Bundespräsident: Plädoyer für einen homosexuellen, behinderten Juden mit Migrationshintergrund

Ein Vertreter der jüdischen Gemeinde in Deutschland soll Bundespräsident werden, wenn es nach dem Bildherausgeber Kai Diekmann geht.

Qualifikation: Jude.
Recht hat er, der Kai Diekmann, ein Bundespräsident braucht eigentlich keine besonderen Kompetenzen, keinen Ausweis besonderer Fähigkeiten, es reicht also, wenn er aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit berufen wird. Das Amt des Bundespräsidenten erfordert es letztlich nur, dass der Mensch schreiben und sprechen kann, denn:

“ Art 59 (1) Der Bundespräsident vertritt den Bund völkerrechtlich. Er schließt im Namen des Bundes die Verträge mit auswärtigen Staaten. Er beglaubigt und empfängt die Gesandten. (2) Verträge, welche die politischen Beziehungen des Bundes regeln oder sich auf Gegenstände der Bundesgesetzgebung beziehen, bedürfen der Zustimmung oder der Mitwirkung der jeweils für die Bundesgesetzgebung zuständigen Körperschaften in der Form eines Bundesgesetzes. Für Verwaltungsabkommen gelten die Vorschriften über die Bundesverwaltung entsprechend.

Und:

“ Art 60 (1) Der Bundespräsident ernennt und entläßt die Bundesrichter, die Bundesbeamten, die Offiziere und Unteroffiziere, soweit gesetzlich nichts anderes bestimmt ist. (2) Er übt im Einzelfalle für den Bund das Begnadigungsrecht aus. (3) Er kann diese Befugnisse auf andere Behörden übertrage.”

Letztlich ist das Amt repräsentativ und entsprechend eignet es sich hervorragend dazu, der Welt deutlich zu machen, was Deutschen wichtig ist. Eloquenz, Kompetenz, Fähigkeiten und, ja, sagen wir es ruhig, Charisma, sind Auszeichnungen, die im modernen Gruppenzeitalter als individualistischer Spleen abgelehnt werden und entsprechend ihre Bedeutung verloren haben. Im Gruppenzeitalter zählt allein die Gruppenzugehörigkeit. An der Gruppenzugehörigkeit kann man seine Gutheit so richtig ausleben, die Welt in förderungswürdige und nicht förderungswürdige Gruppen einteilen und mit Steuergeldern segnen.

Und deshalb springt Diekmann zu kurz!

Ein Jude als Bundespräsident ist zwar ein Zeichen für oder gegen Antisemitismus, je nachdem, ob man durch die Betonung, man habe den Bundespräsidenten aufgrund seiner religiösen Denomination ausgesucht, provozieren oder Beifall produzieren will. Es greift aber deshalb zu kurz, weil es schon seit Anbruch des Zeitalters der Selbstwertgewinnung durch Gruppenstigmatisierung mehr als eine Gruppe gibt, die sich besonderer Aufmerksamkeit durch Gutmenschen erfreut, also nicht nur Juden, die vor Antisemitismus geschützt werden müssen. Nein, es gibt Flüchtlinge, die vor Rassismus geschützt werden müssen, Behinderte die vor Ableismus geschützt werden müssen, Homosexuelle, die vor Homophobie geschützt werden müssen. Migranten der dritten und vierten Generation, die vor ihren Eltern, Ehrenmord und deutschen Prolos geschützt werden müssen. Kurz: Man kann nicht die eine schützenswerte Gruppe gegenüber den anderen herausheben, zum Bundespräsidenten machen und die Minderwertigkeit der anderen Schutzgruppen damit deklarieren.

Allerdings scheiden Flüchtlinge aus dem Kreis der Bundespräsidentschaftsbewerber aufgrund ihres unklaren Aufenthaltsstatus‘ und aufgrund fehlender Deutschkenntnisse oder schon deshalb aus, weil sie nicht in Seilschaften deutscher Journalisten oder Politiker integriert sind. Es bleiben somit: Homosexuelle, Behinderte und Personen mit Migrationshintergrund, die eigentlich Deutsche qua Pass sind, aber aufgrund Arisierungsregularien auch in der vierten Generation noch einen Migrationshintergrund haben.

Somit ergibt sich die logische Konsequenz, dass der nächste Bundespräsident ein behinderter, homosexueller Jude mit Migrationshintergrund sein muss.

Wer einen kennt, bitte den Vorschlag zu Händen des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert einreichen. Wie gesagt, Fähigkeiten spielen keine Rolle.


Hinweise für ScienceFiles?
Schreiben Sie uns.

Parlamente voller Rassisten

Neuankömmlinge im Kindergarten.

