Halloween: Scary Studies

Trick oder Treat, so heißt es heute wieder in angelsächsischen Ländern, denn heute ist Halloween und Erpressung anderer ist ausnahmsweise erlaubt (man kann sich gegen die Erpressung wehren und sich mit zuckerhaltigen Zahn- und Gesundheitskillern rächen…:).

HalloweenUnd weil heute Halloween ist, haben wir drei Studien zusammengestellt, die jeden normalen Wissenschaftler das Fürchten lehren, das Fürchten, weil er sich fragen muss, was aus den Wissenschaften geworden ist, das Fürchten, weil er sich fragen muss, welcher Unsinn als nächster kommt und das Fürchten, weil er vor der Frage steht, welche unterirdische Ausbildung diejenigen genossen haben müssen, die diese Gespenster-Studien verbrochen haben und vor allem das Fürchten, weil er befürchten muss, dass es mehr gibt, mehr von denen, die nicht wissen, dass es einen Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität gibt, mehr von denen, die nicht wissen, dass man nicht einfach drauflos fragen und drauflos analysieren kann, sondern eine Fragestellung braucht, die begründet, warum man einen bestimmten Zusammenhang analysiert.

Unsere drei Halloween-Studien, die jeden Wissenschaftler das Grausen lehren, sind in aufsteigender Gruselreihenfolge angeordnet:

Die erste Studie kommt von der Baylor University in den USA und findet sich in der Review of Religious Research . Erstellt hat die Studie Phil Davignon. Er hat das Betrachten von R[estricted]-rated Movies mit der Wichtigkeit des Glaubens und der Häufigkeit des Kirchgangs in Zusammenhang gebracht, und zwar in ordinary least square regression analyses, und siehe da, es zeigt sich ein Zusammenhang zwischen dem Betrachten von R-rated movies und der Wichtigkeit des Glaubens bzw. der Häufigkeit des Kirchgangs, was insbesondere erstaunlich ist, weil, wie Davignon selbst sagt: “Watching R-rated movies is prevalent among religious and non-religious young people …. Nearly everyone watches them”. Nun, wenn es auf der unabhängigen Variable keine Varianz gibt, dann fragt man sich, was hat der gute Mann da eigentlich gemessen?

scary PriestAber sei’s drum. Er hat gemessen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem, was “n]early everyone” tut und der Wichtigkeit des Glaubens bzw. der Häufigkeit des Kirchgangs gibt. Soweit, so gut. Nein, nicht so gut, denn: “These findings suggest that viewing R-rated movies may influence the practice and importance of religion in one’s daily life, but it does not affect one’s beliefs”, so schreibt Davignon am Ende seines Beitrags. Woher nimmt er die Gewissheit, dass er eine Kausalität gemessen hat, die vom Sehen von R-rated movies zum Glauben und nicht umgekehrt verläuft? Ganz einfach: er hat longitudinale Daten und korreliert die Angaben zum Sehen von R-rated movies aus dem Jahre 2005 mit den Angaben zur Kirchgangshäufigkeit und zur Wichtigkeit des Glaubens im Jahre 2007. Was später gemessen wurde, muss von dem, was früher gemessen wurde, determiniert sein – oder etwa nicht? Scary, isn’t it? Fast so furchterregend wie der Zusammenhang zwischen der Sonnenfinsternis im Jahre 1999 und der nachfolgenden Finanzkrise im Jahr 2007…

Davignon, Phil (2013). The Effects of R-Rated Movies on Adolescent and Young Adult Religiosity: Media as Self-Socialization. Review of Religious Research (Online first).

Wen das noch nicht das Fürchten gelehrt hat, dem kann geholfen werden, vor allem, wenn er geschieden ist:

Justin T. Denney und Monica He haben auch Daten, nicht nur Phil Davignon, Aber Denney und He haben mehr Daten, Daten von 1,3 Millionen erwachsenen US-Amerikanern, die zwischen 1986 und 2006 einen Unfall hatten und gestorben sind oder überlebt haben. Und weil es um Sterben geht, haben die Autoren Sterberaten (Cox Hazard Ratios) berechnet und ihre Unfalltoten mit einer Reihe demographischer Variablen korreliert.

Status quo

Accident Prone? Click for more Information!

Und siehe da: Geschiedene sterben leichter, während sich nie Verheiratete als etwas weniger zäh als Verheiratete erweisen, die scheinbar soviel gewohnt sind, dass sie nicht einmal Unfälle umbringen. Außerdem überleben Personen mit höherer Bildung eher einen Unfall als Personen mit niedrigerer Bildung. Dies gilt für Tod durch Vergiftung und Feuer, nicht jedoch für Stürze, was einen Hinweis darauf gibt, dass die Autoren gut beraten gewesen wären, die Gelegenheit, einen Unfall zu haben, die im Hinblick auf z.B. Feuertod bei Feuerwehrleuten höher ist als bei Universitätsprofessoren, zu kontrollieren. Ganz davon abgesehen, dass im Datensatz nur Personen enthalten sind, die einen Unfall hatten und von denen man schon annehmen muss, dass sie eine selegierte Population darstellen.

