Flutkatastrophe und Schwarzer Herbert [Reul]: Mit Zynismus gegen Verantwortung

Es muss natürlich “Schwarzer Peter” heißen.
Ein munteres Verschieben des Schwarzen Peter ist derzeit am Laufen.

Ist “Schwarzer Peter” eigentlich rassistisch? Angesichts der vielen Spinner, die heutzutage ein Auskommen mit “Rassismus” erwirtschaften, muss man das wohl fragen.

Wie auch immer der Schwarze Peter, den niemand will, das ist die Verantwortung für die Flutkatastrophe, die Teile der Eifel als Ruinenfeld hinterlassen hat. Die Landesregierungen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen teilen die Verantwortung dafür, das heißt, sie würden sie teilen, wenn es in den beiden Landesregierungen Personen mit Rückgrat gäbe, die denken, ihr Job sei nicht nur da, um sich mit einem Amt schmücken und in der Öffentlichkeit als Minister inszenieren zu können, sondern er komme auch mit einer Verantwortung.

Aber Verantwortung ist out.

Der Nordrhein-Westfälische Innenminister Herbert Reul hat gerade perfekt demonstriert, wie Polit-Darsteller gedenken, ihre Verantwortung abzuschieben:

Das Wesen von Katastrophen sei es, dass sie nicht vorhersehbar seien, das von Naturkatastrophen sei es, dass sie erst recht nicht vorhersehbar seien.

Das ist dann wohl die dümmste und die zynischste Form, in der man versuchen kann, das eigene Versagen zu kaschieren. Dass ein Ereignis, das als Katastrophe klassifiziert wird, nicht verhindert wurde, das ist selbstevident, denn wäre es verhindert worden, es wäre nicht zur Katastrophe geworden. Dass etwas zur Katastrophe geworden ist, sagt jedoch nichts darüber aus, ob es nicht im Vorfeld hätte verhindert oder in seinen Folgen reduziert werden können. Das gilt auch für Naturkatastrophen, die man zwar nicht verhindern, aber in ihrem Ausmaß, in ihrer Wirkung moderieren kann. Aus diesem Grund gibt es Warnsysteme, die vor einem Tsunami warnen. Nach Ansicht von Herbert Reul ist das wohl Geldverschwendung, denn gegen Naturkatastrophen ist man machtlos. Um die Folgen von Naturkatastrophen zu mildern, gibt es das European Flood Awareness System (Efas), das jeden Tag mehrfach auf den neuesten Stand gebracht wird und das “Partner” mit Warnungen über bevorstehende “Naturkatatstophen” im Sinne von Reul versorgt, und zwar nicht damit diese “Partner”, nachdem die Katastrophe eingetreten ist, sich vor Kameras stellen und sagen: “Gegen Naturkatastrophen könne man halt nichts machen”, sondern damit Landesregierungen wie die von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im Vorfeld der kommenden Naturkatastrophe alles ihnen Mögliche unternehmen können, um die Folgen der Naturkatastrophe zu mildern.

Die USA haben ein sehr akkurates System, um vorherzusagen, an welchen Stellen Hurricans auf Land treffen. Das System kann die Naturkatastrophe “Hurrican” nicht verhindern, aber es kann dazu genutzt werden, die Menschen, die in den betroffenen Landstrichen leben, zu evakuieren. Dieses System wird regelmäßig genutzt, um tausende Menschenleben zu retten. Offenkundig kann man in anderen Ländern, was Herbert Reul für Nordrhein-Westfalen für unmöglich behauptet, man kann VORSORGE treffen und Menschen evakuieren, sie in Sicherheit bringen.

Geht es nach Reul, dann muss man Menschen ihrem Schicksal überlassen, sie ersaufen lassen, weil es das “Wesen von Naturkatastrophen ist” nicht vorhersehbar zu sein. Der Zynismus und die Verachtung für Menschenleben, die in diesem billigen Versuch, Verantwortung zu verschieben, zum Ausdruck kommen, sie sind unglaublich. Man kann nur hoffen, dass Reul nicht weiß, was er sagt, wenngleich ihn diese Entschuldigung ebenso untragbar macht.

