NRW-Zeitungsverleger: Ad-Blocker führt zum Weltuntergang!

Lassen Sie sich noch mit ungebetener Werbung zumüllen oder blocken Sie schon?
Nie war es wichtiger, die individuelle Freiheit durch die Wahrnehmung des individuellen Rechts auf Selbstbestimmung dessen, was man wahrzunehmen gewillt ist, durchzusetzen, wie heute.

Denn heute wollen z.B. Zeitungsverleger aus NRW, dass es individuellen Nutzern verboten wird, einen Ad-Blocker zu benutzen. Die Frage, ob Nutzer persönlich durch Werbung, die ihnen als Pop-up oder sonst wie aufgezwungen wird, genervt seien, habe keinen „Grundrechtsbelang“ und es gebe auch kein Persönlichkeitsrecht, das dahin ausgelegt werden könne, dass Nutzer von Angeboten im Internet die Freiheit hätten, sich Werbung zu verweigern.

Zeitungsverleger NRWDas schreiben die Zeitungsverleger aus NRW in einer Stellungnahme an den Landtag Nordrhein-Westfalen, in dem die Frage eines Verbots von Ad-Blockern debattiert werden soll.

Demnach gibt es, wie die Zeitungsverleger aus NRW behaupten, eine Pflicht für jeden, der die Seiten von WAZ, Kölner Stadtanzeiger oder Westfälischer Rundschau o.a. aufruft, die Werbung zu dulden. Entsprechend muss ihm nach den Vorstellungen der Zeitungsverleger das Recht, die Werbung zu blocken, genommen und der Einsatz von Ad-Blockern verboten werden.

Denn: Ohne die Werbung im Online-Angebot, ist es den Verlegern nach eigener Auskunft nicht möglich, die Qualität ihres Angebots bzw. ihr Angebot als solches aufrecht zu erhalten. Dadurch aber, dass man auf rund 200 Seiten im Internet neben der Werbung auch denselben Text aus der Feder von dpa lesen kann, wird – wie die Verleger aus NRW meinen, die Medienvielfalt und die „überragende Bedeutung“ der Medien für die „demokratische Grundordnung“ gesichert, denn: nur „meinungsbildende Qualitätsmedien“, wie die von den NRW-Verlegern verlegten, seien dazu in der Lage. Lasse man nun zu, dass die Werbung, die für z.B. die Re-Finanzierung des im Schriftbild unterschiedlichen Abdrucks der Meldungen von dpa oder Reuters notwendig sei, geblockt werde, dann führe dies dazu, dass „die breite Masse … durch Blogger ohne journalistische Standards und soziale Netzwerke“ in ihrer Meinung gebildet werde.

Die Arroganz dieser Zeitungsverleger ist nicht mehr zu toppen. Zum einen wird die Meinung der Rezipienten nicht durch die rezipierten Medien gebildet. Vielmehr sind die Rezipienten von Zeitungen in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden. Zum anderen kommen immer mehr Rezipienten der Angebote, die durch den Ad-Blocker gefährdet sind, zu dem Schluss, dass die „journalistischen Standards“ der entsprechenden Zeitungen so gering seien, dass man sich besser bei Bloggern und in sozialen Netzwerken informiert.

Und deshalb, weil immer mehr sich nicht mehr bei denen informieren, bei denen man das Gefühl hat, ihr Journalismus sei das Beiwerk, um die Werbung auf den entsprechenden Seiten an den Rezipienten zu bringen, deshalb geht nach Ansicht der NRW-Zeitungsverleger die Welt unter: „Erste Auswirkungen eines solchen Trends [sich bei Bloggern und in sozialen Netzwerken zu informieren] lassen sich in den letzten Wahlen in Großbritannien und den USA besichtigen“.

Welcher Wahnsinn die NRW-Zeitungsverleger hier geritten hat, ist eine offene Frage, dass es Wahnsinn gewesen sein muss, ist offensichtlich, lautet die Behauptung doch, dass es dann, wenn alle Internetnutzer gezwungen wären, sich aus den Onlineangeboten von Zeitungen zu informieren, keinen Donald Trump und vermutlich keinen BREXIT gegeben hätte. Warum nicht? Weil die NRW-Zeitungsverleger in ihrem Wahn der Ansicht sind, sie könnten die Meinung der Leser bilden, beeinflussen, dahingehend manipulieren, dass Letztere wählen, was NRW-Zeitungsverleger vorgeben. Dass sie mit dieser Ansicht nicht nur hinter den ethischen und philosophischen Standards zurückbleiben, die spätestens seit Beginn des 18. Jahrhunderts und mit dem Aufkommen von Bewegungen, die der Realität eines freien menschlichen Willens Rechnung getragen haben, ist vermutlich demselben „journalistischen Standard“ geschuldet, dem auch die schiefe Formulierung der „Wahl in Großbritannien“ geschuldet ist. Nach allgemeiner Sprachregelung gab es in Großbritannien im Juni eine Volksabstimmung, gelegentlich auch als Referendum bezeichnet und keine Wahl. Aber vielleicht meinen die NRW-Zeitungsverleger ja auch, dass dann, wenn man den Ad-Blocker vor Jahren verboten hätte, David Cameron kein zweites Mal gewählt worden wäre.

Letztlich ist diese Form einer Argumentation, wenn man es denn so nennen will, erschreckend und in Grobschlächtigkeit kaum zu überbieten, schon weil unter denjenigen, die nicht in Redaktionen sitzen, also denen, die das redaktionelle Werk dann verdauen müssen, mit Sicherheit mehr Leser mit weit höherer Bildung und weiter entwickeltem Intellekt vorhanden sind, als die jeweilige Redaktion Mitglieder hat.

Nuts in BedlamAber derartige Einsichten sind logisch und daher für NRW-Zeitungsverleger vermutlich unverständlich. Was soll man von Zeitungsverlegern schon erwarten, die ernsthaft nicht nur meinen, sie seien dazu da, die Meinung ihrer Leser zu bilden, sondern, sie könnten diese auch bilden, die von sich behaupten, dass dann, wenn man ihre Werbung nicht hätte blocken dürfen, Trump und BREXIT verhindert worden wären und die dies tatsächlich damit begründen, dass die journalistischen Standards, wie sie sich darin niederschlagen, dass derselbe Text von dpa in unterschiedlichen Redaktionen veröffentlicht und zwischen unterschiedlicher Werbung platziert wird, höher seien als die von Bloggern.

Vielleicht schickt jemand die Männer mit den Jacken, die man auf dem Rücken zubinden kann, nach NRW.

Und ein Vorschlag zur Güte, weil wir, als Blogger, dem Standard verpflichtet sind, konstruktiv zu sein: Ad-Blocker erlauben es, Ausnahmen zu formulieren. Warum gehen die NRW-Zeitungsverleger nicht dazu über, ihre Leser zu bitten, den Ad-Blocker für ihre jeweilige Seite zu deaktivieren. Wer nicht deaktiviert, kann nicht lesen. Auf diese Weise hätten sie ein Maß dafür, wie wichtig ihre Inhalte und wie wichtig welche Inhalte für die entsprechenden Leser sind. Aber vermutlich ist es das, was sie nicht wissen wollen.

Übrigens: 

Die Zulassung von Autos gefährdet das Droschkengewerbe. Droschken sind für die Ausübung des Grundrechts auf Freie Ortswahl durch die Bürger von großer Wichtigkeit. Die Re-Finanzierung der Aufwendungen für das qualitativ hochstehende Beförderungsangebot in Plüschsitz und mit nachhaltigen tierischen Beförderungsmitteln ist nicht möglich, wenn der Bevölkerung die Möglichkeit gegeben wird, das Angebot der Droschken zu substituieren und einfach mit dem eigenen Fortbewegungsmittel zum Ort ihrer Wahl zu gelangen, zumal ein eigenes Fortbewegungsmittel nicht den hohen Fortbewegungsstandards gerecht wird, denen das Qualitätsfortbewegungsmedium Droschke genügt.

An den meisten Zeitungen in NRW ist übrigens die SPD beteiligt oder sie befinden sich vollständig im Besitz des Sozialdemokratischen Pressekonzerns.

Bundesregierung verkauft bürgerliche Freiheiten an Lobbyisten

Modern nennen die Vertreter von Regierungen, nennen Politiker die heutigen Staaten gerne. Modern sind sie vor allem deshalb, weil in ihnen der Schwanz, die Regierung, mit dem Esel, ihren Bürgern wedelt.

Ursprünglich war die Idee eines Staates auf einen Gesellschaftvertrag begründet: Bürger geben von den umfassenden Rechten, die sie im Hinblick auf die Gestaltung ihres Lebens haben, einen kleinen Teil ab. Diesen kleinen Teil nehmen nunmehr von diesen Bürgern Beauftrage, in deren Namen wahr, um Eigentum und Sicherheit der Bürger zu gewährleisten.

Government helpIn den Staaten, die von Politikern als modern bezeichnet werden, hat sich diese Kausalität verkehrt: Nicht mehr Bürger geben von ihren umfassenden Rechten einige wenig an ihre Beauftragten ab, nein, die Beauftragten, die Politiker, sehen sich im Besitz umfassender Rechte, von denen sie manche an ihre Bürger weitergeben, die sie im Wesentlichen aber monopolisieren, um sie gegen die Bürger zu verwenden, um deren Freiheit einzuschränken bzw. die Einschränkung der Freiheit der Bürger als politischen Gefallen an Lobbyisten zu verscherbeln.

Zwei Beispiele:

  1. Die Bundesregierung hat gerade auf eine kleine Anfrage der LINKE bestätigt, dass der Einsatz von Ad-Blockern und ein Verbot der entsprechenden Ad-Blocker geprüft werde.
  2. Hermann Gröhe, der angeblich ein CDU-Mitglied ist, übt sich in sozialistischer Planwirtschaft und will den deutschen Markt gegen billige rezeptpflichtige Arzneimittel aus dem Ausland, die per Post aus Normalpreisländern in das Hochpreisland Deutschland geschickt werden, abschotten und Arzneimittelherstellern und Apotheken in Deutschland ein Preismonopol einräumen.

In beiden Fällen wird die Freiheit der Bürger den Interessen von Lobbyisten geopfert, die Politikern offensichtlich näher sind als ihre Bürger. In beiden Fällen ist es so, dass Politiker sich anmaßen, Verfügungsrechte über Bürger zu besitzen, die sie als politische Gefallen an die entsprechenden Lobbyisten verkaufen können.

Ad-Blocker schützen diejenigen Internetnutzer, die nicht ohne ihr Einverständnis mit Werbung überfallen werden wollen, davor, Werbung als Pop-Up-Aufdringlichkeit oder als fettes Banner, das den gesamten Monitor in Beschlag nimmt, aufgedrängt zu bekommen. Die Installation eines Ad-Blockers ist ein individueller Akt der Selbstbestimmung darüber, was ein individueller Internetnutzer zur Kenntnis nehmen will und was nicht.

