Heute ist nicht nur Tag des Waldes, internationaler Tag der Hauswirtschaft und Tag der Poesie, heute ist auch Tag gegen Rassismus, ein Tag, an dem jeder, dem danach ist, seine moralische Reinheit signalisieren kann, durch Sätze wie: Die Zivilgesellschaft muss sich gegen Rassismus zur Wehr setzen oder: Wir müssen jeden Tag die Demokratie gegen den Rassismus verteidigen … Der salbungsvollen Worte und der Phantasie in Sachen sanctimonious crap sind keine Grenzen gesetzt. Wer sich als guter Mensch, als einer, der auf der richtigen Seite steht und diese richtige Seite gegen die, die auf der falschen Seite stehen, verteidigt, der kann heute Abend befriedigt, ob seines Einsatzes für eine bessere Welt zu Bett gehen und schnarchen.
Bei all der affektiven Liebe zum Anti-Rassismus wird häufig übersehen, dass kaum einer derjenigen, die so wortreich und voll von Moralin gegen den Rassismus wettern, weiß, was der Begriff des Rassismus eigentlich bedeutet, wo er herkommt, welchen Gegenstand er anspricht …
Weil heute selbst die Fliegenfänger, nein Faktensucher, also das Team Gensing der Ansicht sind, sie könnten Aufklärung zur Frage, was unter Rassismus eigentlich verstanden wird, leisten, haben wir uns entschieden, zu Gunsten der Klarheit und als Beitrag zum Kampf gegen einen Missbrauch des Begriffs des Rassismus, einen Auszug aus einem Text wiederzugeben, den Dr. habil. Heike Diefenbach vor einiger Zeit in der Blauen Reihe von ScienceFiles veröffentlicht hat. Der Text „Rassismus und Rassismuskritik“ steht hier zum kostenlosen Download bereit (ein Angebot, das schon mehr als 5.000 Leser genutzt haben).
„Von Rassismus zu sprechen, wurde in Deutschland während der Nachkriegsdekaden bis weit in die 1990er-Jahre hinein weitgehend vermieden. Der Hauptgrund hierfür mag gewesen sein, dass mit dem Begriff „Rassismus“ das Konzept der Rasse impliziert ist und dieses Konzept untrennbar mit der in der frühen Anthropologie entwickelten Rassenlehre verbunden ist, die u.a. dem Nationalsozialismus die Grundlage dafür bot, Menschen als Angehörige verschiedener Rassen zu identifizieren, sie in höher- und niedriger wertige Rassen zu unterteilen und ihnen eine dieser Unterteilung entsprechende Behandlung zukommen zu lassen (vgl. hierzu und zur – noch deutlich weiter in die Vergangenheit reichenden – Geschichte des Begriffs der Rasse Bargatzky 1997 sowie Geulen 2007). Rassismus wurde daher mehr oder weniger als ein historisches Phänomen angesehen, das entweder für überwunden gehalten wurde oder von dem man meinte, dass man es besser auf sich beruhen lassen sollte, besonders angesichts der Tatsache, dass sich die Vorstellung von der Existenz verschiedener biologischer Menschenrassen als wissenschaftlich nicht haltbar erwiesen hat (vgl. Ferraro, Trevathan & Levy 1994, S. 142-145. Kattmann 1999, S. 66. Sarup 1991, S. 23; S. 52).
Dementsprechend wurden während der vergangenen Dekaden in den Sozialwissenschaften Ausländerfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Ethnozentris–mus, Fremdenangst, Fremdenhass, Xenophobie oder Hasskriminalität thematisiert und untersucht, aber nur sehr selten Rassismus. Wenn die Konzepte von Rasse und Rassismus in den heutigen deutschsprachigen Sozialwissenschaften wieder eine nennenswerte Rolle spielen, …, dann stellt sich daher die Frage, warum das so ist, denn gewöhnlich werden sie eben nicht mit Bezug auf die deutsche Vergangenheit oder andere historische oder aktuelle Tatsachen, die mit dem Konzept der Rasse in Verbindung stehen, wie z.B. dem Kolonialismus oder der Verbindung von Rassismus und Sklaverei bei den Tuareg (vgl. hierzu Hall 2011) oder im Sudan (vgl. hierzu Collins 2008) gebraucht, sondern mit Bezug auf die aktuellen Verhältnisse in den modernen Gesellschaften der westlichen Welt oder der europäischen Länder oder speziell Deutschlands.
Der Grund dafür, warum sich die deutschsprachigen Sozialwissenschaften wieder den Konzepten „Rasse“ und „Rassismus“ widmen, ist nicht oder kaum die Beobachtung eines fortgesetzten Rassismus im Sinne der Rassenlehre und ihrer nationalsozialistischen Interpretation und Anwendung; vielmehr ist dies deshalb so, weil die Bedeutung der Begriffe „Rasse“ und „Rassismus“ seit den späten 1990er-Jahren im deutschsprachigen Raum sehr stark ausgeweitet wurde. Dabei hat die Rezeption englischsprachiger Literatur, die im Anschluss an oder in Reaktion auf Martin Barkers Buch „The New Racism“ aus dem Jahr 1981 verfasst wurde, zweifellos eine große Rolle gespielt. In diesem Buch hat Barker für Großbritannien die Entstehung eines „neuen Rassismus“ konstatiert, der kein biologischer Rassismus sei, sondern ein kultureller insofern als nunmehr Kulturen (und nicht Menschen, die als verschiedenen Menschenrassen zugehörig betrachtet wurden,) als wesenhaft unterschiedlich und miteinander unvereinbar betrachtet würden. Dieser kulturelle Rassismus ist ein Rassismus ohne Rassen , denn Rassisten und Adressaten des Rassismus repräsentieren nicht verschiedene Menschenrassen, sondern ethnische Gruppen, wobei Letztere nach Heckmann durch „eine Vorstellung gemeinsamer Herkunft sowie ein Zusammengehörigkeitsbewusstsein“ charakterisiert sind und „durch Gemeinsamkeiten von Geschichte und Kultur gekennzeichnet“ (Heckmann 1992, S. 55) sind, so dass die Bezeichnungen „ethnische Gruppe“ und „kulturelle Gruppe“ nahezu synonym benutzt werden können.
