Organgeschacher: Wie kommt ein Spenderorgan zum “richtigen” Nehmer?

Organspende steht, aus welchen Gründen auch immer, bei einer Reihe von Lobbyisten ganz oben auf der Agenda. Ob dies damit zu tun hat, dass mit Transplantationen viel Geld zu verdienen ist,  sei – obwohl es die wahrscheinlichste aller Erklärungen ist – einmal dahingestellt. Natürlich kommt Organhandel nicht als großes Geschäft daher, sondern als mildtätige Veranstaltung, mit der die Leben von ansonsten zum Tode Verdammten, zunächst vielleicht gerettet und dann vielleicht verlängert werden können – vielleicht auch nicht.

Vultures_in_the_nestMit dem schönen Märchen von der Gabe, für den Spender zwischenzeitlich unnütz gewordener Organe, an einen Empfänger, dem selbst Gebrauchtorgane ein neues Leben ermöglichen, verbinden sich jedoch einige Probleme: Transplantationen sind mehr oder weniger erfolgreich, wobei die Erfolgsquote von der Frische und der Art des transplantierten Organs abhängig ist. Transplantationen ermöglichen kein neues Leben, sondern ein Leben mit gebrauchtem Organ, das in den meisten Fällen nur durch die dauerhafte Einnahme das Immunsystem schwächender Medikamente möglich ist.

Zu diesen rein materiellen Fragen des Transplantationsergebnisses gesellt sich eine Frage, die unlängst der Deutsche Ethikrat (ja, es gibt ihn noch) gestellt hat: Wie kommt das gespendete Organ zum richtigen Empfänger? Oder besser: Wie wird gewährleistet, dass die Verteilung der Organe nicht nach dem, “wer am besten zahlt gewinnt” oder “wer mich am besten schmiert gewinnt” Kriterium verteilt werden oder, in den Worten des Deutschen Ethikrats: Wie müssen die Verteilungskriterien für Spenderorgane beschaffen sein, damit sie nicht anstößig sind.

Dazu hat der Deutsche Ethikrat wie immer eine Reihe von Personen eingeladen, ihre Position vorzutragen und unter denen, die der Einladung gefolgt sind, ist Prof. Dr. Micha Werner vom Institut für Philosophie der Universität Greifswald. Er hat seinen Vortrag mit “Kriterien gerechter Organallokation (innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft)” überschrieben, wobei der Untertitel Fragen aufwirft, die man besser nicht an Philosophen richtet, obwohl es mich schon interessiert hätte, mich welcher sonstigen Vernunft Werner zu denken im Stande ist.

deutscherethikratEgal. Werner beschäftigt sich also mit der Frage, wie teilt man eigentlich Gebrauchtorgane an Organsuchende zu, nach welchem Kriterium?: Nach der Erfolgswahrscheinlichkeit, also der Wahrscheinlichkeit, dass der Organsuchende das transplantierte Organ auch in sich behält?; Nach der Dringlichkeit, also der Überlebenswahrscheinlichkeit, bei der die Frage des Transplantationserfolgs zunächst außen vor bleibt? Nun, diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten, vor allem, wenn man die Fragen noch mit Ansprüchen wie: Es darf keine soziale Diskriminierung stattfinden, verkompliziert.

Ein kleiner Einschub: Was fällt unter soziale Diskrminierung? so fragt Micha Werner im Verlauf seines Vortrags und beantwortet seine Frage mit: “religiöse und ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Bildungsgrad, Zahlungsfähigkeit? Staatsbürgerschaft?”. Na, fällt jemandem etwas auf? Dass etwas fehlt zum Beispiel? Wem nichts auffällt, der betrachte das Kriterium, das Wikipedia als allererstes Kriterium einfällt, wenn es um soziale Diskriminierung geht: … na? … Geschlecht! Richtig! Micha Werner hat Geschlecht vergessen. Ich habe einen neuen Helden, einen Philosophen aus Greifswald, dem nicht wie einem Sprechautomaten immer und überall “Geschlecht” einfällt. Überhaupt kommt Geschlecht in seinem Vortrag überhaupt nicht vor. Schon deshalb ist es ein guter Vortrag, aber nicht nur deshalb:

Keine Diskriminierung dürfe es geben und transparent müsse das Verfahren sein, stellt Werner fest und legt beide Kriterien an den Paragraphen 12 des Transplantationsgesetzes an, dort heißt es:

“Die vermittlungspflichtigen Organe sind von der Vermittlungsstelle nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, insbesondere nach Erfolgsaussicht und Dringlichkeit für geeignete Patienten zu vermitteln”. (“vermittlungspflichtige Organe”: eine interessante Formulierung; Gespendete Organe sind die einzigen Subjekte, denen eine Metamorphose vom Subjekt zum Objekt und zurück gelingt, wobei an der Metamorphose eine ganze Reihe von Günstlingen verdient…).

Handbuch EthikZurück zu Werner, der sich fragt, was von dieser Passage im Gesetzestext zu halten ist und seine Frage mit: nichts in meiner Sprache beantwortet. Der Gesetzestext sei uneindeutig (Was sind geeignte Patienten? Wie bemisst sich die Erfolgsaussicht?), er stelle die Anwendung weiterer, nicht genannter Verteilungsregeln anheim, (z.B. Politiker bekommen immer sofort ein Organ und zwar so lange, bis eines gefunden ist, das selbst in einem Politiker bleiben will), eine Legitimation von Erfolgsaussicht und Dringlichkeit finde nicht statt und zudem vermittle der Gesetzestext den Eindruck, als seien die Kriterien der Dringlichkeit und der Erfolgsaussicht ausschließlich medizinische Kriterien, was sie jedoch dezidiert nicht sind.

Letzteres kann leicht nachvollzogen werden, wenn man sich fragt, wie sich z.B. Erfolgsaussicht bemisst:

  • Als Annahme der transplantierten Organe durch den Körper des Empfängers der Organe?
  • Als Maximimierung des Anteils aller angenommenen transplantierten Organe?
  • Als menschenwürdiges Leben nach der Transplantation? (Was zwangsläufig die Frage aufwirft, was ein menschenwürdiges Leben ist).
  • Als Wahrscheinlichkeit, mindestens 5 Jahre mit dem Organ zu überleben oder als Wahrscheinlichkeit, dass mindestens 90% der Organempfänger mindestens 5 Jahre mit dem transplantierten Organ überleben?
  • Oder muss man am Ende die Kosten für das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem berücksichtigen und fordern, dass die Kosten für die Beitragszahler so gering wie möglich gehalten werden, was letztlich dazu führt, dass nur dann Organe transplantiert werden, wenn die Aussichten einer erfolgreichen Transplantation besonders hoch sind?
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Das sagt nicht nur der Honigmann

Im Gutheitstaumel, der die Organspende umgibt, sind alle die genannten Fragen und noch viel mehr Fragen, die hier nicht genannt wurden, untergegangen bzw. nie gefragt worden. Insofern gebührt Micha Werner Hochachtung, Hochachtung dafür, dass er diese Fragen in die Diskussion beim Deutschen Ethikrat eingebracht hat (wenngleich ich den Eindruck habe, dass die Funktion des Deutschen Ethikrats darin besteht, die Möglichkeit zu schaffen, dass Fragen wie die von Micha Werner gestellt und dann vergessen werden können).

Was die Organspendepraxis in Deutschland angeht, so muss festgestellt werden, dass derzeit viel Geld mit Transplantationen verdient wird, es keinerlei transparente oder gar feste und regelgeleitete Form der Organverteilung gibt, dass alle moralischen und ethischen Fragen, die man an eine Organtransplantation stellen kann, weder gestellt noch beantwortet sind und dass es vor diesem Hintergrund nur eine vernünftige Entscheidung gibt, nämlich seine Organe für sich zu behalten, auch posthum.

liver on boardUnd selbst Micha Werner hat nicht gefragt, ob es eigentlich statthaft ist, Spenderorgane als “vermittlungspflichtige” Sachen zu behandeln, die nach Entnahme zu einer Art Gemeingut in staatlicher Verwaltung geworden sind, mit dem Dritte einen Verdienst erwirtschaften können. Und er hat sich nicht gefragt, ob es nicht moralisch notwendig wäre, Organspendern eine Mitsprache bei der weiteren Verwendung ihrer Organe einzuräumen, eine Art Widmung per Testament: Meine Niere geht nur an Männer über 50, oder: meine Organe dürfen nicht in Personen unter 15 Jahren eingebaut werden oder so. Ganz davon abgesehen, suggeriert der Begriff “Vermittlungspflicht” Menschen seien nach ihrem Tod (im besten Fall) ein Recyclinggegenstand, ein Gegenstand zum Ausschlachten und hätten mit ihrem Tod eine Metamorphose vom Individuum zum Allgemeingut vorgenommen, dessen sich Dritte nach Lust und Laune bedienen können (wie eine leerstehende Sozialwohnung) – eine moderne Form des Kannibalismus gewissermaßen.

Aber bis derartige Fragen in Deutschland diskutiert werden, wird es wohl noch einen Jahrtausendwechsel brauchen.

Weitere ScienceFiles-Beiträge zum Thema Organspende:

Männer mit asozialen Gesichtszügen – Wissenschaftler als Brandstifter und Feuerwehr

Es ist wirklich überraschend, was man heutzutage wieder alles an Forschung vorfindet. Zuweilen habe ich den Eindruck, die wissenschaftliche Entwicklung seit 1900 ist vielen, die sich heute in den Institutionen der Wissenschaft bewegen, vollständig, aber zumindest weitgehend unbekannt. Deshalb will ich diesen Post mit dem Zitat eines Zitats aus einem Buch von Siegfried Lamnek beginnen, das 1979 erstmals veröffentlicht wurde:

Lamnek_abweichendes Verhalten“Diebe haben im allgemeinen sehr bewegliche Gesichtszüge und Hände; ihr Auge ist klein, unruhig, oft schielend; die Brauen gefältet und stoßen zusammen; die Nase ist krumm oder stumpf, der Bart spärlich, das Haar seltener dicht, die Stirn fast immer klein und fliehend, das Ohr oft hinkelförmig abstehend. Die Mörder haben einen glasigen, eisigen, starren Blick, ihr Auge ist bisweilen blutunterlaufen. Die Nase ist groß, oft eine Adler- oder vielmehr Habichtnase: die Kiefer starkknochig, die Ohren lang, die Wangen breit, die Haare gekräuselt, voll und dunkel, der Bart oft spärlich, die Lippen dünn, die Zähne groß. Im allgemeinen sind bei Verbrechern von Geburt die Ohren henkelförmig, das Haupthaar voll, der Bart spärlich, die Stirnhöhlen gewölbt, die Kinnlade enorm, das Kinn viereckig oder hervorragend, die Backenknochen breit – kurz ein mongolischer und bisweilen negerähnlicher Typus vorhanden” (Lombroso zitiert nach Lamnek, 1991, S.68).

Das Zitat stammt von Cesare Lombroso, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts versucht hat, Kriminalität als biologische Abnormität der körperlichen Entwicklung auszuweisen. Und nicht nur die im obigen Zitat beschriebenen Gesichtszüge, waren für Lombroso Anzeichen einer biologisch determinierten Delinquenz, sondern auch die Form und Größe des Schädels. Lombroso ist bis heute unter Kriminologen für seine Schädelvermessungen bekannt, denn besonders markante Schädel, in Größe, Breite und Form, so Lombrosos Ansicht, weisen den Kriminellen aus.

Im Zeitraffer haben wir uns ins 21. Jahrhundert bewegt und hier treffen wir nunmehr die Erben von Lombroso. Heute kleiden sich Biologisten in andere Begriffe, sind nicht mehr so deutlich und offen, wie Lombroso dies war, und deshalb schreiben sie von der fWHR, der facial width-to-height-ratio. Das Verhältnis zwischen Gesichtsbreite zu Gesichtshöhe ist also ihr Spielzeug und heute muss man seine Vorurteile nicht mehr, wie dies Lombroso getan hat, in Deskriptionen des Forschungsgegenstand kleiden, nein, heute kann man korrelieren. Und das wird getan, bar jeder theoretischen Fundierung und mit allem, was im Fundus der “nachhaltigen Werte”, wie von sie Nicht-Regierungsorganisationen global verbreitet werden, negativ bestimmt ist.

