Stiftung Wahrheitstest soll Lügenpresse ersetzen

Dem Wort Kaudern, wird im Wörterbuch der Gebrüder Grimm die Bedeutung „unverständlich sprechen“ zugewiesen, und mit Kauderwelsch wird gemeinhin eine verworrene Sprechweise bezeichnet. Man kann Volker Kauder, dem Vorsitzenden der CDU/CSU -Fraktion im Bundestag auf den ersten Blick nicht vorwerfen, dass er kaudert oder Kauderwelsch absondert. Eher im Gegenteil: Denn Volker Kauder hat es zunächst mit einfachen Aussagen, Aussagen, die so schwarz und weiß sind, dass man unwillkürlich an andere einfache Aussagen erinnert wird.

Einfache Aussagen oder Weisheiten zu verbreiten, die der Komplexität der Realität nicht gerecht werden, das sind Vorwürfe, die von manchen Politikern regelmäßig denen gemacht werden, die gemeinhin als Populisten bezeichnet werden. Es sind Vorwürfe, die an die Adresse von Extremisten gerichtet werden. Es sind Vorwürfe, die man Gegnern eines Meinungspluralismus macht, die die Meinung, die sie gerade für richtig halten, anderen aufzwingen wollen. Die Verbreitung einfacher Aussagen, sie ist das Markenzeichen von Extremisten, religiösen Fanatikern von allen, die davon überzeugt sind, die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben.

Entsprechend würde man nicht unbedingt von Volker Kauder erwarten, dass er einfache Aussagen, gar einfache Wahrheiten verbreiten will. Überraschender Weise tut er es dennoch, in einem Beitrag für das Redaktionsnetzwerk Deutschland.

In diesem Beitrag differenziert er zwischen:

  • Vertretern des guten Journalismus in den Redaktionen von Zeitungen und
  • sozialen Netzwerken, in denen Stimmung gemacht wird, Unfug verbreitet wird, beleidigt, gedroht und gelogen wird (fast wie im Bundestag…)

Guter Journalismus meint in der Diktion von Kauder nicht etwa Journalismus, der handwerklich sauber ausgeführt wird, sondern Journalismus, der sich gegen angeblichen Unfug wendet, der – abermals angeblich – der Demokratie Schaden zufügt.

Was ist nun „Unfug“, der der Demokratie schadet? Es ist für Kauder zunächst Unfug, der in sozialen Medien verbreitet wird (er meint damit vermutlich Facebook und Twitter). Unfug, mit dem „Stimmung gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung“ gemacht werden soll. Hier wird, wie Kauder weiß, „beleidigt, gedroht und gelogen, dass sich die Balken biegen“. Und diesem Unfug sollen nach Kauders Ansicht „gute Journalisten“ entschlossen entgegentreten und die Wahrheit gegen den Unfug ins Feld führen.

Und damit Sie das tun, die „guten Journalisten“, verspricht Kauder Rücksicht auf Verlage zu nehmen, sie z.B. aus Gesetzgebungen, die mit Kosten verbunden sind, auszunehmen, wie dies beim Mindestlohn bereits der Fall war. Und er versichert den „guten Journalisten“, dass sie auf die „Sympathie der allermeisten Politiker“ bauen können.

Der logische Schluss ist eindeutig: „gute Journalisten“ üben ihre Gutheit nur dann im Sinne von Kauder aus, wenn sie bestochen werden, wenn ihnen ein geldwerter Vorteil gewährt wird und wenn ihnen versichert wird, dass sie auch weiterhin mit entsprechender Sympathie bei den „allermeisten Politikern“ rechnen können.

Gute Journalisten sind demnach Journalisten, die bestechlich sind. Das ist eine eigenartige Bestimmung. Und es sind Journalisten, die auf Sympathie, die ihnen entgegengebracht wird, reagieren, vielleicht davon abhängig sind, in jedem Fall nicht unabhängig sind.

Beide, die Abhängigkeit von der Sympathie von Politikern und die Bestechlichkeit der „guten Journalisten“ sind eher Hindernisse, wenn es darum geht, als Stiftung Wahrheitstest zu fungieren. Denn wenn man Dingen auf den Grund geht, dann findet man zuweilen „Wahrheiten“, die Politikern, die einem bislang Sympathie entgegenbringen, nicht gefallen, was sich auf die Sympathie, die Politiker dann vielleicht nicht mehr „guten Journalisten“ entgegenbringen und auf die Höhe von Bestechungsgeldern negativ auswirken kann.

