Kopf ab … Geste: DFB macht sich politisch-korrekt lächerlich

Für Studenten der Philosophie, die sich mit Erkenntnislehre beschäftigen oder für Studenten der Wissenschaftstheorie, sofern Wissenschaftstheorie noch irgendwo gelehrt wird (im Zeitalter der wie-es-mir-vorkommt-Travestie auf Wissenschaft ist es eher unwahrscheinlich, dass Wissenschaftstheorie noch Gegenstand universitärer Lehre ist), gibt es oft einen Punkt der Erkenntnis, an dem es “klick” macht, an dem das Problem, das zuweilen als Leib-Seele-Problem beschrieben wird, offenkundig wird oder sich das Studium der Philosophie mangels “klick-“Moment als vergeblich herausstellt.

Dieser Moment stellt sich (zuweilen) ein, wenn man mit Alfred Tarskis Definition einer wahren Aussage konfrontiert ist:

“Die Aussage, “Der Schnee ist weiß”, ist genau dann wahr, wenn der Schnee weiß ist.”

Klingt trivial? Ist es aber nicht, denn die Wahrheit einer Aussage wird daran geknüpft, dass eine empirische Übereinstimmung zwischen dem, was die Aussage behauptet, und dem, was ist, gezeigt werden kann. Bis Karl Raimund Popper den kritischen Rationalismus entwickelt hat, war genau dieser Beleg ein Ding der Unmöglichkeit, das der Humeschen Vernichtung des Empirismus, wie es Popper formuliert hat, anheimgefallen ist.

Wir wollen aber gar nicht zu sehr in den Bereich der Philosophie eintauchen. Es reicht, wenn nach diesen Ausführungen Einvernehmen darüber besteht, dass es einen Unterschied gibt, zwischen einer sprachlichen Aussage, die etwas über die Wirklichkeit behauptet, und der Wirklichkeit.

Machen wir aus einer Aussage nunmehr eine sprachliche Geste, dann können wir formulieren, dass eine sprachliche Geste etwas über die Wirklichkeit behauptet. Ob das Behauptete zutrifft, ist eine Frage der empirischen Prüfung.

Sprachliche Gesten, wie Gesten im Allgemeinen, sind ein Symbolsystem, das davon lebt, dass der Adressat der Geste den Inhalt, der ihm übermittelt werden soll, versteht. Als solche können Gesten rein symbolisch sein, müssen entsprechend keinerlei Niederschlag in der Realität finden. Abermals ist die Frage, ob eine Geste, eine Mitteilung an einen der Entschlüsselung der Geste Kundigen, einen Niederschlag in der Realität findet, eine Frage der empirischen Prüfung.

Und jetzt kommt der DFB-Kontrollausschuss und die folgende Kurzmeldung von heute.de:

“Der DFB-Kontrollausschuss hat ein Ermittlungsverfahren gegen Papy Djilobodji von Werder Bremen wegen dessen Kopf-ab-Geste eingeleitet. Dies teilte der Deutsche Fußball-Bund am Montag in Frankfurt mit und spricht vom Vorwurf des “krass sportwidrigen Verhaltens”. Der Abwehrspieler hatte sich am Samstag beim 1:1 gegen den FSV Mainz 05 nach einem Zweikampf mit Pablo De Blasis dazu hinreißen lassen, mit dem Zeigefinger an der Kehle entlang zu fahren. Schiedsrichter Gräfe aus Berlin teilte dem Kontrollausschuss mit, diesen Vorgang nicht gesehen zu haben. Deshalb ermittelt das Gremium nun …”

Die Aussage des DFB-Kontrollausschusses mag politisch-korrekt sein, in einer Zeit, in der der Unterschied zwischen Aussage und Wirklichkeit, zwischen Gesten und Handlungen oder zwischen Ankündigung und Durchführung nicht mehr bekannt ist, sie ist jedoch eine krass logikwidrige Aussage, denn die Kopf-ab-Geste von Papy Djilobodji, einem Kulturfremden, die an Pablo De Blasis, ebenfalls einen Kulturfremden gerichtet war, sie ist eine Geste und nicht mehr, wie schon der Umstand beweist, dass der Kopf noch auf den Schultern von De Blasis sitzt und nicht abgetrennt wurde. Entsprechend kann die Kopf-ab-Geste kein krass sportwidriges Verhalten, sondern bestenfalls eine krass sportwidrige Geste sein, was zur Konsequenz hat, dass man die Sportwidrigkeit der Geste empirisch belegen müsste, also z.B. dadurch, dass nach der Geste eine Fortsetzung des Spiels nicht mehr möglich war.

