Genderkulturkampf

In einem berühmten Erschütterungsexperiment ist es Harold Garfinkel gelungen, die Wirkung von Kultur und vor allem die Wirkung kultureller Erwartungen offen zu legen:

“The victim waved his hand cheerily [Das Opfer winkt erfreut.]
(S) ‘How are you?’ [Wie geht es Dir?]
(E) ‘How am I in regard to what? My health, my finances, my school work, my peace of mind, my …?’
[Wie geht es mir im Hinblick auf was, meine finanziellen Verhältnisse, meine schulischen Leistungen, meinen Seelenfrieden, meinen…?]
(S) (Red in the face and suddenly out of control) ‘Look! I was just trying to be polite. Frankly, I don’t give a damn how you are’”. [(Rot im Gesicht und plötzlich außer Kontrolle) Schau, ich habe einfach nur versucht, nett zu sein. Ehrlich gesagt, interessiert es mich nicht die Bohne, wie es Dir geht.] (Garfinkel, 1996, S.44).

Die kurze Sequenz verdeutlicht die Macht kultureller Erwartungen. Kulturelle Erwartungen beeinflussen nicht nur die Art und Weise, wie sich Akteure im sozialen Austausch gegenübertreten, sie beeinflussen auch, welche Meinungen und Ansichten Akteure überhaupt voneinander haben. Diese kulturelle Vorab-Bestimmung von Wahrnehmung und Handlungserwartungen hat Geert Hofsteede dazu bewogen, Kultur als kollektive Programmierung des Geistes zu bezeichnen.

Clyde Kluckhohn und Alfred Louis Kroeber haben mehr als 100 Definitionen von Kultur zusammengetragen und im Jahre 1952 den folgenden “Definitionsextrakt” verfasst: „Culture consists of patterns, explicit and implicit, of and for behaviour acquired and transmitted by symbols, constituting the distinctive achievements of human groups, including their embodiment in artefacts; the essential core of culture consists of traditional (i.e. historically derived and selected) ideas and especially their attached values; culture systems may, on the one hand, be considered as products of action, on the other, as conditional elements of future action” (Kluckhohn & Kroeber, 1952, S.181). Etwas salopp formuliert könnte man dieses Zitat wie folgt zusammenfassen: Kultur beinhaltet (normative) Muster, die das Verhalten der kulturellen Mitglieder steuern bzw. anleiten (sollen), wobei die entsprechenden Muster durch die Konfrontation mit der Umwelt entstanden sind. Entsprechend gehen Kluckhohn und Strodtbeck davon aus, dass Kulturen auf Wertorientierungen aufbauen und dass diese Wertorientierungen das Verhalten von Menschen in einer Kultur bedingen (Kluckhohn & Strodtbeck, 1962, S.24).

Wer die Wertorientierungen, die kulturellen Muster, die kulturellen Erwartungen von Menschen beeinflussen kann oder gar kontrolliert, der hat ein mächtiges Instrument der Manipulation zur Hand. Wem es gelingt, kulturelle Muster zu setzen, die es nur erlauben, eine alltägliche Situation in genau einer und keiner anderen Weise zu interpretieren, dem eröffnet sich damit die Möglichkeit, ein gesellschaftliches Klima ganz nach seinen Wünschen und nach seinem Belieben zu schaffen, ein Klima der Gleichschaltung. Wie mächtig diese kulturelle Waffe ist, zeigt das Erschütterungsexperiment von Harold Garfinkel, bei dem der Anlass des Ärgers aufgrund enttäuschter kultureller Erwartung, geringfügig, ja lächerlich ist. Wie viel emotionaler und intensiver reagieren wohl Akteure, die seit sie richtig denken können, in staatlichen Erziehungsanstalten mit immer demselben Genderlamento indoktriniert wurden, auf eine enttäuschte kulturelle Erwartung? Man kann es sich lebhaft vorstellen, und vermutlich wird aus diesem Grund in Publikationen der Bundesregierung eine kulturelle Indoktrination betrieben, die nur noch ein bestimmtes kulturelles Bild von der Beziehung zwischen Männern und Frauen zulassen will, ein Bild, bei dem sich mir die Fussnägel ringeln:

Ich zitiere aus der Broschüre “Kinder- und Jugendhilfe” des Bundesministeriums für FSFJ:

“Ob Sie Ihr Kind in den Kindergarten bringen, Ihre Tochter in ein Mädchenzentrum geht, ob ihre Freunde ein Kind in Pflege genommen oder adoptiert haben, immer haben sie es mit dem Jugendamt zu tun” (7).

Die Drohung, es immer mit dem Jugendamt zu tun zu haben, einmal beiseite lassend, vermittelt die Broschüre ab ihrer ersten Textzeile die kulturelle Gewissheit, dass es Kinder, Töchter und Mädchen gibt. Übertrieben, oder Zufall?

