Gutachter für das BMBF: Wie die Legitimationsbeschaffung in Ministerien funktioniert

Wir haben vor einiger Zeit festgestellt, dass wir die PR vernachlässigt haben, so dass es tatsächlich noch Leute geben soll, die nicht wissen, mit wem sie es bei ScienceFiles zu tun haben.

In einem früheren Post haben wir aus dem Innenleben einer von Steuerzahlern finanzierten Genderista-Blase berichtet, in der Probleme im Umgang mit ScienceFiles und vor allem unseren Argumenten gewälzt wurden. Heute wollen wir aus dem Innenleben des BMBF berichten, von der Art und Weise, in der wissenschaftliche Gutachter gewonnen werden sollen, um bestehenden Programmen, die nach Vorgaben des BMBF (man nennt das Förderrichtlinien) erstellt wurden, nachträglich einen wissenschaftlichen Anstrich oder Segen (je nach Glauben) zu verpassen.

Vor einigen Jahren ist man seitens des BMBF und im Zusammenhang mit dem bis heute laufenden Programm: Empirische Bildungsforschung – Chancengerechtigkeit und Teilhabe – Sozialer Wandel und Strategien der Förderung“ (schon damals war unbekannt, dass es Chancengerechtigkeit logisch nicht geben kann), an Dr. habil. Heike Diefenbach herangetreten, um sie als „externe Gutachterin“ zu gewinnen, deren Aufgabe darin bestanden hätte, anlässlich einer „Gutachtersitzung (1,5 Tage) … 10-12 Projektskizzen (mit jeweils max. 20 Seiten) auf der Basis definierter Kriterien in einem Bewertungsschema“ zu begutachten. „Selbstverständlich können Ihnen entstandene Reisekosten (inkl. Übernachtungskosten) auf Basis des Bundesreisekostengesetzes abgerechnet werden“. Ansonsten ist die Gutachtertätigkeit „ehrenamtlich“. Mit anderen Worten: Das BMBF will an den Kompetenzen von Wissenschaftlern schmarotzen und sucht Wissenschaftler, bei denen das nicht nur möglich ist, sondern die darüber hinaus „den Begutachtungsprinzipien von Vertraulichkeit, Unbefangenheit und Ehrenamtlichkeit“ unterliegen und bereit sind, vom BMBF vorgegebene Kriterien anzuwenden, um vom BMBF vorgegebene Projektskizzen, zu vom BMBF vorgegebenen Themenbereichen, aus dem dem BMBF gefällige Projektskizzen vorausgewählt wurden, mit wissenschaftlicher Legitimation zu versorgen.

Wissenschaftler wie Dr. habil. Heike Diefenbach sind aufgrund ihrer Reputation und weil sie ausgewiesene Experten im Bereich der Bildungsforschung sind und über einen entsprechenden Status in der Profession verfügen, high-profile targets für die Legitimations-Hunter des BMBF.

Nur bei Dr. habil. Heike Diefenbach sind sie vollständig an die falsche Adresse geraten.

Wir veröffentlichen an dieser Stelle ihre eMail, in der sie es endgültig ablehnt, als Gutachter für das BMBF zur Verfügung zu stehen.

Viel Spaß beim Lesen!

 

Sehr geehrte Frau Dr. S…, sehr geehrte Frau Dr. K…,

haben Sie vielen Dank für Ihr neuerliches Angebot zu einer gutachterlichen Mitarbeit mit Bezug auf die Fördermaßnahme “Chancengerechtigkeit…”! Ich habe mich darüber gefreut und weiß es sehr zu schätzen, denn es ist ja durchaus nicht üblich, dass man als Wissenschaftler signalisiert bekommt, es mache einen ernsthaften Unterschied, ob man sich beteiligt oder nicht. Wäre dies eine Sache zwischen Ihnen und mir, würde ich mich liebend gerne konstruktiv in Form einer gutachterlichen Tätigkeit beteiligen. Da dies jedoch nicht so ist, stehe ich nach neuerlicher reiflicher Überlegung auch weiterhin nicht für eine solche Tätigkeiten zur Verfügung.

