Lebenszufriedenheit nur durch Kindertagesstätten-Ausbau erreichbar

“Oh mein Gott, was ist nur aus der Methodenausbildung geworden?”

(Dr. habil. Heike Diefenbach)

Wir haben schon lange nichts mehr aus den “SOEP-papers” besprochen. Das hat eine Reihe von Gründen, einer davon ist eine Abneigung dagegen, immer und immer dasselbe zu berichten, denn in Deutschland grassiert derzeit die Lebenszufriedenheits-Seuche unter Sozialwissenschaftlern oder solchen, die sich dafür halten. Was nicht niet- und nagelfest ist, was auch immer in Datenform erfasst ist, wird ohne Sinn und Zweck korreliert, korreliert mit Lebenszufriedenheit.

Wenn man nur über die entsprechenden Beiträge im Rahmen der SOEP-Papers blickt, dann stellt man fest, dass die Lebenszufriedenheit wahlweise von Arbeitslosigkeit negativ, von mentalen Krankheiten negativ, von der Raktorkatastrophe in Japan negativ, von der Finanzkrise natürlich negativ, vom Alter und je nach Alter positiv oder negativ, von der Art der Messung und Gewichtung von Lebenszufriedenheit und, neuerdings, vom Anteil der Kinder in Kindertagesstätten positiv beeinflusst werden soll.

Wie man in der neuen deutschen Sozialwissenschafts-Welt mit seinem Leben (un)zufrieden sein kann, ohne dass einem die Finanzkrise, geistige Krankheiten, Fukushima oder Kindertagesstätten interessieren, ist entsprechend ein Rätsel, das, daran habe ich keinen Zweifel, demnächst sozialwissenschaftlich gelöst werden wird, z.B. in Form von: “Frauenquoten in Aufsichtsräten und die Lebenszufriedenheit von neuen weibliche Aufsichtsräten” oder “Der neue Panda im Berliner Zoo und die Lebenszufriedenheit der Bundesbürger” oder: “Sind Vollmondnächte negativ für die Lebenszufriedenheit?” oder “Welchen Effekt haben die endlos langen Koalitionsverhandlungen auf die Lebenszufriedenheit der Deutschen?”. Die Möglichkeiten der Lebenszufriedenheits-“Forschung” sind unendlich, Generationen von Sozialwissenschaftlern haben sich hiermit ein Auskommen geschaffen.

SOEPP602Der neueste Beitrag zur Lebenszufriedenheit der Deutschen kommt von Pia S. Schober, die scheinbar am DIW und an der FU Berlin unterwegs ist, und von Christian Schmitt, der scheinbar in Bamberg und Rostock, an den dortigen Universitäten und am DIW seinen Unterhalt erwirtschaftet, und der dafür verantwortlich zu sein scheint, dass das soziale Thema der Kindertagesstätten und der Lebenszufriedenheit mit kalten männlichen “fixed-effect models” und über “within-county effects of day-care provision” untersucht wird.

Überhaupt ist das Datenhandling relativ elaboriert, erfordert nicht nur die Handhabung der Individual- und Haushaltsdaten aus den SOEP-Wellen von 2007 bis 2011, sondern auch die der Makrodaten über die regionale Verbreitung von Kindertagesstätten, die im “Familien in Deutschland”-Datensatz des Deutschen Jugendinstituts enthalten sind. Im Datensatz findet sich somit eine Reihe von individuellen Befragten, die z.B. sagen, wie sehr sie mit ihrem Leben zufrieden sind (von 1 sehr unzufrieden bis 10 sehr zufrieden), er besteht aus Haushalten, für die diese Befragten Angaben machen und aus Daten auf Kreisebene, die den Anteil von Kindern pro Landkreis angeben, die eine Kindertagesstätte besucht haben, und zwar für die Jahre 2010 und 2011.

[Zur Abwechslung einmal die Basics:] Man kann sich einen entsprechenden Datensatz als Datenblatt in Excel vorstellen, bei dem die Zeilen einen Befragten repräsentieren und die Spalten die jeweiligen Variablen. Sagt ein Befragter z.B. er sei mit seinem Leben “5” zufrieden, dann erhält er in der entsprechende Spalte den Wert 5, sagt er, das Haushaltseinkommen betrage 2000 Euro netto, dann erhält er in einer weiteren Spalte den Wert “2000”, sagt er er wohnt im Märkischen Kreis, dann erhält er einen Code, z.B. 05962, der den Märkischen Kreis identifiziert in einer entsprechenden Spalte und ihm wird in zwei weiteren Spalten der Anteil der Kinder zugespielt, die im Märkischen Kreis in den Jahren 2010 und 2011 eine Kindertagesstätte besucht haben.

