Asperger-Syndrom vor Entnazifizierung? Politisch-korrektes Wühlen in der Vergangenheit

Wer hätte gedacht, dass wir auf ScienceFiles einmal mit einem Zitat aus der Bibel beginnen.

Matthäus 7.1, weil es so gut passt:

„Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Die Heuchler, die ihre Bewertung über andere brechen, die Antifas, die gewalttätig gegen die rechte Gewalt vorgehen, sie waren, wie diese historische Quelle zeigt, zu allen Zeiten ein Problem. Und weil sie ein Problem waren, deshalb die Warnung der Übersetzung, die Luther Matthäus und seinem Evangelium hat angedeihen lassen.

In den letzten Jahren ist es Trend und schick, sich die vermeintlichen Vergehen der Alten vorzunehmen, und sie auf Grundlage von angeblichen Fakten zu richten, die zeigen, dass die entsprechenden Alten sich aus heutiger Sicht falsch verhalten haben.

Wir können die Säuberungen, die dazu dienen, Philosophen wie Kant, Wissenschaftler wie die Humboldts, verdienstvolle Beschaffer von Erkenntnis, die – weil sie vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten gelebt haben, die heutigen Maßstäbe der politisch Korrekten nicht erfüllen, gar nicht mehr zählen. Die von Matthäus beschriebene Heuchelei, sie ist zum Sport unter denen geworden, die besonders anfällig für derart niedrige Instinkte sind.

Wer sich hervortut mit historischen Enthüllungen, die zeigen, dass sich ein Mensch, der bis gestern noch wegen seiner wissenschaftlichen oder sonstigen Verdienste gefeiert wurde, im Verlauf seines mehrere Jahrzehnte langen Lebens hat etwas zu schulden kommen lassen, das nicht mehr durch die politisch-korrekte Zensur gelangt, der wird nachträglich entehrt, öffentlich hingerichtet und im Zuge seiner posthumen und persönlichen Demontage wird auch gleich das Wissen, das auf ihn zurückgeht, verworfen. Wenn Fehlschluss, dann richtig, wenn politisch-korrektes Wüten, dann mit Stumpf und Stiel (nicht mit Stil!).

Man möchte all den politisch Korrekten, die so überzeugt von sich sind, dass sie natürlich nie, niemals, unter keinen Umständen z.B. im Dritten Reich Wasserträger der damaligen politischen Korrektheit gewesen wären, wie sie das heute sind, jeden Tag den ersten Band der Offenen Gesellschaft von Karl Raimund Popper um die Ohren schlagen (in der Hardcover-Ausgabe von Mohr Siebeck) und ihnen das 10. Kapitel darin wieder und wieder vorlesen, so lange, bis sie verstehen, dass man das Verhalten von Personen nur in seinem historischen Kontext und unter Rekonstruktion von so viel wie nur möglich Handlungsbedingungen, die das entsprechende Verhalten zum Zeitpunkt seiner Ausführung determiniert haben, erklären UND verstehen kann.

Was nützen all die sozialwissenschaftlichen Methoden, wenn sie nicht angewendet werden, wenn niemand versucht, tatsächlich die Situation zu rekonstruieren, in der sich ein Wissenschaftler oder sagen wir der Österreichische Kinderarzt und Heilpädagoge Hans Asperger befunden hat, als er bestimmte Handlungsentscheidungen treffen musste. Es ist leicht, aus heutiger Sicht zu verurteilen, dass Autoren des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts „Neger“ für einen ganz normalen Begriff gehalten haben. Es ist leicht, Soldaten aus heutiger Sicht für ihre Entscheidungen in einem Krieg zu kritisieren, wenn man die Umstände, unter denen sie sich entschieden haben, nicht kennt und nicht kennen will.

Das eben, macht es so attraktiv, sich über die vermeintlichen Untaten derer zu ereifern, die früher gelebt haben. Man kann sie an einem heutigen Maßstab messen, sich unter Auslassung der Lebensumstände, die die entsprechenden Menschen als Handlungssituation vorgefunden haben, moralisch über ihre Handlungsentscheidungen erregen und sich selbst zu einem besseren Menschen erklären. Alles auf einmal, ohne Kosten, ohne Risiko, ohne Aufwand…

Und so hat es nun auch Hans Asperger getroffen. Hans Asperger, österreichischer Kinderarzt, auf den die erste Beschreibung von Autismus in Form des Asperger-Syndroms zurückgeht (zuerst 1938, dann 1944). Ihm hat sich Herwig Czech gewidmet und in einem aktuellen Beitrag, der in der neuesten Ausgabe von Molecular Autism erschienen ist, den Verdacht geäußert und belegt, dass Asperger gar kein Untergrundkämpfer war, der den Nazis Parole geboten hat, sondern ein Opportunist, der versucht hat, die Gelegenheiten, die sich ihm boten, zu nutzen, ohne sich zu sehr mit dem Regime der Nationalsozialisten einzulassen. Asperger, so berichtet Czech, sei einigen Organisationen beigetreten, die eine Verbindung zur Nazi-Bewegung gehabt haben (Es dürfte schwierig gewesen sein, im Dritten Reich einer Organisation beizutreten, die keine Verbindung zu den Nationalsozialisten hatte. Selbst die Katholische Kirche hatte sehr intensive und zuweilen innige Beziehungen zu den Nazis). Zwar sei Asperger nicht der NSDAP beigetreten, habe sich aber auch nicht als Kritiker des Regimes hervorgetan. Wollte man die Abwesenheit von Kritik am Nationalsozialismus als Indikator heranziehen, um Menschen, die das Dritte Reich durchlebt haben, generell zu Nazis zu erklären, dann hätte man viel zu tun.

