Politikern ist alles zuzutrauen, aber: “Mein Kampf” wird bislang nicht umgeschrieben

Andere scherzen heute, wir klären auf!

Vor einigen Tagen haben wir eine Eilmeldung veröffentlicht. SPD und Grüne wollen “Mein Kampf” umschreiben, so haben wir  gemeldet und – wie wir geschrieben haben – Informationen verarbeitet, die uns aus München und von einem Bekannten von Dr. habil. Heike Diefenbach zugespielt wurden. Mittlerweile hat die Nachricht derartige Kreise, dass wir an dieser Stelle einräumen müssen, dass es sich mit dem Umschreiben von “Mein Kampf” nicht so verhält, wie wir gemeldet haben.

EilmeldungZunächst ist es jedoch notwendig festzustellen, dass die Vielzahl der Reaktionen und die große Ressonanz, die die Eilmeldung erfahren hat, für uns doch etwas überraschend war.  Noch überraschender ist jedoch, und das ist letztlich etwas, was Satiriker mit Sorge erfüllen muss, dass Satire von der Realität rechts überholt wird, dass es normal geworden ist, dass die Affen den Zoo regieren und man entsprechend keine Satire mehr daraus machen kann, dass die Affen den Zoo regieren.

So war sich eine große Zahl der Leser und Kommentatoren der Eilmeldung nicht darüber im Klaren, ob es sich dabei um eine Satire handelt oder um eine ehrliche, aufrichtige, den Tatsachen entsprechende, nach bestem Wissen und Gewissen verbreitete Meldung. Nun, wir waren eigentlich der Ansicht, dass die Eilmeldung eine Satire ist, insbesondere da nun wirklich Folgendes so klar sein sollte, dass es selbst bei deutschen Politikern als Wissensbestand vorausgesetzt werden kann, so dachten wir, und, so dachten wir weiter, so sehen das auch die meisten unserer Leser:

  1. Die Annexion von Gebieten im Osten und Westen Deutschlands ist nicht deshalb von der politischen Agenda gestrichen worden, weil die EU-Osterweiterung sowie die Mitgliedschaft Frankreichs und Belgiens in der EU die entsprechende Annexion unnötig gemacht hat.
  2. Es gibt keine Begründerinnen des Marxismus. Es gibt nur KARL Marx und nur KARL Marx hat ihn begründet, weshalb der Marxismus auch Marxismus heißt.
  3. Dass nicht alle Juden schlecht sind, es auch gut gebe, würden deutsche Politiker nie schreiben – oder doch?
  4. Der abgebildete Gesetzentwurf, also wirklich ein Gesetzentwurf auf dem steht “…des Herrn Adolf Hitler (zwischenzeitlich verstorben)”, das würden deutsche Politiker nie schreiben – oder etwa doch?

Und das sind nur einige der Hinweise im Text, von denen wir dachten, dass sie fester Wissensbestand sind, von dem wir ausgehen können, dass die meisten unserer Leser davon ausgehen, dass Politiker ihn haben. Weit gefehlt! – Was diesen post zur Frage bringt: Warum haben wir uns diese Satire erlaubt? Bevor wir diese Frage beantworten, und den wissenschaftlichen Wert dieser genialen Idee, die Dr. habil. Heike Diefenbach nach dem Frühstück entwickelt hat, darlegen, hier noch ein paar hinführende Bemerkungen:

Es ist ein erschreckendes Zeichen für den Zustand der deutschen Demokratie, dass eine Vielzahl von Lesern denkt, sie würden von einer Horde Irrer regiert, die weil in “Mein Kampf” vom “Mädchenhandel im Judentum” die Rede ist, über alle sonstigen verbalen rassistischen Ausfälle hinwegsehen und ansonsten an dem Werk nur auszusetzen haben, dass es nicht in gegenderter Form vorliegt.

Es ist mindestens so erschreckend, dass eine Vielzahl der Leser es für möglich gehalten hat, dass die linke politische Elite im Bayerischen Landtag davon überrascht ist, dass man sich in den Ostgebieten wäscht und entsprechend “Rassenhygiene” kein Thema mehr ist.

