Israelitis: Die Universität Hamburg und die Wissenschaftsfreiheit

Wissenschaftsfreiheit, die Freiheit von Wissenschaft und Lehre ist im Grundgesetz wie folgt definiert:

Artikel 5 Absatz 3 : „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung“

Das Bundesverfassungsgericht hat Versuche von Parteien, Ministerien oder der Verwaltung, Maßnahmen durchzusetzen, die den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn einschränken oder begrenzen wollen, die auf einzelne Forscher Einfluss nehmen wollen oder gesamte Forschungseinrichtungen auf eine vorgegebene Linie bringen wollen, in seiner Rechtsprechung regelmäßig zurückgewiesen und die Freiheit von Forschung und Lehre über die Interessen derer, die ideologischen Einfluss nehmen wollen, gestellt. Die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre ist für die Verfassungsrichter in Karlsruhe ein Gut, dessen Wert den Wert politischer Interessen und aktueller politischer Moden, um ein Vielfaches übersteigt.

ProfessorrinnenprogrammNun haben sich Universitäten in der Vergangenheit und regelmäßig zu Bütteln von Ministerien und politischem Zeitgeist gemacht und sich willig dafür bezahlen lassen, dass sie politische Einflussnahme dulden. Universitäten haben sich zu Kindergärten umfunktionieren lassen, an denen die Kindertagesstätte eine wichtigere Rolle spielt als die Ausstattung der Bibliotheken. Sie haben sich willig für eine Aufnahme in das Professorinnenprogramm beworben und die wissenschaftliche Lauterkeit und Fairness für ein paar Euro verscherbelt. Universitäten bieten ihrem Staat und seinen Parteien die Möglichkeit, Professuren zu finanzieren, wie dies an der HU-Berlin der Fall ist, um über diese Professuren Einfluss auf die Universitätspolitik zu nehmen, und nicht zuletzt haben Universitäten dabei zugesehen, wie sie mit politischen Kommissaren, die als Gleichstellungsbeauftragte die Einhaltung staatlicher Vorgaben überwachen sollen, durchsetzt wurden.

Und nun haben sie den Salat.

Nun mischen sich Hinz und Kunz in die Berufung von Wissenschaftlern an Universitäten ein, und zwar immer dann, wenn ihnen die entsprechenden Personen ideologisch nicht passen.

Uni Bayreuth_StartseiteDerzeit tobt der Streit um Farid Esack, der an der Universität Johannesburg islamische Studien lehrt und Dekan des Fachbereichs „religiöse Studien“ ist. Eigentlich ist Esack jemand, der deutschen Politikern gefallen müsste: Er hat lange Jahre gegen Apartheit gekämpft und wurde von Nelson Mandela zum Beauftragten für die Gleichstellung von Männern und Frauen in Südafrika gemacht. Alles Tätigkeiten, die ihn beim politischen Establishment in Deutschland eigentlich zum gern gesehenen Gast machen sollten.

Eigentlich müssten die deutschen Gutmenschen Farid Esack einen roten Teppich ausrollen, ist er doch derjenige, der versucht, den Koran in einer Weise umzuschreiben, die in kompatibel zu dem macht, was John W. Meyer etwas hochtrabend die “Weltkultur” genannt hat, einen Kanon von Werten und Normen, die als westliche Werte und Normen beansprucht werden. Ob Esack dabei so erfolgreich ist wie Ameer Ali, der vor gut 150 Jahren und nach langem Lesen mit entsprechender Exegese festgestellt hat, dass der Koran die moralischen Werte des viktorianischen England umfasst, ist eine bislang offene Frage. In jedem Fall bemüht sich Esack intensiv, wenn auch weitgehend isoliert in der islamischen Gemeinde, darum, den Koran an den Staatsfeminismus und die derzeitige In-Ideologie westlicher Länder anzupassen. Deshalb ist Esack in der muslimischen Gemeinde sehr umstritten.

Was kann sich der gute Westler mehr wünschen als einen islamischen Religionslehrer, der die westlichen Werte voll und ganz verinnerlicht hat, versucht, sie in den Koran zu lesen und gar für weibliche Imane eintritt?

Eigentlich müssten die westlichen Guten den südafrikanischen Professor auf Händen tragen.

Tun sie aber nicht. Sie treten ihn eher mit Füßen, denn Farid Esack nimmt das mit der Apartheit ernst. Nicht nur Apartheit, die sich von Weißen gegen Schwarze richtet, sondern auch anders herum oder dann, wenn sie von einem Staat wie Israel gegen Palästinenser ausgeübt wird, erregt sein Missfallen. Entsprechend setzt er sich für einen Boykott israelischer Universitäten und Wissenschaftler ein, sofern sie als Repräsentanten des Staates Israel auftreten. Man könnte auch sagen, er nimmt es mit der Wissenschaftsfreiheit sehr ernst.

farid-esackAll das hat jedoch nichts mit seinen Leistungen auf dem Gebiet der Islamstudien und dem, was er lehrt zu tun, wenn er als Gastprofessor im Forum Humanum an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg tätig ist. Dorthin ist er vermutilch wegen seiner wissenschaftlichen Arbeit berufen worden, nicht wegen seiner ideologischen Überzeugung. Und war es nicht die westliche Zivilisation, die sich im Schwunge der Aufklärung in ihren Salons brüstete, die kontroversen Ideen kontroverser Denker zu diskutieren?

