Vom Anti-Feminismus reaktionärer sogenannter Feministen

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Unter der Überschrift „Von gekauften Wissenschaftlern und Junk Science in the Making“ haben wir am 9. Januar von einer Werbe-Maßnahme des BMBF berichtet, durch die das Ministerium einer Million Euro Steuergelder verprasst, um unter dem programmatischen Titel „REVERSE“ ein überkommenes Bild vom hilflosen Weibchen, das prinzipiell unfähig ist, im Wettbewerb der Kompetenzen zu bestehen und deshalb vom Staat künstlich auf Stellen gehievt werden muss (warum, bleibt ein Geheimnis), zu propagieren und jeden, der weniger reaktionär (d.h. nach dem Duden „an nicht mehr zeitgemäßen [politischen] Verhältnissen festhaltend) ist, als „anti-feministisch“ einzustufen.

Der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit ist schon angesichts des rein politischen Kontextes von REVERSE lächerlich. Aber REVERSE ist auch gesellschaftspolitisch schwerlich anders denn als lächerlich zu bezeichen, denn im Tollhaus, für das man das BMBF halten muss und in dem sich anscheinend eine ganze Reihe der Frauen, die von den durch dieses reaktionäre Frauenbild begründeten Bevorteilungsmaßnahmen profitiert haben, bei (mindestens) freier Kost und Logis einquartiert haben, wirft man verzweifelt mit Vokabeln um sich, die zu benutzen man sich angewöhnt hat, die aber meist weniger benutzt als vielmehr missbraucht werden. Das beginnt bereits bei den Begriffen „Feminismus“ und „Anti-Feminismus“, die wir uns an dieser Stelle (einmal mehr) etwas näher betrachten wollen.

1. Feminismus im Oxford Dictionary und REVERSE

Im Oxford Dictionary wird „feminism“ definiert als „[t]he advocacy of women’s rights on the ground of the equality of the sexes”.

In dieser Definition wird vorausgesetzt, dass es eine “Gleichheit” der Geschlechter gebe, wobei offen bleibt, worin diese Gleichheit bestehen soll. Der Verweis auf „women’s rights“ legt aber nahe, dass diese Gleichheit als eine rechtliche anzusehen ist. Diese rechtliche Gleichheit von Männern und Frauen ist in Deutschland aber schon seit Langem durch das Grundgesetz gewährleistet, und die Kriminologie hat in den letzten Jahrzehnten keinerlei Hinweise auf eine Diskriminierung von Frauen vor Gericht bzw. in oder bei der Rechtsprechung ergeben (wenn überhaupt, dann eher im Gegenteil).

Wenn man die postulierte, aber nicht näher definierte „Gleichheit“ nicht als eine rechtliche Gleichheit interpretieren möchte, stellt sich die Frage: als was sonst? Gleichstellung von Männern und Frauen im Sinn von Ergebnisgleichheit kann logischerweise nicht mit „equality of the sexes“ gemeint sein, denn sie wird ja als Basis („ground“) für die Rechte von Frauen bezeichnet, aber nicht als Basis für die Rechte von Männern. Das macht nur dann Sinn, wenn man davon ausgeht, dass prinzipiell, quasi kraft Weiblichkeit, alle Frauen alle vorstellbaren Nachteile in jeder vorstellbaren Hinsicht gegenüber Männern haben, was völlig unplausibel ist und jeder Alltagserfahrung widerspricht. Wenn diese extreme Vermutung aber ausgeschlossen ist, dann muss man feststellen, dass die Gleichheit der Geschlechter die Zuweisung von Rechten (nur) an Frauen logisch ausschließt, denn entweder die Geschlechter sind gleich/werden gleich behandelt oder eben nicht.

Der Anti-Feminist, den REVERSE dingfest machen möchte, wäre, wenn man die Definition von „Feminismus“ im Oxford Dictionary zugrundelegt, also jemand, der sich dagegen wendet, dass Frauen bevorteilt werden, ihnen Sonderrechte zugestehen will, vermutlich, weil er meint, Frauen seien keine inferioren Wesen, sondern Männer und Frauen seien tatsächlich mit gleichen Fähigkeiten oder mit gleichen Rechten ausgestattet, so dass eine Bevorteilung nicht notwendig ist, sondern als Ausdruck von Vorteilsnahme oder von Verachtung von Frauen gelten muss.

