Worthülsen-Tsunami: Sozialwissenschafliche Wortonanie

Was ist eigentlich der Sinn von gesprochener oder geschriebener Sprache? Ohne ins Detail gehen zu wollen, kann ich mich an dieser Stelle als jemand outen, der bislang dachte, dass Sprache der Vermittlung (oder Verschleierung) von Information, zumindest auch der Vermittlung von Information dient. Ja, Sprache, z.B. in manchen Gedichten (die Betonung liegt auf “manchen”) kann auch Spass machen, einem erfreuen, aber selbst (oder gerade) von Lyrik erwartet man einen Inhalt. Die sinnlose Aneinanderreihung von Worten würde man kaum als lesenswert oder interessant oder lyrisch bezeichnen.

Geht es um wissenschaftliche Sprache in Wort und Schrift, dann ist das Ziel klar: Erkenntnisfortschritt. Wissenschaftliche Texte sollen denen, die sie lesen, etwas sagen, ihnen eine Information geben, die sie bislang noch nicht hatten, sie vielleicht mit auf eine Reise nehmen und ihnen einen neuen Blick auf bekannte Zusammenhänge eröffnen oder neue Zusammenhänge berichten. Wissenschaftliche Texte müssen sich entsprechend am Maß des Erkenntnisfortschritts messen lassen, und entsprechend gibt es eine ganze Reihe von Texten, die an diesem Maß scheitern und daher nicht als wissenschaftliche Texte anzusehen sind.

Mir scheint, nach eigener Beobachtung, dass sich Texte, die in wissenschaftlichen Zeitschriften abgedruck sind ohne irgend etwas zum Erkenntnisfortschritt beizutragen, überproportional häufig mit den Themenbereichen “Kapitalismus”, “Feminismus” oder “Geschlecht” beschäftigen. Hinzu kommt, dass Texte aus den genannten Themenbereichen nur selten Hypothesen oder irgend etwas enthalten, was man als prüfbare Aussage – selbst im weitesten Sinne -ansehen könnte. Die entsprechenden Texte entstammen einem Genre, das ich an dieser Stelle als Wissenschaftsmimikri-Prosa bezeichnen möchte und haben alle u.a. Folgendes gemeinsam: Sie sind redundant. Man weiß oft nicht, was die Schreiber von einem wollen. Die Schreiber selbst wissen in den seltensten Fällen, was sie mitteilen wollen und wenn sie es vorgeblich wissen, dann ist die Mitteilung von einer Art, die man, hätte man sie nicht gehabt, nicht vermisst hätte. Hinzu kommt eine merkwürdige Häufung von Nomen, die fast schon willkürlich mit Adjektiven zusammengebracht werden, quasi zwangsvereinigt zu Begriffsmonstern wie “kapitalistische Expansionsprozesse”, “globale Konkurrenzen”, “ethniebasierte Arbeitsteilung”, “kapitalistische Formationen”, “geschlechterungleiche Arbeitsteilung” und so weiter.

Vielleicht kann man Studenten und nicht-Studierte mit Nominalkonstruktionen wie den genannten, mit Wortemissionen und Sätzen, deren Überhäufung mit Nominalkonstruktionen und schlichte Länge sie nur mit Mühe als das nachvollziehbar werden lässt, was sie sind: leere Emissionen, beeindrucken, ihnen Gelehrtheit vorgaukeln, aber einen darüber hinaus gehenden Wert der entsprechenden Texte, die ich in der Überschrift nicht ohne Grund als “sozialwissenschaftliche Wortonanie” bezeichnet habe, kann ich mir nicht vorstellen.

