Die Untrennbarkeit von Theorie und Methode: Bronislaw Malinowski zum 78. Todestag

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Bronislaw Malinowski, der am 7. April 1884 in Krakau geboren wurde und am 16. Mai 1942 in New Haven, in Connecticut, USA, im Alter von nur 58 in Folge eines Herzinfarktes gestorben ist, zählt zweifellos zu den auch heute noch bekanntesten Ethnologen. Er gilt Vielen als der Vater der modernen Ethnologie, und sein Hauptwerk mit dem Titel „Argonauts of the Western Pacific“ – es ist die erste Monographie in einer Reihe von drei Monographien, in denen Malinowski die Ergebnisse mehrfacher Forschungsaufenthalte auf den Trobriand-Inseln vor der Ostküste von Neu-Guinea berichtet –, die erstmals im Jahr 1922 veröffentlicht wurde, gilt auch heute noch als ein Klassiker der Ethnographie und ist eine der wenigen alten Ethnographien, die auch heute noch von Studenten der Ethnologie gelesen werden, jedenfalls in der englischsprachigen Welt (obwohl man, wenn man einige Darstellungen der Inhalte des Buches liest, das deutliche Gefühl hat, sie könnten unmöglich auf eigene Lektüre des Buches zurückgehen, sondern basierten auf Hören-Sagen bzw. dem, was andere meinten, was in dem Buch vielleicht stehe).

In seinem Vorwort zur ersten Auflage des Buches schreibt James G. Frazer, dessen Buch „The Golden Bough“ (1890), eine Studie in vergleichender Religion und Mythologie, es war, das zuerst Malinowskis Interesse an der Ethnologie geweckt hatte, über „Argonauts of the Western Pacific“:

„… I can hardly think that any words of mine will add to the value of the remarkable record of anthropological research which he has given us in this volume” (Frazer in Malinowski 1922: v).

Umso erstaunlicher ist es, dass Malinowski, wie sein Schüler Ashley Montagu (1942: 148) in seinem Nachruf auf Malinowski berichtet, das Manuskript für „Argonauts of the Western Pacific“ an 37 (!) verschiedene Verlage verschickt und Absagen bezüglich der Veröffentlichung erhalten hat, bevor es schließlich bei Routledge in London zur Veröffentlichung angenommen wurde.

Darüber, warum das Buch von so vielen Verlagen abgelehnt wurde, ist mir nichts Konkretes bekannt, aber es ist möglich, dass Gründe für die Ablehnung des Buches in eben dem zu finden sind, was das Buch in den 1930er- und 1940er-Jahren so bemerkenswert gemacht hat. Was es bemerkenswert machte, waren nämlich mehrfache Brüche mit der bislang in der Ethnologie (und in verwandten Disziplinen) gepflegten Theorie und Methode.

Zunächst stellt Malinowskis „Argonauts …“ einen Versuch dar, eine fremde Kultur, nämlich die Trobriander, also der Bewohner der Trobriand-Inseln, in ihrer Gesamtheit darzustellen, und nicht – wie bis dahin üblich z.B. nur die Mythen einer bestimmten Kultur oder nur die Übergangsriten einer Kultur zu untersuchen oder Mythen oder Übergangsriten verschiedener Kulturen miteinander zusammenzustellen und ggf. miteinander zu vergleichen (wofür übrigens James Frazers Buch „The Golden Bough“ ein Beispiel ist).

Wie Montagu (1942: 149) betont, war damals trotz vereinzelter Ansätze in dieser Richtung „… such a thing as an integrated study of a particular culture … unheard of in anthropology …”.

Für Malinowski ergibt sich die Notwendigkeit, eine Kultur als Ganzes zu betrachten, daraus, dass verschiedene Teilbereiche einer Kultur bzw. Aspekte von Kultur und die verschiedenen sozialen Institutionen in einer bestimmten Kultur eng miteinander zusammenhängen, so eng miteinander verwoben sind, dass es nicht möglich ist, einen Bereich oder eine Institution ohne Bezug zu anderen Bereichen oder Institutionen zu verstehen. Er schreibt in seinem eigenen Vorwort zu „Argonauts …“:

„One of the first conditions of acceptable Ethnographic work certainly is that it should deal with the totality of all social, cultural and psychological aspects of the community, for they are so interwoven that not one can be understood without taking into consideration all the others. The reader of this monograph will clearly see that, though its main theme is economic – for it deals with commercial enterprise, exchange and trade – constant reference has to be made to social organisation, the power of magic, to mythology and folklore, and indeed to all other aspects of as well as the main one” (Malinowski 1922: xvii),

und später im Buch hält Malinowski erneut fest:

„The Ethnographer who sets out to study only religion, or only technology, or only social organisation cuts out an artificial field of inquiry, and he will be seriously handicapped in his work” (Malinowski 1922: 11).