Es geht natürlich darum, dass Efas Tage bevor die Katastrophe die Eifel heimgesucht hat, Warnungen an Regierungen und “Partner” verschickt hat, die sehr detailliert gezeigt haben, wo mit extremem Hochwasser zu rechnen ist. Zwischen Vorwarnungen und Ereignis war ausreichend Zeit für die beiden Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, um einen Katastrophenschutzplan umzusetzen und Einwohner der besonders betroffenen Gebiete zu evakuieren. Und allein darum geht es: Beide Landesregierungen und nachgeordnete Behörden haben auf der ganzen Linie versagt und durch ihr Nichtstun, den Tod von mehr als 160 Menschen zu verantworten.

Indes, in der öffentlichen Diskussion ist nur die Rede davon, dass Vorwarnungen erfolgt seien und es wird scheinheilig danach gefragt, “Wer wusste wann was?“, wie dies heute Jabob Mayr bei der ARD tut. Die korrekte Frage lautet: Warum wurden die Bewohner der betroffenen Gebiete nicht evakuiert, obwohl die Hinweise auf die kommende Katastrophe zahlreich und umfassend waren?

Es scheint derzeit eine konzertierte Aktion zu geben, genau diese Frage nicht zu stellen, den Versuch, die Frage nach der Verantwortung vollständig zu zerreden. Ein sehr gutes Beispiel dafür, ist der Beitrag, den Jakob Mayr heute in der ARD veröffentlicht hat.

“Wer wusste wann was?”, so fragt Mayr in der Überschrift, eine Frage, die er in seinem langen Text nicht beantworten wird.
Rekonstruieren wir seinen Text, ein Beispiel aus dem Bereich der Primitiv-Propaganda, Absatz für Absatz:

  1. 2002, nach der letzten großen Hochwasserkatastrophe wurde Efas gegründet.
  2. Schon Ende vergangener Woche hat Efas Alarm geschlagen
  3. Ab dem 10. Juli wurden Efas Warnungen an nationale Behörden in Deutschland geschickt.
  4. In Deutschland gehen Efas Warnungen u.a. an das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.
  5. Ab dem 10. Juli wurden mehr als 25 Warnungen für die betroffenen Gebiete verschickt.
  6. Efas ist ein Kopernikus-Projekt, das Satellitendaten benutzt, mehrere Wissenschaftler kooperieren für Efas über Landesgrenzen.
  7. In Deutschland ist der Wetterdienst beteiligt.
  8. Efas ist als Reaktion auf die Flutkatastrophe 2002 gegründet worden.
  9. Seit neun Jahren gibt es Efas. Dass es 2021 Tote und Milliardenschäden gibt, ist ein “monumentales Systemversagen”, so sagt die britische Forscherin Hannah Cloke.
  10. Auf Anfrage [von wem?] sagt sie, sie sei überrascht, das so viele Menschen umkamen, obwohl alle wussten, was kommt und genügend Zeit war, um Menschen in Sicherheit zu bringen.
  11. “Wir müssen herausfinden, wann wer welche Information ausgegeben hat und was die Leute damit machten”.
  12. Cloke kann “Enttäuschung der Menschen” nachvollziehen.

Wer wusste wann was? Wissen Sie es?

Der Beitrag von Mayr ist ein Beispiel für Propaganda und den Versuch, Spuren zu verwischen. Wer sich dafür interessiert, was verantwortliche Behörden wussten, der fragt bei den entsprechenden Behörden nach, beim Innenministerium des Landes Rheinland-Pfalz, dem des Landes Nordrhein-Westfalen, bei Bezirksbehörden, bei Landräten usw. Dass Mayr seinen Beitrag mit “wer wusste wann was?” überschreibt und keinerlei Nachfrage damit verbindet, das zeigt, dass es ihm darum geht, Spuren zu verwischen. Der ganze Beitrag ist darauf ausgelegt, den Schluss nahe zu legen, dass die Warnungen von Efas irgendwo in der “Ereigniskette” verschwunden oder liegen geblieben sind. Wo, das interessiert Mayr nicht. Ihm geht es darum, Spuren zu verwischen, man kann es nicht oft genug sagen. In diesem Bemühen zitiert er Cloke in einer Weise, die den Schluss nahelegt, die Hydrologin, die Efas mit gegründet und mit entwickelt hat, frage sich, wo die Warnungen verschwunden seien, welche Glieder der “Ereigniskette” versagt hätten. Diesen Eindruck kann Mayr durch offensichtlich selektives Zitieren dessen, erwecken, was Cloke gesagt hat. Auf diese Weise versucht Mayr das “monumentale Systemversagen”, von dem er Eingangs spricht, zu einem Systemversagen von Efas zu machen. Das ist nicht nur unlauter, es ist schäbig, aber es ergänzt sich hervorragend mit der Menschenverachtung, die Herbert Reul zur Schau stellt: Ach, Ihr seid tot. Sorry. Das ist jetzt blöd gelaufen. Aber wisst Ihr, Naturkatastrophen sind nicht vorherzusehen. Pech für Euch.

