Epistemische Absurdität in in sozialwissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlichten Texten

Oder:

Wie mit logischen Fehlschlüssen die Erziehung von Kindern zum logischen Fehlschließen legitimiert werden soll
von Dr. habil. Heike Diefenbach

Seit der Erfindung von „fake news“ als Neu-Bezeichnung für ein altes und altbekanntes Phänomen, nämlich das Phänomen, dass Leute lügen oder sich irren können, wenn sie etwas als Information oder Tatsache verbreiten, beobachten wir den Aufmarsch eines Heeres von Personen, die meinen, andere Menschen vor „fake news“ schützen zu müssen – und sich oft selbst die Kompetenz zuschreiben, dies zu können. Diesbezügliche „Expertenempfehlungen“ zum „richtigen“ Umgang mit Informationen – seltsamerweise immer nur mit Informationen, die man im Internet findet, nicht z.B. in Büchern, die im Schulunterricht verwendet werden, oder in den Fernsehdarbietungen von ARD oder ZDF – muten totalitär an und reichen von der Empfehlung, bestimmte Quellen zu zensieren bzw. unzugänglich zu machen, bis zur „Impfung“ gegen das, was gereade als „fake news“ angesehen wird, durch vorherige Informationsmanipulation.

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Das solchen Empfehlungen gemeinsame Charakteristikum ist der Versuch, Menschen dazu zu bringen, ihr Urteilsvermögen auf systematische Weise auf logische Fehlschlüsse zu gründen, allen voran auf den genetischen Fehlschluss, nach dem die Zuverlässigkeit oder der Wahrheitswert einer Information daraus abgeleitet werden soll, wo die Information gegeben wird bzw. wer sie gibt oder sogar darauf, wer der Information vertraut oder misstraut. Das bedeutet: einer Information ist zu vertrauen, wenn verlässliche Autoritäten sie geben, verlässliche Medien sie verbreiten, „gute“ Menschen der Information vertrauen.

Die Fragen, die sich aufdrängen, sind natürlich: Wer ist eine verlässliche Quelle, und wer sind die „guten“ Menschen, die der vermeintlich verlässlichen Quelle folgen und denen daher seinerseits folgen sollte, wer zu den „guten“ Menschen gehören will? Diese Fragen sind nicht ein für allemal, quasi per Formel, zu beantworten. Und deshalb ist es sinnlos, die Beurteilung der Verlässlichkeit oder des Wahrheitsgehaltes einer Information von ihrer Quelle abhängig machen zu wollen.

Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Autoren, die ihre Überlegungen oder Empfehlungen mit Bezug auf „fake news“ auf den genetischen Fehlschluss gründen.

Ein aktuelles Beispiel hierfür muten uns Einav et al. (2020) zu, die acht- bis zehnjährigen Kindern Texte von Webseiten (in ausgedruckter Form) zu verschiedenen Themen vorgelegt haben. Zu diesen Themen wurden den Kindern jeweils zwei Texte präsentiert, einer, der in der Form, wie er auf der Webseite zu lesen war, und einer, in den die Autorinnen Fehler inhaltlicher Art oder von Tippfehlern eingeschmuggelt hatten, um den Kindern falschen „web content“ präsentieren zu können.



Die Autorinnen haben festgestellt:

„… that participants endorsed more answers from the accurate than the inaccurate webpage in the typos condition but not in the factual or exaggeration (semantic) conditions” (Einav et al. 2020: 8),

dass die Kinder die Texte, die falsche Informationen enthielten, also nur dann überzufällig häufig als fehlerhaft erkannten, wenn sie Tippfehler enthielten, aber nicht, wenn sie faktische Fehlinformationen („Eisbären haben ein dichtes, gestreiftes Fell) bzw. Übertreibungen („am Nordpol schneit es jeden Tag“) enthielten.

So weit, so gut.

Aber: Dies alles hat nichts mit dem Internet oder Webpages, geschweige denn: mit der Zuverlässigkeit bzw. Glaubwürdigkeit von Webpages zu tun, denn Einav et al. unterscheiden bewusst nicht zwischen „Webseiten“ in Form der konkreten Texte, die sie den Kindern (nach teilweise bewusster Manipulation) vorgelegt haben, und „Webseiten“ im korrekten technischen Sinn, also als „Webseiten“, die viele verschiedene Texte (u.a.m.) enthalten. Wenn Einav et al. in ihrer Studie Kinder danach fragen, welche Webseite die „richtige“, d.h. diejenige mit zutreffenden Aussagen und ohne Tippfehler, seien und welche die „falschen“ (Einav et al. 2020:6), dann verschleiern sie die Tatsache, dass die Kinder tatsächlich nur die Richtigkeit oder Falschheit von Texten identifizieren sollten, die Webpages entnommen worden sein mögen, aber dennoch einfach Texte waren – und in ausgedruckter Form präsentiert wurden. Die Studie hat daher faktisch nichts mit der Glaubwürdigkeit des Internets bzw. von Webseiten bzw. von Inhalten von (speziell) Webseiten zu tun.