  • Carré und McCormick (2008) finden, dass Männer mit einer großen fWHR (also breit und kurz) aggressiver sind als Männer mit einer kleinen fWHR.
  • Stirrat und Peret (2010) finden, dass Männer mit einer großen fWHR nicht so vertrauenswürdig sind, wie Männer mit einer kleinen fWHR.
  • Haselhuhn und Wong (2012) wollen gar herausgefunden haben, dass Männer mit einer großen fWHR eher bereit sind, andere zu täuschen als Männer mit einer kleinen fWHR.

Pazzi criminialeKeiner der vermeintlichen Wissenschaftler hat sich die Frage gestellt, warum die fWHR mit all den negativen Eigenschaften zusammenhängen soll, die sie den entsprechenden Männern mit ihrer Forschung gerade anhängen wollen. Sie alle betätigen sich als Brandstifter und behaupten eine biologische Basis für diese negativen Eigenschaften, die sich eben mit der fWHR messen lässt. Derartige Behauptungen kann man nicht unabhängig prüfen, jedenfalls nicht mit den Untersuchungsanlagen, die biologistische Forscher gemeinhin verwenden und entsprechend ist es ziemlich einfach, deratige Behauptungen in die Welt zu schleudern.

Umso wichtiger sind Studien, wie die von Haselhuhn, Wong und Ormiston (2013), die umso bemerkenswerter ist, weil Haselhuhn und Wong mit dieser neuen Studie Ergebnisse hinterfragen, die sie selbst 2012 veröffentlicht haben. Sind unsere Ergebnisse das Ergebnis einer self-filfilling prophecy, so fragen sich die Forscher. Der Begriff der self-fulfilling prophecy wurde von Robert K. Merton in die Soziologie und die Sozialpsychologie eingeführt ,und er beschreibt eine Situation, in der die Furcht vor einem Ergebnis zu Handlungen führt, die dieses Ergebnis erst eintreten lassen. Das klassische Beispiel ist der Bankrun, bei dem Anleger aus Angst, ihr Geld durch den Zusammenbruch einer Bank zu verlieren, in Banken stürmen, um ihr Geld abzuheben und dadurch den Zusammenbruch der Bank erst auslösen.

Im Zusammenhang mit den Männern, die ein breites und kurzes Gesicht haben, besteht die self-fulfilling prophecy darin, dass die Männer mit dem breiten und kurzen Gesicht sich so fies verhalten, weil sie denken, dass das fiese Verhalten an sie herangetragen, von ihnen erwartet wird, weil sie wissen, dass Interaktionspartner ihre Gesichtszüge zum Anlass nehmen, eine Kooperation zu verweigern, sie schlecht zu behandeln, ihnen asozial zu begegnen, und dies entsprechend antizipieren und sich ihrerseits unkooperativ zeigen.

euheadofstateDass dem so ist, dass negativ bewertete Verhaltensweisen an bestimmte Personen herangetragen werden und diese Personen sich dann entsprechend verhalten, können Haselhuhn, Wong und Ormiston in insgesamt vier Experimenten zeigen, in denen sie Versuchspersonen vor eine Wahl zwischen einer prosozialen und dem, was sie als antisoziale Wahl ansehen, gestellt haben. Bei dieser Wahl ging es im Wesentlichen darum, Ressourcen aufzuteilen. Herauskam, dass mit einer zunehmenden fWHR weniger prosoziale Wahlen getroffen wurden. Wichtiger ist jedoch, dass Versuchspersonen, die mit Männern mit hoher fWHR als Interaktionspartner konfrontiert waren, deutlich weniger bereit waren, sich diesen gegenüber pro-sozial zu verhalten. Es scheint also, als würden Männer mit hoher fWHR sich nur deshalb anti-sozial verhalten, weil man ihnen anti-sozial begegnet oder wie Haselhuhn, Wong und Ormiston schreiben: “Across four studies, our results illustrated a self-fulfilling prophecy illustration for the link between men’s fWHR and behavior” (5).

Allerdings haben die Auoren nicht den Mut, die Konsequenz aus diesem Ergebnis zu ziehen und festzustellen, dass es Forscher wie sie selbst sind, die mit abstrusten Korrelationen soziale Erwartungen aufbauen, mit denen sich dann die entsprechenden Forschungsopfer konfrontiert sehen. Diese Form der Projektion eigener Vorurteile auf Dritte, die dann gegen Vorurteile ankämpfen müssen, ist zudem ein fester Bestand der Kriminologie und der Sozialwissenschaft. Er findet sich als sekundäre Devianz im labeling approach und beschreibt die Erwartung der Umwelt an ehemalige Kriminelle, wieder delinquent zu werden. Er findet sich als Stereotype Threat in der Bildungsforschung und wurde von Dr. habil. Heike Diefenbach auf Deutschland und hier insbesondere Migranten und Jungen übertragen: Erstere sind in der Schule schlecht, weil sie mit der Erwartung konfrontiert sind als Migranten in der Schule schlecht abzuschneiden, machen diese Erwartung zu ihrer Handlungsgrundlage. Letztere sind in der Schule schlecht, weil man sie ab der Einschulung als kleine Machos stereotypisiert, denen man den Machismo austreiben muss, was zum Ergebnis hat, dass sie sich erst in der von ihnen erwarteten Weise verhalten.

meaningoflifeLetztlich beschreibt die Forschung von Haselhuhn, Wong und Ormiston das Elend von Gutmenschen, wie z.B. Genderisten, die in der Welt nichts anderes als Frauenhasser erblicken können und Dritten mit dieser Erwartung begegnen. Sie projezieren ihre Ängste und Befürchtungen auf Dritte und wundern sich, wenn diese Dritte das nicht gut funden. Und so ist es kein Wunder, dass Dritte sich dann Genderisten gegenüber nicht freundlich verhalten, denn wer will sich schon vorverurteilen lassen.

Am Ende fällt sowohl genderistischer Interventionismus wie Forschungen, die alle möglichen theoretisch nicht begründeten Korrelationen suchen und finden, auf diejenigen zurück von denen Interventionismus oder Studie ausgeht. Sie projezieren ihre Vorturteile, zwingen unbeteiligte Dritte in ihre Vorstellungswelt und finden wenig überraschend wonach sie gesucht habe. Dies ist das Elende der atheoretischen Sozialforschung.

Carré, Justin M. & McCormick, Cheryl M. (2008). In your Face: Facial Metrics Predict Aggressive Behavior in the Laboratory and in Varsity and Professional Hockey Players. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 275(1651): 2651-2656.

Haselhuhn, Michael P. & Wong, Elaine M. (2012). Bad to the Bone. Facial Structure Predicts Unethical Behavior. Proceedings of the Royal Society B: Biological Science 279(1728): 571-576.

Haselhuhn, Michael P., Wong, Elaine M. & Margaret E. Ormiston (2013). Self-Fulfilling Prophecies as a Link between Men’s Facial Width-to-Height Ratio and Behavior. PlosOne.

Stirrat, Michael & Perret David I. (2010). Valid Facial Cues to Cooperation and Trust: Male Facial Width and Trustworthiness. Psychological Science 21(3): 349-354.

Das große Reinwaschen hat begonnen – Plagiate bald normal

von Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Seit Annette Schavan entdoktort wurde, ist einige Zeit vergangen, fast dass man den nunmehr vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht anhängigen Fall vergessen hätte. Und tatsächlich haben wir nicht mehr an Schavan und ihren mit Fremder Gedanken erschlichenen Doktortitel gedacht bis uns ein Leser von ScienceFiles mit ein paar Links auf ein sehr interessantes Blog mit dem Namen Erbloggtes aufmerksam gemacht hat, in dem der weitere Gang der “Causa Schavan” detailliert verfolgt wird.

schavanBeim Lesen einiger Beiträge auf Erbloggtes sind wir dann auf den ersten Grund zum Augenreiben gestoßen. Er findet sich an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und nennt sich: Zitat und Paraphrase. Was ein Zitat ist, ist hinlänglich bekannt, was eine Paraphrase ist, wollen wir an dieser Stelle kurz definieren: eine Praraphrase ist die Umschreibung eines sprachlichen Ausdrucks mit anderen Worten, wenn man einen Plagiator “Dieb geistigen Eigentums” nennt, dann ist dies eine Paraphrase. Der Duden, dem diese erste Wortbedeutung entnommen ist, kennt noch eine weitere Bedeutung, nämlich die sinngemäße Übertragung eines Begriffs in eine andere Sprache.

Überträgt man diese Wortbedeutung von Paraphrase auf die Beschreibung des Forschungsprojekts an der Berlin-Brandenburgischen Akademie, dann geht es also darum, zu untersuchen, wann ein sinngemäßes Zitat in die Paraphrase abgleitet, es also zu einer “Übertragungsleistung” gekommen ist, die man demjenigen, der sie gemacht hat, anrechnen kann. Diese Aufgabe hat sich eine “interdisziplinäre Arbeitsgruppe” gestellt, die “nach präzisen Begriffsdefinitionen [fragt], [...] die Idee einer mathematischen Messbarkeit wissenschaftlicher Originalität [problematisiert] und [...] an den Beispielen von Zitat und Paraphrase die Praktiken verschiedener Disziplinen an konkreten Fällen” diskutiert.

Auf diese Idee muss man im Zusammenhang mit wissenschaftlichem Arbeiten erst einmal kommen, denn die Übernahme fremder Gedanken ist in der Wissenschaft kenntlich zu machen, mit Anführungszeichen oder bei sinngemäßer Übertragung, durch die Angabe des Urhebers dessen, was sinngemäß übertragen wurde.

BBAW_LogoMit anderen Worten, methodisch und inhaltlich kann man sich diese interdisziplinäre Arbeitsgruppe sparen, setzt doch die Übertragung selbst bei einer Paraphrase einen Ur-Text voraus, dessen Nicht-Angabe zu einem Verstoß gegen die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens führt, und entsprechend nicht mit den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens vereinbar ist. Wozu also wurde diese “interdisziplinäre Arbeitsgrupe” eingerichtet?

Diese Frage hat uns weiterrecherchieren lassen und dabei sind wir auf einen Vortrag von Philipp Theisohn mit dem Titel “Fremde Worte, eigenes Denken” gestoßen, den Theisohn auf der Tagung “Wissenschaft in der Verwantwortung. Gute Wissenschaftliche Praxis und Qualitätssicherung in der Promotion” gehalten hat, die am 23. Juli 2013 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie für Wissenschaften stattgefunden hat. Interessanter Weise hat der Wissenschaftsrat diesen Vortrag veröffentlicht, was deutlich macht, dass es um Politik und nicht um Wissenschaft geht. Und wer daran noch Zweifel hat, dem werden die Zweifel in Windeseile durch einen Blick in den Text des Vortrages von Theisohn ausgetrieben.

TheisohnTheisohn geht in seinem Vortrag von der Vorstellung aus, dass man durch den Vergleich zweier Texte entscheiden kann, ob beide Texte übereinstimmen, fast übereinstimmen oder nicht übereinstimmen. “Dem lässt sich schlecht widersprechen”, folgert er auf der ersten Seite seines Textes, um den Rest des Textes dazu zu verwenden, dem zu widersprechen, dem sich nach seiner eigenen Einschätzung schlecht widersprechen lässt. Was folgt ist eine Form von Wissenschafts-Relativismus, die Karl Raimund Popper auf die Palme gebracht hätte und dessen Crux letztlich darin besteht, dass man den Holocaust nicht nachträglich als Mord bezeichnen kann, weil man aus der Mentalität der 1930er und 1940er Jahre heraus untersuchen müsste, ob das Töten von Juden als Mord durchgehen kann.

Das ist natürlich wieder nur unsere deutliche Art die verbalen Gespinste zu übersetzen, die Theisohn in seinem Vortrag entwickelt und in die er sich selbst verwickelt und die er mit der Aussage zusammenfasst, dass die Frage nach dem geistigen Eigentum vor allem eine Mentalitätsfrage sei (3), ebenso wie die Ermordung von Juden dann wohl eine Mentalitätsfrage ist. Der aberwitzige Vortrag dessen Duktus jedem Leser sofort ins Gesicht springt, da immer dann, wenn die Rede auf die Frage kommt, ob man ein Plagiat von einem Original unterscheiden könne, mit Worten wie “unterstellen”, “suggerieren” oder “vermessen” hantiert wird, macht schnell deutlich, dass Theisohn ein Relativist ist, der versucht, Wahrheit und Übereinstimmung, Moral und Anstand als Ordnungskriterien zu beseitigen.