Der Neue Rassismus hat sich im Zusammenhang mit dem in den 1980er-Jahren popularisierten Konzept der multikulturellen Gesellschaft und mit der Entstehung neuer, von kulturellen Werten und Inhalten geprägten Identitäten auf Seiten der Kinder der Immigranten und deren Ansprüchen an gesellschaftliche Teilhabe bei gleichzeitiger Akzeptanz der kulturellen Unterschiede entwickelt: „A new generation of migrant communities began to develop forms of political and cultural identification which expressed their lives in the receiving countries. They faught racism by asserting their difference, using their cultural heritage as a source of strength and self-assurance. In France they created the slogan droit à la difference demanding the right to be different and to have the same rights as the ’native‘ populations. … Taking up the droit à la difference, the new right argues that in order to preserve the variety of cultures, people from different cultures need to stay in their respective places. The French culture has the same right to preserve its difference as any other, and this difference is threatened by the presence of other cultures in the country“ (Räthzel 2002, S.7; Hervorhebungen im Original).
Der Neue Rassismus läuft also letztlich auf einen Separatismus von Kulturen hinaus, aber solange dieser Separatismus nicht vollzogen ist, sind ungleiche Positionen von kulturellen Gruppen in der Sozialstruktur deshalb akzeptabel, weil sie als Ergebnis der behaupteten unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen verschiedener kultureller Gruppen interpretiert werden (Berman & Paradies 2010, S. 220). Als kultureller Rassismus beruht der Neue Rassismus weitgehend auf denselben Prämissen wie der Multikulturalismus, aber er zieht andere Schlussfolgerungen aus diesen Prämissen und ersetzt Multikulturalismus durch Ethnopluralismus. Und er ist „a racism which, at first sight, does not postulate the superiority of certain groups of peoples in relation to others but ‚only‘ the harmfulness of abolishing frontiers, the incompatibility of life-styles and traditions; in short, it is what P. A. Taguieff has rightly called a differentialist racism“ (Balibar 2002, S. 21; Hervorhebung im Original; vgl. hierzu Taguieff 1991).
In Deutschland wurde die Bezeichnung „Neue Rechte“ zunächst nicht auf die Vorstellung von einem neuen, kulturellen Rassismus bezogen, sondern vage mit der am Ende der 1980er-Jahren gegründeten Partei der Republikaner in Verbindung gebracht, und bis heute werden das Konzept vom kulturellen Rassismus, die Neue Rechte und Rechtsextremismus in Deutschland häufig in einen Topf geworfen bzw. als Synonyme gebraucht (Stöss 2007). Darüber hinaus fungiert die Bezeichnung von Personen als „Rechten“ derzeit als Kampfbegriff mit fragwürdigem empirischen Gehalt: diskreditiert werden soll, wer als politisch rechts von der eigenen Position stehend betrachtet wird. Dies führt zu einem inflationären Begriffsgebrauch, so dass ein Rechter – je nach Kontext – heute ebenso ein bekennender Neonazi sein kann wie ein Neo-Marxist liberaler Prägung. In den Sozialwissenschaften darf der von Ulrich Bielefeld im Jahr 1998 herausgegebene Sammelband als der erste Versuch gelten, die Frage nach der Existenz eines „Neue[n] Rassismus in der Alten Welt“ einer breiten sozialwissenschaftlichen oder sozialwissenschaftlich interessieren Leserschaft bekannt zu machen bzw. zu diskutieren.
Der inflationäre Gebrauch des Begriffs „Rassismus“ und verwandter Begriffe kann für die Auseinandersetzung mit Rassismus nur als bedauerlich beurteilt werden, weil er Rassismus trivialisiert und den Eindruck erweckt, der Rassismusvorwurf sei nicht substantiierbar, sondern bloß ein rhetorisches Mittel zur Diskreditierung anderer Personen oder ihrer Auffassungen. Demgegenüber können Tatsachen wie die, dass in einer telefonischen Befragung von jeweils 1.000 Personen in Deutschland und sieben anderen europäischen Ländern 51,9 Prozent der Befragten der Aussage zustimmten, dass [w]ir […] unsere eigene Kultur vor dem Einfluss anderer Kulturen schützen [müssen]“ (vgl. Zick, Küpper & Hövermann 2011, S. 68, Tabelle 6), leicht übersehen werden, geschweige denn, dass erforscht werden würde, was genau die Zustimmung zu solchen Aussagen bedeutet und wodurch sie motiviert ist.
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