Bei der Bundesregierung denkt man offensichtlich, man habe ein Mandat zu prüfen, ob Bürger selbstbestimmt darüber entscheiden dürfen, ob sie Werbung zur Kenntnis nehmen wollen oder nicht. Der Selbstbestimmung steht das Refinanzierungsmodell von Verlagen gegenüber:

“Wie dem Abschlussbericht der Bund-Länder-Kommission zur Medienkonvergenz zu entnehmen ist, hat die Arbeitsgruppe das Geschäftsmodell von Ad-Blockern als rechtlich und mit Blick auf die Refinanzierung journalistisch-redaktioneller Angebote auch medienpolitisch als problematisch angesehen.“

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The Snout in the Trough

Dass Geschäftsideen, die offensichtlich nicht nachgefragt werden, von einem Staat durchgesetzt werden, kennt man eigentlich nur aus sozialistischen Staaten, in denen Bürger auf Wartelisten und zu staatskonformem Verhalten gezwungen wurden, damit sie z.B. einen Kühlschrank kaufen dürfen. Bei der Bundesregierung will man seine Bürger dazu zwingen, Werbung, ob sie wollen oder nicht, zur Kenntnis zu nehmen, damit die Verlage, also Springer und Burda und DuMont und der ZEIT-Verlag und der Spiegel-Verlag, bei der Refinanzierung ihrer Angebote keine Probleme haben.

Der Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht von Bürgern wird demnach mit wirtschaftlicher Notwendigkeit begründet, da Verlage scheinbar finanziell ins Trudeln kommen, wenn weniger Klicks auf die Werbebanner erfolgen. Auf einem freien Markt gilt mangelnde Nachfrage als Indikator dafür, dass das Angebot mangelhaft oder nicht attraktiv ist. In Deutschland ist mangelnde Nachfrage Anlass dafür, dass man Bürgern das mangelhafte und nicht attraktive Angebot aufzwingt, dass man ihr Recht auf Selbstbestimmung außer Kraft setzt. Politiker maßen sich das Recht an, über die Wahrnehmung von Rechten durch ihre Bürger zu entscheiden. Großmannsucht oder Größenwahn?

Hermann Gröhe, der den Gesundheitsminister gibt, maßt sich eben einmal das Recht an, seinen Bürgern vorzuschreiben, wo sie ihre verschreibungspflichtigen Arzneimittel zu kaufen haben und vor allem: zu welchem Preis sie sie zu kaufen haben. Er verschafft den Herstellern und Verkäufern von Arzneimitteln in Deutschland ein Verkaufsmonopol und räumt ihnen das Recht ein, den Preis für ihre Arzneimittel nach Lust und Laune und in beliebiger Höher festzusetzen. Das muss man als staatliche Förderung von Preisabsprachen ansehen, deren Ziel darin besteht, diejenigen, die auf Arzneimittel angewiesen sind, zu schädigen.

Und es ist zudem ein dreckiges Spiel, denn diejenigen, die auf verschreibungspflichtige Arzneimittel angewiesen sind, haben keine Ausweichmöglichkeit, denn es gibt keine Nachfrageelastizität: Sie sind auf die Arzneimittel angewiesen, müssen sie kaufen, wie hoch auch immer der Preis sein mag, den Gröhe dafür angemessen sieht. Der Ministerdarsteller für Gesundheit verkauft das Recht der Bürger, Waren beim billigsten Anbieter zu kaufen und ersetzt es mit einem staatlich garantierten Monopol für Arzneimittelhersteller und -verkäufer, einer staatlichen Garantie auf Höchstpreise für die entsprechenden Arzneimittel.

Besonders ärgerlich ist die Begründung. Es ginge darum, Qualität und Sicherheit einer flächendeckenden, wohnortnahen Versorgung mit Medikamenten sicherstellen. Eine bessere Lüge ist den Lobbyisten im Ministerium wohl nicht eingefallen.

Tullock_gfailureWie viele Orte in Deutschland haben keine Apotheke, aber es wird Post in ihnen ausgeliefert? Wenn es um die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Medikamenten geht, dann gibt es zu Versandapotheken keine Alternative. Warum die Sicherheit und Qualität eines Medikaments vom Vertriebsweg abhängen soll, ist eine Frage, die wir Hermann Gröhe gerne einmal stellen würden. Ebenso wie wir ihn gerne fragen würden, wie er auf die Idee kommt, er könne seinen Bürgern vorschreiben, wo sie Medikamente kaufen und zu welchem Preis sie das tun? Wie kommt er überhaupt auf die Idee, er könne über die Rechte von Bürgern verfügen. Uns scheint, deutsche Politiker sind von einem Großmannsuchtvirus befallen, der sie denken lässt, sie seien Ludwig der XIV und deshalb könnten sie über das Ausmaß der Freiheitsrechte, die Bürger haben, entscheiden. Freiheit ist jedoch nichts, was Bürgern gewährt wird, Freiheit ist etwas, was Bürger sich nehmen, weil sie ihnen zusteht. Das vergessen Politiker gerne, bis sie revolutioniert werden …

Beide Beispiele (Ad-Blocker und Arzneimittel) sind durch einige Gemeinsamkeiten ausgezeichnet:

  • In beiden Fällen liegt es Politikern näher, die Interessen von Lobbyisten zu vertreten als die ihrer Bürger.
  • In beiden Fällen finden Politiker nichts dabei, Freiheitsrechte von Bürgern zu beseitigen, deren Selbstbestimmung mit Füßen zu treten.
  • In beiden Fällen setzen sie Methoden sozialistischer Planwirtschaft um, versuchen gescheiterte Geschäftsmodelle und hohe Preise gegen ihre Bürger, die an Ersteren kein Interesse haben und Letztere nicht bezahlen wollen oder können, durchzusetzen.
  • In beiden Fällen sitzen Politiker dem Irrtum auf, die Rechte von Bürgern seien von Politikers Gnaden abhängig und nicht etwa sie als Politiker von Bürgers Gnaden.
  • In beiden Fällen verkaufen Politiker politische Gefallen an Lobbygruppen, an Verlage, Pharmaunternehmen und Apotheker(verbände) und man muss kein Prophet sein, um die Herkunft der nächsten Parteispenden zu kennen oder vorhersagen zu können, wo z.B. der Gesundheitsminister bezahlte Vorträge halten wird.

Damit wissen wir jetzt auch, was modern an modernen Staaten ist: Modern ist, dass Politiker nicht einmal mehr Anstalten machen, die Verfolgung partikularer Interessen und die Schädigung der Bürger zu Gunsten von wenigen Profiteuren zu verbergen. Es wird ganz offen betrieben, von CDU-Politikern, die angeblich für eine freie Marktwirtschaft eintreten, werden Maßnahmen erwogen, die eine sozialistische Regierung nicht besser erwägen könnte: Preismonopole werden gewährt, Marktabschottung durchgesetzt und Bürger geschröpft, und von einer Regierung, die dazu da ist, die Freiheit ihrer Bürger zu schützen, wird in die Selbstbestimmung derselben eingegriffen und sie werden dazu gezwungen, Werbung auf dem Monitor ihres privaten Computers, Smartphones oder was auch immer, in ihrer privaten Wohnung zuzulassen.

Wenn George Orwell heute noch leben würde, dann würde er das Manuskript von 1984 zerreißen und sich mit Friedrich Hayek dem geistigen Vater des freien Marktes gemeinsam auf eine Stelle bei der NASA bewerben, als Astronaut mit dem Ziel Mars, denn auf dem Mars soll die Freiheit grenzenlos sein.

Pseudo-Diskussionen: Geheuchelte Bürgerbeteiligung und opportunistische Schubser

Das Markenzeichen einer Diskussion über ein Thema besteht darin, dass zu Beginn der Diskussion nicht feststeht, was das Ergebnis der Diskussion sein wird. Deshalb ist eine Diskussion ein Austausch von Argumenten mit dem Ziel, das beste Argument, das am besten belegte Argument, das am besten mit Fakten belegte Argument zu finden und sich auf dieses Argument zu einigen.

discussionPseudo-Diskussionen sind Diskussionen, deren Ergebnis bereits im Vorfeld feststeht. Pseudo-Diskussionen sind inszenierte Diskussionen, mit denen den Adressaten das Gefühl gegeben werden soll, sie hätten etwas mit zu entscheiden. Pseudo-Diskussionen sind Formen der Persuasion, die eingesetzt werden, um durchzusetzen, was man sowieso beabsichtigt hat, dabei aber so zu tun, als wären Dritte an der Entscheidungsfindung beteiligt worden. Pseudo-Diskussionen werden immer häufiger Bestandteil der öffentlichen Inszenierung von Demokratie, wenn es z.B. darum geht, Anwohnern das Gefühlt zu geben, sie wären an der längst getroffenen Entscheidung, Windräder an die Stelle von Wald zu setzen, in irgend einer Weise beteiligt worden.

„Nudging: Die Kunst der Entscheidungshilfe, so lautet der Titel einer Veranstaltung, die das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz gerade durchgeführt hat. Dabei ging es um:

[d]ie Idee des „Nudgings“ und die Frage, ob das Konzept des kleinen „Schubsers“ in die vermeintlich richtige Richtung auch in der deutschen Verbraucherpolitik Erfolg haben kann…“.

Spannend ist hier das „vermeintlich“, das dem Autor der Pressemeldung in den Text gerutscht ist. Bei dieser Pseudo-Diskussion sollten die folgenden Fragen beantwortet werden, und zwar von dem Pseudo-Wissenschaftler und Handelsreisenden in Sachen Nudging Cass Sunstein und Heiko Maas, der scheinbar seine Märchenwoche noch nicht abgeschlossen hat:

„Ist Nudging nicht undemokratisch? Warum tut sich Deutschland so schwer mit Nudging? Wann eignen sich Nudges besonders gut? Wie unterscheidet man gute von schlechten Nudges?“

no discussionAngeblich wird also darüber diskutiert, ob die „Kunst der Entscheidungshilfe“, ein unglaublicher Euphemismus, undemokratisch ist, was eigentlich keine Frage ist, denn Deutschland tut sich „schwer mit Nudging“, wobei sich „Nudges“ doch besonder gut eignen und man sogar „gute von schlechten Nudges“ unterscheiden kann.

Glaubt wirklich jemand, hier würde grundsätzlich über die Frage, ob ge-nudged werden soll/darf oder nicht, diskutiert?

Zunächst zum Nudging:

Nudging fusst auf einem grundsätzlichen Missverständnis. In den 1970er Jahren haben Amos Tversky und Daniel Kahneman gezeigt, dass das tatsächliche Verhalten von Menschen von den Modellannahmen eines rationalen Akteurs abweicht. Im Modell das rationalen Akteurs wird angenommen, dass immer die Handlungsalternative gewählt wird, die unter gegebenen Bedingungen mit dem größten Nutzen verbunden ist – wobei die Alternative erreichbar sein muss und gegen anderen Alternativen abgewogen worden sein muss.

