Die Gesellschaft als geschützter Raum für Weltflüchtige einer Art

Eine Gesellschaftsanalyse von Dr. habil. Heike Diefenbach

Vermutlich haben Sie alle oder fast alle von so genannten geschützten Räumen gehört. Geschützte Räume sind normalerweise Bereiche in Gebäuden oder an Orten, in/an denen Personen, wichtige Geräte oder Gegenstände oder Vermögenswerte durch erhöhte Sicherheitsvorkehrungen geschützt werden, z.B. vor den vernichtenden Wirkungen einer Explosion. Beispiele für geschützte Räume sind Bunker, Kontrollwarten und Abhörpositionen sowie – seit den 1990er-Jahren: bestimmte Bereiche an Universitäten.

Vor diesem Hintergrund würde man vermuten, dass geschützte Räume an Universitäten die Räumlichkeiten des Universitätsrektorats sind oder der zentralen Studienverwaltung, die die Daten der Studenten verwaltet, bestimmte Laboratorien, in denen teure Maschinen oder Anlagen stehen, oder bestimmte Bereiche der Universitätsbibliothek, in denen alte Handschriften oder seltene Bücher aufbewahrt werden. Tatsächlich ist aber all das nicht gemeint, wenn mit Bezug auf Universitäten von geschützten Räumen die Rede ist. So genannte geschützte Räume an Universitäten sind keine Orte, an denen wichtige Personen, Daten, Maschinen oder andere wertvolle Gegenstände besonders geschützt werden, sondern Orte, an denen sich Personen aufhalten oder treffen können, die ein erhöhtes Bedürfnis nach emotionaler oder ideologischer Sicherheit haben, wie ein Berater des ehemaligen U.S.-Präsidenten Barack Obama namens Van Jones sagte: „But there’s another view that is now I think ascendant, which I think is just a horrible view, which is that ‚I need to be safe ideologically. I need to be safe emotionally. I just need to feel good all the time, and if someone says something that I don’t like, that’s a problem for everybody else, including the [university] administration”.

Solche geschützten Räume kann  man als Ergebnis eines überhöhten Bedürfnisses nach emotionaler oder ideologischer Sicherheit ansehen, die durch jeden Missklang, jede andere Meinung, jede mangelnde Zuneigungsbekundung gefährdet ist und auf dessen Befriedigung durch andere Personen und Institutionen dem so Bedürftigen ein moralisches (wenn nicht juristisches) Recht zugestanden wird, ein Recht darauf, dass die eigenen Gefühle unverletzt bleiben. Wessen Gefühle verletzt werden, der gilt vor diesem Hintergrund als Opfer, und wer Gefühle verletzt, dementsprechend als Unterdrücker, Hasser, Feind von irgendjemand oder irgendetwas, mit dem sich derjenige, dessen Gefühle verletzt wurden, gerade identifiziert. Triggerwarnungen sind ein Ausdruck dieses zugestandenen Rechtes auf emotionale oder ideologische Sicherheit vor gefühlsverletzenden Meinungen oder Tatsachen.

Nun ist der Planet, auf dem wir leben, die Art und Weise, nach der Überleben und Miteinanderleben funktioniert, auf alle möglichen Arten und ohne Unterlass dazu geeignet, unsere Gefühle zu verletzen. Wir täten deshalb wahrscheinlich gut daran, in uns selbst und anderen eine Art Immunität gegen Gefühlsverletzungen durch alles und jeden aufzubauen, ganz so, wie eine Studie über Allergie gegen Erdnüsse unter amerikanischen Kleinkindern gezeigt hat, dass unter den 530 Kindern, die bei der Eingangsuntersuchung keine Reaktion auf einen Erdnussextrakt gezeigt hatten, 13,7 Prozent der Kinder, deren Eltern angewiesen wurden, ihre Kinder von allen Erdnuss-Produkten fernzuhalten, eine Erdnuss-Allergie entwickelten, aber nur 1,9 Prozent der Kinder, deren Eltern angewiesen wurden, ihren Kindern dreimal in der Woche Erdnuss-Produkte wie Erdnuss-Puffs oder Erdnussbutter zu essen zu geben. Unter den 98 Kindern, die bei der Eingangsuntersuchung eine Reaktion auf Erdnussextrakt gezeigt hatten, entwickelten 35,3 Prozent derer, die keinerlei Erdnussprodukte gegessen hatten, eine Allergie, aber nur 10,6 Prozent derer, die dreimal in der Woche Erdnussprodukte gegessen hatten (Du Toit et al. 2015).

