Nutzen und Benutzen der 12 Toten auf dem Weihnachtsmarkt

Wir sind kurz vor Weihnachten, und die Zeit um Weihnachten wird ja gewöhnlich als besinnliche Zeit angesehen. Deshalb haben wir uns vorgenommen zu versuchen, einige unserer Leser zur Besinnung zu bringen, Leser, die ein Problem damit haben, dass wir als Betreiber eines Wissenschaftsblog die Geschehnisse in Berlin wissenschaftlich und eben nicht ideologisch und gefühlsgeladen betrachten, und wenn man die Geschehnisse in Berlin wissenschaftlich betrachtet, dann muss man feststellen, dass die Wahrscheinlichkeit, auf einem Weihnachtsmarkt zu sterben, immer noch viel geringer ist, als die Wahrscheinlichkeit am Konsum von Fleisch zu verenden.

PerlsWir können auch nichts dafür, dass die Fakten sich nun einmal so darstellen, wie sie sich darstellen. Und dass die Fakten mit dem, was manche als die Ihnen liebgewordene Ideologie anbeten, nicht übereinstimmen, ist auch nicht unser Problem. Wenn man uns allerdings damit begegnen zu müssen glaubt, dass man uns eine „fragwürdige Anteilnahme gegenüber den Opfern von Berlin“ unterstellt oder viel Aufwand betreibt, um zu zeigen, dass man nicht einmal rudimentäre Grundkenntnisse von Statistik hat, Grundkenntnisse, die man bei Schülern der siebten Klasse eigentlich voraussetzen würde, dann ist es an der Zeit, dass wir dazu Stellung beziehen.

Fangen wir mit der Feststellung an, dass Sozialwissenschaft dann gute Sozialwissenschaft ist, wenn die Ergebnisse denen wehtun, die ihr Leben an Ideologien ausrichten, fangen wir bei der Anteilnahme oder dem Mitgefühl an.

Gefühle sind eine interessante Sache: Jeder kann prinzipiell behaupten, Gefühle zu haben, kaum einer kann prüfen, ob derjenige, der die Gefühle behauptet, sie auch hat. Bestenfalls kann man versuchen von Handlungen, auf Gefühle zu schließen. Weil Gefühle subjektive Entitäten sind, die sich höchstens über eine Korrelation mit Handlung festmachen lassen, deshalb sind sie in der öffentlichen Diskussion in Deutschland so beliebt. Was ist leichter als anderen Hass zu unterstellen, ihnen Gefühle abzusprechen und sich selbst damit aufs hohe moralische Ross zu setzen und als Inhaber besagter Gefühle zu inszenieren, z.B. von Anteilnahme oder Mitgefühl?

Nun sind Gefühle wie Mitgefühl oder Anteilnahme billig zu behaupten, aber schwierig zu belegen. Wer für sich wirklich in Anspruch nimmt, für 12 ihm vollkommen unbekannte Menschen und deren ihm ebenso unbekannten Angehörigen Mitgefühl zu haben, der muss sich an seinen Handlungen messen lassen, wenn er nicht als Spruchbeutel durchgehen will. Mitgefühl zeigte sich z.B., wenn derjenige, der es zu haben behauptet, nach Berlin fährt und dort im persönlichen Einsatz und in direkter Konfrontation mit den Angehörigen versucht, Mitgefühl zu zeigen, versucht, entsprechend seines behaupteten Mitgefühls, seiner vorgegebenen Anteilnahme zu handeln. Solange jemand mit dem Mund schneller ist als mit seinen Handlungen muss man davon ausgehen, dass sein vorgegebenes Mitgefühl, seine vorgegebene Anteilnahme nur vorgegeben sind. (Davon abgesehen, sind Gefühle, die nur behauptet werden und sich in nichts niederschlagen, das anderen wahrnehmbar und nützlich ist, gar nichts wert, sie sind einfach nur Gefühlsonananie.)

Anders ist dies mit dem Versuch, auf Basis geteilter Menschlichkeit nachzuempfinden. Jeder kann sich vorstellen, dass er nicht gerne derjenige wäre, der von einem Lkw niedergemäht wird. Jeder Mensch oder doch die meisten Menschen, leben gerne und wollen nicht gewaltsam zu Tode kommen.

