Tabus der Altenpflege

Salbungsvolle Worte zum Wochenende:

“Zentrale Anliegen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sind es, dass eine qualitätsvolle Pflege gewährleistet wird, ältere Menschen mit Pflegebedarf ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen können und pflegende Angehörige in ihrer Aufgabe angemessen unterstützt werden.”

oder:

“Menschen mit Pflegebedarf müssen sich darauf verlassen können, die erforderlichen Leistungen zu erhalten.”

Altenbild

Altenbild

Die salbungsvollen Worte zum Thema “Altenpflege” werden ergänzt durch einen Altenbericht, in dem Alte fast nur als potentielle ehrenamtlich tätig bürgerlich Engagierte vorkommen. Verlieren sie ihren entsprechenden Wert, weil sie zum Pflegefall werden, dann verschwinden sie nicht nur aus dem Altenbericht, sondern auch aus der öffentlichen Wahrnehmung. Vorhanden ist dann nur noch die Arbeit, die Alte verursachen, etwa in Form der Werbetrommel, die für Altenpflegeberufe gerührt wird, dem Versuch, den eklantanten Fachkräftemangel wegzureden oder den Zahlen, mit denen im Rahmen der Pflegeversicherung jongliert wird. Wer nicht mehr vorkommt, das sind die Insassen von Altenpflegeheimen. Hinter wem sich erst einmal die Tür eines Altenpflegeheimes geschlossen hat, der ist dem Vergessen anheim gestellt, wie sich z.B. im sechsten Altenbericht zeigt, der an wenigen Stellen über zu pflegende Alte redet, aber nicht von ihnen berichtet.

Dies wird sehr deutlich am Begriff des Pflegeheims. Er kommt insgesamt 21 Mal auf den 293 Seiten des Berichts vor, wobei die Zusammenhänge, in denen er vorkommt, sehr auschlussreich sind, wie eine kleine Inhaltsanalyse zeigt:

  • In vier von 21 Zusammenhängen wird von Problemen in Altenpflegeheimen berichtet, ohne die Probleme auch als Probleme zu benennen. Eine Fremduntersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass zwei Drittel der Insassen in Altenpflegeheimen unter Mangelernährung leiden (xii). Jemand anderes findet, dass der hohe Verwendungsgrad freiheitsentziehender Maßnahmen in Altengefängnissen bedenklich sei (162). Schließlich wird angemerkt, dass es keinerlei Forschungsarbeiten zur Prävention von Stürzen alter Menschen in Pflegeheimen gibt (162). Das alles wird in einem distanzierten Ton berichtet, so wie man von Dingen berichten, die nicht sonderlich tangieren, ähnlich der Ebola-Berichterstattung aus Liberia – da gibt es welche, die leiden und sterben…
  • Viel wichtiger scheinen Altersbilder und ihre Auswirkung auf alles Mögliche zu sein, z.B. die Bereitschaft von Migranten, ihre Eltern in Pflegeheime zu stecken. Altersbilder kommen an sieben Stellen im Bericht im Zusammenhang mit Pflegeheim vor (57, 162, 181), und sie bilden, wenn man so will, den Rahmen, innerhalb dessen über Desozialisation (71) gefachsimpelt wird und die “Verknüpfung des Mikrosozialraums Pflegeheim” mit dem “kommunalen Sozialraum” (72) angeregt wird, was natürlich bürgerliches Engagement voraussetzt (71; 73) und etwas dadurch behindert wird, dass die Anzahl der Pflegeheimbewohner von manchen als zu hoch eingeschätzt wird (164), was im Hinblick auf 13% vakante Pflegeheimplätze (189) etwas erstaunt, aber im Zusammenhang mit der Patientenverfügung stehen kann, die vor allem Pflegeheiminsassen machen sollten (179).

limiting harmWie immer, wenn ein Thema in Deutschland offiziell behandelt wird, dann wird nicht das Thema, sondern eine Wunschvorstellung davon behandelt. Dies hat regelmäßig zur Folge, dass vom Thema Betroffene, Alte in Pflegeheimen in diesem Fall, nicht vorkommen, bestenfalls als Kostenfaktor oder Gegenstand freiheitsentziehender Maßnahmen oder als Verursacher von Selbst-Stürzen finden sie Berücksichtigung. Angesichts der angeblich so hoch sozialen Gesellschaft mit all ihren vielen hingebungsvollen Menschen, ist dies mehr als erstaunlich.

Fast so erstaunlich wie die Tatsache, dass ein international heißdiskutiertes Thema, nämlich das Thema der Iatrogenese (iatrogenesis) in Deutschland und im Zusammenhang mit Altenpflege keine Rolle spiel (im Altenpflegebericht kommt der Begriff “Iatrogenese” nicht vor), obwohl es eine sehr prominente Rolle spielen sollte. Iatrogenese bezeichnet Krankheit durch Behandlung, beschreibt die Folgen der Behandlung die manche Alte in Pflegeheimen erfahren.

Nicht nur um den salbungsvollen Worten und dem Schweigen, zu dem Pflegeheiminsassen verurteilt sind, entgegenzuwirken, sondern um eines dieser Tabus der deutschen Gesellschaft zu brechen, in dem der Gender-Firlefanz und die Vorlieben von kleinen Damen, die große Positionsinhaber spielen, wichtiger sind als das Wohlergeben einer ganzen Generation von Alten, hier ein Beispiel aus der Wirklichkeit, wie sie sich in Pflegeheimen abspielt.

Es ist die Wirklichkeit, der sich Herr S täglich gegenübersieht.

Herr S. ist 89 Jahre alt und bislang als rüstiger Rentner durch sein Leben gegangen. Eine Darm-Erkrankung, die ihn körperlich geschwächt hat, lässt dies nicht mehr zu. Also wird er vom Krankenhaus in ein Altenpflegeheim überstellt. Vorher bewohnte er ein eigenes Haus, nun teilt er sich ein Zweibettzimmer. Weil er geschwächt ist, ist er wackelig auf den Beinen. Nach mehreren Stürzen als Folge seiner Versuche, zur Toilette zu gelangen, und nachderm er bei seinem letzten Sturz gut 30 Minuten auf Hilfe warten musste, wird er in Windeln gepackt und zum Bettlägerigen gemacht – denn ein Pfleger, der ihn zur Toilette begleitet, ist nicht verfügbar.

Der Entprivatisierung seiner bisherigen Existenz durch Einlieferung in ein Zweibettzimmer folgt die Demütigung, die ihn zum würdelosen Dasein eines Inkontinenten verurteilt, obwohl er gar nicht inkontinent ist.

Besucher, die ihn an Wochenenden und Wochentags sehen, nehmen eine seltsame Abwesenheit und Interesselosigkeit bei ihm war, aber nur an Wochenenden. Das  hat seine Ursache darin, dass er an Wochenenden ruhig gestellt wird: Die Pflegersituation ist noch schlechter als an Wochentagen, entsprechend müssen die Alten eben medikamentös vor sich hindämmern.

Der Entprivatisierung und Demütigung folgt die medikamentöse Entmündigung, die Herrn S. willentlich seines Willens beraubt.

Nach nur wenigen Wochen im Pflegeheim hat Herr S. eine Lungenentzündung, die seine Überstellung auf die Intensivstation des örtlichen Krankenhauses zur Folge hat. Eine intensive Behandlung verbessert seinen Zustand, was dazu führt, dass er schnellstmöglich wieder aus dem Krankenhaus in sein Pflegeheim zurückgegeben wird, denn die Krankenkasse bezahlt keinen Krankenhausaufenthalt zur Pflege, da Herr S. schon zur Pflege im Pflegeheim ist.

Entprivatisiert, gedemütigt und entmündigt, hilflos, wie man Herrn S. hinterlassen hat, gibt es nur noch eines, das man ihm antun kann, man kann ihn seine Hilflosigkeit spüren lassen, ihn vernachlässigen. Wo die Grenze zwischen der Vernachlässigung und der Körperverletzung verläuft, wer will es entscheiden?

Fixierungen-in-der-PflegeWie lange Herr S. die Pflege noch überleben wird, ist derzeit noch eine offene Frage, deren Beantwortung wohl eher früher als später erfolgen wird. Beantwortet ist jedoch die Frage, was öffentlich finanzierte Altenpflegeheime mit Würde und Respekt vor dem Alter zu tun haben. Auf Basis eines Einzelfalls und dem, was ansonsten im Hinblick auf Iatrogenese (aus Ländern, in denen sie erforscht wird und die entsprechende Forschung kein Tabu darstellt), freiheitsentziehende Maßnahmen, wie das ans-Bett-Fesseln von Alten genannt wird, vermutlich um Alte in die Nähe von Kriminellen zu rücken oder auf Basis der endemischen Stürze, die auf sich gestellte Alte in den eigens für sie eingerichteten Pflegeheimen erleiden, von der weitverbreiteten Mangelernährung ganz zu schweigen, muss man feststellen, dass es eine Schande ist, wie mit pflegebedürftigen Alten in Deutschland verfahren wird.

Aber wen wundert diese Missachtung alter Menschen angesichts einer Meute von Politikern, die Wichtigeres zu tun haben: Frauenförderung, Hilfe für Homosexuelle, Nottelefone für die Massen misshandelter Frauen, Kinderförderung, Beratungsangebote für diejenigen, die sich depressiv fühlen, Netzwerktreffen derjenigen, die nichts anderes machen, als sich in Netzwerken zu treffen, in-vitro-Fertilisation für die Torschluss-Gepanikten, und, nicht zu vergessen, Sexologen für das wichtigste, was die derzeitige Gesellschaft zu kennen scheint …

Nachtrag:

Herr S. ist innerhalb von 48 Stunden nach seiner Rückkehr in das Pflegeheim nach erster Einschätzung an einer Lungenembolie verstorben.

Nachhaltige Indoktrination

Heute muss alles nachhaltig sein. Politik reicht nicht mehr, es muss nachhaltige Politik sein. Umweltschutz reicht schon lange nicht mehr: nachhaltiger Umweltschutz muss her. Personalkonzepte sind nur noch akzeptabel, wenn sie nachhaltig sind, nachhaltig ist der Anbau von Kakaobohnen, Marken sind sogar “top-nachhaltig“, Arbeiten als solches reicht auch nicht mehr, nur nachhaltiges Arbeiten wird belohnt, Nachhaltige Investmentfonds suchen Investoren, wer Rad fährt, fährt nicht mehr Rad, nein, er radelt für die Nachhaltigkeit und, last but not least, ist Friede nicht mehr als einfacher Friede von Wert, sondern nur noch, wenn er ein nachhaltiger Friede ist.

Go GreenDie Beispiele zeigen nachhaltig, dass Nachhaltigkeit in mannigfaltiger Weise verwendet wird und immer ist damit dasselbe Ziel verbunden: etwas durch den Zusatz von “Nachhaltigkeit” zu etwas Besserem, Wichtigerem zu machen, es vor anderen Dingen auszuzeichnen, um auf diese Weise eine nachhaltig positive Wirkung bei Zuhörern und Lesern zu erzielen. Kurz: Nachhaltigkeit ist ein Füllwort, dessen Wirkung nicht über die Kognition erfolgt, denn Nachhaltigkeit hat keine inhaltiche Bedeutung, sondern über die affektive Konnotation von Nachhaltigkeit, die dem Wort “Nachhaltigkeit” immanente Wertung, die man mit: gut, wichtig, schön, wünschenswert, richtig, hervorragend und in jedem Falle anzustreben umschreiben kann.

Dass Nachhaltigkeit ein leerer Begriff ist, zeigen auch die (pseudo-)wissenschaftlichen Versuche, den Begriff zu bestimmen:

Nachhaltigkeit, so kann man diese Anstrengungen zusammenfassen, soll alle Prozesse beschreiben, die eine Erneuerung von Ressourcen gewährleisten und einen Raubbau an Ressourcen verhindern. Diese Beschreibung nachhaltiger Entwicklung, findet sich zum Beispiel im Urtext, dem die Nachhaltigkeit entsprungen ist: dem Brundtland-Bericht. Dort wird eine nachhaltige Entwicklung als eine Entwicklung definiert, “die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ (Hauff, 1987, S.46). Das beschriebene Kunststück, die bekannten Bedürfnisse heutiger Generationen mit den unbekannten Bedürfnissen zukünftiger Generationen in Einklang zu bringen, wird in der AGENDA 21 weitergeführt. Der Nachhaltigkeit werden nun drei Dimensionen zugewiesen, nämlich (Bolz, 2005, S.37; Rotmans & DeVries, 1997, S.10):

  • eine soziale und wirtschaftliche Dimension, die u.a. der Bekämpfung von Armut dient, Bevölkerungspolitik betreiben will und den Handel umschließt;
  • eine Dimension die die Erhaltung und Bewirtschaftung der Ressourcen sicherstellen soll und u.a. die Bereiche Klima-, Energie- und Landwirtschaftspolitik umfasst;
  • eine Dimension die auf die Stärkung der Rolle (Rechte) gesellschaftlicher Gruppen abzielt, worunter vornehmlich Minderheiten, Frauen, aber auch NGOs fallen.

Es ist jedem halbwegs in Wissenschaft Geschulten leicht ersichtlich, dass Nachhaltigkeit kein wissenschaftliches, sondern ein normatives Konzept ist, denn Nachhaltigkeit beschreibt gesellschaftliche Zustände, die aus Sicht derer, die die entsprechenden Zustände als nachhaltig beschreiben, wünschenswert sind. Warum sie das sind, wird regelmäßig nicht begründet, vielmehr werden diejenigen, die nach einer Begründung fragen, durch einen entrüsteten Appell an einen nicht näher bestimmte Verantwortung gegenüber nicht näher bestimmten Dritten oder Dingen mundtot gemacht.

