Professoren anpinkeln. Das neue Hobby der vermeintlichen Intelligentia

Was ist niedriger, als sich gegenüber Leuten, die in einer Zeit lebten, die man nur vom Hörensagen kennt, die mit Randbedingungen konfrontiert waren, die man nicht einschätzen kann und die vor allem eines sind: mausetot, und das schon seit Jahren, posthum an den Karren zu fahren, sie anzupinkeln und selbst aus dem ekligen Unterfangen ethische Erhabenheit zu saugen?

Wir leben im Zeitalter des Professorenpinkelns und beginnen damit, ein Epitaph aus dem Spiegel des Jahre 1969 zu zitieren:

Ludiwg HeilmezerLUDWIG HEILMEYER, 70. Er war ein unorthodoxer Pontifex, urig lärmend, Weltmann aus dem Jugendstil-München, betriebsam und ein Boß — der deutsche Papst der Inneren Medizin. Im Trümmer-Deutschland, als andere Ordinarien Notbaracken bauten, ließ der Experte für Blut und Blutkrankheiten moderne Kliniken errichten und verschaffte der medizinischen Fakultät in Freiburg internationales Renommee. Als er im Pensionsalter zum Gründungsrektor der Ulmer Universität berufen wurde, machte sich der als Klinik-Chef alten Schlages gefürchtete Heilmeyer mit Vehemenz stark für Studienreform, Kollegialsystem und gegen die Pfründen-Wirtschaft. Burschikos noch als Präsident des Internistenkongresses, gab er — mit quicken Blicken durch eine knorrig schwarze Brille jedes Auditorium bezwingend — seine Losung aus: “Medizin wird Naturwissenschaft sein, oder sie wird nicht sein.”

Tatsächlich hat Heilmeyer eine lange Liste der Verdienste angehäuft (z.B. neue Verfahren zur Behandlung von Leukämie und in der Nuklearmedizin), eine Liste, von der noch heute die Namensgebung von Tumorzentren oder Einträge im Atlas der Klinischen Hämatologie und Cytologie künden.

Seine Verdienste sind unbestritten.
Niemand bestreitet sie.
Eigentlich.

Uneigentlich hat Florian Steger, ein Ulmer Medizinhistoriker, gerade in einem Vortrag zur Rolle von Ludwig Heilmeyer, dem Gründungsrektor der Universität Ulm, gehalten. Zu welcher Rolle? Na zu der im Nationalsozialismus. Was könnte im Jahre 72 nach dem Ende des Tausendjährigen Reiches und im Jahre 48 nach dem Tode von Ludwig Heilmeyer wichtiger sein, als in dessen vielleicht brauner Vergangenheit zu wühlen?

Deutschland hat keine Probleme.

Und Deutschlands angebliche Intellektuelle haben so wenig eigene Ideen, dass sie sich Selbstbewusstsein und moralische Erhabenheit dadurch zu verschaffen trachten, dass sie Personen, deren, wie Steger sagt, „Verdienste … unbestritten“ sind, in den braunen Dreck treten wollen.

Und das ist die posthume Anklageliste gegen Ludwig Heilmeyer:

  • Nationale Gesinnung
  • Mitglied im Freikorps Epp (so etwas wie die Anti-Antifa der Weimarer Republik)
  • Mitglied im Stahlhelm (Organisation der Deutschnationalen Volkspartei)
  • Anführer des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes (Rund 1/3 der Universitätsdozenten war Mitglied, vor allem Dozenten aus den Sozialwissenschaften, die  für Extremismus damals wie heute offenbar besonders anfällig sind, damals NSDDB, heute Gender Studies…)
  • KEIN Mitglied in der NSDAP
  • Bekanntschaft mit Hans Frank und Hans Eppinger (beide böse)
  • Verschweigen der Mitautorenschaft von Hans Hirschfeldt (Jude)

Das Urteil, das der Medizinhistoriker Florian Steger, von dem wir nicht wissen, ob und wenn ja welche unbestreitbaren Verdienste er für sich reklamieren kann, über den unbestreitbar Verdienstvollen Ludwig Heilmeyer spricht, ist das folgende:

„Ludwig Heilmeyer hat sein Fortkommen fest im Blick. Dabei überschreitet er auch Grenzen, was ethisch kritisch zu beurteilen ist. Er wurde bereits von Zeitgenossen als Opportunist bezeichnet“.

Das ist nun ein bemerkenswerter Satz, denn die moralische Verurteilung von Heilmeyer, dem strebsamen Maximierer des eigenen Nutzens, der auch Grenzen überschreitet, was heute natürlich niemand, schon gar kein Medizinhistoriker tun würde (dass man heute vergisst, die Leistung Dritter an dem zu würdigen, was man gerade als Eigenleistung verkaufen will, ist undenkbar – oder? Schließlich sind wir eine moralisch so hochentwickelte Kultur, dass wir die Nazis brauchen, um unsere Überlegenheit zu dokumentieren.), diese Verurteilung, sie wird gestützt vom Urteil der „Zeitgenossen“ wie Steger sich ausdrückt. Die Zeitgenossen, sie teilen sein Urteil, stützen es, sollen dem Urteil Verlässlichkeit verleihen.