Nichts davon, weder Texte, deren Ziel darin besteht, Studenten oder wen auch immer mit komplizierten Konstruktionen zu erschrecken noch Wortonanie haben etwas in der (Sozial-)Wissenschaft zu suchen, und deshalb will ich dieses post nutzen, um ein besonders eklatantes Beispiel von Wortonanie, das mir gerade auf den Schreibtisch gekommen ist, darzustellen. Das “Werk” stammt aus dem Berliner Journal für Soziologie, einer Zeitschrift, deren Herausgeber offensichtlich von Verzweiflung gepackt sind, denn sie veröffentlichen derzeit wirklich alles. Das Werk wurde von Brigitte Aulenbacher, Michael Meuser und Birgit Riegraf verfasst, wobei mich die Frage, wie die drei Autoren miteinander kommuniziert haben, wirklich interessieren würde. Etwa so: “Frau Aulenbacher, wie steht es um das Ergebnis unserer interaktionären Versuche einer genderübergreifend herrschaftsfreien und nichthegemonialen Etablierung kooperativer Strukturen, die der Durchdringung eines prozesshaft und strukturhaft kontextuellen Themengebietes ungemeiner Vielfalt, nein Diversifizität und Komplexität und natürlich Konnektivität dienen?” “Herr Meuser, ich konnte bislang noch nicht in ausreichender Tiefe die textuelle Formation der Materie durchdringen und widme mich derzeit meinen wiederkehrend reproduktiven, auto-egotären Erneuerungsprozessen. (Auflösung: “Frau Aulenbacher, haben Sie unseren Text fertig?” Antwort: “Nein, ich mache gerade Mittagspause”).

Der Text, den ich mir angetan habe, hat den Titel “Geschlecht, Ethnie, Klasse im Kapitalismus – Über die Verschränkung sozialer Verhältnisse und hegemonialer Deutungen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess”. Warum er diesen Titel trägt, das weiß ich nicht, weil beidesm Ethnis wie Klasse, kaum vorkommt. Der Text ist einer, der das Lamento der so genannten feministischen “Ökonomie” (klingt wie pyromaner Feuerlöscher) wiederkaut: Kapitalismus basiert auf Lohnarbeit. Lohnarbeit bevorzugt Männer. Frauen werden auf den Haushalt reduziert. Reproduktionsarbeit wird nur gering geschätzt. Männer haben das Geld (Lohnarbeit) und Frauen den wertlosen Haushalt. Habe ich etwas vergessen? Ah, genau: Frauen werden von Männern unterdrückt. Das ist halt so. Man muss es einfach hinnehmen, denn eines wird man in den entsprechenden Texten mit Sicherheit nicht finden: eine prüfbare Hypothese, geschweige denn eine geprüfte Hypothese, die den behaupteten Zusammenhang belegt. Die entsprechenden Texte sind, wie ich bereits mehrfach angemerkt habe, sozialwissenschaftliche Wortonanie. Sie gleichen einem Worthülsen-Tsunami wie ich anhand einiger Beispiele nunmehr belegen will. Ich habe die Beispiele willkürlich gewählt. Wer den Text zu lesen versucht, wird schnell feststellen, dass ich aus dem großen Fundus der Leerformeln einfach ein paar ausgewählt habe.

