Leben wir im Totalitarismus?: Die religiösen Grundlagen des Totalitarismus nach Tzvetan Todorov

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Vor Kurzem haben wir eine Reihe begonnen, in der wir verschiedene Konzeptionen von Totalitarismus bzw. totalitärer Ideologie bzw. von ideologischem Denken in diesbezüglich einschlägigen Texten vorstellen, um mit Bezug auf die Frage, ob bzw. inwieweit wir derzeit im Totalitarismus leben, Stoff zum Nachdenken und zum Argumentieren zu liefern. Die Reihe begann mit Hannah Arendts „Elemente[n] und Ursprünge[m] totaler Herrschaft (2011[1955]) und wurde fortgesetzt mit den Beobachtungen und Überlegungen von Robert Jay Lifton (Lifton 1989[1961]) zum „ideologischen Totalismus“. Die Reihe wird heute fortgesetzt mit „Totalitarismus“ in der Konzeption von Tzvetan Todorov.

Der Literaturwissenschaftler, Essayist und Zeit- und Ideengeschichtler Tzvetan Todorov wurde 1939 in Sofia geboren und ist im kommunistischen Nachkriegs-Regime Bulgariens aufgewachsen. Er studierte slawische und europäische Sprachen und Literatur an der Universität in Sofia und war anschließend für kurze Zeit als Französisch-Lehrer tätig. Die finanzielle Unterstützung seiner Tante ermöglichte es dem regimefeindlichen Todorov, seine Studien im Jahr 1963 in Frankreich, genau: an der Sorbonne in Paris, fortzusetzen (De Berg & Zbinden 2020: 2-4). Er studierte Literaturwissenschaft unter Roland Barthes und erhielt seinen Doktortitel im Jahr 1966 für eine literaturwissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Littérature et Signification“. Die Arbeit wurde ein Jahr später veröffentlicht.

Die Literaturwissenschaft blieb Todorovs Betätigungsfeld. Seit den 1980er-Jahren widmete sich Todorov zunehmend der Zeit- und der europäischen Ideengeschichte. Sein erstes einschlägiges Buch aus diesem Bereich trägt im 1982 erschienenen Original den Titel „La Conquȇte de l’Amérique“, d.h. „Die Eroberung Amerikas“. In den 1990er- und 2000er-Jahren und bis zu seinem Tod im Februar 2017 in Paris veröffentlichte Todorov eine ganze Reihe von Büchern, die sich mit dem Totalitarismus bzw. totalitären Regimen oder mit Humanismus und der Demokratie beschäftigten. Unter denjenigen in der ersten Gruppe (über Totalitarismus) dürften am bekanntesten sein: „Facing the Extreme: Moral Life in the Concentration Camp“ (1997), „Voices form the Gulag: Life and Death in Communist Bulgaria” (1999) und “L’Expérience totalitaire” (2010), unter denen in der zweiten Gruppe (Humanismus und Demokratie): „Le Jardin Imparfait“ (1999) und das vergleichsweise späte Werk “Les ennemis intimes de la démocratie” (2012).

All diese Bücher seien dem Interessierten zur Lektüre empfohlen. Mit Hilfe einer Suchmaschine lassen sich die vollständigen bibliographischen Angaben zu diesen Titeln finden, ebenso wie ggf. existierende Übersetzungen der französischsprachigen Bücher ins Englische oder Deutsche.

Seine Auffassung von Totalitarismus hat Todorov m.E. aber nirgendwo kompakter und systematischer zusammengefasst als in einem Text, der im Jahr 2001 in einer Fachzeitschrift in englischer Sprache erschienen ist. Dieser Text trägt den Titel „Totalitarianism: Between Religion and Science“, und es ist dieser Text, der uns hier beschäftigen soll.

Für Todorov war Totalitarismus the great innovation of the twentieth century and also its greatest evil” (Todorov 2003: 3), ein Phänomen “… inspired by modernity’s principles” (Todorov:2001 33). Mit “Moderne” bezeichnet Todorov

“… doctrines advocating that society receive its laws not from God or tradition, but from men themselves. It also implies the existence of science, of knowledge that is mastered through human reason alone rather than being mechanically handed down from one generation to another. But it is not … the inevitable outcome of modernity” (Todorov 2001: 33).