Schließlich ist es geradezu furchtbar, dass die kleinen, so liebevoll zusammengestellten Unglaublichkeiten am Ende des Textes weitgehend unbeachtet geblieben sind. Zur Erinnerung, am Ende des Textes wird die erfundene Abgeordnete Hildegard Clausthal-Wilhelmsmann mit den Worten zitiert:

“… man müsse auch historische Werke der modernen Sichtweise anpassen. Historische Korrektheit, so die Abgeordnete, habe schließlich ihre Grenzen und müsse selbstverständlich hinter Sprach- und Gendersensibilitäten zurückstehen. Damit befinde man sich schließlich im Einklang mit den pädagogischen Bestrebungen der letzten Dekade”.

Noch einmal im Klartext, hier steht ganz offen, dass es legitim ist, Geschichte im Dienste eines Splins, den man gerade verfolgt, zu verfälschen, dass diese Form der Geschichtsfälschung in deutschen Schulen seit Dekaden betrieben wird und dass es schließlich nicht um geschichtliche Authentizität sondern um ideologisches Wohlgefallen geht. Das ist schon ein starkes Stück, aber nur wenige haben sich gewundert. Die Mehrzahl hat dies offensichtlich für eine authentische Beschreibung der derzeitigen Realität in Deutschland gehalten.

Daraus kann man nur schließen, dass die Leser der Eilmeldung ihre politische Klasse für entweder nicht zurechnungsfähig oder für völlig skrupellos halten, denn sie sind nicht überrascht, wenn sich Vertreter dieser politischen Klasse als

  • dumm,
  • auf Genderthemen fixiert,
  • menschenverachtend,
  • rassistisch,
  • missionarisch und
  • in hohem Maße manipulativ

Garfinkelvorstellen. Und damit kommen wir zur Crux unserer Satire, die in die Tradition der Erschütterungsexperimente gehört, die von Harold Garfinkel entwickelt und von Aaron V. Cicourel ausgefeilt wurden. Die Technik der Erschütterungsexperimente wurde entwickelt, um die Normalitäten aufzudecken, auf denen unser tägliches Handeln basiert, um an die Normen hernazukommen, die unser Alltagsverständnis leiten, ohne dass wir uns ihrer bewusst sind. Die Normen herauszufinden, die das Alltagsverständnis leiten, wenn die Sprache auf Politiker kommt, war entsprechend das Ziel, dem die vorliegende Satire gewidmet ist.

Wir wissen nicht, ob den meisten Lesern, die die Eilmeldung gelesen haben, bewusst ist, mit welchem Alltagsverständnis sie Politikern gegenübertreten, aber es ist nicht zu weit hergeholt, wenn wir feststellen, dass die meisten der Leser ihre Politiker für unzurechnungsfähig, zu allem fähig, nicht ganz normal und ansonsten für unehrlich bis ins Mark halten. Und dies ist ein erschütterndes Ergebnis für eine repräsentative Demokratie, ein Ergebnis, das man mit den Methoden der quantitativen empirischen Sozialforschung nicht erzielen kann, wenn man z.B. fragt, “Wie zufrieden sind Sie mit Politikern?” oder  “Welches Vertrauen haben sie in Politiker?”

Warum ist dies nicht möglich: Schon weil einmal vorrausgesetzt wird, man könne Vertrauen zu Politikern haben, einmal man könne mit Politikern zufrieden sein, was notwendig bedeutet, dass man Ansprüche an Politiker stellt. Wie unser kleines Experiment gezeigt hat, treten viele Deutsche (zumindest von den 4500+, die den Beitrag zwischenzeitlich gelesen haben) ihren Politikern jedoch mit Erwartungslosigkeit gegenüber, die man nur haben kann, wenn man auf “alles gefasst sein muss”. Es ist dies die Weise, in der man Leuten begegnet, denen gegenüber man eher vorsichtig sein muss und von denen alles Mögliche nur nichts Gutes zu erwarten ist. Diese Haltung gegenüber Politikern, dieses Alltagsverständnis von “Politiker” hat entsprechend nichts mit Vertrauen, aber viel mit “zutrauen” zu tun, damit, dass Menschen in Deutschland ihren Politikern so ziemlich alles zutrauen.

lunaticsAngesichts eines solchen Ergebnisses müssten Politiker, also solche, die sich ernst nehmen, eigentlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Das Ergebnis macht nämlich überdeutlich, was viele Menschen von ihnen halten. Und nicht zuletzt macht das Ergebnis deutlich, wie sehr sich Politiker von “den Bürgern”, die sie doch zu repräsentieren vorgeben, entfernt haben. Erstere sind einiges von Ihren Politikern gewöhnt, so viel, dass es kaum mehr möglich ist, die Realität von einer Satire zu unterscheiden. Letztere machen vor sich hin und vermitteln “ihren Bürgern” den Eindruck, dass jede Realität eine Satire auf sich selbst ist, z.B. wenn sie Bücher wie “Die kleine Hexe” politisch korrekt umschreiben oder sonstige politisch korrekte Maßnahmen durchführen, die offensichtlich der politischen Hygenie dienen, aber von Bürgern letztlich als Unsinn angesehen werden, und jeder neue Unsinn ist nur ein Unsinn mehr, der die Linie zwischen Realität und Satire verwischt.