Der Wortschwall von Aulenbacher, Meuser und Riegraf Meine Übersetzung
“Hervorzuheben ist, dass Akkumulationsregimes und Regulationsweisen in keinem einfachen Verursachungsverhältnis zueinander stehen. Sie sind nicht voneinander ableitbar” (8). Es wird irgendetwas angehäuft und irgendwie reguliert. Wie Anhäufung und Regulierung miteinander zusammenhängen, wissen wir nicht.
“Ein stabiles Akkumulationsregime kann sich allerdings nur herausbilden, wenn sich zugleich ein entsprechender Regulationszusammenhang durchsetzt. Beides muss als Ergebnis sozialer Auseinandersetzungen und Kämpfe auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen betrachtet werden, deren Ausgang nicht objektiv vorbestimmt ist, sondern von der Stärke, den Strategien und Erfolgen der beteiligten Akteure abhängt” (8). Wie auch immer was angehäuft wird, die Anhäufung ist nur stabil, wenn sie stabil (geregelt) ist. Eine stabile Anhäufung ist das Ergebnis von Verteilungskämpfen zwischen Gesellschaftsmitgliedern, bei denen sich der “Stärkere” durchsetzt.
“Hegemoniale Bestrebungen, kapitalistische Expansionsprozesse und globale Konkurrenzen beeinflussen … nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern überformen auch die Sozialordnung von Gesellschaften…”(10) Konkurrenz und das Streben danach, seine Bedürfnisse zu befriedigen, prägen eine Gesellschaft.
“Entlang der Übereinstimmung und Zuspitzung sollen im ersten Schritt Perspektiven bilanziert werden, die die feministische Gesellschaftsanalyse charakterisieren und sie von der Regulationstheorie und anderen Kapitalismustheorien unterscheiden. Feministische Gesellschaftstheorien beziehen sich auf die Moderne ingesamt, also nicht allein auf ihre kapitalistischen Formationen. Sie thematisieren das Spannungsverhältnis zwischen der ökonomischen Ungleichheits- und der bürgerlichen Gleichheitsordnung” (12). Wir beschreiben, worin sich die feministische Gesellschaftsanalyse von Regulationstheorie und anderen Kapitalismustheorien unterscheidet. Feministische Gesellschaftstheorien beziehen sich auf die Gesellschaft. Sie stellen die Konkurrenz um Ressourcen dem trauten Heim gegenüber.
“Zum anderen nimmt sie im Anschluss an das seinerzeit diskutierte Subsumtionstheorem ein Motiv auf, das in neueren Kapitalismustheorien, allerdings nur als Landnahmetheorem, (wieder) zentral in den Blick gerückt wird: die ‘Landnahme’ nicht kapitalistischer Bereiche. Diese wird jedoch weniger linear als noch bei Beer als beständige Verschiebung der ‘Innen/Außen-Grenzen’ des Kapitalismus .. gedacht, wonach landgenommene Bereiche – bei mangelnder Profitabilität – auch wieder verlassen werden” (14). Das Landnahmetheorem besagt, das Land genommen wird. Landnahme ist nicht endgültig. Das genommene Land kann auch wieder hergegeben werden.

Ich will es, vor allem mit Blick auf meine eigene geistige Gesundheit bei den Beispielen belassen und abschließend nur noch feststellen, dass es für Zeitschriften wie das Berliner Journal, die ja eigentlich wissenschaftliche Zeitschriften sein wollen, langsam an der Zeit wäre, auch wissenschaftliche Beiträge zu veröffentlichen, anstatt ihre Leser in einen Worthülsen-Tsunami zu versenken, der nur von denen überlebt werden kann, die sich noch daran erinnern, dass ein Kriterium von Wissenschaftlichkeit darin besteht, dass Aussagen über die Wirklichkeit gemacht werden, also Aussagen, die man an der Wirklichkeit prüfen kann. Der Text von Aulenbacher, Meuser und Riegraf versagt hier auf der ganzen Linie. Also muss man die Herausgeber des Berliner Journals fragen, was sie sich gedacht haben, einen solchen Text überhaupt zu veröffentlichen.

P.S.
Michael Meuser, Mitautor dieses “Werks”, ist übrigens Mitglied im geheimnisvollen Jungenbeirat des Bundesministeriums für alle außer Männer. Die Frage, was der Jungenbeirat an lesbarem Auswurf produzieren wird, ist damit beantwortet. Offen, und dies nun auch schon seit mehr als einem halben Jahr, ist eine kleine Anfrage der LINKEN, die u.a. Fragen nach dem Sinn und Zweck des Jungenbeirats enthält. Es scheint, das Geheimnis des Jungenbeirats wird auf absehbare Zeit nicht gelüftet, und es steht zu befürchten, dass der Abschlussbericht des Jungenbeirats, der angeblich im Laufe diesen Jahres veröffentlicht werden soll, nur ein weiterer Worthülsen-Tsunami sein wird, das Ergebnis des Zeitvertreibs gelangweilter und ideologisch motivierter Akademiker…

Aulenbacher, Brigitte, Meuser, Michael & Riegraf, Birgit (2012). Geschlecht, Ethnie, Klasse im Kapitalismus – Über die Verschränkung sozialer Verhältnisse und hegemonialer Deutungen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess. Berliner Journal für Soziologie 22(1): 5-27.

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17 Responses to Worthülsen-Tsunami: Sozialwissenschafliche Wortonanie

  1. Eike Scholz says:

    Zu der Aufzählung kannst du auch noch gerne Sozialismus, Wirtschaft, Religion und Esoterik, zufügen. Vermutlich auch die “Kritische Theorie” da bin ich mir aber nicht so sicher, weil man mir bisher nicht erklären konnte was nun genau darunter zu verstehen sei ;-).