Der Totalitarismus, wie er im zwanzigsten Jahrhundert im nationalsozialistischen Deutschland, in der stalinistischen Sowjetunion und im Nachkriegs-Osteuropa zum Ausdruck kam, besteht für Todorov sozusagen aus drei Komponenten:

  • Utopismus
  • Szientismus und
  • Terror bzw. die Vorstellung von der Notwendigkeit und Legitimität von Terror.

Er bezeichnet diese drei Komponenten zusammengenommen als die ideologischen Wurzeln des Totalitarismus (“ideological roots of totalitarianism”; Todorov 2001: 37). Er gesteht zu, dass auch ökonomische, soziale und politische Gegebenheiten oder Konstellationen den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts befördert haben (Todoron 2001: 37), aber die ideologischen Wurzeln des Totalitarismus sind für ihn notwendige Bedingungen für seine Entstehung.

Die Tatsache, dass Utopismus, Szientismus und Terror als legitimes Mittel im 20. Jahrhundert zusammenkommen und den Totalitarismus hervorbringen, insofern der Totalitarismus also ein Phänomen der Moderne ist, bedeutet nicht, dass sie nicht ihrerseits Ergebnisse einer Entwicklung sind, die weit in die Vormoderne zurückreicht. Die Tatsache, dass Totalitarismus ein bedauerliches, aber kein notwendiges Ergebnis der Moderne ist, hat damit zu tun, dass diese Entwicklungen weder in der Moderne noch in der Vormoderne ohne Alternative geblieben sind und nicht unwidersprochen blieben.



 

1. Utopismus

Wie Todorov gleich zu Beginn seines Textes klar macht, ist Totalitarismus im Kern eine Heilslehre, ist im Kern also eine religiöse Doktrin:

„Totalitarianism extends a promise of plenitude, of a harmonious life and of happiness. While it is true that the promise is not kept, it remains nevertheless, and we can always tell ourselves that next time it will be fulfilled and we will be saved” (Todorov 2001: 28).

Todorov bzeichnet den Anspruch des Totalitarismus, allen ein „gutes“ Leben in einer „guten“ Gesellschaft, die zu errichten bzw. errichten zu können, er vorgibt, als Utopismus, und dieser „… utopism is in turn revealed as an atheistic millennialism“ (Todorov 2001: 28; siehe hierzu auch die Beiträge im von Sorg & Würffel 2010 herausgegebenen Sammelband).

Als Millenarismus bezeichnet man Bewegungen im Christentum, die seit dem 13. Jahrhundert in Europa mehrfach aufgetreten sind (wie z.B. die Taboriten im 15. Jahrhundert oder die Wiedertäufer im 16. Jahrhundert) und Gläubigen das Heil bzw. die Möglichkeit des Heils auf Erden und nicht erst in einer jenseitigen Welt oder im Reich Gottes versprechen. Zwar sagt Jesus (in Johannes 18:36) ausdrücklich, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, aber millenaristische Bewegungen berufen sich auf die Verheißung (in der Offenbarung 20) eines tausendjährigen Reiches unter der Regierung Jesu und/oder (das bleibt unklar) seiner bzw. Gottes Priester (im Sinne Jesu). Es beginnt, nachdem ein Engel aus dem Himmel herabgestiegen ist und den Satan in einen Abgrund geschleudert und den Abgrund versiegelt hat.

Trotz der Tatsache, dass in der Offenbarung des Johannes (20) in diesem Zusammenhang von „Seelen“ die Rede ist, nämlich von den „… Seelen derer, die enthauptet waren um des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen …diese wurden lebendig und regierten mit Christus tausend Jahre”, meinten Millenaristen, dass in der Offenbarung von einem irdischen Reich die Rede sei, und sie meinten außerdem, den Beginn des tausendjährigen Reiches beschleunigen zu können oder den bevorstehenden Beginn des tausendjährigen Reiches vorbereiten oder vorwegnehmen zu müssen und zu können, indem sie die unvollkommene, als ungerecht oder sonstwie schlecht empfundene gesellschaftliche Ordnung zu Fall bringen und sie ggf. durch eine Gesellschaft zu ersetzen, in der es keine Ungleichheit und keine Armut, keine Dilemmata und keine Kompromisse gibt, sondern alle gleich sind und in Glück und materiellem Überfluss leben.

