Unsinn der Woche aus dem DIW, dem Deutschen Institut für Wahnvorstellungen

diw_logoIm Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gibt es einen Datensatz. Der Datensatz heißt Sozio-Ökonomisches Panel (SOEP). Er ist ein longitudinaler Datensatz, ein Panel, d.h. die selben Befragten werden so lange wieder befragt, bis sie abwinken und als Panel-Mortalität auf den Friedhof der SOEP-Geschichte getragen werden. Befragt werden die Befragten zu allerlei Dingen: ihrem Einkommen, ihrer Lebenszufriedenheit, ihrer Wahlabsicht, ihrer schulischen und ihrer Berfuskarriere, ihren Kindern und vielem mehr. Das SOEP ist, der Form nach, ein richtig guter Datensatz (für deutsche Verhältnisse), wenngleich es auch ein Datensatz ist, der bei Nutzern zuweilen Fragezeichen hinterlässt.

scully facepalmEin solches Fragezeichen ist Beitrag geworden und hat Eingang in den Wochenbericht 33 des DIW gefunden, und es ist dieser Beitrag, der mich endgültig davon überzeugt hat, dass beim DIW der Wahnsinn grassiert und das Institut offensichtlich unter der Hand in Deutsches Institut für Wahnvorstellungen umbenannt wurde.

Frauke H. Peter und C. Katharina Spieß stehen als Autoren unter der Überschrift “Arbeitsplatzverlust der Mutter kann die Entwicklung ihrer Kinder beeinträchtigen”. Ich mag vor allem das “kann” in der Überschrift, denn kann, kann alles. Würmer im Salat können die Entwicklung der Kinder beeinträchtigen. Die Sonnenfinsternis am 31. Juli 1981 kann bis heute nachwirken und die Entwicklung von Kindern beeinträchtigen. Die Pet Shop Boys und AC/DC können sich negativ auf die Entwicklung von Kindern auswirken. Der Anschluss Ostdeutschlands, ja, und der Text von Peter und Spieß, all das kann sich natürlich negativ auf die Entwicklung von Kindern auswirken (insbesondere auf die Entwicklung der intelligenteren unter ihnen).

DIW 13-3Abgesehen vom “kann” in der Überschrift stellt sich natürlich die Frage, warum sollte sich der Arbeitsplatzverlust der Mutter (nicht etwa des Vaters, der ja, wie die Autorinnen in ihrem “Werk” feststellen, immer noch in den meisten Familien der Hauptverdiener ist) negativ auf die Entwicklung der Kinder auswirken? Das, so würde Miss Marple sagen, “Mr. Stringer is the question”. Und dann würde Miss Marple eine Theorie entwickeln und prüfen. Nicht so Peter und Spieß. Sie haben offensichtlich noch nie etwas von theoretischer Fundierung wissenschaftlicher Forschung gehört und fragen sich an keiner Stelle, wie man begründen kann, dass der Arbeitsplatzverlust sich negativ auf die Entwicklung von Kindern auswirken soll.

Statt dessen kommen sie in bester Manier dessen, was Hartmut Esser Variablensoziologie nennt, (nicht unbedingt in nicht derogativer Absicht) sofort und unverzüglich zu sozial-emotionalem Verhalten, das sie, warum auch immer als “nicht-kognitives Verhalten” bezeichnen. Man hätte es auch als nicht-somatisches oder nicht-akutes oder nicht-therapiertes Verhalten bezeichnen können, aber gut, nennen wir es nicht-kognitiv, schließlich ist ziemlich viel nicht-kognitiv, warum nicht auch sozial-emotionales Verhalten.

Das soziale-emotionale Verhalten, man ahnt es schon, ist das, was negativ vom Arbeitsplatzverlust der Mutter beeinflusst werden soll. Warum? Keine Ahnung, und Peter und Spieß haben auch keine Ahnung, aber einen Mittelwert: 12,6 für Kinder von Müttern, die den Arbeitsplatz verloren haben und 9,85 bei Müttern, die einen Arbeitsplatz haben, keinen haben oder nie einen hatten, den sie verlieren können. Das ist ein Unterschied! 12,6 – 9,85 = 2.75. Schlimm – oder? Fast so etwas wie eine arbeitsplatzverlust-bedingte Ungleichheit oder Ungerechtigkeit oder, was auch immer.