Das ist lange her. Heute gilt: Hinz und Kunz versucht zu verhindern, dass Universitäten ihrem Auftrag, nämlich dem Gewinn von Erkenntnis, auch wirklich nachkommen. 

Zu diesem Zweck nehmen Politiker und Ministerien seit Jahrzehnten ideologischen Einfluss auf Universitäten. Wie normal es für Politiker geworden ist, dies in immer größerem Maße zu tun, sieht man daran, dass Volker Beck wegen der Berufung Esacks die Hamburger Universität “scharf anzugreifen” können glaubt. Wie er auf die Idee kommt, interne Angelegenheiten der Universität Hamburg wären etwas, wozu er seine Stimme erheben kann, ist eine bislang unbeantwortete Frage.

Dafür ist die Art und Weise, in der Politiker wie Beck denken, auf universitäre Angelegenheiten Einfluss nehmen zu können, durch den Affenzirkus, der um Esack aufgeführt wird, sehr deutlich geworden. Wer dem politischen Establishment ideologisch nicht genehm ist, der soll nicht an deutsche Universitäten berufen werden. Wessen geistiges Kind die studentischen Blindgänger sind, die Kant nicht mehr lesen wollen, weil er von Negern schreibt oder Professoren, in deren Vorlesungen bespitzeln, weil sie angeblich politisch nicht korrekte Inhalte thematisieren, ist keine Frage mehr: Wenn es nach Politikern wie Volker Beck geht, dann wird Wissenschaft nur noch in dem schmalen Gesichtskreis betrieben, den die Engstirnigkeit derer, die Erkenntnis nur noch zulassen, wenn sie ideologisch genehm ist, vorsieht – ganz so wie dies im Marximus-Leninismus der DDR der Fall war.

„Ich würde gerne wissen, welche Rolle diese Positionen von Herrn Esack [seine kritische Haltung gegenüber der Politik Israels], die ja allgemein bekannt sind, bei seiner Berufung gespielt haben und welche wissenschaftlichen Gründe es gibt, ihn trotz dieser Positionen berufen zu haben?“, so fragt Volker Beck.

Die Positionen, die Volker Beck so bedenklich findet, sie haben hoffentlich keinerlei Rolle bei der Berufung gespielt, denn es gibt eine Trennung zwischen Wissenschaft und Ideologie. Und es ist gerade eine westliche Tradition (Sie wissen schon, die Aufklärung), kontroverse Ideen kontroverser Wissenschaftler zu diskutieren. Man stelle sich vor, an Universitäten dürfte nur noch diskutiert werden, was Volker Beck genehm ist. Das mag sich kurzzeitig auf die Forschung zur Wirkung von Opiaten und anderen Betäubungsmittel wie ein Rausch auswirken, der Rest der Wissenschaft läge jedoch bereits nach kurzer Zeit danieder, wäre eine langweilige und um immer dieselben Inhalten sich drehende Angelegenheit, die nicht in der Gefahr steht, etwas Neues zu entdecken oder gar erst zu formuliert.

Wie wenig Politiker wie Volker Beck von Wissenschaft und von wissenschaftlichen Traditionen verstehen, auf die sie doch so gerne Einfluss nehmen wollen, zeigt sich an der Posse um Farid Esack in besonderer Weise. Ausgerechnet diejenigen, die Polit-Kommissare an Universitäten installiert haben, um Zensur über falsche Sprache und nicht geschlechtergerechte, was auch immer das Plastikwort beschreiben soll, Berufungen oder Lehre oder Forschung an Universitäten zu unterbinden und der Erkenntnis den Garaus zu machen, ausgerechnet diese Feinde der Wissenschaft echauffieren sich nun, dass mit Farid Esack ein Theologe am Forum Humanum der Universität Hamburg Vorträge gehalten hat, und zwar deshalb, weil die Ideologie von Esack nicht 100% zur eigenen passt, und was nicht zu 100% passt, ist staatsfeindliches Gerede früher vom Klassenfeind, heute von denen, die Fakten noch als Fakten benennen, in diesem Fall die Politik der Apartheit des Staates Israel. 

Es wird Zeit, den Politikern, die denken, sie könnten sich in die Angelegenheiten von Hochschulen einmischen, ihre Grenzen, vor allem ihre intellektuellen Grenzen aufzuzeigen. Dazu benötigt man allerdings Wissenschaftler mit Rückgrat, und die sind gerade in Deutschland weitgehend vergriffen – im Sonderangebot finden sich dagegen Wissenschaftler mit eingebauter Andienungsfunktion.

Wir hätten noch gerne gewusst, welche Qualifikation Volker Beck dazu befähigt, die Berufung von Farid Esack in Frage zu stellen. Oder mehr im Sprachgebrauch von Politikern: Volker, nimm’ Crystal Meth und halt’ die Klappe!

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