Wer sind nun diese Zeitgenossen?

Scrollen wir in der Pressemeldung zurück und lesen:

„War Ludwig Heilmeyer also ein überzeugter Nationalsozialist? Steger zeichnete das Bild eines Opportunisten, dem bereits 1934 in einem Briefwechsel hohe Funktionäre der NDSAP ein „krankhaft großes Ich-Bedürfnis“, „Geltungsdurst“ und „ungeheuerlichen Opportunismus“ attestierten.“

Freikorps Epp marschMit anderen Worten, Steger stützt sein Urteil über Heilmeyer auf ein Urteil von hohen Funktionären der Nationalsozialisten. Nicht, dass es ausgeschlossen wäre, dass Nationalsozialisten Personen richtig zu beurteilen im Stande sind. Aber es ist schon mehr als peinlich, wenn man Ludwig Heilmeyer als Opportunisten, der sein Fähnchen in den Wind der Nationalsozialisten gehängt hat, darstellen will und dies ausgerechnet dadurch tut, dass man eben diese Nationalsozialisten zitiert, die Heilmeyer unter anderem nicht in der NSDAP mitmachen lassen, weil er aus ihrer Sicht sein Fähnchen in den Wind der Nationalsozialisten hängt, weil er auf Deutsch KEIN ÜBERZEUGTER NAZI war.

Während wir für Heilmeyer somit feststellen müssen, dass er kein überzeugter Nazi war, müssen wir für Steger feststellen, das er die überzeugend findet, die er diskreditieren will: Nazis.

Beim Pinkeln stört das scheinbar nicht.
Wie heißt noch das St. Florian Prinzip: Lieber Gott verschon mein Bein, pinkel andere an?

“Rechtslastige Verschwörungstheorie”? Nicht Finis Germania, sondern Finis Ratio

Diskutieren wir doch alle einmal über ein Buch, das die wenigsten von uns gelesen haben.

Finis GermaniaWarum auch nicht? Schließlich wird das Buch „Finis Germania“ gerade von den kulturellen Leidmedien Deutschlands zerrissen. Warum? Weil es auf die von NDR und Süddeutsche herausgegebene Liste der Sachbücher des Monats, auf Platz 9 um genau zu sein, geraten ist. Die Liste wird nach Angaben des NDR von „einer unabhängigen Jury“, die aus „renommierten Wissenschaftlern sowie Autoren und Redakteuren großer deutscher Medienunternehmen“ besteht, zusammengestellt.

Die Unabhängigkeit hat jedoch da ihre Grenze, wo ein Buch auf die Liste kommt, das der Kulturredaktion beim NDR nicht passt, das von „rechtslastigen Ideen und Verschwörungstheorien“ getragen ist, wie es beim NDR heißt, und zwar in der Begründung dafür, dass der NDR die Zusammenarbeit mit der „unabhängigen Jury“ aussetzt. Wie kann man als diktatorischer Sender auch mit einer Jury zusammenarbeiten, die sich anmaßt, Bücher zu empfehlen, die dem Sender nicht gefallen?

Das geht schon deshalb nicht, weil der NDR der große Saubersender in Deutschland ist. Beim NDR gibt es keinen Xavier Naidoo und auch keinen Rolf Peter Sieferle. Sieferle ist der Autor von Finis Germania. Sieferle ist bzw. war bis zu seinem Selbstmord ein renommierter Wissenschaftler, ein Historiker mit einem Lehrstuhl für allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Aber Renommee ist schnell dahin in Deutschland, wenn man eine politische Ansicht äußert, die dem herrschenden Gesinnungsdiktat zuwiderläuft, die rechtslastig ist oder rechtslastig gemacht wird, von Journalisten, die das Buch, das bei Amazon mittlerweile auf Verkaufsrang 1 gelandet ist, madig machen wollen, obwohl die meisten von ihnen, es nie gelesen haben.

Die Anklageschrift beim NDR liest sich wie folgt:

“Der Deutsche”, heißt es da, ähnele dem “Teufel, dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben und der für alle Zeiten in der Finsternis verharren wird”. Von Auschwitz als dem “letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt” ist die Rede, von einer “neuen Staatsreligion”, deren “Erstes Gebot” laute: “Du sollst keinen Holocaust neben mir haben.” Und weiter: “Da der Holocaust keinem profanen, sondern einem auserwählten Volk widerfahren ist, wurde das Volk der Täter ebenfalls der profanen Geschichte entrückt und in den Status der Unvergänglichkeit erhoben.”

Das Patchwork aus dem Zusammenhang gerissener Zitate hat seinen Erregungs-Höhepunkt in der Bezeichnung von Auschwitz als dem „letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt“. Die Setzung der Hochkommata ist hier von besonderer Bedeutung, denn sie legt den Schluss nahe, Sieferle habe Auschwitz als Mythos, also als etwas bezeichnet, das es gar nie gegeben habe.

