Die neue Lust am Schwafeln: Knallköpfe unter sich

Entschuldigung für den Titel. Ja, er ist überhaupt nicht wissenschaftlich, aber er kommt aus tiefster Seele (sofern es eine gibt), also besser aus tiefstem Herzen und jetzt begründen wir, warum:

Junk Science!

Dieses Mal nicht als Beitrag in einer wissenschaftlichen Zeitschrift, sondern als „Podiumsdiskussion zum Thema ‚Strafen und Neoliberalismus‘“ der „Nachwuchsgruppe [klingt wie Krabbelgruppe] ‚Jenseits einer Politik des Strafens‘ der Universität Kassel. Irgendwie scheint sich in Kassel Unsinn zu massieren, eine wahre Agglomeration von Unsinn, die wohl über entsprechende Nachzugsprozesse erklärt werden kann.

Doch zurück zur Podiumsdiskussion, die sich mit demTrend einer neuen Lust am Strafenbeschäftigen soll:

junk-science-strafen-und-neoliberalismus“International stellen Rechtssoziologen eine neue Lust am Strafen in neoliberalen Gesellschaften fest. Punitivität als Regierungstechnik zielt darauf ab, Armut und soziale Desintegration kontrollierbar zu machen und den durch die flexibilisierte Ökonomie verursachten Ängsten breiter Schichten durch härtere Bestrafung entgegenzuwirken. Zugleich bewirkt sie eine Spirale des sozialen Abstiegs bei Inhaftierten: Der Verlust der Wohnung, der vorherigen Lohnarbeit und bestehender sozialer Netzwerke führt generell zu hohen Rückfallquoten, sozialer Desintegration und Altersarmut. Strafende „Gerechtigkeit“ produziert demzufolge paradoxerweise soziale Ungerechtigkeit.”

Merke: Wenn in Deutschland mehr Diebstähle und mehr Einbrüche verübt werden, wenn die Rauschgift- und die organisierte Kriminalität zunehmen und wenn sich das in der Folge in den Verurteiltenziffern niederschlägt, dann ist das nicht das Ergebnis individueller Entscheidungen, nicht das Ergebnis von organisierten Banden, von z.B. Jugendlichen, die Einbrüche in der Weise betreiben, wie andere ihr Shopping, also generell nicht darauf, dass ein Akteur denkt, wenn er sich delinquent verhält, dann ist er besser dran, als wenn er sich nicht strafbar verhält, nein: An steigender Kriminalität ist der Neoliberalismus schuld. Steigender Wohlstand und die Tatsache, dass in Deutschland und in weiten Teilen von Europa niemand mehr mit gutem Gewissen als arm bezeichnet werden kann (höchstens der ein oder andere Scheidungsvater, der obdachlos geworden ist, aber nach dem kräht nicht einmal eine Nachwuchsgruppe) sind daran schuld, dass die Kriminalität steigt.

Und außerdem sind Gefängnisse daran schuld, dass es Kriminalität, steigende Kriminalität gibt. Denn, so die Nachwuchsgruppenlogik [das ist eine Krabbelgruppe!], wenn jemand tatsächlich und nach einer Vielzahl von Straftaten, wenn er unter das Jugendstrafrecht fällt und nach etwas weniger, wenn er als erwachsen gilt, tatsächlich eingesperrt wird, dann kann er in der Regel nicht mehr arbeiten gehen, dann verliert er seine sozialen Bezüge und ist ganz unten und wenn er dann entlassen wird, dann zwingt in der Neoliberalismus, weil er schon ganz unten und ganz arm ist, dazu, sich weiter kriminell zu verhalten. Also müssen wir das Strafen lassen und den Neoliberalismus beseitigen und schon haben wir das sozialistische Paradies, das den Mitgliedern der Krabbelgruppe [oder Nachwuchsgruppe] vorschwebt.

Wir haben selten so einen Unsinn gelesen.

Die Kriterien für Junk Science sind alle erfüllt:

  • junk_scienceNachvollziehbarkeit: Da Handlungen von Akteuren ausgeführt werden und der Neoliberalismus nachweislich kein Akteur ist, stellt sich die Frage, wie es dem Neoliberalismus, den wir einmal als Idee bezeichnen wollen, gelingt Akteure dazu zu zwingen, sich kriminell zu verhalten. Wie gelingt es dem Neoliberalismus, die Entscheidung, bestehle ich meinen Chef um und mache ich mich mit der Tageskasse aus dem Staub, zu beeinflussen? Wie schafft es der Neoliberalismus, aus dem netten Jungen von nebenan, den Taschendieb zu machen, den die Polizei ermittelt, und wie schafft es der Neoliberalismus, die unscheinbare Hausfrau zur Gatten-Giftmörderin zu transformieren. Fragen über Fragen, die nicht beantwortet werden können, da sie Zusammenhänge formulieren, die nicht nachvollziehbar sind, jedenfalls nicht, für Menschen, die mit einem normalen Verstand begabt sind.
  • Prüfbarkeit/Falsifizierbarkeit; Um zu prüfen und zu falsifizieren, ob sich Neoliberalismus, so es ihn denn gibt, auf die Kriminalität in einem Land wie Deutschland auswirkt, müsste man zunächst einmal bestimmen, was der Neoliberalismus eigentlich ist. Dann müsste man Hypothesen darüber formulieren, wie sich der so bestimmte Neoliberalismus auf die Handlungsentscheidungen derer, die sich kriminell verhalten (wollen), auswirkt und zu guter Letzt müsste man untersuchen, ob Personen, die in einem nicht-neoliberalistischen Land leben, sagen wir im Irak oder in Syrien, sich weniger kriminell verhalten als Personen, die in Deutschland oder im Vereinigten Königreich leben. Wenn man das so schreibt, wird einem die ganze Armseligkeit derer, die doch tatsächlich denken, ein Ismus sei in der Lage, individuelles Verhalten zu beeinflussen, erst richtig deutlich.
  • Erkenntnisgewinn/Anschlussfähigkeit; Schließlich liegt keinerlei Erkenntnisgewinn und entsprechend auch keinerlei Anschlussfähigkeit vor. Da die Nachwuchskrabbler aus Kassel bereits wissen, dass der Neoliberalismus an der steigenden Kriminalität schuld ist, also voraussetzen, was es eigentlich zu zeigen gölte, muss man in ihrem Glauben geschult sein, ein Eingeweihter im anti-neoliberalen Glauben mit entsprechender Ehrfurchtsbezeugung vor der Monstranz des Nicht-Neoliberalismus, um mit dem Gegenstand der Podiumsdiskussion etwas anfangen zu können. So wie Kirchgänger nicht in die Kirche gehen, um dort vom Teufel überzeugt zu werden und so wie Terroristen nicht in ihren jeweiligen Zellen wandern, um sich dort zum Pazifisten ausbilden zu lassen, so wollen auch die Podiumsdiskutierer nicht hören, dass ihre gesamte Fragestellung Unsinn ist, sich entsprechend nicht in ihrem Glauben erschüttern lassen. Kirchen und Glaubensgemeinschaften haben mit Wissenschaft nichts zu tun.

Zusammenfassend können wir feststellen, dass alle drei Kriterien zur Ermittlung von Junk Science erfüllt sind. Wer entsprechend Junk Science in Aktion erleben will, kann dies am 3. und 4. November in Kassel tun.


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One Response to Die neue Lust am Schwafeln: Knallköpfe unter sich

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