    Beste Grüße,

    Eike Scholz

  2. Gerstern war Hegels-Geburtstag. Gruselig zu sehen, wie dessen Geschwurbel noch heute “Wissenschaft” macht.

  3. Robert W. says:

    [1.] Mit dem Hinweis, den ich entfernt habe, weil er nunmehr verloren ist, hatten Sie Recht – danke, MK

    2. dass Sprache vornehmlich der Informationsübertragung dient, gilt quasi nur für die Wissenschaften (sofern damit die sachlichen Informationen gemeint sind). Genaueres kann man bei den Kommunikationspsychologen nachlesen.
    Daß da ein gehöriger Anteil Imponiergehabe dabei ist (der sich z.B. in unverständlicher, übermässig komplizierter “Gelehrtensprache” zeigt), ist doch allgemein bekannt 🙂

  4. Michel Houellebecq says:

    Immer wieder schön, Marx’ ursprünglicher Akkumulation (Das Kapital), die aus einem ganz profanen Stück Leinwand abgeleitet wird, bis heute in allen möglichen Variationen über den Weg zu laufen! Sie ist und bleibt ein Klassiker der politischen Ökonomie, wenn auch ganz und gar verwelkt. Die Marx’sche Patina hat eben einen ganz besonderen Reiz: Wer sie verwendet, wirkt so intellektuell und belesen.. dass einem die Haare zu Berge stehen. Wobei ich Marx’ Thesen nicht durchweg ablehnend gegenüber stehe. Aber die ursprüngliche Akkumulation ist sowas von *gähn*

  5. BastI says:

    ohne irgend etwas zum Erkenntnisfortschritt beizutragen, überproportional häufig mit den Themenbereichen “Kapitalismus”, “Feminismus” oder “Geschlecht”

    Bei Geschlecht oder Feminismus bin ich bei Ihnen.

    Zum Kapitalismus (bzw. was die Meisten darunter verstehen) wurden dagegen schon viele gute Vorschläge gemacht.

    Einer von mir:

    Die menshcnefeindliche Rüstunsgindustire zerschlagen und die Nutzniesser und Aktionäre, egal welcher Nationalität, zur Zwangsarbeit auf dem Reisfeld verdonnern bis sie ihre Schäden wieder gut gemacht haben.

    Das sage ich als ehemaliger Soldat.

  6. dentix07 says:

    Bei solchen Fremdwortschwall-Texten fällt mir immer die entsprechende “Übersetzung” eines deutschen Sprichwortes ein: “Die Intelligenz des Agrarökonomen ist reziprok proportional der Quantität des subterarrischen Agrarproduktes!”
    Auf Deutsch: “Der dümmste Bauer hat die dicksten Karoffeln!”

  7. milo says:

    Sehr geehrter Herr Klein,
    Ihre Kritik an der Wortonanie ist berechtigt, aber sie ist einseitig. Ihre Zielscheibe ist gewissermaßen Ihr politischer Gegner. Aber dabei übersehen Sie, dass Wortonanisten nicht allein in der linken Ecke zu Hause sind. Es gibt sie in der Soziologie zu Hauf, auch bei politisch völlig harmlosen Themen fern jeder Kapitalismuskritik und fern jeden Feminismusses.

    Dass viele Soziologen einen unverständlichen Wortschwall produzieren, ist ein arges Problem. Das weiß jeder Leser aus eigener Erfahrung. Ich finde, dieses Problem sollte man mal in seinem ganzen Umfang anpacken. Es nützt da doch nichts, nur bestimmte Texter aus einer bestimmten politischen Ecke zum Buhmann zu erklären. Ich beschäftige mich nun seit 1994 mit soziologischen Texten. Solche Begriffskathedralen musste ich immer wieder erleben, egal, ob die Leute über den Kapitalismus oder auch nur über die soziale Konstruktion von Sprechakten schrieben. Ich fände es daher sinnvoll, wenn man mal zum Kern des Problems vorstieße, anstatt nur dem “Sozialismus” eines auszuwischen.

    • Sehr geehrter Herr Lohmann,

      es gibt zwei Dinge, die ich überhaupt nicht leiden kann:

      1) Zustimmung, die nur gegeben wird, um gleich wieder relativiert zu werden,
      2) wenn sich jemand anmaßt Aussagen über meine Motivation zu machen.