Was die Heilslehre des europäischen Totalitarismus vom christlichen Millenarismus unterscheidet, ist, dass die Heilslehre des Totalitarismus ohne Bezug auf Gott bzw. ohne Gott auskommt, und die Heilslehre ohne Gott nennt Todorov „utopianism“, d.h. Utopismus:

„In contrast to medieval or Protestant millennial movements, utopianism consists of the desire to build a perfect society through the efforts of man alone, without any reference to God. It is thus a second-degree deviation from the original Christian doctrine. Utopianism takes its name from utopia which is nothing more than an intellectual construct, an image of the ideal society” (Todorov 2001: 29).

Auch, wenn der Utopismus, der dem Totalitarismus zugrunde liegt, ohne Gott auskommt, so ist er doch eine Heilslehre und

„… like every other salvation doctrine, they [die totalitären Doktrinen] fall under the category of religion. To be sure, it is no accident that this religion without God prospers in the context of Christian decline” (Todorov 2001: 30).

Obwohl Todorov in seinem Text diesen Gedanken nicht weiter vertieft, dürfte damit hinreichend klar sein, dass er meint, dass der Totalitarismus zumindest zum Teil diejenigen psychologischen Funktionen übernimmt, die früher die Religion mit Gott, in Europa also das Christentum, erfüllt hat.

 

2. Szientismus

Todorov gesteht zu, dass Szientismus auf den ersten Blick mit Utopismus unvereinbar scheinen könnte. Tatsächlich bilden sie aber ein Paar. Um das zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass der Begriff „Szientismus“ zwar an den englischen Begriff „science“, der „Wissenschaft“ bedeutet, angelehnt ist, aber eben nicht „science“ oder „Wissenschaft“ bedeutet. Szientismus ist gerade nicht Wissenschaft. Er unterscheidet sich grundlegend von Wissenschaft insofern die Ausgangshypothese des Szientismus die ist, dass die Welt vollständig kohärent und (daher) für uns Menschen vollständig durchschaubar, vollständig erklärbar und (wiederum daher) nach Belieben manipulierbar sei.

„Thus, as though the world were transparent, it can be known by human reason without lacunae. This task of knowing is entrusted to an appropriate praxis called science. No part of the world – material, spiritual, animate, or inanimate, – can escape the grasp of science … If man’s science manages to penetrate all of nature’s secrets, if it allows him to reconstitute the chain of events contributing to each fact and every living being, it should then be able to modify these processes and to orient them in the desired direction. Science, an exercise in understanding the world, gives rise to technique, an exercise in transforming it” (Todorov 2001: 30).

Der entscheidende Punkt ist hier die Überzeugung von der totalen Machbarkeit von allem – und jedem:

„If the transparency of reality also applies to the world of man, nothing prevents him from thinking about the creation of a new man, a species freed from the defects and impurities of its predecessors: what is logical for cows is logical for people. As Alain Besançon has concluded, here ‘Knowledge brings salvation’” (Todorov 2001: 31).

Oder wie Marx in seiner 11. These zu Feuerbach gemeint hat: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern“ (Marx 1960[1932]: 585; Hervorhebung im Original). Daher ist die Indoktrination von Kindern und Jugendlichen in allen totalitären Regimen von zentraler Bedeutung: Es geht darum, der nächsten Generation das „Wissen“ zu vermitteln, das geeignet ist, sie von den „Defekten“ ihrer Eltern und Großeltern zu reinigen, sie in neuere, „bessere“ Menschen zu transformieren. In welche Richtung die Welt und die Menschen in ihr verändert werden, um die ideale Gesellschaft, das Heil auf Erden, zu etablieren, darüber gibt im Szientismus ebenfalls die Wissenschaft Aufschluss:

„… man wanted to be warm and to feed his hunger; his interest in these instance goes without saying. Everything that is good for man is good in general. But what if this entails the modification of the human species as such? Scientism tells us that science, once again, will provide us with the answer. The objectives of mankind and of the world are simply a by-product, an automatic effect, of the work of knowledge – so automatic in fact that the follower of scientism often does not even take the trouble to include them in his calculations” (Todorov 2001: 31).

