Rassismus bei der Tagesschau

Für diejenigen, die zum eigenständigen Denken entweder nicht willens oder nicht fähig sind, gibt es in Deutschland Shortcuts: Rassismus ist rechts. Noch ein bisschen Nationalismus zum Rassismus, und sie haben Rechtsextremismus. Es soll eine ganze Reihe von Deutschen geben, die man mit einem solchen Prestissimo in Floskel-Moll, in den Glauben versetzen kann, sie kennten die Bedeutung hinter den Ismen und könnten sich ihrer nun ihrerseits nach Lust und Laune bedienen.

Rassismus liegt gemeinhin vor, wenn eine diffuse Gruppe von Menschen, sagen wir die Einwohner eines Landes, (1) alle auf Grundlage eines einzigen Merkmals harmonisiert oder gleichgeschaltet werden, wenn (2) diese Gleichschaltung in der boshaften Absicht erfolgt, der nun harmonisierten Gruppe negative Eigenschaften anzudichten, auf (3) deren Grundlage im täglichen Leben Handlungen zum Nachteil der Mitglieder dieser Gruppe und wegen der angedichteten Eigenschaften ausgeführt werden (können).

Ein Beispiel?

Ralph Sina kommentiert in der ARD den Brexit-Vertrag.

„Die Briten“, hätten sich bei den Brexit-Verhandlungen durchgesetzt.

„Briten bekommen, was Sie wollen“, so schreibt er weiter.

Daraus muss man entnehmen: Sina will seinen Lesern weismachen, dass alle Briten in Einheitsfront angetreten sind, um die arme EU über den Tisch zu ziehen.

Hinterhältig wie es „die Briten“ nun einmal seien, geht es ihnen dabei vor allem darum, „Arbeitsplätze in der EU“ zu gefährden, „Arbeitsschutzbestimmungen und Verbraucherschutzbestimmungen der EU“ mit „made in Britain“ zu ignorieren und ihre ganzen EU-unkonformen Waren über die „Exportdrehscheibe Nordirland“ in die EU zu schleusen, alles natürlich des Profits wegen, so schreibt Ralph Sina.

Das Dritte Reich lebt.

Wurden im Dritten Reich die Juden als Kapitalisten und Geldsäcke beschrieben, die ohne Rücksicht auf menschliches Leid, das Deutsche Reich und seinen Volkskörper zersetzen und dabei nur ein Ziel verfolgen: den Profit, so sind es heute “die Briten”, die nun nicht mehr das Deutsche Reich, sondern die heilige Europäische Union mit ihren sakrosankten „Arbeitsschutzbestimmungen und Verbraucherschutzbestimmungen“ zersetzen, den nunmehr europäischen Volkskörper mit dem Britischen (Manchester-)Kapitalismus durchsetzen wollen.

Ralph Sina ist nicht nur ein Beispiel für einen bemerkenswerten engstirnigen Journalisten, er ist auch ein Beispiel dafür, wie schnell aus Engstirningkeit Rassismus werden kann.

Damit nicht genug: “Lasst Euch die Rosinen schmecken!”, so hat Sina seinen „Kommentar“ überschrieben. Was er in seinem Kommentar schreibt, ist nicht nur rassistisch, es entbehrt auch jeder Grundlage in der Realität – würde man nicht an seiner Phantasie zweifeln, man müsste sagen, er hat alles frei erfunden.

Im Hinblick auf die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland, ist im Entwurf eines Brexit-Vertrags vorgesehen, dass Nordirland gemeinsam mit dem Rest des Vereinigten Königreichs Teil einer so genannten „Single Customs Union“ ist. Diese Single Customs Union besteht bis 2020. Gibt es bis 2020 keinen Vertrag über z.B. eine Freihandelszone zwischen dem UK und der EU, dann bleiben das Vereinigte Königreich und Nordirland auf unbestimmte Zeit Teil des gemeinsamen Marktes. Britannien wäre zwar aus der EU ausgeschieden, müsste sich aber weiterhin an die Regeln des gemeinsamen Marktes, die in Brüssell beschlossen werden, halten – ohne selbst mitreden zu können. Mehr noch, gibt es bis Ende 2020 kein Handelsabkommen gleich welcher Art, dann wird Nordirland eine Art EU-Kolonie mit besonderer Marktanbindung, in der die nationale britische Gesetzgebung hinter europäischem Recht zurückstehen muss. 