Wenn die Autoren ihre Studie zur Erkennung von Fehlern in Texten durch Schulkinder dennoch an die Thematik von Falschinformationen bzw. Unglaubwürdigkeit des Internet anhängen, dann ist es schwierig, den Verdacht abzuweisen, dass es hier darum geht, systematisch Manipulation am lebenden Kind vorzunehmen. Und die Autoren stellen explizit auf das Internet als Quelle von „misinformation“ ab. Der erste Satz des Aufsatzes von Einav et al. lautet:

„The Internet provides us with limitless information and opportunities for learning. However, it is becoming ever clearer that access to misinformation is an inevitable consequence of such an unregulated medium” (Einav et al. 2020: 1).

Das Internet als “unreguliertes Medium” stellt nach Einav et al. eine „Last“ für den im Informationsmeer Ertrinkenden, sei er Kind oder Erwachsener, dar:

„The burden [!] is therefore on individual users [!] to be discerning about the quality of sources that they encounter online [!] in order to minimize the risk of accepting false information” (Einav et al. 2020: 1).

Und im selben Tenor sind die Schlussfolgerungen der Autorinnen von der University of Nottingham gehalten:

„Our findings have educational implications, supporting calls for more critical digital literacy instruction within schools … and indicating a potential focus for intervention. Specifically, they suggest that 8- to 10- year-olds require additional support to get them into the habit of evaluating webpage content for factual accuracy and exaggerations. A goal for future work is to establish effective ways in which to do so. One possibility could be for teachers to give students more opportunities to practise spotting webpages that contain inaccuracies rather than providing them with teacher-vetted websites” (Einav et al. 2020: 10).



„Intervention“ durch „Schulen“ zur Beförderung “kritischer digitaler Lesefähigkeit“, weil Schüler “zusätzliche Unterstützung” bräuchten, um „faktische Fehler“ und „Übertreibungen“ zu erkennen und „Inhalte von Webseiten“ zu bewerten – „webpage content“; wobei der Begriff „webpage“ nunmehr plötzlich korrekt gebraucht wird –, das ist das erklärte Ziel („our goal for future work“) der Autorinnen, und dies alles, obwohl dieselben Autorinnen in einem Moment der Klarheit einräumen:

„It is not clear whether the results found for this study are likely to be specific to the digital domain or would hold for any kind of written media (e.g., books, magazines)” (Einav et al. 2020: 9)

Warum ist es dann das erklärte Ziel der Autorinnen, Kindern beizubringen, die Inhalte von Webseiten “richtig” zu bewerten?

Von dem Umstand, dass die Autorinnen spätestens hier hätten merken müssen, dass sie selbst den Kindern ausgedruckte Texte, also de facto „written media“ vorgelegt haben, wollen wir hier gar nicht reden, und wir wollen hier auch nicht davon reden, dass es sich nicht um eine „Implikation“ („implication“) durch Studienergebnisse handelt, wenn die Autoren der Studie meinen, dass ihre Ergebnisse irgendwelche „Forderungen“ („calls for …“) unterstützen würden.

Dies alles ist mehr als peinlich, aber die hauptsächliche Peinlichkeit kommt erst noch, denn hier ist, gänzlich unverblümt und klar erkennbar, der genetische Fehlschluss:

“Furthermore, teachers may need to reinforce the importance of taking into account a source’s overall accuracy when deciding whether to believe any claims it makes relating to unknown information” (Einav et al. 2020: 10; Hervorhebung d.d.A.).

Die Beurteilung von Informationen als zutreffend oder unzutreffend bzw. „übertrieben“ oder nicht „übertrieben“ soll nach Einav et al. also ersetzt werden durch „die Richtigkeit einer Quelle insgesamt gesehen“, so, als wäre es irgendwie möglich, von der (wie auch immer festgestellten) Zuverlässigkeit einer Quelle auf die Richtigkeit oder Falschheit von Einzelaussagen in verschiedenen Texten, die dieser Quelle entstammen, zu schließen. Das ist es aber nicht, und ist deshalb in der Logik (und dem halbwegs gebildeten Mitmenschen) als genetischer Fehlschluss bekannt.

