Rechte Sachsen im Monitor: Viel Steuergeld für Junk Studie

Das Land Sachsen leistet sich seit nunmehr drei Jahren einen Sachsen Monitor. Hinter dem Begriff versteckt sich eine jährlich stattfindende Befragung mit geringem Erkenntnisgewinn und hohen Kosten, die in keiner Weise rechtfertigbar sind.

Doch der Reihe nach.

Beklagen wir zunächst einmal wieder den Niedergang der empirischen Sozialforschung und ihre Degeneration zur Meinungsforschung.

Der Erfolg von Meinungsforschung, den man derzeit beobachten kann, hat seine Ursache darin, dass es in Deutschland (und nicht nur hier) weit verbreite White-Collar-Schmarotzer-Netzwerke gibt, deren Mitglieder davon Leben, Themen zu erfinden, sie zu Problemen auszubauen, um im nächsten Schritt Heiltränke für die Probleme zu verkaufen.

Der Erfolg von Meinungsforschung hat auch damit zu tun, dass diejenigen, die Abnehmer der entsprechenden „Erkenntnisse“ sind, sich in der Regel durch eine vollkommene Ahnungs- oder Interesselosigkeit mit Blick auf die Methoden empirischer Sozialforschung auszeichnen, so dass man Ihnen offensichtlich alles verkaufen kann, wenn man es nur aufwendig verpackt.

Wie jeder gute Illusionist, so leben auch Meinungsforscher vor allem von der Show, Show, die in der Regel aufgefahren wird, um die Behauptung zu rechtfertigen, die präsentierten Ergebnisse seien repräsentativ.

Dies bringt uns zum Sachsen-Monitor und einer fast unglaublichen Geschichte von Steuergeldverschwendung und Dilettantismus.

Stellen Sie sich vor, Sie seien in einem Kleinkabarett. Der Zuschauerraum ist verdunkelt, der Lichtspot ist auf dem Illusionisten gerichtet, der mit allerhand Gegenständen allerhand unsinnige Verrenkungen ausführt, um von dem abzulenken, was er eigentlich seinen Zuschauern unterschieben will.

Das ist so ungefähr die Blaupause für die Illusion der Repräsentativität, die dem Sachsen-Monitor zu Grunde liegt. Der einzige Unterschied: Dimap, die Illusionisten hinter dem Sachsen-Monitor, haben der Sächsischen Landesregierung ihre Illusion zum vermutlich zehnfachen Preis verkauft.

Auswahleinheiten für die ganze Bundesrepublik seien gebildet worden. Und es ist bereits an dieser Stelle, dass man die große Sorgfalt, die die dimap-Leute auch bei der Erstellung ihres Ergebnisberichts haben walten lassen, bewundern kann. Wir zitieren:

„Für die erste Auswahlstufe wurde die Bundesrepublik anhand der kommunalen statistischen Bezirke und unter Zuhilfenahme eines geografischen Informationssystems (GIS) zur Straßeneinteilung der Bundesrepublik“.

Steht so im Methodenteil. Den liest normalerweise halt niemand.

Wie auch immer sind „53.000 Flächen“ zustande gekommen, aus denen im ersten Schritt „in jeder Zelle die erforderliche Anzahl Sample Points in Sachsen gezogen wurden“, und zwar mit „Wahrscheinlichkeiten proportional zur Zahl der Haushalte in den Sample Points“. Dieser elaborierte Unsinn hat dazu geführt, dass die 421 selbständigen Gemeinden des Freistaats Sachsen zu 186 Samplepoints geschrumpft sind, worunter sich nichts anderes verbirgt als eine bestimmte Straße in einem bestimmten Ort. An den Samplepoints wurden 40 „geschulte“ Interviewer ausgesetzt, um durch die noch elaboriertere Methode des Abzählens der Haushalte jeden dritten heimzusuchen und dort einen „systematischen Auswahlschlüssel“ zum Einsatz zu bringen, „der allen zum Haushalt gehörenden Personen der Grundgesamtheit die gleiche Chance gewährleistet, in die Stichprobe zu gelangen“. Wie ein systematischer Auswahlschlüssel aussieht, der eine Zufallsauswahl aus einem zwei-, drei- oder vier Personenhaushalt ermöglicht, ist eine Frage, deren Antwort wir unseren Lesern überlassen. Das elaborierte Spielgerät „Würfel“ dürfe der Realität sehr nahe kommen.

Während der Illusionist Ihre Aufmerksamkeit auf seine Darbietung mit der linken Hand lenkt, stiehlt er ihnen mit der rechten Hand das Portemonnaie.

Die Illusion – zur Erinnerung – besteht darin, Repräsentativität zu gaukeln.

Die beschriebene Methode sichert zunächst einmal eines: sehr hohe Kosten. Das Sampling der 1.011 Sachsen, die am Sachsen-Monitor teilgenommen haben, die persönlichen Interviews, an denen 40 „geschulte“ Interviewer beteiligt waren, hat die Kosten erheblich in die Höhe getrieben. Allerdings gibt es nichts, was diese Höhe der Kosten rechtfertigt, denn die mit dieser Erhebungsmethode produzierten Ergebnisse hätten mit Sicherheit auch mit einer telefonischen Befragung und somit zur Hälfte oder zu einem Drittel des Preises erzielt werden können.