Eine Redaktion weiter, bei der ZEIT, hat man den selben Erregungs-Höhepunkt und schreibt:„Er schreibe außerdem von Auschwitz als einem „Mythos“, welcher „der Diskussion entzogen werden soll“. Das schreiben die ZEIT-Kollegen auf Grundlage des oben zitierten Textes des NDR, in dem nun wieder kein Bezug auf einen Auschwitz-Mythos zu finden ist, der der Diskussion entzogen werden soll, der vielmehr in die Diskussion gebracht wurde.

Gerade dann, wenn man Bücher nicht selbst gelesen hat, halten sich die affektiv ansprechenden Teile besonders hartnäckig, selbst dann, wenn sie falsch sind. Eine Redaktion weiter, bei der FAZ, liest sich der Holocaust-Aufreger wie folgt:

„’Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden“, steht in diesem Buch. Antifaschismus sei Antigermanismus. Und: „Die Juden, denen ihr Gott selbst die Ewigkeit zugesichert hat, bauen heute ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird“, schreibt Rolf Peter Sieferle.“

Auch bei der FAZ herrscht die Überzeugung, Sieferle stelle Auschwitz durch dessen Bezeichnung als Mythos in Frage. Um dies zu untermauern wird eine Stelle wörtlich zitiert, „Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden“. Das wurde dieses Mal etwas korrekter beim NDR abgeschrieben, bei dem es heißt: „Von Auschwitz als dem ‚letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt‘ ist die Rede.“

KZ Auschwitz, EinfahrtAlle Schreiber sind sich somit einig, dass Sieferle Auschwitz als Mythos bezeichnet. Ein Professor der Geschichte, der jahrelang an Hochschulen tätig gewesen ist und geforscht hat, soll so dumm sein, in Deutschland Auschwitz in Frage zu stellen und als Mythos zu bezeichnen?

Des Rätsels Lösung ergibt sich, wenn man die Stellung des Mythos im Verhältnis zu Auschwitz verändert und nicht mehr, wie die Schreiberlinge der Erregungsmedien oben, von Auschwitz-Mythos schreibt, sondern vom Mythos „Auschwitz“. Das macht einen erheblichen Unterschied. Und wie so oft in der Post-Moderne, sind die Leser von Zeitungen gebildeter als die Journalisten, bei denen die Ausdrucksformen Wissen und Fähigkeit komplett den Ausdruckformen Entrüstung und Erregung und die Technik der Recherche der Technik von Cut and Paste gewichen sind.

Wir zitieren aus einer Buchbesprechung bei Amazon, die Heino Bosselmann dort hinterlassen hat:

“Von besonderer Relevanz [ist] der dritte Teil, in dem Sieferle den „Mythos Auschwitz“ beschreibt und dessen konstituierende Funktion für die politische Gegenwart herzuleiten versucht: „Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden.“ Nachgewiesen wird zunächst die Bedeutung des “Holocaust-Komplexes” für ein Schuldverständnis gänzlich neuen Typs, einer Kollektivschuld „von metaphysischer Dimension“, die so, wie sie verstanden und verinnerlicht werden soll, „der älteren Figur der Erbsünde“ gleicht, dies jedoch in negativem Vollzug: „Aus der Kollektivschuld der Deutschen, die auf ‚Auschwitz‘ zurückgeht, folgt ebenfalls der Aufruf zur permanenten Buße, doch fehlt dieser säkularisierten Form der Erbsünde das Element der Gnade und Liebe vollständig. Der Deutsche ähnelt daher nicht dem Menschen, dessen Schuld durch die Liebe Gottes zwar nicht revidiert, aber kompensiert wird, sondern dem Teufel, dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben und für alle Zeiten in Finsternis verharren wird. (…) Der Deutsche, oder zumindest der Nazi, ist der säkularisierte Teufel einer aufgeklärten Gegenwart.“

Sieferle deutet die Sonderrolle der jüdischen Schicksalsgemeinschaft einerseits und der Deutschen andererseits als komplementär: „Die Welt braucht offenbar Juden oder Deutsche, um sich ihrer moralischen Qualitäten sicher zu sein. Allerdings gibt es einen gewaltigen Unterschied. Die Juden teilten selbst nicht die Bewertung, die ihnen seitens der Christenheit widerfuhr, während die Deutschen die ersten sind, ihre unauflösliche Schuld zuzugeben.“ Um daraus, so der Autor, eine Art Staatsideologie zu entwickeln, von der das gewissermaßen negative Selbstverständnis einer Nation ausgeht, die eigentlich keine Nation mehr sein möchte, sondern nur mehr ein “Standort”, eine “Wertegemeinschaft” oder eben eine “bunte Republik”.

