Das böse Agens “Pegida”: Die Wahnvorstellung schreibt mit

So lange es Menschen gibt, so lange gibt es mentale Krankheiten. Wahnvorstellungen faszinieren Wissenschaftler und Novellisten entsprechend seit vielen Jahrhunderten. Der Fall of the House of Usher, der Fall Charles Dexter Ward oder die gerade erschienene wissenschatfliche Bestandsaufnahme “The Measure of Madness” von Philip Gerrans zeigen dies.

Eine Wahnvorstellung wird in der klinischen Psychologie wie folgt definiert:

“Eine Wahnvorstellung ist eine Überzeugung, die logisch inkonsistent ist oder wohlbestätigtem Wissen über die reale Welt widerspricht und trotz gegenteiliger Belege aufrechterhalten wird, weil die persönliche Gewissheit der Betroffenen so stark ist, dass sie rationl[en Argumenten] nicht mehr zugänglich sind.” (Butcher, Mineka & Hooley, 2009: 583).

Das ist die Theorie der Wahnvorstellung, nun zur Praxis:

Pegida hat in Köln mitgestochen“, so schreib Martin Niewendick im Berliner Tagessgpiegel. Und weiter:

Tagesspiegel Pegida mitgestochen“Dresden: Auf einer islamfeindlichen Pegida-Demonstration droht ein Mann Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Sigmar Gabriel mit ihrer Hinrichtung. Er hat einen Galgen dabei und lässt auf Schildern wissen, dieser sei für Politiker ‘reserviert’. ‘Abschieben, Abschieben’, skandiert die Menge der ‘Asylkritiker’ währenddessen.
Köln, fünf Tage später: Ein Mann attackiert die Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker mit einem Messer … “Ich habe das wegen Rekers Flüchtlingspolitik getan”, sagt er nach Angaben von Zeugen.
Völlig egal, ob der Mann geistesgestört ist oder noch alle Sinne beisammen hat: Die Saat der Hetze gegen Asylbewerber ist aufgegangen. Pegida hat mitgestochen.”

Analysieren wir die Wahnvostellung von Martin Niewendick, der sich aus nicht weiter nachvollziehbaren Gründen in öffentlich zugänglichen Medien wie dem Tagesspiegel äußert (vielleicht ein Programm der Resozialisierung, so eine Art “offenes Äußern” …).

Das ist das Explanans im Text von Niewendick:
(1) Ein Mann hat in Dresden einen Galgen dabei, der für Politiker reserviert ist.
(2) In Dresden findet eine Demonstration der Pegida statt.
(3) Irgendwer skandiert “Abschieben” in Dresden.
(4) In Köln sticht fünf Tage später ein Mann auf die Oberbürgermeister-Kandidatin Reker ein.
(5) Er habe das wegen der Flüchtlingspolitik von Rekers getan, sagen andere (angeblich).

Daraus folgert Niewendick:
(K) Die Saat der Hetze gegen Asylbewerber ist aufgegangen.
(K) Pegida hat mitgestochen.

Betrachtet man zunächst die empirischen Tatsachen, so war der Mann, von dem bei Niewendick die Rede ist, ein Einzeltäter. Insofern hat niemand mitgestochen, was auch schwierig ist, da der Griff eines Messers in der Regel nicht für mehr als eine Hand ausreicht.

Die Behauptungen von Niewendick können demnach nicht empirisch gemeint sein. Sie gehören entsprechend in eine metaphysische Sphäre, in der sich “Saatgut” verbreiten kann, wobei dieses Saatgut die folgenden Kriterien erfüllen muss:

(1) Säer und Besäter müssen in gleicher Weise für das Saatgut empfänglich sein.
(2) Das Saatgut muss in der Lage sein, die Strecke von Dresden bis Köln innerhalb von fünf Tagen und unbeschädigt zurückzulegen.
(3) Das Saatgut muss in der Lage sein, sich einen empfänglichen Wirt zu suchen, auf dem es aufgehen kann.
(4) Das Saatgut darf nicht wählerisch sein, muss bei geistesgestörten ebenso aufgehen, wie bei nicht geistesgestörten.
(5) Das Saatgut muss gegen Asylbewerber “hetzen”, aber Politiker an Galgen hängen wollen.

Nun, Saatgut der Art, wie es sich Niewendick hier vorstellt, gehört in der Tat in den Bereich der Metaphysik, denn intelligentes Saatgut, das sich in der beschriebenen Weise verhält, gibt es nicht.

Bleibt noch die Ausrede, dass Niewendick “Saatgut” als Metapher verwendet, was die Frage aufwirft, für was verwendet er “Saatgut” als Metapher?

Klinische PsychologieNehmen wir an, er verwendet “Saatgut” als Metapher für ein irgendwie gearteten bösartigen Agens, das von Pegida in Dresden freigesetzt wird, der die paar Hundert Kilometer nach Köln spielend zu überwinden im Stande ist, und dort einen “Mann” befallen kann, der wiederum Messerstechen und eben nicht erhängen will. Nehmen wir die Inkonsistenz, dass das bösartige Agens eigentlich von einem Galgen in Dresden ausgeht, sich aber in Köln in einem Messer materialisiert hat, nicht weiter ernst, eine kleine Diskrepanz, die völlig ungeachtet der Frage, ob Niewendick “geistesgestört ist oder noch alle Sinne beisammen hat” bestehen bleiben kann.