Für Malinowski bedeutet der Versuch, eine Kultur als Ganze bzw. in ihrer Gesamtheit zu erfassen und darzustellen, keinen Gemeinplatz, keine bloße Absichtsbekundung, „innere Haltung“ oder nur ein verbales Bekenntnis zu einem irgendwie gearteten Holismus und insbesondere nicht zur Theorielosigkeit, wie man vielleicht meinen könnte, wenn man argumentiert, dass jede Theorie, die an einen Gegenstand herangetragen wird, bestimmte Aspekte dieses Gegenstands notwendigerweise ausblenden müsste. Im Gegenteil: Für Malinowski war es geradezu die Voraussetzung für die Betrachtung einer Kultur in ihrer Gesamtheit, dass eine theoretische Basis für diese Betrachtung vorhanden ist, weil eine strukturierte Wahrnehmung und Beschreibung der Vielzahl von im Prinzip beobachtbaren Phänomenen ohne eine theoretische Basis gar nicht möglich ist. Dementsprechend schreibt Huntington Cairns in seinem Vorwort zum im Jahr 1944 erschienenen Buches von Malinowski mit dem Titel „A Scientific Theory of Culture and Other Essays“ über Malinowski:

“He never tired of insisting that the great need in anthropology was for more theoretical analysis, particularly analysis born from actual contact with natives. In that aspect theory was the instrument which allowed inquiry to be something more than a mere fumbling with multitudinous possibilities; it was an indispensable guide to the field-worker in the selection of facts; it was a necessary element in any sound descriptive science” (Cairns in Malinowski 1944: vi).

Die theoretische Basis Malinowskis ist das, was als Funktionalismus in der Ethnologie bekannt geworden ist (und etwa zeitgleich mit Malinowski, aber mit einigen inhaltlichen Unterschieden, auch von A. R. Radcliffe-Brown entwickelt wurde), und womit sich Malinowski in Gegensatz zu den damals dominierenden Paradigmen von Evolutionismus, Diffusionismus und zur sogenannten historischen Schule, wie sie bekanntermaßen Franz Boas vertreten hat, gestellt hat (hierzu ausführlicher: Flis 1992 und Malinowski selbst in Malinowski 1944, vor allem in den Kapiteln 2 und 3). Den Zusammenhang zwischen dem Versuch, eine Kultur als Ganzes zu betrachten, und dem Funktionalismus als theoretischem Leitgedanken sowie des Neuheitswertes, den beides zur damaligen Zeit in der Ethnologie hatte, erläutert Kohl (1990: 238-239) wie folgt:

„… Gesellschaften als ‚organische Ganzheiten‘ aufzufassen und dementsprechend ihre einzelnen Teile unter dem Gesichtspunkt zu untersuchen, welchen Beitrag sie zur Erhaltung des ‚sozialen Körpers‘ leisten, ist zweifellos weit älter, und Malinowski selbst hat sich in dieser Hinsicht auf Durkheim, Taylor und Robertson Smith als seine wichtigsten Vorläufer berufen. Gleichwohl kann er für sich in Anspruch nehmen, die funktionalistische Methode konsequenter als die meisten Ethnologen vor ihm bei der Analyse ethnographischen Materials in Anwendung gebracht zu haben. Dass selbst die scheinbar bizarrsten Sitten und Gebräuche der ‚Wilden‘, wie etwa Kannibalismus, Kopfjägerei und Couvade, innerhalb des gesellschaftlichen Ganzen, dem sie zugehören, eine bestimmte Funktion erfüllen, ist ein Leitgedanke, der sein ganzes Werk durchzieht. Mögen die Schlußfolgerungen, zu denen er auf diese Weise gelangte, heute auch bisweilen wie ‚erstaunliche Plattheiten‘ … oder maßlose Übertreibungen wirken …, so darf dabei doch nicht übersehen werden, was dieser Ansatz zu einer Zeit bedeutete, als die Ethnologie noch weitgehend von den Lehrmeinungen der Evolutionisten und Diffusionisten beherrscht wurde, deren methodisches Verfahren gerade darin bestand, die Bräuche und Vorstellungen der ‚Wilden‘ aus ihrem jeweiligen Kontext zu lösen und im Rahmen einer allgemeinen Theorie der Kultur entweder als ‚Überlebsel‘ frührer gattungsgeschichtlicher Entwicklungsstadien oder als durch Wanderung und Entlehnung über die ganze Welt verbreitete ‚Kulturelemente‘ zu klassifizieren“.