Die meisten Menschen machen das nicht. Das ist nichts Neues, war auch nichts Neues, als Tversky und Kahneman ihre Studie veröffentlicht haben. Max Weber hat schon Anfang des 20. Jahrhunderts darauf verwiesen, dass nur die wenigsten Handlungen zweckrational sind. Tversky und Kahneman haben nun zum ersten Mal gezeigt, dass die Handlungen, die Menschen wie Sie oder wir in bestimmten Situationen ausführen, sehr stark vom Modell des objektiv rationalen Akteurs abweichen.

Das „objektiv“ ist hier der entscheidende Punkt: Es bezieht sich auf die rationale Entscheidung, die ein informierter und der rationalen Entscheidung kundiger Beobachter getroffen hätte, einer wie Cass Sunstein versteht sich. Wenn Sie also die Wahl haben, zwischen Gammelfleisch und vegetarischer Kost, dann erwartet ein objektiver Beobachter, dass Sie vegetarische Kost zu sich nehmen. Wenn Sie die Wahl haben zwischen einem überteuerten Designerhemd und einem identischen, aber deutlich billigeren Noname-Hemd, dann erwartet ein objektiver Beobachter, dass Sie das billige Noname-Hemd kaufen.

Und genau das tun viele nicht – weil sie, aus Sicht des objektiven Beobachters falsche Heuristiken benutzen, um sich im täglichen Leben zurecht zu finden. Und das will Cass Sunstein ändern. Durch: Nudgen, Schubsen in Deutsch. Und damit hat er die Herzen der Politiker, die ihre Aufgabe darin sehen, die dummen Wähler, denen sie ihr Amt verdanken, zu erziehen, im Sturm erobert.

Nudgen für den guten Zweck wird bereits als „Kunst der Entscheidungshilfe“ verkauft, die Sie oder uns in die richtige, die wie es im Text so verräterisch heißt „gute“ Richtung schubsen soll. Dumm an Begriffen wie „gut“ ist, dass das, was gut sein soll, bestimmt werden muss, was voraussetzt, dass ein gutes Endziel bestimmt wird, auf das hin Gutes getan werden soll.

In einer Demokratie würde man eigentlich erwarten, dass eine Diskussion darüber stattfindet, was als „gut“ gelten soll. Im Zeitalter des Schubsens tritt an die Stelle der Diskussion das Dekret der Politiker, die vorgeben, was als gut zu gelten hat.

Nehmen wir z.B. Organspende. Organspende ist gut. Warum? Weil Organspende gelebte Solidarität ist, wie ein deutscher Minister einmal festgestellt hat, obwohl Organspende in der Regel post-hume Solidarität ist. Es ist eine Solidarität, die einen altruistischen Spender vorsieht, einen dankbaren Empfänger und dazwischen eine große Zahl von Personen, die mit dem Organhandel, dem Ausweiden von Spendern und dem Einsetzen von Recycling-Ware in Aufnehmer, viel, sehr viel Geld verdienen – natürlich im Dienste der Nächsten und auf Grundlagen eigener Solidarität – nicht, um die eigene Villa zu finanzieren.

Nehmen wir weiter an, Manche Deutsche wollen einfach nicht einsehen, dass Organspende „gut“ ist, dass es gut ist, seine Niere zu geben, seine Leber, seine Augen, was immer verwendbar ist….

Wenn manche Deutsche also widerspenstig sind und einfach nichts Gutes tun wollen mit ihren Organen, dann muss man sie schubsen, in dem man die Organspende obligatorisch macht und nur denen erlaubt, keine Organe zu spenden, die dies explizit und im Beisein eines Vasallen des Staates erklären. Und schon hat man viele Menschen glücklich gemacht und viele in die richtige, die gute Richtung geschubst.

Die Möglichkeiten, die sich für Politiker durch das Schubsen zum Guten auftun, sind immens: Fehlverhalten, also solche, die von Politikern als nicht gut befunden werden (dazu gehören nachweislich keine Kinderpornos auf Dienstcomputern), werden durch Schubsen in die richtige Richtung korrigiert, was in der Regel eine Verteuerung bedeuten wird: (noch höhere) Steuern auf Zucker, Steuern auf Alkohol, Steuern auf Tabak, Steuern auf Nichtbewegung, obligatorische Bewegungskurse, morgens um 8 auf dem Dorfplatz, weil Bewegung gesund ist und viele sich einfach nicht genug bewegen wollen, obligatorische Teilnahme an „Feminismus ist gut“-Veranstaltungen, weil Feminismus gut ist und es immer noch welche gibt, die das nicht einsehen wollen und und und.

Schubsen in den Totalitarismus, so lange, bis die Herumgeschubsten gar nicht mehr wissen, was eine unabhängige, eine autonome Existenz ist.

Doch zurück zur angeblichen Diskussion im Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Warum handelt es sich dabei um eine Pseudo-Diskussion? Die Frage ist einfach zu beantworten, und zwar durch Verweis auf eine der Fragen, die durch Heiko Maas und Cass Sunstein vom Tisch gewischt werden sollen: „Ist Nudging nicht undemokratisch?“ Schon die Art, die Frage zu stellen, ist verräterisch: Da gibt es tatsächlich welche, die nicht auf der Höhe der Zeit sind, ewiggestrige Rechte, die denken, Nudging sei undemokratisch. Kann man so blöd sein?

Die erste Frage die sich aufdrängt ist: Wer schubst wen?

Offensichtlich sind Politiker der Meinung, sie schubsen ihre Bevölkerung. War es in Demokratien nicht umgekehrt, waren nicht die Wähler die Souveräne und die Politiker die Repräsentanten? Wie können Politiker dann Wähler schubsen wollen?

Stellen wir uns vor, Karl T. raucht und ist überzeugter Misanthrop, Organspende kommt für ihn nicht in Frage und nichtrauchen auch nicht. Haben Politiker das Recht, ihn nun in Richtung Organspende zu schubsen und zum Nichtraucher zu konvertieren? Oder ist seine Wahl zu respektieren? Offensichtlich sieht eine Demokratie vor, die Wahl von Individuen zu akzeptieren. Die Selbstbestimmung ist ein zentraler Wert in Demokratien, Schubsen ist nicht mit Selbstbestimmung zu vereinbaren.

Schließlich: Was ist der Endzustand, der mit dem „guten Schubsen“ erreicht werden soll? Offensichtlich kann der Endzustand nur ein kollektives Gutes sein, was notwendig zur Folge hat, dass individuelle Interessen zu Gunsten des kollektiven Guten geopfert werden. Das zeigt deutlich, dass Schubsen nichts anderes als ein totalitäres Instrument zur Beseitigung individueller Freiheit ist.

Die Pseudo-Diskussion um das Schubsen dient also einzig dazu, das Geschubse, das folgen wird, zu legitimieren und dazu, behaupten zu können, man habe darüber, ob geschubst werden soll, ja schließlich diskutiert, so wie man es derzeit praktiziert, wenn Bürgern in entsprechenden Veranstaltungen erklärt wird, warum sie Windenergie oder sonstige Spleens, die Politiker auf die Kosten der Bürger umsetzen wollen, zu schlucken haben.

Wie kann man Politikern ihrer Freude an der Volkserziehung, die heute Volksschubsen heißt, vergällen?

Wie wäre es, wir schubsen zurück:

true powerViele ökonomische Untersuchungen (und Schubsen kommt zumindest aus einem Randbereich der Ökonomie) haben gezeigt, dass Menschen dazu tendieren, opportunistisch zu handeln, also ihren Vorteil über z.B. einen vereinbarten Vertrag zu stellen. Politiker sind Menschen und schließen mit ihren Wählern einen Vertrag, den man gemeinhin als Parteiprogramm bezeichnet. Um auszuschließen, dass Politiker ihren eigenen Vorteil über den Vertrag mit ihren Wählern stellen, schlagen wir folgendes Schubsen vor: Die Honorierung von Politikern erfolgt auf Darlehensbasis. Zum Ende eines Jahres legt jeder Politiker einen Rechenschaftsbericht vor, und im Internet findet unter den Wählern, die sich in seinem Wahlkreis befinden, eine Abstimmung darüber statt, ob seine Leistung die Gewährung des gesamten Honorars, eines Teil oder gar kein Honorar rechtfertigt. Je nach Ergebnis der Abstimmung, muss der Politiker sein Honorar zurückzahlen oder kann es (zum Teil) behalten.

Oder wie wäre es damit:

Damit Politiker keine unverantwortlichen Entscheidungen im Bundestag treffen, werden per Zufallsauswahl fünf Gesetze einer Legislaturperiode ausgewählt und es wird geprüft, wer von dem Gesetz profitiert, welche positiven und negativen Folgen davon ausgehen. Ergeben sich mehr negative als positive Folgen, so haften die Abgeordneten gemeinsam für die entstandenen Kosten. Sie haben ein Jahr Zeit, um aus den Kosten einen Nutzen zu machen. Gelingt ihnen das nicht, werden die Zuwendungen an die Parteien um den entstandenen Schaden reduziert.

Wer eigene Vorschläge machen will, um Politikern das Schubsen zu vergällen, die Kommentarfunktion ist wie immer offen.

 

Der Zweck heiligt die Mittel: Klimawandel rechtfertigt auch Lügen

Alea iacta est, soll Julius Caesar gesagt haben, als er den Rubikon in Norditalien überschritten hat, um einen Bürgerkrieg zu beginnen. Der Rubikon ist seither das Symbol für einen „point of no return“, einen Punkt, von dem aus es kein Zurück gibt.

KuhnAuch in den Wissenschaften gibt es derartige „points of no return“. Sie sind sogar wichtig, denn neue Erkenntnisse können, wie Thomas Kuhn das sehr anschaulich beschrieben hat, wissenschaftliche Revolutionen auslösen, die die Welt in einem anderen Licht zeigen und von denen aus es in der Tat kein Zurück gibt.

Doch nicht jede Überschreitung des Rubicon hat positive Effekte, wie schon der Urschritt Caesars zeigt. Manche Dinge gehen in der Tat zu weit, und man wünscht sich selbst als Liberaler, sie wären nie publiziert wurden. Der angeblich liberale Paternalismus, den Cass Sunstein und Richard Thaler propagieren, ist ein solcher Rubikon, jedenfalls für Liberale, behauptet er doch, dass man „im Namen des Guten“ die Willensfreiheit von Menschen etwas biegen dürfe, um sie in die Richtung des vorgeblich Guten zu „nudgen“.

Dieser vermeintlich liberale Paternalismus hat die Tore geöffnet für all diejenigen, die nichts dabei finden, wenn sie Dritte im „Namen des Guten“, also immer im Namen dessen, was sie für gut halten, manipulieren, ja belügen. Ein besonders krasses Beispiel dieser Form wissenschaftlicher Unlauterkeit macht derzeit die Runde in der US-amerikanischen Bloggosphere und u.a. Rothbardian hat darauf hingewiesen.

