Diskussions-Mobilmachung in Leipzig

Gerade hat uns der folgende Text erreicht, der vom Studentenrat der HTWK in Leipzig an alle Studenten der HTWK verschickt wurde und in dem es darum geht, gegen Werner J. Patzelt, der im Rahmen einer Ringvorlesung einen Vortrag mit dem Titel “Patriotismus in der Einwanderungsgesellschaft” halten will, mobil zu machen.

Hier die eMail im O-Ton. Die erfolglosen Kämpfe mit der deutschen Sprache haben wir im Text belassen, um unseren Lesern food for thought zu geben, z.B. wenn wir fragen: Was heißt es, wenn die “wir als Stura” die “Haltung Herrn Werner Patzelts zu seinem heutigen Vortrag” kritisieren?

“Liebe Studierende,

am heutigen Tag wird die Ringvorlesung zum Thema „Patriotismus in der Einwanderungsgesellschaft” von Herr Werner Patzelt stattfinden.

Wir als StuRa kritisieren sehr die Haltung Herrn Werner Patzelts zu PEGIDA und zu seinem heutigen Vortrag.

Stura HTWKEinerseits werden die Gegendemonstrant_innen von Herrn Werner Patzelt stigmatisiert, dass erst die Kritik an PEGIDAs Islamfeindlichkeit gefährliche Situationen, wie die terroristischen Drohungen an PEGIDA zum 19.01.2015, hervorgerufen hätte [1], und andererseits erklärt Herr Werner Patzelt auch die PEGIDA-Demonstrant_innen für nicht fremdenfeindlich [2], was rein durch die Ausrufe während der PEGIDA-Märsche schon widerlegt werden kann. Im Hinblick darauf wäre es Aufgabe der PEGIDA-Verantwortlichen gewesen diese fremdenfeindlich eingestellten Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es einen vermeintlichen Interessenkonflikt zwischen den Verantwortlichen und den Demonstrant_innen gibt. Da dies nicht der Fall war und ist, und PEGIDA dies stillschweigend akzeptiert, halten wir die Aussage von Herrn Werner Patzelt, bezüglich der Fremdenfeindlichkeit PEGIDAs, für grundlegend falsch.

Die Kritik an Herr Werner Patzelt lässt sich noch vielfältig ausweiten, dennoch empfinden wir es als wichtig, dass die Studierenden auch eine kritische Haltung gegenüber den Referent_innen hier haben und dies auch kundtun.

Gerade im Rahmen der Ringvorlesungen zum aktuellen und auch sehr sensiblen Thema „Migrationziel Deutschland – Hoffnung, Furcht, Populismus” möchten wir euch zur kritischen Teilnahme an der heutigen Veranstaltung aufrufen. Wir empfinden die Hochschule als einen Ort der regen Diskussion und nicht als Ort der einseitigen Darbietung. Wir verbieten auch niemandem der Redner_innen die Meinungsfreiheit, sondern empfinden es vielmehr als Pflicht bei in der Öffentlichkeit in Kritik geratene Referent_innen auch kritische Stimmen der Studierendenschaft dabei zu haben.

Deswegen hoffen wir, dass ihr heute Abend zahlreich erscheint und zeigt, dass wir für eine vielfältige Hochschule stehen.”

Die eMail an alle Studenten der HTWK in Leipzig spricht eigentlich für sich, dennoch wollen wir, schon weil in unserer Redaktion mit u.a. Dr. habil. Heike Diefenbach ehemalige Universitätsdozenten sitzen, denen sich die Haare zu Berge gestellt haben, den Studenten einige Lernhinweise geben.

1) Zum ersten Absatz, der mit “Einerseits” beginnt. Es fehlt das “andererseits” und ohne “andererseits”, sieht ein “einerseits”, so verloren aus, dass man sich fragt, ob diejenigen, die nur einerseits benutzen, ohne ein andererseits folgen zu lassen einerseits in der Verwendung mehrgliedriger Konjunktionen nicht firm sind, andererseits besser daran getan hätten, das einerseits auch zu unterlassen.

2) Es gibt in der Wissenschaft, der Sozialwissenschaft insbesondere, eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, die empirisch forschen, d.h. die nicht behaupten, sondern prüfen. Werner J. Patzelt ist ein solcher. Seine Aussagen über die Pegida basieren auf Umfragen unter denen, die an Pegida teilgenommen haben, sind somit fundiert – im Gegensatz zu den Aussagen der “wir als Stura”, die auf einer singulären Beobachtung basieren, die nicht verallgemeinerbar ist, da eine entsprechende Verallgemeinerung einen Fehlschluss darstellt.

Warum?

Wenn ein Student in einem Seminar durchgefallen ist, weil er debil ist, kann man dann darauf schließen, dass alle Studenten in dem Seminar debil sind?

Nein.
Warum nicht?

Aus dem selben Grund, aus dem man von einem fremdenfeindlichen Rufer bei Pegida nicht darauf schließen kann, dass alle Teilnehmer an Pegida fremdenfeindlich sind. Um herauszufinden, ob alle Teilnehmer fremdenfeindlich sind, muss man alle oder eine repräsentative Gruppe der Pegida Teilnehmer befragen. Das haben Werner Patzelt und seine Studenten getan. Ergebnis: Die Pegida Teilnehmer sind in ihrer Mehrzahl nicht fremdenfeindlich.

Der nächste Fehlschluss (immer noch im ersten Absatz) folgt auf dem Fuß.

Wenn der Dozent eines Seminars in seinem Seminar Studenten duldet, von denen er weiß, dass sie die kognitiven Fähigkeiten nicht mitbringen, um das Seminar mit Erfolg zu bestehen, hat der Dozent dann selbst mangelnde kognitive Fähigkeiten?

