Guter Vorsatz für 2020: Rationaler Widerstand in Form von Sprache!

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Haben Sie gute Vorsätze für 2020 gefasst? Vielleicht nicht. Vielleicht haben Sie es früher getan, aber inzwischen damit aufgehört, weil Sie die Erfahrung gemacht haben, dass gute Vorsätze die Angewohnheit haben, sich hartnäckig dagegen zu sperren, in neue Gewohnheiten, neue Tagesabläufe, kurz: in die Praxis überführt zu werden. Vielleicht gehören Sie aber auch zu den Menschen, die es schaffen, Entschlüsse, einmal gefasst, einfach von heute auf morgen umzusetzen, einfach zu tun, was Sie sich vorgenommen haben, und eventuell auftretende neue Passungsprobleme zu lösen, wenn, wann und wie sie anfallen.

Wie dem auch sei – wir haben einen Vorschlag für einen guten Vorsatz für das Jahr 2020, der Ihnen nutzt und nicht nur Ihnen, sondern uns allen nutzt und sprachlicher Art ist, weshalb er keine Veränderung Ihres gewohnten Tagesablaufes erfordert. Der Vorsatz lautet:

Übernehmen Sie in Ihre eigene Sprache keine Worte oder Ausdrücke, die z.B. die Medien oder Ihre Kollegen am Arbeitsplatz wie selbstverständlich verwenden, die aber tatsächlich sehr voraussetzungsvoll sind, und weisen Sie solche Worte oder Ausdrücke, wenn sie an Sie gerichtet werden, konsequent zurück, wenn Sie die Voraussetzungen, die in diesen Worten oder Ausdrücken gemacht werden, nicht teilen!

Was das konkret bedeuten soll, wird hoffentlich anhand von Beispielen klar. Da ist z.B. der neugeschöpfte Begriff „Schutzsuchende“, den die ScienceFiles-Leser im vergangenen Jahr zu ihrem Unwort des Jahres 2018 gewählt haben. Diesen Begriff gewohnheitsmäßig als Begriff zur Bezeichnung von Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland im Zuge des Asylrechts oder als Flüchtlinge (andere Art) zugewandert sind, zu akzeptieren, ist in mehrfacher Hinsicht unvernünftig:

Sein semantisches Feld verweist auf Menschen, die Schutz suchen, nicht mehr und nicht weniger. Akzeptiert man die Bezeichnung „Schutzsuchende“ als allgemeine Bezeichnung für Zuwanderer, die unter Berufung auf bestimmte rechtliche Regelungen nach Deutschland gekommen sind, dann setzt man im Begriff all diese Zuwanderer mit Menschen, die Schutz suchen, gleich. Zwar ist z.B. das Asylrecht tatsächlich als ein Recht formuliert worden, das Menschen, die in ihrem Heimatland an Leib und Leben gefährdet sind, Schutz vor entsprechender Verfolgung bieten soll, aber das bedeutet nicht, dass alle Menschen, die unter Berufung (u.a.) auf das Asylrecht zuwandern bzw. in ein Land einreisen, das nur oder hauptsächlich oder überhaupt tun, weil sie Schutz vor solcher Verfolgung in ihrem Heimatland suchen. Die Gründe, warum Menschen zu Migranten werden, lassen sich nicht per paranormaler Ferndiagnose feststellen, und deshalb macht es keinen Sinn, Menschen oder Gruppen von Menschen aufgrund einer – ihnen eben bloß unterstellten – Motivation zu bezeichnen.



Von „Schutzsuchenden“ zu sprechen, um Menschen zu bezeichnen, die mit unbekannter Motivation und unter Berufung auf bestimmte Rechtssätze in ein Land einreisen/einwandern, ist sachlich in einer unbekannten Anzahl von Fällen schlichtweg falsch, und es ist völlig unnötig, diesen Fehler in Kauf zu nehmen, denn man kann diese Menschen – sachlich korrekt – als „Zuwanderer“ bezeichnen, denn es ist ein zutreffender Sachverhalt, dass sie zuwandern, oder als „Asylbewerber“ oder „Kontingentflüchtlinge“ (o.ä., je nachdem,), weil es ein zutreffender Sachverhalt ist, dass ihr Aufenthalt aufgrund eines bestimmten rechtlichen Status legitimiert ist.

Warum sollte man in Bezeichnungen für Menschengruppen irgendwelche ungeprüften – und oft unprübaren – Annahmen über ihre Absichten oder irgendwelche anderen ihrer persönlichen Merkmale machen, wenn man sie einfach sachlich korrekt, d.h. gemäß der beobachtbaren Tatsachen – und wertneutral! – bezeichnen kann!?