      Leider machen Sie beides und deshalb sehe ich mich berechtigt, etwas schärfer als gewöhnlich zu reagieren:

      Erstens, dass man einen Text aus einer bestimmten ideologischen Ecke bespricht, lässt KEINEN Schluss über die politische Orientierung bzw. die Motivation dessen zu, der den Text bespricht.
      Zweitens, ich habe zu keinem Zeitpunkt behauptet, dass es nicht auch nicht-linke Begriffsonanierer gibt.
      Drittens, da Sozialismus ein in sich widersprüchliches ideologisches Gebäude ist, das noch dazu von vielen Halbgebiledeten aus der Mittelschicht getragen wird, findet man hier die meisten Onanierer.
      Viertens, ich fürchte, das einzige, was Sie mit Ihrem Beitrag deutlich machen, ist Ihre politische Ausrichtung als links der Mitte.
      Fünftens, ich ordne mich als liberal ein, wie jeder, der dieses blog verfolgt, bestätigen kann (wenn sie genau kucken, finden Sie auch viele Texte, die sich mit dem beschäftigen, was Sie vermissen).
      Sechstens, als Liberaler ist mir alles zuwider, das individuelle Freiheit einschränkt, entsprechend halte ich Kapitalismus als freiheitlich Idee hoch und wende mich u.a. gegen die sozialistische Bevormundungs- und Zwangsideologie.

    • Sehr geehrter Herr Lohmann,

      ich weiss nicht, wem genau Sie mit Ihrem Kommentar “eins auswischen” wollten, vermutlich Herrn Klein oder allen Leuten, die Ihr Faible für das, was Sie lediglich in Anführungszeichen “Sozialismus” nennen (wohl, um zu suggerieren, derselbe sei eigentlich keiner); jedenfalls pflegen wir auf diesem blog Argumente für oder gegen Aussagen, Positionen, Behauptungen etc. vorzubringen oder bemühen uns jedenfalls darum, aber wir pflegen nicht, “eins auswischen” zu wollen, und wir pflegen kein politisches Lagerdenken über unser klares Bekenntnis zum Liberalismus hinaus (der jedoch per definitionem gerade kein politisches “Lager” darstellt, sondern an der Überwindung von Ideologie durch Rationalität interessiert ist).

      Sie sollten bitte nicht von sich auf andere Menschen schließen: Wenn Sie Argumente lediglich vorbringen oder gelten lassen, weil Sie sich dazu eignen, Ihrem “politischen Gegner” oder dem, wen Sie dafür halten, “eins auszuwischen”, dann ist das Ihr persönliches Defizit, das Sie nicht auf andere übertragen sollten.

      Vielmehr sollten Sie versuchen, dagegen anzuarbeiten, weil es der Ausbildung von Urteilsvermögen im Weg steht.

      Das kann man leicht daran erkennen, dass Ihnen der Fehlschluss ad hominem unterläuft: Selbst dann, wenn Herr Klein die allerwüstesten Motive hätte, zu tun, was er tut (ich weiß jetzt nicht, was das für Motive sein könnten, aber egal), dann würde das ÜBERHAUPT NICHTS daran ändern, dass seine Kritik an der Realität überprüfbar ist, und dass – wie Sie selbst zugestehen – die Realität zeigt, dass seine Kritik gerechtfertigt ist.

      Wenn Sie meinen, dass eine Kritik durch die Motive, aus denen sie heraus vorgebracht wird, in irgendeiner Weise relativiert werde, dann irren Sie sich: es ändert nichts an der logischen oder empirischen Haltbarkeit oder Unhaltbarkeit einer Kritik, wenn man die Motive nicht verstehen kann oder nicht mag, aus denen heraus die Kritik geäußert wurde, oder die Person nicht mag, die die Kritik geäußert hat. Die Kritik bzw. die Argumente, aus denen sie besteht, werden damit kein bisschen besser oder schlechter.

      Dasselbe gilt für den Fall, dass man nicht alle möglichen Adressaten für eine Kritik angesprochen hat: Eine Kritik wird nicht dadurch relativiert, dass man darauf hinweist, dass sie ja auch an anderen Positionen angebracht wäre.