Dass Nachhaltigkeit somit ein Begriff ist, der bestenfalls mit Bezug auf die Ethik bestimmt werden kann, wird spätestens dann deutlich, wenn man die Argumentation der Nachhaltigkeitsapostel umdreht und fragt:

  • Ist es nicht wichtiger das Los der derzeitig lebenden Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verbessern, anstatt ihnen Einschränkungen mit Blick auf noch nicht geborene Menschen aufzuerlegen?
  • Wieso soll man bekannte Bedürfnisse lebender Generationen zu Gunsten unbekannter Bedürfnisse (noch) nicht lebender Generationen zurückstellen?
  • Warum sollen heute lebende Generationen auf einenhöheren Lebensstandard, der ihnen mögilch ist, verzichten, nur weil Berufspessimisten annehmen, dass zukünftige Generationen zu dumm sein werden, um mit den Herausforderungen, vor die sie gestellt sind, selbst fertigwerden zu können?
  • Ist es überhaupt ethisch vertretbar, von Menschen Verzicht zu fordern und ihnen ein schlechteres anstelle eines besseren Leben zu verordnen?

Dies sind nur einige Fragen, die mit dem Konzept der Lebensqualität oder Nicht-Nachhaltigkeit verbunden sind und die deutlich machen, dass Nachhaltigkeit lediglich dazu dient, moralischen Druck auf Menschen auszuüben, um sie in eine Richtung und zu Handlungen manipulieren zu können, die sie von sich aus nicht vorgenommen hätten.

overpopulationAufgabe einer Wissenschaft, die sich ernst nimmt, wäre es entsprechend den anti-emanzipatorischen Kern, den Nachhaltigkeit umschließt, deutlich zu machen und eine moralische Aufklärung zu betreiben, die Menschen nicht zu Lemmingen des Zeitgeistes macht, sondern sie darüber entscheiden lässt, ob sie sich im Sinne der Nachhaltigkeits-Apostel verhalten wollen oder nicht. Das würde natürlich voraussetzen, dass die Nachhaltigkeitsapostel ihre Argumente dafür präsentieren, warum es für derzeit Lebende einen Nutzen bringen soll, sich nachhaltig zu verhalten und diesen Nutzen auch konkret anzugeben. Anders formuliert: Die Nachhaltigkeitsapostel müssten begründen, warum die Lebensqualität der derzeit lebenden weniger wert sein soll als die Lebensqualität zukünftiger Generationen. Und schon weil ein konkreter Nutzen gefragt ist, wird man vergeblich auf entsprechende Argumente warten (schon weil Nachhaltigkeit, dann, wenn sie ernstgenommen wird, und als Reduzierung des Einflusses von Menschen auf ihre Umwelt operationalisiert wird, logisch zu der Konsequenz führt, dass man einen Geburtenstopp fordern müsste.).

Institutionalisierte Wissenschaft in Deutschland 2014 ist jedoch weit davon entfernt auch nur Spuren einer emanzipativen Auffassung der eigenen Tätigkeit zu enthalten. An die Stelle der Rationalität, die die Idee der Wissenschaft über Jahrhunderte hinweg getragen hat, tritt immer häufiger eine Irrationalität, deren Ziele gerade nicht in der Befreiung von Menschen und der Herstellung von Autonomie bestehen, sondern im Gegenteil darin, Heilsbotschaften zu verkünden, Verhaltensvorschriften zu geben oder, in anderen Worten, Inhaber wissenschaftlicher Positionen in der moralischen Überzeugung schwelgen zu lassen, sie könnten irgend etwas besser für andere beurteilen als diese selbst.

Und so ist es nicht verwundertlich, dass sich vermeintliche Wissenschaftler dafür hergeben, an einer effektiven Verbreitung der Nachhaltigkeits-Saga mitzuwirken. Ziel: “Sachwissen in den Themenfeldern der Nachhaltigkeit zu vertiefen und mit erfahrenen Fachleuten aus der Praxis (z. B. taz, SPIEGEL) die verständliche und spannende Vermittlung der Themen zu üben”. Deutlicher kann man die Tasache nicht mehr machen, dass deutsche Universitäten nicht mehr Erkenntnisgewinn zum Ziel haben, sondern klar sozial-technologische Ziele verfolgen, also dabei mitwirken wollen oder sollen, die Bürger auf den richtigen Weg zu führen, ihnen das richtige Verständnis zu vermitteln, als es in diesen wenigen Zeilen aus dem Zertifikatstudium “Nachhaltigkeit und Journalismus”, das an der Leuphana-Universität Lüneburg angeboten wird, von der wir uns zunehmend fragen, warum sie “Universität” nicht endlich durch Schule ersetzt.

nachhaltig siegelIm Zertifikatstudium, das mit dem Zertifikat “Nachhaltigkeit und Journalismus” endet, eine Auszeichnung, die man sich dann vermutlich auf den Allerwertesten tätowieren lassen darf, werden Grundlagen in “Nachhaltigkeitsnaturwissenschaften”, “Nachhaltigkeitshumanwissenschaften”, in der “Nachhaltigkeitskommunikation” gelegt, in dem die “Nachhaltigkeitsforschung” der entsprechenden “Nachhaltigkeitswissenschaften” dargelegt und genutzt werden, um einen “Nachhaltigkeitsjournalismus” darauf zu gründen. Bei so viel Nachhaltigkeit muss es auch dem letzten Leser  deutlich werden, dass hier nachhaltige Kaderbildung betrieben werden soll, und zwar in Form nachhaltiger Journalisten, oder, in den Worten von Dr. habil. Heike Diefenbach, von Multiplikatoren, die wie die 12 Apostel in die Welt ziehen und die heilige Botschaft verkünden, nicht die heilige, in diesem Fall, sondern die nachhaltige Botschaft.

Das Pikante am Zertifikatsstudium der Kaderschmiede in Lüneburg findet sich unter dem Punkt “Partner”. Partner des Zertifikatsstudium, das aus Gründen der Verschleierung an einer Institution angeboten wird, die sich (noch) Universität nennt, sind:

  • Der BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland, die “treibende gesellschaftliche Kraft für eine nachhaltige Entwicklung in Deutschland”.
  • Die Zeitschrift GEO, des Verlagshauses Gruner und Jahr, die offensichtlich und bislang noch keine nachhaltigen Reportagen produziert.
  • Germanwatch, eine “Entwicklungs- und Umweltorganisation, die sich für globale Gerechtigkeit und den Erhalt der Lebensgrundlagen einsetzt”.
  • Die Lüneburger Landeszeitung, die derzeit “31.689” nicht nachhaltige Exemplare verkauft.
  • Die taz.panterstiftung, die in Workshops “kritische Journalisten” der Art, wie man sie fast täglich in der “taz” bewundern kann, heranzüchten will.
  • Völkel Naturkostsäfte, bei denen der “Anbau von Bio-Streuobstwiesen und die Förderung von samenfesten Gemüsesorten” ganz hoch im Kurs steht.
  • Und der WWF, der “weltweit die Zerstörung der Natur und Umwelt” stoppen will, woraus man nehmen muss, dass Natur mit Umwelt nichts zu tun hat.

go green 2Die genannten Partner, deren richtige Bezeichnung wohl eher: Sponsoren wäre, machen das Zertifikatsstudium erst möglich, und entsprechend empfehlen wir das Studium der vollen Aufmerksamkeit der GEW, die im regelmäßig auf uns niederkommenden “Privatisierungsbericht”, die Einflussnahme privater Organisationen auf die Bildung beklagt. Und im vorliegenden Fall sind wir ganz und gar einer Meinung mit der GEW: Es ist höchste Zeit die Finanzierung von Zertifikatsstudien zu “Nachhaltigkeit und Journalismus” , die Einflussnahme privater Organisationen auf die Ausgestaltung von Bildung und den Missbrauch universitärer Ressourcen für Indoktrination und Manipulation zu unterbinden.

Literatur

Bolz, Hermann R. (2005). Nachhaltigkeit. Eine weitere Worthülse oder ein wirksamer Beitrag zur Verringerung der Ontologischen Differenz? Norderstedt: Book on Demand.

Hauff, Volker von (Hrsg.)(1987). Unsere gemeinsame Zukunft – Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Köln: Greven.

Rotmans, Jan & De Vries, Bert (1997). Perspectives on Global Change: The TARGETs Approach. Cambridge. Cambridge University Press.

Der Feind in unserer Mitte: Gender Studies können an Universitäten nicht mehr einfach geduldet werden

Prof. Dr. Günter Buchholz hat einen Fachartikel an der Fachhochschule Hannover veröffentlicht, der sich – folgt man der Überschrift – mit “Gender Studies – Die Niedersächsische Forschungsevaluation und ihre offenen Fragen” befasst, der sich jedoch bei Lektüre als viel umfassenderer und weitreichenderer, weil weit über Niedersachsen hinausreichender Fachartikel darstellt.

buchholzWer den Beitrag von Prof. Dr. Günter Buchholz gelesen hat, der kann, sofern ihm Wissenschaft und gesellschaftliche Prosperität am Herzen liegen, nicht mehr schweigen, der muss aufstehen und den Feind in unserer Mitte bekämpfen.

Nun, nach diesem pathetischen Anfang ist es notwendig, die Rechtfertigung für diesen pathetischen Anfang, zu liefern, damit auch dem Trägsten unter den Lehrstuhlplattsitzern in Deutschland Dampf unter dem Allerwertesten gemacht wird.

Günter Buchholz hat einen Aufhänger in seinem Beitrag, einen Bericht, der von der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen als Evaluationsbericht zur “Geschlechterforschung in Niedersachsen” bezeichnet wird. Es ist dies ein klassischer Fall von Etikettenschwindel, mit dem die Öffentlichkeit absichtlich und mutwillig getäuscht werden soll, denn der Bericht und die Empfehlungen zur Geschlechterforschung ist alles, aber er ist weder eine Evaluation noch etwas, was auch nur entfernt an eine Evaluation erinnert.

Es beginnt damit, dass die Autoren des Werks, Birgit Geissler, Christina von Braun, Ineke Klinge, Birgit Riegraf, Friederike Maier und Ines Weller alle Nutznießerinnnen des Genderismus sind, d.h. auf entsprechenden Lehrstühlen für Gender Studies installiert wurden. Die Evaluation von Gender Studies oder Geschlechterforschung durch Personen, die Gender Studies oder Geschlechterforschung betreiben, gleicht somit dem Unterfangen, die Relevanz und Wirkungsweise von Astrologie durch Astrologen evaluieren zu lassen.

Logik f dummiesNun könnte man uns vorwerfen, hier ein argumentum ad hominem gemacht zu haben, denn prinzipiell ist es denkbar, dass auch Personen, die von Gender Studies profitieren, deren Einkommensquelle vom Bestand der Gender Studies abhängt, zumindest den Versuch unternehmen, die Gender Studies ansatzweise objektiv zu beurteilen. Entsprechend muss man die vermeintliche Evaluation als solche zur Kenntnis nehmen und sein Urteil begründen, um es nicht dem Vorwurf eines argumentum ad hominem auszusetzen.

Im vorliegenden Fall ist das einfach.

Evaluationsstudien untersuchen die Konsequenz von etwas. So kann man die Wirkung von Medikamenten untersuchen, in dem man die Personen, die nach Einnahme eines Medikaments gestorben sind, denen gegenüberstellt, die geheilt wurden. Man kann wissenschaftliche Fachdisziplinen, z.B. die Soziologie, im Hinblick auf ihren gesellschaftlichen Einfluss untersuchen, in dem man soziologische Forschungsergebnisse z.B. im Rahmen der Bildungsforschung zusammenstellt und untersucht, welchen Niederschlag diese Forschungsergebnisse in der Bildungspolitik gefunden haben. Das setzt natürlich voraus, dass es überhaupt Forschungsergebnisse gibt. Schließlich kann man Publikationen von Wissenschaftlern in einem Fachgebiet einer Evaluation zu Grunde legen, dieselben auf der Basis einer Reihe von Kriterien wie: empirische Bewährung, wissenschaftliche Reichweite usw. bewerten. Wie auch immer man im Rahmen einer Evaluationsstudie vorgeht, immer wird der Output bewertet, d.h. die Konsequenzen einer Forschung, deren Niederschlag, das, was man auch als Außenstehender als Ergebnis der entsprechenden Forschung wahrnehmen kann. Und selbstverständlich wird das Ergebnis mit den Kosten, die angefallen sind, um es zu erzielen, gewichtet.

Nur bei den Gender Studies und der angeblichen Evaluationsstudie aus Niedersachsen ist dies nicht der Fall. Hier versuchen die Autorinnen wie Günter Buchholz sehr klar und mit Liebe zum Detail darstellt, zu argumentieren, dass die wissenschaftlichen Kriterien, die seit Jahrhunderten genutzt werden, um den Wert einer wissenschaftlichen Forschung zu bestimmen, für Gender Studies nicht gelten. Gender Studies dürfen nicht an ihrem Output bewertet werden, vielmehr sollen Gender Studies am Input bewertet werden: Je mehr Lehrstühle für Gender Studies, desto besser. Je mehr angebliche Wissenschaftler Gender Studies betreiben, desto besser. Dies ist eine äußerst verquere Logik, die an das Verbot, die katholische Kirche zu kritisieren, erinnert, das es im Mittelalter gegeben hat.