Wie funktioniert das? „Bei dem heute so populären Auschwitz-Komplex handelt es sich offenbar um den Versuch, innerhalb einer vollständig relativistischen Welt ein negatives Absolutum zu installieren, von dem neue Gewissheiten ausgehen können. ‚Auschwitz‘ bildet insofern einen Mythos, als es sich um eine Wahrheit handelt, die der Diskussion entzogen werden soll. Dieser Mythos hat allerdings einen wesentlich negativen Charakter, da dasjenige als Singularität fixiert werden soll, was nicht sein soll. Daher trägt die sich auf diesen Komplex stützende politische Bewegung auch einen negativen Namen: Antifaschismus.’“

Es ist erschreckend, wenn man konstatieren muss, dass deutsche Journalisten nicht mehr in der Lage oder Willens sind, den Unterschied zu erkennen zwischen der Aussage:

Auschwitz ist ein Mythos

und der von Sieferle begründeten Behauptung:

Auschwitz ist in Deutschland zu einem Mythos aufgebaut worden, der in derselben Weise als Herrschaftsmittel benutzt wird, wie die ewige Erbsünde. Die Behauptung einer immerwährenden Kollektivschuld der Deutschen wird von Sieferle als Mittel bewertet, das genutzt werde, um von der deutschen Nation Abstand zu nehmen und die Vorstellung einer „bunten Republik“ durchzusetzen.

Der Mythos der ewig währenden Kollektivschuld, die in Auschwitz begründet ist, ist für Sieferle also der neue und negative Schöpfungsmythos des antifaschistischen Deutschlands.

Zugegeben, die Argumentation von Sieferle verlangt es, zwei Gedanken zu verstehen und dann auch noch miteinander in Verbindung zu bringen. Dennoch ist es erschreckend festzustellen, dass deutsche Journalisten dazu nicht in der Lage sind. Wer anderen gerne vorwirft, sie würden mit der Komplexität der modernen Welt nicht zurechtkommen und deshalb einfache Antworten bevorzugen, der darf sich nicht als einer bloßstellen, der nicht in der Lage ist, über einfache Antworten, nach denen dummerweise niemand gefragt hat, hinaus denken zu können.

Das ist mehr als peinlich.


Hinweise für ScienceFiles?
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87% sehen Spiegel und Stürmer auf der selben Wellenlänge

Gestern haben wir unsere Leser gefragt, ob sie einen Unterschied zwischen dem Spiegel und dem Stürmer sehen. Hintergrund der Frage ist das Spiegel-Cover, das Donald Trump mit IS-Fanatikern gleichsetzt und ihn zeigt, nachdem er die Freiheitsstatue geköpft hat. Für viele Leser sind mit diesem Cover nicht nur eine Geschmacks und eine Anstandsgrenze überschritten, dieses Cover zeigt für sie auch, dass Spiegel und Julius-Streichers Stürmer nichts mehr trennt.

stuermer-spiegel-trumpVon den 1.056 ScienceFiles-Lesern, die bislang an der Befragung teilgenommen haben, sind 401 (38%) der Ansicht, es gebe keinen Unterschied zwischen dem Stürmer und dem Spiegel. 518 (49%) sind gar der Ansicht, der Spiegel sei schlimmer als der Stürmer. 114 ScienceFiles-Leser (11%) sind der Ansicht, man könne den Spiegel nicht mit dem Stürmer vergleichen, und 23 (2%) Leser haben eigene Gedanken zu unserer Befragung formuliert, z.B.: „Das Layout im Spiegel ist besser“, „Der Spiegel ist teurer“ oder „Der Spiegel nähert sich dem Stürmer“.

Damit ist das Votum im Hinblick auf das Spiegel-Cover, das Anlass für unsere Befragung war, eindeutig. Mit dem Cover, so die Meinung von 87% der ScienceFiles-Leser, macht sich der Spiegel mit dem Stürmer gemein, schon weil die Methoden in beiden Blättern dieselben sind, geht es doch nicht darum, Informationen und Argumente bereit zu stellen, auf deren Grundlage sich Leser von Spiegel oder Stürmer ein eigenes Urteil bilden können, sondern darum, den Lesern das Urteil gleich mitzuliefern, sie zu framen. Im Dritten Reich war die affektive Botschaft, die gänzlich ohne Begründung vom Stürmer verteilt wurde. Die Juden sind unser Unglück. Die Meldung, die der Spiegel mit seinem Trump-Cover verbreiten will, lautet wohl: Donald Trump ist unser Unglück. Wie beim Stürmer gibt es keinerlei Begründung.