Abermals wäre ein bejahender Schluss ein Fehlschluss, nämlich der der Bejahung des Konsequens, und abermals verhält es sich mit der Duldung fremdenfeindlicher Schreier durch die Organisatoren der Pegida analog (= genauso).

Zum nächsten Absatz:

“Die Kritik an Werner Patzelt lässt sich noch vielfältig ausweiten, dennoch empfinden wir es als wichtig, dass die Studierenden auch eine kritische Haltung gegenüber den Referent_innen hier haben und dies auch kundtun.”

1) Man kann den Nebensatz doch nicht mit “dennoch” anschließen. Dennoch schafft einen Gegensatz. Was die “wir als Stura” meinen, ist jedoch kein Gegensatz, sondern eine begründende Verbindung: deshalb muss ein “deshalb” anstelle des “dennoch” stehen.

2) Werner J. Patzelt war, als wir ihn das letzte Mal gesehen haben, eine Person und ein Referent. Entsprechend ist es mehr als Unsinn, von “den Referent_innen hier” zu schreiben.

Zum vorletzten Absatz:

1) Ob eine Hochschule ein Ort der regen Diskussion ist, ist keine Frage der Empfindung, sondern eine empirische Frage, die man einfach beantworten kann: Wird diskutiert, dann ist die Antwort ein “ja”, wird nicht diskutiert, dann ist die Antwort ein “nein”. Offensichtlich ist für die “wir als Stura” das Empfinden wichtiger als das, was ist, was erklärt, warum sie gegen Werner J. Patzelt Stimmung machen ohne sich mit dem, was er zur Pegida geforscht hat, auseinanderzusetzen. Letzteres wäre eine kognitive Anstrengung, Empfinden ist da schon einfacher.

2) Angesichts der Vorgänge an der Humboldt-Universität ist man schon fast erleichtert, dass die “wir als Stura” großzügiger Weise “niemandem … die Meinungsfreiheit” verbieten wollen. Natürlich ist es, um diese Erleichterung zu empfinden, notwendig, eine Reihe von Interpolationen und Interpretationen vorzunehmen, um die Sätze des “wir als Stura” in verständliches Deutsch zu transferieren.

Meinungsfreiheit z.B. ist eine abstrakte Größe, ein Prinzip, um genau zu sein. Entsprechend kann man es nicht verbieten, selbst wenn man wollte. Verbieten kann man die Ausübung von Meinungsfreiheit, die sich dann in der Äußerung unerwünschter Inhalte durch z.B. Werner Patzelt ausdrücken würde. Aber selbst dann kann man nur per Drohung das Verbot durchsetzen und ist darauf angewiesen, dass diejenigen, denen etwas verboten werden soll, sich dem Verbot auch fügen.

3) methoden_der_empirischen_sozialforschungSchließlich empfinden die “wir vom Stura”, die sich als wahre Empfindungs- oder Gefühls-Monster entpuppen, so dass man sich fragt, ob bei derartig viel Empfindung noch Platz für die Ratio geblieben ist, schließlich “empfinden” sie, “es … als Pflicht bei der Öffentlichkeit in Kritik geratene Referent_innen auch kritische Stimmen der Studierendenschaft dabei zu haben” [den Rumpfsatz nehmen wir jetzt einfach so hin]. Entsprechend sind alle “wir als Stura” in der Pflicht, denn nur für sich selbst können sie die entsprechende Pflicht empfinden. Für andere geht das nicht. Anderen kann man etwas zur Pflicht machen, aber sicherlich kann man für andere keine Pflicht empfinden.

Soviel zur Weiterbildung der “wir als Stura”.

Ein letztes sei den “wir als Stura” noch mit auf den Weg gegeben. Werner J. Patzelt blickt im Gegensatz zu den “wirs als Stura” auf eine Lebensleistung zurück und hat im Verlauf seines Lebens eine Reihe von Titeln erworben, darunter den des Dr. und den des Dr. habil. Mit anderen Worten, er ist, was die Qualifikation angeht, auf einer anderen Etage beheimatet als die “wir vom Stura”, die erst am Anfang einer Karriere stehen, die sie vielleicht, in ein paar Jahrzehnten einmal in die Nähe dessen bringt, was Werner Patzelt als Kompetenzen und Fähigkeiten und Wissensbestände inkorporiert hat.

Diesem weiten Abstand entsprechend, wäre es dem “wir als Stura” angemessen, die intellektuelle Überlegenheit von Werner Patzelt durch den entsprechenden Respekt und Anstand zu goutieren, der z.B. darin bestanden hätte, wie an Hochschulen üblich, nicht mit spitzen Fingern von Herrn Werner Patzelt zu schreiben, sondern von Prof. Dr. Werner Patzelt.

Logik f dummiesInsgesamt kann man den “wir vom Stura” nur empfehlen, ihre Gedanken zu ordnen und sich in Zukunft sortiert und mehr rational als empfunden an die studentische Öffentlichkeit zu wenden, denn: einerseits hat man, wenn man die eMail der “wir als Stura” liest, die Blindschleiche vor Augen, die versucht, den Elefanten zu Fall zu bringen, andererseits (!sic) fragt man sich, wo die “wir als Stura” die Chuzpe hernehmen, derart großspurig aufzutreten.

Wir fragen nicht nur, wir antworten auch: Vor uns hat den “wir als Stura” noch niemand die Begrenztheit ihrer kognitiven Kompetenzen aufgezeigt. Jetzt ist die Welt eine andere, und wenn wir “wir als Stura” wären, dann würden wir uns verschämt im letzten Zimmer hinten rechts verstecken, und lernen: Deutsch und Logik vor allem.

So. Und nun sind wir gespannt auf die Berichte, die uns aus Leipzig und vom Vortrag erreichen.

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