Hexenjagd: Zeitschrift “Angewandte Chemie” wird stalinistischer Säuberung unterzogen

Wissenschaft lebt von Kritik. Wird Kritik eingeschränkt oder gar vollständig unterdrückt, dann geht Wissenschaft nicht mehr voran, dann degeneriert Wissenschaft. Bislang hat der Ansturm der Identitätslinken, die versuchen, ihre kollektiven Phantasien gegen die Realität durchzusetzen, vor allem die Sozialwissenschaften zerstört. Nun erfolgt der Frontalangriff auf die Naturwissenschaften. Das erste wissenschaftliche Journal, das lieber mit den Feinden der Wissenschaft den Schulterschluss sucht als für Wissenschaft einzutreten, ist das deutsche Journal “Angewandte Chemie”, das mit seiner internationalen Ausgabe gerade einen Shitstorm sonders gleichen erlebt.

Anlass ist eine Häresie.
Tomáš Hudlický, nach allen Kriterien das, was man einen herausragenden Chemiker nennt, hat eine Bestandsaufnahme seines Faches vorgenommen und den vor 30 Jahren erschienen Artikel “Organic synthesis – Where Now?” fortgeschrieben. Er macht darin eine Bestandsaufnahme seines Faches und tut das, was man als Wissenschaftler immer tut, sofern man es mit der Wissenschaft ernst nimmt: Er kritisiert Entwicklungen in seinem Fach, von denen er denkt, dass sie den Erkenntnisfortschritt stören, behindern oder gar verunmöglichen.



Und wenn man es mit Wissenschaft ernst meint, dann drängen sich die identitätslinken Spielwiesen, auf denen unter den Stichworten “Frauenförderung, Diversität, Antirassismus, sexuelle Identität” das meritokratische Grundgerüst der Wissenschaften zerstört wurde, geradezu auf. Ergo hat Tomáš Hudlický  die nun auch in seinem Fach verbreitete Praxis, Frauen zu bevorzugen,  obwohl der Anteil von Frauen und Minderheitenangehörigen in seinem Fach massiv gewachsen ist, kritisiert:

“It follows that, in a social equilibrium, preferrential treatment of one group leads to disadvantages for another”, schreibt Hudlický.

Das ist eine Aussage, die man nicht empirisch widerlegen kann. In einer Welt beschränkter Ressourcen führt die Tatsache, dass man einen Teil der Akteure mit einer zusätzlichen Mahlzeit versorgt, dazu, dass für den anderen Teil der Akteure weniger zu essen da ist. Wer das bestreiten will, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Und doch wird es bestritten, wie wir gleich zeigen.

Tomáš Hudlický fährt in seinem Beitrag, in dem die Teile, die wir hier zitieren, nur in einem Abschnitt vorkommen und einen geringen Teil des Gesamttextes ausmachen, wie folgt fort:

“New ideologies have appeared and influenced hiring practices, promotion, funding, and recognition of certain groups. Each candidate should have an equal opportunity to secure a position, regardless of personal identification/categorization. The rise and emphasis on hiring practices that suggests or even mandate equality in terms of absolute numbers of people in specific subgroups is counter-productive if it results in discrimination against the most meritious candidates”.

Nun wird es spannend.

Im Kontext des Professorinnenprogramms lautet die etablierte Lüge, dass ein weiblicher Bewerber nur dann bevorzugt würde, wenn er mindestens so qualifiziert sei, wie der beste männliche Bewerber. Wäre diese Behauptung keine Lüge, sondern ernst gemeint, niemand dürfte sich über den Abschnitt oben, den Tomáš Hudlický geschrieben hat, aufregen, denn er sagt darin lediglich:

Es gibt einen Konflikt zwischen der Festsetzung einer Quote auf Aggregatebene und der Auswahl des besten Bewerbers.