Data-Crunching vom Feinsten ist das, was hier als Datensatz zusammengeschuster wird. Nun stellt sich die Frage, was macht man mit einem Datensatz, der dargestellten Art? Welche Fragestellung kann man damit bearbeiten? Schober und Schmitt untersuchen die Frage, wie sich der Ausbau des Angebots an Kindertagesstätten auf die Lebenszufriedenheit ausgewirkt hat. Warum auch nicht? Möglich ist vieles, so lange man es theoretisch begründen kann. Und hier findet sich, wie so oft, der Haken an der Sache.

FestingerZwar gibt es ein Kapitel im Beitrag von Schober und Schmitt, das mit “theoretical framework” überschrieben ist, aber das Kapitel ist kein Theoriekapitel, sondern ein Plausibilitätskapitel. Es beginnt damit auf andere Studien zu verweisen, in denen Autoren eine Korrelation zwischen Lebenszufriedenheit und z.B. Arbeitslosigkeit untersucht haben, enthält einen alleingelassenen Verweis auf die Theorie kognitiver Dissonanz von Festinger, die etwas entstellt als Dissonanz zwischen Werten und Idealen auf der einen sowie Verhalten auf der anderen Seite daherkommt (und bei uns zu Dissonanzen zwischen dem, was ich von Festinger kenne und dem, was Schober und Schmitt ihm zuschreiben, ausgelöst hat…), und es enthält einen Verweis auf die Haushaltsökonomie von Gary Becker, von dem wir auch nach langem Überlegen nicht wissen, warum der Verweis da steht, wo er steht (Seite 6 – nicht alles, was man substituieren kann, lässt sich Becker unterschieben…).

Ansonsten beschreiben die Autoren im Kapitel “theoretical framework”, warum es ihnen plausibel erscheint, zu untersuchen, wie sich eine Erhöhung der Anzahl der Kindertagesstätten auf die Lebenszufriedenheit der Deutschen auswirken könnte. Das “Warum” er sich auswirken sollte, wird – wie so oft – nicht behandelt, und wir haben keine Idee, wie man es theoretisch begründen könnte, dass sich der Ausbau der Kindertagesstätte in Lüdenscheid auf die Lebenszufriedenheit der Bewohner des Märkischen Kreises auswirkt, und wie man den Effekt des Ausbaus der Kindertagesstätte in Lüdenscheid, sofern er sich einstellt, vom Effekt trennt, der von der Erhöhung des Lohns bei der WEMA GmbH in Lüdenscheid ausgeht. Die Autoren haben auch keine Idee, deshalb befassen sie sich mit dieser Frage erst gar nicht.

Sie rechnen munter und lustig darauf los und finden heraus, dass es kaum einen Effekt zwischen dem Ausbau von Kindertagesstätten und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben gibt. Wer hätte das gedacht. Aber, keine Studie ohne wichtiges Ergebnis und entsprechend präsentieren auch Schober und Schmitt “substantial and positive associations of regional growth rates in day-care use”.

Fix effect regression modelsDie “substantiellen Effekte” finden sich z.B. in einem Modell, das 8% der Varianz von Lebenszufriedenheit erklärt, und von diesen 8% der Varianz gehen 3% auf die Variable “Anteil der Kinder in Kindertagesstätten” zurück. Sie finden sich darüber hinaus in einem Modell, das 4% der Varianz von “Zufriedenheit mit dem Familienleben” erklärt, und in diesem Modell gehen 7% der erklärten 4%-Varianz auf die Variable “Anteil der Kinder in Kindertagesstätten” zurück. Schließlich besteht ein weiterer “substantieller Effekt” für die Variable “Anteil der Kinder in Kindertagesstätten” im Modell zur Erklärung “Zufriedenheit mit der Verfügbarkeit von Kindertagesstätten”. Hier erklärt der Anteil der Kinder in Kindertagesstätten 8% der Varianz der Zufriedenheit mit der Verfügbarkeit von Kindertagesstätten in einem Modell, das 3% der Gesamtvarianz erklärt. Alle berichteten “substantiellen Effekte” ergeben sich nur für Mütter – nebenbei bemerkt.

Was soll man zu diesen “substantiellen” Effekten sagen? Zunächst ist an dieser Stelle der Hinweis angebracht, dass die Autoren ausschließlich Modelle mit Müttern und Vätern rechnen, die Kinder im Alter von einem bis drei Jahren haben. Und die Mütter (nicht die Väter, deren Modell nur 1% der Gesamtvarianz erklärt, was bedeutet, dass jeder statistische Standardfehler größer ist als die Erklärkraft dieses Modells) mit Kindern im Alter von einem bis drei Jahren zeigen sich zufriedener mit der Verfügbarkeit von Kindertagesstätten, wenn der Anteil von Kindern in Kindertagesstätten gestiegen ist. Zum Glück gibt es dieses Ergebnis. Gäbe es dieses Ergebnis nicht, man wäre gezwungen anzunehmen, dass ein steigender Anteil von Kindern in Kindertagesstätten sich positiv, negativ oder gar nicht auf die Zufriedenheit von Müttern, die Kinder haben, die Kindertagesstätten besuchen können, auswirkt. Wieder einmal verdanken wir Sozialwissenschaftlern tiefe Einblicke in die wirkliche Welt.