Allerdings wird man Malinowskis Funktionalismus bzw. seiner funktionalen Theorie von Kultur nicht gerecht, wenn man meint, sie sei eigentlich keine Theorie der Kultur, sondern erschöpfe sich in dem Postulat, dass alle „Sitten und Gebräuche“ irgendeine Funktion erfüllen würden. Und m.E. sind viele Einschätzungen von Malinowskis Funktionalismus Fehleinschätzungen, auch solche von Fachkollegen aus der Ethnologie, die Malinowskis Funktionalismus als eine Art Brachial-Funktionalismus auffassen, der mehr mit dem Kulturmaterialismus gemeinsam hat als mit Malinowskis funktionaler Theorie von Kultur, wie er sie zugegebenermaßen zwar nicht in „Argonauts …“ formuliert hat, aber in anderen Schriften (besonders Malinowski 1944 und 1939).

Ausgangspunkt in Malinowskis funktionaler Theorie von Kultur („the functional theory of culture“; Malinowski 1939: 939) ist der individuelle Mensch in seiner vollen biologischen Realität („in his full biological reality“; Malinowski 1939: 939), d.h. mit all den Bedürfnissen, die er als ein biologischer Organismus hat:

“All human beings have to be nourished, they have to reproduce, and they require the maintenance of certain physical conditions: ventilation, temperature within a definite range, a sheltered and dry place to rest, and safety from the hostile forces of nature, of animals, and of man. The physiological working of each individual organism implies the intake of food and of oxygen, occasional movement, and relaxation in sleep and recreation. The process of growth in man necessitates protection and guidance in its early stages and, later on, specific training” (Malinowski 1939: 940-941).

Die physische Umwelt von Menschen setzt ihnen die Bedingungen, unter denen sie diese Grundbedürfnisse befriedigen können, und sie tun dies in Kooperation, denn:

„[t]he primary – that is, the biological – wants of the human organism are not satisfied naturally by direct contact of the individual organism with the physical environment. Not only does the individual depend on the group in whatever he achieves and whatever he obtains, but the group and all its individual members depend on the development of a material outfit, which in its essence is an addition to the human anatomy, and which entails corresponding modifications of human physiology” (Malinowski 1939: 941).

Dieses materielle “outfit” besteht in kulturellen Erzeugnissen materieller Art wie z.B. Bekleidung, Tischen, Töpfen, Äxten u.ä. aber auch kulturellen Erzeugnissen immaterieller Art wie Normen und Arten des Umgangs mit Dingen. So ist ein Grund- oder primäres Bedürfnis des Menschen das nach Schutz der Haut vor Kälte oder Verletzungen. Diese wird gewährleistet durch bestimmte Praktiken in der Gruppe wie z.B. die Herstellung von Stoffen und deren Weiterverarbeitung in Kleidung, die ihrerseits mit bestimmten Normen für den Umgang mit ihr verbunden sind, z.B. darüber, welche Kleidung für wen wann angemessen ist. Diese Normen sind Gegenstand sozialer Kontrolle, z.B. mit Bezug darauf, wer wann welche Kleidung tragen darf oder soll oder muss und was die Folgen sind, wenn sich jemand nicht an diese Normen hält (Malinowski 1939: 942).