Abermals kann man Tomáš Hudlický nur widersprechen, wenn man nicht alle Tassen im Schrank hat. Natürlich ist es so, dass dann, wenn auf Aggregatebene eine Quote erfüllt werden muss, auf der Individualebene nicht die besten Bewerber ausgewählt werden können. Das ist schon rein statistisch gesehen ein Ding der Unmöglichkeit, setzt es doch eine Zufallsauswahl der Bewerber voraus, die schon deshalb nicht stattfinden kann, weil es eine Ausschreibung gibt, die Vorgaben dazu macht, wer sich bewerben kann. Als Konsequenz werden Berufungskommissionen die schlechtere Kandidatin berufen, um die Quote zu erfüllen. Und genau diesen, die Wissenschaft beschädigenden Umstand, prangert Hudlický an. Er ist nicht einmal so umfassend in seiner Kritik, wie wir das sind, die anfügen, dass die Praxis von Quoten notwendig ein Race to the Bottom, einen Prozess auslöst, in dem das Qualifikationsniveau von Bewerbern abnimmt, weil hochqualifizierte Bewerber es nicht nötig haben, sich bei irgend einer Wurst-Universität auf ein “Quotenspielchen” einzulassen. Der Zustand von Universitäten weltweit, die eine intellektuelle Abwärtsbewegung in einer Geschwindigkeit genommen haben, die erschreckend ist, dokumentiert dies in eindrücklicher Weise.



Wem es um Wissenschaft geht, der kann Tomáš Hudlický also nur zustimmen.

Aber vielen geht es nicht die Wissenschaft. Hochschulen sind überlaufen von Ideologen, die das private Motiv, ein Auskommen zu finden, von dem sie denken, es sei mit Status verbunden (ein tragischer Irrtum, wie Dr. habil. Heike Diefenbach hier gezeigt hat), mit dem ideologischen Motiv verbinden, ihre nicht vorhandene Qualifikation durch die Verbreitung von – wie sie denken – akzeptierten Bewertungen zu ersetzen. In den Sozialwissenschaften ist diese Zerstörung schon weit fortgeschritten, nun wird sie auch in den Naturwissenschaften zur Normalität. Denn der Beitrag von Tomáš Hudlický, der als Meinungsbeitrag gekennzeichnet war, hat einen Shitstorm ausgelöst. Das war natürlich zu erwarten, denn wenn man Leuten ohne Fähigkeit das Feigenblatt wegnimmt, hinter dem sie sich verstecken, dann reagieren sie aufgebracht.

Ein paar Beispiele:

Wer nun denkt, die Herausgeber von Angewandte Chemie beweisen Rückgrat und schützen Ihren Autoren vor dem Ansturm der identitätslinken Horden, der sieht sich getäuscht. Die Herausgeber von Angewandte Chemie konnten gar nicht schnell genug beteuern, dass sie mit dem Text nichts zu tun haben. Harold Garfinkel beschreibt in seinen Arbeiten des öfteren Unterwerfungsrituale, die in der Regel von Personen eingefordert werden, die nur über solche Rituale die eigene Position sichern können. Warum ist eindeutig: Sie habe keinerlei Qualifikation oder Fähigkeit, um auf andere Weise Suprematie zu erlangen. Alle Beispiele von oben sind Beispiele für das Einfordern eines Unterwerfungsritual, alle Beispiele machen deutlich, dass nur ein standhafter Verteidiger von Wissenschaft notwendig gewesen wäre, um den Shitstorm zu übelriechenden Lüftchen zu machen. Leider gibt es die dazu notwendigen Menschen mit Rückgrat zumindest bei Angewandte Chemie nicht:

Neville Compton, “editor in Chief” bei Wiley, die Angewandte Chemie verlegen, ist mit der folgenden Unterwerfungsgeste vor dem wissenschaftsfeindlichen Mob zu Kreuze gekrochen:

An opinion essay “A Reflection on the Current State of Affairs,” a response to “Organic synthesis—Where Now?,” originally published 30 years ago in Angewandte Chemie, recently appeared as an Accepted Article. The opinions expressed in this essay do not reflect our values of fairness, trustworthiness and social awareness. It is not only our responsibility to spread trusted knowledge, but to also stand against discrimination, injustices and inequity. While diversity of opinion and thoughts can spur change and debate, this essay had no place in our journal.

