ARD-Weisheit des Tages – Das Schöne an Seuchen: Danach leben weniger Menschen

Die ARD-Tagesschau hat heute einen bemerkenswerten Beitrag darüber veröffentlicht, wie “Krisen die Wirtschaft verändern”. Gemeint sind Krisen wie die Pest im Mittelalter, die Spanische Grippe H1N1 in den Jahren 1917 bis 1919 oder die heutige Pandemie. Der Tenor des Beitrags ist schnell erzählt: Krisen führen zu Aufschwung (zwangsläufig, denn wenn man nach einer Pandemie wirtschaftlich ganz unten ist, geht es nur nach oben), sie beschleunigen Entwicklungen und führen zu gesellschaftlichen Veränderungen und wir wissen ja alle, dass Veränderungen sehr gut, durchweg positiv sind.

Ein Beispiel aus dem Beitrag von Claudia Wehrle:

“Ähnlich war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts. “Die Spanische Grippe war auf alle Fälle die tödlichste aller Pandemien, mit 50 bis 100 Millionen Toten, so sind die Schätzungen”, sagt Hesse. Aber: Als die Schlachten des Ersten Weltkriegs geschlagen und die Spanische Grippe ausgestanden war, folgte ein Jahrzehnt des Aufbruchs, wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell – das waren die “wilden” 1920er-Jahre.”

Nun teilt nicht jeder die Ansicht, dass die H1N1-Pandemie, die so viele Menschen dahingerafft hat, ein Jahrzehnt des Aufbruchs nach sich gezogen hat.

Die Influenza-Pandemie von 1918/19 ist verantwortlich für den Wahlerfolg der Nazis in den Jahre 1930 bis 1933. Ohne die Pandemie keine Machtergreifung, kein Hitler, kein Zweiter Weltkrieg und wer weiß, was noch alles nicht. Seien wir bescheiden: Ohne Influenza-Pandemie, ohne spanische Grippe, keine extremen Wähler, die Hitler an die Macht wählen. Das ist die Idee von Kristian Blickle, einem Schweizer Ökonomen, der sich derzeit die Zeit bei der Federal Reserve Bank of New York vertreibt. Wir schon in der Vergangenheit ausführlich geschrieben, was wir davon halten. Dass wir Blickles Unfug an dieser Stelle wiederholen, dient dazu, die Willkür deutlich zu machen, die in Beiträgen wie dem von Wehrle zum Ausdruck kommt.

Man kann sich richtig vorstellen, wie das arme Mitglied der Redaktion der Tagesschau, das den Auftrag bekommen hat, die Pandemie und die hystersichen und völlig überzogenen Maßnahmen der Regierung, gutzuschreiben, am Bleistift kaut und krampfhaft versucht, irgendwelche Analogien zu positiv besetzten Dingen zu ziehen. Gut, dass es den im Text zitierten “Wirtschaftshistoriker Jan-Ottmar Hesse” gibt, der meint, die Spanische Grippe habe die “wilden 1920er Jahre” befördert. Es mag den einen oder anderen verwundern, dass die H1N1-Epidemie, die in Deutschland rund 518.400 Tote gefordert hat, wie Barro, Urusua und Weng (2020) berechnet haben, auf dieselbe Stufe gestellt wird, wie der Erste Weltkrieg, in dem rund zwei Millionen deutsche Soldaten, eine Million Zivilisten getötet wurden und mehr als 4 Millionen deutsche Soldaten verwundet wurden. Aber zum einen hilft Unkenntnis bei solchen unsinnigen Gleichsetzungen und zum anderen besteht der Auftrag offenkundig darin, die Pandemie und die großflächige Zerstörung von Existenzen, physisch, wirtschaftlich und psychisch, den die deutschen Regierungen in Bund und Ländern zu verantworten haben, gut zu schreiben.

Und das tut Wehrle dann auch. Heraus kommt dabei das Folgende:

“Doch so paradox das klingen mag: Nach solch einschneidenden Ereignissen können, ist die Krise überwunden, auf lange Sicht durchaus positive Effekte folgen – gerade weil nichts mehr so ist, wie es vorher einmal war. Nach der Pest konnte man das in vielen westeuropäischen Regionen beobachten: Es lebten weniger Menschen im Land, Arbeit wurde knapp und teuer. Es stiegen also die Löhne. Bevölkerungsschichten, die vorher am Existenzminimum vegetierten, erbten Geld.”