Nur: In diesem Fall dürfte sich die geteilte Menschlichkeit, das Nachempfinden, dass man selbst auch nicht gerne eines gewaltsamen oder eines frühzeitigen Todes sterben würde, nicht nur auf die 12 Toten vom Berliner Weihnachtsmarkt erstrecken, sondern auf alle, die gewaltsam oder zu früh zu Tode kommen: Auf all diejenigen, die von Krebs dahingerafft werden, noch bevor sie ihr Leben begonnen haben, all die, die unter elenden Umständen in Altenpflegeheimen dahinsiechen, bis sie endlich tot sind, auf die 112 Mordopfer, die es 2015 in Berlin gab, auf die 52 Opfer eines Selbtsmordanschlags in Aden, die 14 Toten eines Bombenanschlags in Kayseri … auf…

MassentierhaltungMan könnte noch weiter gehen und denken, die geteilte Grundlage als Lebewesen gerne zu leben, müsste zu einem Nachempfinden mit dem Leid von Tieren, die in Massentierhaltung gehalten und getötet werden, damit sie als Leiche das Weihnachtsmenu bestücken, befähigen, aber wir wollen manche unserer Leser hier nicht überfordern, die entsprechende Vorstellung gräbt an der Grundlage ideologischer Überzeugungen und wird entsprechend zu dem führen, was man im Englischen „violent reactions“ nennt.

In jedem Fall kann man feststellen, dass es kaum möglich ist, das Nachempfinden für das Leid anderer Lebewesen, seien sie Menschen oder andere Tiere auf alle diese Lebewesen auszuweiten, man muss entsprechend, wenn man nicht ein generelles Leiden an der Welt entwickeln will, selektiv vorgehen.

Und jetzt wird es interessant: Was führt dazu, dass für manche bestimmte Tote so viel interessanter werden als andere. Warum sind die 12 Toten aus Berlin interessanter als die 14 Toten aus Kayseri oder die 52 Toten aus Aden? Warum sind die 12 Toten interessanter als jedes der 112 Mordopfer, die Berlin 2015 zu beklagen hatte, warum interessanter als die 48 Menschen, die 2015 auf Berliner Straßen und in Folge eines Verkehrsunfalls getötet wurden?

Was, in anderen Worten, macht die 12 Toten brauchbarer, nützlicher im Hinblick auf die Inszenierung eigener Betroffenheit?

Die Antwort ist einfach, wenn man sich die Tatsache vergegenwärtigt, dass das besondere Interesse an den 12 Toten in Berlin notwendig mit einer Pietätlosigkeit der Gestalt einhergeht, dass diesen Toten ein wertigerer Status zugesprochen wird, als den 112 Mord- oder den 48 Verkehrsopfern im Berlin des Jahres 2015. Für Letztere gab es keinerlei öffentliche Mitleids- und Betroffenheitskundgebungen. Niemand hat nach den Verantwortlichen gesucht, kaum jemand hat sich befleisigt, in öffentlich wirksamer Weise sich selbst mit den Opfern oder ihren Angehörigen zu solidarisieren.

Warum nicht?

leichenberg-bei-stalingradDie Amadeu-Antonio-Stiftung bezahlt Mitarbeiter dafür, dass sie Tote danach seziert, ob man ihren Tod auf das Wirken eines Rechtsextremen zurückführen kann. In der Leichenhalle der Stiftung werden Tote in zwei Gruppen unterteilt: Diejenigen, die einen ideologischen Wert für die Stiftung darstellen und diejenigen, die keinen ideologischen Wert für die Stiftung darstellen. Letztere wandern in den Trash, erstere werden öffentlichkeitswirksam inszeniert, mit dem Ziel, sich selbst als moralisch überlegen und am Wohl der Gemeinschaft interessiert zu zeigen. Tatsächlich ist man bei der Stiftung nicht am Wohl der Gemeinschaft, sondern am Geld der Steuerzahler interessiert. Das immerhin, macht die Pietätlosigkeit, mit der sich die Mitarbeiter der Stiftung durch Leichenberge wühlen, rational verständlich.

Der Nutzen und das Benutzen von Toten durch die AAS ist somit ideologisch fundiert. Die Ideologie bietet die Grundlage, um die Welt in Gut und Böse und die Leichen in nützliche und in Trash zu unterteilen.