Nun kann man einwenden, dass psychische Gesundheit etwas anderes sei als physische Gesundheit, aber tatsächlich besteht zunächst kein Grund, dies anzunehmen, und darüber hinaus ist es gerade die Vorstellung von der De-Sensibilisierung gegen Belastungs- oder Störfaktoren, die vielen Psychotherapien zugrundeliegt. Selbst dann, wenn man zugestehen wollte, dass emotional oder ideologisch besonders Bedürftige geschützte Räume benötigen, würde man vor einem praktischen Problem stehen: Weil sich emotionale oder ideologische Bedürftigkeit auf alle möglichen Inhalte beziehen kann, wären geschützte Räume für alle möglichen Menschen mit allen möglichen emotionalen oder ideologischen Empfindlichkeiten einzurichten. Und wenn das möglich wäre, würde es eine sehr weitgehende Segregation der Menschen voneinander bedeuten. Demokratie, geschweige denn eine pluralistische Gesellschaft, wäre niemandem mehr zuzumuten, beruht doch beides notwendigerweise auf dem Aushalten und der Anerkennung von Vielfalt und Unterschieden.

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Wenn die Schaffung geschützter Räume für jeden nicht möglich ist, kann das Ziel der emotional oder ideologisch übermäßig Schutzbedürftigen nur sein, die eigene Welt als die Welt zu etablieren. Der den eigenen Bedürfnissen entsprechende Schutzraum muss möglichst soweit ausgedehnt werden, dass so gut wie jede Erfahrung, die zu machen den übermäßig Schutzbedürftigen droht, eine ist, die ihre Gefühle nicht verletzt, nicht gegen ihre Voreingenommenheiten oder Empfindlichkeiten verstößt; die Welt darf nicht mehr so sein, wie sie ist, sie muss so werden, wie sie nach den persönlichen Bedürfnissen der emotional oder ideologisch übermäßig Schutzbedürftigen zu sein hat. Dazu gehört auch, dass die Entstehung von Schutzräumen für Menschen mit anderen Bedürfnissen verhindert wird, z.B. dadurch, dass solche Schutzräume als „fake news“ produzierende Echo-Kammern gebrandmarkt werden, die angeblich eine Gefährdung einer angeblich existierenden Demokratie in einer pluralistischen Gesellschaft darstellen und bekämpft werden müssen, während der eigene Schutzraum eine gute Sache ist, die andere zu akzeptieren haben und an die sie keinerlei Maßstäbe oder Erwartungen heranzutragen haben, die sie schon gar nicht zu kritisieren haben.

Tatsächlich wird der öffentliche Raum zunehmend zu einer von wichtigen Elementen sozusagen gereinigten künstlichen Umgebung. Es sind ja nicht nur geschützte Räume an Universitäten und Triggerwarnungen, die wichtige Elemente der Realität systematisch auszublenden versuchen. Wir halten Kinder und Jugendliche für etwa 20 Jahre in künstlichen Umwelten samt pädagogischen Spielzeugs und angeblich kind“gerechtem“ Tapetendruck, die auf sie und ihre vermeintlichen Bedürfnisse zugeschnitten sind und die sie nur absehbare und kontrollierbare Erfahrungen machen lassen, sie aber nicht lehren, mit Unerwartetem und vielleicht Unliebsamem umzugehen. Es ist durchaus plausibel zu vermuten, dass geschützte Räume an Universitäten und Triggerwarnungen lediglich die Fortsetzung von Kindheit als geschütztem und damit künstlichem Raum sind, eine Fortsetzung, die notwendig erscheint, weil man Leute, die 20 Jahre in einer künstlichen Umgebung gehalten werden, nicht einfach von heute auf morgen in die reale Welt der Vielfalt und des Unliebsamen entlassen kann und erwarten kann, dass sie sich mit der realen Welt schon irgendwie arrangieren werden.

