Öffentlich-rechtliche Hysterie oder schlichte Katastrophen-Geilheit?

Nachdem wir einige Zeit mit uns gerungen haben, haben wir uns doch entschlossen, einen kurzen Post im Bereich “Medienwissenschaft” und zum Thema “Agenda Setting” zu schreiben. Agenda Setting ist ja bekanntlich die Theorie, die davon ausgeht, das Medien die Themen, die dann im öffentlichen Diskus dominieren, vorgeben. Inwieweit diese Theorie zutrifft und inwieweit es nicht vielmehr umgekehrt ist, dass also erfolgreiche Medien Themen, die in der Bevölkerung wichtig sind, aufnehmen, ist weitgehend ungeklärt.

Wir bei ScienceFiles tendieren dazu, die zuletzt genannte Sichtweise zu vertreten, denn Medien, die ihre Themen nicht zu einem bestimmten Teil aus dem aufnehmen, was in der Bevölkerung diskutiert wird, können auf Dauer nicht erfolgreich sein.

Tagesschau HysterieAber, Deutschland kennt die öffentlich-rechtlichen Medien und somit gelten nicht die Randbedingungen, die erfolgreiche Medien bedingen. Vielmehr gilt das, was die öffentlich-rechtlichen Medienschaffenden aus ihrm Bildungsauftrag und der ihnen durch die Zwangsgebühren gewährten finanziellen Unabhängigkeit und Konkurrenzlosigkeit ableiten.

Und deutsche Medienschaffende sehen es zu einem guten Teil als ihre Aufgabe an, Hysterie zu schüren, Hysterie gegen rechts oder Rechtsextreme, Hysterie gegen soziale Ungleichheit oder Hysterie gegen Atomkraft oder Kernenergie.

So hat Tagesschau.de heute und voller Hoffnung gemeldet: “Strahlung in britischer Wiederaufbereitungsanlage: Erhöhte Radioaktivität in Sellafield.” Das scheint in Deutschland immer ein Renner zu sein, ein affektives Fanal, das wie die Kommentare zu diesem Beitrag zeigen, die Truppen zusammentrommelt, die sich dann abwechselnd darüber freuen, dass Deutschland aus der Kernenergie aussteigt bzw. darüber, dass es die Briten getroffen hat.

Diese affektiven Reaktionen sind gewünscht und werden im Beitrag von Tagesschau.de durch die berühmten “Anführungszeichen” vorbereitet. Anführungszeichen dienen in Deutschland ja nicht dazu, ein Zitat kenntlich zu machen, sondern dazu, sich zu distanzieren oder etwas in Frage zu stellen. Entsprechend ist die Überschrift “Anlagen laufen “korrekt und normal”” von Lesern als Hinweis darauf zu interpretieren, dass diejenigen, die das behaupten, lügen und betrügen, und dass sie lügen wird schon dadurch nahegelegt, dass dem kurzen Bericht über die erhöhte Strahlung ein zeilenmäßig unverhältnismäßiger Abschnitt folgt, in dem auf vergangene Störfälle in Sellafield hingewiesen wird, ganz so, als hätte man nur darauf gewartet, endlich eine Meldung aus dem Norden Englands zu erhalten, die es erlaubt, das entsprechende Fragment anzuhängen.

Wer sich dafür interessiert, wie man unvoreingenommen über das berichtet, was in Sellafield heute war, der kann sich bei der BBC informieren. Wir haben den Beitrag verlinkt, denn auf der Website der BBC findet ihn nur der Eingeweihte. Im Vereinigten Königreich stehen die Menschen nicht sonderlich auf Hysterie, es wird hier als scaremongering bezeichnet und entsprechend negativ bewertet.

Was der von der Tagesschau so gerne geschürten Hysterie die Krone aufsetzt, ist das, was tatsächlich in Sellafield gemessen wurden:

radonkarteRadon ist ein natürlich vorkommendes radioaktives Gas und ein Problem in vielen Ländern der Erde, auch in Deutschland. Wenn der Tagesschau die erhöhten Radonlevel in England einen Bericht wert sind, dann wird sie doch bestimmt auch über die Belastung mit Radon in Deutschland berichten. Entsprechende Daten stellt das Bundesamt für Strahlenschutz bereit und Radon als Ursprung ionisierender Strahlung, darf man nicht unterschätzen:

“High levels of radon can cause lung cancer, particularly for smokers and ex-smokers. Radon produces tiny radioactive particles in the air we breathe. Radiation from these particles damages our lung tissue, and over a long period may cause lung cancer. The higher the level and the longer the period of exposure, the greater the risk will be.”