“Sie sind in einer Notfallsituation? Sie suchen eine Tagesbetreuung für Ihre Tochter? Der Vater Ihres Kindes zahlt keinen Unterhalt? Ihr Kind wird in der Schule auffällig?”(9).

Stimmt, es gibt doch mehr als Töchter und Kinder, es gibt noch auffällige Kinder und mindestens einen Vater, der keinen Unterhalt zahlt. Aber sind alle Inhaber eines männlichen Geschlechts schlecht und zahlen keinen Unterhalt?

“Wenn Bianca fragt, wo denn eigentlich die Milch herkommt, und Sven glaubt, dass alle Kühe lila sind …, dann bieten Kindertageseinrichtungen und offene Kinderangebote notwendige Erfahrungen und Anregungen” (21).

Nein, es gibt nicht nur Inhaber männlichen Geschlechts, die schlecht sind und keinen Unterhalt zahlen, es gibt auch Inhaber männlichen Geschlechts, die dumm sind und zu wissen glauben, alle Kühe seien lila, während die Inhaber weiblichen Geschlechts Erkenntnis suchen und wissen wollen, wo die Milch herkommt. Das kulturelle Bild verdichtet sich: weiblich, gut und wissbegierig, männlich, schlecht und dumm.

“Sabrina ist verzweifelt. Der neue Freund der Mutter hatte sich gleich als Herr im Haus bezeichnet, was ihr von Anfang an auf den Keks ging. Als er jetzt auch noch ihre Mutter verprügelte, weil sie kein Geld für seine Kneipentour auf den Tisch legen wollte, und Sabrina, als sie sich dazwischenwarf, gleich mit verdrosch, hat sie sich entschlossen, so nicht weiter leben zu wollen. Über das Kindertelefon erführ sie die Adresse des Mädchenkrisenhauses, in dem sie gleich aufgenommen wurde. … Karstens Vater ist alleinerziehend. Seit einem halben Jahr fühlt er sich immer hilfloser. Die Konflikte im Haus werden zunehmend heftiger, die Anrufe der Lehrerin häufen sich, und jetzt als auch noch die Polizei kam, weil Karsten mit seiner Clique beim Autoknacken erwischt wurde, da stand für ihn fest, Karsten kommt ins Heim” (37).

Inhaber eines männlichen Geschlechts sind schlecht, dumm, faul, trinkende Zuhälter, die ihre Kneipentouren aus den Einkünften ihrer Freundinnen (und Mütter) decken und ansonsten mit der Erziehung ihres straffälligen Sohnes überfordert sind. Dagegen sind Inhaber eines weiblichen Geschlechts gut, wissbegierig, von heldenhaftem Mut getrieben und immer bereit, sich für die Schwachen ins Zeug zu werfen und Unrecht dem zuständigen Mitarbeiter beim Jugendamt zu melden.

Nachdem man die primitiven und wirklich abstossenden Stereotype, die in von Steuerzahlern finanzierten Broschüren des Bundesministeriums für FSFJ verbreitet werden, in Reihenfolge gelesen hat, kann man eigentlich nicht anders als die Schreiber dieser Zeilen zu bedauern; Nicht ob ihrer um Hilfe schreienden Versuche, die deutsche Sprache zu bewältigen, nicht ob ihrer Versuche, kulturelle Erwartungen vorzugeben und dabei einmal eben die Realität auf den Kopf stellen (es sind immer noch in der Mehrzahl Männer, die Alleinernährer sind und entsprechend ist die Wahrscheinlichkeit, dass Säufer ihr eigenes Geld vertrinken sehr hoch), sondern ob der furchtbaren Gedankenwelt, in der diese armen Menschen leben müssen: Wem Beispiele wie die zitierten einfallen, die sich allesamt durch das Muster auszeichnen, männlich böse, weiblich gut, dem ist außerhalb von geschlossenen Anstalten nicht mehr zu helfen, der sollte sich in ärztliche Behandlung begeben. Da die entsprechenden Muster regelmäßig aus dem BMFSFJ kommen, liegt auch der Verdacht nahe, dass es sich beim BMFSFJ gar nicht um ein Ministerium, sondern um eine geschlossene Anstalt handelt. Wie dem auch sei, die Analyse belegt, dass offensichtlich versucht wird, kulturelle Erwartungshaltungen auf äußerst primitive Weise zu beeinflussen, und zwar auf eine Weise, die Sozialpsycholgen unter der Rubrik Sexismus behandeln. Damit verstößt das BMFSFJ gegen das Grundgesetz und so ziemliche alle Regeln des Anstands, aber das wird den Verantwortlichen vermutlich nichts sagen, denn die Bedeutung des Wortes “Anstand” ist in ihrem kulturellen Mileu nicht bekannt.