Aber natürlich hat man der ahnungslosen sächsischen Landesregierung diese Methode als Supermethode zur Gewinnung repräsentativer Daten verkauft. Illusion, Sie wissen schon.

Tatsächlich ist es mit dieser Methode gelungen, ein wirklich erstaunliches Ergebnis zu produzieren. In Sachsen leben mehr Frauen als Männer. Unter den 1011 Befragten, die dimap mit seiner ausgefeilten und sehr teuren Erhebungsillusion zusammengesammelt hat, finden sich mehr Männer als Frauen. In Sachsen leben vor allem mehr alte Frauen als alte Männer. Im Sample finden sich mehr alte Männer als alte Frauen.

Ergebnisbericht “Sachsen-Monitor”, S.8

Wenn man mit einer Erhebungsmethode aus dem Feld zurück kommt, und einen derart kapitalen Bock geschossen hat, der die Demographie eines Landes auf den Kopf stellt, dann sollte man sich eigentlich eher kleinlaut geben. Nicht so bei dimap. Hier wird eine Tabelle gezimmert und das schlechte Sampling durch eine „Gewichtung“, um der „Repräsentativität der Ergebnisse zu genügen“ zu retten versucht.

Als Folge dieser Gewichtung werden 192 alte Männer (65 Jahre und älter) so behandelt, als wären sie nur 114, während 48 mittelalte Männer (40-49 Jahre) so behandelt werden, als wären sie 94. Wie sehr hier getrickst wurde, zeigt sich auch an den ungleichen Alterskategorien, die u.a. 12 Jahre (18-29), 10 Jahre (40-49) und fünf Jahre (60-64) umfassen.

Es ist frech, für den Einsatz einer rustikalen Erhebungsmethode, die für das, was der Sachsen-Monitor leisten soll, so ungefähr dem Einsatz einer Dampflok auf der ICE-Strecke zwischen Dresden und Berlin gleicht, viel Geld zu verlangen, das Scheitern dieser Methode, die doch „Repräsentativität“ gewährleisten sollte, durch „Gewichtung“ mathematisch zu kaschieren (Schein ist eben alles) und alles als Spitzenleistung der Meinungsforschung zu verkaufen.

Aber natürlich gelingt die Illusion in dem Maße besser, in dem die Ahnungslosigkeit der Zuschauer steigt.

Damit kommen wir zum inhaltlichen Teil der Ergebnisse, deren Stellenwert vollkommen unklar ist, von denen aber mit Sicherheit gesagt werden kann, dass sie nichts über „die Sachsen“ oder „die sächsische Bevölkerung“ wie es im Text regelmäßig heißt, aussagen.

Ergebnisse wie die, die im Rahmen des Sachsen-Monitor produziert werden, werden von einer Reihe von „Gesinnungs-Fresszellen“ nachgefragt. Ressentiments und demokratiegefährdende Einstellungen sind zum Beispiel ein Stimuli, dem die bei den Belltower News, dem Ableger der Amadeu Antonio Stiftung die Pawlowsche Reaktion folgt:

Eben einmal Sachsen zu Rassisten erklären und den eigenen Daseinszweck als Bekämpfer von Rassismus einmal mehr legitimieren – Strategie im „White-collar Schmarotzer-Netzwerk“, ermöglicht durch ein weiteres trauriges Kapitel empirischer Sozialforschung.

Nehmen wir das folgende Patchwork von Aussagen, dass dimap im Rahmen des Sachsen-Monitors den Befragten vorgelegt hat.

Wenn jemand der Aussage: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“ voll und ganz oder eher zustimmt, was hat er dann ausgesagt? Hat er gesagt, dass er Angst um die deutsche Kultur hat? Angst vor Ausländern? Angst vor Überfremdung, was auch immer das sein mag?

Wie ist es mit dieser Aussage:

„Wer schon immer hier lebt, sollte mehr Rechte haben als die, die später zugezogen sind.“ Die Aussage ist so vage, dass man gar nicht wirklich sagen kann, was hier gemessen wird: Wird hier gemessen, dass ein Rentner, der 45 Jahre in die Rentenkasse einbezahlt hat, ein Recht auf eine Rente haben soll, die deutlich oberhalb der Unterstützung liegt, die ein Asylbewerber erhält? Wird hier gemessen, dass das Wahlrecht neben der Nationalität auch an die Aufenthaltsdauer geknüpft werden soll? Wird hier gemessen, dass Zugewanderten nicht mehr Rechte eingeräumt werden sollen, als schon „länger hier Lebenden“. Im Übrigen wird hier kein Ressentiment gemessen, sondern Gerechtigkeitsempfinden.