Bei denen, die sich nunmehr der 12 Toten in Berlin bedienen, ist dies nicht anders. Sie behaupten, sie seien voller Mitgefühl und Anteilnahme für Menschen, die sie nicht kennen, nicht einmal posthum – trotz allen Mitgefühls und aller Anteilnahme – kennenlernen wollen. Die 12 Toten sind entsprechend nur eine Zahl, die man benutzen kann, benutzen kann, um sich selbst moralisch zu inszenieren und benutzen kann, um die eigene Ideologie auszuleben. Dabei spielt es keine Rolle, ob die 12 Toten benutzt werden, um generell verbal auf Flüchtlinge einschlagen und alle über einen Kamm zu scheren oder ob die 12 Toten von queeren Spinnern dazu benutzt werden, Terrorismus als Reaktion auf den Kolonialismus der weißen Männer zu entschuldigen, die Motivation, aus dem Tod von Menschen, mit denen man angeblich ein so festes Band des Mitgefühls und der Anteilnahme hat, ideologisches Kapital zu schlagen, ist in beiden Fällen die Triebkraft.

Beides ist in gleicher Weise widerlich und ändert nichts daran, dass die Wahrscheinlichkeit, an einem Schnitzel zu verenden immer noch größer ist, als die Wahrscheinlichkeit, auf einem Weihnachtsmarkt in Deutschland Opfer eines Terroranschlages zu werden.

Entsprechend dürfen wir einen Kommentator beim Wort nehmen und diejenigen, die die Toten nutzen wollen, um ideologisches Kapital daraus zu schlagen, auffordern, sich zu schämen, denn sie haben weder Mitgefühl noch Anteilnahme mit den Toten noch sind sie in der Lage, das zu entwickeln, was Menschen eigentlich auszeichnet: Empathie. Sie benutzen die Toten für ihre eigenen ideologischen Zwecke, täten sie es nicht, sie wären um eine rationale Argumentation auf der Basis von Fakten bemüht und nicht daran, anderen emotionale Mängel anzudichten, die sie leider bei sich selbst großzügig übersehen.


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11 Responses to Nutzen und Benutzen der 12 Toten auf dem Weihnachtsmarkt

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Nutzen und Benutzen der 12 Toten auf dem Weihnachtsmarkt

  2. gunst01 says:

    Trauer ist ein elementarer Kitt der säkularen Gesellschaft. Sie muss sorgfältig inszeniert werden, denn nur so brennen sich die Bilder im Gedächtnis ein. Dafür bietet das Oktogon der Kaiser-Friedrich- Gedächtniskirche ist eine geradezu ideale Kulisse. Es verkörpert die Symbolik der Acht, Vollkommenheit und Auferstehung, die Schlüsslzahl des christlichen Abendlandes.

  3. Pingback: Nutzen und Benutzen der 12 Toten auf dem Weihnachtsmarkt – MoshPit's Corner

  4. Peterle says:

    In der heutigen Zeit, in der, gefühlt, fast alle immer mehr durchknallen und herumirren, ist es für mich äußerst wohltuend, Geistes-Wellness sozusagen, eure nüchternen faktenbasierten Artikel zu lesen.
    Danke dafür – und haltet die Fahne hoch.
    Damit ihr das könnt, helfe ich jetzt noch fix mit einer kleinen Unterstützung.
    Frohe Weihnachten

  5. Iudex says:

    Der Artikel seziert ethologisch sehr schön das Verhaltensmuster des homo sapiens.
    Dem entsprechend habe ich tiefes Mitgefühl und aufrichtige Anteilnahme mit Frau Merkel, die in einem unglaublichen Dilemma steckt:
    Auf der einen Seite wird das Attentat mit ihrer unglückseligen Flüchtlingspolitik in Zusammenhang gebracht – das kostet Wählerstimmen – auf der anderen Seite kann sie ihr jubelndes Betroffenheitsgehabe unter die Menschen bringen – daraus wiederum generiert sie Wählstimmen. Da bleibt ihr nun die quälende Frage nach dem Summenspiel…..