Damit teilen Spiegel und Stürmer das Ziel, ihre Leser affektiv anzusprechen und die Abneigung gegen Donald Trump bzw. Juden zu schüren. Beide Ziele sind keine statthaften Ziele eines ernsthaften Journalismus, es sind faschistoide Ziele eines ideologisch verbrämten Journalismus, der jede Informations- und Argumentationsfunktion aufgegeben hat. Auch deshalb ist das Spiegel-Cover ein Symbol für die Armseligkeit, die Journalismus in weiten Teilen in Deutschland zur Schau stellt und für die offenen Versuche, Stimmung gegen Personen zu machen, als Surrogat dafür, dass die entsprechenden Personen derzeit dem Zugriff der Spiegel- oder Stürmer-Häscher entzogen sind.

spiegel-und-stuermer

Was wir in diesem Zusammenhang vermissen, ist die Aufregung im Justizministerium. Heiko Maas, der keine Gelegenheit ausgelassen hat, sich gegen vermeintlich rechte Hate-Speech zu positionieren, hat nicht einem Mucks von sich gegeben, um das Cover des Spiegels als das, was es ist, zu bezeichnen: Der Ausdruck von Hass und einzig dazu intendiert, affektive Stimmung gegen Donald Trump zu machen, etwa in der Weise, wie man Stimmung macht, um einen Lynchmob zusammenzutrommeln, ein Unterfangen, das in Deutschland eine lange Tradition hat und am 9. November 1938 erstmals mit großem Erfolg und nach jahrelanger Vorbereitung auch oder gerade im Stürmer inszeniert wurde.

Keiner der Politiker [wer einen kennt, die Kommentarfunktion ist offen], die ihre besorgten Gesichter zu Gedenkveranstaltungen am Tag der Reichskristallnacht aufsetzen, hat ´den Mut aufgebracht, das Spiegel-Cover als die hasserfüllte Geschmacklosigkeit zu verurteilen, die es ist. All diejenigen, die wilde Phantasien darüber verbreitet haben, wie durch Gedankenflug eine Pegida-Demonstration zu brennenden Asylbewerberheimen geführt haben soll, scheinen die entsprechenden Phantasien zu vergessen, wenn es um den Spiegel und sein Trump-Cover geht. Und die selben Politiker sind die ersten die wollen, dass Schüler aus der Geschichte lernen.

Wie wäre es, die gegen Hate Speech Engagierten gingen mit gutem Beispiel voran und würden aus der Geschichte lernen, jener Geschichte, die zeigt, dass dann, wenn Anstandsgrenzen überschritten werden und dann, wenn affektive Stimmungsmache an die Stelle rationaler Argumentation tritt, in Deutschland alles möglich ist, auch ein Holocaust.

Ent-Dämonisierung von Adolf Hitler

Spätestens seit Albert Speer von den dämonischen Augen des Adolf Hitler geschrieben hat, die seine nähere Umgebung in Bann geschlagen und zu den unmenschlichsten aller Taten getrieben hat, ist die deutsche Welt in Ordnung. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, sie beschränkt sich darauf, keine Diskussion über ihn aufkommen zu lassen, Hitler und den Nazis in seiner direkten Umgebung, die Alleinschuld zu übertragen und ansonsten Greise wegen ihrer Anwesenheit in einem KZ und wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen.

Die deutsche Welt, sie ist, wie schon Jerome K. Jerome um 1905 festgestellt hat, eine gewaltsam heile Welt. Die Geschichte vom Führer und dem Nazi-Clan, die das deutsche Volk, also die tumbe Masse der deutschen Mitläufer, verführt haben, sie passt auch zum Populismus-Gerede, das heute so verbreitet ist und – wie die Geschichte von der nationalsozialistischen Verführung – auf der Annahme basiert, dass Deutsche von Politikern verführbar sind, dass Deutsche so schlichte Gemüter sind, dass sie sich unhinterfragt vorsetzen lassen, was Politiker ihnen erzählen und vor allem, dass Politiker etwas zu sagen haben könnten, was Bürger erstens glaubten und zweitens nicht schon selbst wüssten.

Derartige Prämissen mögen das Ego von Studienabbrechern und kognitiv eher durchschnittlich Begabten, wie sie die Parlamente bevölkern, streicheln, sie sind mit der Realität jedoch nicht zu vereinbaren, jener Realität, in der die meisten der Bürger, und mit Sicherheit alle, die einen richtigen Beruf nicht nur erlernt haben, sondern auch ausüben, besser qualifiziert sind, als die im Parlament versammelten Politiker, die nichts Besseres gefunden haben.

Es ist an der Zeit, mit derartigen Mythen aufzuräumen, wie es an der Zeit ist, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus informiert zu führen und nicht auf einer Basis von Angst, wie sie in der Gesetzgebung zum § 130 StGB, also zur Volksverhetzung, ihren Niederschlag gefunden hat, oder auf der Basis von Kindischkeit, wie sie sich derzeit in der unsäglichen No-Hate-Speech-Kampagne Bahn bricht, bei der das Geld der Steuerzahler dafür verschwendet wird, Kindereien zu finanzieren, die nicht nur dumm, sondern in höchsten Maße schädlich sind, denn sie beschädigen die gute Sache, für die sie sich angeblich einsetzen.