Wie dem auch sei, Czech widmet sich insbesondere der Zeit, die Asperger als Leiter der Heilpädagogischen Abteilung der Kinderklinik der Universität Wien zugebracht hat. In dieser Zeit, so Czech, habe sich Asperger nicht grundsätzlich vom Nationalsozialismus und seinen Ideen differenziert. Er habe akzeptiert, dass zwei Kinder, Herta und Elisabeth Schreiber, dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer gefallen seien, und er sei Mitglied einer Kommission gewesen, deren Aufgabe es gewesen sei, die intellektuellen Fähigkeiten von 200 Bewohnern eines Heims für geistig behinderte Kinder in Gugging bei Wien zu klassifizieren. Dabei seien 35 Kinder als unerziehbar klassifiziert worden: Unerziehbar gleichsam das Todesurteil für geistig behinderte Kinder im Dritten Reich. Entsprechend sind auch die 35 so klassifizierten Kinder dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer gefallen. Nahezu alle Kinder, die Asperger unter seiner Ägide im Wiener Kinderkrankenhaus hatte, seien jedoch – obwohl sich auch geistig Behinderte darunter befunden hätten – vom Euthanasieprogramm der Nazis verschont geblieben. Aber Czech sieht darin keine Leistung Aspergers. Gegebenheiten, die man Asperger positiv anrechnen könnte, fallen für Czech einfach so an, während negative Gegebenheiten, die man Asperger zur Last legen kann, ihm auch prinzipiell zur Last gelegt werden. Das Bemühen, den Wiener Kinderarzt in einem schlechten Licht darzustellen, ist groß, wie sich schon daran zeigt, dass ihm aus seiner Mitgliedschaft in einer Kommission, der er vermutlich aufgrund seiner Tätigkeit als Berater beim Wiener Hauptgesundheitsamt angehören musste, nahezu die alleinige Verantwortung für die Klassifizierung der 35 Kinder als unerziehbar und damit ihre spätere Ermordung von Czech zugeschrieben wird.

Czechs Beitrag passt ins Bild einer selbstgerechten Gesellschaft, die damit begonnen hat, die Mitläufer und Opportunisten, die nichts für, aber auch nichts gegen die Nazis unternommen haben, zu richten. Denn natürlich gibt es heute keine Mitläufer. Autoren wie Czech würden ihre Position als Leiter der Kinderklinik zum offenen Widerstand, zur Rebellion gegen die Nazis nutzen. Die Antifas würden zu hunderten meutern und sich gegen ihre Einberufung gemeinsam mit den Legionen von Juden verstecken, die sie bereits vor den Nazis in Sicherheit gebracht haben. Heutzutage leben nur noch Helden, die die Nazis im Dritten Reich heftig aufgemischt und dafür gesorgt hätten, dass es nicht soweit kommt, wie es gekommen ist. Aus dieser Phantasie in Selbstüberschätzung leitet sich das Recht ab, diejenigen, die im Dritten Reich wie Asperger gelebt haben zu richten, sie, die vielleicht opportunistisch waren, die nicht die Distanz gewahrt haben, die sie hätten wahren können, die es aber dennoch geschafft haben, die eigenen „autistischen Psychopathen“ wie Asperger seine Studienkinder genannt hat, diejenigen, die mit dem Asperger-Syndrom beschrieben sind, die (1) zu keinerlei Empathie fähig sind, (2) unfähig sind, sich auf eine Beziehungen mit anderen Menschen einzulassen, (3) Blickkontakt meiden, eine gestörte Mimik und Gestik aufweisen und im Sprachgebrauch von der Normalität abweichen, die (4) motorische Störungen zeigen und sich (5) fixiert mit genau einem Ding beschäftigen, vor den Nazis zu schützen und durch das Dritte Reich zu bringen.

Wer will darüber urteilen, ob Asperger gezwungen war, als Leiter der heilpädagogischen Abteilung der Wiener Kinderklinik Kompromisse mit den Nazis zu schließen? Wer will sich aufschwingen und feststellen, dass die zwei Mädchen, die Asperger vermutlich wissentlich in den sicheren Tod durch Euthanasie geschickt hat, und zwar dadurch, dass er sie in die Kinderklinik „Spiegelgrund“ in Wien überstellt hat, deren Ärzte am Euthanasieprogramm der Nazis mitgewirkt haben, hätten gerettet werden müssen und die beiden Kinder, die ihren Platz eingenommen und von Asperger durch das Dritte Reich gebracht wurden, an ihrer Statt hätten geopfert werden müssen? Die reale Welt entspricht oftmals in den Entscheidungen, vor die sie Menschen stellt, nicht der Puppenstube, in der sich die politisch Korrekten aufhalten.