Dazu schreibt Günter Buchholz:

“Damit wird der ministerielle Evaluationsauftrag im Hinblick auf Forschungsleistungen (Output) umgedeutet in eine Untersuchung, die zur Stärkung von Forschungs – Input-Strukturen (Stellen,Professuren, unabhängige Institute, finanzielle Mittel) beitragen soll, welche durch den Nachweis von erbrachten Forschungsleistungen weder gerechtfertigt werden können noch sollen.”

offene gesellschaft bdIIVermutlich ist Günter Buchholz hier zu nachsichtig mit dem Ministerium, das diese angebliche Evaluationsstudie in Auftrag gegeben hat. Denn, wie er selbst in seinem Beitrag feststellt, geht es vor allem darum, sich eine Legitimation dafür zurecht zu legen, Steuerzahlern weiterhin und in immer größeren Ausmaß zur Finanzierung von Gender Studies zur Kasse zu bitten, obwohl Steuerzahlern kein erkennbarer Nutzen aus Gender Studies entsteht. Statt dessen entstehen Steuerzahlern weitere Kosten, die sich mit Zerstörung von Wissenschaft und Behinderung von Erkenntnisfortschritt und Prosperität benennen lassen. Entsprechend kann man davon ausgehen, dass die angebliche Evaluationsstudie mit genau diesem Ziel beauftragt wurde.

Letztlich stellen sich die Gender Studies in der vermeintlichen Evaluations Studie als großangelegter Versuch des Nutznießens auf Kosten von Steuerzahlern dar, so dass Günter Buchholz zu der folgenden abschließenden Evaluation kommt:

“Die Politik ist aus Sicht des Autors aufgefordert, die den Staatsfeminismus ermöglichenden verfassungswidrigen Rechtsnormen aufzuheben und seine Finanzierung umgehend einzustellen; hierbei sind auch Zivilgesellschaft und Justiz gefordert.”

In kurz: Gender Studies sind der Versuch durch die unbelegte Behauptung vermeintlicher Benachteiligung von Frauen, der der Status einer sakrosankten Aussage zugewiesen wird, Steuermittel zu zweckentfremden und in die eigenen Taschen zu leiten. Dazu lagern sich Gender Studierte wie Misteln um Ministerien an, um Förderungen zu erhalten. Dazu ist es zudem notwendig, eine wissenschaftliche Legitimation vorzutäuschen, weshalb Gender Studies an Universitäten installiert wurden. Und da Gender Studies sich zu Wissenschaft verhalten wie Gift zu Gesundheit, schädigen sie die institutionalisierte Wissenschaft, machen sie ganze Fachbereiche lächerlich und führen sie dazu, dass wissenschaftliche Kriterien, für deren Einhaltung gerade in Deutschland schwer gekämpft werden musste, wieder beseitigt werden und die Willkür abermals die Hochschulen Deutschlands mit Beschlag belegt.

Diese Einschätzung ist zu pessimistisch? Sie wird den Gender Studies nicht gerecht? Nun, alle Wissenschaft ist empirisch, und deshalb testen wir unsere Thesen, d.h. nicht wir tun das, sondern Günter Buchholz, und zwar mit einer Befragung, die dazu konzipiert wurde, Gender Studies Betreibern die Gelegenheit zu geben, ihre Wissenschaftlichkeit und ihre Nützlichkeit zu demonstrieren. Die Befragung besteht aus drei Teilen und kann hier als Ganzes heruntergeladen werden.

Wir wollen uns an dieser Stelle auf Teil B beschränken, weil er der Teil ist, mit dem die Wissenschaftlichkeit der Gender Studies steht und fällt. Die Fragen zur Wissenschaftlichkeit der Gender Studies sind die folgenden:

Buchholz Fragebogen

Ein Wissenschaftler, dem derartige Fragen vorgelegt werden, würde sie mit der größten Freude beantworten, zielen die Fragen doch genau auf das, was seine Wissenschaft ausmacht, die Methode, den harten Kern der Theorie, wie Lakatos dies genannt hat, die Zuordnung zu einer bestimmten Forschungsmethodologie, die Art und Weise der Prüfung von Hypothesen usw.

Entsprechend muss man erwarten, dass dann, wenn Gender Studies Betreiber Wissenschaftler sind, sie diese Fragen mit Freude und Leichtigkeit beantworten (können und wollen). Da die Fragen zudem von einem Kollegen einem Professor im Rahmen eines Forschungsprojekts gestellt wurden, ist deren Beantwortung mit um so größerer Motivation von empirisch arbeitenden Wissenschaftlern zu erwarten.

Um die Beantwortung der Fragen, wurden die folgenden Personen gebeten:

      1. RWTH Aachen, Herrn Prof. Dr. Ernst Schmachtenberg, Rektor
      2. Frau Prof. Dr. Tanja Paulitz
      3. Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Präsident Herr Prof. Dr. Bernd ReissertFrau Prof. Dr. Kristina Bautze
      4. Präsident der Goethe-Universität Frankfurt/Main, Herrn Prof. Werner Müller-Esterl
      5. Frau Prof. Ulla Wischermann
      6. Präsident der Universität Hamburg, Prof. Dr. Dieter Lenzen
      7. Frau Prof. Blunck
      8. Präsident der Universität Hamburg, Prof. Dr. Dieter Lenzen
      9. Frau Prof. Raasch
      10. Genderbüro, Frau Dr. Frey,
      11. Universität Trier, Der Präsident Prof. Dr. Jäckel
      12. Frau Prof. Dr. Geier
      13. Universität Basel, Der Rektor Herr Prof. Dr. Piveteau,
      14. Frau Dr. Ramsauer
      15. TU Berlin, Der Präsident Herr Prof. Dr. Jörg Steinbach
      16. Frau Prof. Dr. Sabine Hark
      17. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Präsident Herr Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Jochen Schiewer
      18. Frau Prof. Dr. Nina Degele
      19. Frau Prof. Dr. Weber, Rektorin der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald
      20. Herr Dr. P. Pohl
      21. Präsident der Universität Hamburg Prof. Dr. Dieter Lenzen
      22. Frau Prof. Lembke
      23. Rektor der Universität Bremen Prof. Dr. Scholz-Reiter
      24. Frau Prof. Eifler
      25. Universität Osnabrück – Der Präsident Prof. Dr. Rollinger
      26. Frau Prof. Dr. Schwarze
      27. Wirtschaftsuniversität Wien, Der Rektor Herr Prof. Dr. Badelt
      28. Frau Prof. Dr. Hanappi-Egger
      29. Universität Bern, Der Rektor Herr Prof. Dr. Täuber,
      30. Frau Prof. Dr. Schnegg
      31. Herrn Prof. Dr. Umbach, Präsident der Ostfalia – Hochschule
      32. Frau Stephanie Zuber
      33. Ruhr Universität Bochum, Rektor Herr Prof. Dr. Dr. h.c. Elmar W. Weiler
      34. Frau Prof. Dr. Ilse Lenz
      35. Frau Prof. Dr. Dienel, Präsidentin der HAWK Hildesheim
      36. Frau Prof. Dr. A. Müller
      37. Präsident der Universität Hamburg, Prof. Dr. Dieter Lenzen
      38. Frau Prof. Schirmer
      39. Präsident der Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr. Radtke
      40. Frau Prof. Klammer
      41. Universität Gießen, Der Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee
      42. Frau Dr. Hergenhan
      43. Universität Wien, Der Rektor Herr Prof. Dr. Engl
      44. Frau Prof. Dr. Schmitz
      45. Universität Klagenfurt, Der Rektor Herr Prof. Dr. Vitouch
      46. Frau Prof. Dr. Wächter
      47. Herr Prof. Dr. Berger
      48. Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen, Frau Prof. Ulrike Beisiegel
      49. Frau Dr. Uta Schirmer
      50. Universität Bremen, Rektor Herr Prof. Dr.-Ing. Bernd Scholz-Reiter
      51. Frau Prof. Dr. Christine Eifler
      52. Universität Oldenburg, Die Präsidentin Frau Prof. Dr. B. Simon
      53. Präsident der Universität Hamburg, Prof. Dr. Dieter Lenzen
      54. Frau Prof. Benthien
      55. Heidelberger Institut für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung,
        Frau Prof. Blaettel-Mink, Frau Dr.Kramer
      56. Universität Kassel, Der Präsident Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep
      57. Frau Prof. Dr. Tuider
      58. Universität Wien, Der Rektor Herr Prof. Dr. Bieger
      59. Herr Prof. Dr. Steyart
      60. Technische Universität Berlin, Der Präsident Prof. Dr. Steinbach, Der Vizepräsident Prof. Dr. Thamsen
      61. Frau Prof. Dr. S. Hark
      62. Universität Graz, Die Präsidentin Frau Prof. Dr. Christa Neuper
      63. Frau Prof. Dr. Angelika Wetterer
      64. Herrn Prof. Dr. Bernd Huber, Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität München
      65. Frau Prof. Paula-Irene Villa
      66. Präsident der HAW Hamburg, Prof. Dr. Michael Stawicki
      67. Frau Prof. Bessenrodt-Weberpals
      68. Präsident der Universität Hamburg,Prof. Dr. Dieter Lenzen
      69. Frau Prof. Rastetter
      70. Deutsche Stiftung Frauen- und Geschlechterforschung
        Frau Dr. Dumont du Voitel,
      71. Universität Siegen, Der Rektor Prof. Dr. Burkhart
      72. Frau Prof. Dr. Moog
      73. Universität Basel, Der Rektor Herr Prof. Dr. Loprieno
      74. Frau Prof. Dr. Maihofer

Von den verschickten Fragebögen hat Günter Buchholz insgesamt keinen einzigen ausgefüllt zurückbekommen. Mit anderen Worten: Keiner der Angeschriebenen hat an der Befragung des Kollegen Buchholz teilgenommen. Lediglich eine, der angeschriebenen hat ein intensives Telefongespäch mit Günter Buchholz geführt, das letztlich jedoch zu keinem ausgefüllten Fragebogen geführt hat. In fünf Fällen hat Günter Buchholz einen Rückruf erhalten, in dem der Angeschriebene seine “unverhohlene Empörung” zum Ausdruck gebracht hat, was wohl die Art und Weise ist, mit der Buchholz Beschimpfungen am Telefon umschreibt.

Es bleibt also festzustellen, dass Gender Studierte nicht Willens oder nicht in der Lage sind, die oben dargestellten Fragen, die jeder Wissenschaftler aus dem ff beherrschen und mit Freude für seinen Tätigkeitsbereich beantworten können muss, zu beantworten. In beiden Fällen, dem des nicht Wollens und dem des nicht Könnens muss man feststellen, dass es sich bei den Angeschriebenen offensichtlich um keine Wissenschaftler handelt.

Offene Gesellschaft BD1Vielmehr belegt die Befragung von Günter Buchholz einmal mehr in eindrücklicher Weise die Tatsache, dass Gender Studies nichts mit Wissenschaft zu tun haben, dass dann, wenn Gender Studierte um eine Legitimation oder eine wissenschaftliche Begründung für ihre Gender Studies gebeten werden, sie empört reagieren, wie dies für Anhänger eines Kultes, deren Fetisch man hinterfragt, üblich ist. In jedem Fall ist das Bemühen evident, den eigenen Tätigkeitsbereich hermetisch gegen Begutachtung und vor allem gegen eine wissenschaftliche Untersuchung abzuschirmen. Nicht zuletzt ist dies in einem Boykott-Aufruf der Befragung von Günter Buchholz deutlich geworden, den Beate Kortendiek, die dem Steuerzahler in Duisburg-Essen zur Last fällt, verbreitet hat.

Wissenschaftler haben seit dem Advent der rationalen Wissenschaft, seit Philosophen wie Francis Bacon oder Thomas Hobbes, Immanuel Kant oder Karl Raimund Popper die Emanzipation der und Begründung von Wissenschaft als empirische Wissenschaft vorangetrieben haben, einen stetigen und erfolgreichen Kampf gegen die Religion geführt, die regelmäßig versucht hat, Wissenschaft und ihre Erkenntnis zu unterbinden oder für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Die scheinbare Säkularisierung, die angeblich in modernen Gesellschaften eingesetzt hat, hat nur den Gegner im Kampf um freie Wissenschaft und freie Erkenntnis verändert: Nicht mehr Religion versucht, Wissenschaft zu verunmöglichen und freie Erkenntnis zu beseitigen, sondern Ideologie, namentlich der Genderismus, der nichts anderes ist, als die Neuauflage eines feministisch gewendeten Sozialismus.

Wissenschaftler haben nicht über Jahrhunderte gegen den Einfluss der Kirche gekämpft, um nunmehr tatenlos dabei zuzusehen, wie ein neuer Feind aus ihrer Mitte heraus, die Wissenschaft zerstört. Entsprechend ist Widerstand geboten, Widerstand gegen Genderisten und ihre vermeintlichen Studien.

Wir fordern unsere Leser dazu auf, Teil B des Fragebogens, der oben dargestellt ist und hier heruntergeladen werden kann, auszudrucken und Gender Studierte mit diesen Fragen zu konfrontieren wo sie gehen und stehen. Konfrontiert die Gender Studierten so lange mit diesen Fragen, bis sie sich nicht mehr aus ihren Büros trauen! Verlangt Antworten und macht den Gender Studierten klar, dass sie zum Geben von Antworten verpflichtet sind, schließlich werden sie von uns allen bezahlt! Und wenn sie keine Antworten zu geben in der Lage sind oder unwillig sind, Antworten zu geben, dann haben sie an Universitäten nichts zu suchen und sollten schnellstens von dort entfernt werden.