In Broschüren, für die das BMFSFJ verantwortlich ist, wird also versucht, den Lesern, die sich eigentlich über etwas anderes informieren wollen, unter der Hand ein kulturelles Muster unterzuschieben, das ihnen vorgibt, wie sie Fremdgeschlechtliche zu sehen haben. Da es nicht zu den Aufgaben des BMFSFJ gehört, Denk- und Wahrnehmungsvorgaben zu machen und auch die Verbreitung von Sexismen nicht zum Aufgabenbereich des Ministeriums gehören sollte, wäre es daher an der Zeit, die Verantwortlichen im Ministerium würden Broschüren wie die hier analysierte einstampfen und sich auf die Vermittlung von Informationen und nicht die Vermittlung von Vorurteilen konzentrieren. Dazu, allerdings, wäre Anstand notwendig…

Literatur

Garfinkel, Harold (1996). Studies in Ethnomethodology. Cambridge: Polity Press.

Kluckhohn, Florence & Strodtbeck, Fred (1961). Variations in Value Orientations. Evanston: Row & Peterson.

Kroeber, Alfred Louis & Kluckhohn, Clyde (1952). Culture: A Critical Review of Concepts and Definitions. Cambridge: Cambridge University Press,

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4 Responses to Genderkulturkampf

  1. bberlin says:

    Ich hatte schon lange die Idee, dieses Ministerium mit dem sowieso sehr sperrigem Namen kurzerhand in “Propagandaministerium” umzubenennen.

  2. Alexander Roslin says:

    Die konsequent feministische Orientierung dieses Ministeriums (egal, welche Ministerin an der Spitze steht) wird bereits in seinem Namen deutlich, die zutiefst misandrische Grundlage des herrschenden Staatsfeminimus/Geschlechtersozialismus in solchen Broschüren.

    Keine Überraschung.

    Der Mann ist der Bourgeois, der bekämpft werden muss, der gestürzt werden muss, der entthront werden muss, damit die Proletin, die er versklavt, endlich frei werde, zur Macht gelange und das Zeitalter der von allen (männlich verursachten) Übeln befreiten Menschheit (Frauheit?) heraufführe.

    Was dem Marxisten der Kapitalismus, ist der GeschlechtersozialistIn das Patriarchat, Männer seine herrschende Klasse.

    Da ist Diffameierung löblicher Befreiungskampf.
    Sie dient der Mobilisierung, der Mobilisierung von Hass, ein mächtiges Movens, das zu nutzen keine Skrupel bestehen.

    Männer sind gefährlich, wenn nicht gefährlich, dann inkompetent, Männerrechtler rechtsradikal und so weiter und so fort.

    Männer sind egoistisch, Frauen selbstlos, kompetent, aber schwach, weshalb die bösen, eigentlich inkompetenten Männer sie unterdrücken konnten.

    Frauen können die Opfer der Männer werden, weil sie eigentlich besser sind als diese, nicht enfach nur glieich – dann stellte sich die Frage, wie es möglich sein kann, dass Frauen jahrtausendelang angeblich unterdrückt wurden und werden konnten, wenn Männer und Frauen gleich sind.

    Die Prämisse des Feminismus “Frauen wurden jahrtausende lang unterdrückt” treibt notwendig die Vorstellung der inhärenten Gutheit der Frau, der inhärenten Bosheit des Mannes hervor.

    Feminismus braucht den Männerhass, den Geschlechterhass, nicht einfach nur zur Mobilisierung, sondern notwendig zur Plausibilisierung seiner grundlegenden Prämissen.

    Er kann gar nicht ohne.

    So ist es die Aufgabe des weltverbessernden, frauenbefreienden, demzufolge femizentrischen Staates Männer zu deckeln und Fauen zu empauern.

    Nein, das alles ist konsequent.

    Der Wahnsinn hat Methode.

  3. lootssl says:

    @bberlin: Das wäre aber den anderen Ministerien gegenüber unfair, die auch nur Propaganda machen, allen voran das Gesundheits- und Außenministerium. Mir stellt sich eher die Frage, ob es mit dem Einstampfen der Broschüren getan wäre oder ob nicht vielmehr ein paar personelle Fragen angegangen werden sollten.

  4. terminatus30 says:

    Wieder ein sehr guter Beitrag. Für mich ist klar ersichtlich, dass bestimmte kulturell-verbindenden Vorannahmen in jeglicher sozialen Interaktion von N Akteuren bereits vorausgesetzt werden müssen!

    Wer diese kulturellen Variablen – zu einem bestimmten Zeitpunkt sicher Determinanten – in eine bestimmte Richtung leiten kann, legt den Weg für eine wahre Diskriminierung, die keine Diskriminierung im sprachlichen Sinne mehr ist, frei. “Männer werden nicht diskriminiert, da Frauen noch immer benachteiligt sind usw.”

    Dass dies letztlich eine Mehrheitsdiskriminierung ist, im Gegensatz zur Minderheitendiskriminierung, die auch zurecht bekämpft wurde und wird, leuchtet den Gutmenschen nicht ein.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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