Die Fortsetzungsgeschichte von der Weltflucht hat inzwischen aber noch eine weitere Episode aufzuweisen, die weit ins Erwachsenenalter hineinreicht, nämlich einen künstlichen Arbeitsmarkt für emotional oder ideologisch übermäßig Bedürftige, in dem sie sich ungestört mit dem auseinandersetzen können, was sie sind oder nicht sind, und in dem die einzige Begegnung mit der realen Welt – abgesehen davon, dass der weniger bedürftige Steuerzahler ihnen monatlich Geld überweist – darin besteht, die Bausteine der realen Welt und diejenigen, die sie bewohnen, zu beklagen, zu beschimpfen und verurteilen bzw. abzuurteilen. Man denke nur an die Legionen von insbesondere weißen Mittelschichtsfrauen und hier insbesondere an die Gender-Ideologen, in prekären, weil unproduktiven Anstellungen beim Staat, in irgendwelchen An-Instituten an Universitäten, Stiftungen oder Ministerien, die nichts anderes können (und vielleicht auch nicht wollen), als die  Elemente der realen Welt und ihre Bewohner mit negativ wertenden Adjektiven zu belegen, ihnen in freier Assoziation alle möglichen Verfehlungen zu unterstellen, die Freiheitsrechte anderer Menschen einzuschränken zu versuchen und genau hieraus emotionale Befriedigung und eine Bestärkung ihres Gefühls für die eigene Opfer-Identität zu saugen. Diese Identität pflegen zu können, ist für sie grundlegend wichtig, weil ja gerade aus dieser Identität das „Recht“ abgeleitet wird, die reale Welt als eine böse Welt bekämpfen zu können – oder sie nicht wahrnehmen zu müssen. Würde man eine beliebige Frau „Doktor“ in Sachen Gender in den freien Arbeitsmarkt entlassen, wo sie messbare und daher mit den Leistungen anderer Personen vergleichbare, produktive Leistungen als Gegenleistung für die monatliche Gehaltsüberweisung erbringen müssten, würde sie vermutlich sehr schnell von den Verhältnissen in der realen Welt und den legitimen Ansprüchen, die andere Menschen an sie haben können, eingeholt.

Ihre Nischenexistenz ist eine Existenz in einer künstlichen Welt, einem eigens nach ihren Bedürfnissen geschaffenen Schutzraum  mit einer eigenen Mythologie, einer eigenen Symbolik, einer eigenen Sprache, in der sie sich gut fühlen, als rein formal gebildete, akademisierte „Volks“erzieher sogar als irgendwie überlegen inszenieren können, unbedroht bleiben von Leistungsstandards und Ansprüchen anderer Menschen an sie. Ansprüche, die sie selbst haben, z.B. auf einen Schreibtisch-Job beim Staat und eigene Kinder, gelten ihnen als legitim und werden an „den Staat“ gestellt – den es natürlich nicht gibt; es gibt nur Menschen bzw. Steuerzahler – mit dem sie in inniger Vereinigung wie der Säugling mit der nährenden Mutter bis an ihr Lebensende verharren wollen. Dass ihnen das Leben in ihrer künstlichen Welt erhalten und zumutbar bleiben kann, setzt voraus, dass Menschen mit anderen emotionalen und ideologischen Bedürfnissen diese zurückstellen, ihre Gefühle verletzen und ihre Geldbeutel leeren lassen.

Und so erweist sich der Versuch, die gesamte Gesellschaft in einen geschützten Raum für emotional und ideologisch Überbedürftige einer speziellen Ausprägung zu verwandeln, als von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Versuch kann nur so lange währen, wie andere Menschen bereit sind, in einem erheblichen Ausmaß die eigenen Gefühle verletzen zu lassen und das eigene Geld für Weltflüchtige aufzuwenden. Je mehr die Schar der etablierten Weltflüchtigen wächst und je mehr sie die Menschen, die die reale Welt bewohnen, beschimpfen, desto schneller wird die Bereitschaft der Ausgenutzten und Beschimpfen, die etablierten Weltflüchtigen zu unterhalten, schwinden.


Literatur:

Wen die „Erdnuss-Studie“ interessiert, hier die bibliographischen Angaben:

Du Toit, George et al. 2015: Randomized Trial of Peanut Consumption in Infants at Risk of Peanut Allergy. The New England Journal of Medicine 372: 803-813.

Wer eine Studie über die Inszenierung von Kindheit geschütztem Raum lesen möchte, bzw. darüber, wie mit dem Einbrechen der Realität in diesen Raum – verbal – umgegangen wird, liest vielleicht mit Gewinn:

Golden, Deborah, 2005: Childhood as Protected Space? Vulnerable Bodies in an Israeli Kindergarten. Ethnos: Journal of Anthropology 70(1): 79-100.


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