Wir haben vor einigen Tagen unsere Leser vor die Aufgabe gestellt, den Autor eines Textes, den wir aus einer alten Publikation entnommen haben, zu raten. Im Text wird etwas dargestellt, was man als Race to the Bottom beschreiben könnte, eine Entwicklung also, die man als Problem moderner Demokratien ansehen und darauf zuspitzen kann, dass der Anreiz für kompetente und fähige Menschen, sich in der Politik zu engagieren, in dem Maße schwindet, wie unfähige, inkompetente Menschen, Menschen mit abgebrochenem Studium, erfundenem Lebenslauf, abgeschriebener Doktorarbeit oder solche, die in ihrem Leben noch nie einen richtigen Beruf ausgeübt haben, das Niveau dessen, was als Politik gilt, derart verringern dass der gesellschaftliche Status von und die gesellschaftliche Achtung für  Politiker(n) sinken, bis sie nicht mehr sinken können. Politik wird zunehmend zum Abstellplatz für Unfähige, der von allen anderen gemieden wird. Folglich entwickelt sich die Politik zu einem Panoptikum der Irrationalität, Unsinnigkeit und der fixen und wahnhaften Ideen und, nun ja, die derzeitige Realität ist nicht mehr weit von dieser Dystopie entfernt.

Wer nun ist der Autor, der diese Entwicklung beschreibt?
Zehn Namen haben wir unseren Lesern vorgegeben.
Hier ihre Wahl:

Raetsel MK AH

177 unserer Leser sind also der Meinung, der zitierte Text stamme von Adolf Hitler. Ob sie nun aufgrund eigener Kenntnis oder auf Grund ihrer Textsuche mit Google zu diesem Ergebnis gekommen sind, sei einmal dahingestellt. Fest steht, sie haben Recht. Der von uns zitierte Text stammt aus Mein Kampf.

Interessanter als die Tatsache, dass 177 Leser richtig liegen, ist die Tatsache, dass 397 (69%) Leser falsch liegen. Sie ordnen den Text von Adolf Hitler nicht Adolf Hitler zu. Die Art zu schreiben, erinnert 124 Leser an Arthur Schopenhauer und 83 Leser sehen Ähnlichkeiten zu dem, was Friedrich Nietzsche, 59 zu dem, was Wilhelm Grimm geschrieben hat. Selbst Jean Jacques Rousseau, Heinrich Böll, Karl Liebknecht und August Bebel kommen auf eine stattliche Anzahl von Nennungen.

Eigentlich hätte man erwarten müssen, dass ein Text, den Adolf Hitler geschrieben hat, eindeutig zuordenbar ist. Steht Hitler doch für Rassismus, Antisemitismus, für alles, was aus heutiger Sicht schlecht ist. Gilt er doch als die Personifikation des Bösen. Entsprechend muss es entweder verwundern, dass er sich in der Nähe der ebenfalls zur Wahl stehenden Personen findet, oder man muss konzedieren, dass offensichtlich nicht alles, was Hitler geschrieben hat, diesen schrecklichen Hauch des Bösen ausströmt, der dem Dämon Hitler zugeschrieben wird.

THe Nazis a warningDeshalb ist es an der Zeit, sich richtig und sachgemäß mit dem auseinanderzusetzen, wofür Nationalsozialismus und Adolf Hitler stehen. Von einer aufgeklärten und mündigen Gesellschaft kann man erwarten, dass ihre Mitglieder in der Lage sind, sich ein Bild von den Ursachen des Phänomens zu machen, das die Nationalsozialisten an die Macht gespült und Hitler zum Führer gemacht hat. Man wird von ihr erwarten, dass sie die historischen Strömungen und Meinungen identifiziert, die in der deutschen Gesellschaft weitverbreitet waren, die es lange vor den Nazis gab, die sich als Antisemitismus, Antikapitalismus, als Suche nach der nationalen Identität schon Jahrhunderte vor den Nazis niedergeschlagen haben und von den Nationalsozialisten einfach nur genutzt wurden, um an die Macht zu kommen. Man wird, will man sich mit dem Dritten Reich wie ein erwachsener Mensch auseinandersetzen, zugestehen müssen, dass es eine sehr große Nähe zwischen sozialistischen und nationalsozialistischen Ideen gab, dass z.B. die Verballhornung des Darwinismus im Sozialdarwinismus nicht von den Nazis stammt, die mit Darwin’s Lehre nachweislich nichts anfangen konnten, sondern von Sozialisten wie August Bebel, die Darwin’s Lehre nachweislich nicht verstanden haben oder nicht gelesen haben können. Man wird sich der Frage widmen müssen, inwiefern der Anti-Amerikanismus von heute nur ein Abklatsch der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung ist, der sich die Nazis bedient haben, um Stimmen einzusammeln. Man wird sich der Frage stellen müssen, inwiefern dumme und sich selbst überschätzende Politiker dazu beigetragen haben und dazu beitragen, dass anti-liberale Strömungen, die eine Demokratie zerstören, wieder hoffähig werden. Man wird aufhören müssen, sich um eine Diskussion der historischen Fakten zu drücken und jeden Zweifel strafrechtlich als Volksverhetzung zu brandmarken und, am aller schwierigsten: Man wird damit anfangen müssen, die tatsächlichen Ursachen des Nationalsozialismus zu diskutieren und die historischen Fakten gegen die historischen Fabrikationen mit Argumenten und Belegen zu verteidigen und nicht durch Staatsanwälte verteidigen zu lassen. Das heißt auch, man wird Adolf Hitler ent-dämonisieren müssen und sich erneut die Frage stellen müssen, die z.B. die Briten seit Jahrzehnten beschäftigt: Wie konnte es dazu kommen, dass ein Kulturvolk wie die Deutschen in Teilen zu einer Horde von Mördern verkommt, die sich gegenseitig darin überbieten, dem von ihnen nicht dämonisierten, sondern glorifizierten Führer gefällig zu sein?