2. Feminismus im Dictionary von Merriam-Webster und REVERSE

Im Dictionary von Merriam-Webster wird „Feminismus“ definiert als:

1: the theory of the political, economic, and social equality of the sexes
2: organized activity on behalf of women’s rights and interests

Legt man die erste Definition zugrunde, so verfehlt REVERSE das Thema, denn dann müsste es Inhalt der Maßnahme sein, die Theorie von der (Existenz? Wünschbarkeit? der) politischen, ökonomischen und sozialen Gleichheit der Geschlechter (in welcher Hinsicht?) zu begründen. Sollte die Theorie auf ihre Entsprechung zur Realität hin geprüft werden, würde dies selbstverständlich die Betrachtung all der gesellschaftlichen Bereiche beinhalten müssen, in denen Männer Nachteile haben, und es müssten all die Maßnahmen aufgearbeitet werden, durch die Männer diskriminiert werden, wie z.B. das Professorinnen-Programm. Diejenigen, die sich für die Diskriminierung von Männern einsetzen oder ihren Nachteilen gleichgültig gegenüberstehen, müssten dann als Anti-Feministen bezeichnet werden, denn „Feminismus“ soll sich ja auf die Gleichheit der Geschlechter beziehen. Dies alles ist offentsichtlich nicht das, was durch REVERSE propagiert werden soll. Vor diesem Hintergrund kann man vielleicht vermuten, dass seltsamerweise „Anti-Feministen“, auch im Sprachgebrauch von REVERSE, diejenigen sein müssen, die der ersten Definition von „Feminismus“ im Dictionary von Merriam-Webster etwas abgewinnen können, also in irgendeiner Form die Gleichheit der Geschlechter postulieren oder propagieren und nicht die Bevorteilung von Frauen bzw. die Gleichgültigkeit gegenüber Nachteilen von Männern.

Legt man die zweite Definition zugrunde, so muss man erstens die Prämisse teilen, dass Frauen (als solche) dieselben Rechte hätten oder haben sollten und dass sie alle dieselben Interessen haben. Zumindest was Letzteres betrifft, kann man diese Definition getrost vergessen, weil es von vornherein absurd ist, abzustreiten, dass es eine Vielfalt von Interessen verschiedener Menschen gibt, und statt dessen anzunehmen, dass die Interessen von Menschen durch ein einziges biologisches Merkmal gleichgeschaltet oder auch nur dominiert werden. REVERSE hat offensichtlich Sinn für das Absurde, und es scheint Teil einer „organisierten Aktivität“ zu sein, aber nur einer Aktivität im Hinblick auf die Interessen von Mittelschichtsfrauen im besten Fall und im schlechtesten Fall auf die Interessen derer, die durch die Bevorteilung von Mittelschichtsfrauen selbst nutznießen. Ein „Anti-Feminist“ ist für REVERSE dann jemand, der der Nutznießung an Steuergeldern durch Mittelschichtsfrauen mindestens skeptisch gegenübersteht. Dann steht zu erwarten, dass den reaktionären REVERSElern der bei weitem größte Teil der Menschheit als „anti-feministisch“ gelten wird, denn derselbe gehört nicht zur Mittelschicht oder ist nicht weiblich und ist daher von der Nutznießung ausgeschlossen.

3. Feminismus im Cambridge Dictionary und REVERSE

Im Cambridge Dictionary wird „feminism“ definiert als:

“the belief that women should be allowed the same rights, power, and opportunities as men and be treated in the same way, or the set of activities intended to achievethis state”.

Legt man diese Definition zugrunde, so ist REVERSE entweder schlicht überflüssig, den Frauen haben bereits dieselben Rechte, dieselbe Macht und dieselben Gelegenheiten wie Männer. Oder REVESE müsste wieder die vielen Nachteile von und Diskriminierungen gegen Männer dokumentieren, denn Bestand der Definition ist ja, dass Frauen genauso behandelt werden sollen wie Männer ¬– und eben nicht als kraft Weiblichkeit minderbemittelte und daher konkurrenzunfähige Wesen dargestellt und eben deshalb bevorteilt werden sollen. REVERSE müsste auf der Grundlage dieser Definition Vorschläge darüber machen, welche Aktivitäten entwickelt werden könnten, um jeweilige Nachteile von Frauen und von Männern zu beheben. Weil REVERSE offensichtlich nicht an der Behebung von Nachteilen von Männern gegenüber Frauen interessiert ist, sind die „Anti-Feministen“, die sie dingfest machen wollen, sie selbst.

4. Feminismus im Duden und REVERSE

Im Duden wird (gesellschaftspolitischer) Feminismus definiert als

„Richtung der traditionellen Rollenverteilung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z.B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt“.