      Vielleicht sollten Sie sich nicht nur mit soziologischen Texten beschäftigen, sondern ab und zu auch einmal ein Logik-Büchlein zur Hand nehmen – das ist weniger frustrierend, und man lernt etwas für’s Leben.

      (Im Übrigen sind das Problem nicht soziologische Texte, sondern Texte, die sich als solche präsentieren, obwohl sie mit Wissenschaft rein gar nichts zu tun haben, und lediglich dazu dienen, eine ideologischen Standpunkt als “wissenschaftlich” zu verkaufen oder die lesende Welt von der eigenen “Reflexivität” zu überzeugen, aber das nur am Rande.)

      Schließlich kann ich mich Ihrem Wunsch, “zum Kern des Problems” vorzustoßen, nur anschließen; wir tun hier auf diesem blog, was wir können, und wir freuen uns, wenn sich andere Leute, z.B. auf ihren eigenen blogs, ebenfalls dafür engagieren, Wortemissionen als solche zu identifizieren und von sinnvollen Konzepten und Aussagen auf nachvollziehbare Art und Weise unterscheidbar zu machen. Und wenn Sie irgendwo auf verbale Unsinns-Tsunamis stoßen oder meinen, darauf gestoßen zu sein, die wir hier im blog nicht besprochen haben, dann spricht überhaupt nichts dagegen, dass SIE sie ansprechen, am besten wahrscheinlich auf Ihrem eigenen blog, um sie dann öffentlich zur Diskussion zu stellen.

      Man muss nicht unbedingt darauf warten, dass andere Menschen Initiative zeigen, und sich selbst darauf beschränken, diese Initiative dann “huldvoll” zu beurteilen und für “einseitig” zu befinden. Man kann statt dessen selbst Initiative zeigen und versuchen, das, was man suboptimal findet, besser zu machen.

      Was hindert Sie daran, genau das zu tun?

      Vielleicht, dass man, wenn eine Kritik ernst genommen werden soll, formalen Kriterien folgen muss, statt dem “politischen Gegner” “eins auswischen” zu können?

      Ich hoffe, nicht…..

  8. ein_internetnutzer_aus_berlin says:

    die Übersetzungen die hier so wie durch Popper in irgendeinem Text (ich denke zu Adorno war es, sie haben die Stelle sicher zur Hand) vorgenommen werden sind eben so nicht richtig.


    “Hegemoniale Bestrebungen, kapitalistische Expansionsprozesse und globale Konkurrenzen beeinflussen … nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern überformen auch die Sozialordnung von Gesellschaften…”(10)

    wird zu

    Konkurrenz und das Streben danach, seine Bedürfnisse zu befriedigen, prägen eine Gesellschaft.

    Und dabei werden eben viele Bedeutungsdimensionen mitwegreduziert, das könnte man jetzt alles schön Kommunikationstheoretisch durchspielen und eben sehen dass schon der Begriff”

    “Hegemoniale Bestrebungen” sich in Ihrer Übersetzungen nciht auffinden lässt, denn er verweist auf deine Begriffstheorie, auf eine breite Diskussion zu Hegemonie die sich bis zu Gramsci oder weiter zurückverfologen lässt. Diese Debatten können sie nun für quatsch halten oder auch nicht, mit Ihrer Überweisung kehren sie diese unter den Tisch, und verweisen auf andere Debatten. Das könnte man jetzt weiterführen und an den anderen Beispielen genauer ausarbeiten.

    Sie mögen das alles für unerhelblich und die inhalte für Quatsch halten. Ich jedoch nicht. Und ich bin froh z.b. über den Begriff des Akkumulationsregimes denn er sagt mir eben mehr als “irgendwas anhäufen”.

    Und warum genau sind komplizierte Texte denn ein Problem? Sie sind innerhalb einer Theorielinie zu lesen und zu verstehen. Dienen dem innerwissensschaftlichen (möglicherweise Schulen-Internen) Diskurs, dort erfüllen sie ihren Zweck.

    • “Und ich bin froh z.b. über den Begriff des Akkumulationsregimes denn er sagt mir eben mehr als “irgendwas anhäufen.”