Natur und Kultur lassen sich beim Menschen zwar analytisch, aber nicht praktisch trennen:

„In matters of nutrition [z.B.], the individual human being does not act in isolation; nor does he behave in terms of mere anatomy and unadulterated physiology; we have to deal, instead, with personality, culturally molded. Appetite or even hunger is determined by the social milieu. Nowhere and never will man, however primitive, feed on the fruits of his environment. He always selects and rejects, produces and prepares. He does not depend on the physiological rhythm of hunger and satiety alone; his digestive processes are timed and trained by the daily routine of his tribe, nation, or class. He eats at definite times, and he goes for his food to his table. The table is supplied from the kitchen, the kitchen from the larder, and this again is replenished from the market or from the tribal food-supply system” (Malinowski 1939: 943).

Kulturelle Aktivitäten sind für Malinowski im Kern Reaktionen auf die Bedürfnisse von Menschen, oder anders ausgedrückt: sie erfüllen die Funktion der Bedürfnisbefriedigung von Menschen. Menschen erlernen kulturelle Techniken zur Bedürfnisbefriedigung von anderen Menschen (u.a. ihren Eltern), sie benutzen sie gemeinsam und in Abstimmung mit anderen Menschen und sie geben sie ihrerseits an andere Menschen (insbesondere die Folgegeneration) weiter, vielleicht mit technologischen Verbesserungen oder Veränderungen bezüglich des Umgangs mit der kulturellen Technik.

Gleichzeitig verändern kulturelle Aktivitäten die Bedürfnisstruktur von Menschen; es entsteht das, was Malinowski später (1944: 120) abgeleitete (“derived“) Bedürfnisse nennt:

„The human organism, however, itself becomes modified in the process and readjusted to the type of situation provided by culture. In this sense culture is also a vast conditioning apparatus, which through training, the imparting of skills, the teaching of morals, and the development of tastes amalgamates the raw material of human physiology and anatomy with external elements, and through this supplements the bodily equipment and conditions the physiological processes. Culture thus produces individuals whose behavior cannot be understood by the study of anatomy and physiology alone, but has to be studied through the analysis of cultural determinism – that is, the processes of conditioning and molding” (Malinowski 1939: 946-947),

Das Ergebnis dieser Prozesse sind

“…cultural imperatives” imposed on man by his own tendency to extend his safety and his comforts, to venture into the dimensions of movement, to increase his speed, to prepare engines of destruction, as well as production, to armor himself with colossal protective devices and construct equivalent means of attack” (Malinowski 1944: 120).

Für Malinowski sind kulturelle Imperative sekundäre Bedürfnisse, die allerdings keine gänzlich anderen Bedürfnisse sind als die primären, sondern sozusagen Überformungen der primären Bedürfnisse darstellen oder sie vermitteln.

Um eine fremde Kultur zu verstehen bzw. das Verhalten der Menschen in einer fremden Kultur zu verstehen, genügt es daher nicht, ein Inventar der materiellen Lebensbedingungen der Menschen in dieser Kultur zu erstellen und ihr Verhalten als Anpassungsverhalten an ihre physische Umwelt zu interpretieren, sondern vielmehr als Anpassungsverhalten an ihre kulturelle Umwelt. Institutionen sind Teil der kulturellen Umwelt, und ihre Betrachtung durch den Ethnologen ist unabdingbar:

“The analysis into institutions … is indispensable because they give us the concrete picture of the social organization within the culture. In each institution the individual obviously has to become cognizant of its charter; he has to learn how to wield the technical apparatus or that part of it with which his activities associate him; he has to develop the social attitudes and personal sentiments in which the bonds of organization consist” (Malinowski 1939: 954).

Konkret bedeutet das, dass Institutionen immer als

“… definite groups of men united by a charter, following rules of conduct, operating together a shaped portion of the environment, and working for the satisfaction of definite needs”

zu betrachten sind, wobei

“[t]his latter defines the function of an institution” (Malinowski 1939: 962).