Der DFB-Kontrollausschuss beweist mit den zitierten Ankündigungen nicht nur, dass er politisch-korrekt auf Linie ist und weiterer öffentlicher Förderung würdig, er beweist auch, wie klein die Welt der DFB-Funktionäre ist, so klein, dass sie nicht einmal wissen, wie verbreitet die beanstandete Geste und wie normal sie doch ist. Deshalb zur Weiterbildung der engstirnigen DFB-Funktionäre eine populäre Kopf-ab-Geste, die sich als geradezu dem Sport förderlich herausgestellt hat und entsprechend eine Falsifizierung der behaupteten Sportwidrigkeit ist. Die Geste ist vielmehr ein Ausdruck von Kultur und Deutschland rühmt sich doch so gerne, weltoffen, offen für andere Kulturen zu sein.

 

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10 Responses to Kopf ab … Geste: DFB macht sich politisch-korrekt lächerlich

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Kopf ab … Geste: DFB macht sich politisch-korrekt lächerlich

  2. francktalk2 says:

    Kopf ab … Geste: DFB macht sich politisch-korrekt lächerlich. Nein, Sciencefiles.org macht sich politisch- (un)korrekt lächerlisch

    Fußball ist nicht Rugby und Werder Bremenn nicht All Blacks: The Greatest haka EVER?

    Diese Kommentare sind total daneben. Die Kopf-ab-Geste von Papy Djilobodji ist unsportlich und hat nichts zu suchen auf einem Fußballspielplatz. Weltweit bemühen sich Fußballfunktionäre, Manschaften, Fans und Spieler für eine Fairnesskultur und denn passiert so was. Es muß bestraft werden. Wer schließt aus, dass schwarze Spieler mit Bananen beworfen werden? Die Geste muß bestraffen werden.

    «The haka is a type of ancient Māori war dance traditionally used on the battlefield, or in this case, the sporting field. This haka is a fierce display of a tribe’s pride, strength and unity. The words of a haka often poetically describe ancestors and events in the tribe’s history.It’s also performed by members of the All Blacks who have no Māori heritage. (…) the NZRU completed a review in to the raised Australian eyebrows, and concluded that the gesture had a radically different meaning within Māori culture and haka traditions, indicating the drawing of “Hauora“, the breath of life into the heart and lungs – which has nothing to do with actually cutting somebodies head off (http://www.betootaadvocate.com/headlines/throat-slitting-haka-given-all-clear-by-world-rugby-despite-racial-protests/).»

    «The All Blacks perform two haka: the traditional Ka Mate dating back to the earliest All Blacks tours in the 1900s, and Kapa o Pango, first performed in 2005 and written especially for the All Blacks. It is Kapa o Pango that contains the violent motion Sheehan objects to: a throat-slitting motion at the end.
    Both haka in fact have benign origins. Although haka are best known as war dances, they have many uses in Maori culture, including to welcome distinguished guests and to acknowledge significant occasions. Ka Mate has an extensive folk tradition in centuries of Maori culture, typically used as a peace-making song or a rallying cry.
    It is best known for its appropriation by Te Rauparaha, a powerful Ngati Toa chief of the first half of the nineteenth century, after friendly chief Te Wharerangi protected him from enemies.
    As an English translation shows, Te Rauparaha used it to express his gratitude to “the hairy man [Te Wharerangi] who brought the sun and caused it to shine”. John Archer has presented extensive research on Ka Mate’s origins on the NZ Folksong website (…) Never mind; the haka is special to New Zealanders, both Maori and Pakeha, and it will not be going anywhere (http://theconversation.com/all-blacks-proud-tradition-of-the-haka-insulted-in-rugby-world-cup-3946).»

    Mehr:
    http://www.economist.com/blogs/gametheory/2015/11/game-chants;
    http://www.dailymail.co.uk/sport/rugbyunion/article-3236465/The-haka-New-Zealand-s-pre-match-ritual-highlight-Rugby-World-Cup-know-Blacks-traditional-dance.html

    • Das ist jetzt viel Text, aber kein einziges Argument. Außer der Erregtheit, die aus Ihren Worten zu sprechen scheint und der Überzeugung, dass Funktionäre weltweit den unermüdlichen Kampf gegen das Böse, wo auch immer es sein Haupt hebt, führen, kann ich Ihrem Text nichts entnehmen. Haben Sie vielleicht auch ein Argument oder geht es einfach nur darum, etwas zu behaupten?