Der Begriff des “monumentalen Systemversagens”, den Mayr zitiert, stammt aus einem Beitrag der Sunday Times, den wir vor zwei Tagen ins Deutsche übertragen haben. Darin lässt Cloke keinen ZWEIFEL daran, dass sie von einem monumentalen Versagen der Behörden, von einem monumentalen Staatsversagen spricht:

[Aus dem Beitrag in der Sunday Times – unsere Übersetzung]:
Hannah Cloke, Professor für Hydrologie an der Universität von Reading, sieht die Ursache für die große Zahl der Opfer in einem monumentalen Versagen der Behörden, die die Warnungen der Wissenschaftler ignoriert haben. Anfang der 2000er Jahre haben Cloke und zwei Kollegen das European Flood Awareness System (Efas) geschaffen, um Katastrophen wie diese zu verhindern.
[…]
Der Algorithmus von Efas verbindet Beobachtungsdaten des Kopernikus Satelliten der Europäischen Union mit hydrographischen Daten und aktuellen Wasserständen entlang der Flüsse und Nebenflüsse und gibt mit diesen Daten den Behörden mindestens 48 Stunden, um sich auf das, was kommt, vorzubereiten. 2014 war es Behörden in Kroatien möglich, sich auf die massiven Überschwemmungen auf dem Balkan vorzubereiten. Dieses Mal wurden die Warnungen der Wissenschaftler jedoch ignoriert. Efas hat bereits am 10. Juli Alarm geschlagen, vier Tage vor der erste Flutwelle wurden Warnungen an die Deutsche und die Belgische Regierung verschickt, Warnungen darüber, dass entlang von Niederhein und Meuse mit Überschwemmungen zu rechnen ist.
Über die nächsten Tage produzierte Efas detaillierte Karten, die die meisten der Regionen, die besonders hart getroffen wurden, identifiziert haben. Die deutschen Projektpartner haben detaillierte Auswertungen für einzelne Flüsse, darunter die Ahr, in deren Hochwasser mindestens 93 Menschen ertrunken sind und mehr als 600 verletzt wurden, angefordert.
Cloke sagt, dass es sicher schwierig gewesen wäre, Flash-Flutwellen vorherzusagen, aber mit Sicherheit ausreichend Zeit vorhanden gewesen sei, um die Städte vorzubereiten.
[…]
“Dass Menschen nicht evakuiert wurden, nicht einmal gewarnt wurden, das zeigt, dass hier etwas völlig schief gegangen ist”, sagt Cloke.
[…]
Diese Flutwellen waren massiv. Vielleicht haben manche geglaubt, die Vorhersagen seien eine Art Science Fiction und nicht auf die Realität bezogen.”

Das lässt keinen Zweifel daran, wo die Verwantwortlichen sitzen.
Verantwortung für etwas zu übernehmen, auch dann, wenn man als Dienstherr in der Pflicht steht, die Verantwortung für seine Mitarbeiter zu übernehmen, das erfordert eine charakterliche Eignung und ein entsprechendes Rückgrat, das fest in Moral verankert ist. Beides scheint unter derzeitigen Polit-Darstellern nicht vorhanden zu sein.

Sie tanzen lieber auf den Gräbern der Opfer und freuen sich darüber, dass man Naturkatastrophen nicht vorhersehen kann, jupheidi und jupheida.

Und natürlich kann man jede angeblich unvorhersehbare Naturkatastrophe dazu nutzen, sie zur vorhersehbaren Folge eines Klimawandels zu machen, was den Zynismus dadurch auf die Spitze treibt, dass die Leichen in Flüssen, die eben noch als “unvermeidbar” deklariert wurden, nun missbraucht werden, um eine Lügengeschichte zu verbreiten.


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