Insofern muss der Ethnologe eine fremde Kultur, auch, wenn er Institutionen betrachtet, sie immer „from the native’s point of view“ betrachten. Das ist nicht gleichbedeutend mit der Übernahme einer subjektiven Einschätzung dessen, der gerade als Informant oder kultureller „Übersetzer“ für den Ethnologen fungiert, z.B. darüber, ob oder wie ein bestimmtes religiöses Ritual zielführend ist oder nicht, und auch nicht mit der Übernahme der Perspektive eines dieser Kultur Angehörigen als individueller Persönlichkeit, die sich vielleicht von bestimmten Heiratsregeln in ihrer Wahlfreiheit beschränkt fühlt. Vielmehr bedeutet die Betrachtung einer Kultur „from the native’s point of view“ , dass

“… the individual, with his physiological needs and psychological processes, is the ultimate source and aim of all tradition, activities, and organized behaviour”,

die ihrerseits die Ergebnisse der Transformation individueller, menschlicher Bedürfnisse in kulturelle Notwendigkeiten oder Vorschriften darstellen, denn

“[s]ociety by the collective wielding of the conditioning apparatus molds the individual into a cultural personality” (Malinowski 1939: 962).

Malinowskis Funktionalismus als eine Art Brachial-Funktionalismus aufzufassen, bei dem für jedes beliebige Element einer Kultur, jede Verhaltensweise von Menschen in dieser Kultur, anzugeben wäre, auf welche Weise genau es zur Befriedigung von Grund- oder primären Bedürfnissen von Menschen als biologischen Wesen führt oder beiträgt, ist also eine Karikatur dessen, was Malinowski tatsächlich unter einer funktionalen Betrachtung einer Kultur versteht. Missverständnisse dieser Art bzw. uneingeschränktes Nicht-Verständnis der funktionalen Theorie von Kultur von Malinowski findet man auch bei Autoren, denen man diesbezüglich mehr Urteilsfähigkeit zuzugestehen geneigt ist, wie z.B. bei Gregory Bateson, den sein Biograph David Lipset wie folgt zitiert:

„The whole Malinowskian theory of human needs, that if you make a list of human needs, and then you dissect the culture on how it satisfies them – this seemed to me absolute balls. It being true of course that if the culture does not provide the people any food, the people die. But this is not the same as saying that the food is provided to keep them alive” (Bateson, zitiert nach Lipset 1982: 123).

Immerhin gesteht Bateson zu, dass es zutrifft, dass jede Betrachtung menschlicher Kultur beim Individuum und seinen primären Bedürfnissen beginnen muss. Und weil das so ist, ist eine andere Neuerung, die Malinowski hauptsächlich seinen Ruf als Vater der modernen Ethnologie eingebracht hat, nämlich seine Forschungsmethode, die Feldforschung bzw. teilnehmende Beobachtung, untrennbar mit seiner funktionalistischen Theorie von Kultur verbunden.

So schreibt Malinowski:

“Where do we find the main shortcomings of the various classical schools of anthropology? In my opinion, they always center round the question whether, in constructing an evolutionary stage system, or in tracing the diffusion of this or that cultural phenomenon, the scholar has devoted sufficient attention to the full and clear analysis of the cultural reality with which he deals” (Malinowski 1944: 26).

Die kulturelle Realität, die der Ethnologe beobachten (und verstehen oder erklären) möchte, ist aber eine von konkreten Individuen gelebte Realität, keine Repräsentation einer Art Ideengeschichte, was Malinowski deutlich macht, wenn er formuliert, was ihn an Frazers „Golden Bough“ stört:

„Again, the main criticism which can be directed against Frazer’s valuable analysis of magic is that he concentrated his attention primarily on the rite and formula, and was not sufficiently aware that magic is as magic does. Hence, the ritual performance can not be fully understood except in relation to the pragmatic utilitarian performance in which it is embedded, and to which it is intrinsically related” (Malinowski 1944: 26).

Malinowski meint, dass es für den Ethnologen erforderlich ist,

“… to state clearly and precisely where the material determinants, human actions, beliefs and ideas, that is, symbolic performances, enter into such an isolate or reality of culture, how they interact and how they obtain that character of permanent, necessary relationship to each other” (Malinowski 1944: 27).

Und die “pragmatic utilitarian performance” macht die Kultur als solche erst aus, denn:

“[w]hether we consider a very simple or primitive culture or an extremely complex and developed one, we are confronted by a vast apparatus, partly material, partly human and partly spiritual, by which man is able to cope with the concrete, specific problems that face him. These problem arise out of the fact that man has a body subject to various organic needs, and that he lives in an environment which is his best friend, in that it provides the raw materials of man’s handiwork, and also his dangerous enemy, in that it harbors many hostile forces” (Malinowski 1944: 36).