Sie stören das Gleichgewicht, das zwischen den Kindern, die sich seit längerem im Kindergarten befinden, besteht. Zum Beispiel bei der Verteilung der Spielsachen. Es ist klar geregelt, wer wann mit den Bauklötzen spielen darf. Neuankömmlinge stören diese Regeln gegenseitigen Verständnisses. Entsprechend werden sie zunächst ignoriert und abwehrend behandelt, ausgegrenzt, wenn es um den Zugriff auf Bauklötze geht. Die Neuankömmlinge bilden die Fremdgruppe. Ihnen gegenüber steht die Ingroup derer, die bislang Zugang zu den Spielsachen haben.

Im Kindergarten wird entweder eine Intervention durch das so genannte pädagogische Personal erfolgen, das darauf hinwirken will, die Neuankömmlinge zu integrieren und ihnen den Zugang zu Spielressourcen zu sichern oder – bei Kindern nicht auszuschließen – die Neugier der alteingesessenen Kinder wird den Graben zwischen In- und Outgroup überwinden und dazu führen, dass die Neuankömmlinge integriert werden.

In der Welt der Erwachsenen ist dies anders.

Hier gibt es feste kodifizierte Regeln, Regeln wie z.B. diese:

“(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.” Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes

Oder diese Regel:

“Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.” § 1 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes

Szenenwechsel.

In gleich drei Landtage sind politische Paria eingezogen, Personen, die vor allem wegen ihrer Weltanschauung Neuankömmlinge in den Parlamenten sind. Entsprechend sehen sich die Neuankömmlinge, so wie die Neuankömmlinge im Kindergarten, einer Ingroup Alteingesessener gegenüber, die ihnen den Zugang zu Ressourcen verwehren wollen. Die Bauklötze, mit denen in bestimmten Ausschüssen gespielt wird, die Neuankömmlinge, sie werden von ihrer Benutzung ausgeschlossen. Bestimmte Posten in der Hierarchie der Parlamente, sie werden den Neuankömmlingen verschlossen bleiben, denn die Neuankömmlinge, sie sind fremde Usurpatoren, die die Ressourcenverteilung unter den Alteingesessenen stören.

Nicht nur das, die Neuankömmlinge sie sind keine Flüchtlinge, denen man eine kulturelle Andersartigkeit zu Gute halten kann. Schlimmer, sie sind kulturelle Kollegen, deren Sprache man teilt, deren Sitten und Verhaltensweisen man kennt. Nichts ist schlimmer für eine Ingroup als eine Outgroup, die ihr ähnlich ist. Um sich zu differenzieren, muss man die Outgroup stigmatisieren, ihr allgemeine Etiketten anheften, so wie das Rassisten und Menschen voller Vorurteile tun. Man muss sie rundum als Nazis beschimpfen, sie zu Rechtsextremisten erklären, sie in jeder nur erdenklichen Weise politisch diskriminieren, denn anders ist es nicht möglich, die Ingroup der Alteingesessenen von der Outgroup derer, die sich kaum unterscheiden, zu trennen.

Sherif Robbers caveUnd weil in Parlamenten angeblich Erwachsene sind und pädagogisches Personal zur Betreuung der Insassen nicht vorhanden ist, deshalb gibt es niemanden, der dafür sorgen will, dass der Graben zwischen den Alteingesessenen und den Neuankömmlingen überwunden, dass die Neuankömmlinge integriert werden. Und weil es unter angeblichen Erwachsenen nicht einmal mehr halb so viele Mutige gibt wie unter Kindern, deshalb wird es auch keine Initiative von einem Alteingesessenen, den die Neugier übermannt und der feststellt, dass die Gemeinsamkeiten das Trennende doch überwiegen, geben, die zur Integration der parlamentarischen Neuankömmlinge führen wird.

In der Erwachsenenwelt werden Neuankömmlinge in Parlamenten ausgegrenzt. Keine Maßnahme, die dem Ziel gewidmet ist, zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen zu vermitteln, ist vorhanden, kein pädagogisches Personal, das die Stereotype und Vorurteile zwischen der parlamentarischen Ingroup und den Neuankömmlingen versucht, abzubauen, ist gegenwärtig und kein Goodwill, wie er im Kindergarten zwischen manden einander fremden Kindern noch vorhanden ist, ist in Parlamenten zu finden.

In Parlamenten herrschen Ausgrenzung und Stereotypisierung. Dort werden Neuankömmlinge wegen ihrer politischen Anschauungen oder Weltanschauung ausgegrenzt und diskriminiert. Parlamente sind deshalb der Ort, an dem sich die Rassisten Deutschlands finden.

Bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die nach wie vor an die Kontakthypothese glauben, also die Hypothese die behauptet, Vorurteile würden im direkten Kontakt derer, die sie haben und derer, gegen die sie sich richten, abgebaut, vielleicht in Parlamenten Recht haben. Vielleicht hilft das Bilden von Tischgruppen in der Kantine, mindestens ein AfD-Parlamentarier pro Tisch, dabei, Rassismus und Vorurteile bei Alteingesessenen abzubauen.

Literatur

Baumol, William J. & Blinder, Alan S. (1988). Economics. Principles and Policy. San Diego: Harcourt Brace Jovanovich.