Aktive Sterbehilfe: eine Frage der Selbstbestimmung

Die Frage danach, ob aktive Sterbehilfe erlaubt sein soll oder nicht, rührt an den Grundfesten westlicher Gesellschaften, insbesondere an dem, was viele als christliches Erbe sehen. Dieses christliche Erbe sieht es vor, sich auch oder gerade um die zu kümmern, die sich nicht mehr selbst versorgen können, in Altersheimen zum Beispiel, in denen alte Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben geführt haben und nach dem Tod ihres Partners alleine weitergelebt haben, am Ende ihrer Tage in ein Zweibettzimmer gezwängt werden, um dort darauf zu warten, dass sie die Mildtätigkeit ihrer Gesellschaft erreicht, natürlich innerhalb der Arbeitszeiten und nur im Hinblick auf die Grundbedürfnisse.

Am anderen Ende der “sich-kümmern”-Skala stehen die Kranken und Pflegefälle, die zuweilen keinerlei eigenen Beitrag mehr zu ihrem Leben leisten können, deren Leben im Gegenteil zu einer von Schmerzen gepeinigten Hölle geworden ist, wie dies bei Tony Nicklinson der Fall war, dessen Beispiel als das Beispiel eines Verzweifelten, dem die Sterbehilfe von britischen Gerichten verweigert wurde, durch die Presse gegangen ist.

dignity in dyingAber sein Leiden scheint nicht umsonst gewesen zu sein, denn ausgerechnet der ehemalige Archbishop of Canterbury, also das ehemalige geistliche Oberhaupt der Church of England, Lord Carey, hat nun seine Entscheidung publik gemacht, einen Gesetzentwurf zur Legalisierung aktiver Sterbehilfe, der zur Zweiten Lesung im House of Lords ansteht, zu unterstützen. Es sei vor allem der Fall Nicklinson gewesen, der seine alten philosophischen Sicherheiten darüber, dass Sterbehilfe falsch sei, zum Einsturz gebracht habe, so Lord Carey, dem es nunmehr darum geht, unnötiges Leiden zu verhindern, und zwar durch seine Unterstützung für das Gesetz, das im Vereinigten Königreich die aktive Sterbehilfe erlauben soll.

Lord Carey hat seine Meinung angesichts der Realität geändert. Die Wirklichkeit war noch immer das beste Mittel gegen Ideologie. Auch der überzeugteste Sozialist fängt an, Eigentum zu verteidigen, wenn er mit Knappheiten konfrontiert ist und der Gefahr, seinen Lebensstandard aufgeben zu müssen. Noch der Überzeugteste unter denen, die die Sterbehilfe ablehnen, wird seine Ablehnung zumindest überdenken, wenn er mit der Realität, wie sie Fälle wie der von Tony Nicklinson nun einmal darstellen, konfroniert ist.

Für Liberale ist die Frage aktiver Sterbehilfe sowieso keine Frage: Für Liberale ist Selbstbestimmung der höchste Wert, und entsprechend ist die freie Entscheidung eines Individuums, sein Leben zu beenden, zu akzeptieren und zu respektieren. Man könnte dies auch in Frageform verpacken und fragen: Wer gibt jemandem das Recht, die freie Entscheidung eines anderen, sterben zu wollen, nicht zu akzeptieren, und auf welcher Grundlage nimmt sich jemand das Recht, diese freie Entscheidung nicht zu respektieren?

Auf diese Frage gibt es in der Regel drei gleichermaßen unbefriedigende Antworten:

  • Gläubige behaupten, es sei Sünde, sein Leben zu beenden und Mord bei Selbstmord zu helfen, selbst wenn das in Frage stehende Leben mit noch so viel Schmerzen und Leid verbunden ist. Diese Position ist weder begründet noch belegbar, denn das Konzept der Sünde rekurriert auf einen Gott, dessen Existenz bislang unbewiesen ist. Daher sind die vermeintlichen Verhaltensgesetze, die Selbstmord oder Sterbehilfe verbieten, auf Basis ihrer moralischen Qualität zu beurteilen, was letztlich bedeutet, die Schmerzen und das Leid, das ein konkreter Mensch zu erdulden hat und das ihn dazu bewegt, seinem Leben ein Ende setzen zu wollen, müssen mit der Wichtigkeit, der entsprechenden religiösen Regeln, die Leid in Kauf nehmen, um aufrechterhalten werden zu können, gewichtet werden. Man hat also die Wahl, aus Prinzip dem Leiden anderer zuzusehen, es in Kauf zu nehmen oder das Leiden zu verkürzen und das Prinzip entsprechend aufzugeben. Ein Prinzip, das individuelles Leiden akzeptiert, ist keine Basis, auf der die freie Entscheidung anderer in Abrede gestellt werden kann, denn wer hat das Recht, andere gegen ihren Willen zum Leiden zu verurteilen,  und die Entscheidung dennoch nicht akzeptiert und respektiert wird, dann auf Basis einer Motivation der Herrschaft über und Kontrolle von anderen.
  • assisted-suicide-thumbDas führt zur nächsten Position, die behauptet, die Erlaubnis aktiver Sterbehilfe würde die Schleusen für Missbrauch öffnen und dazu führen, dass alte Menschen, die sich nicht wehren können, von ihren erbgierigen nächsten Verwandten entsorgt werden. Nun ja, das Argument wird gewöhnlich in paternalistischer Schutzterminologie verpackt, aber die versteckten Prämissen sind diejenigen, die wir gerade ausgesprochen haben. Auch diese Position ist nicht haltbar, denn in allen Dingen, in denen Menschen etwas tun oder regeln, liegen Missbrauch und Gebrauch nahe beeinander. Wer den Missbrauch generell ausschließen will, der muss das menschliche Leben ausschließen, was im unmittelbaren Fall Selbstmord bedeuten würde, was wiederum eine groteske Konsequenz der eigenen absurden Position ist.
  • Schließlich gibt es noch eine Art moderner Moralapostel, der prinzipiell ein Problem damit hat, Menschen allzu viel Freiheit über ihr eigenes Leben zuzugestehen. Während Philosophen im 16. 17. und 18. Jahrhundert (von Bacon und Hobbes über Locke bis Kant) den Ursprung aller Entscheidungsgewalt im Individuum festgemacht haben, haben diese Moralapostel die Welt in ihr Gegenteil verkehrt: Nicht Individuen haben heute die Hoheit über Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, sondern kollektive Akteure, Gruppen, Gesellschaften, Regierungen, also Gebilde, die es nicht gibt, die man aber sehr gut zu Zwecken von Kontrolle und Herrschaft einsetzen kann. Und so hat sich über die Zeit die Normalität eingeschlichen, dass die Frage, ob ich sterben will und kann, eine Frage ist, die von Dritten entschieden wird. Nirgends wird die schleichende Entmündigung von Individuen, die in modernen Staaten stattgefunden hat, so deutlich wie in Fragen, die mit dem menschlichen Leben zusammenhängen. Egal, ob damit Sterbehilfe oder Abtreibung gemeint sind, ständig finden sich interessierte Dritte, von denen man nicht wirklich weiß, welche Zwecke sie verfolgen und welche Motivation sie antreibt, die denken, sie könnten die freie Entscheidung von Individuen aussetzen, letztere daran hindern, ihr Leben in letzter Konsequenz selbst in die Hand zu nehmen. Auch diese Position ist aus liberaler Sicht nicht haltbar, denn sie entmündig den Einzelnen zu Gunsten einer amorphen Masse von Interessen und Handlungsmotivationen Dritter, die zum Missbrauch geradezu einlädt.

Und so kommen wir zum Ende dieser kurzen Abhandlung zu dem Schluss, dass es an sich schon eine Unglaublichkeit ist, dass man darüber diskutiert, ob der Entschluss, sterben zu wollen, den ein freies Individuum trifft, respektiert und akzeptiert werden muss oder nicht. Aber wenn man nun schon einmal mit einer Realität konfrontiert ist, die individuelle Freiheit nur als Travestie kennt, dann ist jede Besserung besser als keine Besserung, und deshalb gibt es keine Alternative zu einem Gesetz, das die aktive Sterbehilfe erlaubt, wie dies im Vereingten Königreich hoffentlich bald in Kraft treten wird.

Auch dieses Gesetz ist nicht wirklich ein Durchbruch gegenüber dem allgegenwärtigen Paternalismus, denn der Wunsch zu sterben, wird zu einem Bittgang, dem zwei Ärzte zustimmen müssen. Aber scheinbar ist die Angst vor den Angehörigen so begründet und so groß, dass man Schutzmechanismen einbauen muss, die aktive Sterbehilfe zum Zwecke schnellerer Erbschaft erschweren.

Organgeschacher: Wie kommt ein Spenderorgan zum “richtigen” Nehmer?

Organspende steht, aus welchen Gründen auch immer, bei einer Reihe von Lobbyisten ganz oben auf der Agenda. Ob dies damit zu tun hat, dass mit Transplantationen viel Geld zu verdienen ist,  sei – obwohl es die wahrscheinlichste aller Erklärungen ist – einmal dahingestellt. Natürlich kommt Organhandel nicht als großes Geschäft daher, sondern als mildtätige Veranstaltung, mit der die Leben von ansonsten zum Tode Verdammten, zunächst vielleicht gerettet und dann vielleicht verlängert werden können – vielleicht auch nicht.

Vultures_in_the_nestMit dem schönen Märchen von der Gabe, für den Spender zwischenzeitlich unnütz gewordener Organe, an einen Empfänger, dem selbst Gebrauchtorgane ein neues Leben ermöglichen, verbinden sich jedoch einige Probleme: Transplantationen sind mehr oder weniger erfolgreich, wobei die Erfolgsquote von der Frische und der Art des transplantierten Organs abhängig ist. Transplantationen ermöglichen kein neues Leben, sondern ein Leben mit gebrauchtem Organ, das in den meisten Fällen nur durch die dauerhafte Einnahme das Immunsystem schwächender Medikamente möglich ist.

Zu diesen rein materiellen Fragen des Transplantationsergebnisses gesellt sich eine Frage, die unlängst der Deutsche Ethikrat (ja, es gibt ihn noch) gestellt hat: Wie kommt das gespendete Organ zum richtigen Empfänger? Oder besser: Wie wird gewährleistet, dass die Verteilung der Organe nicht nach dem, “wer am besten zahlt gewinnt” oder “wer mich am besten schmiert gewinnt” Kriterium verteilt werden oder, in den Worten des Deutschen Ethikrats: Wie müssen die Verteilungskriterien für Spenderorgane beschaffen sein, damit sie nicht anstößig sind.

Dazu hat der Deutsche Ethikrat wie immer eine Reihe von Personen eingeladen, ihre Position vorzutragen und unter denen, die der Einladung gefolgt sind, ist Prof. Dr. Micha Werner vom Institut für Philosophie der Universität Greifswald. Er hat seinen Vortrag mit “Kriterien gerechter Organallokation (innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft)” überschrieben, wobei der Untertitel Fragen aufwirft, die man besser nicht an Philosophen richtet, obwohl es mich schon interessiert hätte, mich welcher sonstigen Vernunft Werner zu denken im Stande ist.

deutscherethikratEgal. Werner beschäftigt sich also mit der Frage, wie teilt man eigentlich Gebrauchtorgane an Organsuchende zu, nach welchem Kriterium?: Nach der Erfolgswahrscheinlichkeit, also der Wahrscheinlichkeit, dass der Organsuchende das transplantierte Organ auch in sich behält?; Nach der Dringlichkeit, also der Überlebenswahrscheinlichkeit, bei der die Frage des Transplantationserfolgs zunächst außen vor bleibt? Nun, diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten, vor allem, wenn man die Fragen noch mit Ansprüchen wie: Es darf keine soziale Diskriminierung stattfinden, verkompliziert.

Ein kleiner Einschub: Was fällt unter soziale Diskrminierung? so fragt Micha Werner im Verlauf seines Vortrags und beantwortet seine Frage mit: “religiöse und ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Bildungsgrad, Zahlungsfähigkeit? Staatsbürgerschaft?”. Na, fällt jemandem etwas auf? Dass etwas fehlt zum Beispiel? Wem nichts auffällt, der betrachte das Kriterium, das Wikipedia als allererstes Kriterium einfällt, wenn es um soziale Diskriminierung geht: … na? … Geschlecht! Richtig! Micha Werner hat Geschlecht vergessen. Ich habe einen neuen Helden, einen Philosophen aus Greifswald, dem nicht wie einem Sprechautomaten immer und überall “Geschlecht” einfällt. Überhaupt kommt Geschlecht in seinem Vortrag überhaupt nicht vor. Schon deshalb ist es ein guter Vortrag, aber nicht nur deshalb:

Keine Diskriminierung dürfe es geben und transparent müsse das Verfahren sein, stellt Werner fest und legt beide Kriterien an den Paragraphen 12 des Transplantationsgesetzes an, dort heißt es:

“Die vermittlungspflichtigen Organe sind von der Vermittlungsstelle nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, insbesondere nach Erfolgsaussicht und Dringlichkeit für geeignete Patienten zu vermitteln”. (“vermittlungspflichtige Organe”: eine interessante Formulierung; Gespendete Organe sind die einzigen Subjekte, denen eine Metamorphose vom Subjekt zum Objekt und zurück gelingt, wobei an der Metamorphose eine ganze Reihe von Günstlingen verdient…).