Das Beispiel ist ein Beitrag von Fuhai Hong und Xiaojian Zhao, veröffentlicht in der Aprilausgabe des American Journal of Agricultural Economics, und es ist betitelt mit: „Information Manipulation And Climate Agreements“.

Was man unter diesem Titel zu lesen bekommt, spottet jeder wissenschaftlichen Lauterkeit.

Das Ausgangsproblem ist ein ökonomisches, das als Free-Rider-Problem bekannt ist und besonders im Zusammenhang mit International Environmental Agreements diskutiert wird. Die Anreize, diesen Abkommen nicht beizutreten, sind nämlich sehr hoch, denn diejenigen Länder, die sich verpflichten z.B. ihren Ausstoß an CO2 zu reduzieren, reduzieren automatisch für die Länder mit, die sich nicht dazu verpflichten. CO2 hält sich nicht an die Landesgrenzen, in welcher Menge es auch immer ausgestoßen wird. Entsprechend kommt eine Reduzierung durch wenige allen zu Gute, eine Situation wie gemacht für das Trittbrettfahren.

Wohlgemerkt, die Prämisse, auf der diese ganze Argumentation basiert, lautet: Es ist wichtig und vorteilhaft, internationale Umweltabkommen zu schließen, wichtig und vorteilhaft für alle.

Hong und Zhao starten von dieser Prämisse und der damit verbundenen Behauptung, dass ein internationales Abkommen zum Umweltschutz, das dem Klimawandel vorbeugen soll, sinnvoll ist. Das setzt zwangsläufig voraus, dass die Autoren den Klimawandel als gegeben annehmen und die Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun, ebenfalls.

Nun beobachten die Autoren Spannendes:

„… it appears that many of the points made in the film [Al Gores Film: An Inconvenient Truth] are controversial, and some have argued that it exaggerated the threat of global warming. … The IPCC [Intergovernmental Panel on Climate Change] has tended to over-generalize its research results and accentuate the negative side of climate change. Following its lead the mainstream media has gone even further. It is a routine and accepted practice that elements in the IPCC reports that indicate the possibility of high levels of crop damage in certain African countries are reported by the media without any qualifying considerations … Taken together, considerable evidence suggests that international mainstream media and pro-environmental organizations have the tendency to accentuate or even exaggerate the damage caused by climate change“ (851-852).

Nudging-Science-CliffWer nun denkt, er hat hier einen kritische Beitrag vor sich, dessen Ziel darin besteht, den Alarmismus, die Hysterie und die Art und Weise, in der versucht wird, eine Klimapanik herbei zu manipulieren, offen zu legen, der sieht sich getäuscht. Hong und Zhao sind nämlich angetreten, die „Betonung (accentuation)“ oder gar „Übertreibung (exaggeration)“ die Medien, Umweltorganisationen, Regierung oder Al Gore betreiben, zu rechtfertigen. Und sie tun dies auf eine bestimmte ökonometrische Weise, bei der man zuerst Begriffe in Buchstaben und Zahlen übersetzt, z.B. N, N-1 und p (am besten hoch i), die so geschaffene Denotation in Gleichungen überträgt, die sicherstellen, dass das, was man vorne hineinsteckt, auch hinten herauskommt und dann zu dem unglaublichen Ergebnis kommt, dass dann, wenn man zwei Länder annimmt, von denen das eine die Darstellung der Schäden, die durch Klimaerwärmung entstehen, übertreibt, das andere nicht, dass man dann sagen kann: Wenn die Übertreibung dazu führt, dass Land zwei (das nicht übertreibende Land) einem Klimaabkommen mit dem ersten Land zustimmt, dass sich dann für alle ein positiver Wohlfahrtseffekt ergibt. Der positive Wohlfahrtseffekt soll sich dann ergeben, wenn die Berichterstattung über die Folgen der Klimaerwärmung übertrieben ist (post hoc-Argument). Allerdings, so die Autoren, könne man nicht sagen, wie die Übertreibung der Folgen durch das eine, vom anderen Land aufgenommen werde (ex-ante Argument), was dazu führt, dass die Folgen der Übertreibung als unklar eingeschätzt werden müssen.

In den Worten der Autoren:

„In equilibrium we find that the message sender may have a strict incentive to exaggerate the damages of climate change when it is less severe, which eventually increases the global welfare ex post. Interestingly, relying on information manipulation will give rise to a negative externality for all the players in the other state when the climate problem is more severe. Intuitively, in this state people will be aware of the message sender’s suppression, and exhibit rational scepticism even if the problem of climate change is indeed severe. Thus, from the ex ante viewpoint, it is not clear whether such information manipulation is welfare enhancing or not.“ (852-853)

Also: „When the media or pro-environmental organizations have private information on the damage caused by climate change, in equilibrium they may manipulate this information to increase pessimism regarding climate change, even though the damage may not be as great. Consequently, more countries (with overpessimistic believes about climate damage) will be induced to participate in an IEA (International Environmental Agreement]  in this state, thereby leading to greater global welfare ex post“ (859)

Der Zweck heiligt demnach die Mittel. Und um den euphemistischen Begriff der „Informationsmanipulation“, den die Autoren nutzen, einmal in das zu übersetzen, was er eigentlich meint: Es ist demnach gerechtfertigt, die Öffentlichkeit über die Folgen des Klimawandels zu belügen, weil auf lange Sicht die Folgen des angenommenen Klimawandels durch die Folgen der Lüge, also den Beitritt zu internationalen Klimaabkommen auch durch Länder, die dem Klimawandel und seinen Folgen pessimistisch gegenüberstehen, ihn z.B. als nicht wissenschaftlich fundiert ablehnen, einen positiven Wohlfahrtseffekt für alle ergeben.

Man sieht hier schön, wie hinten herauskommt, was vorne hereingesteckt wurde, denn wenn wir nur einen Moment annehmen, Umweltabkommen hätten einen Wohlfahrts-schädlichen Effekt, weil sie Innovationen verhindern und Wachstum reduzieren, dann ergibt sich, dass das Belügen der Öffentlichkeit sich ex ante und ex post negativ auf die Wohlfahrt auswirkt.

save the planetDas Ergebnis hat Konsequenzen: Wenn ich die Öffentlichkeit und über Mainstream Medien über z.B. die deutsche Abhängigkeit von russischem Ergas belüge, um die Anbindung an die NATO zu stärken, dann kann ich, wenn es am Ende des dritten Weltkrieges mehr Überlebende in den Ländern der NATO als in den Ländern, die Russland folgen, gibt, darauf verweisen, dass die Lüge einen Wohlfahrtseffekt erzielt hat, oder so.

Wir sind derzeit noch unschlüssig darüber, what we find more disgusting, die Tatsache, dass Wissenschaftler sich anschicken, die Informations-Manipulation durch Mainstream Medien und NGOs zu rechtfertigen oder die Tatsache, dass man heutzutage der Öffentlichkeit auch sagen kann, dass man sie belügt, ohne dass man vor eben dieser Öffenlichkeit Angst haben muss.

Hong, Fuhai & Zhao, Xiaojian (2014). Informaton Manipulation and Climate Agreements. American Journal of Agricultural Economics 96(3): 851-861.

Grün als Standardeinstellung – Wissenschaftler als Steigbügelhalter des Sozialismus

IKyklosm neuen Kyklos ist ein Beitrag von Cass R. Sunstein und Lucia A. Reisch enthalten, in dem beide dafür werben, „green“ zum „default“, grün zur Voreinstellung zu machen. Um dieses seltsame Ansinnen genauer zu verstehen, ist es notwendig, Sunstein in sein publizistisches Gesamtwirken der letzten Jahre einzuordnen und hier insbesondere „nudge“, das gemeinsam mit Richard Thaler verfasste zwischenzeitliche Standardwerk aller Möchtegern-Sozialtechnologen zu berücksichtigen.

Der Inhalt von „nudge“ ist kurz und bündig zu beschreiben: Menschen, so hat es vor allem die soziapsychologische Forschung, die u.a. Amos Tversky und Daniel Kahneman durchgeführt haben, gezeigt, handeln nicht immer rational und bleiben oft mit ihren Handlungsentscheidungen hinter dem zurück, was als optimale Entscheidung angesehen werden kann, als Entscheidung, die ihren Nutzen maximiert (Es ist vielen Anhänger des nudgens offensichtlich nicht klar, dass sie hier auf der Basis von hard-core rational choice unterwegs sind, wobei wir es – wie noch zu zeigen sein wird – mit einer normativen Variante zu tun haben). Weil Menschen in vielen Fällen nicht rational entscheiden und entsprechend suboptimal handeln, so wird in nudge argumentiert, müsse man ihnen Vorgaben machen, die sie auf den Weg der optimalen Entscheidung bringen, sie zur „richtigen“ Entscheidung leiten.

nudgeKern von nudge ist also eine Entmündigung der Handelnden, natürlich in guter Absicht, denn Sunstein und Thaler sind um die Natur und die Ökologie und das Soziale und das Mitmenschliche und um alles, was positiv bewertet ist, besorgt. Wie dieses „nudgen“ aussehen kann, erfahren Deutsche z.B. in Schönau im Schwarzwald. oder Kunden der Energiedienst GmbH, die den Süden Deutschlands mit Ökostrom versorgt. Letztere bietet nach Erkenntnissen von Sunstein und Reisch drei Tarife, wobei der „grüne“ Tarif der Standard ist, in den Kunden eingeordnet werden, wenn sie sich nicht wehren. Der „grüne“ Tarif ist teurer als ein weniger „grüner“ Tarif, aber da er der Standard ist, behalten ihn die meisten Kunden der Energiedienst GmbH bei. Auf diese Weise, so die Lehre, die Sunstein und Reisch unter ihre Leser bringen wollen, ist es möglich, Menschen zur „richtigen“ Entscheidung, in diesem Fall zur Entscheidung für teureren Ökostrom zu bewegen.

Der kurze Beitrag von Sunstein und Reisch fährt fort die Vorzüge dieser Form einer Vorgabe, die ich oben als Entmündigung bezeichnet habe, zu betonen und wendet sich abschließend der Frage zu, wie man denn nun einen verbindlichen und den „richtigen“ Standard für alle bestimmen kann. Die Frage wird von beiden Autoren wie folgt beantwortet:

„Ideally, choice architects would monetize all of the relevant costs associated with relevant energy uses and set a default rule accordingly. Of course it is true that the assessment could create serious empirical challenges both in monetizing the relevant benefits and in projecting the level of opt-out. It is also true that if green energy reduces significant externalities, a corrective tax or a mandate might be desirable, not merely a default rule“(402).

Wem man diese Passage liest, dann ist man sich nicht sicher, worüber man sich insbesondere aufregen soll. Darüber, dass zwei Ökonomen, von denen zumindest Sunstein ein gewisses Maß an Kenntnis über die Ergebnisse der Behavioural Economics zu haben vorgibt, davon ausgehen, es sei möglich, eine Entscheidung unter Vollinformation zu treffen. Wozu, so fragt man sich, haben Tversky und Kahneman, Herbert Simon oder Oliver Williamson ihre umfrangreichen Werke geschrieben, wenn sie nach nur wenigen Dekaden in vollständige Vergessenheit geraten, selbst unter denen, die sie gelesen zu haben vorgeben.

