Autonome Gruppentherapie: Die Logik sinnloser Zerstörung und Gewalt am Beispiel Berlin

Albert K. Cohen, einer der großen Kriminologen, die sich mit Jugend- und Bandenkriminalität befasst haben, schreibt in seinem Buch „Kriminelle Jugend“ das Folgende:

Cohen Kriminelle JugendWir haben auf die ‚schleichende‘ Ambivalenz im Wertsystem des verwahrlosten Kindes oder Jugendlichen hingewiesen, die die Anpassung bedroht, die es bzw. er erreicht hat, eine Ambivalenz, der durch den Mechanismus der Reaktions-Bildung entgegengewirkt wird. Der Verwahrloste muss sich aber in Bezug auf seine Statusquellen noch mit einer weiteren Ambivalenz herumschlagen. Die Kultur der Bande bietet ihm einen Status gegenüber anderen Kindern und Jugendlichen aller sozialen Schichten, aber sie bietet diesen Status nur in den Augen der anderen Verwahrlosten. In dem Maße, als ein gewisses Verlangen nach Anerkennung durch andere Gruppen, deren Achtung man durch die Bindung an eine neue Gruppenkultur verloren hat, noch vorhanden ist, ist die Zufriedenheit mit der neuen Lösung nicht vollständig und ist sie bereits verfälscht. Der Verwahrloste kann seine Lösung nur dadurch vollkommen machen, dass er diejenigen Statusquellen konsequent ablehnt, die ihn ablehnen. Auch das mag ein gewisses Maß an Reaktions-Bildung erforderlich machen, die über Indifferenz hinaus bis zur aktiven Feindschaft und Verachtung all jenen gegenüber geht, die seiner Gruppenstruktur nicht angehören. Außerhalb der Bande ist sein Status nun niedriger als je zuvor. Die Band neigt zu einer Art sektiererischer Solidarität, denn die Vorteile der Mitgliedschaft können nur in einer aktiven Beziehung von Mensch zu Mensch unter den Angehörigen der Gruppe realisiert werden“ (Cohen, 1961: 102-103).

Die zitierte Stelle hat Cohen bereits im Jahre 1955 geschrieben. Sie ist so aktuell wie nie. Cohen ist Vertreter eines eher psychologischen Ansatzes der Kriminologie, der in unseren Augen immer mehr an Bedeutung gewinnt und das, obwohl wir eher in das Lager der Vertreter des Rational-Choice-Ansatzes gehören. Dessen ungeachtet beschreibt Cohen in seinem Buch die Dynamik von Jugendbanden, und er beschreibt sie in einer so zutreffenden Weise, dass man denken könnte, er habe die autonomen Banden, die im Jahre 2016 Berlin unsicher machen, zielsicher vorher diagnostiziert.

Diagnostiziert ist hier das richtige Wort, denn die autonomen Banden in Berlin, sie sind in weiten Teilen Banden der Gescheiterten oder der Randständigen, wie es Schüler-Springorum 1995 ausgedrückt hat: Personen, die im normalen Leben keinen Fuß auf die Erde bekommen haben, die der Misserfolg und das Zurückbleiben hinter den Zielen, die sie sich selbst gesteckt haben oder die von anderen vorgegeben wurden, systematisch verfolgt. Deshalb steigen sie aus. Deshalb werden sie zu Feinden des Kapitalismus und zu Personen, die sich „außerhalb der Verwertungslogik selbst organisieren“.

Berlin Mitte BekennerschreibenSo steht es im Bekennerschreiben der „Autonomen Gruppen“, die in der Nacht des 29. Mai durch die Alte Jakobstraße in Berlin gezogen und dieselbe verwüstet haben. Dort, so heißt es weiter, habe man sich „ein Stelldichein gegeben[,] um unsere Wut über Ausgrenzung, Vertreibung, Kontrolle und Verachtung … mit Farbe, Steinen und Feuer sichtbar zu machen“. So schreiben nur Randständige, die nicht dazu gehören, obwohl sie so gerne dazu gehören wollen, Randständige, wie sie Robert K. Merton als kriminelle Jugendlichen beschreibt, die die gesellschaftlichen Ziele in Status und Statusobjekten so sehr verinnerlicht haben, dass der psychische Stress, den deren nicht-Erreichbarkeit in ihren Gehirnen auslöst, nur dadurch behoben werden kann, dass sie stehlen oder rauben, was sie nicht legal erwerben können. Man sieht, Merton hatte das Bild des rationalen Kriminellen, der einen materiellen Nutzen für sich generieren will. Absonderlinge wie die autonomen Banditen, die zerstören, um des psychologischen Nutzens, der damit einhergeht, waren ihm nicht vorstellbar.