Coase, Ronald H. (1960). The Problem of Social Cost. Journal of Law and Economics 3(October): 1-44.

EU Commission [Commission of the European Communities] (2006). Community Framework For State Aid For Research And Development and Innovation. Official Journal of the European Union C323/1, 30.12.2006.

Molitor, Bruno (2006). Wirtschaftspolitik. München: Oldenbourg.

Pigou, Arthur C., 1920: The Economics of Welfare.

Schulenburg, Johann-Matthias Graf von der (2005). Versicherungsökonomik: Ein Leitfaden für Studium und Praxis. Karlsruhe: Verlag Versicherungswirtschaft.

Stephan, Gunter & Ahlheim, Michael (1996). Ökonomische Ökologie. Berlin: Springer.

Tullock, Gordon (2005). The Rent-seeking Society. Indianapolis: The Liberty Fund.

Varian, Hal R. (2001). Grundzüge der Mikroökonomik. München: Oldenbourg.

Bildnachweis

Greening the land
Businessnewstreasure

Helfen Sie uns dabei, ScienceFiles vom Hobby zum fest etablierten Blog zu machen. Machen Sie mit beim ScienceFiles-Projekt.

Mit Ihrer Spende können Sie dazu beitragen, dass wir uns nicht mehr nur nebenbei um ScienceFiles kümmern können und uns dem, was wir investigative Wissenschaft und angewandte Sozialwissenschaft nennen, voll widmen können.

Paypal:

PAYPAL

Spendenkonto:
Wir empfehlen Transferwise, um die horrenden Bankgebühren deutscher Banken zu vermeiden.

  • Bank: Tescobank plc.
  • Accountname: ScienceFiles-Account
  • BIC: TPFGGB2EXXX
  • IBAN: GB40TPFG40642010588246
  • Kontoinhaber: Michael Klein
  • Bankgebühren umgehen mit Transferwise

Den aktuellen Spendenstand gibt es hier.

 

 

Die Spinnen, die Franzosen – Gutmenschen und ihre Vorurteile

Langsam gehen den guten Menschen die Gruppen aus, die man benutzen kann, um sie in paternalistischer Überheblichkeit vor Diskriminierung und vermeintlichen Hassreden in Schutz nehmen zu wollen.

Frauen waren vorvorgestern.

Migranten waren vorgestern.

Homosexuelle waren gestern.

Wer kommt heute?

Na?

Die Armen!

Obelix spinnenDie Times berichtet von einer Gesetzesvorlage, für die Yannick Vaugrenard, ein französischer Sozialist, verantwortlich zeichnet. Die Gesetzesvorlage hat die ersten Hürden zum Gesetz in der französischen Nationalversammlung bereits genommen. Entsprechend droht demjenigen, der in Frankreich Arme beleidigt, der ihnen Arbeit, Unterkunft oder ärztliche Versorgung verweigert, eine Geldbuße bis 45.000 Euro (Was das für die französischen Arbeitsämter bedeutet, ist bislang noch unklar…).

Warum auch nicht?

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Arme an die Reihe kommen.

Bleibt nur zu klären, wer als arm gilt, und dann sind da noch ein paar Nebensächlichkeiten:

Ab wann ist ein Armer als beleidigt anzusehen?

Ist es eine Stereotypisierung, die als Beleidigung zu werten ist, wenn man einen Armen vor Beleidigung als Armer in Schutz nehmen will?

Wie beleidigt man eigentlich einen Armen? Was ist die spezielle Form der Armenbeleidigung? Ist “Du Armer”, eine Beleidigung?

Ab wann wird aus der Beleidigung eine Aussage über die Realität – ab Unterschreitung eines Nettoeinkommens von 1000 Euro?

Ist ein armer Arbeiter eher beleidigungsfähig als ein armer Bauer oder ein armer Sozialist? Was ist, wenn der Arme ein Migrant oder schlimmer noch: eine Frau ist? Zählt die Beleidigung dann doppelt?

Was wird aus Francois Hollande, der Arme nach Zeitungsberichten als “Zahnlose” bezeichnet? Wie hoch ist sein Bußgeld?

Fragen über Fragen.

Und dann interessiert uns noch in Bezug auf die Armen, ob sie demnächst auch im Louvre ausgestellt werden, unter einer gemalten Brücke und in Zeitungspapier gewickelt.

Unsere Einschätzung zu all dem: Die spinnen, die Franzosen – und in bestem Asterix-Latein: Beati Pauperes Spiritu.

Reiche darf man in Frankreich übrigens gefahrlos beleidigen – Sozialisten haben ihre eigene Un-Moral.

Interessant ist aus wissenschaftlicher Sicht, wie Gutmenschen hier wieder einmal ihre eigenen Vorurteile erstens anderen unterschieben wollen und zweitens zur essentialistischen Wahrheit erklären.

Dazu ein kurzer Ausflug in die Sozialpsychologie.