      Prima, entlich hat sich jemand gemeldet, der diesen Unsinn versteht. Ich bitte Sie, Ihr Wissen mit uns, die wir eine weniger “komplexe” Sprache pflegen, zu teilen.

      Was mehr als “irgendetwas anhäufen”, sagt Ihnen der Begriff “Akkumulationsregime”?

    • @Internetnutzer aus B

      “Und warum genau sind komplizierte Texte denn ein Problem? Sie sind innerhalb einer Theorielinie zu lesen und zu verstehen. Dienen dem innerwissensschaftlichen (möglicherweise Schulen-Internen) Diskurs, dort erfüllen sie ihren Zweck.”

      So einfach ist das doch nicht. Nicht jeder komplizierte Text ist es nur deswegen, weil er auf bestimmte Theorien Bezug nimmt. Oft genug verbergen die vermeintlichen Fachbegriffe bloß, dass der Autor eigentlich gar nicht so genau weiß, was er sagen will. Diese Worte sind dann im Grunde Platzhalter für noch ungeklärte Fragen. Der Autor wüsste sie gar nicht zu übersetzen in empirisch nachprüfbare Phänomene. Er hat nur eine verschwommene Vorstellung von dem Phänomen, über das er spricht. So stellt es sich mir als Leser jedenfalls oft genug dar. Es gibt einfach diese Texte, die zwar über Gesellschaft reden, wo ich es aber nicht fertigbringe, Gesellschaft drin zu finden.

      In manchen Fällen mag es sein, dass der Autor dann doch wusste, was er sagen will. Aber dann sind häufig die Begriffe dermaßen abstrakt, dass jede Brücke hin zu den Menschen und ihrem Handeln fehlt. Der Leser fragt sich also, was er bei diesen Überabstraktionen überhaupt erfährt? Er sieht nur Begriffe, aber keine Beispiele und Erklärungen. Die Begriffe bzw. Definitionen sind dermaßen verallgemeinert, dass sie fast nur noch für sich selbst stehen, aber nichts mehr so recht verweisen. In diesem Fall muss der Leser im Grunde den Text eines solchen Autors selber neu schreiben, indem er mit aller ihm verfügbaren Deutungskunst Vermutungen entwickelt, was ein solcher Autor mit seinen Fremdworten gemeint haben könnte.

      Auch gibt es eine Menge an leeren Allgemeinplätzen, die aber scheinbar Anschluss an die Forschung herstellen: Man redet von “Diskurs”, “Konstruktion” oder “Individualisierung”, aber hat eigentlich gar kein ausgearbeitetes Konzept von diesen Dingen. Der Leser kann in diesen Fällen sein eigenes Verständnis davon als Interpretationshypothese einfügen, mit der Gefahr, was ganz anderes zu meinen als der Autor. Oder aber beide haben keine Vorstellung davon und benutzen diese Begriffe als Leerformeln. Kompliziert werden die Texte dadurch, dass sie keine Klarheit schaffen, sondern verwirren und dem Leser das Verständnis erschweren durch Vorspiegelungen von Aussagen.

      • ein_internetnutzer_aus_berlin says:

        in Bezug auf manche Begriffe mögen Sie da ja durchaus auch Recht haben – wir haben möglicherweise noch nicht vollständig verstanden wie zum Beispiel Akkumulationsregime genau funktionieren – wir WISSEN und ZEIGEN aber dass das komplexe Gegenstände sind, um die sich ebensolche Diskussionen drehen, die (noch?) nicht abschließend geklärt sind.

        Einige Begriffe sind eben nunmal Platzhalter dafür –
        Im Übrigen gilt das zumeist auch für scheinbar völlig klar Modelle und Formeln, diese blenden die Komplexität eben auf anderem Wege aus.

        Wem das nicht passt, wem Sozialwissenschaft zu komplex ist, der kann sich ja einen anderen Gegenstand, der weniger Komplex ist, suchen.

        Die Alternative, die Kommunikation über Gegenstände die man eben noch nicht verstanden hat einzustellen, halte ich für noch unpassender.

        (Natürlich gibt es auch einfach wirklich schlechte Texte, aber die können auch “einfach” formuliert sein).

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