Krieg und häusliche Gewalt – Unsinn der Woche

Aus dem DIW, von dem wir lange nichts mehr berichtet haben, kommt eine neue Erkenntnis, die sprachlos macht: “Gewaltsame Konflikte erhöhen das Risiko häuslicher Gewalt“, so lautet die Überschrift eines Beitrags, für den Johannes Rieckmann verantwortlich ist. Und für diejenigen unter uns, für die der Zusammenhang nicht gleich ersichtlich ist, die nicht sofort wissen, dass Frauen zuhause und nicht Männer in Kampfhandlungen die Last gewaltsamer Konflikte tragen, hier die prätentiös monströse Einleitung, die Rieckmann seinem Beitrag verpasst in Kurzform.

Die Erfahrungen der Bürger, so schreibt er, prägen die “Überzeugungen, Einstellungen Normen, die gesamte Kultur einer Gesellschaft”. Erfahrungen werden also nicht etwa individuell verarbeitet, quasi da, wo sie anfallen, nein, sie schlagen direkt auf die kollektive Ebene durch.

Aber: Überzeugungen, Einstellungen, Normen, ja die gesamte Kultur einer Gesellschaft sind schwierig zu messen (ungeachtet der Legionen von Arbeiten, die genau das tun: Überzeugungen, Einstellungen, Normen und kulturelle Dimensionen messen), dessen ist sich Rieckmann ohne Angabe von Gründen sicher. Und deshalb misst er nicht Überzeugungen, Einstellungen, Normen, ja die gesamte Kultur einer Gesellschaft, sondern Verhaltensweisen. Denn Verhaltensweisen, so Rieckmann, lassen Rückschlüsse auf das zu, was man so schwierig messen kann, also Überzeugungen, Einstellungen, Normen und die ganze Kultur.

Und so zeigt Rieckmann, wie man sich innerhalb von zwei Absätzen widersprechen kann, indem er behauptet, etwas sei schwierig zu messen, weshalb er es nicht mißt, nur um dann zu sagen, dass er etwas andres mißt, um das, was man schwierig messen kann und deshalb nicht mißt doch zu messen. Wahnsinn hat Methode.

Verhaltensweisen sind für Rieckmann deshalb wichtig, weil er nur Verhaltensweisen im Datensatz hat, keine direkten, sondern nur berichtete, Zweitberichtete, durch Frauen in Kolumbien, zweitberichtete Verhaltensweisen von wem auch immer, der die berichtenden Frauen nach ihrem Bericht mit häuslicher Gewalt in welcher Form und in welchem Ausmaß auch immer, überzogen hat, was nichts daran geändert hat, dass die berichtenden Frauen zum Berichten in der Lage sind, trotz Kampfhandlungen.

scully facepalmHäusliche Gewalt, so Rieckmann, ist nun eine Verhaltensweise, die bestens geeignet sei, um zu messen, wie sich gesellschaftliche Wertsysteme ändern, wie Gesellschaften z.B. brutaler werden. Häusliche Gewalt, von der Frauen berichten, ist dazu viel besser geeignet als Kampfhandlungen, die in Intensität und mit zugehörigen Todesopfern berichtet werden, denn: häusliche Gewalt ist unabhängig von den Kampfhandlungen, so postuliert Rieckmann zu Beginn seines Textes, und häusliche Gewalt erlaubt Rückschlüsse auf Verhaltensänderungen, die für die Gesellschaft in der Rieckmannschen Plausibilitätsmelange wichtig sind. Warum sie das sind, warum Unabhängigkeit von Kampfhandlungen wichtig ist, dass sind Fragen, die Rieckmann nicht beantwortet.

Wozu auch? Die Antworten würden nur einen weiteren Widerspruch zu all den im Text schon vorhandenen Widersprüchen hinzufügen, denn die von Kampfhandlungen unabhängige häusliche Gewalt, die Rieckmann zu Beginn seines Textes postuliert, wird im Verlauf des Textes als von der Kampfhandlung beeinflusst dargestellt, was zeigt, dass sie gar nicht unabhängig von den Kampfhandlungen ist.