Dort hat sich die Unterscheidung zwischen nützlichen Stereotypen und unnützen Vorurteilen eingebürgert:

Social psych“One way to conceptualize prejudice is as a stereotype gone awry. A stereotype can be thought of as the cognitive component of an attitude or the knowledge you have stored in memory about some group of people. Stereotypes become problematic when we generally apply them to all members of a group without regard to those individuals’ unique characteristics. Furthermore, when a stereotype contains biased and negative information about a particular group of people, the stereotype begins to look like a prejudice. Finally, when a biased negative stereotype becomes coupled with a negative affect or emotional reaction towards all (or most) people belonging to that group, a prejudice results” (Pastorino & Doyle-Portillo, 2010, S.375).

Stereotype sind demnach nützliche Shortcuts, um sich in der Realität zurechzufinden. Der Witz an einem Stereotyp ist, dass derjenige, der es an z.B. eine andere Person heranträgt, bereit ist sich zu korrigieren, wenn er bemerkt, dass seine stereotypisierte Erwartung nicht mit der Realität vereinbar ist.

Bei Vorurteilen ist dies anderes. Vorurteile sind denen, die sie haben, so wichtig, dass sie keiner Veränderung offen stehen: Sie bestehen, obwohl es in der Realität falsifizierende Beobachtungen gibt. Sie werden entgegen der Realität aufrecht erhalten.

„Prejudice cannot be explained – as stereotype can – on a cognitive basis alone; it is charged with collective emotions together with norms that are hidden behind values and taboos. It is not a tool for understanding the world, but a weapon in power and identity politics. This explains one characteristic of the prejudice: It is incorrigible. It can, on the contrary, be defined as a mental strategy to block the process of learning, which involves constant readjustment and reconstruction of preconceived ideas in the light of new experience and information. Instead of reconstructing the stereotype to accommodate the new evidence, the prejudice is constructed to block and destroy evidence. While the stereotype is adapted to the world, prejudice adapts the world to itself” (Assmann, 2009, S.9).

Das Vorurteil der Gutmenschen aus Frankreich – wie aller Gutmenschen besteht darin, dass sie das Subjekt, das sie sich für ihren Paternalismus auserkoren haben, zunächst zum unveränderlichen Objekt degradieren, dem sie dann einen Essentialismus unterstellen der Art: Einmal arm, immer arm. Arm wird also vom momentanen Zustand zur unveränderlichen Persönlichkeitseigenschaft, und da die Gutmenschen Armut negativ bewerten, übertragen sie nunmehr diese negative Bewertung auf die Armen, denn deren Persönlichkeitseigenschaft ist ja die Armut.

Die entsprechende Abneigung gegenüber Armen, die Verachtung für Arme oder für all die anderen von ihnen als schützenswert ausgewählten gesellschaftlichen Gruppen, steht hinter Vorschlägen wie dem aus Paris. Denn man muss nur Personen schützen, die man einerseits als grundsätzlich unfähig ansieht, sich selbst zu schützen und von denen man andererseits überzeugt ist, dass sie unveränderlich und für alle Zukunft in der grundlegenden Eigenschaft, die ihre Minderwertigkeit gegenüber anderen ausmacht, schutzbedürftig sind.

Schließlich hat Dr. habil. Heike Diefenbach auf einen Aspekt hingewiesen, den wir bislang noch gar nicht thematisiert haben, nämlich die Schaffung einer amtlichen Form von Neusprech, deren Worte und Begriffe nach Gusto einer sich zur sprachlichen Elite erklärenden Vorurteils-Gemeinschaft gestaltet sind. Erlaubt ist die Sprache, die vom amtlichen Sprachkanon umfasst ist, verboten ist und verfolgt wird die Sprache, die nicht vom amtlichen Sprachkanon umfasst ist.

problems with lordsAuf diese Weise entsteht nicht nur ein Neusprech, sondern eine Form der Sprachwelt, die die Realität ersetzen soll und von der gehofft wird, dass sie die Denkfähigkeit derer, die diesem Sprachkorsett unterworfen werden, beeinträchtigt und sie innerhalb der Welt hält, die Gutmenschen für sie vorgesehen haben. Dies ist wichtig, damit sie nicht merken, wenn sie benutzt und beleidigt werden, wie dies z.B. mit Bildungsfernen der Fall ist. Bildungsfern ist eine weitere der oben genannten essentialistischen Persönlichkeitseigenschaften, die ein Individuum nach Ansicht der Gutmenschen so definiert, dass ihm ein für alleMal die Teilhabe in der Welt der Bildungsnahen verwehrt bleibt.

Bildungsfern ist für die Gutmenschen, die diesen Begriff benutzen, einerseits eine sprudelnde Einnahmequelle, denn man muss den Bildungsfernen intensiv helfen, sie entsprechende stigmatisieren und dafür sorgen, dass sie bildungsfern bleiben. Andererseits erfüllt der Begriff “bildungsfern” die Funktion, die die meisten Beleidigungen erfüllen, er grenzt ab. Und so kann noch der letzte Gutmensch, der das Kreuzworträtsel in seiner Tageszeitung nicht zu lösen im Stande ist, von sich denken, er sei besser als der Bildungsferne, was zeigt, dass bildungsfern nur die neue Variante im amtlichen Sprachkanon einer alten Form der Beleidigung ist: dumm.