Mit anderen Worten, auch Jahre nach dem Brexit und für unbestimmte Zeit würden die Regeln, die für Handel und Handelsbeziehungen in Nordirland gelten, sowie in Teilen auch die Regeln für die Handelsbeziehungen die der Rest des Vereinigten Königreiches eingehen kann, von der EU diktiert werden. Obwohl das Vereinigte Königreich kein Teil der EU mehr ist, würde die Handelspolitik des Königreichs in Brüssel bestimmt.

Das will Ralph Sina seinen Lesern als das verkaufen, was „die Briten … wollten“.

Mancher Weltbild lässt sich ganz einfach zusammenfassen.

Ob Sina in seinem Echozimmer jeden Kontakt zur Außenwelt verloren hat. Ob wir es bei ihm mit einem besonderen Fall von Stimulus-Response-Organismus zu tun haben, der egal, was er hört, in von seinen Vorurteilen (Briten sind Kapitalisten, Liberale, wählen Freiheit vor Sozialismus usw.) ermöglichte phantastische Welten eintaucht, das ist unklar.

Klar ist jedoch, dass in Großbritannien derzeit genau wegen dieser Regelung, das politische Überleben von Theresa May mehr als fraglich ist. Zwischenzeitlich sind fünf Mitglieder der Regierung wegen genau dieser Regelung zurückgetreten, im House of Commons zeichnet sich ab, dass der Entwurf eines Brexit-Vertrags keine Mehrheit bekommen wird. Nach bislang unbestätigten, aber hartnäckigen Gerüchten, sollen beim Chief Whip der Conservative Party bereits 48 Letters of No-Confidence von Abgeordneten der Tories eingegangen sein (15% der Abgeordneten). Ist dies der Fall, dann muss darüber abgestimmt werden, ob Theresa May als Führer der Konservativen Partei und damit als Premierminister weiter agieren kann oder nicht. Bei den Buchmachern sind die Odds dafür, dass Theresa May das Jahr 2018 politisch überleben wird, auf 4/7 gesunken, offensichtlich glauben in Britannien nur noch wenige daran, dass Theresa May die nächsten Tage politisch überlebt.

Warum versucht Ralph Sina den Lesern der Tagesschau einen solchen monumentalen Bären aufzubinden, für den er die Realität bis zur Unkenntlichkeit entstellen muss?

Wir vermuten, wir haben es bei Sina mit einem Gesinnungstäter zu tun, jemandem, dessen Wahrnehmung generell ideologisch eingefärbt ist. Wo andere einen Knebelvertrag sehen, sieht er einen Erfolg. Wo Briten den Verlust britischer Souveränität beklagen, sieht er eine geheime Verschwörung, um weiterhin Zugang zum Gemeinsamen Markt zu haben. Wahrscheinlich ist Sina auch der Ansicht, dass der Ärger über die Regelungen zu Nordirland und den Verbleib des UK im Gemeinsamen Markt und somit die Bindung an die Vorgaben aus Brüssel von dunklen britischen Kapitalisten nur deshalb inszeniert wird, um Waren, die unter Arbeitsschutzbestimmungen, die nicht die der EU waren, und die unter Verbraucherschutzbestimmungen, die nicht die der EU waren, produziert wurden, ungehindert in die EU einschleusen zu können. Wo Sina seine Gewissheit, dass sie das könnten hernimmt, wir wissen es nicht. Aus dem Entwurf des Brexit-Vertrages kann er es nicht haben. 

Die Ursachen von Rassismus, so haben Adorno et al. gezeigt, liegen in Minderwertigkeitskomplexen, in Unterlegenheitsgefühlen, die deren Träger versucht, z.B. durch Herrenmensch-Phantasien in ihr Gegenteil zu verwandeln. Verwandeln kann er sie indes nur, wenn ihm staatliche Akteure zur Hilfe eilen, denn nur als Befehlsempfänger, der in ein größeres staatliches Ganzes eingebunden ist, ist er in der Lage, seine Feigheit zu überwinden.

Schade, dass Blogger wie Fefe, diesen Unsinn ungeprüft übernehmen und zu einer Eloge in Aufregung über Nichts ausbauen.

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