Was will uns der Autor also sagen? Nun, Rieckmann bringt Daten für die Jahre 2003 und 2004, die zeigen, wo, in welcher Intensität und mit welcher (Todes-)Folge sich kolumbianische Regierungstruppen entweder mit linken oder rechten Guerillakämpfern auseinander gesetzt haben, mit Daten aus den Jahren 2004 und 2005 in Zusammenhang, in denen “mehr als 41.000 Frauen” (also z.B. 99.999 oder 41.001 oder 9.587.123 Frauen) in Kolumbien zu ihrer Gesundheit befragt wurden. Dass diese Befragung einen internationalen Sponsor hatte, zeigt sich daran, dass auch Fragen zur häuslichen Gewalt, die natürlich nur Frauen betrifft, schon weil nur Frauen befragt wurden, im Gesundheitssurvey enthalten sind.

Das ist die primitivste Art, Daten zu manipulieren: Man fragt einfach nur die Personengruppe, für die man zeigen will, dass sie X sind oder haben oder X unterzogen werden. Das enthebt der Notwendigkeit, absolute Zahlen für eine Personengruppe mit den absoluten Zahlen für eine andere Personengruppe ins Verhältnis zu setzen. Solche Art Relationen machen nur Probleme, und am Ende zeigt sich, dass häusliche Gewalt eine Interaktion zwischen Partnern misst, die von beiden ausgeht und die entsprechend nicht genutzt werden kann, um einen Opferfonds für geprügelte Frauen zu schaffen und aus Steuergeldern zu bestücken.

Derart kritische Gedanken kommen Rieckmann natürlich nicht, denn wäre er kritisch, er hätte nicht das Thema gewählt, das er gewählt hat. Er korreliert munter drauflos und findet, dass mit der Nähe der Konflikthandlungen und deren Intensität, die Wahrscheinlichkeit häuslicher Gewalt steigt, also die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen von häuslicher Gewalt berichten (da viele Männer im Krieg sind oder mit den Kampfhandlungen beschäftigt sind, stellt sich die Frage, wer hier die häusliche Gewalt ausübt).

Da haben wir es also: Nicht die Kampfhandlungen sind für die Verrohung einer Gesellschaft, sofern es sie überhaupt gibt, verantwortlich. Nicht die Toten und Verletzten, die die Kampfhandlungen zurücklassen, sind das, was es als Konsequenz von Kampfhandlungen zu beklagen gibt, schon weil die Toten und Verletzten überwiegend männlich sind, wären sie es nicht, wir hätten es längst in einem aufgeregten Report der UN erfahren, nein, das alles ist unproblematisch oder zweitrangig oder schlicht irrelevant, denn die wichtige Meldung, die es aus Bürgerkriegen zu vermelden gibt, wenn es nach Herrn Rieckmann geht, die lautet:

war causalities“Häusliche Gewalt ist nicht nur ein unmittelbares Problem für die Opfer, sondern gefährdet langfristig auch die Sicherheit und den Zusammenhalt der Gesellschaft als Ganzes. Wenn häusliche Gewalt ein weitverbreitetes Phänomen ist, fehlen vielen Kindern, die als Zeugen oder Opfer betroffen sein können, Vorbilder friedlicher Konfliktlösung. Ihre Fähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, wird gestört. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder im späteren Leben selbst gewalttätig werden. Oft wird die Entwicklung ihrer Persönlichkeit gestört. Diese Defizite können unter ungünstigen Umständen in einem Zyklus der Gewalt an künftige Generationen weitergegeben werden. Auf lange Sicht hat dies auch negative gesamtwirtschaftliche Folgen – ein Problem, das letztlich alle Bürger einer Gesellschaft betrifft.”