Auch im Zuge der französischen Revolution wurde versucht, eine Neusprech für Insider zu etablieren, um diejenigen, die nicht dazugehören und entsprechend auf die Guillotine verfrachtet wurden, ausdeuten zu können. Geholfen hat es denen, die sich an die Sprachekonvention gehalten haben, wenig. Auch ihr Kopf ist früher oder später gerollt – in einer der blutigsten Politik-Orgien, die die französische Welt je gefeiert hat – bis heute. Insofern ist der Vorschlag von Yannick Vaugrenard gar nicht so verwunderlich.

Und nach so viel gutem Menschentum von links, brauchen wir erst einmal Erholung.

Konflikt um Ressourcen: Die Gründe hinter der Ablehnung von Muslimen

Manche Themen sind aufgeladen, und entsprechend ist es selten, dass sich institutionalisierte Wissenschaftler damit beschäftigen. Marc Helbling und Richard Traunmüller vom Wissenschaftszentrum in Berlin bzw. der Goethe-Universität in Frankfurt machen hier eine Ausnahme.

Sie haben sich mit einem aufgeladenen Thema befasst: Mit Muslimen.

Nicht nur das, sie haben sich aus einer neuen Perspektive mit diesem Thema befasst, jedenfalls sind sie selbst dieser Ansicht.

Helbling und Traunmüller fragen: “Why do so many citizens in European democracies fear Muslim immigration, dislike Muslims’ religious practices and oppose their religious rights?” [Warum fürchten so viele Bürger in europäischen Demokratien die Zuwanderung von Muslimen, warum lehnen sie religiöse Praktiken der Muslime ab, warum sind sie gegen die Gewährung von religiösen Rechten an Muslime?]

Und sie geben eine Antwort, die in der Tat zunächst einmal neu ist:

“Muslime werden als kulturell-religiöse Bedrohung für Gesellschaften wahrgenommen, deren kollektive Identitäten und öffentliche Institutionen weit weniger säkular sind, als sie selbst es zugeben” (16).

Samsung Techwin

Mit anderen Worten: Wenn Staat und Kirche nicht getrennt sind, wenn beide insofern miteinander verbandelt sind, dass Ressourcen zwischen beiden ausgetauscht werden, wenn der Zugang zu Ressourcen von staatlicher Seite für bestimmte religiöse Vereinigungen privilegiert wird, z.B. dadurch, dass Kirchensteuern von staatlichen Behörden eingezogen werden, z.B. dadurch, dass religiöse Feiertage durch die Institutionen des Staates garantiert werden, z.B. dadurch, dass religiöse Gemeinschaften bestimmte Schutzräume besetzen, in denen sie steuerliche Vergünstigungen genießen oder Nehmer staatlicher, finanzieller Alimentierung sind, dann haben diese religiösen Gemeinschaften etwas zu verlieren, wenn neue Aspiranten für die vom Staat zu verteilenden Gefallen auftauchen, Muslime zum Beispiel.

Es sind also handfeste Ressourcenkonflikte, die Aversionen zwischen Religionsgemeinschaften auslösen.

Diese Interpretation ist indes unsere. Die Ausführungen von Helbling und Traunmüller legen sie nahe, aber die beiden trauen sich nicht so richtig, die Konsequenzen aus ihrer eigenen Argumentation zu ziehen. Sie ziehen sich lieber auf die folgende defensive, amorphe Hypothese zurück:

“Wir glauben, dass die Art und Weise wie ein Staat Religion reguliert, einen Einfluss auf die Einstellungen der … Bürger gegenüber muslimischer Einwanderung hat. Die enge Verbindung zwischen Staat und Kirche stärkt eine christliche Kulturidentität und führt zu negativen Einstellungen gegenüber neuen religiösen Gruppen”.(14)

Coser soziale KonflikteWarum man annehmen sollte, dass staatliche Regulierung die Einstellungen von Bürgern beeinflusst (und nicht etwa umgekehrt) und damit, dass die entsprechenden Bürger ohne die staatliche Regulierung wohl nicht in der Lage sind, eine entsprechende Einstellung zu bilden, ist uns nicht nachvollziehbar. Es ist uns schon deshalb nicht nachvollziehbar, weil es eine Vielzahl von Theorien, gut bewährten Theorien gibt, die zeigen, dass der Konflikt um den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen Grundlage der meisten Gruppenkonflikte ist.

