Böhmermann: Muslimfeind und christlicher Befreiungskämpfer: Die Wurzeln der Reconquista

Darf Satire alles?

Das ist nicht wirklich die Frage. Die Frage, die uns bewegt ist: wie kommt es dazu, dass rund 50.000 sich zusammenrotten, um eine „antipopulistische Troll-Armee“ zu gründen, wie es in der WELT heißt bzw. eine „Bürgerrechtsbewegung“ wie es in der Wikipedia heißt, wo man immer schnell mit hochtrabenden Begriffen für herzlich wenig bei der Hand ist und nun schon Aktionen, deren Ziel es ist, Meinungen zu unterdrücken, zur Bürgerbewegung macht? Obschon, wenn man die Grünen betrachtet, die zumindest als Bürgerbewegung gestartet sind, dann liegt der Schluss nicht so fern, dass organisierte Bürgerbewegungen darauf abzielen, Meinungs-Hegemonie zu gewinnen und andere Meinungen zu unterdrücken.

Natürlich verfolgt Böhmermann angeblich ein hehres Ziel mit seiner Troll-Armee, also mit 50.000 Freiwilligen, die einen Nutzen daraus ziehen können, Andere, die abweichende Meinungen vertreten, zuweilen so abweichende, dass man sie mit der Lupe suchen muss, zu verfolgen oder generell Meinungen, die sie für beleidigend und volksverhetzend halten, die ihnen also nicht passen, zu bekämpfen.

Beleidigung und Volksverhetzung sind Straftatbestände. Straftatbestände sind in einem Rechtsstaat Objekte, mit denen sich Polizei und Staatsanwaltschaft, später auch Gerichte beschäftigen. Vigilantes, also temporäre Bündnisse besorgter Bürger zuweilen auch Straßenräuber, sind mit einem Rechtsstaat kaum unter einen Hut zu bringen. Denn in einem Rechtsstaat gilt die Unschuld des Angeklagten bis zum Beweis des Gegenteils. Diese Unschuldsvermutung gilt auch für Äußerungen, die in sozialen Netzwerken getätigt werden. Sie gilt so lange, bis ein Richter die Schuld feststellt. Ein Richter, nicht eine Troll-Armee bzw. ein Meinungslynchmob von Böhmermann.

Es ist erschreckend, dass man angeblich in Deutschland mehr als 50.000 Freiwillige zusammenbekommt, die Spaß daran finden, das Rechtssystem auszuhöhlen und sich zum Blockwart aufzuschwingen. Die Freiwilligen müssen in ihren Offline-Leben wenig Grund haben, auf sich oder eine Leistung von sich, stolz zu sein.

Noch erschreckender ist indes, dass es der „Satiriker“ Böhmermann schafft, den trolligen Online-Eiferern das Gegenteil dessen unterzuschieben, was sie als Gute eigentlich erreichen wollen.

So will Böhmermann „dem Hass im Internet Liebe” entgegen setzen.

Dushan Wegner hat bereits auf die offenkundige Verbindung hingewiesen, die jedem halbwegs Belesenen einfällt, wenn er die Begriffe Hass und Liebe im Zusammenhang mit der Verfolgung anderer Meinungen hört:

Die Hass- und Folterlager in Orwells 1984, die dazu genutzt werden “Gedankenverbrecher” einzusperren und mit allerlei Methoden zum Widerruf ihrer Gedankenverbrechen und zur Liebe zum Großen Bruder zu bekehren, finden sich in 1984 als Gefängnisse, die vom Ministerium für Liebe unterhalten werden. Falsche Meinungen als Hass denunziert, Menschen mit falschen Meinungen zu Gedankenverbrechern gestempelt und z.B. von O‘Brien, einem Mitarbeiter im Ministerium für Liebe gefoltert, bis sie ihrer Meinung abschwören: Die Analogien sind unübersehbar. Ob Böhmermann herausfinden will, wie viel Dumme es in Deutschland gibt, die jedem Rattenfänger nachlaufen, wenn er nur die richtige Melodie spielt?