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Opportunistische Juristen: Deutsche Nazijäger kämpfen ums Überleben

Acht neue Verfahren hat der Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, Jens Rommel, gerade an die zuständigen Staatsanwaltschaften abgegeben. Vier Männer und vier Frauen im Alter zwischen 88 und 97 Jahren sehen sich nunmehr mit Ermittlungen und möglicherweise mit einer Anklage vor einem Landgericht konfrontiert. Die Staatsanwälte der Staatsanwaltschaften, die die entsprechenden Ermittlungen treffen, sie werden „Reise nach Rom“ spielen, um auszuhandeln, wer die Greise vernehmen muss.

Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches wird die Luft dünner für die Nazijäger in Ludwigsburg, die in der letzten Zeit vornehmlich durch enorme Reisekosten und nunmehr das heftige Klammern an den Strohhalm „der Beihilfe zum Mord“ aufgefallen sind.

KZ Stutthof.gifDie Verfolgung von NS-Verbrechern, sie ist seit dem 1. Dezember 1958 die Aufgabe der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Die Zentralstelle, sie hat sich 1958 auch gleich mit einem Paukenschlag zu Wort gemeldet: 1.075 Verfahren wurden 1959 gegen vermeintliche NS Verbrecher eingeleitet. Ein Plus von 587 Verfahren (+120%) gegenüber dem Vorjahr, in dem es noch keine Zentralstelle gegeben hat. Allerdings sind die meisten der angestrengten Verfahren verpufft, den 1.075 Verfahren stehen 1959 lediglich 32 Anklagen gegen NS-Verbrecher gegenüber, eine Steigerung um magere 4 Anklagen im Vergleich zum Vorjahr. Auch wenn man in Rechnung stellt, dass zwischen Verfahren und Anklage etliche Zeit vergehen kann, sind die Erfolge der Zentralstelle eher dürftig zu nennen. Im Zeitraum von 1959 bis 2005 stehen den 17.408 eröffneten Verfahren gegen vermeintliche NS-Verbrecher gerade einmal 1.186 Anklagen gegenüber. In 6,8% der von der Zentralstelle eingeleiteten Verfahren, landet ein Angeklagter vor einem Richter. Ganze 3,2% der von der Zentralstelle angestrengten Verfahren enden mit einer Verurteilung.

NS verbrechen anklagen.jpg

Das nennt man wohl eine verheerend schlechte Ausbeute.

Nun muss man der Zentralstelle und ihren 19 Mitarbeitern zu Gute halten, dass es nicht leicht ist, NS-Verbrecher zu verurteilen. Zum einen sind viele Zeugen des Holocaust nicht mehr am Leben, zum anderen sterben auch die NS-Verbrecher langsam aber sicher weg.

Und mit jedem Tag wird es für die 19 Nazijäger in Ludwigsburg schwieriger, ihr Dasein zu rechtfertigen. Waren sie schon in der Vergangenheit nicht sonderlich erfolgreich, so wird es immer schwieriger, der NS-Verbrecher habhaft zu werden – einfach deshalb, weil das menschliche Leben in der Regel nach durchschnittlich 77 Jahren für Männer und 82 Jahren für Frauen beendet ist.

Insofern muss man es als Glücksfall bezeichnen, dass die Nazijäger es tatsächlich geschafft haben, vier Frauen und vier Männer im Alter zwischen 88 und 97 Jahren ausfindig zu machen, denen sie nun so richtig den Lebensabend vermiesen können. Und das müssen sie auch, denn das eigene Überleben hängt davon ab, hat doch die 86. Konferenz der Justizminister der Länder am 18. Juni in Stuttgart ausdrücklich erklärt, dass die Zentralstelle „in ihrer bisherigen Form weitergeführt wird, solange Strafverfolgungsaufgaben anfallen“.

Mit anderen Worten, wenn es keine Greise mehr gibt, die man anklagen kann, dann wird die Zentralstelle aufgelöst. Diese Drohung macht erfinderisch. Schon in der Vergangenheit, genau im Fall Demjanjuk war es notwendig, die bisherige Rechtspraxis massiv zu dehnen und eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord vom Nachweis der Zugehörigkeit zur Vernichtungsmaschinerie abhängig zu machen. Wegbereitend war das Landgericht München, das John Demjanjuk, der zwischenzeitlich unter Hausarrest im Pflegeheim verstorben ist, auch ohne direkten Nachweis eines von ihm begangenen Mordes verurteilt hat.