Und so gehts: Wenn man zwei Texte vergleiche, so Theisen, dann vermesse man die Wörtlichkeit, die Übereinstimmung von Worten, Sätzen und gar Absätzen. Man konfrontiere einen Ur-Text mit einem anderen Text und unterstelle, je nach Übereinstimmung ein Plagiat. Dabei suggeriere die Konfrontation beider Texte, (1) eine prinzipielle Vergleichbarkeit, die (2) jeder alphabetisierte Mensch feststellen könne und die (3) quantifizierbar sei. Etwa in der folgenden Weise (von uns ausgewähltes Beispiel):

Schavans Dissertation Seite 37 Das Original von Hannah Arendt, die Schavan nicht zitiert
Durch die Gründung und Erhaltung von politischen Gemeinwesen schließlich schafft menschliches Handeln die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen und damit für Geschichte. [...] das Handeln schließlich, soweit es der Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen dient, schafft die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, für Erinnerung und damit für Geschichte.

Dieses Beispiel stammt von Schavanplag und wer sich für die Frage von Plagiat und Original interessiert, der wird dort mit Sicherheit fündig. Doch zurück zu Theisohn. Theisohn behauptet, dass eine Konfrontation von Texten, also z.B. des Textes von Schavan mit dem Text von Arendt nicht geeignet ist, um festzustellen, ob hier mit Absicht kopiert wurde, ob hier geistiges Eigentum von Hannah Arendt durch Annette Schavan als ihr eigenes Eigentum ausgegeben wurde. Diese Frage, so Theisohn sei zu einfach, verdränge “die konkrete, historische Kommunikationssituation, in der ein wissenschaftlicher Text steht” (5).

Um diesen Punkt zu unterstreichen und seinen Versuch, seine Zuhörer um ihren Verstand zu reden fortzuführen, hat er sich willkürlich und absolut zufällig pädagogische Dissertationen aus den 1980er Jahren, also dem Fach und der Zeit, in dem/der Annette Schavan promoviert hat, gegriffen und sie gelesen und sich vermutlich inspirieren lassen, denn das er eine bestimmte wissenschaftliche Methode an die Dissertationen herangetragen habe, behauptet er nicht, warum sollte er auch, als Relativist? Das Lesen hat eine Reihe von Erkenntnissen bei Theisohn ausglöst, u.a. die Erkenntnis, dass zuweilen ganze Seiten lang über Darwin geschrieben werde, ohne dass Darwin zitiert werde oder dass ein Werk über 130 Seiten zwei Autoren bespreche und nur sporadisch zitiere. Dies zeige, so Theisohn, dass die Frage, was “als zitierpflichtig erachtet wird und was nicht, sehr stark vom fachlichen Standort abhängig ist” (16). Warum es das zeigt, können wir nicht nachvollziehen, denn immerhin war es Theisohn möglich, die geistigen Urheber die besprochen und sporadisch zitiert werden, ausgehend von den gelesenen Texten ausfindig zu machen.

Kritik am ErkenntnisfortschrittAus all den willkürlichen und nicht nachvollziehbaren Assoziationen zimmert er den absurden Schluss, dass man ein Plagiat nicht als Plagiat benennen könne, wenn man die Mentalität des Plagiatoren und seiner Zeit nicht in Rechnung stelle. Aber gut, wenn man es mit seltsamen Zeitgenossen zu tun hat, die gerade versucht haben, die Möglichkeit der Übereinstimmung in der Wahrnehmung von Eigentum in Abrede zu stellen und die tatsächliche argumentieren wollen, dass in den 1980er Jahren Autoren, die Textstellen bei anderen kopiert haben ohne diese Autoren anzugeben, nicht wussten, dass man das in der Wissenschaft nicht macht, weil damals die, sagen wir, die Pädagogik ein in “seinen Standards unausgegorenes Fach” (12) war, dann muss man zeitgenössisch argumentieren.

Die folgende Liste ist ein Auszug aus dem Karlsruher Verbundkatalog. Der Auszug stellt Bücher zusammen, die alle vor 1980 erschienen sind und in denen die Regeln des wissenschaftlichen Arbeits zusammengestellt sind. Angesichts der Vielzahl der wissenschaftichen Publikationen, in denen erklärt wird, dass man nicht einfach Textstellen von anderen Autoren in die eigene Arbeit schreiben darf ohne diese Autoren auch zu zitieren und da selbst für das “unausgegorene Fach” der Pädagogik ein Eintrag zu finden ist (bitte die Grafik anklicken und nach unten scrollen bis es rot wird), kann man also davon ausgehen, dass das Gebot der wissenschaftlichen Lauterkeit bereits 1980 und selbst in der Pädagogik bekannt war.

KVK Schavan

Man muss vor diesem Hintergrund zweierlei feststellen: (1) in den 1980er Jahren war es ebenso ein Diebstahl geistigen Eigentums wie heute, wenn Textstellen übernommen oder leicht abgeändert übernommen wurden, ohne auf den Ur-Text und dessen Verfasser zu verweisen, (2) Zitat und Paraphrase und der Vortrag von Theisohn sind offensichtlich Teil einer Kampagne, mit der versucht werden soll, vorhandenen Befürchtung, dass das Plagiat von Schavan und seine Aufdeckung erst die Spitze eines Eisberges ist, dessen Abschmelzen eine ganze Reihe derzeit noch promovierter Opfer fordern wird, dadurch zu begegnen, dass man versucht, normale Betrachter um ihren Verstand zu reden und die Möglichkeit, durch den Vergleich zweier Texte eine Übereinstimmung oder keine Übereinstimmung festzustellen, so lange zu bestreiten, bis diejenigen, die darauf beharren, dass Diebstahl immer dann vorliegt, wenn fremdes Eigentum entwendet wird, kleinbeigeben.

Was ScienceFiles betrifft, so wird dies allerdings nie der Fall sein.

P.S.

Drei Dinge seien an dieser Stelle noch nachgetragen: (1) Wie krank muss man eigentlich sein, wenn man die Frage untersucht, ob Diebstahl fremden Eigentums zu bestimmten Zeiten ein akzeptables Mittel wissenschaftlichen Arbeitens war. (2) Warum melden sich eigentlich nicht die Professoren für Pädagogik zu Wort, denen hier dauerhaft attestiert wird, sie seien Stümper, die Lehrstühle besetzten ohne dazu auch nur im Entferntesten befähigt zu sein? (3) Wenn Pädadgogik tatsächlich in den 1980er Jahren ein “unausgegorenes Fach” war, dessen Vertreter wissenschaftliche Standards nicht einzuhalten in der Lage waren, dann müssen konsequenter Weise alle Titel, die von diesem unausgegorenen Fachvertretern vergeben wurden, entzogen werden.

Das Elend der deutschen Soziologie: Post von der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

dgs_2012_03Seit heute haben wir es schriftlich, dass in der deutschen Soziologie jeder behaupten kann, was er will, und zwar ohne Rücksicht auf die Standards wissenschaftlichen Arbeitens. Und nicht nur das: Seit heute haben wir es schriftlich, dass man es bei der Deutschen Gesellschaft für Soziologie nicht problematisch findet, wenn falsch oder gar nicht zitiert wird. Die Kunst, so wissen wir seit heute, besteht darin, es "offen" zu lassen, ob es sich bei bestimmten Textstellen "überhaupt um ein Zitat" handelt. Wer also demnächst von Vroni-Plag als Plagiator identifiziert wird, der kann sich mit der Schützenhilfe der DGS darauf zurückziehen, dass er nur offen lassen wollte, ob es sich bei der von Vroni-Plag identifizierten Stelle um ein Zitat handelt. Und Studenten, denen Dozenten vorwerfen, sie hätten die Regeln des wissenschaflichen Arbeitens nicht berücksichtigt, können sich in Zukunft auf die Position zurückziehen, dass sie nur offen lassen wollten, ob bestimmte Stellen wörtliche Zitate anderer sind, selbst dann, wenn sie explizit in Hochkommata gesetzt wurden, oder ihre eigenen Gedanken darstellen.

Kurz: Seit heute wissen wir: Die DGS gibt die Standards wissenschaftlichen Arbeitens auf, und entsprechend ist die DGS offensichtlich der Ansicht, dass Soziologie keine Wissenschaft ist.

Vorgeschichte

Wir haben uns in einem Schreiben an die Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gewendet, weil uns in einer Auftragsarbeit, die Prof. Dr. Michael Meuser für das BMFSFJ verfasst hat, Zitate untergeschoben werden, die nicht von uns sind. Zur Erinnerung, Michael Meuser schreibt:

meuserDiese Daten [PISA-Daten] sowie der Umstand, dass die Schülerinnen im Durchschnitt die Schule mit besseren Noten abschließen als die Schüler, haben die Diskussion über eine vermeintliche Bildungsbenachteiligung der Jungen ausgelöst. In diesem Zusammenhang wird die “Feminisierung” des Lehramts, insbesondere in der Grundschule, als ein Grund hierfür angeführt, also der Umstand, dass Schüler und Schülerinnen überwiegend und in der Grundschule nahezu ausschließlich von Frauen unterrichtet werden (Carrington/McPhee 2008; Diefenbach/Klein 2002)” (Meuser, 2013, S.42

Und weiter:

“Neuere Forschungen verweisen darauf, dass anderseits dasjenige Verhalten eine positive Wertung erfährt, das typischerweise von den Mädchen an den Tag gelegt wird (…). Diefenbach und Klein (2002) sehen dies als eine Folge der Feminisierung des Lehrerberufs” (Meuser, 2013, S.42).

Das Problem mit beiden Zitaten von Meuser ist leicht benannt: Wir haben nie von einer “Feminisierung des Lehramts” geschrieben und entsprechend können wir auch nichts als eine “Folge der Feminisierung” beschrieben haben. In beiden Fällen, in denen Meuser Bezug auf unseren Artikel aus dem Jahre 2002 nimmt, behauptet er unwahre Dinge und schiebt uns eine “Feminisierung” unter, von der wir nie geschrieben haben.

Man kann dies auf zwei Arten erklären: Entweder Meuser weiß nicht, was wir geschrieben haben, oder er will uns dadurch diskreditieren, dass er uns einen in seiner Welt negativ konnotierten Begriff unterschiebt. Beide Erklärungen führen jedoch zum selben Ergebnis, Meuser ist nicht fähig oder willig rudimentäre wissenschaftliche Standards wissenschaftlichen Arbeitens und wissenschaftlicher Lauterkeit einzuhalten.

Die Ethikkommission der DGS

Wir haben uns entsprechend an die Ethikkommussion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und des Berufsverbands deutscher Soziologen gewendet und uns über diesen Mangel an Aufrichtigkeit oder an wissenschaftlicher Versiertheit beschwert. Seit heute liegt uns die Antwort der Ethikkommission der DGS, erstellt von Prof. Dr. em. Hans-Georg Soeffner, dem ehemaligen Vorsitzenden der DGS, vor.

Wer Sie gerne im O-Ton nachlesen will, der kann dies hier tun.

Wir wollen uns auf zwei Unglaublichkeiten beschränken, die man als Wissenschaftler, die deshalb besonderen Wert auf die Standards wissenschaftlichen Arbeitens legen, weil sie die einzige Möglichkeit darstellen, Wissenschaft von Unsinn abzugrenzen, erst einmal verdauen muss.

