Was ist eigentlich der Sinn von gesprochener oder geschriebener Sprache? Ohne ins Detail gehen zu wollen, kann ich mich an dieser Stelle als jemand outen, der bislang dachte, dass Sprache der Vermittlung (oder Verschleierung) von Information, zumindest auch der Vermittlung von Information dient. Ja, Sprache, z.B. in manchen Gedichten (die Betonung liegt auf „manchen“) kann auch Spass machen, einem erfreuen, aber selbst (oder gerade) von Lyrik erwartet man einen Inhalt. Die sinnlose Aneinanderreihung von Worten würde man kaum als lesenswert oder interessant oder lyrisch bezeichnen.
Mir scheint, nach eigener Beobachtung, dass sich Texte, die in wissenschaftlichen Zeitschriften abgedruck sind ohne irgend etwas zum Erkenntnisfortschritt beizutragen, überproportional häufig mit den Themenbereichen „Kapitalismus“, „Feminismus“ oder „Geschlecht“ beschäftigen. Hinzu kommt, dass Texte aus den genannten Themenbereichen nur selten Hypothesen oder irgend etwas enthalten, was man als prüfbare Aussage – selbst im weitesten Sinne -ansehen könnte. Die entsprechenden Texte entstammen einem Genre, das ich an dieser Stelle als Wissenschaftsmimikri-Prosa bezeichnen möchte und haben alle u.a. Folgendes gemeinsam: Sie sind redundant. Man weiß oft nicht, was die Schreiber von einem wollen. Die Schreiber selbst wissen in den seltensten Fällen, was sie mitteilen wollen und wenn sie es vorgeblich wissen, dann ist die Mitteilung von einer Art, die man, hätte man sie nicht gehabt, nicht vermisst hätte. Hinzu kommt eine merkwürdige Häufung von Nomen, die fast schon willkürlich mit Adjektiven zusammengebracht werden, quasi zwangsvereinigt zu Begriffsmonstern wie „kapitalistische Expansionsprozesse“, „globale Konkurrenzen“, „ethniebasierte Arbeitsteilung“, „kapitalistische Formationen“, „geschlechterungleiche Arbeitsteilung“ und so weiter.
Vielleicht kann man Studenten und nicht-Studierte mit Nominalkonstruktionen wie den genannten, mit Wortemissionen und Sätzen, deren Überhäufung mit Nominalkonstruktionen und schlichte Länge sie nur mit Mühe als das nachvollziehbar werden lässt, was sie sind: leere Emissionen, beeindrucken, ihnen Gelehrtheit vorgaukeln, aber einen darüber hinaus gehenden Wert der entsprechenden Texte, die ich in der Überschrift nicht ohne Grund als „sozialwissenschaftliche Wortonanie“ bezeichnet habe, kann ich mir nicht vorstellen.
Nichts davon, weder Texte, deren Ziel darin besteht, Studenten oder wen auch immer mit komplizierten Konstruktionen zu erschrecken noch Wortonanie haben etwas in der (Sozial-)Wissenschaft zu suchen, und deshalb will ich dieses post nutzen, um ein besonders eklatantes Beispiel von Wortonanie, das mir gerade auf den Schreibtisch gekommen ist, darzustellen. Das „Werk“ stammt aus dem Berliner Journal für Soziologie, einer Zeitschrift, deren Herausgeber offensichtlich von Verzweiflung gepackt sind, denn sie veröffentlichen derzeit wirklich alles. Das Werk wurde von Brigitte Aulenbacher, Michael Meuser und Birgit Riegraf verfasst, wobei mich die Frage, wie die drei Autoren miteinander kommuniziert haben, wirklich interessieren würde. Etwa so: „Frau Aulenbacher, wie steht es um das Ergebnis unserer interaktionären Versuche einer genderübergreifend herrschaftsfreien und nichthegemonialen Etablierung kooperativer Strukturen, die der Durchdringung eines prozesshaft und strukturhaft kontextuellen Themengebietes ungemeiner Vielfalt, nein Diversifizität und Komplexität und natürlich Konnektivität dienen?“ „Herr Meuser, ich konnte bislang noch nicht in ausreichender Tiefe die textuelle Formation der Materie durchdringen und widme mich derzeit meinen wiederkehrend reproduktiven, auto-egotären Erneuerungsprozessen. (Auflösung: „Frau Aulenbacher, haben Sie unseren Text fertig?“ Antwort: „Nein, ich mache gerade Mittagspause“).