  6. Große Wissenschaft ist es ja nun nicht, Opferzahlen in Relation zu setzen. Vor allem wenn daraus kein Schluss folgt, sondern sich die Betrachtung im Vergleich erschöpft. Vor ein paar Wochen starb eine Nachbarin mit 92 Jahren. Die Mitteilung von ihrem Tod bedrückte mich. Letztes Jahr starb ein Nachbar mit 50 Jahren beim Auspacken seines Koffers. Diese Mitteilung stimmte mich traurig. Zwei unterschiedliche Todesfälle, zwei unterschiedliche Stimmungen darauf.

    Als im Sommer hier im OEZ ein “Amoklauf” geschah, war ich sehr erschrocken und den Tränen nahe, weil eine Verwandte und eine Nachbarin im Haus davon unmittelbar betroffen und verletzt waren. Dieses Mitgefühl als untätige Gefühlsduselei zu erklären, weil ich nicht zum Blutaufwischen ins OEZ gefahren bin, halte ich für gefühlskalt. Womöglich sind Sie es. Wenn ja, dürfte es Ihnen auch egal sein, dass Sie mir dennoch leid täten, wenn es so wäre.

    Sie äußerten sich konkret zu dem Attentat in Berlin und begannen die Toten in Relation zu setzen, um all jene, die die Tat für ihre Ideologie nutzen, anzuprangern. Gleichwohl erschließt sich mir hier der Zusammenhang auch nach Ihrer Erläuterung nicht. Auch das grafisch interessante Bild von Leichenbergen erklärt mir nichts. Da ist summierter Schrecken und dort sind Leute, die ihr Süppchen mit den Toten kochen. Nur worin liegt der Sinn für diese spezielle Verzerrung der Perspektive? Also doch Dada …

    Im übrigen nehme ich meine Aussage von der fragwürdigen Anteilnahme zurück. Da hatte ich etwas hineingelesen. In der Tat äußerten Sie in keiner Zeile Anteilnahme zum Berliner Anschlag. Sie schrieben darüber nur abstrakt.

  7. alacran says:

    Der vom Täter bestialisch ermordete polnische LKW-Fahrer wird, als “Opfer 2. Klasse” zunächst auch nicht erwähnt, sondern geisterte als toter “Beifahrer” durch die Medien.
    Nachrichten aus Absurdistan!

  8. Florian Geyer says:

    ob man ihren Tot(sic!) auf das Wirken eines Rechtsextremen zurückführen kann

    Diese STASI-Stiftung hat den Auftrag, Fälle zu konstruieren.
    “Fake News” zu erschaffen. Ein Monopol, welches sich die BRD-Junta derzeit mittels Schaffung weiterer Sondergesetzgebung zu sichern sucht.
    Ob das “Bundesverfassungsgericht” hierzu schon eine vorgefertigte Entscheidung aus de Justizministeriu in der Schublade liegen hat, so wie seinerzeit im Falle der Beschwerde RA Riegers gegen den 130, ist derzeit nicht bekannt.

  9. Kai says:

    Es stimmt, mir könten die Toten aus Berlin nicht gleichgültiger sein, aber wenn sie durch die Hand eines religionsindoktrinierten Wahnsinigen umgebracht werden (möglicherweise), dessen Ideologie das töten von andersdenkenden und glaubenden befürwortet und einiges das wörtlich nehmen, empfinde ich das als einen persönlichen Angriff auf mich selbst und meine Art zu Leben. Es fühlt sich an wie Krieg, wahllos und und immer sind die anderen Schuld.

    Ich kann durch alles mögliche Sterben, schon klar, muss deswegen überfahren von einem Laster aufgrund religösem Fanatismus seit neustem dazugehören?

  10. Pingback: Selektive Nutzung von Leichen am Beispiel der Ideologen der Amadeu-Antonio-Stiftung | LW-Freiheit

  11. rolandtluk says:

    Es gibt eine einfache Frage, die Ideologen, die Altruismus simulieren ins wanken bringen. Eine Selektionsfrage:
    “Wenn nur eine Gruppe überleben kann, die oder Wir?”

    Die (linken) Ideologen versuchen einen Propanz der simulierten Anteilnahme aufzubauen, aber wenn es ums eigene Überleben geht, kommen selbst die meisten Ideologen in der Realität an.

    Die natürliche Antwort auf die Frage heißt: “Wir”.
    (Selbsterhaltungsgrundsatz)

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