Randall Collins hat dies im Rahmen der soziologischen Konflikttheorie für Klassen, also für Arbeiter, Bürger und Unternehmer dargestellt. Jim Sidanius und Felicia Pratto haben dies im Rahmen ihrer (sozialpsychologischen) Social Dominance Theory dargelegt und belegt und nicht zuletzt basieren die meisten sozialstrukturellen Theorien zu Macht und Herrschaft von Robert K. Merton bis Lewis A. Coser auf der Annahme von Konflikten über den Zugang zu Ressourcen.

Wann immer eine Gruppe einen privilegierten Zugang zu Ressourcen erlangt hat, wird sie diesen Zugang gegen andere Gruppen verteidigen.

Wie Helbling und Traunmüller am Beispiel der 26 Kantone der Schweiz zeigen, haben christliche Religionsgemeinschaften die entsprechenden privilegierten Zugänge zu Ressourcen, u.a.:

  • An Sonntagen und religiösen Feiertagen müssen Geschäfte geschlossen bleiben.
  • Religiöse Angelegenheiten werden durch spezifisch dafür geschaffene Verwaltungsstellen geregelt.
  • Die staatliche Verwaltung zieht für Religionsgemeinschaften, die Kirchensteuer erheben, die Kirchensteuer ein.
  • Religiöse Gebäude, Kirchen, Kirchentage, Orte mit religiöser Bedeutung werden mit Steuermitteln Instand gehalten.
  • Aus Steuergeldern werden religiöse Seminare und Bildungseinrichtungen bezuschusst oder gar finanziert.
  • An staatlichen Hochschulen wird der religiöse Nachwuchs ausgebildet.
  • Die religiösen Organisationen werden direkt von der staatlichen Verwaltung unterstützt oder alimentiert.
  • Es gibt direkte Zuweisungen von Steuermitteln für bestimmte Tätigkeiten religiöser Organisationen.

Dies sind nur einige der Aussagen, die den Religious Support Index ausmachen. Helbling und Traunmüller haben die 17 Aussagen, aus denen sich der Index zusammensetzt für die 26 Kantone der Schweiz erhoben und dabei die Tatsache ausgenutzt, dass sich die schweizer Kantone im Hinblick auf die Verbandelung von Kirche und Staat zum Teil erheblich unterscheiden.

Dann haben sie aus der Schweizerischen Wahlumfrage die Einstellungen der Befragten zu Muslimen, zum Bau von Minaretten und zum Tragen eines Kopftuches entnommen und die Befragten auf die 26 Kantone verteilt und u.a. mit dem Religious Support Index in Verbindung gebracht.

Das Ergebnis ist erhellend:

Je intensiver staatliche Institutionen und religiöse Organisationen mit einander verbandelt sind, desto stärker ist die Ablehnung von Muslimen, dem Bau von Minaretten oder dem Tragen von Kopftüchern in der Bevölkerung, ein Ergebnis, das Helbling und Traunmüller als Beleg für ihre Hypothese werten, nach der die Verbandelung zwischen Kirche und Staat Bürgern eine christliche Kulturidentität vorgaukelt, die von den Bürgern dann in eine ablehnende Einstellung gegenüber Muslimen umgemünzt wird.

roter FadenWarum man derart mystische Wege annehmen sollte, auf denen die Verbandelung von Staat und Kirche und damit die nicht vorhandene Säkularisierung auf die Einstellungen von Bürgern wirkt, ist uns, wie gesagt, nicht nachvollziehbar, denn: mit einer zunehmenden Intensität der beschriebenen Verbandelung steigt die Anzahl derjenigen, die direkt oder indirekt vom privilegierten Zugang ihrer religiösen Organisation zu staatlichen Mitteln profitieren. Entsprechend steigt die Zahl derer, die durch den Anspruch von Muslimen, nunmehr auch an den (finanziellen) Ressourcen zu partizipieren, an deren Herstellung sie nun in vierter Generation beteiligt sind, insofern gefährdet sind, als sie damit rechnen müssen, dass ihr privilegierter Zugang zu staatlicher Finanzierung entfällt oder doch zumindest im Ausmaß reduziert wird, dass sie – mit anderen Worten – einen (finanziellen) Verlust erleiden werden.

Die Ablehnug von Muslimen wäre demnach nicht das Ergebnis einer wahrgenommenen amorphen kulturell-religiösen Bedrohung, sondern einer konkreten Bedrohung des eigenen privilegierten Zugangs zu staatlichen Ressourcen.

Helbling, Marc & Traunmüller, Richard (2015). Regeln – und was sie bewirken. Das Verhältnis von Staat und Religion prägt die Einstellung zu Muslimen. WZB Mitteilungen 147: 14-16.

Helbling, Marc & Traunmüller, Richard (2015a). How State Support of Religion Shapes Attitudes Toward Muslim Immigrants. New Evidence from a Subnational Comparison.

Der Islam oder: Einbildung als Rettungsanker der Mittelschicht?

