Post-natale Geschlechtergerechtigkeit: Denn sie wissen nicht, wovon sie schreiben

Geschlechtergerechtigkeit, so erklären Diana Auth, Simone Leiber und Sigrid Leitner gleich zu Beginn ihres Beitrags, der sich mit “Sozialpolitik als Instrument der Geschlechtergerechtigkeit” beschäftigt, ist dann gegeben, wenn eine partnerschaftliche Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern vorliegt, ein Wiedereinstieg von Erziehenden in den Arbeitsmarkt möglich ist und die “Existenz der Sorgearbeit leistenden Person” gesichert ist. Wie diese “Definition” deutlich macht, befinden wir uns wieder einmal im Genderismus-Diskurs, und wir befinden uns in einger geistigen Enge, die Gerechtigkeit als solche und so genannte  Geschlechtergerechtigkeit erst denken kann, wenn Fertilität vorausgeht. Ohne Fertilität, so lernt der Leser dieses höchst phantasielosen Beitrages, gibt es keine Geschlechtergerechtigkeit. Nun könnte man diese Annahme bereits zu diesem Zeitpunkt als absurd bezeichnen, führt sie doch zum einen zu der Konsequenz, dass nur wer sich fortpflanzt überhaupt Anspruch auf geschlechtergerechte Behandlung hat, und zum anderen  zu der Konsequenz, dass Geschlechtergerechtigkeit dann erreicht ist, wenn Männer sich endlich zu 50% am Austragen von Kindern beteiligen. Aber man soll Beiträge aus dem Bereich des Genderismus ja bekanntlich nicht anhand von logischen Kriterien bewerten. Gehen wir also einen Moment lang davon aus, wir wären an der post-natalen Geschlechtergerechtigkeit interessiert.

Auth, Leiber und Leitner untersuchen das Elterngeld im Hinblick auf seine Eignung, post-natale Gechlechtergerechtigkeit herzustellen. Wie muss Elterngeld ausgestaltet sein, damit es post-natale Geschlechtergerechtigkeit erreicht? Die Antwort ist für die Autorinnen  im Rahmen ihres kollektivistischen Menschenbildes einfach: Mütter und Väter müssen die 14 Monate des Elterngeldbezugs in gleichen Anteilen mit Arbeit anfüllen, am besten mit Teilzeitarbeit, sie müssen beide finanziell so abgesichert sein, dass sie gar nicht merken, dass sie nicht arbeiten, und sie müssen zum Ende der 14 Monate Elternzeit problemlos wieder in ihre prä-natale Beschäftigungsposition übergehen. Kurz: Geschlechtergerechtigkeit liegt vor, wenn die Geburt eines Kindes und die  damit verbundene 14monatige Abwesenheit vom Arbeitsplatz für beide Eltern in gleicher Weise keine Konsequenzen hat. Damit beschreiben Auth, Leiber und Leitner eine Gleichheitsideologie par Excellence und wischen die individuellen Wünsche von Eltern kurz einmal beseite, denn es mag die eine oder andere Frau geben, die mit der Geburt eines Kindes die Hoffnung auf Arbeitsplatzabwesenheit verbindet, und es mag den ein oder anderen Mann geben, der den Freuden des nächtlichen Kinderlärms durch Flucht zum Arbeitsplatz zu entkommen trachtet. Nichts da! Das ist “post-natal geschlechterungerecht”, und entsprechend wie jede sonstige individuelle Regung zu unterbinden. Die Genderideologie will es so: Beide Eltern haben im gleichen Maße gestörte Nachtruhe, kinderbezogene Verrichtungen sind per Plan fifty-fifty zu teilen, Teilzeitarbeit sichert, dass keiner sich post-natale monetäreVorteile verschaffen kann, nach den 14 Monaten geht es zurück in den Beruf, so als wäre nichts gewesen und in den 14 Monaten finanzieren die Steuerzahler die Abwesenheit vom Arbeitsplatz, und zwar für beide Eltern im selben Ausmaß.