Die Schaffung solcher Worte wie „Schutzsuchende“ ist ein rhetorischer Trick, mit dem Menschen kritisches Denken verunmöglicht werden soll oder – umgekehrt formuliert und um mit Antonio Gramsci (1971: „Selections from the Prison Notebooks“, ed. and trans. Quentin Hoare & Geoffrey N. Smith, New York: Lawrence & Wishart, 12) zu sprechen – Hegemonie zu schaffen durch Konsens der „Massen“ mit dem, was Leute, die sich für Angehörige dominanter Gruppen halten, aufgrund ihres vermeintlichen Prestiges vorgeben zu können meinen.

Wenn man Menschen als „Zuwanderer“ oder „Asylbewerber“ bezeichnet, dann wird auf ihr Verhalten bzw. ihren rechtlichen Aufenthaltsstatus Bezug genommen. Das ist alles. Dementsprechend sind die Fragen, welche Vor- oder Nachteile die Zuwanderung für wen hat oder nicht hat, ob der Aufenthaltsstatus in einem bestimmten Fall gerechtfertigt ist oder nicht, stell- und diskutierbar.



Aber wie ist das, wenn von „Schutzsuchenden“ gesprochen wird? Es ist nicht möglich, sich zu fragen, was die Motivation von zuwandernden „Schutzsuchern“ ist, denn schon in der Bezeichnung ist festgeschrieben, dass „Schutzsuchende“ Schutz suchen, und wer ist so gleichgültig oder gar niederträchtig, jemandem, der Schutz sucht, denselben zu verwehren?! Das ist der Trick: Akzeptiert man die pauschale Rede von „Schutzsuchenden“, dann ist jede kritische Betrachtung des Phänomens der massenhaften Zuwanderung von Menschen im Rahmen z.B. der Asylgesetzgebung von vornherein ausgeschlossen. Wer sie dennoch anstellt, macht sich allein dadurch zum Menschenverachter: Er stellt kritische Fragen an oder über „Schutzsuchende“, erweist sich als jemand, der Aspekte der Zuwanderung, die z.B. den schnöden Mammon betreffen, mit Bezug auf Menschen, die Schutz suchen, relevant findet und damit als unmoralischer Zeitgenosse.

Den Begriff „Schutzsuchende“ zur allgemeinen Bezeichnung von Menschen, die und unter Berufung auf bestimmte Rechtssätze in ein Land einreisen/einwandern, abzuweisen, d.h. selbst nicht zu benutzen, und ihn in dieser Verwendung zurückzuweisen, ist aus diesen Gründen nicht nur eine persönliche Pflicht im Interesse der eigenen geistigen Gesundheit, sondern auch eine Bürgerpflicht, denn es ist im Interesses jedes Bürgers in einer Gesellschaft, daran mitzuwirken, dass – auch oder gerade – gesellschaftspolitische Fragen diskutierbar sind, dass Diskussionen nicht mit Hilfe moralischer Knebel abgeschnitten oder von vornherein verunmöglicht werden, dafür, dass stattdessen beschreibende, wertneutrale Begriffe zur allgemeinen Verfügung stehen, die der gegenseitigen Verständigung – ungeachtet persönlicher weltanschaulicher Überzeugungen – dienen können.

Es geht hier nicht die triviale Feststellung, dass jeder Sprache eine Konzeption der Welt zugrunde liegt, sondern um die gesellschaftspolitisch, weil praktisch relevante Tatsache, dass manche Konzeptionen von Sprache bzw. Arten zu sprechen, Raum für unterschiedliche Auffassungen von den Dingen und damit für kontroverse Diskussionen lassen, während andere dies nicht tun.

„Klimaleugner“, mein persönliches Unwort des Jahres 2019, ist ebenfalls ein unvernünftiger und Diskussion unterdrückender Begriff, den man weder akzeptieren noch selbst benutzen sollte: Die Genitivverbindung „Klimaleuger“, d.h. „Leugner des Klimas“, verweist auf jemanden, der die Existenz des Klimas leugnet. Mir ist niemals jemand begegnet, und ich habe niemals von jemandem gehört, der leugnet, dass es das oder ein Klima gebe, und Ihnen vermutlich auch nicht. Als beschreibender Begriff macht „Klimaleugner“ keinen Sinn, weil er eine leere Menge bezeichnet.