Wenn die Wissenschaft z.B. feststellt, dass Rauchen die Lebenserwartung der Menschen im Durchschnitt statistisch verringert, dann ist in der idealen Gesellschaft kein Platz für Raucher. Dasselbe gilt für Menschen, die von der Medizin als übergewichtig eingeordnet werden. Wenn die Wissenschaft – angeblich– feststellt, dass der durch Menschen verursachte Ausstoß von CO2 die Lebensgrundlagen für Menschen in negativer Weise verändert, dann muss er eben reduziert werden – ungeachtet von negativen Effekten, die diese Reduktion ihrerseits auf Menschen haben wird, denn der Mensch von morgen zählt als der „gereinigte“ Mensch, der in seiner Lebensweise „nachhaltig“ sein kann, immer mehr als der Mensch des Heute, der aufgrund seiner Defekte nicht weiß, was für ihn und den zukünftigen Menschen gut ist und daher im Wesentlichen ein problematischer Mensch ist. Und so kommt es, dass der Szientismus im Interesse des „neuen“ Menschen in der „idealen“ Gesellschaft, also im Interesse einer Heilslehre, einer Utopie, agiert, aber nicht im Interesse zur selben Zeit real existierender Menschen.

Real existierende Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse, Wünsche und Überzeugungen, aber die „höhere“ Moral des Szientismus, die in ihm mit „Wissen“ gleichgesetzt ist, kann diese Verschiedenheit nicht tolerieren:

„If ultimate ends were merely an effect of individual choice then each person would have to allow that their choice might not coincide with their neighbour’s; as a consequence it would become necessary to accommodate other interests, to practice tolerance and to look for compromises. Several conceptions of the good would coexist. But the same does not apply to findings of science. Here, the false version is mercilessly dismissed and nobody thinks to ask for a little more tolerance on behalf of the refuted hypotheses. Since there is no room for several conceptions of the truth, an appeal to pluralism is out of the question; only errors are many, truth is one. If the ideal is the outcome of a demonstration, and not of an opinion, then it must be accepted without dispute” (Todorov 2001: 31).

Toleranz für Menschen, die gerne rauchen möchten, für Menschen, die gerne und viel essen, für Menschen, die nicht wissen, wie sie ohne ihr Auto zur Arbeitsstelle kommen sollen oder wovon sie ihre stetig höher werdende Stromrechnung bezahlen sollen, u.v.m. ist im Totalitarismus bzw. Szientismus nicht nur nicht notwendig, sie wäre vielmehr ebenso wie jeder Kompromiss sachlich und moralisch falsch. Das kollektive „Gute“ stellt sich als Produkt wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts ein (Todorov 2001: 33), und jeder, der in seinem Meinen oder Handeln dem widerspricht, was im Szientismus für „gut“ gefunden worden ist, steht der Verwirklichung des kollektiven „Guten“ entgegen.

Oder anders gesagt. Das kollektive „Gute“ ist, was zählt, nicht die – im übrigen durchaus verschiedenen – Bedürfnisse, Wünsche, Überzeugungen individueller Menschen, ohne die es keine Gesellschaft gibt und geben kann.

„Individual freedom, tolerance, and dialogue have no role to play because one always has at one’s disposal a single truth which requires submission not debate“ (Todorov 2001: 38).

Um Missverständnisse zu vermeiden:

„Scientism rests on the existence of science, but it is not itself scientific” (Todorov 2001: 31),

und zwar deshalb, weil der Szientismus seine „Wahrheit“ zum Dogma erhebt, also im Gegensatz zur Wissenschaft keine Kritik kennt (dies allein disqualifiziert z.B. die sogenannten „Gender Studies“ davon, Wissenschaft zu sein), keine probabilistischen Aussagen kennt (oder dulden kann), keine alternativen Hypothesen, keinen relativen Bewährungsgrad von Aussagen kennt. Szientismus imitiert Wissenschaft, ist aber tatsächlich eine Religion:

„… no knowledge can ever present itself as absolute and definitive without endangering its status as knowledge and becoming instead just another act of faith“ (Todorov 2001: 34).