Es ist immer wieder erschreckend zu sehen, wie naive und der Kenntnis über Dilemmata und Situationen, in denen man Verantwortung übernehmen und sich zwischen einem Rock and a Hard Place entscheiden muss, vollkommen Bare, sich aufschwingen, diejenigen zu richten, die ihrerseits Verantwortung übernommen und Entscheidungen getroffen haben oder treffen mussten, die zu treffen die heutigen Helden nicht in tausend Jahren den Mut hätten, zu treffen. Vielleicht muss man die deutsche Sprache ja um einen Begriff erweitern: Es gibt bereits die Siegerjustiz und neu: die Selbstgerechtenjustiz.

Czech, Herwig (2018). Hans Asperger, National Socialism, and ‚Race Hygiene‘ in Nazi-era Vienna. Molecular Autism.

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„Gumbelkrawalle“ – Studierende sind wieder auf dem Kreuzzug für das Wahre und Richtige

Jugendlichen gesteht man in der Regel das Recht zu, sich in Ideen und Ideologien zu verrennen und im Verlauf eines Prozesses, in dem sie Maturität, Denkfähigkeit und Rationalität erwerben, wieder auf dem Boden der Normalität anzukommen. Eine Voraussetzung für dieses Zugeständnis besteht darin, dass Jugendliche keine Externalitäten für den Rest der Gesellschaft produzieren, dass ihre ideologischen Narreteien die Gesellschaft nicht schädigen.

Die ideologischen Narreteien, die derzeit aus Frankfurt oder aus Heidelberg zu berichten sind, die Narreteien, die sich in eine Reihe stellen mit dem aus Berlin und Kassel Bekannten, sie schädigen die Gesellschaft. Sie schädigen die Wissenschaft, und sie können somit nicht mehr geduldet werden. Eigentlich.

In Frankfurt laufen organisierte Studenten gegen eine Tagung Sturm, bei der es um häusliche Gewalt gehen soll, und in Heidelberg ist es organisierten Studenten gelungen, den Fehlschluss ad auctoritatem zur Handlungsgrundlage bei der Durchführung universitärer Veranstaltungen zu machen. Wir zitieren aus einem Post von Dr. Malte Kaufmann.

Im Juni findet die Konferenz “BASIQ 2018” statt, organisiert von der Uni Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsuniversität Bukarest- die Uni, an der ich 2010-2015 meine Promotion durchgeführt habe. Meine damalige Doktormutter ist die Programmverantwortliche und lud mich als Key Note Speaker ein. Ich sollte einen Vortrag zum Thema meiner Dissertation halten: Soziale Verantwortung von Unternehmen. Nach schriftlicher Bestätigung trug ich den Termin in meinen öffentlichen Terminkalender auf meiner Webseite ein. Kurz darauf startete die linksradikale Seite “AfD Watch Heidelberg” eine Hetzkampagne. Im gewohnten linksradikalen Duktus wurde gefordert, die Universität dürfe nicht einen “astreinen völkisch-nationalistischen Redner” zu Wort kommen lassen.

Mit Erfolg: Das “Institut für Politische Wissenschaft” intervenierte, setzte die Programmverantwortliche von der Wirtschaftsuniversität Bukarest unter Druck und ich wurde wieder ausgeladen, ja darf nicht einmal an der Konferenz teilnehmen.

Ausgeladen aus politischen Gründen!”

Was wir immer wieder erstaunlich finden, ist die Tatsache, dass Studenten und Dozenten, die sich auf der richtigen Seite wähnen, ihrer selbst so unsicher sind, dass sie eine Auseinandersetzung, eine verbale Auseinandersetzung, ein Streitgespräch mit denen, die sie auf der von sich aus falschen Seite verorten, meiden wie der Teufel das Weihwasser. Es ist zwar schwierig vorstellbar, dass ein Vortrag, in dem es um die „Soziale Verantwortung von Unternehmen“ geht, also um das Modethema der Corporate Social Responsibility zu einer politischen Kundgebung umgestaltet wird, aber für den Fall dass, was hindert die nach eigener Ansicht kritischen Studenten vor Ort zu sein und sich argumentativ zu streiten, was, wenn nicht ihre eigene Unfähigkeit, Argumente zu machen, eine Unfähigkeit, die sich in der Bereitschaft niederschlägt, ein Fehlargument gegen die Person zu machen.

Universitäten sollen Orte sein, an denen ohne Ansehen der Person nur die Qualität von Argumenten zählt. Dass Universitäten neuerdings wieder von Studenten zu Orten gemacht werden sollen, an denen nicht die Qualität von Argumenten, das Wissen und die Kompetenzen von Bedeutung sind, sondern ein politischer Lackmustest darüber entscheiden soll, ob ein Rederecht oder eine Betätigung an einer Universität positiv sanktioniert wird, steht in einer schlimmen Tradition und ist mit dafür verantwortlich, dass deutsche Universitäten immer mehr zu Schwatzbuden, an denen sich Spinner über ihr Geschlecht streiten, und zu Orten der politischen Agitation, an denen politische Krieger gegen den politischen Feind zu Felde ziehen, werden.

Damit steht gerade die Heidelberger Universität und ihre Studentenschaft in einer unheiligen Tradition.

Emil Julius Gumbel.

Wer kennt Emil Julius Gumbel?

Emil Julius Gumbel war ein Mathematiker.