Dies ist die schreckliche kollektivistische Welt der post-natalen Gendergerechtigkeit, in der individuelle Entscheidungen keinen Platz haben und die, wie die Daten des Statistischen Bundesamts (2011) zeigen, mit der Wirklichkeit des Elterngeldbezugs keine Verbindung haben:

  • 35,8% der Bezieher von Elterngeld waren vor der Geburt ihres Kindes nicht erwerbstätig (15,9% der Männer und 40,9% der Frauen).
  • 9,4% der männlichen Bezieher von Elterngeld und 25% der weiblichen Bezieher von Elterngeld erhalten einen Geringverdienerzuschlag.
  • 14,7% der männlichen Bezieher von Elterngeld haben vor Bezug des Elterngeldes mehr als 2700 Euro netto verdient im Gegensatz zu 3,1% der Frauen

Die durch Elterngeld geschaffene post-natale Geschlechtergerechtigkeit sieht also wie folgt aus:

  • Elterngeld stellt für erwerbslose Frauen deutlich öfter als für erwerbslose Männer eine Verdienstmöglichkeit dar.
  • Elterngeld stellt für geringverdienende Frauen deutlich mehr als für geringverdienende Männer eine Verdienstmöglichkeit dar.
  • Eltergeld bedeutet für deutlich mehr Männer als Frauen einen finanziellen Verlust.

Es wird außer Auth, Leiber und Leitner und anderen Genderisten kaum jemanden geben, der die geschilderte und durch Eltergeld geschaffene Realität als gerecht bezeichnen wird. Vielmehr wird man nicht umhin kommen, Elterngeld als Möglichkeit des rent seekings zu bezeichnen, als Möglichkeit, nicht-Erwerbstätigkeit oder geringes Verdienst durch eine steuerfinanzierte Subvention von Fertilität aufzustocken. Es wäre eigentlich die Aufgabe eines wissenschaftlichen Artikels auf diesen Mißstand hinzuweisen. Dass Auth, Leiber und Leitner diesen Mißstand nicht nur nicht benennen, sondern im Gegenteil noch rechtfertigen und gutschreiben wollen, zeigt, dass ihr Beitrag kein wissenschatlicher, sondern ein ideologischer Beitrag ist, von dem man sich fragt, wie er in eine wissenschaftliche Zeitschrift wie Gruppendynamik und Organisationsberatung gelangen konnte (immer unter der Annahme, die Herausgeber von Gruppendynamik und Organisationsberatung sind der Ansicht, eine wissenschaftliche Zeitschrift herauszugeben).

Es ist schwierig, im Zusammenhang mit einem Beitrag, wie dem von Auth, Leiber und Leitner von Erkenntnisgewinn zu sprechen, aber Erkenntnisgewinn ist immerhin das Ziel der Wissenschaft und man soll, so lehrt die Methode der Kritik, nichts unversucht lassen, um selbst den Autoren der abstrusesten Texte noch die Möglichkeit zu geben, ihre Machwerke zu verbessern. Es wäre sicher nützlich, wenn Auth, Leiber und Leitner sich mit dem Konzept der Gerechtigkeit auseinandersetzen. Dabei werden sie feststellen, dass es ihnen nicht um Gerechtigkeit geht, sondern um Ergebnisgleichheit. Unabhängig von der Leistung und vom Einsatz, wollen Auth, Leiber und Leitner durch Elterngeld Gleichheit herstellen, und das ist etwas ganz anderes als Gerechtigkeit herstellen zu wollen, denn Gerechtigkeit sieht gerade eine Auszahlung vor, die im Einklang mit der Leistung steht, was bei ungleicher Leistung notwendig eine ungleiche Auszahlung nach sich zieht.

Auth, Diana, Leiber, Simone & Leitner, Sigrid (2011). Sozialpolitik als Instrument der Geschlechtergerechtigkeit. Gruppendynamik % Organisationsberatung 42: 151-162.

Statistisches Bundesamt (2011). Öffentliche Sozialleistungen. Statistik zum Elterngeld. Beendete Leistungsbezüge für im 1. Vierteljahr 2010 geborene Kinder. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Bildnachweis: Frauen in der GEW; Das Bild des aufziehbaren Trottels ist offensichtlich das bei Frauen in der GEW verbreitete Männerbild

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2 Responses to Post-natale Geschlechtergerechtigkeit: Denn sie wissen nicht, wovon sie schreiben

  1. terminatus30 says:

    Es scheint mir immer wieder die genderistisch(e) (gewollte) Verwechslung zwischen Gleichberechtigung und Gleichstellung oder “gleicher” Arbeit und “gleich”wertiger Arbeit vorzuliegen.

    Mit Gerechtigkeit hat dies nichts zu tun. Es zielt, wie Sie richtig festhalten, auf reine Ergebnisgleichheit. Es lebe der Kollektivismus! Es lebe die Ressourcenverschwendung! Es lebe die Vernichtung akademisch-innovativ, männlichen – immer noch werden rund 95% aller Patente von Männern angemeldet – Potentials!

  2. Pingback: Nicht-diskriminierende Geschmacklosigkeit: GEW-Broschüre „objektiv“ nicht männerfeindlich « Kritische Wissenschaft – critical science

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