Folglich können „gute Journalisten“ nur dann damit rechnen, Gegenstand von Sympathie und Bestechung durch Politiker zu sein, wenn sie in einer Weise berichten, die geeignet ist, die Sympathie zu erhalten. Das Codewort für diese Form der Berichterstattung lautet: „mit professioneller Distanz den Dingen auf den Grund gehen“. Professionelle Distanz ist von Dingen zu wahren, nicht von Politikern, denen „gute Journalisten“ sympathisch sind und die kleine geldwerte Gefallen in Form von z.B. Ausnahmeregelungen in Gesetzen gegen „guten Journalismus“ tauschen. Und den Dingen auf den Grund gehen bedeutet: Dem, was die Politiker, deren Sympathie „gute Journalisten“ sicher sein können, als Unfug bezeichnen, zu widersprechen.

Vielleicht ist es ja doch Kauderwelsch, der hier von Volker Kauder gekaudert wird, denn wenn man genau liest, was er schreibt, dann kommt ein Angebot an „gute Journalisten“ für gefällige Berichterstattung, die z.B. keine Stimmung gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung macht, belohnt zu werden, zum Vorschein.

Die Stiftung Wahrheitstest wird entsprechend mehr zum Wahrheitsministerium, wie es bei George Orwell so schön beschrieben ist:

WINSTON: „[exasperated]. An unperson is a person who’s been vaporized – hanged – killed. He no longer exists.
JULIA: „Oh! Vaporized. Of course … but, he did exist at one time.“
WINSTON: „[practically yelling]. He never existed. That’s your job here. [He takes a folded paper from the folder on his own desk.] Look here! This message: ‚Times 17 slant 3 slant 82. Bob Withers malreported award rectify.“
JULIA: „What does that mean?“
WINSTON: „That in the March 17, 1982 edition of the London Times Bob Withers was awarded the goodworker medal. So we choose the name of another worker in the Ministry of Truth on March 17, 1982. Any name. And send it to the Times with the correction.“
JULIA: „Then what happens?“
WINSTON: „That issue of the Times is re-run with the corrected name, and all old editions of that issue are destroyed. We toss this message in the incinerator … destroy it. Then – there is no record any place on earth that Bob Withers ever existed.“

Der „gute Journalismus“ des Wahrheitsministeriums steht 2016 vor dem Problem sozialer Medien, so dass man nicht einfach vergangene Ausgaben der „Times“ umschreiben kann. Insofern ist der Versuch, die Herrschaft darüber, was als „wahr“ und was als „falsch“ gelten soll, mit einer Stiftung Wahrheitstest wieder zu erlangen und den Journalisten, die sich dafür hergeben, Sympathie und sonstiges anzubieten, einerseits rührend, andererseits „outdated“. Ganz davon abgesehen, dass die vergangene Berichterstattung der „guten Journalisten“ sich vornehmlich dadurch auszeichnet, dass viele Journalisten zu manchem in der Lage sein mögen, aber nicht dazu unabhängig zu berichten und „Dingen auf den Grund zu gehen„, eher Dingen auf den Leim zu gehen.

 

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7 Responses to Stiftung Wahrheitstest soll Lügenpresse ersetzen

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  2. Duepmann sagt:

    Vielleicht hat Herr Kauder einfach nur eine hohe Affinität zum Erdogan-Verständnis von Jpurnalistischer Arbeit.

  3. @ineitzke sagt:

    Unterstreichender Hinweis:

    Wir haben es, wie oben angedeutet, mit einem Bestechungseffekt zu tun, weniger bis nicht mit einem Korrumpierungseffekt.

    Da es hier auch um gesteigerte Implantierung einfacher Aussagen (Wahrheiten) geht, empfehle ich für bessere Auffindbarkeit das Tag Propaganda zu ergänzen.

  4. Aaron sagt:

    Da hat die ganze journalistische Arbeit nicht gewirkt:
    Kommunalwahl in Hessen: Grüne bei 14 % (immer noch zuviel), aber sie
    zerlegen sich selber.
    Wer hätte gedacht, daß es noch ein schöner Abend wird…

  5. dentix07 sagt:

    Da fragt man sich langsam: Ist das eine Berufskrankheit?
    Denn auch Kauder ist Volljurist (beide juristischen Staatsexamen), genauso wie Maas, de Maiziere (Dr. jur.), Schäuble (Dr. jur.), Steinmeier (Dr. jur.), Oppermann, Zypries, ………

    • hgb sagt:

      Ohne mit der N-Keule zu kommen: die (auch Heidelberger) Juristen haben sich in der Zeit zwischen 33 und 45 und später hyperkonform verhalten. Vielleicht fehlt in der Ausbildung doch ein nicht unwesentliches Teilsegment?

  6. nomail sagt:

    Der Beitrag der sozialen Medien ist in der Tat ernüchternd:

    http://www.compact-online.de/der-asylkrieg-gegen-deutschland/

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