Im Jahre 1923 wurde er in Heidelberg habilitiert und fand dort als Privatdozent für mathematische Statistik eine Anstellung.
1930 wurde er vom damaligen Badischen Kultusminister Willy Hellpach, einem Liberalen, zum Professor ernannt.
Die Folge waren die Gumbelkrawalle, in deren Verlauf Mitglieder des AStA der Universität Heidelberg sich Auseinandersetzungen mit der Polizei lieferten und die Universität besetzten.

Um die Abbildung an heutige Verhältnisse anzupassen, reicht es, die Liste der Unterzeichner aus dem Grüne-Linken Milieu zusammen zu sammeln.

Gumbel war neben seiner Tätigkeit als Mathematik-Dozent auch ein flammender Pazifist, der mit seiner Meinung nicht zurückhaltend war. So hat er 1924 während eines Vortrags bei der Deutschen Friedensgesellschaft vom „Feld der Unehre“ gesprochen, und brachte damit den nationalen Teil Deutschlands gegen sich auf. Da er seine Meinung zudem in zwei Büchern mit dem Titel „Verschwörer“ (1924) und „Verräter verfallen der Feme“ (1929) kund getan hatte und sich anschließend in Prozessen wegen Landesverrat verteidigen musste (Prozesse, die ohne Konsequenz blieben), machten die Studentenvertreter Heidelbergs im AStA gegen Gumbel Stimmung und forderten seine Entfernung von der Universität Heidelberg. Die „Hetzkampagne der Studenten“ nahm dabei solche Ausmaße an, dass der Badische Kultusminister Remmele dem AStA die staatliche Anerkennung entzog (Wolgast 2006: 58). Der Entzug der Anerkennung wurde von Remmeles Vorgänger im Amt, Willy Hellpach wie folgt kommentiert:

” Wer sein Spielzeug kaputt macht, kriegt zunächst kein neues. Das sollte doch wohl selbstverständlich sein. Laßt doch ’Studentenschaften‘ sich auftun, wieviel ihrer Lust haben! Die Universität braucht sie nicht. Es ist jahrhundertelang ohne Selbstverwaltung der Studenten gegangen. Jedes krampfhafte Bemühen der Universitätsbehörde, rasch eine neue Selbstverwaltung aufzubauen, kann diese neue nur ähnlichen Schicksalen entgegenführen, wie die alte sie erfahren hat. Man nehme doch endlich die jungen Leute nicht gar so tragisch! Man dränge ihnen nicht auf, was sie gar nicht haben wollen und womit sie nichts anzufangen wissen . . . Gelassenheit! Gelassenheit! Und nur wo sie ihre Schranken überschreiten, dort unbeugsame Abweisung. Aber nicht ein Ernst, über den sie selber lachen (und das mit Recht!)“

Während sich politische Vertreter noch 1931 gegen den vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund unterwanderten AStA der Universität Heidelberg gestellt haben, um den Zweck von Wissenschaft und die Wissenschaftlichkeit vor dem Ansturm der ideologischen Horden zu bewahren, ist es heute gerade andersherum, Politiker beeilen sich, auf den ideologischen Karren, den die ideologischen Horden in den Studentenvertretungen ihnen bereitstellen, aufzuspringen und mitzujohlen.

Dass Studentenvertretungen, die gegen die Freiheit von Lehre, Meinung und Argument vorgehen, weil ihnen die politische Einstellung mancher Menschen nicht passt, damit die Wissenschaft unmöglich machen und beerdigen, denn ohne Liberalismus ist Wissenschaft nicht möglich, das stört heutige Politiker, Kultusminister oder Stadtverordnete wenig. Ihr Rückgrat hält keinen Vergleich mit liberalen Politikern aus, die noch 1931 eindeutig gegen die ideologischen Horden Stellung bezogen haben, wohlwissend, dass sie damit eine Gefahr an Leib und Leben eingehen.

Die Zeiten ändern sich bekanntlich, nur eine Konstante scheint unveränderlich: Politische Horden, die in ihrer Dummheit das beseitigen wollen, was Wissenschaft erst ermöglicht, hat es zu allen Zeiten gegeben. Neu ist, dass sie sich außerhalb totalitärer Systeme, sofern man Deutschland als nicht totalitäres System ansieht, der politischen Schützenhilfe sicher sein können.


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Vorlesetag: Mit W.I. Lenin „Parasiten“ erschießen und Judensterne erfinden

Da heute Vorlesetag ist, haben wir auch einen Text herausgesucht, den wir vorlesen, also vorschreiben, nein zum Lesen vorschlagen. Nicht als ganzes, dazu ist der Text zu tröge, zu weitschweifig und letztlich zu dumm, aber in Teilen, in Teilen, die zeigen, wie eng Sozialismus, Hass, Mordlust, ein Welt, die in Unter- und Herrenmenschen eingeteilt ist, verflochten sind.

Der Text: „Wie soll man den Wettbewerb organisieren?“, den Wladimir Iljitsch Lenin passender Weise über Weihnachten 1917 geschrieben hat, lässt keine Zweifel daran übrig, wie mit denen, die Lenin zu Parasiten erklärt, zu verfahren ist. Er zeigt, wie Sozialisten sich der Figur der „Armen“ bzw. „der armen Familien“ bedienen, um ihre Mordlust zu legitimieren und wie sie Wettbewerb für sich umdefinieren, zu einem Wettbewerb darüber, welche Kommune, welcher Sowjet, welcher Deputierte die beste Methode findet, um die von Lenin zu Parasiten erklärten Menschen loszuwerden. Für Lenin ist das Rechnungsführung.