Es liegt nämlich kein Missverständnis auf meiner Seite hinsichtlich der Art und Weise, in der die Förderrichtlinien formuliert wurden, vor. Sofern das BMBF (wer immer das in der realen Welt auch gewesen sein mag) im Vorfeld die Expertise “einschlägiger” Wissenschaftler eingeholt hat, muss ich mich fragen, welche Kriterien es hierbei herangezogen hat. Ich jedenfalls wurde nicht angefragt, obwohl ich mit Sicherheit behaupten kann, in Sachen Bildungserfolg von Schülern mit Migrationshintergrund “einschlägig”, wenn nicht derzeit die “einschlägigste” Wissenschaftlerin überhaupt zu sein. (Nicht umsonst benutzen die “einschlägigen” Kollegen mein nunmehr in der dritten Auflage erschienenes Buch zu diesem Thema in ihrer Lehre.) Das ist aber nur eine Merkwürdigkeit, mit der ich durchaus leben könnte. Es kam aber schlimmer: Wie ich bereits in meiner ersten mail bemerkt habe, ist mir vollkommen unnachvollziehbar, wie eine Reihe “einschlägiger” Experten zu einer Aussage kommen kann wie der, nach der die Bildungschancen der Geschlechter aktuell nahezu ausgeglichen seien. Dass dem nicht so ist, wurde bereits im Jahr 2002 anhand der amtlichen Bildungsstatistik (!) von mir selbst und einem Kollegen nachgewiesen, publiziert und breit rezipiert. In den vergangenen Jahren haben sich diejenigen Kollegen, die ich als “einschlägig” in der Bildungsforschung bezeichnen würde, den Bildungsnachteilen von Jungen auch zunehmend gewidmet, und inzwischen sind Sammelbände erschienen oder im Druck, die diese thematisieren. Im Sinne des guten alten peer-review-Prozesses kommt man als peer also zu einem negativen Ergebnis hinsichtlich der Auswahl der Experten, denn man muss sich fragen, wofür die “einschlägigen” Experten eigentlich Experten gewesen sind – jedenfalls sicherlich nicht für Bildungsforschung.

Ich vermute, dass die Einschlägigkeit eher insofern bestand als es Angestellte in An-Instituten der Bundesregierung waren, die hier als “Experten” fungieren sollten, also Mitarbeiter des DJI oder des DIPF und damit Personen, die seit Jahren in einer klar ideologisch vorgegebenen Richtung tätig sind (und sein müssen) und sich eher als Multiplikatoren denn als Wissenschaftler verstehen (wie u.a. die stark zensierten Bildungsberichte zeigen; entschuldigen Sie die Deutlichkeit, aber es ist ja nun einmal so, dass man sich untereinander kennt und das ein oder andere austauscht) und dies bei vielen Anlässen hinreichend deutlich gemacht haben – so begründet das DJI Absagen an Stellenbewerber u.a. damit, dass sie für die Stelle “zu wissenschaftlich” seien, und das ist nur eine unter vielen allgemein bekannten Anekdoten –, so dass dieser Umstand unter Wissenschaftlern ebenfalls hinreichend bekannt ist. Für einen Wissenschaftler, der ein entsprechendes Selbstverständnis hat und entsprechende Prinzipien zu leben versucht, ist es sehr, sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, sich im Rahmen einer Förderrichtlinie zu engagieren, die auf diese Weise und unter Beteiligung von Personen, die offen die Wissenschaft ideologischen Positionen unterordnen, zustande gekommen ist.

Wenn das BMBF bereits bei diesem Schritt in Unkenntnis oder absichtlich andere Kriterien als die Sachkenntnis für die Auswahl von “Experten” zur Formulierung einer Förderrichtlinie verwendet hat, besteht sicherlich Anlass, daran zu zweifeln, dass es ihm gelingen wird, sich in der Folge doch noch zu wissenschaftlich relevanten Kriterien durchzuringen. Das heißt, es ist sehr wahrscheinlich, dass die Zusammenarbeit für mich und möglicherweise auch für andere Beteiligte eher unerquicklich, vor allem aber wenig ertragreich sein würde. Wozu sollte ich mich dann aber (auch noch unentgeltlich) engagieren?