Selbst für Aussagen, die für manche viel Aufregungspotential haben, muss festgestellt werden, dass ihr Gehalt gering ist: Wenn jemand denkt, die Deutschen seien anderen Völkern überlegen oder Weiße zurecht führend in der Welt – und? Es gibt Leute die denken, es gebe ein Patriarchat, andere denken, die Erde sei eine Scheibe, wieder andere denken, Deutschland sei ein demokratisches System. Die Gedanken sind frei, diese Freiheit gilt auch für Gedanken, die manche für bedenklich, für „Ressentiments und demokratiegefährdende Einstellungen“ oder schlicht für Schwachsinn halten.

Die Aussagen, die wir hier aus dem Sachsen-Monitor entnommen haben, sie gelten dimap als „Ressentiments“.

Einmal mehr: Freiheit umfasst die Freiheit, Ressentiments anderen gegenüber zu haben. Für Einstellungen, die als demokratiegefährdend bezeichnet werden, ist uns nicht eine einzige Studie bekannt, die gezeigt hätte, dass sie es auch SIND. Tatsächlich zieht sich durch die empirische Sozialforschung ein Graben, der die Einstellung vom Verhalten trennt. Die wenigsten Einstellungen ziehen ein entsprechendes Verhalten nach sich, ein Ergebnis, das vor allem Marketing-Leute an den Rand des Wahnsinns bringt und in so schönen Ergebnissen seinen Niederschlag findet, wie der von Frederic Reichheld berichteten Anekdote, dass mehr als 75% der Kunden, die sich als loyale Kunden eines Autobauers identifiziert hatten, anschließend ein Auto von einem Konkurrenten erworben haben.

Zwischen Einstellung und Verhalten gibt es eben einen großen Graben. Deshalb haben Ergebnisse, wie die meisten derer, die im Sachsen-Monitor veröffentlicht werden, nur für Leute einen Wert, die sich darüber aufregen wollen, dass andere sich erdreisten, eine andere Meinung zu haben, die diese Aufregung zum Anlass nehmen wollen, um diese andere Meinung zu problematisieren und als Basis des eigenen Geschäftsmodells zu benutzen.

Wenn diese einzelnen Aussagen, wie sie dimap den Befragten zugemutet hat, keinen Aussagewert haben, wo kommen sie dann her?

Nun, einmal mehr handelt es sich um ein gefallenes Gut der empirischen Sozialforschung. Vor das Problem gestellt, dass es eine Vielzahl von sozialwissenschaftlichen Konstrukten gibt, die man nicht direkt messen kann, Extremismus, Gerechtigkeitsempfinden, Anomie usw. haben sich Sozialwissenschaftler eine Methode ausgedacht, um derart latente Variablen zu messen: Skalen!

Skalen wiederum bestehen aus Items, aus Aussagen, aus mehreren Aussagen. Der Witz an den Aussagen, die eine Skala, zuweilen auch Sub-Skalen bilden, besteht nun darin, dass die Skala das GEMEINSAME verschiedener Aussagen ist. Wir haben dies einmal am Beispiel Skala der Ausländerablehnung von Lederer (1983) dargestellt.

Aus ZIS – Zusammenstellung sozialwissenschaftlicher Items und Skalen

Die Skala besteht aus 12 einzelnen Aussagen, zu jeder dieser Aussagen gibt es fünf Antwortalternativen. Ausländerablehnung ergibt sich als summativer Index von 0 bis 60: Je näher ein Befragter bei 60 rangiert, desto eher lehnt er Ausländer ab.

Die fünf Aussagen aus dem Sachsen-Monitor werden von dimap als „Indikatoren für Ressentiments gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen“ bezeichnet. Nähme man bei dimap ernst, was man hier schreibt oder wäre dort die Bedeutung von Worten wie „Indikator“ noch bekannt (Unzutreffendes bitte streichen), dann hätte man vielleicht bemerkt, dass die einzelnen Aussagen nicht für sich stehen können, wenn sie ein Indikator für Ressentiments sein sollen. Vermutlich ohne es zu wissen, haben die „Meinungsforscher“ bei dimap Skalen-Aussagen benutzt, die zugehörige Skala jedoch unterschlagen oder vergessen oder was auch immer. 

Derartige Vorgehensweisen sind leider normal geworden, in der Welt der Meinungsforschungs-Illusionisten, die nicht zuletzt die Maschinerie der Berufshysteriker und White-Collar Schmarotzer-Netzwerke mit Futter versorgen. Mit Sozialforschung hat dies nichts zu tun.

Und so bleibt abermals festzustellen, dass Steuerzahler, dieses Mal in Sachsen, gemolken werden, um Junk zu finanzieren, der mit viel Repräsentativitäts-Tamtam inszeniert wird und der in wenig bis keinerlei empirischer Information resultiert, die auch nur einem einzige Qualitätskriterium genügen würde.

Wir halten jede Wette, dass die Ergebnisse von dimap weder valide noch reliabel sind. Und da hier nichts Relevantes gemessen und nichts Wiederholbares gemessen wurde, handelt es sich bei dieser vorgeblichen Studie wieder einmal um Junk.

Was es mit Skalen auf sich hat und wie man normalerweise vorgeht, um eine zu konstruieren, das kann hier nachgelesen werden.

Die Gründe dafür, dass Repräsentativität ein Mythos ist, haben wir hier zusammengestellt.

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