Jemand, der diesen Begriff dennoch benutzt, muss deshalb geistig umnachtet oder ein höchst unbewusster, gewohnheitsmäßig in Floskeln sprechender Zeitgenossen sein, oder er verwendet den an sich unsinnigen Begriff absichtlich als bloßen Kampfbegriff, der nichts ausdrückt außer der eigenen Ablehnung einer bestimmten Position. Wir wissen aus Erfahrung, welche Position das ist, nämlich die Position, nach der es gemäß der bislang verfügbaren Beobachtungsdaten keine von Menschen verursachte nennenswerte Erderwärmung (mit nennenswerten Folgen) gebe.

Jemanden, der diese Position vertritt, als jemanden zu bezeichnen, der etwas „leugnet“, unterstellt, dass das, was er meint, falsch sei, dass in Wahrheit das zutreffend sei, was dieser Jemand nicht glaubt, was er eben „leugnet“. Tatsächlich ist das der übliche Sprachgebrauch für das Verb „leugnen“, was ausnahmsweise sogar der Duden akzeptiert, in dem es zum Verb „leugnen“ heißt:

In der ersten Bedeutung ist jemand, der etwas „leugnet“, klar als jemand identifiziert, dem etwas zur Last gelegt – nicht vielleicht: bloß unterstellt – wird, und in den beiden weiteren Bedeutungen bedeutet „leugnen“ entweder schlicht „lügen“ oder „sich zum Außenseiter zu machen“ dadurch, dass von einer als wahr gesetzten Behauptung oder Überzeugung abgewichen wird.

Von „Klimaleugnern“ zu sprechen, bedeutet deshalb zumindest, jemanden als Abweichler von einer angeblich allgemein bekannten, für wahr gehaltenen Position, zu bezeichnen, wenn nicht als böswilligen Lügner.

Begriffe wie „Schutzsuchende“ und „Klimaleugner“ zeichnen sich dadurch aus, dass in relativ kurze, eingängige Worte, eine große Anzahl von Prämissen hineinpackt sind, also Vorannahmen, die man machen muss, wenn der Begriff irgendeinen Sinn haben soll, irgendetwas bezeichnen soll. Diese Prämissen sind selbst höchst fragwürdig, werden aber im Begriff einfach als zutreffend vorausgesetzt. Sie sind Kampfbegriffe, weil sie keine andere Funktion haben als denjenigen, an den das Wort gerichtet wird, zur Solidarisierung mit den Prämissen aufzufordern, die der Begriff beinhaltet. Verweigert er den Solidarisierungsakt, der durch die Akzeptanz des Begriffs oder seine Verwendung signalisiert wird, ist er als Gegner oder mindestens als „keiner von uns“ identifiziert. Solche Begriffe sind nur dazu geeignet, Freunde und Feinde zu identifizieren, Definitionsgewalt derart auszuüben, dass Menschen, die die Prämissen, die im Begriff versteckt sind, nicht teilen, bestenfalls mundtot gemacht werden, in jedem Fall aber ins Unrecht gesetzt werden – von der Position aus gesehen, die der Begriff als die „richtige“ suggeriert.

Dass es massive Versuche der sprachlichen Um-/Erziehung gibt, ist keine Neuigkeit, und wir alle sind seit Jahren umgeben von sprachlichen Amputationen im Interesse politischer Korrektheit – und oft genug gegen das Interesse der sachlichen Korrektheit. Wenn wir rationalen Widerstand in Form von Sprache als guten Vorsatz für das Jahr 2020 vorschlagen, dann tun wir das, weil wir meinen, dass die meisten von uns mehr gegen solche Übergriffe auf unsere Grundfreiheiten tun können als wir bislang tun, und sei es nur, weil bei den meisten von uns eine Gewöhnung an sprachliche Zumutungen wie „Schutzsuchende“ und „Klimaleugner“, aber auch z.B. „Doppelverdiener“, „Geschlechtergerechtigkeit“ oder „Frauenförderung“ erfolgt. Wir können konkret mehr tun, indem wir auf unseren eigenen Sprachgebrauch achten und Begriffsangebote nicht (mehr) einfach hinnehmen, geschweige denn: übernehmen, sondern explizit – in Sprache – zurückweisen.

Diese Form rationalen Widerstandes kostet nichts und verletzt niemandes Rechte und niemandes materielles Wohlergehen. Es ist eine moralisch einwandfreie Form rationalen Widerstandes.

Gleichzeitig ist es eine Form des rationalen Widerstandes, die wichtig ist und effizient sein dürfte: wenn signalisiert wird, dass Kampfbegriffe und Floskeln als solche erkannt und zurückgewiesen werden, dann kann das der Diskussionskultur in einer Gesellschaft nur förderlich sein, und wer will sich schon in der Öffentlichkeit als sinnlos daherlabernder Ideologie-Multiplikator identifizieren und sich dementsprechend gesellschaftlichem Spott preisgeben?!


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