Wer heute über Hate Speech schwadroniert, sollte deren Ursprünge in den Urwerken des Sozialismus kennen, und sie vorlesen, damit nicht vergessen wird, wie eng Sozialismus und Nationalsozialismus nicht nur im Begriff, sondern im Geiste verwandt sind. Selbst der Judenstern ist keine wirklich originäre Erfindung der Nazis. Lenin hat das Prinzip bereits 1917 vorweggenommen.

Lassen wir Wladimir Iljitsch selbst zu Wort kommen:

„Die Reichen und die Gauner – das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille, zwei Hauptarten von Parasiten, die der Kapitalismus großgezogen hat, sie sind die Hauptfeinde des Sozialismus; diese Feinde müssen unter die besondere Aufsicht der ganzen Bevölkerung gestellt werden; gegen sie muß rücksichtslos vorgegangen werden, sobald sie die Regeln und Gesetze der sozialistischen Gesellschaft auch nur im geringsten übertreten. Jede Schwäche, jedes Schwanken, jede Sentimentalität in dieser Hinsicht wäre das größte Verbrechen am Sozialismus. Um die sozialistische Gesellschaft vor diesen Parasiten zu sichern, muß man eine allgemeine, von Millionen und aber Millionen Arbeitern und Bauern freiwillig, energisch, mit revolutionärem Enthusiasmus unterstützte Rechnungsführung und Kontrolle über die Menge der Arbeit, die Produktion und die Verteilung der Produkte organisieren.

[…]

Tausenderlei Formen und Methoden der praktischen Rechnungsführung und Kontrolle über die Reichen, über die Gauner und Müßiggänger müssen von den Kommunen selbst, von den kleinen Zellen in Stadt und Land ausgearbeitet und in der Praxis erprobt werden. Mannigfaltigkeit ist hier eine Bürgschaft für Lebensfähigkeit, Gewähr für die Erreichung des gemeinsamen, einheitlichen Ziels: der Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer, von den Flöhen – den Gaunern, von den Wanzen – den Reichen usw. usf. An einem Ort wird man zehn Reiche, ein Dutzend Gauner, ein halbes Dutzend Arbeiter, die sich vor der Arbeit drücken (ebenso flegelhaft wie viele Setzer in Petrograd, besonders in den Parteidruckereien), ins Gefängnis stecken. An einem anderen Ort wird man sie die Klosetts reinigen lassen. An einem dritten Ort wird man ihnen nach Abbüßung ihrer Freiheitsstrafe gelbe Pässe aushändigen, damit das ganze Volk sie bis zu ihrer Besserung als schädliche Elemente, überwache. An einem vierten Ort wird man einen von zehn, die sich des Parasitentums schuldig machen, auf der Stelle erschießen. An einem fünften Ort wird man eine Kombination verschiedener Mittel ersinnen und zum Beispiel durch eine bedingte Freilassung eine rasche Besserung jener Elemente unter den Reichen, den bürgerlichen Intellektuellen, den Gaunern und Rowdys erzielen, die der Besserung fähig sind. Je mannigfaltiger, desto besser, desto reicher wird die allgemeine Erfahrung sein, desto sicherer und rascher wird der Erfolg des Sozialismus sein, desto leichter wird die Praxis — denn nur die Praxis ist dazu imstande.

[…]

In welcher Kommune, in welchem Viertel einer großen Stadt, in welcher Fabrik, in welchem Dorf gibt es keine Hungernden, keine Arbeitslosen, keine reichen Müßiggänger, keine Halunken, Lakaien der Bourgeoisie, Saboteure, die sich Intellektuelle nennen? Wo ist mehr getan worden für die Steigerung der Produktivität der Arbeit, für den Bau neuer guter Häuser für die Armen, für ihre Unterbringung in den Häusern der Reichen, für die regelmäßige Versorgung jedes Kindes armer Familien mit einer Flasche Milch? Das sind die Fragen, um die sich der Wettbewerb der Kommunen, der Gemeinden, der Konsum- und Produktivvereine und -genossenschaften, der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten entfalten muß.“

W.I. Lenin (1917). Wie soll man den Wettbewerb organisieren?

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Professoren anpinkeln. Das neue Hobby der vermeintlichen Intelligentia

Was ist niedriger, als sich gegenüber Leuten, die in einer Zeit lebten, die man nur vom Hörensagen kennt, die mit Randbedingungen konfrontiert waren, die man nicht einschätzen kann und die vor allem eines sind: mausetot, und das schon seit Jahren, posthum an den Karren zu fahren, sie anzupinkeln und selbst aus dem ekligen Unterfangen ethische Erhabenheit zu saugen?