Also, Tagesschau, wir warten auf den Beitrag, der vor den hohen Radonwerten vor allem im Bayern, Sachsen und Thüringen warnt und der dort lebenden Bevölkerung geeignete Gegenmaßnahmen empfiehlt, denn, so schreibt das Bundesamt für Strahlenschutz:

“Nach aktuellen Erkenntnissen werden in Deutschland fünf bis zehn Prozent der Lungenkrebserkrankungen der Bevölkerung der Belastung durch Radon und seine Zerfallsprodukte in Gebäuden zugeschrieben. Umfangreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass sich das Lungenkrebsrisiko bei einer Radonkonzentration von 1.000 Becquerel pro Kubikmeter gegenüber Konzentrationen unter 50 Becquerel pro Kubikmeter mehr als verdoppelt.”

Nachtrag:

Zwischenzeitlich hat man bei Tagesschau.de nachgelegt und die Tatsache, dass die erhöhten Werte auf Radon zurückzuführen sind, in einem neuen Beitrag verwoben. Unverändert ist der Tenor des Beitrags: Was strahlt ist egal, denn Sellafield ist böse, so wie alles, was mit Kernenergie zu tun hat, böse ist. Die Ausgewogenheit der Berichterstattung bei Tagesschau.de ist kaum mehr auszuhalten. Die Anregung, über erhöhte Radonwerte in Deutschland zu berichten, hat Tagesschau.de bislang nicht aufgenommen.

Offensichtlich ist dem Autoren des Hysterie-Beitrags zwischenzeitlich auch aufgefallen, dass er in seinem ersten Beitrag etliche Fehler hat.

Wenn man die beiden Texte vergleicht und sieht, wie beim zweiten Hysteriebericht nachgelegt wurde, wohl um zu verdecken, dass die ursprüngliche Meldung schlichtweg eine Farce ist, dann kann man sich richtig bildlich einen Redakteur mit Schaum vorm Mund vorstellen und man ist geneigt, ihm eine Therapie ob seiner Obsession ans Herz zu legen.

Erster Hysteriebeitrag über Sellafield Zweiter Hysteriebeitrag über Sellafield
In der Atomanlage Sellafield im Nordwesten des Landes gibt es unter anderem ein Kernkraftwerk und eine Wiederaufbereitungsanlage. Die Atomanlage Sellafield ist seit Jahrzehnten umstritten. Heute gibt es dort Aufarbeitungsanlagen für atomare Abfälle aus britischen, deutschen und weiteren Reaktoren sowie ein Brennelementewerk.
In dieser waren 2005 über mehrere Monate hinweg unbemerkt etwa 83.000 Liter einer hoch radioaktiven Flüssigkeit ausgelaufen. Grund war damals ein Leck in einer Leitung. Bei der Wiederaufarbeitung atomarer Brennstoffe wurden einst große Mengen radioaktive Stoffe in die Irische See geleitet.
Im Jahr 1957 hatte es in dem Reaktor einen Brand gegeben. Es kam damals zu einer erheblichen Freisetzung von Radioaktivität, der Verzehr von Milch aus der Region wurde zeitweise verboten. Der schwerste Zwischenfall in der Anlage ereignete sich im Oktober 1957. Damals brach Feuer in einem Reaktor aus, der zum Bau von Bombenplutonium genutzt wurde. Beim Versuch, den Brand zu löschen, entwichen radioaktive Gase in die Atmosphäre und verseuchten ein Gebiet von mehreren hundert Quadratkilometern. Zeitweilig wurde der Reaktor stillgeleg und die Milcherzeugung in der Region verboten.
Einen weiteren Skandal gab es 2005, als bekannt wurde, dass nach einem Rohrbruch etwa 20 Tonnen eines hochaktiven Uran-Plutonium-Gemisches in Salpetersäure gelöst ausgetreten waren. Für Menschen und Umwelt habe keine Gefahr bestanden, betonte der Betreiber damals.
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