Handbuch EthikZurück zu Werner, der sich fragt, was von dieser Passage im Gesetzestext zu halten ist und seine Frage mit: nichts in meiner Sprache beantwortet. Der Gesetzestext sei uneindeutig (Was sind geeignte Patienten? Wie bemisst sich die Erfolgsaussicht?), er stelle die Anwendung weiterer, nicht genannter Verteilungsregeln anheim, (z.B. Politiker bekommen immer sofort ein Organ und zwar so lange, bis eines gefunden ist, das selbst in einem Politiker bleiben will), eine Legitimation von Erfolgsaussicht und Dringlichkeit finde nicht statt und zudem vermittle der Gesetzestext den Eindruck, als seien die Kriterien der Dringlichkeit und der Erfolgsaussicht ausschließlich medizinische Kriterien, was sie jedoch dezidiert nicht sind.

Letzteres kann leicht nachvollzogen werden, wenn man sich fragt, wie sich z.B. Erfolgsaussicht bemisst:

  • Als Annahme der transplantierten Organe durch den Körper des Empfängers der Organe?
  • Als Maximimierung des Anteils aller angenommenen transplantierten Organe?
  • Als menschenwürdiges Leben nach der Transplantation? (Was zwangsläufig die Frage aufwirft, was ein menschenwürdiges Leben ist).
  • Als Wahrscheinlichkeit, mindestens 5 Jahre mit dem Organ zu überleben oder als Wahrscheinlichkeit, dass mindestens 90% der Organempfänger mindestens 5 Jahre mit dem transplantierten Organ überleben?
  • Oder muss man am Ende die Kosten für das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem berücksichtigen und fordern, dass die Kosten für die Beitragszahler so gering wie möglich gehalten werden, was letztlich dazu führt, dass nur dann Organe transplantiert werden, wenn die Aussichten einer erfolgreichen Transplantation besonders hoch sind?
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Das sagt nicht nur der Honigmann

Im Gutheitstaumel, der die Organspende umgibt, sind alle die genannten Fragen und noch viel mehr Fragen, die hier nicht genannt wurden, untergegangen bzw. nie gefragt worden. Insofern gebührt Micha Werner Hochachtung, Hochachtung dafür, dass er diese Fragen in die Diskussion beim Deutschen Ethikrat eingebracht hat (wenngleich ich den Eindruck habe, dass die Funktion des Deutschen Ethikrats darin besteht, die Möglichkeit zu schaffen, dass Fragen wie die von Micha Werner gestellt und dann vergessen werden können).

Was die Organspendepraxis in Deutschland angeht, so muss festgestellt werden, dass derzeit viel Geld mit Transplantationen verdient wird, es keinerlei transparente oder gar feste und regelgeleitete Form der Organverteilung gibt, dass alle moralischen und ethischen Fragen, die man an eine Organtransplantation stellen kann, weder gestellt noch beantwortet sind und dass es vor diesem Hintergrund nur eine vernünftige Entscheidung gibt, nämlich seine Organe für sich zu behalten, auch posthum.

liver on boardUnd selbst Micha Werner hat nicht gefragt, ob es eigentlich statthaft ist, Spenderorgane als “vermittlungspflichtige” Sachen zu behandeln, die nach Entnahme zu einer Art Gemeingut in staatlicher Verwaltung geworden sind, mit dem Dritte einen Verdienst erwirtschaften können. Und er hat sich nicht gefragt, ob es nicht moralisch notwendig wäre, Organspendern eine Mitsprache bei der weiteren Verwendung ihrer Organe einzuräumen, eine Art Widmung per Testament: Meine Niere geht nur an Männer über 50, oder: meine Organe dürfen nicht in Personen unter 15 Jahren eingebaut werden oder so. Ganz davon abgesehen, suggeriert der Begriff “Vermittlungspflicht” Menschen seien nach ihrem Tod (im besten Fall) ein Recyclinggegenstand, ein Gegenstand zum Ausschlachten und hätten mit ihrem Tod eine Metamorphose vom Individuum zum Allgemeingut vorgenommen, dessen sich Dritte nach Lust und Laune bedienen können (wie eine leerstehende Sozialwohnung) – eine moderne Form des Kannibalismus gewissermaßen.

Aber bis derartige Fragen in Deutschland diskutiert werden, wird es wohl noch einen Jahrtausendwechsel brauchen.

Weitere ScienceFiles-Beiträge zum Thema Organspende:

Männer mit asozialen Gesichtszügen – Wissenschaftler als Brandstifter und Feuerwehr

Es ist wirklich überraschend, was man heutzutage wieder alles an Forschung vorfindet. Zuweilen habe ich den Eindruck, die wissenschaftliche Entwicklung seit 1900 ist vielen, die sich heute in den Institutionen der Wissenschaft bewegen, vollständig, aber zumindest weitgehend unbekannt. Deshalb will ich diesen Post mit dem Zitat eines Zitats aus einem Buch von Siegfried Lamnek beginnen, das 1979 erstmals veröffentlicht wurde:

Lamnek_abweichendes Verhalten“Diebe haben im allgemeinen sehr bewegliche Gesichtszüge und Hände; ihr Auge ist klein, unruhig, oft schielend; die Brauen gefältet und stoßen zusammen; die Nase ist krumm oder stumpf, der Bart spärlich, das Haar seltener dicht, die Stirn fast immer klein und fliehend, das Ohr oft hinkelförmig abstehend. Die Mörder haben einen glasigen, eisigen, starren Blick, ihr Auge ist bisweilen blutunterlaufen. Die Nase ist groß, oft eine Adler- oder vielmehr Habichtnase: die Kiefer starkknochig, die Ohren lang, die Wangen breit, die Haare gekräuselt, voll und dunkel, der Bart oft spärlich, die Lippen dünn, die Zähne groß. Im allgemeinen sind bei Verbrechern von Geburt die Ohren henkelförmig, das Haupthaar voll, der Bart spärlich, die Stirnhöhlen gewölbt, die Kinnlade enorm, das Kinn viereckig oder hervorragend, die Backenknochen breit – kurz ein mongolischer und bisweilen negerähnlicher Typus vorhanden” (Lombroso zitiert nach Lamnek, 1991, S.68).

Das Zitat stammt von Cesare Lombroso, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts versucht hat, Kriminalität als biologische Abnormität der körperlichen Entwicklung auszuweisen. Und nicht nur die im obigen Zitat beschriebenen Gesichtszüge, waren für Lombroso Anzeichen einer biologisch determinierten Delinquenz, sondern auch die Form und Größe des Schädels. Lombroso ist bis heute unter Kriminologen für seine Schädelvermessungen bekannt, denn besonders markante Schädel, in Größe, Breite und Form, so Lombrosos Ansicht, weisen den Kriminellen aus.

Im Zeitraffer haben wir uns ins 21. Jahrhundert bewegt und hier treffen wir nunmehr die Erben von Lombroso. Heute kleiden sich Biologisten in andere Begriffe, sind nicht mehr so deutlich und offen, wie Lombroso dies war, und deshalb schreiben sie von der fWHR, der facial width-to-height-ratio. Das Verhältnis zwischen Gesichtsbreite zu Gesichtshöhe ist also ihr Spielzeug und heute muss man seine Vorurteile nicht mehr, wie dies Lombroso getan hat, in Deskriptionen des Forschungsgegenstand kleiden, nein, heute kann man korrelieren. Und das wird getan, bar jeder theoretischen Fundierung und mit allem, was im Fundus der “nachhaltigen Werte”, wie von sie Nicht-Regierungsorganisationen global verbreitet werden, negativ bestimmt ist.

  • Carré und McCormick (2008) finden, dass Männer mit einer großen fWHR (also breit und kurz) aggressiver sind als Männer mit einer kleinen fWHR.
  • Stirrat und Peret (2010) finden, dass Männer mit einer großen fWHR nicht so vertrauenswürdig sind, wie Männer mit einer kleinen fWHR.
  • Haselhuhn und Wong (2012) wollen gar herausgefunden haben, dass Männer mit einer großen fWHR eher bereit sind, andere zu täuschen als Männer mit einer kleinen fWHR.

Pazzi criminialeKeiner der vermeintlichen Wissenschaftler hat sich die Frage gestellt, warum die fWHR mit all den negativen Eigenschaften zusammenhängen soll, die sie den entsprechenden Männern mit ihrer Forschung gerade anhängen wollen. Sie alle betätigen sich als Brandstifter und behaupten eine biologische Basis für diese negativen Eigenschaften, die sich eben mit der fWHR messen lässt. Derartige Behauptungen kann man nicht unabhängig prüfen, jedenfalls nicht mit den Untersuchungsanlagen, die biologistische Forscher gemeinhin verwenden und entsprechend ist es ziemlich einfach, deratige Behauptungen in die Welt zu schleudern.

Umso wichtiger sind Studien, wie die von Haselhuhn, Wong und Ormiston (2013), die umso bemerkenswerter ist, weil Haselhuhn und Wong mit dieser neuen Studie Ergebnisse hinterfragen, die sie selbst 2012 veröffentlicht haben. Sind unsere Ergebnisse das Ergebnis einer self-filfilling prophecy, so fragen sich die Forscher. Der Begriff der self-fulfilling prophecy wurde von Robert K. Merton in die Soziologie und die Sozialpsychologie eingeführt ,und er beschreibt eine Situation, in der die Furcht vor einem Ergebnis zu Handlungen führt, die dieses Ergebnis erst eintreten lassen. Das klassische Beispiel ist der Bankrun, bei dem Anleger aus Angst, ihr Geld durch den Zusammenbruch einer Bank zu verlieren, in Banken stürmen, um ihr Geld abzuheben und dadurch den Zusammenbruch der Bank erst auslösen.

Im Zusammenhang mit den Männern, die ein breites und kurzes Gesicht haben, besteht die self-fulfilling prophecy darin, dass die Männer mit dem breiten und kurzen Gesicht sich so fies verhalten, weil sie denken, dass das fiese Verhalten an sie herangetragen, von ihnen erwartet wird, weil sie wissen, dass Interaktionspartner ihre Gesichtszüge zum Anlass nehmen, eine Kooperation zu verweigern, sie schlecht zu behandeln, ihnen asozial zu begegnen, und dies entsprechend antizipieren und sich ihrerseits unkooperativ zeigen.

euheadofstateDass dem so ist, dass negativ bewertete Verhaltensweisen an bestimmte Personen herangetragen werden und diese Personen sich dann entsprechend verhalten, können Haselhuhn, Wong und Ormiston in insgesamt vier Experimenten zeigen, in denen sie Versuchspersonen vor eine Wahl zwischen einer prosozialen und dem, was sie als antisoziale Wahl ansehen, gestellt haben. Bei dieser Wahl ging es im Wesentlichen darum, Ressourcen aufzuteilen. Herauskam, dass mit einer zunehmenden fWHR weniger prosoziale Wahlen getroffen wurden. Wichtiger ist jedoch, dass Versuchspersonen, die mit Männern mit hoher fWHR als Interaktionspartner konfrontiert waren, deutlich weniger bereit waren, sich diesen gegenüber pro-sozial zu verhalten. Es scheint also, als würden Männer mit hoher fWHR sich nur deshalb anti-sozial verhalten, weil man ihnen anti-sozial begegnet oder wie Haselhuhn, Wong und Ormiston schreiben: “Across four studies, our results illustrated a self-fulfilling prophecy illustration for the link between men’s fWHR and behavior” (5).

Allerdings haben die Auoren nicht den Mut, die Konsequenz aus diesem Ergebnis zu ziehen und festzustellen, dass es Forscher wie sie selbst sind, die mit abstrusten Korrelationen soziale Erwartungen aufbauen, mit denen sich dann die entsprechenden Forschungsopfer konfrontiert sehen. Diese Form der Projektion eigener Vorurteile auf Dritte, die dann gegen Vorurteile ankämpfen müssen, ist zudem ein fester Bestand der Kriminologie und der Sozialwissenschaft. Er findet sich als sekundäre Devianz im labeling approach und beschreibt die Erwartung der Umwelt an ehemalige Kriminelle, wieder delinquent zu werden. Er findet sich als Stereotype Threat in der Bildungsforschung und wurde von Dr. habil. Heike Diefenbach auf Deutschland und hier insbesondere Migranten und Jungen übertragen: Erstere sind in der Schule schlecht, weil sie mit der Erwartung konfrontiert sind als Migranten in der Schule schlecht abzuschneiden, machen diese Erwartung zu ihrer Handlungsgrundlage. Letztere sind in der Schule schlecht, weil man sie ab der Einschulung als kleine Machos stereotypisiert, denen man den Machismo austreiben muss, was zum Ergebnis hat, dass sie sich erst in der von ihnen erwarteten Weise verhalten.

meaningoflifeLetztlich beschreibt die Forschung von Haselhuhn, Wong und Ormiston das Elend von Gutmenschen, wie z.B. Genderisten, die in der Welt nichts anderes als Frauenhasser erblicken können und Dritten mit dieser Erwartung begegnen. Sie projezieren ihre Ängste und Befürchtungen auf Dritte und wundern sich, wenn diese Dritte das nicht gut funden. Und so ist es kein Wunder, dass Dritte sich dann Genderisten gegenüber nicht freundlich verhalten, denn wer will sich schon vorverurteilen lassen.

Am Ende fällt sowohl genderistischer Interventionismus wie Forschungen, die alle möglichen theoretisch nicht begründeten Korrelationen suchen und finden, auf diejenigen zurück von denen Interventionismus oder Studie ausgeht. Sie projezieren ihre Vorturteile, zwingen unbeteiligte Dritte in ihre Vorstellungswelt und finden wenig überraschend wonach sie gesucht habe. Dies ist das Elende der atheoretischen Sozialforschung.

Carré, Justin M. & McCormick, Cheryl M. (2008). In your Face: Facial Metrics Predict Aggressive Behavior in the Laboratory and in Varsity and Professional Hockey Players. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 275(1651): 2651-2656.

