Wissenschaftliche Standards? Im Mannheimer Zentrum für Sozialforschung offensichtlich unbekannt

Die “Feminisierung des Lehrerberufs” ist wieder einmal bei uns angekommen.

Stammleser von ScienceFiles werden sich daran erinnern, dass es eine Reihe von angeblichen Wissenschaftlern gibt, die voneinander abschreiben und Dr. habil. Heike Diefenbach und mir unterstellen, wir hätten 2002 in “Bringing Boys Back In” geschrieben, dass eine “Feminisierung des Lehrerberufs” dafür verantwortlich sei, dass Jungen im deutschen Bildungssystem schlechter abschneiden und weit hinter Mädchen zurückbleiben.

Wer uns auch nur ein bißchen kennt, der weiß, dass wir mit Sicherheit nie behaupten würden, dass irgend eine “Isierung” für etwas Konkretes wie die Tatsache, dass Jungen bei der Grundschulempfehlung bessere Leistungen für dieselbe Grunschulempfehlung bringen müssen als Mädchen (in der LAU und in der ELEMENT-Studie belegtes Faktum) verantwortlich ist. Wenn wir jemals eine Ursachenattribuierung vorgenommen hätten, was wir nicht haben, dann hätten wir Lehrerinnen als Ursache dafür benannt, dass Jungen schlechter abschneiden als Mädchen. Aber nicht einmal das haben wir getan, wie jeder weiß, der unseren Beitrag “Bringing Boys Back In” gelesen hat.

Überhaupt kommt der Begriff “Feminisierung” ebenso wenig wie die Konstruktion “Feminisierung des Lehrerberufs” in unserem Beitrag vor. Beide Begriffe sind Produkte der Phantasie all derjenigen, die wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen und mit allerlei Unsinn versuchen, Lehrerinnen vom Verdacht freizusprechen, sie hätten etwas mit der differenziellen Benotung von Jungen und Mädchen zu tun. Daran erkennt man übrigens die Ideologen: Sie interessieren sich nicht für die Ursachen der Nachteile von Jungen, sondern für Schulzuweisungen.

mneugebauDas neueste Machwerk, das dazu dient. Lehrerinnen von aller Verantwortung freizusprechen und in dem wir als ideologischer Feind (der mit der Feminisierung) aufgebaut werden (sollen), stammt von Maria Gerth und Martin Neugebauer vom Mannheimer Zentrum für Sozialforschung und ist in dem von Rolf Becker und Alexander Schulze herausgegebenen Band “Bildungskontexte: Sturkturelle Voraussetzungen und Ursachen ungleicher Bildungschancen” erschienen, und zwar unter dem Titel “Weiblicher Schulkontext und Schulerfolg von Jungen”.

Gerth und Neugebauer zitieren uns auf Seite 432 ihres Beitrages, und zwar als Autoren, die angeblich behauptet haben, die “Feminsierung des Lehrerberufs” sei Ursache für das schlechtere Abschneiden von Jungen im deutschen Bildungssystem. Wir haben oben bereits gesagt, was davon inhaltlich zu halten ist. Hier ist formal anzufügen, dass Gerth und Neugebauer uns zitieren, ohne unseren Text gelesen zu haben. Sie zitieren uns in einer Art und Weise, die aus anderen Zusammenhängen bekannt und berüchtigt ist. Mit anderen Worten, sie schreiben ab, was andere schon über “Bringing Boys Back In” behauptet haben, ohne den Artikel jemals gelesen zu haben.

Wissenschaftliches ArbeitenWären Gerth und Neugebauer Studenten, sie bekämen keinen Schein, schon wegen formaler Mängel und wegen nachgewiesener Unwilligkeit, die Arbeiten, die man zitieren will, auch zu lesen. Warum lesen Gerth und Neugebauer nicht, was sie zitieren? Weil sie uns als Feind aufbauen wollen, als diejenigen, die die “These befeuert” haben, “wonach möglicherweise Lehrerinnen am schulischen Misserfolg von Jungen eine (Mit)verantwortung tragen” (Gerth & Neugebauer, 2013: 431).

Ich kann gar nicht in Worte fassen, welche Verachtung ich für angebliche Wissenschaftler habe (und das ist wirklich alles, was ich für sie haben kann), die sich bereits im Abstract zu ihrem Beitrag als Ideologen outen, Ideologen, denen es nicht darum geht herauszufinden, warum Jungen im deutschen Bildungssystem schlechter abschneiden, sondern die zeigen wollen, wie unhaltbar die befeuerte These doch ist, nach der “möglicherweise Lehrerinnen” am schlechten Abschneiden von Jungen eine “(Mit)verantwortung” tragen.

Derartige Jungfrau Maria-Ideologen, die noch von der unbefleckten Notengebung in deutschen Schulen ausgehen, bewirken bei mir Brechreiz.