Wenn nun aber keine Entscheidung unter Vollinformation getroffen werden kann, wenn also jede Entscheidung, da sie auf die Zukunft gerichtet ist, notwendiger Weise mit Unsicherheit verbunden ist, und deshalb unbeabsichtigte und bei Entscheidung unbekannte Folgen zeitigen wird, dann ist es auch einem „Choice Architect“ nicht möglich, eine vollinformierte Entscheidung zu treffen.

Nun ist es eine Sache, wenn Hans X eine Entscheidung trifft, die sich im Nachhinein als falsch herausstellt, deren Folgen aber Hans X zu tragen hat. Es ist eine völlig andere Sache, wenn der Choice Architect X eine Entscheidung trifft, die sich als falsch erweist und unter deren Folgen eine große Zahl von Personen zu leiden haben.

Hayek SerfdomZudem stellt sich natürlich eine ethische Frage: Wie ist es mit der Willensfreiheit von Menschen zu vereinbaren, wenn man das Wissen um die menschliche Trägheit zu seinen Gunsten ausnutzt, um Menschen eine Wahl vorzugeben, die sie, hätten sie sie treffen müssen, nie getroffen hätten, die sie aber akzeptieren, weil die Informationskosten der Suche nach Alternativen zu hoch sind? Diese Art des über die Köpfe von Menschen Planens, diese Form der Entmündigung ist es, die Friedrich von Hayek in seinem Buch „The Road to Serfdom“ bereits ausführlich analysiert und als sowohl ethisch als auch pragmatisch mit allem, was Freiheit, was freie Entscheidung angeht nicht vereinbar gezeigt hat. Dessen ungeachtet kehrt der sozialistische Planer, den Hayek als Feind der Freiheit bekämpft hat, als „Choice Architect“ wieder, und wieder stellen sich Intellektuelle als Steigbügelhalter des Sozialismus und der Entmündigung von Menschen zur Verfügung.

Denn eines ist sicher, wenn Choise Architects erst eingeführt sind, dann werden sie nicht bei der Vorgabe der Farbe der Mülltüte, der Vorgabe des Stroms, der verbraucht werden muss, der Vorgabe der richtigen Sprechregelung, der Vorgabe der richtigen Anreise zur Arbeit, der Vorgabe der richtigen Essgewohnheiten, der Vorgabe einer Organspende stehen bleiben. Sie werden weiter ihre normativen Vorstellungen davon, was „richtig“ und „gut“ ist, für alle zum Maßstab erheben und auf dieser Basis immer weiter in die Leben von Menschen intervenieren und das bischen Freiheit, das verblieben ist, so lange reglementieren bis passiert, was in sozialistischen Systemen immer passiert ist: Niemand bewegt sich mehr, die Gesellschaft kommt zum Stillstand, der Erhalt des Vorhandenen wird zur Aufgabe, neben der Neues keinen Platz mehr hat, kurz: Fortschritt und damit verbundenes Wachstum, beides notwendige Zutaten für Wohlstand, werden auf dem Altar sozialistischer Mythenbildung und Gutheit geopfert.

Literatur

Simon, Herbert E. (1982). Models of Bounded Rationality. Cambridge: MIT-Press.

Sunstein, Cass R. & Reisch, Lucia A. (2013). Green by Default. Kyklos 66(3): 398-402.

Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1986). Rational Choice and the Framing of Decisions. Journal of Business 59(4): S251-S.278.

Williamson, Oliver E. (1985). The Economic Institutions of Capitalism. New York: Free Press.

Kinderlosigkeit (Kinderfreiheit): Für deutsche Männer auch wissenschaftlich empfohlen

Die  Gründe, die gegen Fertilität sprechen, sind eigentlich Legion, und sie sind spätestens seit Garrett Hardin im Jahre 1968 seine „Tragedy of the Commons“ veröffentlicht hat, bekannt und lassen sich auf einen Begriff bringen: Überbevölkerung. Angesichts von zwischenzeitlich mehr als 7. Milliarden Menschen, die den Erdball übervölkern, angesichts der damit verbundenen Versorgungsprobleme mit Nahrung und Trinkwasser und angesichts der damit verbundenen Probleme von Umweltverschmutzung, Flächenversiegelung oder miserablen sanitären Verhältnissen oder Epidemien sollte eigentlich im Hinblick auf die Gründe, die gegen eine Fertilität sprechen, alles gesagt sein.

desertificationSeltsamerweise sind die selben Regierungen, die so vehement gegen Umweltprobleme und Versorgungsprobleme, so vehement für Gesundheit und Lebensqualität eintreten, auch die Regierungen, die ihre Bevölkerung zur Fertilität anreizen, sie für die Produktion von Nachwuchs gar noch bezahlen. Die Heuchelei hinter solcher Politik ist jedem offenkundig, der sich einen Moment lang (und politisch ganz unkorrekt) vergegenwärtigt, dass mit jedem Menschen, der diesen Planeten zusätzlich bewohnt, der Verbrauch von Ressourcen und die Verschmutzung der Umwelt zunimmt. Wer dies tut, dem sollte angesichts begrenzter Flächen zur Produktion von Nahrungsmitteln und angesichts einer fortschreitenden Versteppung und wachsender Wüsten der Schluß möglich sein, dass die Probleme der Versorgung mit Nahrungsmittel und Trinkwasser durch weitere Erdenbürger sicher nicht geringer werden. Und schließlich sollte auch der Zusammenhang zwischen einer steigenden Bevölkerungsdichte und einer sinkenden Lebensqualität leicht nachvollziehbar sein. Wenn nicht, einfach an den Nachbarn denken, der sie vor … Tagen um die Nachruhe gebracht hat.

Einen guten und kurzen Beitrag, der die meisten Argumente für Kinderlosigkeit zusammenfasst, hat Richard Stallman hier geschrieben.

VOCKinderbesitz bzw. Fertilität ist ein affektiv-kulturell überladenes Konzept. Wissenschaftliche Konzepte wie z.B. der Value of Children haben die  Vorteile von Kinderbesitz regelmäßig in deren ökonomischem Nutzen und deren psychologischem Nutzen gesehen. In modernen Gesellschaften und Deutschland soll ja eine moderne Gesellschaft sein, spielt angeblich der ökonomische Nutzen von Kindern keine Rolle mehr. Kinder sind demnach nicht mehr notwendig, um die eigene Lebensversorgung im Alter zu sichern oder um einen Beitrag zum Haushaltseinkommen zu leisten. Kinder in Deutschland haben für ihre Eltern vermeintlich einen psychologischen Nutzen: Sie sollen Objekt der Freude sein, Objekt der Hoffnung, Projektionsfläche all der eigenen Träume, die nicht in Erfüllung gegangen sind, Kinder sind ein Objekt, auf das man alle möglichen Formen vermeintlicher Sorge und Fürsorge übertragen kann und vieles mehr. Und mit Kindern verbinden sich kulturelle Vorstellungen von Verantwortung, am besten in der Verantwortung für die nächste Generation eingefasst, von der allerdings gesagt werden muss, dass jeder, der diesen Planeten nicht mit zusätzlichen Menschen belastet, mehr Verantwortung für die nächste Generation übernimmt als ein beliebiger Kinderbesitzer. Aber, wir haben es hier mit affektiv überladenen kulturellen Wertvorstellungen zu tun, und die führen schon bei Max Weber zu traditionalen Handlungen, die wiederum rationaler Argumentation nicht zugänglich sind. Entsprechend sind Kinder Ergebnis affektiver, nicht rationaler Bewertung.

Und affektive Bewertungen schlagen sich auch in der Zusammenstellung der Gefahren nieder, die sich angeblich mit einer Kinderlosigkeit verbinden. Selbst oder gerade wissenschaftliche Beiträge beteiligen sich an der Mythenbildung, nach der Kinder z.B. für das psychologische Wohlbefinden von Menschen wichtig sind. (1) Entsprechend haben Kinderslose unter ihrer Kinderlosigkeit (gefälligst) zu leiden, eben weil sie keine Kinder haben (Eine sehr seltsame Hypothese, die voraussetzt, was erklärt werden soll, aber, wie gesagt, es geht um Affekte, nicht um Rationalität). (2) Etwas elaborierter ist ein anderer Strang der Diskussion, der Kinderlosen weniger psychologisches Wohlbefinden infolge geringerer sozialer Unterstützung zuspricht. Die geringere soziale Unterstützung wiederum soll sich daraus ergeben, dass Kinderlosigkeit in einer Gesellschaft negativ bewertet werden sollen, Kinderlose daher mit sozialer Ächtung, Gefühlen des Versagens oder Einsamkeit zu kämpfen haben sollen. (3) Schließlich gibt es eine Riege von Wissenschaftlern, die den Spieß umdreht und behauptet, nicht Kinderlosigkeit führe zu geringem psychischem Wohlbefinden, sondern Letzteres sei Ursache von Kinderlosigkeit.

childfree zoneDie gesammelte Armut wissenschaftlicher Erklärungsansätze, die im letzten Absatz dargestellt wurde, wird am besten daran deutlich, dass alle Ansätze eine Prämisse teilen, die man zunächst als „Alle Menschen haben Präferenzen für eigenen Nachwuchs“ formulieren kann, um sie dann in die Prämisse zu überführen: „Alle Menschen sind soziale Wesen“. Letztere Behauptung hat Aristoteles erfolgreich in den philosophischen Diskurs des Westens lanciert, erstere Prämisse sollte eigentlich und mit Blick auf rund 20% kinderlose Frauen über 40 Jahre (interessanter Weise spielen Männer bei solchen offiziellen Statistiken nie eine Rolle, warum wohl?) widerlegt sein. Aber und abermals: Wir sind in einem affektiven Diskurs. Wenn es um Kinder geht, dann gilt: Jeder will sie haben (außer mir). So wenig man affektive und nicht rationale Motive, die eine Gesellschaft durchziehen, auf einen Schlag mit kognitiver Beweislast erdrücken kann, so sehr ist es doch möglich, die entsprechenden kulturell-affektiven Bastionen durch abweichendes Verhalten sturmreif zu schießen.