Furchtbare_JuristenDiese Dehnung haben sich die Ludwigsburger zu Nutze gemacht, und seitdem fahnden sie nach allen Personen, die irgendwie mit einem Konzentrationslager der Nazis in Verbindung gebracht und zum Teil der Vernichtungsmaschinerie erklärt werden können: Acht Wachmänner und Angestellte der Lagerverwaltung des Konzentrationslagers Stutthof haben sie zwischenzeitlich ausfindig gemacht. Um die Anklage der Beihilfe zum Mord, die sich nicht unbedingt aufdrängt, wenn jemand als Wachsoldat am Eingangstor oder als Schreibkraft bei der Lagerverwaltung angestellt war, durchsetzen zu können, haben die Ludwigsburger Stutthof, das bislang nicht als Vernichtungslager galt, zum Teil der „organisierten Massenvernichtung jüdischer Menschen“ erklärt.

Warum ihnen das heute, im Jahr 2016 einfällt, nachdem sie jahrzehntelang keinerlei Veranlassung verspürt haben, so intensiv tätig zu werden und nach NS-Verbrechern zu fahnden, ist eine Frage, die man vermutlich nur mit Blick darauf beantworten kann, dass den Nazijägern die Schließung droht, wenn sie nicht mit neuen Verfahren aufwarten können, mit öffentlichkeitswirksamen Verfahren, in denen einst mordlüsterne Greise aus der Lagerverwaltung dazu gezwungen werden, sich für die NS-Verbrechen zu entschuldigen. In der Sowjetunion hatte man Schauprozess, in denen sich die Angeklagten dafür entschuldigt haben, gegen die heiligen Gesetze des Sozialismus und von Josef Stalin verstoßen zu haben.

Wenn die Ludwigsburger mit ihrer Masche Erfolg haben und einen Staatsanwalt finden, der Anklage wegen Beihilfe zum Mord erhebt und Richter, die wegen Beihilfe zum Mord eine Verurteilung gegen Greise aussprechen, die nicht direkt an der Massenvernichtung von Juden beteiligt waren, sondern durch ihre “Zugehörigkeit zur Vernichtungsmaschinerie” dazu beigetragen haben, dass der Holocaust erfolgen konnte, dann sind damit neue Potentiale für zukünftige Anklagen erschlossen, denn es soll immer noch Greise geben, die bei Degussa oder Degesch gearbeitet und an der Herstellung von Zyklon B beteiligt waren oder es soll noch Greise geben, die in einem Rüstungsunternehmen, das die Waffen hergestellt hat, mit denen die SS-Wachmannschaft in Konzentrationslagern ausgestattet wurden, beschäftigt waren, ganz zu schweigen von den Greisen, die in Bäckereien und Kantinen dafür gesorgt haben, dass die SS-Mannschaften überleben und ihrem mörderischen Handwerk nachgehen konnten. Sie alle müssen natürlich angeklagt werden.

Nicht weil damit irgend etwas gewonnen, irgend ein Unrecht gesühnt oder irgendein Gerechtigkeitsempfinden gerade gerückt werden würde, sondern weil es notwendig ist, um die Schließung der Ludwigsburger Zentralstelle zu verhindern. Die Strafverfolgung, sie wird nicht nur für Schauprozesse missbraucht, denn keiner der potentiellen Angeklagten wird jemals ein Gefängnis von innen sehen, dazu sind sie zu alt, sie wird auch dazu zweckentfremdet, das Auskommen der 19 Angestellten der Zentralstelle in Ludwigsburg zu sichern, und zwar auf dem Rücken von Menschen, die die Tage abstreichen können, die sie noch auf dieser Erde haben.

Rechtsstaaten haben sich einst dadurch ausgezeichnet, dass sie Strafe und Strafverfolgung am Prinzip der Billigkeit ausgerichtet haben, d.h. der Nutzen, der mit einer Strafverfolgung erreicht werden kann, muss die Kosten, die mit der Strafverfolgung verbunden sind, übersteigen. Der Nutzen, eines weiteren Schauprozesses, in dem sich ein Greis dafür entschuldigt, dass er vor mehr als 70 Jahren in einem KZ seinen Wachdienst versehen hat, ist eher gering. Die Kosten, die aus dem Unterhalt der Zentralstelle und dem laufenden Räderwerk der Justiz entstehen, sind entsprechend unverhältnismäßig. Aber wenn es darum geht, symbolische Prozesse, Schauprozesse, wie man in der Sowjetunion gesagt hat, durchzuführen, um damit den Unterhalt und Bestand einer Behörde und ihrer 19 Mitarbeiter zu sichern, scheint jedes Mittel recht. Man muss also nur warten, bis die ersten Anklagen gegen tote SS-Schergen erhoben werden. Sofern Anklage gegen Tote erhoben wird und ein Urteil gegen sie ergeht, kann man ihre Überreste ja anschließend exhumieren und öffentlich zur Schau stellen, zur Abschreckung oder Ergötzung, je nach Geschmack.


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