Haselhuhn, Michael P. & Wong, Elaine M. (2012). Bad to the Bone. Facial Structure Predicts Unethical Behavior. Proceedings of the Royal Society B: Biological Science 279(1728): 571-576.

Haselhuhn, Michael P., Wong, Elaine M. & Margaret E. Ormiston (2013). Self-Fulfilling Prophecies as a Link between Men’s Facial Width-to-Height Ratio and Behavior. PlosOne.

Stirrat, Michael & Perret David I. (2010). Valid Facial Cues to Cooperation and Trust: Male Facial Width and Trustworthiness. Psychological Science 21(3): 349-354.

Das große Reinwaschen hat begonnen – Plagiate bald normal

von Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Seit Annette Schavan entdoktort wurde, ist einige Zeit vergangen, fast dass man den nunmehr vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht anhängigen Fall vergessen hätte. Und tatsächlich haben wir nicht mehr an Schavan und ihren mit Fremder Gedanken erschlichenen Doktortitel gedacht bis uns ein Leser von ScienceFiles mit ein paar Links auf ein sehr interessantes Blog mit dem Namen Erbloggtes aufmerksam gemacht hat, in dem der weitere Gang der “Causa Schavan” detailliert verfolgt wird.

schavanBeim Lesen einiger Beiträge auf Erbloggtes sind wir dann auf den ersten Grund zum Augenreiben gestoßen. Er findet sich an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und nennt sich: Zitat und Paraphrase. Was ein Zitat ist, ist hinlänglich bekannt, was eine Paraphrase ist, wollen wir an dieser Stelle kurz definieren: eine Praraphrase ist die Umschreibung eines sprachlichen Ausdrucks mit anderen Worten, wenn man einen Plagiator “Dieb geistigen Eigentums” nennt, dann ist dies eine Paraphrase. Der Duden, dem diese erste Wortbedeutung entnommen ist, kennt noch eine weitere Bedeutung, nämlich die sinngemäße Übertragung eines Begriffs in eine andere Sprache.

Überträgt man diese Wortbedeutung von Paraphrase auf die Beschreibung des Forschungsprojekts an der Berlin-Brandenburgischen Akademie, dann geht es also darum, zu untersuchen, wann ein sinngemäßes Zitat in die Paraphrase abgleitet, es also zu einer “Übertragungsleistung” gekommen ist, die man demjenigen, der sie gemacht hat, anrechnen kann. Diese Aufgabe hat sich eine “interdisziplinäre Arbeitsgruppe” gestellt, die “nach präzisen Begriffsdefinitionen [fragt], [...] die Idee einer mathematischen Messbarkeit wissenschaftlicher Originalität [problematisiert] und [...] an den Beispielen von Zitat und Paraphrase die Praktiken verschiedener Disziplinen an konkreten Fällen” diskutiert.

Auf diese Idee muss man im Zusammenhang mit wissenschaftlichem Arbeiten erst einmal kommen, denn die Übernahme fremder Gedanken ist in der Wissenschaft kenntlich zu machen, mit Anführungszeichen oder bei sinngemäßer Übertragung, durch die Angabe des Urhebers dessen, was sinngemäß übertragen wurde.

BBAW_LogoMit anderen Worten, methodisch und inhaltlich kann man sich diese interdisziplinäre Arbeitsgruppe sparen, setzt doch die Übertragung selbst bei einer Paraphrase einen Ur-Text voraus, dessen Nicht-Angabe zu einem Verstoß gegen die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens führt, und entsprechend nicht mit den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens vereinbar ist. Wozu also wurde diese “interdisziplinäre Arbeitsgrupe” eingerichtet?

Diese Frage hat uns weiterrecherchieren lassen und dabei sind wir auf einen Vortrag von Philipp Theisohn mit dem Titel “Fremde Worte, eigenes Denken” gestoßen, den Theisohn auf der Tagung “Wissenschaft in der Verwantwortung. Gute Wissenschaftliche Praxis und Qualitätssicherung in der Promotion” gehalten hat, die am 23. Juli 2013 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie für Wissenschaften stattgefunden hat. Interessanter Weise hat der Wissenschaftsrat diesen Vortrag veröffentlicht, was deutlich macht, dass es um Politik und nicht um Wissenschaft geht. Und wer daran noch Zweifel hat, dem werden die Zweifel in Windeseile durch einen Blick in den Text des Vortrages von Theisohn ausgetrieben.

TheisohnTheisohn geht in seinem Vortrag von der Vorstellung aus, dass man durch den Vergleich zweier Texte entscheiden kann, ob beide Texte übereinstimmen, fast übereinstimmen oder nicht übereinstimmen. “Dem lässt sich schlecht widersprechen”, folgert er auf der ersten Seite seines Textes, um den Rest des Textes dazu zu verwenden, dem zu widersprechen, dem sich nach seiner eigenen Einschätzung schlecht widersprechen lässt. Was folgt ist eine Form von Wissenschafts-Relativismus, die Karl Raimund Popper auf die Palme gebracht hätte und dessen Crux letztlich darin besteht, dass man den Holocaust nicht nachträglich als Mord bezeichnen kann, weil man aus der Mentalität der 1930er und 1940er Jahre heraus untersuchen müsste, ob das Töten von Juden als Mord durchgehen kann.

Das ist natürlich wieder nur unsere deutliche Art die verbalen Gespinste zu übersetzen, die Theisohn in seinem Vortrag entwickelt und in die er sich selbst verwickelt und die er mit der Aussage zusammenfasst, dass die Frage nach dem geistigen Eigentum vor allem eine Mentalitätsfrage sei (3), ebenso wie die Ermordung von Juden dann wohl eine Mentalitätsfrage ist. Der aberwitzige Vortrag dessen Duktus jedem Leser sofort ins Gesicht springt, da immer dann, wenn die Rede auf die Frage kommt, ob man ein Plagiat von einem Original unterscheiden könne, mit Worten wie “unterstellen”, “suggerieren” oder “vermessen” hantiert wird, macht schnell deutlich, dass Theisohn ein Relativist ist, der versucht, Wahrheit und Übereinstimmung, Moral und Anstand als Ordnungskriterien zu beseitigen.

Und so gehts: Wenn man zwei Texte vergleiche, so Theisen, dann vermesse man die Wörtlichkeit, die Übereinstimmung von Worten, Sätzen und gar Absätzen. Man konfrontiere einen Ur-Text mit einem anderen Text und unterstelle, je nach Übereinstimmung ein Plagiat. Dabei suggeriere die Konfrontation beider Texte, (1) eine prinzipielle Vergleichbarkeit, die (2) jeder alphabetisierte Mensch feststellen könne und die (3) quantifizierbar sei. Etwa in der folgenden Weise (von uns ausgewähltes Beispiel):

Schavans Dissertation Seite 37 Das Original von Hannah Arendt, die Schavan nicht zitiert
Durch die Gründung und Erhaltung von politischen Gemeinwesen schließlich schafft menschliches Handeln die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen und damit für Geschichte. [...] das Handeln schließlich, soweit es der Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen dient, schafft die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, für Erinnerung und damit für Geschichte.

Dieses Beispiel stammt von Schavanplag und wer sich für die Frage von Plagiat und Original interessiert, der wird dort mit Sicherheit fündig. Doch zurück zu Theisohn. Theisohn behauptet, dass eine Konfrontation von Texten, also z.B. des Textes von Schavan mit dem Text von Arendt nicht geeignet ist, um festzustellen, ob hier mit Absicht kopiert wurde, ob hier geistiges Eigentum von Hannah Arendt durch Annette Schavan als ihr eigenes Eigentum ausgegeben wurde. Diese Frage, so Theisohn sei zu einfach, verdränge “die konkrete, historische Kommunikationssituation, in der ein wissenschaftlicher Text steht” (5).

Um diesen Punkt zu unterstreichen und seinen Versuch, seine Zuhörer um ihren Verstand zu reden fortzuführen, hat er sich willkürlich und absolut zufällig pädagogische Dissertationen aus den 1980er Jahren, also dem Fach und der Zeit, in dem/der Annette Schavan promoviert hat, gegriffen und sie gelesen und sich vermutlich inspirieren lassen, denn das er eine bestimmte wissenschaftliche Methode an die Dissertationen herangetragen habe, behauptet er nicht, warum sollte er auch, als Relativist? Das Lesen hat eine Reihe von Erkenntnissen bei Theisohn ausglöst, u.a. die Erkenntnis, dass zuweilen ganze Seiten lang über Darwin geschrieben werde, ohne dass Darwin zitiert werde oder dass ein Werk über 130 Seiten zwei Autoren bespreche und nur sporadisch zitiere. Dies zeige, so Theisohn, dass die Frage, was “als zitierpflichtig erachtet wird und was nicht, sehr stark vom fachlichen Standort abhängig ist” (16). Warum es das zeigt, können wir nicht nachvollziehen, denn immerhin war es Theisohn möglich, die geistigen Urheber die besprochen und sporadisch zitiert werden, ausgehend von den gelesenen Texten ausfindig zu machen.

Kritik am ErkenntnisfortschrittAus all den willkürlichen und nicht nachvollziehbaren Assoziationen zimmert er den absurden Schluss, dass man ein Plagiat nicht als Plagiat benennen könne, wenn man die Mentalität des Plagiatoren und seiner Zeit nicht in Rechnung stelle. Aber gut, wenn man es mit seltsamen Zeitgenossen zu tun hat, die gerade versucht haben, die Möglichkeit der Übereinstimmung in der Wahrnehmung von Eigentum in Abrede zu stellen und die tatsächliche argumentieren wollen, dass in den 1980er Jahren Autoren, die Textstellen bei anderen kopiert haben ohne diese Autoren anzugeben, nicht wussten, dass man das in der Wissenschaft nicht macht, weil damals die, sagen wir, die Pädagogik ein in “seinen Standards unausgegorenes Fach” (12) war, dann muss man zeitgenössisch argumentieren.

Die folgende Liste ist ein Auszug aus dem Karlsruher Verbundkatalog. Der Auszug stellt Bücher zusammen, die alle vor 1980 erschienen sind und in denen die Regeln des wissenschaftlichen Arbeits zusammengestellt sind. Angesichts der Vielzahl der wissenschaftichen Publikationen, in denen erklärt wird, dass man nicht einfach Textstellen von anderen Autoren in die eigene Arbeit schreiben darf ohne diese Autoren auch zu zitieren und da selbst für das “unausgegorene Fach” der Pädagogik ein Eintrag zu finden ist (bitte die Grafik anklicken und nach unten scrollen bis es rot wird), kann man also davon ausgehen, dass das Gebot der wissenschaftlichen Lauterkeit bereits 1980 und selbst in der Pädagogik bekannt war.

KVK Schavan

Man muss vor diesem Hintergrund zweierlei feststellen: (1) in den 1980er Jahren war es ebenso ein Diebstahl geistigen Eigentums wie heute, wenn Textstellen übernommen oder leicht abgeändert übernommen wurden, ohne auf den Ur-Text und dessen Verfasser zu verweisen, (2) Zitat und Paraphrase und der Vortrag von Theisohn sind offensichtlich Teil einer Kampagne, mit der versucht werden soll, vorhandenen Befürchtung, dass das Plagiat von Schavan und seine Aufdeckung erst die Spitze eines Eisberges ist, dessen Abschmelzen eine ganze Reihe derzeit noch promovierter Opfer fordern wird, dadurch zu begegnen, dass man versucht, normale Betrachter um ihren Verstand zu reden und die Möglichkeit, durch den Vergleich zweier Texte eine Übereinstimmung oder keine Übereinstimmung festzustellen, so lange zu bestreiten, bis diejenigen, die darauf beharren, dass Diebstahl immer dann vorliegt, wenn fremdes Eigentum entwendet wird, kleinbeigeben.

Was ScienceFiles betrifft, so wird dies allerdings nie der Fall sein.

P.S.

Drei Dinge seien an dieser Stelle noch nachgetragen: (1) Wie krank muss man eigentlich sein, wenn man die Frage untersucht, ob Diebstahl fremden Eigentums zu bestimmten Zeiten ein akzeptables Mittel wissenschaftlichen Arbeitens war. (2) Warum melden sich eigentlich nicht die Professoren für Pädagogik zu Wort, denen hier dauerhaft attestiert wird, sie seien Stümper, die Lehrstühle besetzten ohne dazu auch nur im Entferntesten befähigt zu sein? (3) Wenn Pädadgogik tatsächlich in den 1980er Jahren ein “unausgegorenes Fach” war, dessen Vertreter wissenschaftliche Standards nicht einzuhalten in der Lage waren, dann müssen konsequenter Weise alle Titel, die von diesem unausgegorenen Fachvertretern vergeben wurden, entzogen werden.

Das Elend der deutschen Soziologie: Post von der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

dgs_2012_03Seit heute haben wir es schriftlich, dass in der deutschen Soziologie jeder behaupten kann, was er will, und zwar ohne Rücksicht auf die Standards wissenschaftlichen Arbeitens. Und nicht nur das: Seit heute haben wir es schriftlich, dass man es bei der Deutschen Gesellschaft für Soziologie nicht problematisch findet, wenn falsch oder gar nicht zitiert wird. Die Kunst, so wissen wir seit heute, besteht darin, es "offen" zu lassen, ob es sich bei bestimmten Textstellen "überhaupt um ein Zitat" handelt. Wer also demnächst von Vroni-Plag als Plagiator identifiziert wird, der kann sich mit der Schützenhilfe der DGS darauf zurückziehen, dass er nur offen lassen wollte, ob es sich bei der von Vroni-Plag identifizierten Stelle um ein Zitat handelt. Und Studenten, denen Dozenten vorwerfen, sie hätten die Regeln des wissenschaflichen Arbeitens nicht berücksichtigt, können sich in Zukunft auf die Position zurückziehen, dass sie nur offen lassen wollten, ob bestimmte Stellen wörtliche Zitate anderer sind, selbst dann, wenn sie explizit in Hochkommata gesetzt wurden, oder ihre eigenen Gedanken darstellen.