So schreibt Soeffner, nachdem er behauptet hat, dass Meuser in den beiden oben zitierten Stellen “offen” gelassen habe, ob es sich um ein wörtliches Zitat aus Klein und Diefenbach handelt, folgendes:

“Eine deutlichere Abgrenzung der Kennzeichnung von Zitaten einerseits und allgemeinen Hervorhebungen andererseits müsste in Meusers Text sicherlich stattfinden. Die bewusste ‘Fälschung eines Zitates’ lässt sich jedoch kaum belegen.”

hans-georg-soeffnerDiese Wertung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen steht hier, dass wissenschaftiche Standards, die sich mit dem Zitieren verbinden, nicht ernst zu nehmen sind, man wünscht sie sich, aber wenn sie fehlen, ist das auch nicht schlimm. Zum anderen steht hier “Fälschung eines Zitates” in Anführungszeichen. Warum wohl? Weil Soeffner insinuieren will, dass wir fälschlicherweise von einer Fälschung eines Zitates sprechen, und da wir im Schreiben an die Ethikkommission die Frage, ob Meuser bewusst fälscht oder es einfach nicht besser kann offen gelassen haben, hat er das Wörtchen “bewusst” außerhalb der Anführungszeichen, mit denen er deutlich machen will, dass diese Textstelle nicht von ihm ist, gelassen. Leider hat Soeffner vergessen anzugeben, von wem diese Textstelle ist und zeigt damit, dass er es auch nicht besser kann als Meuser und ganz nebenbei hat er Meuser attestiert, dass er, da eine bewusste Fälschung nicht belegt werden kann, offensichtlich zu wissenschatflichem Arbeiten nicht fähig ist. Aber da sich die “‘Fälschung eines Zitates’ … kaum belegen” lässt, besteht noch Hoffnung, für Soeffner.

Allerdings besteht erhöhte Gefahr, dass dieser Keim der Hoffnung bereits im Keim erstickt wird, weil sich am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Essen, an dem Hans-Georg Soeffner vor seiner Emeritierung gelehrt hat, keinerlei Hinweise zu den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens finden lassen. In unserem Bemühren das endgültige Abgleiten der Soziologie in die Welt der Ideologie und des Phrasendreschens zu verhindern, waren wir erleichtert, dass wir an der Frierich-Schiller-Universität Jena, an der der derzeitige Vorsitzende der DGS, Stephan Lessenich, lehrt, einen Leifaden für das Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten gefunden haben, dessen Seite 2 sich Folgendes wörtlich entnehmen lässt:

  1. “Zitate werden gekennzeichnet – wörtliche und sinngemäße Zitate werden als solche markiert. Wörtliche Zitate stehen in Anführungszeichen, bei sinngemäßen Zitaten wird durch den Konjunktiv und/oder einen Einleitungssatz verdeutlicht, dass es sich um Aussagen anderer handelt.”
  2. “Zitate (ob Wort, Satz oder Abschnitt) müssen belegt werden - am Ende jedes Zitats ist auszuweisen, aus welcher Quelle es stammt.”
  3. “Zitate sind exakt und ehrlich …”

Da die Art und Weise, in der Michael Meuser zu zitieren versucht, mit keinem der drei oben genannten Punkte in Einklang zu bringen ist, steht zu vermuten, dass sich der Dekan der Universität Jena und Vorsitzende der DGS, Stephan Lessenich, im Widerspruch zu dem befinden muss, was Hans-Georg Soeffner als Vorsitzender (oder alleiniges Mitglied?) der Ethikkommission der DGS geschrieben hat. Es wird spannend sein, die Stellungnahme von Lessenich dazu zu lesen (- die wir natürlich einfordern werden).

Zwei abschließend Punkte sind uns noch wichtig:

Soeffner schreibt: “Wenn darüber hinaus auch bei Diefenbach/Klein (2002, S. 949) unmissverständlich festgestellt wird: “Lehrerinnen prägen die Schulkultur”, ist sachlich kaum mehr einzusehen, weshalb der Streit um das Scheinzitat ‘Feminisierung’ – eine ohnehin schwer zu ertragende sprachliche Fehlleistung – die Ethikkommission zweier Fachverbände beschäftigen muss”.

Nassehi_SoziologieEs ist schon erschreckend, dass Vertreter einer Wissenschaft, die sich mit gesellschaftlichen Prozessen beschäftigt, nicht mehr in der Lage sind, zwischen einer Zustandsbeschreibung “Lehrerinnen prägen die Schulkultur” und einem Prozess “Feminisierung” zu unterscheiden und dass sie denken, das eine sei dem anderen gleich. Wenn das in der Soziologie nunmehr normal ist, dann ist es wirklich konsequent, die Soziologie zu schließen, da der Gegenstand der Soziologie nicht mehr vorhanden ist und es auch keine wissenschatfliche Methode gibt, mit der man Zustandsbeschreibungen von Soziologen von dem Gewäsch politischer Kommentatoren in Tageszeitungen unterscheiden könnte.

Esser_SoziologieDa Soeffner überdies der Ansicht ist, bei Meusers Versuch, uns zu zitieren, handle es sich um ein Scheinzitat, gibt er uns in der Sache offensichtlich recht und ist auch der Ansicht, dass Meuser nur den Anschein erwecken will, die “schwer zu ertragende sprachliche Fehlleistung”: Feminisierung stamme von uns. Im Gegensatz zu Soeffner sind wir allerdings der Ansicht, dass es die Aufgabe einer Ethikkommission ist, sich auch mit “schwer zu ertragende[n] sprachliche[n] Fehlleistung[en]” zu beschäftigen, und wenn eine (aus einem Mann bestehende) Ethikkommission das nicht will, dann ist es vielleicht das Beste auch dieses letzte Feigenblatt, das an Zeiten erinnert, an denen die Soziologie den Anspruch hatte, eine Wissenschaft zu sein, fallen zu lassen.

Opp MethodologieVor diesem Hintergrund wäre es eigentlich an der Zeit, dass die großen alten Männer der Soziologie, die es auch in Deutschland gibt und deren Lebenswerk darin besteht, Soziologie als Wissenschaft etabliert zu haben, sich in Bewegung setzen oder zumindest ihre Stimme erheben, um der Zerstörung ihres Lebenswerks ein Ende zu setzen und den ohnehin stark angeschlagenen Ruf der deutschen Soziologie zumindest in den Bereichen, in denen dies noch möglich ist, zu reparieren, um zu retten, was noch zu retten ist.

P.S. Da die Beschwerde von Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner als Vorsitzemden der Ethikkommission von Deutscher Gesellschaft für Soziologie und dem Berufsverband deutscher Soziologen alleine unterzeichnet ist, fragt man sich unwillkürlich, welchen Stellenwert die anderen Mitglieder der Ethik-Kommission in diesem Gremium eigentlich haben – wenn sie überhaupt einen haben.

Grün als Standardeinstellung – Wissenschaftler als Steigbügelhalter des Sozialismus

IKyklosm neuen Kyklos ist ein Beitrag von Cass R. Sunstein und Lucia A. Reisch enthalten, in dem beide dafür werben, “green” zum “default”, grün zur Voreinstellung zu machen. Um dieses seltsame Ansinnen genauer zu verstehen, ist es notwendig, Sunstein in sein publizistisches Gesamtwirken der letzten Jahre einzuordnen und hier insbesondere “nudge”, das gemeinsam mit Richard Thaler verfasste zwischenzeitliche Standardwerk aller Möchtegern-Sozialtechnologen zu berücksichtigen.

Der Inhalt von “nudge” ist kurz und bündig zu beschreiben: Menschen, so hat es vor allem die soziapsychologische Forschung, die u.a. Amos Tversky und Daniel Kahneman durchgeführt haben, gezeigt, handeln nicht immer rational und bleiben oft mit ihren Handlungsentscheidungen hinter dem zurück, was als optimale Entscheidung angesehen werden kann, als Entscheidung, die ihren Nutzen maximiert (Es ist vielen Anhänger des nudgens offensichtlich nicht klar, dass sie hier auf der Basis von hard-core rational choice unterwegs sind, wobei wir es – wie noch zu zeigen sein wird – mit einer normativen Variante zu tun haben). Weil Menschen in vielen Fällen nicht rational entscheiden und entsprechend suboptimal handeln, so wird in nudge argumentiert, müsse man ihnen Vorgaben machen, die sie auf den Weg der optimalen Entscheidung bringen, sie zur “richtigen” Entscheidung leiten.

nudgeKern von nudge ist also eine Entmündigung der Handelnden, natürlich in guter Absicht, denn Sunstein und Thaler sind um die Natur und die Ökologie und das Soziale und das Mitmenschliche und um alles, was positiv bewertet ist, besorgt. Wie dieses “nudgen” aussehen kann, erfahren Deutsche z.B. in Schönau im Schwarzwald. oder Kunden der Energiedienst GmbH, die den Süden Deutschlands mit Ökostrom versorgt. Letztere bietet nach Erkenntnissen von Sunstein und Reisch drei Tarife, wobei der “grüne” Tarif der Standard ist, in den Kunden eingeordnet werden, wenn sie sich nicht wehren. Der “grüne” Tarif ist teurer als ein weniger “grüner” Tarif, aber da er der Standard ist, behalten ihn die meisten Kunden der Energiedienst GmbH bei. Auf diese Weise, so die Lehre, die Sunstein und Reisch unter ihre Leser bringen wollen, ist es möglich, Menschen zur “richtigen” Entscheidung, in diesem Fall zur Entscheidung für teureren Ökostrom zu bewegen.

Der kurze Beitrag von Sunstein und Reisch fährt fort die Vorzüge dieser Form einer Vorgabe, die ich oben als Entmündigung bezeichnet habe, zu betonen und wendet sich abschließend der Frage zu, wie man denn nun einen verbindlichen und den “richtigen” Standard für alle bestimmen kann. Die Frage wird von beiden Autoren wie folgt beantwortet:

“Ideally, choice architects would monetize all of the relevant costs associated with relevant energy uses and set a default rule accordingly. Of course it is true that the assessment could create serious empirical challenges both in monetizing the relevant benefits and in projecting the level of opt-out. It is also true that if green energy reduces significant externalities, a corrective tax or a mandate might be desirable, not merely a default rule”(402).

Wem man diese Passage liest, dann ist man sich nicht sicher, worüber man sich insbesondere aufregen soll. Darüber, dass zwei Ökonomen, von denen zumindest Sunstein ein gewisses Maß an Kenntnis über die Ergebnisse der Behavioural Economics zu haben vorgibt, davon ausgehen, es sei möglich, eine Entscheidung unter Vollinformation zu treffen. Wozu, so fragt man sich, haben Tversky und Kahneman, Herbert Simon oder Oliver Williamson ihre umfrangreichen Werke geschrieben, wenn sie nach nur wenigen Dekaden in vollständige Vergessenheit geraten, selbst unter denen, die sie gelesen zu haben vorgeben.

Wenn nun aber keine Entscheidung unter Vollinformation getroffen werden kann, wenn also jede Entscheidung, da sie auf die Zukunft gerichtet ist, notwendiger Weise mit Unsicherheit verbunden ist, und deshalb unbeabsichtigte und bei Entscheidung unbekannte Folgen zeitigen wird, dann ist es auch einem “Choice Architect” nicht möglich, eine vollinformierte Entscheidung zu treffen.

Nun ist es eine Sache, wenn Hans X eine Entscheidung trifft, die sich im Nachhinein als falsch herausstellt, deren Folgen aber Hans X zu tragen hat. Es ist eine völlig andere Sache, wenn der Choice Architect X eine Entscheidung trifft, die sich als falsch erweist und unter deren Folgen eine große Zahl von Personen zu leiden haben.

Hayek SerfdomZudem stellt sich natürlich eine ethische Frage: Wie ist es mit der Willensfreiheit von Menschen zu vereinbaren, wenn man das Wissen um die menschliche Trägheit zu seinen Gunsten ausnutzt, um Menschen eine Wahl vorzugeben, die sie, hätten sie sie treffen müssen, nie getroffen hätten, die sie aber akzeptieren, weil die Informationskosten der Suche nach Alternativen zu hoch sind? Diese Art des über die Köpfe von Menschen Planens, diese Form der Entmündigung ist es, die Friedrich von Hayek in seinem Buch “The Road to Serfdom” bereits ausführlich analysiert und als sowohl ethisch als auch pragmatisch mit allem, was Freiheit, was freie Entscheidung angeht nicht vereinbar gezeigt hat. Dessen ungeachtet kehrt der sozialistische Planer, den Hayek als Feind der Freiheit bekämpft hat, als “Choice Architect” wieder, und wieder stellen sich Intellektuelle als Steigbügelhalter des Sozialismus und der Entmündigung von Menschen zur Verfügung.