Warner_Leisure_Hotels-Neben der Tatsache, dass sich immer mehr Menschen gegen Kinder entscheiden, gibt es eine Reihe von warner_holidayswissenschaftlichen Studien, die, zum Teil mit ganz anderen Zielen angetreten, im Ende doch nicht anders konnten, als zu zeigen, dass Kinderlose nicht die Paria der Gesellschaft sind, zu denen sie die affektiv determinierte Mehrheit gerne machen will. Eine solche Studie wurde gerade in der European Sociological Review veröffentlicht. Die Autoren der Studie, Tim Huijts, Gerbert Kraaykamp und S. V. Subramanian geben bereits im ersten Satz des Beitrags ihre Prämissen preis, denn sie wollen untersuchen, in welcher Weise Kinderlosigkeit mit geringem psychologischen Wohlbefinden einhergeht. Eine wissenschaftlich neutrale Fragestellung hätte dagegen untersucht, wie Kinderbesitz oder Kinderlosigkeit mit  psychischem Wohlbefinden zusammenhängen. Die Studie von Huits, Kraaykamp und Subramanian steht somit nicht in Verdacht, eine Kinderlosen-freundliche Studie zu sein.

Und dennoch kommen die Autoren auf der Grundlage der Daten des European Social Survey und auf Basis von 27.182 über 40jährigen Befragten aus 24 Europäischen Ländern zu den folgenden Ergebnissen:

„First, when looking at the European sample as a whole, we found that being childless is associated with worse psychological well-being for men, but not for women. Second, however, the results indicated that both the strength and the sign of the relationship between childlessness and psychological well-being vary between European societies. […] Third, we have found that societal norms towards childlessness […] at the national level may at least partly account for these variations“ (43).

Ein Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und psychischem Wohlbefinden existiert demnach im Durchschnitt der untersuchten Ländern nur für Männer, nicht jedoch für Frauen. Er ist für Männer von Land zu Land verschieden und variiert mit der Toleranz, die innerhalb der entsprechenden Kultur, des entsprechenden Landes für Kinderlosigkeit aufgebracht wird. Besonders spannend sind die Ergebnisse für Deutschland und für deutsche Männer:

  • Deutschland belegt im Hinblick auf die Toleranz für Kinderlosigkeit einen Platz im Mittelfeld (11 unter 24).
  • Deutschland belegt im Hinblick auf das durchschnittliche Ausmaß psychologischen Wohlbefindens ebenfalls einen Platz im Mittelfeld (12 unter 24).
  • Deutsche Männer, die kinderlos sind, bilden mit französischen, dänischen und britischen Männern eine Ausnahme, denn deutsche, wie französische, dänische und britische Männer, die kinderlos sind, zeichnen sich durch ein höheres psychologisches Wohlbefinden aus als Väter in diesen Ländern.

HealthyLivingAnders formuliert: Kinderlose Männer in Deutschland fühlen sich wohler als Väter in Deutschland. Das ist angesichts der Gesetzeslage, die Väter zum Freiwild für Unterhaltseintreiber erklärt, nicht weiter verwunderlich (ganz davon abgesehen, dass Männer zum allzeit sorgenden Windelwickler umerzogen werden sollen), aber es ist verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Autoren ausschließlich Männer über 40 Jahren untersucht haben und jüngere Männer, die viel eher als Träger eines kulturellen Wandels angesehen werden können, als alte Männer gar nicht berücksichtigt wurden. Entsprechend kann man vermuten, dass sich in Deutschland ein Wandel abzuzeichnen scheint, ein Wandel von der affektiven Bindung an Kinderbesitz hin zu der rationalen Entscheidung, kinderlos zu bleiben. In jedem Fall kann man festhalten, dass Kinderfreie (Kinderlose) nicht nur der nächsten Generation und ihren Mitmenschen einen unschätzbaren Dienst erweisen, weil sie die knappen Ressourcen der Erde nicht noch weiter mit zusätzlichen Menschen belasten, sondern auch sich selbst, wie ihr besseres psychisches Wohlbefinden zeigt.

P.S. In Deutschland ist der Begriff „kinderlos“ verbreitet, und ich habe diesen Begriff auch benutzt, obwohl ich ihn nicht mag, weil er einen Mangel impliziert. In Anlehnung an den englischen Begriff „childfree“ schlage ich daher vor, in Zukunft von kinderfrei und Kinderfreien zu sprechen.

Huijts, Tim, Kraaykamp, Gerbert & Subramanian, S. V. (2013). Childlessness and Psychological Well-Being in Context: A Multilevel Study on 24 European Countries. European Sociological Review 29(1): 32-47.

Reise nach Absurdistan: Die Postwachstumsgesellschaft

Dr. Thomas Sauer, Professor für Volkswirtschaftslehre am Fachbereich Betriebswirtschaft der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena, nimmt die Leser seines Beitrags, „Die Rolle der Gemeingüter in den Städten“ mit auf eine Reise, eine Reise von Widerspruchshausen nach Absurdistan. Nicht nur ist der Beitrag in einer Weise geschrieben, die man jedem Studenten um die Ohren hauen würde, weil weder die Fragestellung noch ein roter Faden, der dem Leser durch den Text hilft, erkennbar sind noch ist der Inhalt, jenseits der ideologischen Betrachtung der Welt auch nur im Entferntesten deckungsgleich mit dem, was in ökonomicher und soziologischer Theorie diskutiert wird und was man in beiden als Grundlagenwissen bezeichnen könnte. Dies war die Behauptung, nun folgt der Beleg.

Ich habe im Satzdickicht von Dr. Sauer, die folgenden Aussagen/Behauptungen identifizieren können, die man – wenn man unterstellt, der Beitrag sei mit einem bestimmten Ziel geschrieben worden, der Beitrag enthalte eine „message“, in die folgende logische Abfolge bringen kann:

  1. Die „Wachstumswirtschaft“ hat „uns“ an die „Grenzen des planetaren Ökosystems“ geführt.
  2. Es kriselt: Klimakrise, Energiekrise, Globalisierungskrise und Systemkrise sind „Schockgeneratoren“.
  3. Das Problem mit dem Wachstum besteht darin, dass es Ressourcen verbraucht, dass es Steuereinnahmen generiert und dass es Arbeitslosigkeit beseitigt.
  4. Die Wachstumsgesellschaft sieht eine Entkoppelung von Ökonomie und Gesellschaft. Die Postwachstumsgesellschaft will eine „Wiedereinbettung der Ökonomie in ihren gesellschaftlichen und ökologischen Kontext“.
  5. Die Postwachstumsgesellschaft kennt „einen neuen Ökonomiebegriff“, keine individuelle Nutzenmaximierung und eine „Abkehr vom Paradigma der „unsichtbaren Hand““, an dessen Stelle sollen eine „kooperative Reproduktion der sozialen und ökologischen Ressourcenbasis“ und eine „Idee der institutionellen Pluralität“ treten.
  6. Die „neoklassische Ökonomie sagt: Wenn Kollektivgüter von jedem frei genutzt werden, dann führt dies zu einer Übernutzung. Nachhaltigkeitsprobleme sind daher immer auch Kollektivgutprobleme, meint Dr. Sauer.
  7. Die Übernutzung von Kollektivgütern kann in der „Logik der neoklassischen Ökonomie“ nur durch Privatisierung verhindert werden.
  8. Elinor Ostrom hat aber gezeigt, dass Gemeingüter „sehr wohl erfolgreich gemeinwirtschaftlich verwaltet werden“ können.
  9. Konklusion [Die ziehe ich, der Text von Dr. Sauer hört schlagartig und ohne Schlussfolgerungen auf]: Wir müssen weg vom Privateigentum und weg vom nutzenmaximierenden homo oeconomicus und hin zum gemeinschaftlich orientierten Sozialwesen, dessen Rechte von „dezentralen Institutionen“ wahrgenommen werden, deren Ziel darin besteht, die nachhaltige Nutzung von Ressourcen zu sichern.

Die Aussagen, die ich aus Dr. Sauers Beitrag extrahiert habe und von denen ich der Ansicht bin, dass Sie den Kern des Beitrags ausmachen, will ich nunmehr in chronologischer Reihenfolge und mit den Mitteln der kritischen Analyse wie sie in unserem Grundsatzprogramm formuliert sind, analysieren:

  1. Maddison (2006), S.43

    Die Behauptung, dass die Wachstumswirtschaft uns an die Grenzen des planetaren Ökosystems geführt hat, ist, wenn ich das einmal so deutlich formulieren darf, grober Unsinn. Das Wachstum der letzten Jahrtausende hat, wie Maddison (2006) in seiner Fleißarbeit gezeigt hat, Wohlstand und Lebenssicherheit in einem Maße geschaffen, das für die jeweils vorausgehenden Generationen unvorstellbar war. Die „Tragik der Allmende“, die in Punkt 6 noch einmal wieder kommen wird, besteht nicht darin, dass rationale Akteure ein Kollektivgut übernutzen, sondern darin, dass es zu viele Akteure gibt, die ein Kollektivgut nutzen wollen.

  2. Wann hätte es je eine Zeit gegeben, in der es nicht gekriselt hat? Die Krise gehört zum Wandel, wie die Veränderung zum Fortschritt. Wer Krisen verhindern will, der muss die Zeit anhalten, denn dummerweise kommen mit Handlungen immer auch unbeabsichtigte Folgen, also Folgen, die man nicht beeinflussen, verhindern oder vorhersehen kann. Aber wenn schon Krise, dann richtig: Was ist mit der Dürrekrise in den USA? Was ist mit der Wasserkrise in Sub-Sahara-Afrika? Was ist mit der Wikipedia-Ideologie-Krise? Was ist mit der deutsche-Schwimmer-ohne-Olympia-Medaillen-Krise? Was mit der Eurokrise? Was mit der Bankenkrise, der Sub-prime-mortgage Krise, der Barclays-Krise, der Jungenkrise, der Bildungskrise, der überdüngte-Böden-Krise, der Krise der vögelmordenden Windräder, der Irak/Iran/Syrien/Afghanistan/Vietnam/Nord-Korea/Kambodscha/Somalia/Jemen/Serbien/Balkan/Georgien-Krise? Alles eine Folge der Wachtumswirtschaft?
  3. Das ist in der Tat ein Problem, dass man nur unter Einsatz von etwas, etwas erreichen kann. Aber das ist auch im Paradies so: Wer davon träumt, dass ihm gebratene Maiskolben in den Mund fliegen, vergisst, dass Maiskolben irgendwo wachsen müssen (unter Verbrauch von Ressourcen), von irgendwem angebaut werden müssen (unter Verbrauch von Ressourcen), von irgendjemandem gebraten werden müssen (unter Gebrauch von Ressourcen) und von irgendjemandem geworfen werden müssen (unter Gebrauch von Ressourcen) damit der ursprüngliche Jemand sich einbilden kann, er lebe im Paradies. Den Zusammenhang zwischen Wachstum und geringer Arbeitslosigkeit bzw. hohen Steuereinnahmen, will ich nur dahingehend kommentieren, dass es in der Postwachstumsgesellschaft offensichtlich – weil logisch aus der Feststellung folgend: hohe Arbeitslosigkeit und geringe Steuereinnahmen gibt. Obwohl mich dieser Spritzer „Realität“ im Traumgebilde der „Postwachstumsgesellschaft“ freut, bin ich mir doch gleichwohl nicht darüber im Klaren, ob viele die Freude an der Armut, die Anhänger der „Postwachstumsgesellschaft“ zu treiben scheint, teilen.
  4. Wer denkt, dass Ökonomie derzeit von der Gesellschaft entkoppelt ist, hat eine seltsame Vorstellung davon, was es bedeutet, zu arbeiten, was die Frage nach der Tätigkeit von Dr. Sauer und dem Verhältnis, in dem seine Tätigkeit zu Arbeit steht, aufwirft. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl der arbeitenden Erwerbstätigen der Ansicht ist, sie sei sehr wohl in die Gesellschaft eingebettet.
  5. Was Dr. Sauer als Postwachstumsgesellschaft beschreibt, ist nichts anderes als gesteuerte Ökonomie (das nennt man Sozialismus oder Kommunismus), die darauf basiert, Menschen ihr Menschsein, ihr Streben danach, sich und ihre Situation zu verbessern, ihren Nutzen zu maximieren, abzugewöhnen. Die Postwachstumsgesellschaft ist also eine Gesellschaft der Ghouls, die alle vom selben Leichnam früheren Wohlstands zehren.
  6. Nein, die Tragik der Allmende, auf die Dr. Sauer hier Bezug nimmt, und die von Garret Hardin (1968) in seinem klassischen Artikel „The Tragedy of the Commons“ beschrieben wurde, ist keine Krise des Rationalismus, sondern eine Krise der Überbevölkerung: „The pollution problem is a consequence of population. It did not much matter how a lonely American frontiersman disposed of his waste. ‘Flowing water purifies itself every ten miles’, my grandfather used to say, and the myth was near enough to the truth when he was a boy, for there were not too many people. But as population became denser, the natural chemical and biological recycling processes became overloaded, calling for a redefinition of property rights” (Hardin, 1968, S.1245). Und: „… the oceans of the world continue to suffer from the survival of the philosophy of the commons. Maritime nations still respond automatically to the shibboleth of the ‘freedom of the seas.’ Professing to believe in the ‘inexhaustible resources of the oceans’, they bring species after species of fish and whales closer to extinction” (Hardin, 1968, S.1244). Man beachte zweierlei: Die „Tragedy of the Commons“, also z.B. die Überfischung der Weltmeere, hat zum einen die Ursache, dass es zu viele Menschen gibt und zum anderen die Ursache, dass kollektive Akteure, Staaten, Organisationen, Vereinigungen, so tun, als wäre die Erde nur spärlich bevölkert.