Die autonomen Banditen, sie sind eben gescheiterte Existenzen, wie sie bereits Cohen ausführlich beschrieben hat. Ihre Fähigkeiten oder ihre Willigkeit, sie reichen nicht aus, um Erfolg in freien kapitalistischen Gesellschaften zu haben. Sie sind klassische Modernisierungsverlierer. Sie fürchten sich vor nichts so sehr, wie vor anderen, erfolgreichen Anderen, vor denen, die ihren Erfolg in Status und entsprechende Objekte umgesetzt haben. Gleichzeitig bewundern sie nichts so sehr, wie deren Status und die entsprechenden Statusobjekte, die ihnen versagt bleiben, weil sie nicht leistungsfähig oder nicht leistungswillig sind.

Entsprechend nehmen sie sich aus „dem System“ heraus und behandeln „das System“ mit Verachtung, und zwar in einer Weise, wie dies Teenager tun, deren Liebe nicht erwidert wird: Wenn man selbst nicht vom System zurückgeliebt wird, dann sollen andere auch nicht vom System geliebt werden. Also zerstören die Randständigen das, was sie so gerne hätten, aber nicht erreichen können: „hochwertige Autos, ein Hotel und einen Supermarkt“.

Denn hochwertige Autos, ein Hotel und ein Supermarkt, das sind für sie die Insignien von Reichtum, und Reiche sind ihre Feinde, denn Reiche stoßen „auf Wertsteigerung an“, während man selbst „von Zwangsräumung bedroht“ ist. Und warum: Weil die Verwertungslogik, der sich die autonome Bande entziehen will, dem Schmarotzen dadurch einen Riegel vorgeschoben hat, dass die Nutzung des Eigentums anderer bezahlt werden muss. Eine weitere Ungerechtigkeit „des Systems“, denn „Wohraum“ (da ist es wieder, jenes DDR-Wort mit Nach-Vereinigungs-Karriere) ist ihr gutes Recht, wie sie finden und solange andere denken, für die Nutzung von „Wohnraum“ müsse man Miete entrichten, kündigen die autonomen Bandenmitglieder „Sabotage und Zerstörung“ von den Gütern an, die für sie Reichtum symbolisieren.

Wie gut, dass die Häuser, die autonome Banden besetzen, von leistungsfähigeren Arbeitern errichtet wurden. Wo sollten die autonomen Bandenmitglieder ihre arbeitsunwilligen Knochen niederlegen, wenn sie nach getaner Sabotagearbeit und mit der Befriedigung, ein Luxusauto angezündet zu haben, in den „Wohnraum“ zurückkehren, den sie sich angeeignet haben? Die Tendenz zum Sektierertum, die Cohen beschreibt, sie führt dazu, dass die autonomen Banden, mit deren Mitglieder in der Außenwelt niemand etwas zu tun haben will, sich gegenseitig zu kleinen Che Guevaras hochreden, die es wehrlosen Autos und Luxussupermärkten so richtig gegeben haben. Sie scheitern also auch als Revolutionäre, denn Che Guevara kann man vieles nachsagen, aber sicher nicht, dass er Autos und Supermärkte bekämpft hat. Er war eben ein Revolutionär, kein autonomer Randständiger, der so gerne zur Welt der Reichen gehören würde.

Aber die Reichen lassen es nicht mitmachen, das autonome Bandenmitglied, das System will Geld nur gegen Leistung rausrücken. Dabei sind die autonomen Banditen doch mit wenig zufrieden, wie sich daran zeigt, dass ein VW für sie ein Luxusauto ist und ein netto Markt Kennzeichen eines Luxusausbaus.

Literatur

Cohen, Albert K. (1961). Kriminelle Jugend. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.

Merton, Robert K. (1968). Sozialstruktur und Anomie. In Sack, Fritz & Koenig, Rene (Hrsg.): Kriminalsoziologie. Frankfurt: Akademische Verlagsanstalt, S.283-313.

Merton, Robert K. (1959). Social Conformity, Deviation, and Opportunity Structures: A Comment on the Contributions of Dubin and Cloward. American Sociological Review 24(2): 177-189.

Schüler-Springorum, Horst (1995). Kriminalität der Randständigen.”Kriminologisches Journal 27(3): 162-185.


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