[Wie weit der Verfall auch in den Naturwissenschaften schon vorangeschritten ist, das sieht man deutlich an der Verwechslung von Equality und Equity. Ginge es bei Angewandte Chemie darum, Equity durchzusetzen, der Beitrag von Tomáš Hudlický müsste gerade publiziert werden, weil er die Gefahr, die Identitätslinke für den Wissensfortschritt darstellen, zeigt. Davon abgesehen ist es natürlich nicht die Aufgabe einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift vor Linksidentitären zu Kreuze zu kriechen und deren moralischen Unrat zu eigenen Werten zu erklären.]

In response to this incident, we will conduct an internal investigation and will share the actions we are implementing within the next week to ensure this will not happen again. We are deeply sorry and know we have failed the community that puts their trust in us.

The foundation of our work is based on the belief that science can and does change the world.

We are committed to making a change. We can and will do better.

Es ist erschreckend, wie die Herausgeber von Zeitschriften, die wenigen kritischen Wissenschaftler, die bei ihnen noch veröffentlichen, im Regen stehen lassen. Es ist mindestens so erschreckend, wie leicht es der Gesinnungsmafia gelingt, Kritik an ihren Methoden der Selbstbereicherung, die als Kollateralschaden Wissenschaft zerstört, zu unterdrücken. Eine solche Geschwindigkeit hätte Lavrentij Berija, den Geheimdienstchef, der den Terror Stalins umgesetzt hat, mit Sicherheit beeindruckt, aber Berija war Teil eines Totalitären Räderwerks nicht Teil angeblich freier Wissenschaft in freien westlichen Staaten.

Wir sehen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens eine Schließung, einen Marsch, nein, einen Galopp in den Totalitarismus. Identitätslinke Faschisten wollen vorschreiben, was gesagt werden darf, wer von Steuerzahlern finanziert werden muss, wer wertiges, wer weniger wertiges Leben darstellt. Identitätslinke vergiften mit ihren Normalisierungsbemühungen für Perversionen aller Art den öffentlichen Raum, aus dem sie nun angefangen haben, alles, was ihnen nicht gefällt, zu entfernen. Und in der institutionalisierten Wissenschaft haben Identitätslinke längst jede Möglichkeit, Wissenschaft zu betreiben, verunmöglicht, weil sie Kritik an ihren ideologischen Wolkenkuckucksheimen nicht zulassen können, weil die ganze Phantasiewelt durch Kritik zum Einsturz gebracht wird. Weil Leute, die für Wissenschaft einstehen sollten, weder den dazu notwendigen Mut noch das Rückgrat aufbringen, versinken wir derzeit in einem Meer von Wahnsinn, in dem ab und an ein vorsintflutliches Wesen seine fiese Visage erhebt, um die gesamte Besatzung eines Ruderbootes in Aufruhr zu versetzen und mit vereinten Kräften in die andere Richtung paddeln zu sehen, wo doch ein einfacher Schlag mit dem Ruder auf den Schädel der vermeintlichen Monsters genügt hätte, um es ein für alle Mal zu versenken.



Ein geradezu groteskes Beispiel solcher hysterischer Unterwürfigkeit liefert der Herausgeberkreis von Angewandte Chemie, der gesammelt zurückgetreten ist, ob der furchtbaren Kritik, die Tomáš Hudlický an einem Heiligtum der Identitätskirche geübt hat:

Bleibt noch nachzutragen, dass den beiden Peer Reviewern, die keinen Grund sahen, den Beitrag von Tomáš Hudlický zu zensieren, z.B. weil sie an Wissenschaft und Erkenntnisfortschritt interessiert sind, von Angewandte Chemie die Zusammenarbeit aufgekündigt wurde. Es wäre empfehlenswert, wenn alle Abonennten von Angewandte Chemie auch kündigen würden, und zwar die Zeitschrift. Die ganze Episode ist natürlich ein Bespiel für Säuberungen, nennen wir sie ruhig stalinistische Säuberungen, denn zwischen den Identitätslinken, die heute marodieren, und dem, was unter Stalin normal war, gibt es immer weniger Unterschied und abermals bleibt festzustellen, Lavrentij Berija wäre sehr beeindruckt von der Leistung des modernen NKWD – der NKWD war der Vorgänger der KGB.



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