Und:

“The analysis just outlined, in which we attempt to define the relation between a cultural performance and a human need, basic or derived, may be termed functional. For function can not be defined in any other way than the satisfaction of a need by an activity in which human beings cooperate, use artifacts, and consume goods. Yet this very definition implies another principle with which we can concretely integrate any phase of cultural behavior. The essential concept here is that of organization. In order to achieve any purpose, reach any end, human beings have to organize” (Malinowski 1944: 38-29).

Weil

“[n]o [cultural] element, ‘trait,’ custom, or idea is defined or can be defined except by placing it within its relevant and real institutional setting”,

macht Malinowskis funktionale Theorie der Kultur die teilnehmende Beobachtung durch den Ethnologen „im Feld“ notwendig. Frazer fasst die Forschungsmethode Malinowskis bei den Trobriandern wie folgt zusammen:

“In the Trobriand Islands … Dr. Malinowski lived as a native among the natives for many months together, watching them daily at work and at play, conversing with them in their own tongue, and deriving all his information from the surest sources-personal observation and statements made to him directly by the natives in their own language without the intervention of an interpreter. In this way he has accumulated a large mass of materials, of high scientific value, bearing on the social, religious, and economic or industrial life of the Trobriand Islanders” (Frazer in Malinowski 1942: v).

Nur durch die teilnehmende Beobachtung im Rahmen von Feldforschung als „… an empirical type of research“ (Malinowski 1944: 11) ist der Ethnologe im Stande, „…the realities [!] of culture under the greatest variety of conditions …“ (Malinowski 1944: 11) zu erforschen. Die „realities of culture“ sind in den Institutionen einer Gesellschaft zu finden, und wir erinnern uns: Institutionen sind für Malinowski „definite groups of men united by a charter …“ (Malinowski 1939: 962), keine Abstrakta mit irgendwie gearteter eigener Existenz. Ohne lebendige Menschen, die in entsprechender Weise kooperieren, gibt es keine Institutionen. Wie Institutionen (was be-/) wirken, ist nur anhand des konkreten Handelns realer Menschen festzustellen, ebenso wie die Art und Weise, wie Institutionen sich verändern, denn Malinowski hat auch beschrieben, wenn und warum individuelles Handeln von den idealen Normen der „charter“ abweicht.

Malinowski selbst begründet die Wichtigkeit der Feldforschung, um die „realities of culture“ erfassen zu können, wie folgt:

„Though we cannot ask a native about abstract, general rules, we can always enquire how a given case would be treated. Thus for instance, in asking how they would treat a crime, or punish it, it would be vain to put to a native a sweeping question such as, ‘How do you treat and punish a criminal?’ for even words could not be found to express it in native, or in pidgin. But an imaginary case, or still better, a real occurrence, will stimulate a native to express his opinion and to supply plentiful information. A real case indeed will start the natives on a wave of discussion, evoke expressions of indignation, show them taking sides – all of which talk will probably contain a wealth of definite views, of moral censures, as well as reveal the social mechanism set in motion by the crime committed. From there, it will be easy to lead them on to speak of other similar cases, to remember other actual occurrences or to discuss them in all their implications and aspects. From this material, which ought to cover the widest possible range of facts, the inference is obtained by simple induction” (Malinowski 1922: 12).

Das konkrete Handeln realer Menschen kann nur dokumentiert, verstanden oder erklärt werden, wenn der Ethnologe es erstens als solches beobachten und es zweitens in seinem Zusammenhang mit dem Handeln (Derselben oder Anderer), deren Zusammenhandeln andere Institutionen hervorbringen, beobachtet werden kann.

Deshalb besteht ein enger Zusammenhang zwischen Malinowskis funktionaler Theorie von Kultur und der Methode der Feldforschung, insbesondere der teilnehmenden Beobachtung in der Feldforschung. Letztere ist nicht eine methodische Neuerung Malinowskis in eigenem Recht gewesen. Sie hat sich ihm nicht „einfach so“ als die per se bessere Forschungsmethode in der Ethnologie geoffenbart. Sie ist nicht Ausdruck einer Idee Malinowskis, wie man als Ethnologe per se am besten Forschung betreibt. Und deshalb ist z.B. die Einschätzung von Michel Panoff, der Malinowski als ‚genialen Ethnographen und mittelmäßigen Theoretiker“ bezeichnete, falsch insofern sie am Punkt vorbeigeht, und der Punkt ist eben der, dass die Methode, die Malinowski verwendete, durch seine Theorie begründet und gerechtfertigt ist, aber nicht „an sich“ als begründet und gerechtfertigt gelten kann.