Szientismus ist aber auch deshalb keine Wissenschaft, weil er den Anspruch erhebt, auch Aussagen darüber machen zu können, was moralisch ist und was nicht, und damit: was „gut“ oder „schlecht“ ist, während die Wissenschaft diese Anspruch nicht nur nicht erhebt, sondern explizit betont, dass

„[i]deals cannot be true or false, only more or less lofty. Knowledge does not produce morality. Educated beings are not necessarily good” (Todorov 2001: 35).

Wissenschaft ist keine moralische Instanz. Sie stellt relatives Wissen bereit. Sie sagt nichts darüber, ob oder wie es verwendet werden sollte; dies zu entscheiden, liegt in der Autonomie jedes Einzelnen, der in einem demokratischen System für seine Entscheidung bzw. Überzeugung werben kann (mehr nicht). Und deshalb ist Wissenschaft, wie Todorov (2001: 38) sagt, die Schwester der Demokratie, ganz so, wie Szientismus der Bruder des Totalitarismus ist. Beide, Wissenschaft und Demokratie, sind ihrerseits Töchter des Humanismus, während Szientismus und Totalitarismus Söhne der Heilslehre sind, die der Utopismus darstellt.

Sobald sich Wissenschaft anschickt, sich moralisch zu geben, erzieherisch tätig zu werden, also zu „nudgen“, mutiert sie zum Szientismus:

„The overflowing of scientism in democratic countries is quite frequent: one sees it for example as soon as political decisions are presented as ineluctable effects of economic laws discovered by scientists, or of natural laws accessible only to doctors and biologists. Politicians love to hide behind the authority of experts. Nevertheless, a fundamental distinction is lost as soon as scientism becomes a utopianism, a plan for a perfect society that must be carried out immediately” (Todorov 2001: 40),

wie dies z.B. im Zusammenhang mit dem Klimaschwindel der Fall ist.

Auch diesbezüglich gilt es, einem Mißverständnis vorzubeugen: Todorov ist nicht der Meinung, dass Demokratie zur Untätigkeit verdammt sei, weil sie sich nicht auf absolutes Wissen, auch darüber, was „gut“ oder „schlecht“ ist, stützen kann:

„Democracy is not a form of conservatism, a resigned acceptance of the world as it is … one does not have to choose between a total renunciation of ideals and the desire to impose them by any means” (Todorov 2001: 40),

denn in einer Demokratie ist die Vielfalt von Interessen und Wünschen legitim, Dialog ist möglich, und Kompromisse sind Normalität:

„Liberal democracy … is only committed to allowing everyone to seek their own measure of happiness, harmony, and plenitude. In the best of circumstances, it insures the contentment of its citizens, their participation in the direction of public life, and justice in their relations with one another and with the State; it in no way promises salvation. Autonomy corresponds to the right to search for oneself, not to the certainty of finding” (Todorov 2001: 28; Hervorhebung d.d.A.).



3. Terror

Terror oder die Akzeptanz von Terror als notwendiges oder legitimes Mittel zur Durchsetzung eines Zieles ist für Todorov das dritte Element, das den Totalitarismus der Moderne in seinen verschiedenen Varianten – insbesondere, aber nicht nur, den Stalinismus und das nationalsozialistische Deutschland – hervorgebracht hat:

„Violence as a means of imposing the good is not intrinsically linked to scientism, it has existed since time immemorial. The French Revolution did not need a scientistic justification to legitimise the Terror [mit großem “T” steht so im Original!]. However, at a certain point in time, elements that had hitherto remained isolated, began to operate in conjunction with one another: the revolutionary spirit which implied recourse to violence, the millennialist dream of building a terrestrial paradise in the here and now, and finally the doctrine of scientism which postulated that total knowledge of the human species was attainable. This Moment corresponds to the birth of totalitarian ideology” (Todorov 2001: 36).

Es ist also nicht Terror als solcher, durch den sich Totalitarismus auszeichnet, sondern Terror, der dadurch als notwendig oder gerechtfertigt angesehen wird, dass er im Dienst der Erreichung des utopischen Ziels, der Errichtung der idealen Gesellschaft, die von „neuen“ Menschen bevölkert ist, steht. Obwohl Todorov festhält:

„One can be a follower of scientism without the millennialist dream and without the call to violence …“ (Todorov 2001: 36-37),

hält er auch fest, dass Szientismus aufgrund seines Anspruchs, „wissenschaftlich“ begründete umfassende und endgültige Lösungen für alles und alle finden und implementieren zu können, übergangsweises Leid Einiger oder sogar Vieler oder sogar deren Tod als notwendig in Kauf zu nehmen bereit ist oder legitimiert (Todorov 2001: 34).