      Wie bringen Sie die Tatsache, dass Fussball-Funktionäre weltweit wohl zu den bestechlichsten und korruptesten Funktionären gehören, die es gibt, mit ihrem Glauben an die Gutheit der entsprechenden Funktionäre im Kampf gegen das Werfen von Bananen auf weiße Spiele (oder?) ein Einklang?

      Nett, dass Sie die Geschichte des Haka zusammengestellt haben, das es übrigens, als Ergänzung, nicht nur in Neuseeland, sondern auch auf Samoa oder auf Fidji gibt. Was soll die Zusammenstellung zeigen? Aber Sie haben natürlich recht, Fussball ist nicht Rugby und Kaffeesatz ist natürlich auch nicht Teebeutel!

      • francktalk2 says:

        Stellen wir vor, Sie hätten ein Kind, das in einem von diesen Klassen Fussball spielt: D-Junioren (U13/U12); E-Junioren (U11/U10); F-Junioren (U9/U8); G-Junioren (Bambini/U7). Ihr Kind zeigt dem/der Gegenspieler/Spielerin die Kopf ab … Geste. Wie werden Sie reagieren? Bravo, Kind, weiter so, sagen Papy.

        Djilobodji ist Senegalese: Was sagen seine Eltern dazu? Wenn er in Senegal die Kopf ab … Geste einen andren Spieler gezeigt hätte, wie wäre die Reaktion der Fans anderen Manschaft? Wie hätte die Verwanschaft anderen Spieler reagiert? Ich bleibe dabei, die Kopf ab… Geste gehört nicht in Fussball. Das Hooligansproblem ist noch nicht gelöst und jetzt ein Provokateur! Nein, diese Geste ist sclimmer als Racismus im Sport in Deutschland.

        • 1) Ich kann life-boat Experimente nicht leiden.
          2) Man sollte die Kirche im Dorf lassen und nicht jede Geste mit Verhalten gleichsetzen. Als ich Handball gespielt habe, hatte ich noch ganz andere Gesten für Spieler der Gegenmannschaft.
          3) Wenn Eltern derart hysterisch auf Gesten reagieren, sollten Sie sich fragen, ob es nicht besser ist, den Kontakt zu Menschen insgesamt abzubrechen.
          4) Ich würde übrigens lachen, angesichts von soviel Chuzpe bei einem Kind.
          5) Ansonsten kann ich nicht anders als darüber lachen, dass die Mücken in Deutschland nur noch als Elefant unterwegs sind.

          • francktalk2 says:

            “Wenn Eltern derart hysterisch auf Gesten reagieren, sollten Sie sich fragen, ob es nicht besser ist, den Kontakt zu Menschen insgesamt abzubrechen.”? In den (deutschen) Kitas wiederholen Kinder, was sie von Zuhause gehört bzw. gesehen haben. Kinder können auch nachmachen, nachsagen was sie im FS, auf die Strasse gesehen bzw. gehört haben, und wenn die Eltern wie die 3 Affen reagiert denn … . Ich bin sprachlos. Keine Polemik. Ite missa est.

            • Vielleicht wiederholen sie auch, was sie bei Politikern oder im Fernsehen gesehen haben. Und was hat das nun damit zu tun, dass eine Geste “kopf ab” mit dem Verhalten “kopf ab” nichts zu tun hat? Argumentieren Sie hier dafür, Gedanken und Gesten unter Strafe zu stellen? Wenn ja, dann bin ich sprachlos (aber nur kurz).

  3. Gernot Meyer says:

    Ich bezweifle, daß der DFB politisch korrekt handelt. Denn, wir wissen ja: “Deutschland ist bunt”.
    Vielleicht ist die Kopf-ab-Geste von Papy Djilobodji ganz tief in der senegalesischen Kultur verankert und er hätte möglicherweise allen Grund sich über deren Geringschätzung durch die weißen alten Männer des DFB zu beklagen. Wie die Geste in der argentinischen Kultur eingeordnet wird, vermag ich auch nicht zu sagen. Aber wenn sie denn so zu deuten wäre, wie der DFB das tut, dann käme er auch nicht um die Feststellung herum, daß es sich hier um einen konkreten Widerspruch zweier Kulturen handelt. Und den kann man im Sinne von Multi-Kulti nicht einfach beseite wischen, indem man dem weißen Mann den Vorrang gibt. Das ist doch eindeutig rassistisch! *Ironie aus*

  4. Leopold says:

    “Entsprechend kann die Kopf-ab-Geste kein krass sportwidriges Verhalten, sondern bestenfalls eine krass sportwidrige Geste sein”

    Ach so? Wer definiert das? Für mich ist Geste Teilmenge von Verhalten.

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