Wir leben im Zeitalter des Professorenpinkelns und beginnen damit, ein Epitaph aus dem Spiegel des Jahre 1969 zu zitieren:

Ludiwg HeilmezerLUDWIG HEILMEYER, 70. Er war ein unorthodoxer Pontifex, urig lärmend, Weltmann aus dem Jugendstil-München, betriebsam und ein Boß — der deutsche Papst der Inneren Medizin. Im Trümmer-Deutschland, als andere Ordinarien Notbaracken bauten, ließ der Experte für Blut und Blutkrankheiten moderne Kliniken errichten und verschaffte der medizinischen Fakultät in Freiburg internationales Renommee. Als er im Pensionsalter zum Gründungsrektor der Ulmer Universität berufen wurde, machte sich der als Klinik-Chef alten Schlages gefürchtete Heilmeyer mit Vehemenz stark für Studienreform, Kollegialsystem und gegen die Pfründen-Wirtschaft. Burschikos noch als Präsident des Internistenkongresses, gab er — mit quicken Blicken durch eine knorrig schwarze Brille jedes Auditorium bezwingend — seine Losung aus: “Medizin wird Naturwissenschaft sein, oder sie wird nicht sein.”

Tatsächlich hat Heilmeyer eine lange Liste der Verdienste angehäuft (z.B. neue Verfahren zur Behandlung von Leukämie und in der Nuklearmedizin), eine Liste, von der noch heute die Namensgebung von Tumorzentren oder Einträge im Atlas der Klinischen Hämatologie und Cytologie künden.

Seine Verdienste sind unbestritten.
Niemand bestreitet sie.
Eigentlich.

Uneigentlich hat Florian Steger, ein Ulmer Medizinhistoriker, gerade in einem Vortrag zur Rolle von Ludwig Heilmeyer, dem Gründungsrektor der Universität Ulm, gehalten. Zu welcher Rolle? Na zu der im Nationalsozialismus. Was könnte im Jahre 72 nach dem Ende des Tausendjährigen Reiches und im Jahre 48 nach dem Tode von Ludwig Heilmeyer wichtiger sein, als in dessen vielleicht brauner Vergangenheit zu wühlen?

Deutschland hat keine Probleme.

Und Deutschlands angebliche Intellektuelle haben so wenig eigene Ideen, dass sie sich Selbstbewusstsein und moralische Erhabenheit dadurch zu verschaffen trachten, dass sie Personen, deren, wie Steger sagt, „Verdienste … unbestritten“ sind, in den braunen Dreck treten wollen.

Und das ist die posthume Anklageliste gegen Ludwig Heilmeyer:

  • Nationale Gesinnung
  • Mitglied im Freikorps Epp (so etwas wie die Anti-Antifa der Weimarer Republik)
  • Mitglied im Stahlhelm (Organisation der Deutschnationalen Volkspartei)
  • Anführer des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes (Rund 1/3 der Universitätsdozenten war Mitglied, vor allem Dozenten aus den Sozialwissenschaften, die  für Extremismus damals wie heute offenbar besonders anfällig sind, damals NSDDB, heute Gender Studies…)
  • KEIN Mitglied in der NSDAP
  • Bekanntschaft mit Hans Frank und Hans Eppinger (beide böse)
  • Verschweigen der Mitautorenschaft von Hans Hirschfeldt (Jude)

Das Urteil, das der Medizinhistoriker Florian Steger, von dem wir nicht wissen, ob und wenn ja welche unbestreitbaren Verdienste er für sich reklamieren kann, über den unbestreitbar Verdienstvollen Ludwig Heilmeyer spricht, ist das folgende:

„Ludwig Heilmeyer hat sein Fortkommen fest im Blick. Dabei überschreitet er auch Grenzen, was ethisch kritisch zu beurteilen ist. Er wurde bereits von Zeitgenossen als Opportunist bezeichnet“.

Das ist nun ein bemerkenswerter Satz, denn die moralische Verurteilung von Heilmeyer, dem strebsamen Maximierer des eigenen Nutzens, der auch Grenzen überschreitet, was heute natürlich niemand, schon gar kein Medizinhistoriker tun würde (dass man heute vergisst, die Leistung Dritter an dem zu würdigen, was man gerade als Eigenleistung verkaufen will, ist undenkbar – oder? Schließlich sind wir eine moralisch so hochentwickelte Kultur, dass wir die Nazis brauchen, um unsere Überlegenheit zu dokumentieren.), diese Verurteilung, sie wird gestützt vom Urteil der „Zeitgenossen“ wie Steger sich ausdrückt. Die Zeitgenossen, sie teilen sein Urteil, stützen es, sollen dem Urteil Verlässlichkeit verleihen.

Wer sind nun diese Zeitgenossen?

Scrollen wir in der Pressemeldung zurück und lesen:

„War Ludwig Heilmeyer also ein überzeugter Nationalsozialist? Steger zeichnete das Bild eines Opportunisten, dem bereits 1934 in einem Briefwechsel hohe Funktionäre der NDSAP ein „krankhaft großes Ich-Bedürfnis“, „Geltungsdurst“ und „ungeheuerlichen Opportunismus“ attestierten.“

Freikorps Epp marschMit anderen Worten, Steger stützt sein Urteil über Heilmeyer auf ein Urteil von hohen Funktionären der Nationalsozialisten. Nicht, dass es ausgeschlossen wäre, dass Nationalsozialisten Personen richtig zu beurteilen im Stande sind. Aber es ist schon mehr als peinlich, wenn man Ludwig Heilmeyer als Opportunisten, der sein Fähnchen in den Wind der Nationalsozialisten gehängt hat, darstellen will und dies ausgerechnet dadurch tut, dass man eben diese Nationalsozialisten zitiert, die Heilmeyer unter anderem nicht in der NSDAP mitmachen lassen, weil er aus ihrer Sicht sein Fähnchen in den Wind der Nationalsozialisten hängt, weil er auf Deutsch KEIN ÜBERZEUGTER NAZI war.