    Garret Hardin (1968). The Tragedy of the Commons.

  7. Liberale Ökonomen gehen in der Tat davon aus, dass das Problem der gemeinschaftlichen Übernutzung von Kollektivgütern dadurch gelöst werden kann, dass die entsprechenden Güter bzw. die Nutzung an den entsprechenden Gütern (Wald, Meere) privatisiert werden, sind sich aber durchaus bewusst, dass nicht-liberale Ökonomen die Rettung vor der gemeinschaftlichen Übernutzung in staatlicher Reglementierung sehen.
  8. Elinor Ostrom hat im Gegensatz zu dem, was Dr. Sauer behauptet, im Privateigentum gerade die Grundlage der Lösung des Problems der Übernutzung kollektiver Güter gesehen. Mark Pennington, dem die Fehlrezeption von  Ostroms Arbeiten massiv auf die Nerven gegangen zu sein scheint, hat dies gerade in einem Beitrag für den Blog des Institute of Economic Affairs in London richtig gestellt. Wie? U.a. in dem er zitiert, was Ostrom selbst geschrieben hat: „Common property regimes are a way of privatising the rights to something without dividing it into pieces… Historically common property regimes have evolved in places where the demand on a resource is too great to tolerate open access, so property rights have to be created, but some other factor makes it impossible or undesirable to parcel the resource itself“ (McKean & Ostrom, 1995, S.6). Also wieder nichts mit der Gemeinschaftsideologie, dem Traum von Kommunismus, in dem glückliche Menschen über grüne Wiesen, die niemandem und doch allen gehören, springen und sich daran freuen, dass ihnen die gebratenen Maiskolben in den Mund fliegen… Aber das hatten wir schon.
  9. Die Konklusion, die Dr. Sauer in seinem Beitrag nahelegt, wird durch ihn selbst widerlegt, denn während er voller Enthusiasmus ein Projekt in der schwedischen (wie könnte es auch anders sein) Stadt Växjö beschreibt, das nach seiner Ansicht wohl das Beispiel par exellence für die Überwindung der Wachstumsgesellschaft mit ihren nach Eigennutz strebenden Akteuren, die auch vor der Zerstörung der Natur nicht halt machen, ist, entgleitet ihm der folgende Satz: „Ein treibender Faktor der Energiewende in Växjö war neben der Kommune die Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer, die ein massives Interesse an der Nutzung der nachhaltig erzeugten Energieträger haben„. Es ist nicht erstaunlich, dass Waldbesitzer Holz verkaufen wollen. Es stellt die Maximierung des Nutzens von Waldbesitzern dar, wenn sie ihr Holz verkaufen, wenn sie es sicher verkaufen, wenn sie es zu einem garantierten Preis verkaufen. Und so entpuppt sich die schöne heile Welt des Postwachstums als eine Gesellschaft, in der individuelle Interessen, zwar weiterhin nutzenmaximierend sind, aber dadurch geadelt werden, dass sie nunmehr als „Interessen der Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer“ deklariert werden.

Postwachstum so hat sich gezeigt, ist nichts anderes als eine Umetikettierung und eine Neuverteilung von Legitimation. Um legitim zu sein, genügt es nicht mehr, dass Interessen individuelle Interessen sind, nein, sie müssen kollektive Interessen sein. Sind sie mit dem kollektiven Heiligenschein versehen, dann dürfen die Interessen gerne auftreten, um ihren Nutzen zu maximieren und wenn sie zudem als „nachhaltig“ gelten, sind sie auch von jeglicher Kritik ausgenommen, denn wer will schon der „Umweltkrise“ das Wort reden. Schon das Beispiel aus Växjö macht deutlich, dass organisierte Interessen (die Waldbesitzer) gegenüber anderen, weniger formal organisierten kollektiven Interessen einen Vorteil darin haben, ihre Interessen durchzusetzen. Und wie man denken kann, dass die Vertreter organisierter Interessen, die natürlich von sich behaupten, sie erfüllten die Werte, die gerade gesellschaftlich in Mode sind, Nachhaltigkeit zum Beispiel, würden für sich eine Grenze ziehen, bis zu der sie ihre Interessen durchsetzen und die sie nicht überschreiten, ist mir nicht nachvollziehbar. Aber ich lebe auch nicht in der Postwachstumsgesellschaft, in der die fliegenden Maiskolben unterwegs sind, und von außen betrachtet, scheint mir auch die Postwachstumsgesellschaft nichts Neues zu sein, auch das, was die Postwachstumler uns nahe legen wollen, hatten wir schon, es hieß damals DDR und die Führer der „Animal Farm“ trafen sich im Zentralkomittee um die kollektiven Interessen zu formulieren und z.B. die Anzahl der Einwohner des SED-Paradieses festzulegen, die im Jahr 10 nach der Machtergreifung, einen Kühlschrank erhalten sollten.

Literatur:

Hardin, Garret (1968). The Tragedy of the Commons. Science, 162: 1243-1248.

McKean, Margareth & Ostrom, Elinor (1995). Common Property Regimes in the Forest: Just a Relic from the Past? Unasylva 48(180): 3-15.

Bildnachweis:
Unsolicitedious

Der Reiz der Unfreiheit besteht in der Abgabe der Verantwortung – Ein Kommentar

Die Reaktionen auf den letzten Beitrag, „Reiz der Unfreiheit“, in dem ich auf einige Problem hingewiesen habe, die sich mit der in der „Männerbewegung“ vorherrschenden Freude über das Urteil des Kölner Landrichters Beenken verbinden, haben mich dazu veranlasst, noch einen post nachzulegen, in dem ich auf die Prämissen aufmerksam machen will, auf denen die zum Teil hektische, fast schon hysterische Behandlung eines Themas, dessen Bedeutung für die Männerbewegung kaum geringer sein könnte, basiert.

Die Liste der Prämissen umfasst die folgenden Behauptungen:

  1. Deutschland ist voller religiös eifernder Eltern, die ihre Kinder misshandeln wollen.
  2. Die (vermeintlichen) religiösen Eiferer finden sich (angeblich) vornehmlich unter Juden und Muslimen.
  3. Die Beschneidung männlicher Kinder stellt eine Körperverletzung dar.
  4. Die Selbstbestimmungsrechte von Kindern sind sakrosankt.
  5. Die Interessen zum Schutz der misshandelten Kinder sind rein und bedürfen keinerlei Relation zu anderen Interessen.

Deutschland ist voller religiös eifernder Eltern, die ihre Kinder misshandeln wollen

Diese Prämisse ist notwendig, denn ansonsten müsste man zugestehen, dass Eltern, auch religiöse Eltern, das Wohl ihres Kindes im Sinne haben und offensichtlich denken, es sei dem Wohl ihres männlichen Kindes förderlich, beschnitten zu werden. Wird zugestanden, dass Eltern, auch religiöse Eltern, das Wohl ihres männlichen Kindes im Auge haben, dann folgt daraus, dass man die entsprechenden Eltern nicht mehr in Bausch und Bogen verdammen kann, und es folgt daraus, dass man zugestehen müsste, die entsprechenden Eltern denken, eine Beschneidung sei zum Wohle ihres männlichen Kindes. Was nun? Nun stehen Eltern, die das Wohl ihres Kindes im Auge haben, Fremden gegenüber, die von sich behaupten, das Wohl ihnen fremder Kinder im Auge zu haben. Die ganze Diskussion wird zu einer Diskussion um Herrschaft. Welche der beiden Gruppen kann Herrschaft über Kinder ausüben? Wer muss zurückstehen? Was also tun? Überzeugen mit Worten? Dazu braucht man gute Argumente. Argumente, die z.B. zeigen, dass die Beschneidung von Jungen nicht nur in Ausnahmefällen negative Konsequenzen und nicht nur nicht prüfbare Konsequenzen wie z.B. einen nicht bezifferbaren Verlust sexueller Erlebnisfähigkeit nach sich zieht. Seltsamerweise ist dies nicht der Weg, den die meisten hektisch nach einem Verbot der Beschneidung Rufenden gehen wollen. Sie wollen die Staatsmacht auf ihrer Seite. Sie wollen die Gegenseite dazu zwingen, die Beschneidung zu lassen. Das führt zur Frage, wer ist denn die Gegenseite?

Die (vermeintlichen) religiösen Eiferer finden sich (angeblich) vornehmlich unter Juden und Muslime.