Er ist deshalb ein Fehlschluss, weil jeder Menschen und jedes Medium prinzipiell eine richtige Information geben kann (selbst unfreiwillig!) und sich andererseits jeder im Irrtum befinden oder lügen kann. Das gilt auch für jede fachliche Autorität, denn auch sie kann sich im Irrtum befinden, relevante zusätzliche Information nicht kennen oder nicht hinreichend würdigen oder schlichtweg korrupt sein und fachliche Autorität aufgibt, um Autorität kraft Anstellungsverhältnis, z.B. an einer Universität, in den Dienst ideologischer oder materieller Interessen derer zu stellen, die materielle „Zuwendungen“ versprechen. Ein Beispiel für Korruption vermeintlich fachlicher Autoritäten, das weltbekannt geworden ist, ist „climate gate“.

Wenn ein Text einen Fehler oder gar eine Lüge enthält, dann sagt dies prinzipiell nichts darüber aus, 1) ob andere Aussagen im selben Text Irrtümer oder Lügen darstellen oder nicht und 2) ob andere Texte Fehler oder Lügen enthalten. Eine Aussage ist eine Aussage. Sie kann richtig oder falsch sein (oder sinnlos oder unverständlich, versteht sich). Eine andere Aussage ist eine Aussage, die ihrerseits richtig oder falsch sein kann (oder sinnlos oder unverständlich). Und ein Text ist ein Text, und ein anderer Text ist ein anderer Text, und jeder von ihnen kann Irrtümer oder Lügen enthalten oder eben nicht, und das gilt auch, wenn beide Texte im selben Sammelband abgedruckt sind, beide in der ARD verlesen wurden oder beide auf den webpages desselben Online-Mediums veröffentlicht wurden. Man sollte meinen, es wäre nicht schwierig, dies zu begreifen.

Was die Autorinnen hier formulieren, ist aber nicht nur ein einfacher genetischer Fehlschluss, sondern gleich ein doppelter, denn die „Richtigkeit einer Quelle insgesamt gesehen“ kann, wenn eine solche Größe überhaupt irgendwie Sinn machen soll, nur als Ergebnis der Zusammenschau aller Aussagen in allen Texten, die aus der Quelle stammen, bestimmt werden, aber nicht umgekehrt. Wollte man umgekehrt vorgehen, dann würde man einen (weiteren) genetischen Fehlschluss begehen, diesmal in Form des speziellen Falles eines Fehlschlusses ad auctoritatem, denn man müsste die Richtigkeit (bzw. Falschheit) einer Quelle voraussetzen, um Texte, die aus ihr stammen, aufgrund der „Richtigkeit (oder Falschheit) der Quelle insgesamt gesehen“ als richtig oder falsch beurteilen zu wollen.

Die Autorinnen schließen ihren Beitrag mit der bemerkenswerten Erkenntnis, die da lautet:

„Consistent with previous research showing that children do not consider the credentials of online sources, our findings suggest that they may also be at risk of placing their trust in factually inaccurate sources” (Einav et al. 2020: 11).

Es stimmt: Kinder können Texten vertrauen, die Falsches enthalten. Aber das gilt für Texte, die aus dem Internet ausgedruckt wurden, ebenso wie für Texte von irgendwo anders. Außerdem gilt dasselbe für Erwachsene. Auch sie können Texten vertrauen, die Falsches enthalten. Und Kinder wie Erwachsene können den Aussagen von Menschen vertrauen, die – wissentlich oder unwissentlich – Falsches behaupten oder Fehlschlüsse begehen und damit Interventionen begründen wollen. So ist das soziale Leben. Gerade, wer Wissenschaftler sein will und durch seine empirischen Forschungsbefunde meint, Interventionen begründen zu können oder gar zu müssen, sollte aber tunlichst darauf verzichten, Unhaltbares zu behaupten, also u.a. alles, was auf logischen Fehlschlüssen basiert.

Zur Illustration:
Was sagt es über die Richtigkeit der Quelle „British Journal of Developmental Psychology“ insgesamt gesehen aus, wenn in ihr Texte veröffentlicht werden können, die vor Argumentationsfehlern nur so strotzen – und dies nach Durchlaufen eines „peer review“-Verfahrens!? Wäre die epistemische Absurdität der Autorinnen von der University of Nottingham der Maßstab der Wahl, müsste man sämtlich Texte und Inhalte verwerfen oder zumindest für eher unglaubwürdig halten, die jemals in dieser Zeitschrift abgedruckt wurden. Erfreulicherweise für die Zeitschrift, die Autoren der in ihr veröffentlichten Texte und ihrer Leser halten wir es aber lieber mit der Logik, und diese erweist genetische Schlüsse eben als Fehlschlüsse.

„Sippenhaft“ hat nirgendwo Platz, wo geistig einigermaßen Klarheit herrscht.


Literatur:

Einav, Shiri, Levey, Alexandria, Patel, Priya & Westwood, Abigail, 2020: Epistemic vigilance online: Textual inaccuracy and children’s selective trust in webpages. British Journal of Developmental Psychology.



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