Während wir für Heilmeyer somit feststellen müssen, dass er kein überzeugter Nazi war, müssen wir für Steger feststellen, das er die überzeugend findet, die er diskreditieren will: Nazis.

Beim Pinkeln stört das scheinbar nicht.
Wie heißt noch das St. Florian Prinzip: Lieber Gott verschon mein Bein, pinkel andere an?

“Rechtslastige Verschwörungstheorie”? Nicht Finis Germania, sondern Finis Ratio

Diskutieren wir doch alle einmal über ein Buch, das die wenigsten von uns gelesen haben.

Finis GermaniaWarum auch nicht? Schließlich wird das Buch „Finis Germania“ gerade von den kulturellen Leidmedien Deutschlands zerrissen. Warum? Weil es auf die von NDR und Süddeutsche herausgegebene Liste der Sachbücher des Monats, auf Platz 9 um genau zu sein, geraten ist. Die Liste wird nach Angaben des NDR von „einer unabhängigen Jury“, die aus „renommierten Wissenschaftlern sowie Autoren und Redakteuren großer deutscher Medienunternehmen“ besteht, zusammengestellt.

Die Unabhängigkeit hat jedoch da ihre Grenze, wo ein Buch auf die Liste kommt, das der Kulturredaktion beim NDR nicht passt, das von „rechtslastigen Ideen und Verschwörungstheorien“ getragen ist, wie es beim NDR heißt, und zwar in der Begründung dafür, dass der NDR die Zusammenarbeit mit der „unabhängigen Jury“ aussetzt. Wie kann man als diktatorischer Sender auch mit einer Jury zusammenarbeiten, die sich anmaßt, Bücher zu empfehlen, die dem Sender nicht gefallen?

Das geht schon deshalb nicht, weil der NDR der große Saubersender in Deutschland ist. Beim NDR gibt es keinen Xavier Naidoo und auch keinen Rolf Peter Sieferle. Sieferle ist der Autor von Finis Germania. Sieferle ist bzw. war bis zu seinem Selbstmord ein renommierter Wissenschaftler, ein Historiker mit einem Lehrstuhl für allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Aber Renommee ist schnell dahin in Deutschland, wenn man eine politische Ansicht äußert, die dem herrschenden Gesinnungsdiktat zuwiderläuft, die rechtslastig ist oder rechtslastig gemacht wird, von Journalisten, die das Buch, das bei Amazon mittlerweile auf Verkaufsrang 1 gelandet ist, madig machen wollen, obwohl die meisten von ihnen, es nie gelesen haben.

Die Anklageschrift beim NDR liest sich wie folgt:

“Der Deutsche”, heißt es da, ähnele dem “Teufel, dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben und der für alle Zeiten in der Finsternis verharren wird”. Von Auschwitz als dem “letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt” ist die Rede, von einer “neuen Staatsreligion”, deren “Erstes Gebot” laute: “Du sollst keinen Holocaust neben mir haben.” Und weiter: “Da der Holocaust keinem profanen, sondern einem auserwählten Volk widerfahren ist, wurde das Volk der Täter ebenfalls der profanen Geschichte entrückt und in den Status der Unvergänglichkeit erhoben.”

Das Patchwork aus dem Zusammenhang gerissener Zitate hat seinen Erregungs-Höhepunkt in der Bezeichnung von Auschwitz als dem „letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt“. Die Setzung der Hochkommata ist hier von besonderer Bedeutung, denn sie legt den Schluss nahe, Sieferle habe Auschwitz als Mythos, also als etwas bezeichnet, das es gar nie gegeben habe.

Eine Redaktion weiter, bei der ZEIT, hat man den selben Erregungs-Höhepunkt und schreibt:„Er schreibe außerdem von Auschwitz als einem „Mythos“, welcher „der Diskussion entzogen werden soll“. Das schreiben die ZEIT-Kollegen auf Grundlage des oben zitierten Textes des NDR, in dem nun wieder kein Bezug auf einen Auschwitz-Mythos zu finden ist, der der Diskussion entzogen werden soll, der vielmehr in die Diskussion gebracht wurde.

Gerade dann, wenn man Bücher nicht selbst gelesen hat, halten sich die affektiv ansprechenden Teile besonders hartnäckig, selbst dann, wenn sie falsch sind. Eine Redaktion weiter, bei der FAZ, liest sich der Holocaust-Aufreger wie folgt:

„’Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden“, steht in diesem Buch. Antifaschismus sei Antigermanismus. Und: „Die Juden, denen ihr Gott selbst die Ewigkeit zugesichert hat, bauen heute ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird“, schreibt Rolf Peter Sieferle.“

Auch bei der FAZ herrscht die Überzeugung, Sieferle stelle Auschwitz durch dessen Bezeichnung als Mythos in Frage. Um dies zu untermauern wird eine Stelle wörtlich zitiert, „Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden“. Das wurde dieses Mal etwas korrekter beim NDR abgeschrieben, bei dem es heißt: „Von Auschwitz als dem ‚letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt‘ ist die Rede.“

KZ Auschwitz, EinfahrtAlle Schreiber sind sich somit einig, dass Sieferle Auschwitz als Mythos bezeichnet. Ein Professor der Geschichte, der jahrelang an Hochschulen tätig gewesen ist und geforscht hat, soll so dumm sein, in Deutschland Auschwitz in Frage zu stellen und als Mythos zu bezeichnen?