Ja, ja, Sie haben sicher gedacht, das Problem an Kriegen sind die Opfer, die Toten, die Verstümmelten, die Überlebenden mit ihren Erfahrungen. Sie haben vermutlich gedacht, das Problem mit Kriegen besteht darin, dass Regierungen ihre Bevölkerung verrohen, damit sie sie zu guten Soldaten machen können, sie in den Krieg schicken können. Sie haben vermutlich gedacht, dass Kriege durch ihre Folgen dazu führen, dass Kinder, die im täglichen Leben mit Tot, Verstümmelung und psychologischen Folgen von Krieg konfrontiert sind, abstumpfen und nicht mehr wie normale Menschen funktionieren können. Ja, vielleicht haben Sie sogar gedacht, dass Kriege dazu führen, dass Menschen nicht abstumpfen, sondern ganz im Gegenteil sensibler für ihr Leben und ihre Umwelt werden und ein Interesse daran haben, das Morden zu beenden.

Vergessen Sie alles, was Sie von Kriegen zu wissen glauben. Das Problem an Kriegen sind nicht die Toten, die Verstümmelten, die Gebrochenen, das sind alles vorwiegend männliche Nebensächlichkeiten, die das Hauptproblem, die Katastrophe, das monumental Böse, das aus Kriegen folgt, verdecken, nämlich die häusliche Gewalt, die Kriegsveteranen, Verstümmelte und erfahrene Sodlaten zu Hause ausüben, um sich z.B. ein emotionales Ventil zu schaffen, denn diese häusliche Gewalt, von der die betroffenen Frauen berichten und von der nicht klar ist, welches Ausmaß sie angenommen hat, wer sie begonnen hat, ob sie einseitig oder interaktiv stattgefunden hat, diese häusliche Gewalt, die in der geistigen Einöde Rieckmannscher Phantasie das Bild der einer Göttin gleichen edlen Jungfrau, die vom miesen gewalttätigen Raubritter misshandelt wird, annimmt, diese häusliche Gewalt ist für alle negativen Folgen von Kriegen oder doch für die meisten negativen Folgen verantwortlich, das gilt es zu verstehen.

Und wenn wir das verstanden haben, dann ist es wichtig, beim nächsten Krieg häusliche Gewalt mit Todesstrafe zu bedrohen, um die Verrohung der Gesellschaft zu verhindern, wobei häusliche Gewalt nur dann häusliche Gewalt ist, wenn sie von Männern ausgeht.

Diese Erkenntnis verdanken wir Johannes Rieckmann.

Wer aufgrund dieser Erkenntnis den Impuls spürt, Johannes Rieckmann häuslicher Gewalt zu unterziehen, dem sei davon abgeraten, denn Rieckmann hat einen männlichen Vornamen, weshalb angenommen werden muss, dass er männlich ist und gegen Männer kann keine häusliche Gewalt ausüben werden und andere Formen der Gewalt gegen Männer sind belanglos, wie Rieckmann selbst zeigt.

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3 Responses to Krieg und häusliche Gewalt – Unsinn der Woche

  1. Fachidioten Apokalypse says:

    Meine schönen Steuergelder :-(((

  2. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Krieg und häusliche Gewalt – Unsinn der Woche | netzlesen.de

  3. lernender says:

    Diese argumentative Kurve oder besser Achterbahn des DIW, Männer in Extremsituationen bringen die traumatischen Kriegs/Terrorerlebnisse nach Hause und nur durch Befragung der Frauen zur “häuslichen Gewalt” kommt man zum Schluss, es lässt potentiell auf gesamtwirtschaftliche negative Folgen der Gesellschaft schließen – das ist der Everest der Sozialforschung. Als auch entlarvend, wie über ein bestimmtes Geschlecht gedacht wird.

    “Häusliche Gewalt ist nicht nur ein unmittelbares Problem für die Opfer, sondern gefährdet langfristig auch die Sicherheit und den Zusammenhalt der Gesellschaft als Ganzes. ”

    Solche Studien mit den bereits bekannten zynischen Schlussfolgerungen gefährden kurz bis mittelfristig die Sicherheit und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Versteht der Typ aber nicht Pudding / Wand und so..

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