Und ganz wichtig ist natürlich der 8%-Effekt auf die 3% erklärte Varianz von Lebenszufriedenheit der Mütter von ein- bis dreijährigen Kindern, der von einer höheren Anzahl von Kindern in Kindertagesstätten ausgeht. Daraus lässt sich planerisches Kapital schlagen, denn es steht nunmehr fest, dass der Ausbau von Kindertagesstätten sich positiv auf die Lebenszufriedenheit von Müttern mit Kindern im Alter von einem bis drei Jahren auswirkt. Dass die Lebenszufriedenheit auch davon beeinflusst werden könnte, dass das Kleinkind endlich durchschläft, Fukushima nicht mehr in den Medien ist oder davon, dass Papa und nicht Mama das erste Wort des Nachwuchses war, dass Lebenszufriedenheit noch von einer Unzahl anderer Variablen beeinflusst werden kann, wie sich schon daran zeigt, dass 97% der Varianz von Lebenszufriedenheit nicht erklärt werden, nun, dieser Hinweis ist wieder puristisch und nicht zielführend, denn Ziel ist es, den heilsamen Einfluss von Kindertagesstätten und nur von Kindertagesstätten auf alle Bereiche mütterlicher (und damit elterlicher) Zufriedenheit zu zeigen.

Merkt es Euch, Ihr Eltern in Deutschland: Eure Zufriedenheit mit dem Leben, dem Universum und allem, was es sonst noch gibt, ist von der Verfügbarkeit von Kindertagesstätten abgängig, von nichts sonst.

Gut, dass es Sozialwissenschaftler wie Schober und Schmitt gibt, die derart wichtige Mahnworte als Ergebnis ihrer Forschung nahelegen.

Schober, Pia S. & Schmitt, Christian (2013). Day-Care Expansion and Parental Subjective Well-Being: Evidence from Germany. Berlin: DIW, SOEPpapers #602.

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3 Responses to Lebenszufriedenheit nur durch Kindertagesstätten-Ausbau erreichbar

  1. jck5000 says:

    Es is ja schon eine ziemliche Unverschämtheit, den Effekt von insgesamt nichtmal 8% erklärter Varianz (das ist das R²) als “substantial” zu bezeichnen, wenn sich die Literatur darüber einig ist, dass Werte von 67% substantial” wären, Werte über (!) 19% “weak” und Werte darunter nicht erwähnenswert.*

    Aber was will man von Leuten erwarten, die es bei ihrem Schriftstück nichtmal für lohnenswert halten, die in Citavi/Endnote verwalteten Quellen ordentlich formatieren zu lassen (S. 24, 1. absatz)… vielleicht kämen ja andere Ergebnisse raus, wenn jemand die Daten bearbeitet, der Computerprogramme ordentlich bedient… nicht, dass die dann aussagekräftiger wären.

    *: Chin, W. W. (1998). The Partial Least Squares Approach to Structural Equation Modeling. Modern Methods for Business Research. G. A. Marcoulides. Mahwah, New Jersey, Lawrence Erlbaum Associates, pp. 295-336; S. 323 — man kann das aber auch in jedem ordentlichen Statistiklehrbuch nachlesen, also z.B. bei Backhaus, Kline oder Hair.

  2. Bergische Löwin says:

    Es ist doch total naheliegend, dass die Lebenszufriedenheit steigt, wenn jungen Eltern ein Platz im staatlichen Baby- und Kleinkinderheim (ostdeutsch: “KITA” aufgehübscht) im Wert von etwa 1200/Monat/Kind geschenkt wird. Dazu noch das Einkommen beider junger Eltern, die plötzlich für Wichtigeres Zeit haben, als ihrem Baby Vorbild und Liebe zu geben.

    Wie, sie sind NICHT zufriedener? Wahrscheinlich meldet sich dummerweise das Herz oder die Seele, die gegen den Baby- und Kinderverkauf aufbegehren, das stört natürlich. Aber das kriegen wir auch noch hin, die Pillenindustrie boomt ja in diesem Bereich.

    Nur Momo ist mit Beppo und Cassoipeia so allein auf der Straße.

  3. Klaus says:

    “Christian Schmitt, der scheinbar in Bamberg und Rostock, an den dortigen Universitäten und am DIW seinen Unterhalt erwirtschaftet”

    Und warum erwirtschaftet er seinen Unterhalt dort nicht?

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