In dieser Definition wird – wie im Dictionary von Merriam-Webster – die absurde Vorstellung, dass menschliche Interessen für Angehörige desselben biologischen Geschlechtes dieselben seien, als ein definitorisches Merkmal von „Feminismus“ festgehalten. Mindestens ebenso absurd ist die Rede von „der Frau“ in der Einzahl, so als würde der Duden von der Annahme ausgehen, dass es entweder nur eine einzige Frau auf der Erde gebe, was ziemlich unplausibel ist, oder davon, dass alle auf der Erde real existierenden Frauen im Grunde eine einzige seien, vielleicht in der Form, dass sie ohne Ausnahme Klone einer historischen Eva sind, was die Frage nach der Präsenz von Extra-Terrestrischen auf der Erde vor vielen Jahrtausenden in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt.

Weiterhin wird als ein definitorisches Merkmal von „Feminismus“ festgehalten, dass er auf dem reaktionären Kampfbegriff „patriarchalisch“ aufbaut, der keine empirische Entsprechung hat, denn das Mindeste, was zum sogenannten Patriarchat festgehalten werden muss, ist, dass es aktuell in der westlichen Welt keines gibt, weshalb es auch keines zu bekämpfen gibt. Tatsächlich wird dieser Kampfbegriff sogar von Frauen, die als prominente Vertreteterinnen „des“ Feminismus gelten und sich selbst entsprechend verorten, wie Maria Mies, als ein bloßer „Kampfbegriff“ bezeichnet, was die Frage aufwirft, ob diese Feministinnen nicht tatsächlich Anti-Feministinnen gemäß des Duden sind.

Jedenfalls kann festgehalten werden, dass der Duden „Feminismus“ mit Verweis auf die Vorstellung von „der“ Frau in der Einzahl, auf die Vorstellung von durch das biologische Geschlecht determinierten Interessen und der Verwendung von überholten Kampfbegriffen als eine Don Quichotterie (wenn nicht als Vorstufe zum Wahnsinn) ausweist.

Wenn es im Großen und Ganzen diese Definition aus dem Duden ist, auf die REVERSE aufbaut, dann kann man hieraus ableiten, dass eine Million Steuergelder für irgendwelche Don Quichotterien ausgegeben werden bzw. für Kämpfe gegen nur in der Vorstellung einiger Personen, die (deshalb) als gesellschaftliche Abweichler bezeichnet werden könnten, existieren, eine Million Steuergelder einer besseren Verwendung zugeführt werden würden, wenn sie als das berühmt-berüchtigte Geld zum Anzünden von Zigaretten verwendet würden. Anti-Feministen sind dann diejenigen, die sich gegen die sinnlose Verprassung von Steuergeldern wenden.

Man muss immerhin zugestehen, dass der Titel der Maßnahme, REVERSE, noch am ehesten zur Definition von „Feminismus“ im Duden passt, sollen hier doch längst überwundene Klischees von der angeblich massenhaften Existenz „traditoneller Rollenbilder“, vom „Patriarchat“ und von kraft Weiblichkeit wettbewerbsunfähigen Frauen wiederbelebt werden, vielleicht, um mit der Bevorteilungspolitik von Mittelschichtsfrauen auf den hype aufzusetzen, der derzeit alles Untote umgibt. Möglicherweise kann REVERSE doch noch in ein erfolgreiches Unternehmen transferiert werden, wenn es sich bei seiner Erzählung an den Bucherfolgen von Patricia Rosemoor und Marc Paoletti mit „The Last Vampire“ oder „The Vampire Agent“ oder von Denise Verrico mit den „Annals of the Immortyls“ orientiert.

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3 Responses to Vom Anti-Feminismus reaktionärer sogenannter Feministen

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  2. Roland says:

    Oh da haben Sie ja eine interessante Entdeckung gemacht. Wenn der Duden von “der Frau” in Einzahl spricht, dann greift der Duden offensichtlich auf eine Synechdoche zurück. Eine rhetorische Figur. Schon drollig, wenn der Duden sich neuerdings als lyrisches Werk, als Gedichtsband, neuerfindet. 😀

    • Heike Diefenbach says:

      Schön wär’s, wenn der Duden wenigstens lyrisch anmuten würde!

      Mir erscheint der Duden zunehmend irgendwo zwischen Märchenbuch und Ausbildungsmaterial für Agitprop angesiedelt zu sein. Deshalb schwant mir Übles, nämlich dass man im Duden bei der Rede von “der Frau” keine rhetorische Figur verwenden wollte, sondern meint, dass bezüglich des weiblichen Geschlechtes tatsächlich ein einziger Teil als die Gesamtheit hinrreichend definierend aufgefasst werden könne, nach dem Motto: Weiblichkeit als unausweichliches Schicksal oder so etwas.

      Die gesamte derzeit übliche Fixierung ausgerechnet auf das Geschlecht von Menschen – neben Hunderten oder Tausenden von anderen menschlichen Eigenschaften – macht ja auch nur dann Sinn, wenn man eine solche skurrile Vorstellung hat.

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