Kurz: Seit heute wissen wir: Die DGS gibt die Standards wissenschaftlichen Arbeitens auf, und entsprechend ist die DGS offensichtlich der Ansicht, dass Soziologie keine Wissenschaft ist.

Vorgeschichte

Wir haben uns in einem Schreiben an die Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gewendet, weil uns in einer Auftragsarbeit, die Prof. Dr. Michael Meuser für das BMFSFJ verfasst hat, Zitate untergeschoben werden, die nicht von uns sind. Zur Erinnerung, Michael Meuser schreibt:

meuserDiese Daten [PISA-Daten] sowie der Umstand, dass die Schülerinnen im Durchschnitt die Schule mit besseren Noten abschließen als die Schüler, haben die Diskussion über eine vermeintliche Bildungsbenachteiligung der Jungen ausgelöst. In diesem Zusammenhang wird die “Feminisierung” des Lehramts, insbesondere in der Grundschule, als ein Grund hierfür angeführt, also der Umstand, dass Schüler und Schülerinnen überwiegend und in der Grundschule nahezu ausschließlich von Frauen unterrichtet werden (Carrington/McPhee 2008; Diefenbach/Klein 2002)” (Meuser, 2013, S.42

Und weiter:

“Neuere Forschungen verweisen darauf, dass anderseits dasjenige Verhalten eine positive Wertung erfährt, das typischerweise von den Mädchen an den Tag gelegt wird (…). Diefenbach und Klein (2002) sehen dies als eine Folge der Feminisierung des Lehrerberufs” (Meuser, 2013, S.42).

Das Problem mit beiden Zitaten von Meuser ist leicht benannt: Wir haben nie von einer “Feminisierung des Lehramts” geschrieben und entsprechend können wir auch nichts als eine “Folge der Feminisierung” beschrieben haben. In beiden Fällen, in denen Meuser Bezug auf unseren Artikel aus dem Jahre 2002 nimmt, behauptet er unwahre Dinge und schiebt uns eine “Feminisierung” unter, von der wir nie geschrieben haben.

Man kann dies auf zwei Arten erklären: Entweder Meuser weiß nicht, was wir geschrieben haben, oder er will uns dadurch diskreditieren, dass er uns einen in seiner Welt negativ konnotierten Begriff unterschiebt. Beide Erklärungen führen jedoch zum selben Ergebnis, Meuser ist nicht fähig oder willig rudimentäre wissenschaftliche Standards wissenschaftlichen Arbeitens und wissenschaftlicher Lauterkeit einzuhalten.

Die Ethikkommission der DGS

Wir haben uns entsprechend an die Ethikkommussion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und des Berufsverbands deutscher Soziologen gewendet und uns über diesen Mangel an Aufrichtigkeit oder an wissenschaftlicher Versiertheit beschwert. Seit heute liegt uns die Antwort der Ethikkommission der DGS, erstellt von Prof. Dr. em. Hans-Georg Soeffner, dem ehemaligen Vorsitzenden der DGS, vor.

Wer Sie gerne im O-Ton nachlesen will, der kann dies hier tun.

Wir wollen uns auf zwei Unglaublichkeiten beschränken, die man als Wissenschaftler, die deshalb besonderen Wert auf die Standards wissenschaftlichen Arbeitens legen, weil sie die einzige Möglichkeit darstellen, Wissenschaft von Unsinn abzugrenzen, erst einmal verdauen muss.

So schreibt Soeffner, nachdem er behauptet hat, dass Meuser in den beiden oben zitierten Stellen “offen” gelassen habe, ob es sich um ein wörtliches Zitat aus Klein und Diefenbach handelt, folgendes:

“Eine deutlichere Abgrenzung der Kennzeichnung von Zitaten einerseits und allgemeinen Hervorhebungen andererseits müsste in Meusers Text sicherlich stattfinden. Die bewusste ‘Fälschung eines Zitates’ lässt sich jedoch kaum belegen.”

hans-georg-soeffnerDiese Wertung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen steht hier, dass wissenschaftiche Standards, die sich mit dem Zitieren verbinden, nicht ernst zu nehmen sind, man wünscht sie sich, aber wenn sie fehlen, ist das auch nicht schlimm. Zum anderen steht hier “Fälschung eines Zitates” in Anführungszeichen. Warum wohl? Weil Soeffner insinuieren will, dass wir fälschlicherweise von einer Fälschung eines Zitates sprechen, und da wir im Schreiben an die Ethikkommission die Frage, ob Meuser bewusst fälscht oder es einfach nicht besser kann offen gelassen haben, hat er das Wörtchen “bewusst” außerhalb der Anführungszeichen, mit denen er deutlich machen will, dass diese Textstelle nicht von ihm ist, gelassen. Leider hat Soeffner vergessen anzugeben, von wem diese Textstelle ist und zeigt damit, dass er es auch nicht besser kann als Meuser und ganz nebenbei hat er Meuser attestiert, dass er, da eine bewusste Fälschung nicht belegt werden kann, offensichtlich zu wissenschatflichem Arbeiten nicht fähig ist. Aber da sich die “‘Fälschung eines Zitates’ … kaum belegen” lässt, besteht noch Hoffnung, für Soeffner.

Allerdings besteht erhöhte Gefahr, dass dieser Keim der Hoffnung bereits im Keim erstickt wird, weil sich am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Essen, an dem Hans-Georg Soeffner vor seiner Emeritierung gelehrt hat, keinerlei Hinweise zu den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens finden lassen. In unserem Bemühren das endgültige Abgleiten der Soziologie in die Welt der Ideologie und des Phrasendreschens zu verhindern, waren wir erleichtert, dass wir an der Frierich-Schiller-Universität Jena, an der der derzeitige Vorsitzende der DGS, Stephan Lessenich, lehrt, einen Leifaden für das Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten gefunden haben, dessen Seite 2 sich Folgendes wörtlich entnehmen lässt:

  1. “Zitate werden gekennzeichnet – wörtliche und sinngemäße Zitate werden als solche markiert. Wörtliche Zitate stehen in Anführungszeichen, bei sinngemäßen Zitaten wird durch den Konjunktiv und/oder einen Einleitungssatz verdeutlicht, dass es sich um Aussagen anderer handelt.”
  2. “Zitate (ob Wort, Satz oder Abschnitt) müssen belegt werden - am Ende jedes Zitats ist auszuweisen, aus welcher Quelle es stammt.”
  3. “Zitate sind exakt und ehrlich …”

Da die Art und Weise, in der Michael Meuser zu zitieren versucht, mit keinem der drei oben genannten Punkte in Einklang zu bringen ist, steht zu vermuten, dass sich der Dekan der Universität Jena und Vorsitzende der DGS, Stephan Lessenich, im Widerspruch zu dem befinden muss, was Hans-Georg Soeffner als Vorsitzender (oder alleiniges Mitglied?) der Ethikkommission der DGS geschrieben hat. Es wird spannend sein, die Stellungnahme von Lessenich dazu zu lesen (- die wir natürlich einfordern werden).

Zwei abschließend Punkte sind uns noch wichtig:

Soeffner schreibt: “Wenn darüber hinaus auch bei Diefenbach/Klein (2002, S. 949) unmissverständlich festgestellt wird: “Lehrerinnen prägen die Schulkultur”, ist sachlich kaum mehr einzusehen, weshalb der Streit um das Scheinzitat ‘Feminisierung’ – eine ohnehin schwer zu ertragende sprachliche Fehlleistung – die Ethikkommission zweier Fachverbände beschäftigen muss”.

Nassehi_SoziologieEs ist schon erschreckend, dass Vertreter einer Wissenschaft, die sich mit gesellschaftlichen Prozessen beschäftigt, nicht mehr in der Lage sind, zwischen einer Zustandsbeschreibung “Lehrerinnen prägen die Schulkultur” und einem Prozess “Feminisierung” zu unterscheiden und dass sie denken, das eine sei dem anderen gleich. Wenn das in der Soziologie nunmehr normal ist, dann ist es wirklich konsequent, die Soziologie zu schließen, da der Gegenstand der Soziologie nicht mehr vorhanden ist und es auch keine wissenschatfliche Methode gibt, mit der man Zustandsbeschreibungen von Soziologen von dem Gewäsch politischer Kommentatoren in Tageszeitungen unterscheiden könnte.

Esser_SoziologieDa Soeffner überdies der Ansicht ist, bei Meusers Versuch, uns zu zitieren, handle es sich um ein Scheinzitat, gibt er uns in der Sache offensichtlich recht und ist auch der Ansicht, dass Meuser nur den Anschein erwecken will, die “schwer zu ertragende sprachliche Fehlleistung”: Feminisierung stamme von uns. Im Gegensatz zu Soeffner sind wir allerdings der Ansicht, dass es die Aufgabe einer Ethikkommission ist, sich auch mit “schwer zu ertragende[n] sprachliche[n] Fehlleistung[en]” zu beschäftigen, und wenn eine (aus einem Mann bestehende) Ethikkommission das nicht will, dann ist es vielleicht das Beste auch dieses letzte Feigenblatt, das an Zeiten erinnert, an denen die Soziologie den Anspruch hatte, eine Wissenschaft zu sein, fallen zu lassen.

Opp MethodologieVor diesem Hintergrund wäre es eigentlich an der Zeit, dass die großen alten Männer der Soziologie, die es auch in Deutschland gibt und deren Lebenswerk darin besteht, Soziologie als Wissenschaft etabliert zu haben, sich in Bewegung setzen oder zumindest ihre Stimme erheben, um der Zerstörung ihres Lebenswerks ein Ende zu setzen und den ohnehin stark angeschlagenen Ruf der deutschen Soziologie zumindest in den Bereichen, in denen dies noch möglich ist, zu reparieren, um zu retten, was noch zu retten ist.

P.S. Da die Beschwerde von Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner als Vorsitzemden der Ethikkommission von Deutscher Gesellschaft für Soziologie und dem Berufsverband deutscher Soziologen alleine unterzeichnet ist, fragt man sich unwillkürlich, welchen Stellenwert die anderen Mitglieder der Ethik-Kommission in diesem Gremium eigentlich haben – wenn sie überhaupt einen haben.

Grün als Standardeinstellung – Wissenschaftler als Steigbügelhalter des Sozialismus

IKyklosm neuen Kyklos ist ein Beitrag von Cass R. Sunstein und Lucia A. Reisch enthalten, in dem beide dafür werben, “green” zum “default”, grün zur Voreinstellung zu machen. Um dieses seltsame Ansinnen genauer zu verstehen, ist es notwendig, Sunstein in sein publizistisches Gesamtwirken der letzten Jahre einzuordnen und hier insbesondere “nudge”, das gemeinsam mit Richard Thaler verfasste zwischenzeitliche Standardwerk aller Möchtegern-Sozialtechnologen zu berücksichtigen.

Der Inhalt von “nudge” ist kurz und bündig zu beschreiben: Menschen, so hat es vor allem die soziapsychologische Forschung, die u.a. Amos Tversky und Daniel Kahneman durchgeführt haben, gezeigt, handeln nicht immer rational und bleiben oft mit ihren Handlungsentscheidungen hinter dem zurück, was als optimale Entscheidung angesehen werden kann, als Entscheidung, die ihren Nutzen maximiert (Es ist vielen Anhänger des nudgens offensichtlich nicht klar, dass sie hier auf der Basis von hard-core rational choice unterwegs sind, wobei wir es – wie noch zu zeigen sein wird – mit einer normativen Variante zu tun haben). Weil Menschen in vielen Fällen nicht rational entscheiden und entsprechend suboptimal handeln, so wird in nudge argumentiert, müsse man ihnen Vorgaben machen, die sie auf den Weg der optimalen Entscheidung bringen, sie zur “richtigen” Entscheidung leiten.

nudgeKern von nudge ist also eine Entmündigung der Handelnden, natürlich in guter Absicht, denn Sunstein und Thaler sind um die Natur und die Ökologie und das Soziale und das Mitmenschliche und um alles, was positiv bewertet ist, besorgt. Wie dieses “nudgen” aussehen kann, erfahren Deutsche z.B. in Schönau im Schwarzwald. oder Kunden der Energiedienst GmbH, die den Süden Deutschlands mit Ökostrom versorgt. Letztere bietet nach Erkenntnissen von Sunstein und Reisch drei Tarife, wobei der “grüne” Tarif der Standard ist, in den Kunden eingeordnet werden, wenn sie sich nicht wehren. Der “grüne” Tarif ist teurer als ein weniger “grüner” Tarif, aber da er der Standard ist, behalten ihn die meisten Kunden der Energiedienst GmbH bei. Auf diese Weise, so die Lehre, die Sunstein und Reisch unter ihre Leser bringen wollen, ist es möglich, Menschen zur “richtigen” Entscheidung, in diesem Fall zur Entscheidung für teureren Ökostrom zu bewegen.

Der kurze Beitrag von Sunstein und Reisch fährt fort die Vorzüge dieser Form einer Vorgabe, die ich oben als Entmündigung bezeichnet habe, zu betonen und wendet sich abschließend der Frage zu, wie man denn nun einen verbindlichen und den “richtigen” Standard für alle bestimmen kann. Die Frage wird von beiden Autoren wie folgt beantwortet:

“Ideally, choice architects would monetize all of the relevant costs associated with relevant energy uses and set a default rule accordingly. Of course it is true that the assessment could create serious empirical challenges both in monetizing the relevant benefits and in projecting the level of opt-out. It is also true that if green energy reduces significant externalities, a corrective tax or a mandate might be desirable, not merely a default rule”(402).