Ob es ausreicht, sich gegen den täglich von Politikern zur Normalität erklärten Wahnsinn dadurch zu wehren, dass man Gott anruft, er möge das Umschreiben von z.B. “Mein Kampf” eine Satire und nicht ernstgemeint sein lassen, wie dies einige Kommentatoren getan haben, wollen wir an dieser Stelle ausdrücklich bezweifeln und darauf verweisen, dass sich Politiker nur von Widerstand beeindrucken lassen, der die materielle Sphäre zum Gegenstand hat und z.B. ihre Bezüge und sonstigen Vorteilsnahmen betrifft. Von geistigem Widerstand haben sich Politiker noch nie beeindrucken lassen.

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6 Responses to Politikern ist alles zuzutrauen, aber: “Mein Kampf” wird bislang nicht umgeschrieben

  1. Gerd says:

    Dass Leute das ernst genommen haben, überrascht mich.

    Ich fand den Spass gar nicht mal so gut. “Zu dick aufgetragen, das merkt doch jeder sofort”. Offenbar habe ich mich geirrt.

  2. Philipp Gampe says:

    @Gerd … ich habe das Ernst genommen, weil ich mich seit ca. 1,5 Jahren mit Gender & Co. beschäftige.
    Aus dieser Ecke halte ich jede absurde Idee für vollkommen real 🙁
    Genau das Gleich passiert, wenn ein Politiker etwas für das Internet fordert.

  3. Mus Lim says:

    Eilmeldung: “Hier sei eine entsprechende genderisiserte Form zu erstellen, die der Tatsache Rechnung trage, dass es auch Rednerinnen, Ministerpräsidentinnen, Frauen der Bewegung und Begründerinnen des Marxismus gebe.”
    Erklärung oben: “Es gibt keine Begründerinnen des Marxismus. Es gibt nur KARL Marx und nur KARL Marx hat ihn begründet, weshalb der Marxismus auch Marxismus heißt.”

    Seit wann kümmert es Feminstinnen und Genderer, dass es keine “Begründerinnen des Marxismus” gibt. Schließlich gab es auch keine lesbischen Opfer des Nationalsozialismus, trotzdem haben die Lesben gejammert, dass die Schwulen ein Mahnmal erhalten haben … mit Erfolg.

    Also wo soll jetzt die Übersteigerung, die Satire liegen?!??

  4. jck5000 says:

    Erstmal: Ich finde die beiden Artikel insgesamt eine gelungene Gesellschaftskritik.

    Nur einen Punkt kann ich überhaupt nicht nachvollziehen:

    >> Es ist mindestens so erschreckend, dass eine Vielzahl der Leser es für möglich gehalten hat, dass die linke politische Elite im Bayerischen Landtag davon überrascht ist, dass man sich in den Ostgebieten wäscht und entsprechend “Rassenhygiene” kein Thema mehr ist.

    Das kann offensichtlich nur jemand sagen, der nicht aus Bayern kommt – oder aus der Oberpfalz, wo für einen Bayern spätestens die Ostgebiete anfangen.

    • Man kann von der “Beschneidung” kleiner “Männer”
      halten was man will.
      Aber das “Nicht waschen wollen (des Penis)”
      war eine der Bergründungen der, auch mancher Frauen und
      PolitikerInnen,
      (allerdings auch mancher Männer- was auf deren Waschgewohnheiten Rückschlüsse zulässt?) für den Sinn der Maßnahme (Der “Beschneidung”).

      Von daher dürfte der Zusammenhang von “Rassenhygiene”
      und Seife nicht nur an den Haaren herbeigezogen sein?

  5. Pingback: Keine Satire ist so gut wie die Wirklichkeit: SPD-Fraktion im Bundestag will “Mein Kampf” nicht unverändert veröffentlicht sehen | Kritische Wissenschaft - critical science

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