Denn eines ist sicher, wenn Choise Architects erst eingeführt sind, dann werden sie nicht bei der Vorgabe der Farbe der Mülltüte, der Vorgabe des Stroms, der verbraucht werden muss, der Vorgabe der richtigen Sprechregelung, der Vorgabe der richtigen Anreise zur Arbeit, der Vorgabe der richtigen Essgewohnheiten, der Vorgabe einer Organspende stehen bleiben. Sie werden weiter ihre normativen Vorstellungen davon, was “richtig” und “gut” ist, für alle zum Maßstab erheben und auf dieser Basis immer weiter in die Leben von Menschen intervenieren und das bischen Freiheit, das verblieben ist, so lange reglementieren bis passiert, was in sozialistischen Systemen immer passiert ist: Niemand bewegt sich mehr, die Gesellschaft kommt zum Stillstand, der Erhalt des Vorhandenen wird zur Aufgabe, neben der Neues keinen Platz mehr hat, kurz: Fortschritt und damit verbundenes Wachstum, beides notwendige Zutaten für Wohlstand, werden auf dem Altar sozialistischer Mythenbildung und Gutheit geopfert.

Literatur

Simon, Herbert E. (1982). Models of Bounded Rationality. Cambridge: MIT-Press.

Sunstein, Cass R. & Reisch, Lucia A. (2013). Green by Default. Kyklos 66(3): 398-402.

Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1986). Rational Choice and the Framing of Decisions. Journal of Business 59(4): S251-S.278.

Williamson, Oliver E. (1985). The Economic Institutions of Capitalism. New York: Free Press.

Ziviler Ungehorsam

Wir schreiben das Jahr 2013. Ganz Europa ist von der EU besetzt. Ganz Europa? Nein. Ein kleiner Flecken Irland, Monivea, leistet beharrlich und konsequent Widerstand gegen die eurokratischen Usurpatoren, die jahrhundertelange Traditionen mit einem Federstrich beseitigen wollen.

ireland_monivea_0713Die EU ist bekanntlich eine Organisation, die sich um das Wohl vor allem der Umwelt sorgt, und entsprechend sind die Eurokraten ausgezogen, um das Moorland im Co. Galway, Ireland, zu schützen. Eine so genannte EU Habitats Directive verbietet menschliche Eingriffe u.a. im Moor von Monivea. Dummerweise haben die Menschen (, die ja auch zur Umwelt gehören, auch wenn die EU-Kommission das als eher störend zu empfinden scheint), die in Monivea leben, seit Jahrhunderten nicht nur Torf im Moor gestochen und als Brennstoff benutzt, nein, sie haben auch ein eingetragenes Recht, dies zu tun, ein Recht, das die EU-Kommission mit einem Federstrich beseitigt hat. Sehr zum Unmut der betroffenen Iren.

Landbesitz ist in Irland eine heikle Sache, vor allem aus historischen Gründen, die sich aus der Zeit ableiten, als Irland zum Vereinigten Königreich gehörte und wenige Großgrundbesitzer sich das irische Land aufteilten. Entsprechend ist Ladung in der Angelegenheit:

“The EU and the environmentalists are imposing their value system on us. We’ve a right to live by our value systems – which we’ve done for generations and hundreds of years”, sagt z.B. Luke Flanagan, Mitglied des Irischen Parlaments.

Abweichende Wertvorstellungen und andere Werthierarchien, das ist nun etwas, von dem man in der EU-Kommission, in der bekanntlich die Harmonisierung herrscht, noch nie etwas gehört hat, und entsprechend hat man versucht, den betroffenen Iren ihre Rechte abzukaufen – mit wenig Erfolg:

“They think it’s all about money and that they can buy us off. They can’t. This is about our rights to use our land as we wish”, sagt Luke Flanagen.

Und deshalb üben sich die Iren in Galway in zivilem Ungehorsam. Obwohl die EU-Direktive jeden Eingriff in das Moorland in Monivea verbietet, stechen die Iren ihren Torf, das wenige, was sie benötigen, um im Winter mit Brennmaterial versorgt zu sein. Und während sie ihren Torf stechen, stehen Polizeibeamte dabei und betrachten das Treiben. Einen Versuch, den Bruch der EU-Direktive zu unterbinden, machen sie nicht. EU-Recht hat offensichtlich in Monivea keine Legitimität, und damit komme ich zur Frage, unter welchen Umständen ziviler Ungehorsam ein Mittel darstellt, um sich gegen die Rechtssetzung der Politklasse zu wehren.

Rent Seeking SocietzDazu bedarf es zunächst der Einführung der Unterscheidung zwischen Legalität und Legitimität. Legalität bezieht sich auf das Recht, den Prozess, der zur Rechtssetzung führt. Legitimität bezieht sich auf Gerechtigkeit, das Ergebnis, das mit einer Rechtssetzung einhergeht. Demokratien stehen in der ständigen Gefahr, von Gruppen usurpiert und zur Rechtsprechung in deren Sinne missbraucht zu werden. Die entsprechenden Gesetze passieren zumeist ungeschoren die Instanzen der Demokratie und können für sich reklamieren, auf legalem Weg und dem demokratischen Prozedere entsprechend zu Stande gekommen zu sein.

Erm'chtigungsgesetyDas Ermächtigungsgesetz der Nazis, die meisten Gesetze, die im Dritten Reich erlassen wurden, konnten für sich reklamieren, legal zu Stande gekommen zu sein, aber dennoch betrachten wir viele von ihnen (außer offensichtlich den Gesetzen, die in die BRD übernommen wurden, wie z.B. dem 1937 verabschiedeten Aktiengesetz) als nicht legitim. Nicht-legitimen Gesetzen fehlt die Zutat “Gerechtigkeit”, sie widersprechen dem Prinzip der Fairness, das – trotz der Herrschaft der Mehrheit in der Demokratie geachtet werden soll und sich darin niederschlägt, dass Minderheiten nicht mit Gesetzen überzogen werden, die sie kriminalisieren, wie dies im Dritten Reich mit den Juden der Fall war.

Damit sind die idealen Annahmen beschrieben, wie sie in einer idealen Demokratie vorhanden sind, in der tatsächlich der demokratische Prozess sicherstellt, dass mit der Duldung der Mehrheit Politik im Sinne der Mehrheit gemacht wird. Und von dieser idealen Demokratie geht John Rawls mit seiner Konzeption des zivilen Ungehorsams aus.

RawlsUnter zivilem Ungehorsam versteht er eine gewaltlose, vom Gewissen bestimmte und gesetzeswidrige Handlung, die darauf zielt, die Änderung eines Gesetzes herbeizuführen oder Gehör in der Regierungspolitik zu finden. Ziviler Ungehorsam ist dann statthaft, wenn die Kluft zwischen Legalität und Legitimität zu groß geworden ist, wenn zu offensichtlich ist, dass Gesetze gegen Minderheiten oder gegen Grundfreiheiten verstoßen, die in Demokratien heilig sind. Wenn z.B. in einer Demokratie, die sich der Freiheit des Unternehmertums verschrieben hat, denn alles andere wäre keine Demokratie, sondern Sozialismus, der als solcher mit Demokratie nicht vereinbar ist, wenn also in einer solchen Demokratie Eingriffe in die unternehmerische Freiheit vorgenommen werden, die Grundfreiheiten, wie z.B. die Freiheit eines Unternehmers, einzustellen, wen er will, zu entlassen, wen er will oder seinen Aufsichtsrat mit 100% Männern zu besetzen, wenn ihm danach ist, einschränken, dann ergibt sich daraus zwangsläufig die Berechtigung, ja nach Rawls eigentlich die Verpflichtung zum zivilen Ungehorsam.

kingZivile Ungehorsame sind für Rawls Personen, die den Grundsätzen der Demokratie verpflichtet sind, die der Beschneidung von Freiheit, dem Missbrauch der Macht durch die Mehrheit in seiner idealen Demokratie, gegenübertreten und die Demokratie verteidigen. Wohlgemerkt, Rawls entwickelt seine Konzeption für eine Gesellschaft, in der die demokratischen Prozedere tatsächlich und nicht nur symbolisch oder zum Schein eingehalten werden. Überträgt man seine “ideale Konzeption” auf den grauen Alltag dessen, was derzeit als demokratisches Regierungssystem gilt, ein Regierungssystem, in dem Gesetze erlassen werden, von denen die meisten Bürger nichts wissen, ein Regierungssystem, in dem eine kleine Clique von Eurokraten und Parteiideologen ihren Günstlingen und Launen entsprechend Gesetze erlassen und verändern kann, dann wird das Recht zum zivilen Ungehorsam zur Pflicht des zivilen Ungehorsams.

Hobbes ReclamThomas Hobbes, weithin bekannt für seinen Leviathan, jenes staatliche Monster, das Eigentum, Freiheit und Sicherheit in seinem Staat sichern soll, hat explizit vorgesehen, dass diejenigen, die der Herrschaft des Monsters unterworfen sind, dann, wenn sie zum Gegenstand illegitimer und klar partikularistischer Gesetze werden, das Recht haben, ihrem Souverän die Gefolgschaft zu verweigern. Damit wäre der Souverän illegitim geworden, denn er ist das Ergebnis einer Übertragung von Rechten, den Rechten Einzelnern auf alles, wie Hobbes das nennt. Wie Rawls, so ist auch Hobbes der Ansicht, dass letztlich Menschen die Souveräne sind, die sich Regierungssysteme schaffen, um ihr Zusammenleben zu optimieren und zu koordinieren. Macht sich der Souverän selbständig, wird das Regierungssystem zu einer Günstlingsversorgungsmaschine, die einzig und allein dem Nepotismus und der Durchsetzung von ideologischem Firlefanz dient, dann geht die Wahrnehmung von Freiheitsrechten wieder auf den Einzelnen über, denn nur Individuen, nicht Organisationen oder gar Staaten können Träger von Rechten sein.

Das haben die Iren in Monivea erkannt, und deshalb haben sie sich zum Souverän ihrer eigenen Rechte gemacht und der EU die Legalität ihrer Rechtssetzung entzogen. Es ist nicht auszudenken, was passieren würde, wenn das Beispiel Monivea Schule macht, aber eines steht fest, es ist der einzige Weg, um sich gegen den immer größer werdenden Moloch in Brüssel, der Freiheitsrechte beseitigt, Nepotismus zu neuen Höhen trägt und sich so weit von der Idee einer europäischen, demokratischen Gesellschaft entfernt hat, wie man sich nur davon entfernen kann, zur Wehr zu setzen und Veränderungen herbeizuführen. Diese Einsicht gilt nicht nur für die EU, denn die Herrschaft einer Politklasse, deren erstes Ziel die Versorgung der eigenen Günstlinge und die Durchsetzung der eigenen Ideologie ist, ist nicht auf die EU beschränkt (dazu mehr demnächst).

Guten Appetit: von Antibiotika und Moral

In den Schriften von Immanuel Kant findet sich das bekannte Instrumentalisierungsverbot. Genauer steht es in der Metaphysik der Sitten “§38: [...] denn der Mensch kann von keinem Menschen […] bloß als Mittel, sondern muss jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden, und darin besteht seine Würde”. Kein Mensch darf nach Ansicht von Kant einen anderen Menschen als Mittel zu einem Zweck instrumentalisieren. Was Kant zu Genderisten zu sagen gehabt hätte, die versuchen Jungen nach ihren Vorstellungen umzuerziehen, kann man sich vor diesem Hintergrund leicht vorstellen.

Animal LiberationPeter Singer hat in der Entwicklung seiner praktischen Ethik und vor allem in seinem bereits 1975 erschienenen Buch “Animal Liberation”, wenn man so will, das Instrumentalisierungsverbot von Kant, das Kant auf Menschen beschränkt hat, auf Tiere übertragen. Dabei gilt ihm die Leidensfähigkeit als entscheidendes Kriterium, und er argumentiert, dass es keinen Grund gibt, die Rechte, die Menschen für sich als Menschenrechte zusammengestellt haben, nicht auf Tiere, die in gleicher Weise leidensfähig sind, zu übertragen. Tierhaltung einzig zum Zwecke der Nahrungsherstellung und die damit einhergehende Objektivierung von Lebewesen, wie sie sich darin ausdrückt, dass z.B. von “Nutztierhaltung” die Rede ist, lehnt Singer strickt ab und empfiehlt eine vegetarische Lebensweise, da insbesondere die Massentierhaltung gegen ethische und moralische Vorstellungen und vor allem sein Prinzip, nach dem man anderen Lebewesen kein Leid zufügen soll, verstößt.