“Im Sommer 1954 versammelten Forscher um den US-amerikanischen Sozialpsychologen Muzafer Sherif 22 Jungen in einem Sommerlager. Die Jungen entstammten ausnahmslos weißen, protestantischen Elternhäusern der Mittelschicht. Die Jungen Robbers-Cave-Experimentwurden in zwei Gruppen geteilt, wobei die Forscher darauf geachtet haben, dass die physischen, geistigen und sozialen Talente der Jungen auf beide Gruppen ungefähr gleich verteilt waren. Beide Gruppen wussten zunächst nichts voneinander. Durch gemeinsame Tätigkeiten und Spiele entwickelten die Jungen beider Gruppen, die sich vor dem Sommerlager nicht gekannt hatten, ein Zusammengehörigkeistgefühl, das sich schnell in einem Gruppennamen niederschlug. Die eine Gruppe nannte sich “die Adler”, die andere Gruppe nannte sich “die Klapperschlangen”. Nachdem Mitglieder der Klapperschlagen und der Adler auf das Vorhandensein der jeweils anderen Gruppe hingewiesen wurden, entwicklten die Mitglieder beider Gruppen ein starkes “Wir-Gefühl”, dessen sichtbares Zeichen eine Flagge war, mit der Mitglieder beider Gruppen ihre Besitzstände zu signalisieren suchten. Gleichzeitig entstanden erste Gruppenanimositäten: Jungen aus beiden Gruppen belegten sich mit Schimpfworten, der jeweilige Gruppenname wurde von den Jungen der jeweils anderen Gruppe als Schimpfwort benutzt. Die Forscher nutzten diese Situation, um einen Wettbewerb auszuloben, an dessen Ende die Mitglieder der siegreiche Gruppe eine Trophäe und Medaillen erhalten sollten. Die Adler gewannen diesen Wettbewerb, was bei die Mitglieder der unterlegenen Klapperschlangen dazu veranlasst hat, die Unterkunft der Adler zu überfallen und die Trophäe, sowie die Medaillen und alle Taschenmesser, derer sie habhaft werden konnten, zu stehlen. Die Forscher hatten einen Krieg zwischen zwei Jungengruppen aus dem Nichts und auf Grundlage von willkürlichen Gruppenbezeichnungen geschaffen. Das Experiment von Sherif et al. ist als Robber’s Cave Experiment in die Geschichte der Sozialpsychologie eingegangen.”

Instrumentell für die Schaffung von Animositäten zwischen Jungen, die sich bis zum Start des Sommerlagers nicht kannten, war die Schaffung einer willkürlichen und fiktiven sozialen Identität und damit eines “Wir-Gefühls, die Benennung und damit Sichtbarmachung dieser Identität als “Klapperschlagen” und “Adler” und die Symbolisierung dieser Identität mit Hilfe von Artefakten, im vorliegenden Fall mit Hilfe einer Fahne. Die Einführung von Knappheitsbedingungen durch einen Wettbewerb, den nur eine beider Gruppen gewinnen kann, hat die Gruppenidentität nach innen gestärkt und nach außen in Ablehnung und Hass gegenüber der anderen Gruppe überführt. Schließlich hat der Ausschluss einer der beiden Gruppen von Ressourcen (signalisiert durch die Vergabe von Trophäe und Medaillen an die andere Gruppe) zu offener Feinschaft und Gewalthandlungen geführt.

Es braucht demanch nur eine eingebildete Zugehörigkeit, mehrere andere, die diese Einbildung teilen, ein Symbol für diese Zugehörigkeit und knappe Ressourcen, um einen Konflikt zwischen Gruppen zu schaffen.

Sherif Robbers caveNun denkt man, das sind Jungen und eben keine Erwachsenen. Bei Erwachsenen ist das anders. Erwachsene sind rationaler und durchschauen die Willkürlichkeit von Gruppenidentitäten. Erwachsene wissen, dass es keine Identität der “Klapperschlangen” gibt, keine Essenz, die die “Klapperschlangen” von den “Adlern” unterscheidet. Von Erwachsenen erwartet man, dass sie um eine geteilte Menschlichkeit wissen, dass sie in der Lage sind, eine Verbindung zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen anderer herzustellen, zu abstrahieren und zu denken: Es gibt Dinge, die alle Menschen teilen. Alle Menschen haben Grundbedürfnisse nach Nahrung, Trinken, Schlaf, suchen Sicherheit und Selbstbestätigung. Derartige Gemeinsamkeiten sind wichtiger als eingebildete Gruppenzugehörigkeiten.

Schade nur, dass die Hoffnung in die menschliche Rationalität in der Realität oft nicht wiederzufinden ist. In der Realität gibt es willkürlich zusammengebastelte Nationalstaaten. Die darin Eingepferchten denken tatsächlich, sie wären über die gemeinsame Verpflichtung, Steuern an eine Polit-Klasse zu entrichen, durch geheimnisvolle Kräfte, Klapperschlangen-Kräfte, miteinander verbunden und so zusammengeschweißt, dass es mehr Gemeinsamkeit zwischen einem Hamburger und einem Würzburger gibt als zwischen einem Türken und einem Deutschen.