Dargestellt ist Santiago Matamoros = Santiago the Moor-Slayer

Die richtige Melodie hat den Titel „Reconquista Internet“. Reconquista, das werden viele der vermeintlich 50.000 freiwilligen Blockwarte oder Netzwarte nicht wissen, ist der Name für einen christlichen Befreiungskrieg, der jahrhundertelang, genau von 718/722 (Schlacht bei Cavadonga) bis 1491/92 (Vertrag von Granada) geführt wurde und mit der Niederlage der Nasriden seinen Abschluss findet und die Herrschaft von Muslimen über Teile von Spanien beendet. Kurz: Recongista ist ein CHRISTLICHER Befreiungskrieg gegen Muslime, eine zumindest fragwürdige Benennung in einer Zeit, in der religiöse Trennlinien wieder betont und Islamismus und religiöser Fundamentalismus zu neuen Höhen streben.

Böhmermann hat es also geschafft angeblich rund 50.000 Trolle zu sammeln, die sich gut dabei fühlen, wenn sie andere beschatten, überwachen, wenn sie Blockwart oder Netzwart spielen dürfen, die dies freiwillig tun, weil man ihnen erzählt hat, sie würden die Gesinnungsverbrecher als Gute im Böhmermannschen Minsterium für Liebe zur Strecke bringen, und die sich unter dem Banner christlicher Befreiungskriege sammeln.

Wenn etwas im Westen blüht, dann sind es die Dummheit und der Eifer, und beides zusammen ergibt eine explosive Mischung.

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13 Responses to Böhmermann: Muslimfeind und christlicher Befreiungskämpfer: Die Wurzeln der Reconquista

  1. Der Witz ist man hat dort sogar Linke als Nazis dargestellt,die überhaupt nichts mit Req. zu tun haben!

  2. lucki says:

    w t f is Böhmermann ?

  3. reinikeup says:

    Daß sie einem pathologischen Charakter wie Böhmermann offensichtlich wie die Lemminge hinterherhecheln ohne irgendeinen eigenen moralischen und persönlichen Kompass, der die frappanten Widersprüche aufdecken würde, zeigt das absurde Niveau dieser laut Wiki Abi “Bürgerbewegung”. Hass und Hetze gegen angeblichen Hass und Hetze, habitueller Kryptostalinismus, wie Sloterdijk dies in der NZZ charakerisierte. Kann man tiefer absteigen? Da geht sicher noch was! Vor allen Dingen, moralische Selbsthypnose.

  4. Jürg Rückert says:

    Der Böhmermann ist wie ein Schweinskopf abgelegt vor einer traditionell-katholischen Kirche. Der Staatschutz gähnt.
    “Schweinskopf matters” – only in front of a mosque!

    • Brockenteufel says:

      Viel interessanter wäre es, wenn der “Schweinskopf” vor einer Moschee abgelegt worden wäre,

  5. eht says:

    „Wir haben aus Versehen eine Bürgerrechtsbewegung ins Leben gerufen.“ J. B.

    Ich warte immer noch auf den Beitrag eines Psychologen oder Psychoanalytikers (männlich/weiblich/anders), der analysiert, wie es dazu kommt, dass eine Minderheit der Bevölkerung als Moralisten voller Selbstgerechtigkeit und SELBSTÜBERHÖHUNG meint, alle Andersdenkenden zu erziehen, wenn nicht mundtot machen zu müssen. Nicht nur Recht haben zu wollen und andere überzeugen zu wollen (das wäre in einer Demokratie ja ein normaler Vorgang), sondern andere Meinungen im Namen der Menschenliebe als alleinige RICHTERLICHE ENTSCHEIDUNGSINSTANZ quasi ausschalten, aburteilen zu wollen. Dahinter dürfte ein gewisses Maß an SCHWARZ-WEISS-DENKEN stecken, die Unfähigkeit (ich glaube, es ist mehr Unfähigkeit als Unwille) zu differenzieren, so wie die Liste von Herrn B. ja anscheinend auch nicht nur eindeutig Rechtsradikales enthält, sondern alles, was seine Armee bekämpfen will.