Das ist ein Auszug aus der Welt praktischer Ethiker, die sich Gedanken darüber machen, ob die Art und Weise, in der Menschen andere Lebewesen “nutzen”, damit vereinbar ist, dass dieselbe Spezies von sich behauptet, sie sei moralisch und ethisch entwickelt und anderen Lebewesen moralisch, ethisch und im Hinblick auf Intelligenz überlegen. Und nun zu den Fakten, Fakten, die ich niederschreibe, während ich auf einen Hügel mir gegenüber blicke, an dem eine Rinderherde grast. Massentierhaltung, bei der Tiere im Verlauf ihres Lebens einen Stall und dessen Wände sehen, wie sie auf dem Kontinent üblich ist, ist im Vereinigten Königreich zum Glück weitgehend unbekannt. Entsprechende Vorhaben scheitern in der Regel daran, dass die Gemeinderäte (parish councils) ihre Zustimmung zum Bau von Tiergefängnissen verweigern.

Nun zu den Fakten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat eine Analyse in Auftrag gegeben. Ziel der Analyse ist es, den Einsatz von Antibiotika in der “Nutztierhaltung” zu quantifizieren. Diese Idee, ist keine Idee, die dem BfR gekommen ist, auch wenn es diesen Eindruck gerne erwecken möchte. Die Notwendigkeit, die Menge von Antibiotika zu bestimmen, die in der “Nutztierhaltung” eingesetzt werden, entweder als so genannte Prophylaxe, um den Tieren ihr Dahinvegetieren erträglicher zu machen oder als Therapie, weil sie an Euter, Kopf oder Körper Entzündungen entwickelt haben, die ihre Nutzung beeinträchtigen, ergibt sich aus einer Richtlinie 2003/99/EG der Europäischen Union.

MassentierhaltungDie Richtlinie wiederum basiert nicht auf Tierliebe, sondern auf der Sorge, dass der Einsatz von Antibiotika in der “Nutztierhaltung” Menschen schädigen könnte, da es bereits seit den etlichen Jahrzehnten und in den letzten Jahren immer häufiger der Fall ist, dass Bakterien, die Menschen gefährlich werden können, also z.B. e-Coli-Bakterien, eine Antibiotikaresistenz aufweisen (Domig). Um also zu verhindern, dass der Einsatz von Antibiotika, der notwendig ist, um Nutztiere mit dem größtmöglichen Gewinn zu mästen, sich dahingehend negativ auswirkt, dass Bakterien und auch Menschen, die z.B. antibiotikahaltiges Fleisch essen, Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln, soll nun erst einmal Bestand aufgenommen werden. Wie viel Antibiotika kommen in der Nutztierhaltung eigentlich zum Einsatz?

Hier das Ergebnis der VetCAb”-Pilotstudie, die von der Tierärztlichen Hochschule Hannover und der Universität Leipzig durchgeführt wurde.

  • Massentierhaltung_huehnerInsgesamt basieren die Ergebnisse auf den Angaben von rund 2000 landwirtschaftlichen Betrieben, deren Eigentümer sich freiwillig bereit erklärt haben, an der Studie teilzunehmen. Wie viele Betriebe genau an der Studie teilgenommen haben, war leider nicht zu klären.
  • Im Jahr 2011 haben die rund 2000 Betriebe insgesamt 25.641 kg antibiotische Wirkstoffe an Rinder, Hühner oder Schweine verabreicht.
  • Davon entfielen auf Schweine 20.375 kg, auf Hühner 3.645 kg und auf Rinder 1.620 kg.
  • Ein durchschnittliches Hühner- oder Schweinemastleben dauert 39 bzw. 115 Tage.
  • In der kurzen Dauer ihres Lebens, dessen Zweck einzig dem Gefressenwerden dient, erhalten Hühner an durchschnittlich 10 Tagen also jeden dritten Tag, Antibiotika.
  • Schweine erhalten in den rund dreieinhalb Monaten ihres Lebens durchschnittlich an 4,2 Tagen Antibiotika.
  • Z.B. Entzündungen bei Milchkühen oder Kälbern werden durchschnittlich an 3,5 bzw. 1,2 Tagen behandelt.

Ich erinnere mich an eine Gerichtsverhandlung in Leipzig vor dem dortigen Landgericht, bei der darum gestritten wurde, wer die Folgen davon zu tragen hat, dass mehrere tausend Liter Milch über den Grenzwert für die zulässige Antibiotikabelastung geraten sind, der Bauer oder die Molkerei. Letztlich zeigt diese Gerichtsverhandlung, dass Antibiotika in der menschlichen Nahrungskette längst eine Normalität geworden sind.

rindermast_270Und die Frage, ob die Lebensverhältnisse von Mastschweinen oder Masthühnern oder Milchkühen, die man sich, mit ein wenig Empathie (immer vorausgesetzt Empathie ist vorhanden) leicht vorstellen kann, wenn man weiß, sie müssen regelmäßig mit Antibiotika erträglich gemacht werden, vereinbar sind mit den Überzeugungen einer Spezies, die von sich denkt, sie sei in Intelligenz und Moral anderen Spezies überlegen, will ich an dieser Stelle unbeantwortet lassen. Ich denke, die Daten sprechen hier für sich.

Anonymität und das Betreiben von Blogs

Eigentlich ist heute ein Tag, an dem man es sich gut gehen lassen sollte, und das werden wir auch, wenn dieses Post veröffentlicht ist und wir “on the road” sein werden, tun. Es ist ein Tag, wie aus dem Bilderbuch. Im GowerSüdosten sieht man den Gower, im Nordosten tauchen gerade die Brecon Hills aus dem Dunst auf, kurz: Ein Tag zum Genießen. Vor den Genuss gaben die Götter bekanntlich die Arbeit gesetzt und so will ich mich heute und in aller Kürzen mit etwas Beschäftigen, das mich schon seit längerem stört: Anonymität und Scheinheiligkeit.

Beides stört mich nicht, nein, es ärgert mich, jedenfalls dann, wenn ich gerade Lust habe, mich zu ärgern und jetzt gerade habe ich Lust mich zu ärgern (und dann ist gut!).

ScienceFiles ist über die letzten zwei Jahre, die es das blog nun gibt, stetig gewachsen. Derzeit haben wir täglich und im Durchschnitt 1.500 Besucher, bei nach wie vor steigender Tendenz. Mit dieser zunehmenden Bekanntheit geht nicht nur eine größere Verbreitung von unseren Inhalten einher, die zunehmende Bekanntheit hat auch die Konsequenz, dass es zu bestimmten Themen kaum mehr möglich ist, in den Kommentarspalten zu Beiträgen in Süddeutscher Zeitung, ZEIT, Spon, Welt oder FAZ keinen Link auf ScienceFiles zu finden, Letztere, wie kaum anders zu erwarten, in kritischer Absicht, um der heilen Welt der Ideologie im Artikel einen Schuss Realität von ScienceFiles entgegen zu setzen.

Entsprechend bleiben die Versuche, ScienceFiles zu diskreditieren nicht aus, wobei ich sagen muss, sie sind erstaunlich selten, was wir darauf zurückführen, dass unsere Argumentation eine wissenschaftliche Basis hat, und es entsprechend notwendig ist, uns mit Argumenten zu begegnen. Argumente, wiederum, benötigen eine Erkenntnisgrundlage, eine empirische Basis, und wo soll man eine empirische Basis herbekommen, die unseren Argumenten widerspricht, unsere Argumente in Frage stellt? Dazu müsste man sich um Fakten kümmern, sich in die von uns behandelten Materien einarbeiten und, viel schwieriger, uns einen Fehler in der Argumentation nachweisen.

Aber, vereinzelt gibt es Kommentatoren in Foren oder den entsprechenden Spalten von Zeitungen, die versuchen, ScienceFiles in Misskredit zu bringen und zwar auf eine Art und Weise, die mich deshalb ärgert, weil sie dumm ist und offen logische Fehler in die Welt schreit. Da gibt es z.B. den Kommentator Der Weisse Wal, bei der Süddeutschen Zeitung. Moby Dick, wenn man so will. Er meint folgendes vorbringen zu können, um ScienceFiles zu diskreditieren:

Okay … was jemand in seinem anonymen Blog schreibt [gemeint ist ScienceFiles], gilt ab dann automatisch als bewiesene Tatsache, das leuchtet ein.

SZ-LogoBei so viel Unsinn auf wenig Platz, weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Also erstens ist das ein Fehlschluss ad hominem, denn ob jemand grün, gelb, blau, anonym, betrunken oder Kaffeetrinker ist, hängt in keiner Weise mit der Gültigkeit seiner Argumente zusammen. Erster Fehler. Zweiter Fehler, wenn man anonymen Quellen nicht trauen könnte, wie Der Weisse Wal sagt, was heißt das wohl für seinen gerade geschriebenen Text, den er als Anonymer schreibt. Er kreiert hier ein Kreter-Paradox (der Kreter, der sagt: Alle Kreter lügen), denn wenn man anonymen Quellen nicht trauen kann, dann ist der Aussage vom anonymen weißem Wal, wonach man anonymen Quellen nicht trauen kann, selbstreferentiell, dann kann man ihm auch nicht trauen usw.  Schließlich ist ScienceFiles kein anonymes blog, wie jeder weiß, der lesen kann.

MIgrantenfamilienScienceFiles wird von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein mit Unterstützung einer Reihe von Lesern und Informanten betrieben und zu behaupten, wir seien anonym oder so unbekannt, wie der Weisse Wal, der sich nicht einmal traut, seinen unbedeutenden Klarnamen anzugeben, ist Unsinn. Ich darf mit Stolz vermelden, dass Dr. habil. Heike Diefenbach und ich es geschafft haben, die Genderisten-Gemeinde 2002 mit einem Beitrag in helle Aufruhr zu versetzen, und bis heute haben Sie sich nicht davon erholt. Dr. Diefenbach ist die bedeutendste deutsche Soziologin, die nicht nur im Marquis Who is Who in the World seit Jahren einer der wenigen vertretenen deutschen Sozialwissenschaftler ist, sie blickt vielmehr auf eine große Anzahl von Publikationen zu Bildungsthemen, Themen soziologischer Theoriebildung sowie methodische Beiträge. Wer vor diesem Hintergrund der Ansicht ist, wir seien ein anonymes blog, an dessen Geisteszustand muss gezweifelt werden.

PsiramZweifel am Geisteszustand bringen mich zum nächsten Kommentatoren, der meint, er könne ScienceFiles diskreditieren. Der anonyme, ich wäre gern groß, aber leider muss ich mich in meiner virtuellen Welt mit dem Nickname “General Winter” begnügen, findet sich im Forum von Psiram. Psiram ist ein Wiki für “notwendigen Realismus zu den Themen Esoterik, Religion, Gesundheit, und hilft Ihnen dabei, Ihren Geldbeutel zu schonen”.

Dazu sage ich jetzt nichts, schon weil der einizge notwendige Realismus, der mir zum Thema “Esoterik” einfällt mit “Un” anfängt und “sinn” aufhört. Statt dessen will ich den Gedankengang von General Winter, mit dem er die Frage beantwortet, was von ScienceFiles zu halten ist, verfolgen. Er beginnt wie folgt:

Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass diese Seite einen kommerziellen Hintergrund hat. Zumindest wird hier versucht Geld zu verdienen. Die Links zu Amazon sind noch das Harmloseste. Ganz unten steht zwar dies:

Es folgt ein Verweis auf die Möglichkeit, ScienceFiles zu spenden. Für alle, die es noch nicht entdeckt haben, die Möglichkeit befindet sich ganz unten, also: scrollen, scrollen und spenden! Und der Eindruck, den General Winter von ScienceFiles gewonnen hat, wird dadurch verstärkt, dass wir auf unsere Seiten Textconsulting, auf der man wissenschaftliche Leistungen aller Art nachfragen kann, sowie Vortrag und Rede, auf der man Reden und Vorträge nachfragen kann, verlinken. So also entsteht der Eindruck, mit ScienceFiles solle Geld verdient werden.