| Der Wortschwall von Aulenbacher, Meuser und Riegraf | Meine Übersetzung |
| „Hervorzuheben ist, dass Akkumulationsregimes und Regulationsweisen in keinem einfachen Verursachungsverhältnis zueinander stehen. Sie sind nicht voneinander ableitbar“ (8). | Es wird irgendetwas angehäuft und irgendwie reguliert. Wie Anhäufung und Regulierung miteinander zusammenhängen, wissen wir nicht. |
| „Ein stabiles Akkumulationsregime kann sich allerdings nur herausbilden, wenn sich zugleich ein entsprechender Regulationszusammenhang durchsetzt. Beides muss als Ergebnis sozialer Auseinandersetzungen und Kämpfe auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen betrachtet werden, deren Ausgang nicht objektiv vorbestimmt ist, sondern von der Stärke, den Strategien und Erfolgen der beteiligten Akteure abhängt“ (8). | Wie auch immer was angehäuft wird, die Anhäufung ist nur stabil, wenn sie stabil (geregelt) ist. Eine stabile Anhäufung ist das Ergebnis von Verteilungskämpfen zwischen Gesellschaftsmitgliedern, bei denen sich der „Stärkere“ durchsetzt. |
| „Hegemoniale Bestrebungen, kapitalistische Expansionsprozesse und globale Konkurrenzen beeinflussen … nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern überformen auch die Sozialordnung von Gesellschaften…“(10) | Konkurrenz und das Streben danach, seine Bedürfnisse zu befriedigen, prägen eine Gesellschaft. |
| „Entlang der Übereinstimmung und Zuspitzung sollen im ersten Schritt Perspektiven bilanziert werden, die die feministische Gesellschaftsanalyse charakterisieren und sie von der Regulationstheorie und anderen Kapitalismustheorien unterscheiden. Feministische Gesellschaftstheorien beziehen sich auf die Moderne ingesamt, also nicht allein auf ihre kapitalistischen Formationen. Sie thematisieren das Spannungsverhältnis zwischen der ökonomischen Ungleichheits- und der bürgerlichen Gleichheitsordnung“ (12). | Wir beschreiben, worin sich die feministische Gesellschaftsanalyse von Regulationstheorie und anderen Kapitalismustheorien unterscheidet. Feministische Gesellschaftstheorien beziehen sich auf die Gesellschaft. Sie stellen die Konkurrenz um Ressourcen dem trauten Heim gegenüber. |
| „Zum anderen nimmt sie im Anschluss an das seinerzeit diskutierte Subsumtionstheorem ein Motiv auf, das in neueren Kapitalismustheorien, allerdings nur als Landnahmetheorem, (wieder) zentral in den Blick gerückt wird: die ‚Landnahme‘ nicht kapitalistischer Bereiche. Diese wird jedoch weniger linear als noch bei Beer als beständige Verschiebung der ‚Innen/Außen-Grenzen‘ des Kapitalismus .. gedacht, wonach landgenommene Bereiche – bei mangelnder Profitabilität – auch wieder verlassen werden“ (14). | Das Landnahmetheorem besagt, das Land genommen wird. Landnahme ist nicht endgültig. Das genommene Land kann auch wieder hergegeben werden. |
Ich will es, vor allem mit Blick auf meine eigene geistige Gesundheit bei den Beispielen belassen und abschließend nur noch feststellen, dass es für Zeitschriften wie das Berliner Journal, die ja eigentlich wissenschaftliche Zeitschriften sein wollen, langsam an der Zeit wäre, auch wissenschaftliche Beiträge zu veröffentlichen, anstatt ihre Leser in einen Worthülsen-Tsunami zu versenken, der nur von denen überlebt werden kann, die sich noch daran erinnern, dass ein Kriterium von Wissenschaftlichkeit darin besteht, dass Aussagen über die Wirklichkeit gemacht werden, also Aussagen, die man an der Wirklichkeit prüfen kann. Der Text von Aulenbacher, Meuser und Riegraf versagt hier auf der ganzen Linie. Also muss man die Herausgeber des Berliner Journals fragen, was sie sich gedacht haben, einen solchen Text überhaupt zu veröffentlichen.
P.S.
Aulenbacher, Brigitte, Meuser, Michael & Riegraf, Birgit (2012). Geschlecht, Ethnie, Klasse im Kapitalismus – Über die Verschränkung sozialer Verhältnisse und hegemonialer Deutungen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess. Berliner Journal für Soziologie 22(1): 5-27.