    In einem andern Blog wurde im März mal die Einschätzung einer staatlich geprüften Psychotherapeutin über „Social Justice Warriors” übermittelt: „[Die] Psychotherapeutin meint, diese SJWs sind gar nicht empathisch und fürsorglich, sondern deren angeblicher Einsatz für Minderheiten sei bloß eine sehr wirksame Methode, aus einem sozial geringen Status heraus Macht über andere auszuüben, und zwar sowohl über die sogenannten Beschützten, als auch über alle anderen. Ansonsten wären sie unreife infantile sexuell verklemmte vertrotzte Narzisten, nichts weiter.“ Zitatende. Eine harte Hypothese, sicher scheint mir aber auch zu sein, dass diejenigen, die sich triefende Liebe für alle Menschen auf die Fahnen schreiben, sehr wohl zum Hass fähig sind oder sagen wir mal: zu Aggressivität. Und dass ihnen vielleicht ein machtvolles Gemeinschaftserlebnis im Alltag fehlt, so sie nicht nur Spaß haben möchten. „Kurz nach dem Böhmermannschen Skype-Auftritt hört man überall in der dunklen re:publica-Halle aufgeregtes Tuscheln. Eine junge Frau sagt ihrem Freund: “Ich hab mich bislang ja noch nirgendwo engagiert. Aber so mit Laptop und Böhmi, ich glaube, das könnte was werden.” (bento) Ja, mit Böhmi klappt die Rettung der Demokratie.

    Am problematischsten ist aber wohl die Rolle der Medien in dieser „Bürgerrechtsbewegung“. Dass bento Böhmermanns Aktion nett findet, war zu erwarten. Dass aber auch zum Beispiel (ganz zufällig herausgegriffen) die Neue Westfälische titelt : „Böhmermanns Love-Initiative hat jetzt mehr Mitglieder als die AfD. Mit ‘Reconquista Internet‘ will der Satiriker rechtem Hass im Netz entgegentreten“ oder Die Welt dichtet: „Der Moderator Jan Böhmermann will dem Hass im Netz ‚Liebe entgegensetzen‘, deutet darauf hin, dass die so genannte vierte Gewalt im Staat … Recherche und Kritik manchmal arg anstrengend findet. Bei so viel Unterstützung kann die Aktion ja nur ein „Erfolg“ werden. Wann kommt die erste Medien-Preisverleihung?

    • Jürg Rückert says:

      Die wirklichen Hasser ziehen sich Mäntelchen der Liebe über.
      Da gibt es Pastoren der Liebe, die mir einen Gifttrunk im Becher der Barmherzigkeit kredenzen.
      Wer den größten Opferstatus in unserer Fresspyramide einnimmt ist der beherrschende Megalodon der Meere oder der T. rex des Landes.
      Man darf oft genug das Gegenteil von dem vermuten, was uns versprochen wird.
      Das Gute am Bösen ist die Verpackung.

    • sidthesloth89 says:

      Mal schauen, in wie vielen Jahren daraus ein “Ministerium der Liebe” wird.

    • hildesvin says:

      Eine nicht unbeträchtliche Rolle dabei dürfte auch der Glaube an gewisse Lügenmärchen der jüngeren Geschichte spielen, besonders e i n e s davon.

  6. Xavier da Silva says:

    Mein satirischer Beitrag zu der Aktion klingt so: Werden die Freiwilligen Mitglieder der Böhmermann-Gestapo mit Diensausweisen ausgestattet?

  7. N_K says:

    »Böhmermann: Muslimfeind und christlicher Befreiungskämpfer: Die Wurzeln der Reconquista«

    Also — wenn ich richtig informiert bin, wird doch eine »nicht ins System passende Person« von den Medien zuerst diffamiert und dann, wenn das nicht funktioniert, totgeschwiegen. Deshalb frage ich mich, auf welchem geistigen, kulturellen und sonstigen Niveau ganz normalen Anstandes sich die Medienfuzzis eigentlich bewegen, daß sie diesem Zeitgenossen nicht die gleiche »Ehre« erweisen. Oder ist es gar schon so schlimm, daß sie zu DEM als Leitfigur aufblicken, weil sie noch weiter unten sind?

  8. St. Elmo says:

    Wieso muss ich bei sowas immer and “Die Welle” denken, zu meiner Zeit war das noch – seltsamerweise bei sich linksgebenden Mitschülern – ungeliebter Schulstoff.
    Mittlerweile wird das wohl, trotz moderner neu Verfilmung, nicht mehr in Schulen behandelt.

  9. Pingback: Reconquista Germanica: Nicht rechtsextrem und viel Lärm um herzlich wenig | ScienceFiles

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