Oder anders gesagt: Wer Malinowskis funktionale Theorie der Kultur ablehnt, muss eine eigenständige Begründung dafür vorbringen, warum Malinowskis Forschungsmethode per se einen so großen Fortschritt gegenüber bis dahin gepflegter Forschungsmethoden in der Ethnologie darstellen soll. Durchsucht man die Literatur daraufhin, so wird man diesbezüglich in der Regel enttäuscht. Begründungen für teilnehmende Beobachtung im Rahmen von Forschung „im Feld“ als Königsweg der Ethnologie haben m.E. gewöhnlich starken ad hoc-Charakter, sofern es überhaupt für notwendig gehalten wird, diese Einschätzung zu begründen und sie nicht als „Rezeptwissen“ Teil der ethnologischen Folklore ist.

Malinowski dagegen wusste noch, dass Theorie und Methode eng miteinander verbunden sind – und sein müssen, wenn Forschung Erkenntnisse produzieren soll, und dies keineswegs nur in der Ethnologie oder verwandten Disziplinen. Wenn in diesem Text an Malinowski zu seinem Todestag erinnert wird, dann nicht nur, um jemanden zu ehren, der als Klassiker der Ethnologie gilt – und sei es „nur“, weil wir ihm mit seinem Werk über die Trobriander die umfassendste Dokumentation einer schriftlosen Gesellschaft verdanken, über die wir überhaupt verfügen (diese Einschätzung teile ich mit Kohl 1990: 235) –, sondern auch und vor allem zur Erinnerung daran, dass jede Wissenschaft bei einer Theorie beginnt und es keine Methode gibt, die unabhängig von einer Theorie, quasi aus sich selbst heraus, qualitätvoll oder erkenntnisproduzierend ist. Das ist etwas, was mir zumindest in bestimmten Bereichen der institutionalisierten Wissenschaft weitgehend vergessen worden zu sein scheint und woran es sich zu erinnern lohnt – und mit ihm an diejenigen Forscher, die sich hierüber noch im Klaren waren, Forscher wie Bronislaw Malinowski.


Literatur:

Bateson, Gregory, 1958: Naven: A Survey of the Problems Suggested by a Composite Picture of the Culture of New Guinea Tribe Drawn from Three Points of View. Stanford University Press.

Flis, Mariola, 1992: Malinowski and Radcliffe-Brown: Two Versions of Functionalism. The Polish Sociological Bulletin 97: 35-43.

Frazer, James G., 1890: The Golden Bough: A Study in Comparative Religion. London: Macmillan and Co.
Deutsche Übersetzung: 1977: Der goldene Zweig: Eine Studie über Magie und Religion. Frankfurt/M.: Ullstein.

Kohl, Karl-Heinz, 1990: Bronislaw Kaspar Malinowski (1884-1942). S. 227-247 in: Marschall, Wolfgang (Hrsg.): Klassiker der Kulturanthropologie: Von Montaigne bis Margaret Mead. München: C. H. Beck.

Lipset, David, 1982: Gregory Bateson: The Legacy of a Scientist. Boston: Beacon Press.

Malinowski, Bronislaw, 1944: A Scientific Theory of Culture and Other Essays. Chapel Hill: University of North Carolina Press.
Deutsche Übersetzung: 1975: Eine wissenschaftliche Theorie der Kultur und andere Aufsätze. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Malinowski, Bronislaw, 1939: The Group and the Individual in Functional Analysis. American Journal of Sociology 44(6): 938-964.

Malinowski, Bronislaw, 1922: Argonauts of the Western Pacific: An Account of Native Enterprise and Adventure in the Archipelagoes of Melanesian New Guinea. London: Routledge & Kegan Paul.
Deutsche Übersetzung: 1979: Argonauten des westlichen Pazifik: ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea. Frankfurt/M.: Syndikat.

Montagu, M. F. Ashley, 1942: Bronislaw Malinowski (1884-1942). Isis 34(2): 146-150.



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