Nicht nur Szientismus hat die Tendenz, Terror, wenn nicht zu befördern, so doch zu legitimieren. Auch der Utopianismus als eine Form von Heilslehre weist diese Tendenz auf:

„[u]topianism is of necessity tied to coercion and violence … in that it seeks to introduce perfection into the here and now while acknowledging that people are imperfect. This is why, as the Russian religious philosopher Semion Frank noted in 1941, ‘Utopianism, which presupposes the possibility of fully realising the good by means of the social order, possesses an inherent tendency for despotism” (Todorov 2001: 29),

denn wenn das “Gute” durch die soziale Ordnung verwirklicht wird, dann können „Störungen“ dieser sozialen Ordnung bzw. solche, die ihrer Verwirklichung entgegenstehen, nicht geduldet werden, denn – wir erinnern uns an das oben bereits Zitierte: „…one always has at one’s disposal a single truth which requires submission not debate” Todorov 2001: 38). Und „submission“, also Unterwerfung unter das Dogma, wird dadurch erreicht, dass man

„… not a chimeric hell, the existence of which one cannot prove, but a real hell“ (Renan 1871: 613, zitiert nach Todorov 2001: 38)

schafft, der Dissidenten jederzeit überantwortet werden können.

„To institute this policy of terror, the scientific government places at its disposal a special corps of well-trained[!] individuals, ‘obedient machines, indifferent to moral repugnance and capable of every type of ferocity’ (Todorov 2001: 39; das Zitat im Zitat stammt wieder von Renan 1871: 614).

Der Terror, durch den sich totalitäre Regime auszeichnen, ist also Terror, der durch Utopianismus und Szientismus legitimiert und befördert wird. Er tritt dem „utopian scientism“ hinzu, den Todorov (2001: 39) als „core of the totalitarian project“ identifiziert.

Todorov schätzte den Zustand der westlichen Demokratien zu dem Zeitpunkt, zu dem er seinen Text schrieb, also im 2001, eher positiv ein:

„Fortunately, modern democracies have no aspirations of establishing a reign of perfection on earth and do not propose to produce an improves species of mankind‘ …“ (Todorov 2001: 40).

Davon abgesehen, dass sich die Frage stellt, ob oder inwieweit diese Einschätzung im Jahr 2001 gerechtgertigt war, stellt sich die Frage, ob sie, falls sie gerechtfertigt gewesen sein sollte, auch heute, fast zwanzig Jahre später, noch gerechtfertigt wäre. Immerhin hat Todorov in seinem Text von 2001 auch eine Mahnung formuliert:

„Human beings want their lives to have meaning, their existence to find its place in the order of the universe, for a connection to be established with the absolute. Totalitarianism, in contrast to democracy, claims to satisfy these needs which is why it was freely chosen by the populations under consideration. Lest we forget, Lenin, Stalin and Hitler were loved and wanted by the masses. Democracies can ignore this human need for transcendence only at the risk of putting their very existence into jeopardy” (Todorov 2001: 41).

Wie können Demokratien diesem Bedürfnis Rechnung tragen, ohne Gefahr zu laufen, selbst zu totalitären Regimens zu verkommen?

„A relationship with transcendence is no less necessary today than it once was; however, in order to avoid the totalitarian derivation, it must remain foreign to political programs (we will never build a paradise on earth), and yet it must continue to illuminate the internal lives of each one of us” (Todorov 2001: 41),

Und dies wiederum bedeutet die Kultivierung von Humanismus und Pluralismus, denn

„[o]ne can experience ecstasy in front of a work of art or a landscape, in prayer or meditation, in the practice of philosophy or from the laughter of a child” (Todorov 2001: 41).