Egal, Denney und He haben Korrelationen, und wie immer wenn es Korrelationen gibt, gibt es auch Empfehlungen: “We suggest that the field of injury prevention focus its lens on the roles of social factors influencing risk” (103). Ja. Wenn Sie also geschieden sind, dann wundern Sie sich nicht, wenn demnächst jemand bei Ihnen vor der Tür steht, um sie vor einem Unfall zu bewahren, der sie ereilen könnte. Und wenn Sie ein Mann sind, dann wundern Sie sich bitte noch weniger, denn die Variable, die in allen Modellen von Denny und He die Wahrscheinlichkeit, einen Unfall zu erleiden, erhöht ist: männliches Geschlecht. Scary isn’t it? Oder ist eben doch alles eine Frage der Gelegenheit?

Denney, Justin T. & He, Monica (2014). The Social Side of Accidental Death. Social Science Review 43(1): 92-107.

Und weil heute, wie gesagt, Halloween ist, machen wir nicht nur Wissenschaftlern Angst, sondern auch Dicken. Sie wissen ja, die Adipösen, die keinen Partner finden und die man besteuern muss, damit sie nicht platzen:

Watch out for the unsaturated ones!

Beware of unsaturated ones!

Das Highlight der Scare-Parade kommt aus Berlin, vom dortigen Wissenschaftszentrum. Fettleibigkeit beeinträchtigt Schulerfolg, so heißt es in einer Pressemeldung des WZB, die sich auf den Beitrag: “Bildungsbenachteiligt durch Übergewicht: Warum adipöse Kinder in der Schule schlechter abschneiden”, von Marcel Helbig und Stefanie Jähnen bezieht, für den bereits angedroht wurde, dass er in der Oktoberausgabe der Zeitschrift für Soziologie, die, obwohl es bereits Ende Oktober ist, noch nicht erschienen ist, erscheinen soll. Vermutlich stehen den Herausgebern die Haare zu Berge. Nein, das ist eher ein frommer Wunsch, denn auf Grundlage vergangener Veröffentlichungen in deutschen Zeitschriften für Soziologie, gibt es keinen Grund anzunehmen, man könne die Herausgeber mit irgend etwas schrecken.

Und so werden Sie auch diesen Text veröffentlichen, in dem gezeigt wird, dass es einen Zusammenhang zwischen Adipositas und der Wahrscheinlichkeit, die Note 1 oder 2 in Mathematik oder Deutsch zu bekommen, gibt. Ein solcher Zusammenhang schreit nach Benachteiligung, denn: “Denkbar ist”, so heißt es in der Pressemeldung mit Bezug auf die beiden “Forscher”, “dass Lehrer adipöse Kinder für weniger kompetent halten und seltener fürs Gymnasium empfehlen”. Und schon wird aus einer Korrelation zwischen Adipositas und Schulnoten, die schlechter als zwei sind und für die man sich fragt, warum man einen Zusammenhang zwischen Adipostas und schulischer Leistung annehmen sollte und wie man eine solche Annahme theoretisch begründen will, schon wird aus dieser Korrelation eine Kausalität mit eindeutiger Richtung: Lehrer diskriminieren Dicke, geben Ihnen schlechtere Noten. Sauerei, nein: scary, isn’t it.

scary monsterBei allem Ärger über Lehrer, wollen wir Herrn Helbig und seiner Mitschreiberin doch empfehlen, sich das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Es ist ein starkes Geschütz, wenn man behauptet, Lehrer würden Kinder schlechter bewerten, weil sie zu dick sind. Und überhaupt, Herr Helbig, Lehrer sind in der Mehrzahl weiblich und haben Sie nicht mit viel Tamtam den immer selben Beitrag promoted, in dem Sie gezeigt haben, dass Jungen in der Schule nicht schlechter abschneiden, weil Sie von Lehrerinnen benachteiligt werden, sondern weil sie faul sind? Etwas mehr Konsistenz in der Argumentation bitte, Herr Helbig – oder sollen wir am Ende annehmen, dass Sie ihre Ansicht über den verderblichen Einfluss von Lehrerinnen auf den schulischen Erfolg von Kindern geändert haben?

So, genug gefürchtet. Jetzt ist es Zeit für ein Treat in Form eines Kaffees (gut gegen Prostatakrebs!).

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About Michael Klein
... concerned with and about science

2 Responses to Halloween: Scary Studies

  1. torwine says:

    Das Verwechseln von Korrelation, Koinzidenz und Kausalität scheint mit recht verbreitet zu sein.
    Wo wird einem folgerichtiges Denken eigentlich beigebracht ?
    In der Schule ?

    • A.S. says:

      In der Schule? Können wir den Scherz nochmal in Farbe lesen? 🙂
      Erstens ist die Schule von ihrer ganzen Struktur her darauf ausgelegt dass Konformität als Leistung belohnt wird, nicht Renitenz. Kritisch denkende Schüler würden automatisch auch die Schulspezifika in Frage stellen, womit Lehrer gelegentlich ein Problem haben (Erfahrungswert) und entsprechend sanktionieren. Das “kritische Denken”, dass in der Schule praktiziert wird ist ein lehrergeleitetes Denken, und damit das Gegenteil von kritischem Denken.
      Zweitens braucht man die Verwechslung von Korrelation und Kausalität um in der schönen Wohlfühlwelt des linken Kritikers zu bleiben. Da sind gerade Lehrer sehr weit vorne. Die haben daher auch kein Interesse das zu hinterfragen. Sonst wackelt wohlmöglich das kapitalismuskritische Weltbild.
      Drittens: Wenn schon die Unis damit Probleme haben, dass auch die Schulen.

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