Ifo-Institut: EU hat sich bei Brexit-Poker verzockt

Es gilt als Binsenweisheit in der EU und ihren Mitgliedsstaaten, dass das Vereinigte Königreich wirtschaftlich durch einen hard brexit viel härter getroffen wird als die EU. Schon die relative Wichtigkeit der Importe und Exporte scheint diese Annahme zu bestätigen: 45% der britischen Exporte gehen in die EU, 53% der britischen Importe stammen aus der EU, 7% der Exporte der EU gehen in das Vereinigte Königreich, 4% der EU-Importe stammen von dort.

Kein Wunder also, dass die meisten ökonomischen Modelle und Berechnungen zu dem Schluss gekommen sind, dass die Kosten eines hard brexit für das Vereinigte Königreich viel höher sind als für die EU.

Wie immer steckt der Teufel in den Annahmen.

Nicht nur Klimamodelle fallen mit ihren Annahmen, auch ökonomische Modelle. Alle Modelle, die die Folgen eines hard brexit oder anderer Varianten der ökonomischen Arrangements nach einem “unkontrollierten” Brexit berechnen, gehen davon aus, dass im Vereinigten Königreich Zölle und Kontrollen auf Waren aus der EU erhoben bzw. eingeführt werden, schon weil dies umgekehrt der Fall sein wird. Entsprechend würden die Preise für britische Konsumenten steigen, sich die Lebenshaltung verteuern, die industrielle Produktion würde holpern und vieles mehr. Alle Modelle nehmen an, dass das Vereinigte Königreich nach dem Brexit 10% Zoll auf Autos aus der EU, 20% auf viele der EU importierten Lebensmittel und so weiter, erheben würde, weil die EU nach dem Brexit ihrerseits Zölle auf die britischen Importe erheben würde.

Gabriel Felbermayr vom ifo-Institut in München ist der erste, der sich gefragt hat, ob die Annahme, dass die britische Regierung ihrer Bevölkerung nach einem hard brexit durch das Erheben von Zöllen auf Importe aus der EU eine erhebliche Verteuerung der Lebenshaltung zumuten würde, überhaupt sinnvoll ist. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass sie es nicht ist. Die Annahme ist schon deshalb Unsinn, weil die Tories wiedergewählt werden wollen und jeder, der auch nur ein paar Wochen im UK gelebt hat, weiß, all hell would break loose, wenn im Zuge des Brexit erhebliche Verteuerungen auf die Briten zukämen.

Von dieser Einsicht ist es nicht mehr weit zu der nächsten Einsicht: Was, wenn die Briten gar keine Zölle auf Importe aus der EU erheben würden und sich auch die Kosten für die Kontrolle europäischer Waren sparen würden, wie sie das bereits für die Außengrenze Nordirlands erklärt haben? Die Konsequenzen wären erheblich, für die EU. Zunächst verpflichtet die WTO ihre Mitglieder, alle Handelspartner mit denen kein Handelsabkommen besteht, gleich zu behandeln. Erhebt das Vereinigte Königreich keine Zölle auf Einfuhren aus der EU, müssen auch die Zölle für Einfuhren aus China und den USA und allen anderen Ländern, mit denen das Vereinigte Königreich kein Freihandelsabkommen unterhält, was ohnehin Zölle beseitigt, gestrichen werden. Die Folge wäre keine Erhöhung der Preise für britische Konsumenten, sondern eine radikale Verringerung der Lebenshaltungskosten bei gleichzeitiger Erhöhung des Warenangebots. Allein das zu tippen, bereitet große Befriedigung.

Doch nicht nur das. Dadurch, dass die EU Zölle auf Importe aus dem UK erheben würde, verteuerten sich in Europa die Importe von vornehmlich Vor- und Zwischenprodukten aus dem Vereinigten Königreich, ein Umstand, der den betroffenen europäischen Unternehmen Beine machen würde, Druck auf die EU auszuüben, mit dem UK ein Freihandelsabkommen zu schließen.

Alles in allem kommt Felbermayr in seinen Berechnungen zu dem Ergebnis (siehe Abbildung), dass dann, wenn die britische Regierung einen solchen Hard But Smart Brexit, wie er es nennt, durchziehen würde, die EU als Verlierer im Pokerspiel übrigbleiben würde, denn der wirtschaftliche Schaden im Vereinigten Königreich wäre geringer als in der EU. Dabei hat Felbermayr nicht berücksichtigt, dass das Freihandelsabkommen mit den USA, diesen berechneten Schaden zudem reduzieren wird, was die EU zum eindeutigen Verlierer machen würde.

Wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario eines Hard But Smart Brexit? Hoch wahrscheinlich, wie man schon an den Reden von Liam Fox, dem britischen Handelsminister sehen kann, der gerne von einem „truly global Britain“ spricht und man dem entnehmen könne, was Patrick Minford, Ökonomieprofessor an der University of Cardiff (one of us), der die Bedeutung unilateraler Handelsansätze betont, so Felbermayr.

Vor diesem Hintergrund sieht Felbermayr die Abschreckungsstrategie, die die EU gefahren sei, deren Zweck darin bestand, das UK für den Austrittsfrevel zu bestrafen und potentielle Nachahmer abzuschrecken, als gescheitert und die die EU-Kommission als Verlierer, der sich „erheblich verzockt“ hat: „Für britische Konsumenten“, so schreibt er, „stiegen viele Güterpreise nicht nur nicht, sondern sie sänken sogar“.

Ein voller Erfolg.

Deshalb hat Felbermayr den folgenden Rat an die EU-Kommission, und die dort versammelten, selbst ernannten Rächer der zerstörten Europäischen Eintracht:

„Angesichts dieses Befunds sollte sich die EU dringend überlegen, ob die Gefahr eines harten Brexit für sie nicht größer ist, als bisher gedacht. Es ist an der Zeit, einen konstruktiveren Ansatz zu wählen, um entweder den Brexit noch ganz zu vermeiden oder aber das Scheidungsabkommen so anzupassen, dass auch das »Hard­but­Smart«­Szenario vermieden werden kann. Damit können sich beide Parteien besserstellen. Dass damit auch die friedenswichtige Irlandfrage erledigt ist, wäre ein phantastischer Nebeneffekt.“

Ach, hat das Spaß gemacht, diesen Post zu schreiben!

Übrigens ist es ganz offiziell, dass ein hard brexit mit einer Beseitigung von Zöllen einhergeht.

Felbermayr, Gabriel (2019). Brexit: Eine ‘Hard-but-Smart’-Strategie und ihre Folgen. ifo Schnelldienst 4/2019: 27-33.

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