Wenn das BMBF oder die Bundesregierung insgesamt wünscht, eine wissenschaftliche Beratung zu erhalten, statt “Wissenschaftlichkeit” lediglich zu Legitimationszwecken in Anspruch zu nehmen, wird die Bundesregierung, denke ich, eine deutlich respektvollere Haltung der Wissenschaft gegenüber an den Tag legen müssen. Dies beginnt z.B. damit, dass Berichte nicht mehr von Angestellten in An-Instituten verfasst werden, sondern von den jeweiligen tatsächlichen Sachexperten, diese Berichte nicht arrogant und völlig unbegründet kommentiert werden (z.B. mit Sätzen wie “Dem muss widersprochen werden”, der sich tatsächlich so und ohne weitere Begründung im Kommentar zum 11. Familien- und Jugendbericht fand) und die Daten, die sie zum Zweck wissenschaftlicher Beratung unter Verwendung von Steuergeldern sammelt, wie z.B. die PISA-Studie – auch die PISA-E-Studie! – denjenigen bereitstellt, die die Datensammlung finanziert haben, also dem Steuerzahler. (Derzeit werden diese Daten wie der Privatbesitz der Bundesregierung behandelt, die Zugang nach Gutdünken erteilt oder vielmehr in den allermeisten Fällen nicht erteilt.) Sicherlich genügt es nicht, wenn die Bundesregierung von Wissenschaftlern, die ihrerseits ihre in von der Bundesregierung geförderten Projekten gesammelten Daten wie Privatbesitz behandeln, in Zukunft nicht nur rhetorisch, sondern tatsächlich verlangt, sie der Öffentlichkeit bereitzustellen; vielmehr muss sie, um glaubhaft zu wirken, hier mit gutem Beispiel vorangehen (, sieht hier aber bislang anscheinend keinen Handlungsbedarf, was nicht bedeutet, dass keiner bestünde). Weiter dürfte man erwarten, dass Wissenschaftlern die Forschung über und in staatlichen Institutionen wie denjenigen des Bildungssystems konsequent ermöglicht wird, was einen unbeschränkten Zugang zu diesen Institutionen (z.B. teilnehmende Beobachtung im Unterricht) und den Daten, die in ihnen gesammelt und verwendet werden, beinhaltet. (Derzeit muss man viel Glück haben, um auf jemanden in den Schulbehörden zu treffen, der den Sinn einer unabhängigen Forschung einsieht und sie unterstützt, und selbst dann, wenn man solche Personen findet, haben sie häufig Angst, dass sie mit der vorgeordneten administrativen Stelle Ärger bekommen…).

Sie sehen, es gibt einfach so viele grundlegende Mißstände mit Bezug auf den Umgang der Bundesregierung mit Wissenschaft, dass mir – und nicht nur mir – das Engagement völlig verleidet ist. Ich kann nur wünschen, dass Sie Recht haben und wenigstens eine Gutachtertätigkeit im Rahmen der Fördermaßnahme nicht eine bloß administrative Tätigkeit ist, aber ich kann es aufgrund all dessen, was ich vorgebracht habe, nicht glauben. In jedem Fall habe ich ja einige Vorschläge gemacht, wie das BMBF oder die Bundesregierung im Allgemeinen ihre Glaubwürdigkeit diesbezüglich erhöhen könnte, und insofern hoffe ich, doch noch konstruktiv gewesen zu sein, wenn auch nicht auf die vorhergesehene Weise (sondern auf meine eigene Weise).

Ich danke Ihnen nochmals sehr herzlich für Ihr neuerliches Angebot zur Mitarbeit; wie gesagt sollten Sie der Ablehnung bitte nicht entnehmen, dass ich es als Geste nicht zu schätzen wüsste.

Mit freundlichen Grüßen,
Heike Diefenbach

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