Wem man diese Passage liest, dann ist man sich nicht sicher, worüber man sich insbesondere aufregen soll. Darüber, dass zwei Ökonomen, von denen zumindest Sunstein ein gewisses Maß an Kenntnis über die Ergebnisse der Behavioural Economics zu haben vorgibt, davon ausgehen, es sei möglich, eine Entscheidung unter Vollinformation zu treffen. Wozu, so fragt man sich, haben Tversky und Kahneman, Herbert Simon oder Oliver Williamson ihre umfrangreichen Werke geschrieben, wenn sie nach nur wenigen Dekaden in vollständige Vergessenheit geraten, selbst unter denen, die sie gelesen zu haben vorgeben.

Wenn nun aber keine Entscheidung unter Vollinformation getroffen werden kann, wenn also jede Entscheidung, da sie auf die Zukunft gerichtet ist, notwendiger Weise mit Unsicherheit verbunden ist, und deshalb unbeabsichtigte und bei Entscheidung unbekannte Folgen zeitigen wird, dann ist es auch einem “Choice Architect” nicht möglich, eine vollinformierte Entscheidung zu treffen.

Nun ist es eine Sache, wenn Hans X eine Entscheidung trifft, die sich im Nachhinein als falsch herausstellt, deren Folgen aber Hans X zu tragen hat. Es ist eine völlig andere Sache, wenn der Choice Architect X eine Entscheidung trifft, die sich als falsch erweist und unter deren Folgen eine große Zahl von Personen zu leiden haben.

Hayek SerfdomZudem stellt sich natürlich eine ethische Frage: Wie ist es mit der Willensfreiheit von Menschen zu vereinbaren, wenn man das Wissen um die menschliche Trägheit zu seinen Gunsten ausnutzt, um Menschen eine Wahl vorzugeben, die sie, hätten sie sie treffen müssen, nie getroffen hätten, die sie aber akzeptieren, weil die Informationskosten der Suche nach Alternativen zu hoch sind? Diese Art des über die Köpfe von Menschen Planens, diese Form der Entmündigung ist es, die Friedrich von Hayek in seinem Buch “The Road to Serfdom” bereits ausführlich analysiert und als sowohl ethisch als auch pragmatisch mit allem, was Freiheit, was freie Entscheidung angeht nicht vereinbar gezeigt hat. Dessen ungeachtet kehrt der sozialistische Planer, den Hayek als Feind der Freiheit bekämpft hat, als “Choice Architect” wieder, und wieder stellen sich Intellektuelle als Steigbügelhalter des Sozialismus und der Entmündigung von Menschen zur Verfügung.

Denn eines ist sicher, wenn Choise Architects erst eingeführt sind, dann werden sie nicht bei der Vorgabe der Farbe der Mülltüte, der Vorgabe des Stroms, der verbraucht werden muss, der Vorgabe der richtigen Sprechregelung, der Vorgabe der richtigen Anreise zur Arbeit, der Vorgabe der richtigen Essgewohnheiten, der Vorgabe einer Organspende stehen bleiben. Sie werden weiter ihre normativen Vorstellungen davon, was “richtig” und “gut” ist, für alle zum Maßstab erheben und auf dieser Basis immer weiter in die Leben von Menschen intervenieren und das bischen Freiheit, das verblieben ist, so lange reglementieren bis passiert, was in sozialistischen Systemen immer passiert ist: Niemand bewegt sich mehr, die Gesellschaft kommt zum Stillstand, der Erhalt des Vorhandenen wird zur Aufgabe, neben der Neues keinen Platz mehr hat, kurz: Fortschritt und damit verbundenes Wachstum, beides notwendige Zutaten für Wohlstand, werden auf dem Altar sozialistischer Mythenbildung und Gutheit geopfert.

Literatur

Simon, Herbert E. (1982). Models of Bounded Rationality. Cambridge: MIT-Press.

Sunstein, Cass R. & Reisch, Lucia A. (2013). Green by Default. Kyklos 66(3): 398-402.

Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1986). Rational Choice and the Framing of Decisions. Journal of Business 59(4): S251-S.278.

Williamson, Oliver E. (1985). The Economic Institutions of Capitalism. New York: Free Press.

Ziviler Ungehorsam

Wir schreiben das Jahr 2013. Ganz Europa ist von der EU besetzt. Ganz Europa? Nein. Ein kleiner Flecken Irland, Monivea, leistet beharrlich und konsequent Widerstand gegen die eurokratischen Usurpatoren, die jahrhundertelange Traditionen mit einem Federstrich beseitigen wollen.

ireland_monivea_0713Die EU ist bekanntlich eine Organisation, die sich um das Wohl vor allem der Umwelt sorgt, und entsprechend sind die Eurokraten ausgezogen, um das Moorland im Co. Galway, Ireland, zu schützen. Eine so genannte EU Habitats Directive verbietet menschliche Eingriffe u.a. im Moor von Monivea. Dummerweise haben die Menschen (, die ja auch zur Umwelt gehören, auch wenn die EU-Kommission das als eher störend zu empfinden scheint), die in Monivea leben, seit Jahrhunderten nicht nur Torf im Moor gestochen und als Brennstoff benutzt, nein, sie haben auch ein eingetragenes Recht, dies zu tun, ein Recht, das die EU-Kommission mit einem Federstrich beseitigt hat. Sehr zum Unmut der betroffenen Iren.

Landbesitz ist in Irland eine heikle Sache, vor allem aus historischen Gründen, die sich aus der Zeit ableiten, als Irland zum Vereinigten Königreich gehörte und wenige Großgrundbesitzer sich das irische Land aufteilten. Entsprechend ist Ladung in der Angelegenheit:

“The EU and the environmentalists are imposing their value system on us. We’ve a right to live by our value systems – which we’ve done for generations and hundreds of years”, sagt z.B. Luke Flanagan, Mitglied des Irischen Parlaments.

Abweichende Wertvorstellungen und andere Werthierarchien, das ist nun etwas, von dem man in der EU-Kommission, in der bekanntlich die Harmonisierung herrscht, noch nie etwas gehört hat, und entsprechend hat man versucht, den betroffenen Iren ihre Rechte abzukaufen – mit wenig Erfolg:

“They think it’s all about money and that they can buy us off. They can’t. This is about our rights to use our land as we wish”, sagt Luke Flanagen.

Und deshalb üben sich die Iren in Galway in zivilem Ungehorsam. Obwohl die EU-Direktive jeden Eingriff in das Moorland in Monivea verbietet, stechen die Iren ihren Torf, das wenige, was sie benötigen, um im Winter mit Brennmaterial versorgt zu sein. Und während sie ihren Torf stechen, stehen Polizeibeamte dabei und betrachten das Treiben. Einen Versuch, den Bruch der EU-Direktive zu unterbinden, machen sie nicht. EU-Recht hat offensichtlich in Monivea keine Legitimität, und damit komme ich zur Frage, unter welchen Umständen ziviler Ungehorsam ein Mittel darstellt, um sich gegen die Rechtssetzung der Politklasse zu wehren.

Rent Seeking SocietzDazu bedarf es zunächst der Einführung der Unterscheidung zwischen Legalität und Legitimität. Legalität bezieht sich auf das Recht, den Prozess, der zur Rechtssetzung führt. Legitimität bezieht sich auf Gerechtigkeit, das Ergebnis, das mit einer Rechtssetzung einhergeht. Demokratien stehen in der ständigen Gefahr, von Gruppen usurpiert und zur Rechtsprechung in deren Sinne missbraucht zu werden. Die entsprechenden Gesetze passieren zumeist ungeschoren die Instanzen der Demokratie und können für sich reklamieren, auf legalem Weg und dem demokratischen Prozedere entsprechend zu Stande gekommen zu sein.

Erm'chtigungsgesetyDas Ermächtigungsgesetz der Nazis, die meisten Gesetze, die im Dritten Reich erlassen wurden, konnten für sich reklamieren, legal zu Stande gekommen zu sein, aber dennoch betrachten wir viele von ihnen (außer offensichtlich den Gesetzen, die in die BRD übernommen wurden, wie z.B. dem 1937 verabschiedeten Aktiengesetz) als nicht legitim. Nicht-legitimen Gesetzen fehlt die Zutat “Gerechtigkeit”, sie widersprechen dem Prinzip der Fairness, das – trotz der Herrschaft der Mehrheit in der Demokratie geachtet werden soll und sich darin niederschlägt, dass Minderheiten nicht mit Gesetzen überzogen werden, die sie kriminalisieren, wie dies im Dritten Reich mit den Juden der Fall war.

Damit sind die idealen Annahmen beschrieben, wie sie in einer idealen Demokratie vorhanden sind, in der tatsächlich der demokratische Prozess sicherstellt, dass mit der Duldung der Mehrheit Politik im Sinne der Mehrheit gemacht wird. Und von dieser idealen Demokratie geht John Rawls mit seiner Konzeption des zivilen Ungehorsams aus.

RawlsUnter zivilem Ungehorsam versteht er eine gewaltlose, vom Gewissen bestimmte und gesetzeswidrige Handlung, die darauf zielt, die Änderung eines Gesetzes herbeizuführen oder Gehör in der Regierungspolitik zu finden. Ziviler Ungehorsam ist dann statthaft, wenn die Kluft zwischen Legalität und Legitimität zu groß geworden ist, wenn zu offensichtlich ist, dass Gesetze gegen Minderheiten oder gegen Grundfreiheiten verstoßen, die in Demokratien heilig sind. Wenn z.B. in einer Demokratie, die sich der Freiheit des Unternehmertums verschrieben hat, denn alles andere wäre keine Demokratie, sondern Sozialismus, der als solcher mit Demokratie nicht vereinbar ist, wenn also in einer solchen Demokratie Eingriffe in die unternehmerische Freiheit vorgenommen werden, die Grundfreiheiten, wie z.B. die Freiheit eines Unternehmers, einzustellen, wen er will, zu entlassen, wen er will oder seinen Aufsichtsrat mit 100% Männern zu besetzen, wenn ihm danach ist, einschränken, dann ergibt sich daraus zwangsläufig die Berechtigung, ja nach Rawls eigentlich die Verpflichtung zum zivilen Ungehorsam.

kingZivile Ungehorsame sind für Rawls Personen, die den Grundsätzen der Demokratie verpflichtet sind, die der Beschneidung von Freiheit, dem Missbrauch der Macht durch die Mehrheit in seiner idealen Demokratie, gegenübertreten und die Demokratie verteidigen. Wohlgemerkt, Rawls entwickelt seine Konzeption für eine Gesellschaft, in der die demokratischen Prozedere tatsächlich und nicht nur symbolisch oder zum Schein eingehalten werden. Überträgt man seine “ideale Konzeption” auf den grauen Alltag dessen, was derzeit als demokratisches Regierungssystem gilt, ein Regierungssystem, in dem Gesetze erlassen werden, von denen die meisten Bürger nichts wissen, ein Regierungssystem, in dem eine kleine Clique von Eurokraten und Parteiideologen ihren Günstlingen und Launen entsprechend Gesetze erlassen und verändern kann, dann wird das Recht zum zivilen Ungehorsam zur Pflicht des zivilen Ungehorsams.

Hobbes ReclamThomas Hobbes, weithin bekannt für seinen Leviathan, jenes staatliche Monster, das Eigentum, Freiheit und Sicherheit in seinem Staat sichern soll, hat explizit vorgesehen, dass diejenigen, die der Herrschaft des Monsters unterworfen sind, dann, wenn sie zum Gegenstand illegitimer und klar partikularistischer Gesetze werden, das Recht haben, ihrem Souverän die Gefolgschaft zu verweigern. Damit wäre der Souverän illegitim geworden, denn er ist das Ergebnis einer Übertragung von Rechten, den Rechten Einzelnern auf alles, wie Hobbes das nennt. Wie Rawls, so ist auch Hobbes der Ansicht, dass letztlich Menschen die Souveräne sind, die sich Regierungssysteme schaffen, um ihr Zusammenleben zu optimieren und zu koordinieren. Macht sich der Souverän selbständig, wird das Regierungssystem zu einer Günstlingsversorgungsmaschine, die einzig und allein dem Nepotismus und der Durchsetzung von ideologischem Firlefanz dient, dann geht die Wahrnehmung von Freiheitsrechten wieder auf den Einzelnen über, denn nur Individuen, nicht Organisationen oder gar Staaten können Träger von Rechten sein.

Das haben die Iren in Monivea erkannt, und deshalb haben sie sich zum Souverän ihrer eigenen Rechte gemacht und der EU die Legalität ihrer Rechtssetzung entzogen. Es ist nicht auszudenken, was passieren würde, wenn das Beispiel Monivea Schule macht, aber eines steht fest, es ist der einzige Weg, um sich gegen den immer größer werdenden Moloch in Brüssel, der Freiheitsrechte beseitigt, Nepotismus zu neuen Höhen trägt und sich so weit von der Idee einer europäischen, demokratischen Gesellschaft entfernt hat, wie man sich nur davon entfernen kann, zur Wehr zu setzen und Veränderungen herbeizuführen. Diese Einsicht gilt nicht nur für die EU, denn die Herrschaft einer Politklasse, deren erstes Ziel die Versorgung der eigenen Günstlinge und die Durchsetzung der eigenen Ideologie ist, ist nicht auf die EU beschränkt (dazu mehr demnächst).