Ich fange einmal hinten an und wiederhole mich: ad hominem. General Winter, selbst wenn mit ScienceFiles Geld verdient werden sollte, würde dies nichts an der Qualität der Argumente ändern. Wenn Sie so große Probleme mit dem Geldverdienen haben, General Winter, dann suchen Sie bitte keinen Arzt mehr auf und versterben Sie bitte an der nächsten Gripppe, denn Ärzte machen ihren Job, um Geld zu verdienen.

Ich weiß natürlich nicht, wie das in einer esoterischen Welt ist, vielleicht lebt man in esoterischen Welten ja von Luft und Hass, aber ich glaube, dem ist nicht so. Eher lebt man in esoterischen Welten auf Kosten Dritter, die dafür aufkommen, dass man sich selbst mit dem Schein von “Unentgeltlichkeit” umgeben und die entsprechende Scheinheiligkeit zur Schau tragen kann.

ScheidungstransmissionWie dem auch sei, wir bei ScienceFiles geben ganz offen zu, dass wir von etwas leben müssen. Wir geben ganz offen zu, dass wir unseren Lebensunterhalt immer selbst und nie über Transferleistungen finanziert haben, darauf sind wir sogar stolz und, noch was, General Winter, wir geben sogar zu, dass es uns Geld kostet, ScienceFiles zur Verfügung zu stellen. WordPress will Geld, die Zeit, die wir für ScienceFiles aufwenden, können wir nicht für Kunden aufwenden. Das mag in der General Winter Welt, in der man durch die Umsonst-Angebote schmarotzt ohne selbst etwas beizusteuern, anders sein, aber in der wirklichen Welt ist es nun einmal so, dass nichts umsonst ist, there is no free lunch. Und die Kosten, die ScienceFiles derzeit verursacht, übersteigen den finanziellen Nutzen, den wir daraus ziehen, bei weitem, aber wir haben natürlich einen Nutzen davon, virtuellen Generalen wie Winter, einen Fehlschluss nachzuweisen. Wir geben zu, dabei genießen wir eine intrinsische Belohnung. In jedem Fall  will ich nicht zu tief in diese Welt zivilbürgerlichen Engagements, die General Winter so unbekannt ist, einsteigen. Aber: General Winter, hören Sie auf zu schmarotzen und beteiligen sie sich, leisten Sie ihren Beitrag zum Gemeinwesen, fangen Sie mit ScienceFiles an. Wo der Link zur Spende für ScienceFiles ist, wissen Sie ja, und sie dürfen beim Spenden sogar anonym bleiben.

Erosion moralischer Werte durch Märkte oder durch Wissenschaftler?

Am 14. Juni 2013 ist auf dradio.de ein seltsames Interview unter dem Titel “Erosion moralischer Werte durch Märkte” veröffentlicht worden. Ralk Krauter interviewt Armin Falk, der als Neuro-Ökonomie Professor vorgestellt wird. Sind viele Beteiligte im Spiel, so schwindet die Verantwortung, heißt es im Untertitel, und entsprechend habe ich mich schon an dieser Stelle gefragt, was das ganze mit Märkten zu tun haben soll, denn mehrere Beteiligte gibt es bei der Freiwilligen Feuerwehr oder in der Planwirtschaft auch, und wenn die Menge der Beteiligten einen Schwund von Verantwortung auslöst, dann trifft dies auf alle Situationen zu, in denen mehrere Individuen miteinander interagieren. Aber dazu später.

Falk_Armin_webDas Interview beginnt damit, dass Armin Falk von einem Experiment erzählt, mit der er getestet haben will, ob Märkte “die Moral” erodieren. Ich habe nicht verstanden, was er da erzählt und mich entsprechend auf die Suche nach dem wissenschaftlichen Artikel gemacht, in dem steht, was Falk im Interview zu erklären versucht. Gefunden habe ich ihn in Science, Volume 340 vom 10 Mai 2013, Titel: Morals und Markets, Autoren: Armin Falk und Nora Szech.

Die Lektüre dieses Artikels hat mich nicht an der Moral von Märkten, wohl aber an der Moral von manchen Wissenschaftlern zweifeln lassen. Ein besserer Titel für den Artikel von Falk und Szech wäre nämlich: Was ist das Leben einer Maus wert. Um es gleich vorwegzuschicken, im Verlauf des im folgenden berichteten Experiments wurden lebende Mäuse getötet. Aber dass man selbst das sinnlose Töten von Mäusen als heroisch humanitären Akt verkaufen kann, findet sich bereits auf der ersten Seite:

“As a consequence of our experiment, many mice that would otherwise have been killed right away were allowed to live for roughly 2 years” (707).

white mouseWie nett: Also es geht hier um ein Experiment, in dem Moral getestet werden soll, und für diese Experiment wurden Mäuse gekauft, die gezüchtet wurden, um in Versuchsreihen gequält oder gleich getötet zu werden, die sich aber als für die Versuchsreihen als “unbrauchbar” erwiesen haben. Entsprechend wären sie sofort getötet worden, hätten Falk und Szech sie nicht gekauft, um sie in ihrem Experiment einzusetzen. Im Verlauf dieses Experiments ist die Mehrzahl der gekauften Mäuse getötet worden, aber die, die überlebt haben, denen haben Falk und Szech nach ihrer Ansicht ein Leben von knapp 2 Jahren geschenkt. Auch eine Form von Moral. Ach ja, es geht um Moral im Experiment, und zwar in zwei Versuchsanordnungen:

Anordnung 1 stellt Probanden vor die Wahl: Du erhälst 10 Euro und eine Maus wird getötet oder Du erhälts keinen Euro und die Maus bleibt am Leben.

Anordnung 2 sieht die Probanden miteinander und über einen Computer handeln. Dieses Computerhandeln ist, was Falk und Szech als “Markt” bezeichnen. Gehandelt wird um den Preis für das Leben einer Maus. Ein “Verkäufer” bietet das Leben einer Maus feil und mehrere Käufer machen Gebote, wie viel ihnen das Leben der Maus wert ist. Der Verkäufer erteilt den Zuschlag wann immer er denkt, genug mit dem Leben der Maus verdient zu haben.

Wären Falk und Szech nicht “Neuro-Ökonomen”, sondern Soziologen, sie hätten sich das Morden von Mäusen sparen können, denn heraus kommt, was jeder Soziologe, der sein Geld wert ist und eine entsprechende Ausbildung hat, vorhergesagt hätte: Die Bereitschaft, die Maus zu töten, ist in Anordnung 2 höher als in Anordnung 1 und der Preis für das Leben einer Maus sinkt.

Esser Spezielle GrundlagenDieser Ausgang erklärt sich recht einfach: Versuchsanordnung 1 macht den Probanden direkt verantwortlich. Entscheidet er sich für das Geld und gegen das Leben der Maus, dann muss er das auf die eigene Kappe nehmen. Versuchsanordnung 2 bietet dagegen die Anonymität der “Masse”. Entsprechend kann derjenige, der den Zuschlag erhält, die Verantwortung abschieben und derjenige, der den Zuschlag erteilt, kann die Verantwortung auch weitergeben. Diese Form des Verantwortungs-Sharings bzw. diese Form der Unverantwortlichkeit ist ein Bestandteil des täglichen Lebens der meisten, die ihr Schnitzel essen und sich nur dann die Frage stellen, wo das Schnitzel eigentlich herkommt, wenn herauskommt, dass Pferd im Schnitzel war. Die Verschiebung von Verantwortung bzw. das Verschwinden in der “Gruppenverantwortung” hat Le Bon bereits in seiner “Psychologie der Massen” beschrieben, und sie ist die treibende Kraft hinter jedem Lynchmob. Die Erkenntnis, für die Falk und Szech Mäuse ermodert haben, ist demnach bereits vorhanden, das Morden also sinnlos.

Und was haben die Ergebnisse mit Märkten zu tun? Schlicht nichts, denn – wie gesagt – die Tatsache, dass Hemmungen fallen, wenn Anonymität zugesichert ist, hat überhaupt nichts mit Märkten zu tun, wie jeder täglich im Internet erfahren kann, in dem es normal ist, dass hinter einem Pseudonym sich Versteckende, die Gunst der Stunde nutzen, um andere zu beleidigen, etwas, das sie sich nie trauen würden, müssten sie mit ihrem Namen einstehen. Im Internet kann man das Versuchsergebnis von Falk und Szech also problemlos und vor allem ohne dafür zu morden täglich gewinnen.

Was die Moral angeht, so kann man sich beim alten Kant erkundigen, für den es ein Instrumentalisierungsverbot gab, das er allerdings nicht auf Tiere ausgeweitet hat, die ihm als Sache galten. Für Kant haben Tiere also nur vermittelt über die eigene Menschenwürde mit Moral zu tun und für viele Zeitgenossen ist das offensichtlich immer noch so, oder wie Falk zum Ende seines Interviews sagt: “Ein zweites Motiv ist…, dass die Wertschätzung für die Maus eben nicht so hoch ist” (vor allem bei ihm). Ein wirklich radikales Ergebnis, auf das ein Wissenschaftler in einer Gesellschaft, der Massentierhaltung, in der das tierische Sterben zum Zwecke des Gefressen-Werdens oder um zu erproben, ob das neue Schampoo auch wirklich nicht die Augen reizt, eine Normalität ist, scheinbar nur kommen kann, wenn er Mäuse umbringt.

Le BonUnd damit komme ich zum letzten Punkt, der mich an dieser Forschung wütend macht. Falk will Ökonomieprofessor sein und ein Experiment konzipiert haben, das die Bedingungen auf einem Markt wiederspiegelt. Sein Markt ist von Verkäufern bevölkert, die ein Lebewesen anbieten, das für sie keine Kosten hat. Sie mussten die Maus nicht aufziehen, sie hatten keine Ausgaben für die Ernährung der Maus, sie hatten keinerlei Aufwand. Ähnliches gilt für die Käufer: Sie haben keine Kosten. Sie setzen kein eigenes Geld ein, sie kaufen nichts, was sich als problematisch herausstellt, der Handelsgegenstand, das Leben einer Maus, kann ihnen egal sein, sie haben nicht einmal Opportunitätskosten. Kurz: Das ganze hat mit einem Markt soviel zu tun, wie der Himalaya mit der Lüneburger Heide, wenn die Versuchsanordnung überhaupt etwas beschreibt, dann die Situation, in der sich Funktionäre finden, die sich um Dinge anderer kümmern, keine Kosten haben, wenn es um die Dinge anderer schlecht bestellt ist usw. Aber da es Mode ist, auf Märkte einzuschlagen, will scheinbar auch Armin Falk nicht abseits stehen und seine moralische Integrität dadurch beweisen, dass er sich am “Markt-bashing” beteiligt, quasi als Form der liturgischen Reinigung, und für diesen moralisch integren Zweck kann man schon einmal ein paar Mäuse ohne Sinn und Zweck über die Klinge springen lassen.

Ich finde das alles einfach nur widerlich.

Falk, Armin & Szech, Nora (2013). Morals and Markets. Science 340, 10. May 2013.

Stigmatisiert, benachteiligt und ausgesonder(schul)t: Die anti-Jungen-Kultur im Bildungssystem

Der letzte Teil unseres Umzugs-Dossiers über die Nachteile, denen sich Jungen im deutschen Bildungsssystem dadurch gegenübersehen, dass sie in einem schulischen Umfeld, das zunehmend von männlichen Lehrern entvölkert wird, stigmatisiert und benachteiligt werden, handelt von der Pathologisierung einst als normal angesehener Verhaltensweisen. Wie wir in den letzten Posts gezeigt haben, spielt die Etikettierung von Jungen als "sozial-emotional-Gestörte" eine besonders wichtige Rolle, wenn es darum geht, männliche Schüler, die nicht in den feminisierten Alltag deutscher Schulen passen, zu stigmatisieren. Im letzten Post unseres Dossiers zeigen wir nun, dass die Stigmatisierung von Jungen vor dem Hintergrund einer anti-Jungen-Kultur erfolgt, in der Verhaltensweisen, die man früher als "typisch" für männliche Jugendliche angesehen hat, nicht nur stigmatisiert, sondern auch pathologisiert werden. 

Eine anti-Jungen-Kultur: Ritalin gegen individuelle Freiheit

Wenn man sich wiederholt mit den unterschiedlichsten Themen, die Jungen betreffen, beschäftigt, dann kann man nicht anders als eine Hypothese wie die folgende zu formulieren: Die staatsfeministische Kultur in Deutschland wirkt sich in vielen Bereichen des Lebens zum Schaden von Jungen und schädlich auf die davon betroffenen Jungen aus.