Denn nunmehrt stellt sich die Frage, wie das frei driftende Agens, das sich in Pegida-Demonstranten, Galgen, Messern und Männern in Köln materialisieren kann, bekämpft werden soll.

Bekämpfen wir es doch mit Logik und mit dem, was David Hume schon vor Jahrhunderten in seiner Untersuchung über den menschlichen Verstand (!sic) geschrieben hat.

Kein Agens, kein Saatgut und auch kein Dämon, kein Teufel und kein Gott sind in der Lage, ein Messer in die Hand zu nehmen und zuzustechen.

Bei derartigen Vorstellungen handelt es sich um Wahnvorstellungen, wie sie oben definiert wurden.

Ein Messer kann nur eine Person benutzen. Wozu die Person ein Messer benutzt, ist wiederum Ergebnis eines Kalküls, das die entsprechende Person vornimmt. Wer einen Apfel vor sich hat, der geschält werden soll, hat für ein Messer eine andere Verwendung als derjenige, der versucht, das Rettungsseil, das ihn an die Normalität bindet, durchzuschneiden.

Menschen sind – so haben es die meisten Philosophen angenommen – in ihrer Mehrheit mit Vernunft begabte Wesen, die Handlungensziele für sich formulieren und diese Handlungsziele zu erreichen suchen. Die Ideen und Motive für Handlungen entstehen in den Köpfen der entsprechenden Menschen. Es braucht keinen Dämon und kein bösartiges Agens, um Menschen zu niedrigen Handlungen, z.B. zum Anstecken eines Polizeiautos, zum Quälen eines Tieres oder zum Attentat auf einen Politiker, sei es Oskar Lafontaine, sei es Wolfgang Schäuble oder John F. Kennedy zu motivieren, nicht einmal Pegida braucht es, wie die Tatsache, dass es lange vor Pegida politische Attentate gab, zeigt.

Entsprechend stellt sich die Frage, wie die Verbindung zwischen Pegida, Galgen, Dresden und Mann, Messer, Köln hergestellt werden kann. Auf Basis logischer Argumente, ohne einen Dämon, ein bösartiges Agens anzunehmen, ohne eine Wahnvorstellung zu kultivieren, die ein frei flottierendes Agens am Werke sieht, der Ausschau nach potentiellen Messerstechern hält, ist dies nicht möglich.

Die Verbindung, die Niewendick “Pegida mitstechen sieht”, gibt es also nicht in der Realität, es gibt sie ausschließlich im Gehirn von Niewendick, was zu David Humes Untersuchung über den menschlichen Verstand führt. Hume hat gezeigt, dass Annahmen über abstrakte oder zusammengesetzte Eindrücke, wie er das genannt hat, also über Entitäten, die es nicht gibt, “Ideen”, “Verbindungen”, “ein bösartiges Agens”, “einen Dämon”, “die unsichtbare Hand der Pegida am Griff des Messers des Mannes in Köln” ausschließlich Konstrukte menschlicher Phantasie sind. Wären sie das nicht, Strafrichter hätten ihre wahre Freude mit Angeklagten, die für sich ins Feld führen, von einem bösartigen Agens, einem Dämon oder dem Niewendick-Virus besessen zu sein, weshalb sie für ihre Taten nicht verantwortlich sein könnten.

ideology of madnessDie Behauptung, Pegida habe mitgestochen, ist also eine Phantasievorstellung von Uwe Niewendick, was die Frage aufwirft, warum er diese Vorstellung entwickelt, warum er es gerne sähe, wenn Pegida mitgestochen hätte, warum er die Gelegenheit nutzt, um mehrere Tausend Personen, die in Dresden demonstrieren, zu gedungenen Meuchelmördern zu erklären?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, so wenig wie die Frage zu beantworten ist, warum es vielen gefallen würde, wenn sich der Ärger der Teilnehmer an der Pegida in Dresden in Gewalt transformieren würde. Die enstrpechenden Antworten lassen sich vermutlich nur über den Umweg der klinischen Psychologie geben und ihre Gegenstände finden sich im DSM-V beschrieben.

In jedem Fall kann festgestellt werden, dass es dem öffentlichen Diskurs und dem öffentlichen Klima in Deutschland sicher nicht nützlich ist, wenn von Wahnvorstellungen Geplagte wie Martin Niewendick in Tageszeitungen Raum erhalten, um weiter den Brunnen zu vergiften und weiter dazu beizutragen, die Menschen in Dresden und ihre Anliegen und Interessen zu delegitimieren. Dies wiederum fällt in die ureigenste Verantwortlichkeit von Medien und Politik, deren Vertreter offensichtlich nicht daran interessiert sind, legitime Interessen von Bürgern ernstzunehmen, wie dies in einer Demokratie normal sein sollte. Vielmehr scheinen sie an einer Eskalation interessiert zu sein, denn zu einer solchen tragen die Niewendicks der Republik bei.

Damit sind wir wieder im Reich der Vorstellungen angekommen und bei der Feststellung, das jemandem, der es sich vorstellen kann, dass mehrere Tausend Menschen gerne Messer in Politiker stecken, exzessive Gewaltphantasien offensichtlich sehr nahe liegen [und die Frage, was der Kandidat für das Amt des Verwaltungschefs in Köln mit einem Bundespolitiker gemeinsam hat, ist an dieser Stelle noch nicht einmal angesprochen…].

Butcher, James W., MIneka, Susan & Hooley, Jill M. (2014). The Measure of Madness. Philosophy of Mind, Cognitive Neuoscience and Delutional Thought. Cambridge: MIT-Press.

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