Und wie Klapperschlangen und Adler im Robber’s Cave Experiment ihre Zusammengehörigkeit dadurch zementiert haben, dass sie sich von der jeweils anderen Gruppe absetzten, die jeweils andere Gruppe als deviant, abweichend und feindlich definiert haben, so findet auch heute die Definition von z.B. Deutschtum ausschließlich in Abgrenzung nach außen, z.B. vom Islam Fall statt. Der Islam, das sind die Adler der Klapperschlangen, so könnte man formulieren, aber das wäre falsch, denn im Gegensatz zu den Jungen, die 1954 dem berichteten Experiment unterzogen wurden, braucht es heutzutage keinerlei physisches Gegenüber mehr, von dem man sich abgrenzt.

Im Zeitalter medialer Dauerberieselung genügt es, sich Phantasien vom bösen Gegenüber zu machen, diese Phantasien dann mit einem Namen zu versehen, Islam zu nennen, um dann, zur Krönung der Aneinanderreihung von Fehlschlüssen, alle, die sich zum Islam Bekennen als Feinde auszumachen. Die sozialpsychologische Fehlfunktion, die Sherif und seine Mitarbeiter bei den Jungen in Robber’s Cave ausgemacht haben, geht entsprechend deutlich über das hinaus, was sich Sherif et al. vorstellen konnten.

Offensichtlich ist es für manche problemlos möglich, nicht nur eine willkürliche Bezeichnung mit ihren Ängsten und Bedrohungsphantasien zu füllen, sie sind auch in der Lage, diese Phantasien auf mehr als eine Milliarde Menschen zu übertragen und die Überzeugung zu vertreten, dass diese Milliarde Menschen des Teufels sind.

Der bindende Kitt für diesen Fehlschluss ist eine Variable, die Sherif und seine Mitarbeiter nicht berücksichtigt haben, die ihnen vermutlich nicht einmal in den Sinn gekommen ist: Essentialismus. Essentialismus meint die Zuweisung von unveränderlichen und für ein Zuweisungsobjekt konstituierenden Eigenschaften. Der Essentialismus für Islam lautet: böse Religion.

Essentialismus kennt keinerlei Differenzierung, basiert er doch gerade auf der Überzeugung, dass der Nukleus der bösen Religion sich wesenhaft in allen findet, die sich durch die böse Religion haben infizieren lassen. Entsprechend kann es für Essentialisten nur böse Muslime, Islamisten, Araber, wie auch immer man sie bezeichnen will, geben. Gute Muslime sind nicht vorgesehen, bringen das ganze kunstvolle Phantasiegebilde zum Einsturz.

Für diesen essentialistischen Wahn sind manche bereit, jede Menschlichkeit aufzugeben. Das äußert sich dann in einer unglaublichen Entfremdung von allem, was man als normal menschlich bezeichnet. Im sich ergebenden Zerrbild ist dann kein Platz für menschliche Bedürfnisse, für Hunger, Angst, Liebe, Furcht, Schrecken – all das, was die Vertreter eines entsprechenden Essentialismus für sich in Anspruch nehmen, ist damit gleichsam anderen entzogen: Muslime können es nicht haben, können weder Furcht, noch Hunger noch Liebe oder Angst empfinden. Man hat sie entmenschlicht, um die eigene Vorstellung, die auf der Grundlage einer herbeiphantaiserten Gemeinsamkeit gebildet wurde, aufrecht erhalten zu können. Und dieses Fundament wäre mit einem Schlag beseitigt, würde man Muslimen Menschlichkeit zugestehen.

TajfelNun hat die Gruppenzuordnung noch einen Zweck, der über die Not, sich eine Identität, eine soziale, keine personale, zu geben, hinausgeht: den der Sicherung von Ressourcen durch den Ausschluss anderer – und damit die letzte Zutat aus dem Robber’s Cave Experiment.

Und wieder denkt man: Robber’s Cave, das waren Jungen, keine Erwachsenen: Erwachsene wissen, dass der Zugang zu Ressourcen nicht von eingebildeten Zuordnungen abhängt, dass sich z.B. deutsche Politiker und deutsche Funktionäre, die allesamt die fiktive Eigenschaft teilen, deutsch zu sein, munter selbst bedienen und der Schaden, der von ihnen jährlich angerichtet wird, duch Klientelpolitik und Bevorzugung ihrer deutschen Spezies, deutlich höher ist als alle Kosten, die entstünden, ließe man Angehörige von als fremd etikettierten Gruppen an den vorhandenen Ressourcen partizipieren.

Wozu also das Beharren auf eingebildeten Kategorien, um andere von Ressourcen auszuschließen? Man kann nicht anders als ein unrühmliches Treten nach unten anzunehmen, ein Treten, das Getretene nicht diejenigen zur Rechenschaft ziehen sieht, die sie getreten haben, sondern ihrerseits nach unten treten lässt …

Die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg!

Translate »
error: Content is protected !!