, ein Kunststück, das nur der Konstruktivismus vollbringen kann?

Wie auch immer die Kausalität verläuft, sie verläuft zwischen individuellem Nichts und kollektivem Etwas.

Zur Studie:

Pittarell, Leib, Gordon-Hecker und Shalvi haben eine Vielzahl von Probanden, regelmäßig zwischen 7 und 40, unterschiedlichen Experimenten unterzogen, mit denen sie u.a. die Frage klären wollten, in welchen Situationen es besonders wahrscheinlich ist, dass ein Proband eine Lüge erzählt. Die Probanden saßen dazu vor Computern, auf denen regelmäßig sechs Würfel an sechs Orten dargestellt wurden. Aufgabe der Probanden war es, jeweils den Wert des Würfels, der sich am nächsten an Ort X befunden hat, zu berichten. Die Probanden erhielten für ihre Teilnahme eine Vergütung in Abhängigkeit vom Würfelergebnis, wobei sie in zwei Gruppen geteilt waren: Die Vergütung in Gruppe A wuchs mit der Höhe der berichteten Augenzahl des Würfels, die sich am nächsten an Ort X befunden hat. Die Vergütung in Gruppe B wuchs mit der Akkuratheit der berichteten Augenzahl des Würfels, die sich am nächsten an Ort X befunden hat. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Probanden in Gruppe A häufiger logen als die Probanden in Gruppe B, was offensichtlich darauf zurückzuführen ist, dass Probanden in Gruppe A einen pekuniären Vorteil mit ihren Lügen erreichen konnten. Das Ausmaß an Lügen stieg in Gruppe A mit der Ambivalenz der dargestellten Ergebnisse: War zwar entscheidbar, welcher Würfel am nächsten zum Ort X lag, die Situation aber insofern ambivalent als ein zweiter Würfel recht nahe bei X, wenngleich weiter entfernt als der erste Würfel lag, dann erhöhte dies die Anzahl der Lügen.

Die Experimente, die Versuchsanordnung und die Daten der Experimente sind hier vollständig dokumentiert. Wer Lust hat, die Ergebnisse der Experimente zu prüfen, der kann dies also tun – was zeigt, Pittarello et al. sind keine Anhänger des Konstruktivismus.

Pittarello, Andrea, Leib, Margarita, Gordon-Hecker, Tom & Shavi, Shaul (2015). Justifications Shape Ethical Blind Spots. Psychological Science. DOI:10.1177/0956797615571018

Hirntod und Suizidprävention unter Bundestagsabgeordneten

Offensichtlich gibt es Befürchtungen, dass unter Bundestagsabgeordneten die Suizidgefährdung höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Auch scheinen unter Bundestagesabgeordneten Hirntote ihr vegetabiles Dasein zu fristen, ohne dass es jemand bemerkt.

Das geht aus einer Pressemeldung des Deutschen Ethikrats hervor, die mit: “Deutscher Ethikrat diskutiert mit Bundestagsabgeordneten über Hirntod und Suizidprävention” überschrieben ist.

Parlamentarischer AbendDas Thema ist brisant: Suizidale Tendenzen unter Bundestagsabgeordneten müssen wohl endemisch sein, denn die Mittel, die dem Ethikrat zur Beratung von Bundestagsabgeordenten in Sachen Hirntod und zur Prävention von Suizid zur Verfügung stehen, wurden extra erhöht.

Wenn es um die eigene Haut geht, dann ist Bundestagsabgeordneten nichts zu teuer, und dann kommen sie auch in Scharen, wie die Freude von Patricia Lips, die dem Auschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung vorsitzt, belegt, Freude über das “ausschussübergreifende Interesse der Bundestagsabgeordneten des Deutschen Bundestags”.

Geht es um Hirntod und die Prävention von Suizid, dann sind die Reihen im Bundestag gefüllt.

Und auch Norbert Lammers ist voll des Lobes, ob der wichtigen Beratung durch den Ethikrat in Sachen Hirntod und Suizidprävention und, so fügt er hinzu, man sei “nicht nur an Ergebnissen interssiert … die den Erwartungen der Abgeordneten entsprechen. Er wies zudem auf die Bedeutung frühzeitiger grundlegender Orientierung” hin.

Früherkennung nennt man das wohl in anderen Bereichen, Früherkennung von suizidgefährdeten und hirntoten Abgeordneten, Früherkennung auch gegen den Willen der Abgeordneten-Patienten, die dennoch, wie Lammert weiß, an den Ergebnissen des Screenings durch den Ethikrat, an Prävention und Diagnose interessiert sind.

Da passt es dann ins Bild, das die Ratsvorsitzende Christiane Woopen im Gespräch mit den auch an Ergebnissen, die sie nicht erwarten, interessierten Bundestagsabgeordneten anregt, Suizidprävention an die Stelle der Behilfe zur Selbsttötung zu setzen.

Diese Anregung kommt zur richtigen Zeit, wollen die Bundestagsabgeordneten doch demnächst über ein Gesetz zur Regulierung der Beihilfe zur Selbstötung beraten. Angesichts der nicht bezifferbaren aber wohl vorhandenen Prävalenz Hirntoter in Abgeordneten-Kreisen, angesichts der Tatsache, dass die Mitglieder des Ethikrats eigens in den Bundestag geeilt sind, um mit den Abgeordneten über die Prävention von Suizid zu diskutieren, scheint die Intervention der Ethikräte gerade rechtzeitig erfolgt zu sein, um eine Massen-Selbsttötung, wie man sie aus Masada kennt, zuvor zu kommen.