Aber nicht nur deshalb – auch wegen der prätentiösen Art, in der die angeblichen Wissenschaftler von einer methodologischen Basis, die man nur als mickrig bezeichnen kann, glauben schließen zu können: dass “die Rekrutierung männlicher Lehrkräfte nicht das Mittel [ist], um die schulischen Nachteile von Jungen gegenüber von Mädchen zu reduzieren”.

Diese Allaussage, die keinen Zweifel mehr zulässt, gründen Gerth und Neugebauer auf die Analyse der Leseleistungen und die Analyse der Deutschnoten bei Grundschulkindern, die im Rahmen der IGLU-2006 Studie untersucht wurden. Weil Jungen, die von Männern (den wenigen, die es in Grundschulen noch gibt) unterrichtet werden, nicht besser abschneiden als Jungen, die von Frauen unterrichtet werden, weder im Hinblick auf Lesekompetenz noch im Hinblick auf die Deutschnote, glauben Gerth und Neugebauer den oben zitierten weitreichenden Schluss ziehen zu können.

Methodologisch ist dazu Folgendes zu sagen: Man kann nur dann sagen, dass Kevin Klein eine bessere Deutschnote gehabt hätte, wenn er statt von Hilda Gans von Peter Wolf unterrichtet worden wäre, wenn man auch weiß, welche Leistung Kevin Klein erbracht hat, als er von Hilda Gans unterrichtet wurde und welche er erbracht hat als er von Peter Wolf unterrichtet wurde. Das machen Gerth und Neugebauer aber nicht.

Sie begehen vielmehr einen Designfehler, bei dem man als empirischer Sozialforscher die Hände über dem Kopf zusammenschlägt: Sie schauen, ob Kevin Klein, der von Hilda Gans unterrichtet wird, eine bessere Deutschnote hat und bessere Leseleistungen erbringt als Maik Groß, der von Peter Wolf unterrichtet wird. Sicher, sie haben nicht nur Kevin Klein, sondern viele Kevin Kleins, aber das ändert nichts daran, dass das Design falsch ist und sie die Aussage, die sie treffen, gar nicht treffen können. Alle sonstigen Fehler haben wir bereits an einem anderen Beispiel, das Neugebauer mit zu verantworten hat, dargestellt.

Ein derartiger Anfängerfehler hätte früher Gelächter bei mir ausgelöst. Heute macht er mich nur ärgerlich, nichtzuletzt, weil ein derartiger Anfängerfehler, diejenigen, die ihn begehen, nicht davon abhält, weitreichende (oder großkotzige?) in jedem Fall nicht gerechtfertigte Schlüsse zu ziehen.

MYESUnd was sagt der Herr Neugebauer zu all dem, z.B. dazu, dass er zitiert, was er nie gelesen hat? Er sagt, dass seine Arbeit den wissenschaftlichen Standards entspricht, was mich dazu veranlasst, seine Schlußfähigkeiten zu adaptieren und in einer weitreichenden Verallgemeinerung aus der Tatsache, dass Neugebauer ganz offensichtlich keine wissenschaftlichen Standards kennt und am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) beschäftigt ist, zu schließen: Am Mannheimer Zentrum sind wissenschaftliche Standards derzeit unbekannt.

Wer am MZES arbeitet und diesen Schluss für falsch hält, der kann sich ja öffentlich von den wissenschaftlichen Standards, die Neugebauer für solche hält, distanzieren.

Als Forschungsschwerpunkt gibt Martin Neugebauer übrigens die empirische Bildungsforschung an. Das lässt Schlimmes befürchten ….

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5 Responses to Wissenschaftliche Standards? Im Mannheimer Zentrum für Sozialforschung offensichtlich unbekannt

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Wissenschaftliche Standards? Im Mannheimer Zentrum für Sozialforschung offensichtlich unbekannt | netzlesen.de

  2. Die wissenschaftlichen Standards scheinen wirklich der ideologischen Okkupation der akademischen Welt zum Opfer gefallen sein. Hier eine Artikel-Analyse eines Mannes, der sich als “Soziologe” durch die Öffentlichkeit reichen lässt: Wir kennen ihn auch als “schwarze Feder”:

    https://karstenmende.wordpress.com/2015/01/18/hat-wahnsinn-methode-3-ist-nicht-hoher-als-2/

  3. Atikasa says:

    In Ihrer Publikation, die Sie verlinks haben, schreiben Sie doch aber: „Wir halten es jedoch für wahrscheinlicher, dass die Nachteile, die Jungen gegenüber Mädchen durch die Betreuung durch Lehrerinnen haben, eine unbeabsichtigte Folge des Handelns der Lehrerinnen sind, die das Verhalten von Jungen und Mädchen unterschiedlich interpretieren und bewerten.“ (S. 949)
    Ich hätte diesen Satz ebenfalls so aufgefasst, als würden Sie davon ausgehen, dass Jungen durch den hohen Anteil an Lehrerinnen schlechter abschneiden…

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