Wissenschaft beginnt mit Hypothesen wie der vorliegenden und der Prozess von Wissenschaft besteht darin, empirische Daten zu suchen, um die Hypothese zu bestätigen oder um sie zu falsifizieren. Zu eben diesem Zweck wollen wir die Hypothese etwas verfeinern und in zwei Teilhypothesen aufgliedern:

  1. (1) Die staatsfeministische Kultur, mit der Jungen im Kindes- und Jugendalter konfrontiert sind, duldet keine Abweichung von der Vorgabe dessen, was nach staatsfeministischer Ansicht richtig und gut ist. (2) Ein Maß, das häufig Anwendung findet, um Abweichung vom “staatsfeminitisch Richtigen bzw. Guten” zu bestimmen und zu sanktionieren, trägt die Bezeichnung “sozial-emotionale Störung”.

Sozial-emotionale Störungen sind die häufigste Ursache dafür, (nicht nur, aber vornehmlich) Jungen von der Schule zurückzustellen, und sie sind die schwächste Begründung, die man für einen derartig tiefen Einschnitt in und die damit verbundenen Folgen für das Leben von Jungen überhaupt geben kann.

Sozial-emotionale Störungen sind die häufigste Ursache dafür, Jungen nach ihrer Einschulung auf eine Sonderschule abzuschieben, und sie sind die schwächste Begründung, die man für einen deratig tiefen Einschnitt in und die damit verbundenen Folgen für das Leben von Jungen überhaupt geben kann (Kottmann, 2006).

Sozial-emotionale Störungen sind die häufigste Ursache dafür, Jungen zu pathologisieren und ihnen eine Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung zu attestieren, eine Diagnose, die auf Kriterien basiert, die man nur als weich bezeichnen kann und die zur nachfolgenden Behandlung mit Psychopharmaka (z.B.: Ritalin) in keinem Verhältnis stehen.

Als sozial-emotional gestört gilt ein Kind, wenn es zu Hause oder im Kindergarten den Anweisungen von Eltern oder Kindergartenpersonal nicht Folge leistet oder sich häufig mit anderen Kindern “prügelt”. Oder ein Kind hat die Möglichkeit, sich als sozial oder emotional gestört zu qualifizieren, wenn es häufig von anderen Kindern gehänselt wird und vor anderen Kindern Angst hat (Horstschräer & Muehler, 2010, S.22). Eine weitere Möglichkeit, den psychiatrischen Tatbestand einer sozial-emotionalen Entwicklungsstörung zu erfüllen, besteht darin, sich leicht ablenken zu lassen und nervös oder zappelig zu sein. Geben Eltern oder Kindergärtnerinnen oder Lehrer an, ein Kind lasse sich leicht ablenken und sei zappelig, dann haben sie ihm damit ADHS, also eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) so gut wie attestiert.

Die Geschwindigkeit, mit der man in Deutschland als Junge als “sozial-emotional” gestört eingestuft werden kann, nimmt über die letzten Jahre in erschreckendem Maße zu, wie wir am Beispiel von ADHS in diesem post zeigen werden. Um die Brisanz dieser Zunahme einschätzen zu können, ist es wichtig, zunächst einen Blick auf die Kriterien zu werfen, die zur Diagnose von ADHS genutzt werden und die alles andere als differenziert und objektiv sind. Die entsprechende Einstufung eines Kindes, d.h. in rund 82% der Fälle (Basis: Zahlen von 2010) von Jungen, basiert auf dem in der folgenden Tabelle zusammengestellten Schema. Wer, wenn man so will, eine entsprechende “Punktezahl” im Urteil von Psychologen, Eltern oder Lehrern erreicht, hat seine Einstufung als ADHS-Erkrankter gesichert.

Klassifikation nach ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases der Weltgesundheitsorganisation)
G1: Unaufmerksamkeit
  1. … sind häufige unaufmerksam gegenüber Details, Sorgfaltsfehler bei den Schularbeiten oder sonstigen Arbeiten oder Aktivitäten;
  2. … sind häufig nicht in der Lage, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben und beim Spielen aufrecht zu erhalten;
  3. … hören scheinbar nicht, was ihnen gesagt wird;
  4. … können oft Erklärungen nicht folgen oder ihre Schularbeiten, Aufgaben oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht erfüllen;
  5. … sind häufig beeinträchtigt, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren;
  6. … vermeiden häufig ungeliebte Arbeiten, wie Hausaufgaben, die geistiges Durchhaltevermögen erfordern;
  7. … verlieren häufig Gegenstände, die für bestimmte Aufgaben wichtig sind, z.B. Bleistifte; Bücher, Spielsachen und Werkzeuge;
  8. … werden häufig von externen Stimuli abgelenkt;
  9. … sind im Verlauf der alltäglichen Aktivitäten oft vergesslich;
AHDS: Mindestens 6 Monate lang mindestens 6 der Symptome in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht angemessenen Ausmaß;
G2: Überaktivität
  1. … fuchteln häufig mit Händen und Füßen oder winden sich auf den Sitzen;
  2. … verlassen Ihren Platz im Klassenraum oder in anderen Situationen, in denen sitzen bleiben erwartet wird;
  3. .. laufen häufig herum oder klettern exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist …;
  4. … sind häufig unnötig laut beim Spielen oder haben Schwierigkeiten mit leisen Freizeitbeschäftigungen;
  5. … zeigen ein anhaltendes Muster exzessiver motorischer Aktivitäten, die durch den sozialen Kontext oder Verbote nicht durchgreifend beeinflussbar sind.
ADHS: Mindestens 6 Monate lang 3 der Symptome, in einem mit dem Entwicklungsstand der Kinder nicht zu vereinbarenden Ausmaß
G3: Impulsivität
  1. … platzen häufig mit der Antwort heraus, bevor die Frage beendet ist;
  2. … können häufig nicht in einer Reihe warten oder warten, bis sie bei Spielen oder in Gruppensituationen an die Reihe kommen;
  3. … unterbrechen und stören andere häufig;
  4. … reden häufig und exzessiv ohne angemessen auf soziale Beschränkungen zu reagieren;
ADHS: Mindestens 6 Monate lang mindestens eines der Symptome in einem mit dem Entwicklungsstand der Kinder nicht zu vereinbarenden Ausmaß
ADHS Diagnose basiert auf folgenden Kriterien:

  1. G1 bis G3 wie dargestellt;
  2. Beginn der Störung vor dem 7. Lebensjahr
  3. Die Kriterien sollen in mehr als einer Situation erfüllt sein (Schule, Klinik, zu Hause);
  4. Deutliches Leid durch G1 bis G3 oder Beeinträchtigung der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit;

Es fällt auf, dass die Diagnose “ADHS” vollständig auf Einschätzungen darüber basiert, was ein mit einem erreichten Entwicklungsstand zu vereinbarendes und nicht zu vereinbarerndes Verhalten  ist, was “häufig” ist, was “exzessiv” ist, was “angemessen” ist, was mit dem “Entwicklungsstand” vereinbar ist, kurz: die Diagnose von ADHS basiert, wie Roggensack (2012, S.15), das in ihrem Buch thematisiert hat, auf einer sozialen Übereinkunft darüber, welche Ausprägungen ein korrektes Verhalten annehmen soll und welche es nicht annehmen darf. Es ist an dieser Stelle, dass die genderistische Propaganda über die Jungen-Machos, die sich in nicht-adäquater Weise in der Schule benehmen, die sich nicht an die Vorgaben, die ihnen mit Blick auf ihr Verhalten gemacht werden, anpassen wollen, z.B. weil sie als Jungen sich in ihrem Verhalten von Mädchen unterscheiden wollen, es ist hier, dass die Pathologisierung von Verhaltensweisen von Jungen ihren Ausgangspunkt nimmt.

Und wie die folgende Abbildung zeigt, ist die Pathologisierung von Jungen als ADHS-Kind massiv auf dem Vormarsch. Betrachtet man die Anzahl der Jungen, die in Krankenhäusern mit ADHS diagnostiziert wurden, dann ist deren Zahl von 3758 im Jahre 2000 (85,6% aller ADHS-Diagnosen in Krankenhäusern) auf 7368 im Jahre 2010 gestiegen (82,4% aller ADHS-Diagnosen in Krankenhäusern). Die in der Abbildung dargestellten Steigerungsraten sprechen eine deutliche Sprache.

Wenn Diagnosen in der Weise ansteigen, wie es die Abbildung zeigt, dann stellt sich die Frage nach den Ursachen für diesen Anstieg. Im Falle von ADHS kann der Anstieg in den Diagnosen einen tatsächlichen Anstieg von ADHS widerspiegeln, es kann auch sein, dass die Anzahl der Diagnosen, nicht aber die Anzahl von ADHS-Kindern zunimmt. Gerade bei Diagnosen wie der auf ADHS, die auf den weichen und subjektiven Kriterien basiert, die oben genannt wurden, liegt der Verdacht nahe, dass soziale Einflussfaktoren, dass das gesellschaftliche Klima, dass das staatsfeministische Bemühen, Jungen zu Mädchen umzuerziehen, einen Effekt auf die Anzahl der diagnostizierten Fälle von ADHS hat.

Im Fall von ADHS kommt erschwerend eine Konsequenz der Diagnose hinzu, denn obwohl die Diagnose auf wackeligen subjektive Füssen steht und obwohl es bislang nicht gelungen ist, einen biologischen Marker für ADHS zu finden, d.h. mit klinischen Untersuchungen einen eindeutigen Nachweis für ADHS zu erbringen, etwa in der Art, in der man Krebs nachweisen kann, wird auf ADHS mit schweren Geschützen, und in zunehmendem Maße wie die folgende Abbildung zeigt, mit Psychopharmaka geschossen. Dies ist ein Unterfangen, das in höchstem Maße ethisch problematisch ist, denn es geht um nicht mehr und nicht weniger als darum, Kinder, in der Mehrzahl Jungen, zu einem Verhalten durch die Gabe von Methylphenidat (Ritalin) umzuprogrammieren und somit eine Verhaltensänderung herbeizuführen, auf die die betroffenen Kinder keinerlei Einfluss haben, gegen die sie sich nicht zu Wehr setzen können. Was die verschreibenden Ärzte wohl dazu sagen würden, wenn man sie täglich unter die Wirkung von Barbituraten setzen würde, um sie an einem allzu schnellen Verschreiben von Ritalin zu hindern? Oder was wohl Lehrer sagen würden, wenn man sie täglich unter Beruhigungsmittel setzt, damit sie die “Lebhaftigkeit” ihrer Schüler besser ertragen?

Quelle: ManMed

Es soll nicht bestritten werden, dass es schwierige Kinder gibt, Kinder, die einem massiv auf die Nerven gehen können. Es soll allerdings bestritten werden, dass es eine Lösung für dieses Problem darstellt, die entsprechenden Kinder zu pathologisieren, ihnen ein Handicap mit auf den Weg ins schulische und berufliche Leben zu geben, sie ihrer Willensfreiheit zu berauben und ihnen Psychopharmaka zu verabreichen, deren Wirkung sie nicht absehen können. Es ist schon verwunderlich, dass in der kinderliebenden staatsfeministischen Kultur Deutschlands, in der der Verweis auf “Kinder” immer dazu gut ist, Steuergelder “für” Kinder loszueisen, eine große Anzahl von Jungen ohne mit der Wimper zu zucken, ihrer Individualrechte beraubt werden, und es ist umso erstaunlicher, dass dies in einer Kultur geschieht, die die Beschneidung von Jungen mit eben dem Verweis auf die nämlichen Individualrechte ablehnt.

Literatur:

Horstschräer, Julia & Muehler, Grit (2010). School Entrance Recommendation: A Question of Age or Development?

Kottmann, Brigitte (2006). Selektion in die Sonderschule. Das Verfahren zur Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf als Gegenstand empirischer Forschung. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Roggensack, Claudia (2012). Mythos ADHS. Konstruktion einer Krankheit durch die monodisziplinäre Gesundheitsforschung. Heidelberg: Carl Auer Verlag.

Bildnachweis:
Caleb Marsh