Des Rätsels Lösung ergibt sich, wenn man die Stellung des Mythos im Verhältnis zu Auschwitz verändert und nicht mehr, wie die Schreiberlinge der Erregungsmedien oben, von Auschwitz-Mythos schreibt, sondern vom Mythos „Auschwitz“. Das macht einen erheblichen Unterschied. Und wie so oft in der Post-Moderne, sind die Leser von Zeitungen gebildeter als die Journalisten, bei denen die Ausdrucksformen Wissen und Fähigkeit komplett den Ausdruckformen Entrüstung und Erregung und die Technik der Recherche der Technik von Cut and Paste gewichen sind.

Wir zitieren aus einer Buchbesprechung bei Amazon, die Heino Bosselmann dort hinterlassen hat:

“Von besonderer Relevanz [ist] der dritte Teil, in dem Sieferle den „Mythos Auschwitz“ beschreibt und dessen konstituierende Funktion für die politische Gegenwart herzuleiten versucht: „Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden.“ Nachgewiesen wird zunächst die Bedeutung des “Holocaust-Komplexes” für ein Schuldverständnis gänzlich neuen Typs, einer Kollektivschuld „von metaphysischer Dimension“, die so, wie sie verstanden und verinnerlicht werden soll, „der älteren Figur der Erbsünde“ gleicht, dies jedoch in negativem Vollzug: „Aus der Kollektivschuld der Deutschen, die auf ‚Auschwitz‘ zurückgeht, folgt ebenfalls der Aufruf zur permanenten Buße, doch fehlt dieser säkularisierten Form der Erbsünde das Element der Gnade und Liebe vollständig. Der Deutsche ähnelt daher nicht dem Menschen, dessen Schuld durch die Liebe Gottes zwar nicht revidiert, aber kompensiert wird, sondern dem Teufel, dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben und für alle Zeiten in Finsternis verharren wird. (…) Der Deutsche, oder zumindest der Nazi, ist der säkularisierte Teufel einer aufgeklärten Gegenwart.“

Sieferle deutet die Sonderrolle der jüdischen Schicksalsgemeinschaft einerseits und der Deutschen andererseits als komplementär: „Die Welt braucht offenbar Juden oder Deutsche, um sich ihrer moralischen Qualitäten sicher zu sein. Allerdings gibt es einen gewaltigen Unterschied. Die Juden teilten selbst nicht die Bewertung, die ihnen seitens der Christenheit widerfuhr, während die Deutschen die ersten sind, ihre unauflösliche Schuld zuzugeben.“ Um daraus, so der Autor, eine Art Staatsideologie zu entwickeln, von der das gewissermaßen negative Selbstverständnis einer Nation ausgeht, die eigentlich keine Nation mehr sein möchte, sondern nur mehr ein “Standort”, eine “Wertegemeinschaft” oder eben eine “bunte Republik”.

Wie funktioniert das? „Bei dem heute so populären Auschwitz-Komplex handelt es sich offenbar um den Versuch, innerhalb einer vollständig relativistischen Welt ein negatives Absolutum zu installieren, von dem neue Gewissheiten ausgehen können. ‚Auschwitz‘ bildet insofern einen Mythos, als es sich um eine Wahrheit handelt, die der Diskussion entzogen werden soll. Dieser Mythos hat allerdings einen wesentlich negativen Charakter, da dasjenige als Singularität fixiert werden soll, was nicht sein soll. Daher trägt die sich auf diesen Komplex stützende politische Bewegung auch einen negativen Namen: Antifaschismus.’“

Es ist erschreckend, wenn man konstatieren muss, dass deutsche Journalisten nicht mehr in der Lage oder Willens sind, den Unterschied zu erkennen zwischen der Aussage:

Auschwitz ist ein Mythos

und der von Sieferle begründeten Behauptung:

Auschwitz ist in Deutschland zu einem Mythos aufgebaut worden, der in derselben Weise als Herrschaftsmittel benutzt wird, wie die ewige Erbsünde. Die Behauptung einer immerwährenden Kollektivschuld der Deutschen wird von Sieferle als Mittel bewertet, das genutzt werde, um von der deutschen Nation Abstand zu nehmen und die Vorstellung einer „bunten Republik“ durchzusetzen.

Der Mythos der ewig währenden Kollektivschuld, die in Auschwitz begründet ist, ist für Sieferle also der neue und negative Schöpfungsmythos des antifaschistischen Deutschlands.

Zugegeben, die Argumentation von Sieferle verlangt es, zwei Gedanken zu verstehen und dann auch noch miteinander in Verbindung zu bringen. Dennoch ist es erschreckend festzustellen, dass deutsche Journalisten dazu nicht in der Lage sind. Wer anderen gerne vorwirft, sie würden mit der Komplexität der modernen Welt nicht zurechtkommen und deshalb einfache Antworten bevorzugen, der darf sich nicht als einer bloßstellen, der nicht in der Lage ist, über einfache Antworten, nach denen dummerweise niemand gefragt hat, hinaus denken zu können.

Das ist mehr als peinlich.


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