Sie sehen, Massensterben hat auch sein Gutes: Ist das Massensterben erst beendet, dann gibt es weniger Menschen. Die Löhne steigen, wie Wehrle aus Wirtschaftsarchiven der mittelalterlichen Gewerkschaften weiß, in denen die Folgen der Pest, die von rund 1347 bis 1353 in Europa gewütet hat, aufgezeichnet und die hervorragenden Lohnabschlüsse, die nach 1353 erzielt wurden, Gerüchten zufolge ist der Tariflohn allein bei den öffentlich Bediensteten in Stadt und Königreich um satte 20% gestiegen, aufgezeichnet sind.

Die Prosperität, die sich in Folge der Pest vor allen im 15. Jahrhundert eingestellt hat, hat schließlich dazu geführt, dass der 1337 begonnene 100jährige Krieg, von den wenigen Überlebenden noch bis 1453 weitergeführt wurde. Daran haben auch die klimabedingten Ernteausfälle, die aus heutiger Sicht der Verbrennung von Holz und dem damit freigesetzten CO2 durch die Pest-Überlebenden zugeschrieben werden müssen, Ernteausfälle, die in den Jahren 1437-40 Hundertausende dahingerafft haben, nicht geändert. Aber selbst hier sieht man den positiven Einfluss der Pestjahre, denn hätte die Pest nicht rund ein Drittel der lebenden Bevölkerung dahingerafft, es wären viel mehr in den Hungerjahren von 1437 bis 1440 elendiglich verhungert. Gut, dass die Pest vielen den Hungertod erspart hat. Und natürlich hat auch die im 14. Jahrhundert bereits hervorragend von staatlichen Beamten geregelte Erbfolge dazu geführt, dass diejenigen, die schon zuvor am Existenzminimum vegetiert haben, nun von denen, die schon vor ihnen am Existenzminimum vegetiert haben, geerbt und ihren Lebensstandard dadurch massiv verbessert haben. Vermutlich hat Wehrle hier die ersten positiven Effekte einer staatlich organisierten kommunistischen Umverteilung entdeckt. Walter Bower hat um 1440 im Scotichronicon von Robin Hood berichtet, offenkundig steckt der Engländer aus dem Sherwood Forest (der im 12. Jahrhundert gelebt haben soll) hinter den staatlichen Umverteilungen in der Folge der Pest, von denen die archivkundige Wehrle anscheinend erfahren hat.

Belassen wir es dabei.
Es dürfte deutlich geworden sein, welche Koryphäen bei der Tagesschau beschäftigt sind.
Und wenn man auch täglich Kaffee verschüttet und Monitore säubern muss, so kann man den Wirren von der ARD doch eines nicht absprechen: Unterhaltungswert.

Es ist, als würde man jedem Tag einem intellektuellen Veitstanz beiwohnen, der von Gehirngeschädigten aufgeführt wird.


Barro, Robert J., Urusa, José F. & Weng, Joanna (2020). The Coronavirus and the Great Influenza Epidemic. Lessons from the ‘Spanish Flu’ for the Coronavirus’s Potential Effects on Mortality and Economic Activity. München: CESifo Workong Paper No. 8166.



Anregungen, Hinweise, Fragen, Kontakt? Redaktion @ sciencefiles.org


Sie suchen Klartext?
Wir schreiben Klartext!

Bitte unterstützen Sie unseren Fortbestand als Freies Medium.
Vielen Dank!


  • Deutsche Bank 
  • Michael Klein
  • BIC: DEUTDEDBCHE
  • IBAN: DE18 8707 0024 0123 5191 00
  • Tescobank plc.
  • ScienceFiles / Michael Klein
  • BIC: TPFGGB2EXXX
  • IBAN: GB40 TPFG 4064 2010 5882 46


Bleiben Sie mit uns in Kontakt.
Wenn Sie ScienceFiles abonnieren, erhalten Sie bei jeder Veröffentlichung eine Benachrichtigung in die Mailbox.

ScienceFiles-Abo
Loading



Print Friendly, PDF & Email
17 Comments

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Translate »

ScienceFiles-Betrieb

Was uns am Herzen liegt ...

 

Ein Tag ScienceFiles-Betrieb kostet zwischen 250 Euro und 350 Euro.


 

Wenn jeder, der ScienceFiles liest, uns ab und zu mit einer Spende von 5, 10, 20, 50 Euro oder vielleicht auch mehr unterstützt, vielleicht auch regelmäßig, dann ist der Fortbestand von ScienceFiles damit auf Dauer gesichert.


Wir bedanken uns bei allen, die uns unterstützen!


ScienceFiles-Spendenkonto

Vielen Dank!

Holler Box