Aber was sagt der Mittelwert? Nun, der Mittelwert entstammt dem Strength and Difficulties Questionnaire (SDQ), mit dem Mütter von fünf- bis sechsjährigen Kindern deren sozial-emotionales Verhalten einschätzen sollen. Und so wirds gemacht:

Sozio emo verhalten SOEP
SOEP Kinderfragebogen

Den Befragten wird die links stehende Frage vorgelegt, und die Befragten, nichtsahnend ob der Wahnvorstellungen, die sie mit ihren Antworten möglicherweise in den Hirnen von selbsternannten Forschern auslösen, geben eine Antwort von 1 “trifft zu” bis 7 “triftt nicht zu” auf jedes der einzelnen Items. (Ich habe die Antwortskala gedreht, denn die Mehrzahl der Items beschreibt negative Verhaltensweisen!) Die Antworten werden summiert und in der Stichprobe, die Peter und Spieß verwendet haben, erreichen die Befragten Werte von 1 bis 30. Da die Liste von Peter und Spieß 13 Items umfasst, die je sieben Antwortvorgaben haben, reicht der Wertbereich nominal von 7 bis 91. Folglich stellt sich die Frage, was Peter und Spieß gewerkelt haben, um auf einen Wertbereich von 1 bis 30 zu kommen. Und unabhängig davon stellt sich die Frage, warum sie nur einen Teil der Items des SDQ benutzt haben. In jedem Fall kann festgestellt werden, dass selbst ein Mittelwert von 12,5 noch unterhalt des Median liegt, was bedeutet, dass die meisten Befragten Werte zwischen 1 und 3 also diesseits der Grenze zu “trifft nicht zu” wählen, was man nur schwerlich problematisieren kann, was aber Peter und Spieß nicht davon abhält, zu problematisieren.

Und problematisiert wird munuter drauf los, so lange bis aus dem minimalen, aber signifikanten Mittelwertunterschied, der zwischen der Einschätzung von Müttern, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und allen anderen besteht, und dessen Relevanz auf einer Wahnvorstellung zu basieren scheint, denn eine theoretische Fundierung geben Peter und Spieß nicht, bis aus diesem Mittelwertunterschied eine Kausalität geworden ist. Dieser letzte Streich aus dem Arsenal der Schildbürger wird über “Propensity Score Matching” ausgeführt. Das klingt gelehrt und sagt doch nicht mehr, als dass ähnliche Befragte miteinander gebündelt werden, in der Hoffnung, dass sich die Unterschiede in den Mittelwerten damit nicht erklären lassen. Und das soll dann Kausalität ergeben.

Ja. Ich komme zurück zum Anfang dieses Textes. Das SOEP ist ein longitudinaler Datensatz, ein Panel, ein Datensatz, der auf wiederholter Befragung der selben Befragten basiert, ein Datensatz, der es erlauben würde, Kausalitätsvermutungen direkt durch ein “vorher-nachher” Design zu prüfen, in dem man den Mittelwert vor dem Arbeitsplatzverlust der Mütter mit dem Mittelwert nach dem Arbeitsplatzverlust vergleicht. Diese naheliegende Methode, die jedem Sozialforscher, der Paneldaten hat, sofort in den Sinn kommt, um einer Kausalität zumindest nahe zu kommen, nutzen Peter und Spieß nicht, und man fragt sich, warum nicht?

Entweder sie wissen nicht, welche Möglichkeiten ein longitudinaler Datensatz bereitstellt, dann sind sie methodische Analphabeten und man sollte sie nicht mehr in die Nähe eines statistischen Programms lassen. Oder sie haben die entsprechende Berechnung ausgeführt und das Ergebnis hat nicht, ideologisch nicht, gepasst. Oder Peter und Spieß gehören zu den ad-hoc Forschern, die einer Laune folgend etwas untersuchen, von dem sie nicht wissen, warum sie es untersuchen, von dem sie nur wissen, dass es sie “anrührt” – schließlich ist alles, was sie anrührt ja relevant…

Nuts in BedlamWie hat ein weiser Professor der Politikwissenschaft aus damals Mannheim einmal sinngemäß gesagt: ein Statistikprogramm rechnet ihnen jeden Unsinn aus, deshalb braucht jede Forschung eine theoretische Basis, sonst bleibt sie sinnlos. In Berlin ist man angetreten, das sinnlose Forschen mit Datensätzen in den Kultstatus zu erheben. Deshalb votiere ich nun endgültig dafür, eine Mauer um das Deutsche Institut für Wahnvorstellungen zu bauen und den Insassen den Zugang zu Statistikprogrammen mit sofortiger Wirkung zu verbieten.

Peter, Frauke C. & Spieß, C. Katharina (2013). Arbeitsplatzverlust der Mutter kann die Entwicklung ihrer Kinder beeinträchtigen. DIW-Wochenbericht 33: 3-8.

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