Demokratien, die dem Bedürfnis nach Sinn der eigenen Existenz, nach Antwort auf die „großen Fragen“, nach Transzendenz, nach dem Aufgehen in einem Absoluten, nicht Rechnung tragen, nicht ermöglichen, dass jeder es – seinen eigenen Neigungen gemäß – befriedigen kann, sind für Todorov gefährdet, in totalitäre Regime zu degenerieren. Dasselbe gilt nach Todorov für Demokratien, die dieses Bedürfnis nicht konsequent und klar erkennbar von politischen Programmen und Sozialpolitik trennen, die eine bestimmte Antwort auf die „großen Fragen“, die für jeden gleich zu lauten hat, in der und durch die soziale Ordnung geben wollen. Das Bedürfnis nach Transzendenz muss „resolutely … from the soical order“ (Todorov 2001: 41) getrennt sein, wenn eine Demokratie nicht zu einem totalitären Regime verkommen will.

Vor diesem Hintergrund kann die Frage, die im Titel unserer keinen Reihe steht und lautet: „Leben wir im Totalitarismus“ umformuliert werden in „Sind in der Politik unserer Regierung und anderer politischer Akteure die Suche bzw. das Bedürfnis nach Sinn und die Antworten auf die „großen Fragen“ ausreichend getrennt von politischen Programmen und Sozialpolitik?

M.E. weisen staatlich aus Steuergeldern zwangsfinanzierte Initiativen, die teilweise – bewusst? – mit irreführenden Bezeichnungen wie „Demokratie leben“ belegt werden, darauf hin, dass diese Frage verneint werden muss. Zur selben Einschätzung muss kommen, wer beobachtet, wie die Gesellschaft systematisch von einer gerechtigkeitsorientierten in eine gleichheitsorientierte Gesellschaft, in der (nicht Chancen-!,) sondern Ergebnisgleichheit durch Quoten und Bevorzugungspolitiken herbeigezwungen wird, umgebaut wird.

Wer darüber hinaus beobachtet, dass organisierte Aufmärsche im Interesse von Regierungspolitiken als „Demonstrationen“ ausgegeben werden und dass „Säuberungen“ stattfinden, im Zuge derer Menschen, die anders meinen als die Regierung (und ihre vielfältigen Ausführungsorgane in Form von von ihr „geförderten“ Projekten, Einrichtungen, Maßnahmen) unhörbar gemacht oder ihrer Lebensgrundlage beraubt werden sollen, wer beobachtet, dass zu diesem Zweck Denunziation, Gleichschaltung von (ehemaligen) mainstream-Medien und Zensur im Internet auf systematische Weise erfolgt und vorangetrieben wird, dass der Dialog also immer mehr von Unterwerfung verdrängt wird, der findet aber vielleicht doch, dass die derzeitige Lage der Dinge erfordert, danach zu fragen, ob wir schon im Totalitarismus leben, und nicht mehr „nur“ danach, ob die Politik noch hinreichend von Heilslehren und Sinn(ersatz)suchen getrennt ist, um nicht in einen Totalitarismus zu degenerieren.


Zur besseren Übersicht über die Zusammenhänge:

 


Literatur:

Arendt, Hannah, 2011[1955]: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Frankfurt/M.: Europäische Verlagsanstalt.
(im amerikanischen Original 1951 unter dem Titel „The Origins of Totalitarianism“ bei Harcourt, Brace and Co. In New York erschienen).

De Berg, Henk & Zbinden, Karine, 2020: Tzvetan Todorov : Thinker and Humanist. Rochester, NY: Camden House.

Lifton, Robert Jay, 1989[1961]: Thought Reform and the Psychology of Totalism: A Study of “Brainwashing” in China. Chapel Hill: University of North Carolina Press [New York: W. W. Norton & Company].

Marx, Karl & Engels, Friedrich, 1960[1932]: Die deutsche Ideologie: Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Sauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten. Berlin: Dietz.

Sorg, Reto & Würffel, Stefan Bodo (Hrsg.), 2010: Utopie und Apokalypse in der Moderne. Paderborn: Wilhelm Fink.

Todorov, Tzvetan, 2003: Hope and Memory: Lessons from the Twentieth Century. Princeton: Princeton University Press.

Todorov, Tzvetan, 2001: Totalitarianism: Between Religion and Science. Totalitarian Movements and Political Religions 2(1): 28.42.



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