The usual suspects. Die Sozialpsychologie ist voller Studien über In- und Outgroups. Sie alle eint die Aussage, dass Outgroups dazu dienen, den Zusammenhalt der Ingroup zu stärken. Entsprechend muss ich mich an dieser Stelle korrigieren: Die Diskussion um die Vorhaut von Jungen, ist das Fanal, um das sich manche Männerrechtler sammeln. Es ist zwar beschämend armselig, aber es ist so, und es zeigt, dass die „Männerbewegung“ über keine positive Definition der eigenen Sache verfügt. Statt dessen setzt sie sich auf jeden Karren der mit „Geschlecht“ beschrieben ist und macht sich zum Vasallen eines Staates, der mit seinen Regelungen bereits jetzt fast jeden Bereich des gesellschaftlichen Lebens durchsetzt. Eine Freiheitsbewegung zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Freiheit nicht nur für ihre Mitglieder fordert und einklagt. Eine Männerbewegung, die sich für die Beschneidung von Freiheiten anderer einsetzt, ist entsprechend keine Freiheitsbewegung, sie ist eine Hilfstruppe im Dienste des Staates. Dass die Hilfstruppe sich in ihrem Ansinnen, das Leben anderer zu regeln, dabei ausgerechnet gegen Juden und Muslime wendet und dass die Hilfstruppe sich selbst als „linke Männerrechtsbewegung“ beschreibt, ist eine Ironie der Geschichte und weist darauf hin, dass die Zuschreibung von Ideologieinhalten entlang des Kontinuums von rechts nach links schon lange jede inhaltliche Bedeutung verloren hat.

Die Beschneidung männlicher Kinder stellt eine Körperverletzung dar.

Wenn die Beschneidung männlicher Kinder eine Körperverletzung darstellt, dann stellt sich die Frage danach, wie andere post- und prä-natale Eingriffe zu qualifizieren sind: Was ist mit den Eingriffen zur Herstellung eines eindeutigen Geschlechts bei entsprechenden Fragezeichen? Was ist mit Abtreibung? Will die Männerbewegung wirklich dieses Fass wieder öffnen und darüber diskutieren, ob Abtreibung den Tatbestand des Mordes erfüllt? Und, wie ich bereits im letzten Beitrag geschrieben habe, was ist mit den vielfältigen Formen der Körperverletzung, die durch eine falsche Ernährung, durch mangelnde Bewegung, durch Vernachlässigung geschaffen werden? Soll hier auch der Staat regelnd eingreifen oder ist eine entsprechende Regulation nicht zielführend, weil sie sich nicht nur gegen Juden und Muslime richten würde?

Die Selbstbestimmungsrechte von Kindern ist sakrosankt.

Monoton und regelmäßig kommt in der Diskussion der Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Kinder. Doch selbst das Kölner Urteil stellt fest, dass Kinder z.B. im Alter von vier Jahren ihr Selbstbestimmungsrecht nicht wahrnehmen können, was die Frage aufwirft, ob Kinder dieses Recht überhaupt haben können. In jedem Fall stellt sich die Frage, wer für Kinder deren Recht auf Selbstbestimmung wahrnimmt. Früher, als die Inflationierung der Sprache mit Rechten aller Art noch nicht das Ausmaß angenommen hatte, das sie heute angenommen hat, war dies keine Frage der Selbstbestimmung, es war eine Frage der Erziehung, und es waren Eltern, die diese Frage zu beantworten hatten. Heute, da an allen Ecken der Gesellschaft Gruppen voller wohlmeinender Menschen auftauchen, die in das Leben anderer intervenieren wollen, ist die Erziehungshoheit der Eltern durch Rechte eingeschränkt, die dem Sozialamt, dem Scheidungsrichter, dem Jugendamt, dem Schulpyschologen und vielen anderen staatlichen Erfüllungsgehilfen zugewiesen wurden. Eltern sind diejenigen, die die verbleibenden Surrogatrechte ausfüllen sollen, solange sie ihr Staat die entsprechenden Rechte noch wahrnehmen lässt. Konsequenter Weise ist es auch der Staat, der nunmehr die Selbstbestimmung von Jungen über ihre Vorhaut in die Hand nimmt, und abermals positive Rechte vergibt und seine Vasallen mit der Überwachung ordnungsgemäßer Ausführung betraut. Die Männerbewegung macht sich somit mitschuldig daran, dass der derzeitige Staatsfeminismus das bürgerliche Leben nach seiner Fasson gestaltet, reguliert und einschränkt. Die Männerbewegung begibt sich entsprechend jeglicher Rechte, die staatlichen Eingriffe z.B. in das Sorgerecht, in den Geldbeutel von Scheidungsmännern über die Düsseldorfer Tabelle und in die schulische Erziehung von Jungen in Frage zu stellen. Man kann nicht auf der einen Seite dem „guten“ Staat die Regelung der „schlimmen“ Beschneidung anvertrauen und auf der anderen Seite seine Eingriffe in Bereichen, die einem nicht gefallen, abwehren. Es gibt hier nur ein entweder oder: Entweder man wehrt sich gegen staatliche Eingriffe oder nicht.

Die Interessen zum Schutz der misshandelten Kinder sind rein und bedürfen keinerlei Relation zu anderen Interessen.

Was mich am meisten schockiert hat, ist die Eindimenionalität vieler Kommentare. Die entsprechenden Kommentatoren können sich offensichtlich nicht vorstellen, dass Rechtsetzung eine Abwägung von Interessen darstellt. Das Recht selbst ist Ergebnis einer Interessesetzung, einer, die nicht alle teilen, wie die Existenz von Kriminalität zeigt. Entsprechend stellt sich nicht nur die Frage, welche Interessen bei der Setzung eines Straftatbestandes „Beschneidung“ den Ausschlag geben, sondern es stellt sich vor allem die Frage, welche Interessen dabei unter den Tisch fallen. Unter den Tisch fallen z.B. erwachsene Männer, nicht wenige an der Zahl, die sich im späteren Verlauf ihrer Jugend einem recht schmerzhaften Eingriff unterziehen müssen, der sie ihrer Vorhaut entledigt, ein Eingriff, der bei Jungen weniger schmerzhaft und deutlich einfacher durchgeführt werden kann. Unter den Tisch fällt die Realität, in der viele Männer mit zu enger Vorhaut in Deutschland leben. Unter den Tisch fallen Millionen von Männern, die beschnitten sind und in Deutschland leben. Unter den Tisch fallen die Interessen all der Väter, die nach wie vor der Ansicht sind, die Beschneidung ihres Sohnes sei zu dessen Wohl. Sollte eine Männerbewegung sich nicht um diese Männer kümmern, anstatt sich als „Kinderbewegung“ zu gerieren?

All die genannten Männer werden einer Hysterie geopfert, deren rationaler Kern kaum  zu entdecken ist  und  der in dem  Bestreben besteht, Verantwortung abzugeben. Genau wie Staatsfeministen, so sind manche Männerrechtler der Ansicht, der Staat könne als Vehikel genutzt werden, um missliebige Lebensentwürfe zu beseitigen. Genau wie Staatsfeministen so können manche Männerrechtler es nicht tolerieren, einen von ihnen missbilligten Lebensentwurf zu sehen. Genau wie Staatsfeministen sehen manche Männerrechtler ihre Aufgabe darin, Kindlein zu schützen, und genau wie Staatsfeministen sind manche Männerrechtler von einem Biologismus besessen, der sie außer Geschlecht keine relevanten Variablen mehr erkennen lässt und der mit einem Naturglauben einhergeht, der, würde er von allen geteilt, uns in der Höhle sitzen und mit Feuersteinen hantieren sehen würde.

Verantwortung in der Welt mancher Männerrechtler wird an den Staat delegiert. Der Staat regelt was gut und richtig ist, und er regelt vor allem alle, die für sich in Anspruch nehmen, noch Verantwortung zu tragen, Eltern z.B., die die Verantwortung dafür übernehmen, dass ihre Söhne beschnitten werden. Solche Eltern sind natürlich nicht zu tolerieren, denn für eine Qualle ist jede Gräte ein Fundamentalist.

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Segonku

Reiz der Unfreiheit

Landgericht Köln

In den letzten Tagen hat ein Urteil des Landgerichts Köln, für das der stellvertretende Vorsitzende Richter am Landgericht Beenken verantwortlich zeichnet, einige Furore gemacht. Gegenstand des Urteils ist die Beschneidung eines vierjährigen Jungen „islamischen Glauben[s]“ (4) wie es im Urteil heißt. Das Urteil wird von den einen, wie z.B. Arne Hoffmann, als Bestätigung ihrer Ansicht, dass die Beschneidung von Jungen den Straftatbestand der Körperverletzung erfüllt, angesehen, andere Männerrechtler wie Manndat sehen darin eine längst fällige Garantie der körperlichen Unversehrtheit von Jungen. Insgesamt sehen sich Vertreter der deutschen Männerbewegung durch das Urteil des Landgerichts Köln also bestätigt. Demgegenüber ist Michael Bongardt, katholischer Theologe und Philosoph an der FU Berlin, der Ansicht, das Kölner Urteil fördere mit Sicherheit nicht den gesellschaftlichen Frieden, der Präsident des Verbandes Europäischer Rabbiner, Pinchas Goldschmid, sieht in dem Urteil eine der schwersten Attacken auf das jüdische Leben in Europa und den Fortbestand des Judentums in Deutschland in Frage gestellt, und wie immer, wenn es etwas im Leben anderer zu regeln gibt, hat sich die Bundesregierung mit einem Gesetzesvorhaben, das die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen erlaubt, zu Wort gemeldet.

Es ist auf der einen Seite erstaunlich, dass es noch etwas gibt, was Männer in Deutschland zu erregen vermag, auf der anderen Seite ist es fraglich, ob die Vorhaut kleiner Jungen tatsächlich geeignet ist, um als Widerstandssymbol einer Männerbewegung und Fanal gegen den Staatsfeminismus zu taugen. Aus meiner Sicht ist das Kölner Urteil bedenklich, und zwar in dreierlei Hinsicht: (1) es hat den Weg frei gemacht, für eine weitere Beschneidung individueller Freiheit, (2) es hat deutlich gemacht, dass es zwischen dem Staatsfeminismus und der Männerbewegung eine Reihe von Überschneidungen gibt und (3) es hat davon abgelenkt, dass die Probleme, die Männer in der deutschen Gesellschaft haben, nichts mit dem Vorhandensein oder dem nicht-Vorhandensein einer Vorhaut zu tun haben.

Bevor ich die drei Punkte im Einzelnen bespreche, will ich das Urteil des Landgerichts Köln etwas genauer darstellen, denn  – wie bereits der von mir sehr geschätzte Thomas Hobbes festgestellt hat, es ist immer besser, sich ein eigenes Bild zu machen, als dem rosaroten (das ist von mir) Gemälde anderer zu vertrauen. Ich habe in meiner Zeit als Gerichtsreporter u.a. am Landgericht Leipzig viele Urteile gesehen und gelesen (eine wissenschaftliche Studie und ein wissenschaftlicher Artikel aus dieser Zeit stehen demnächst im Downloadbereich zur Verfügung). Ich nehme mir vor diesem Hintergrund das Recht, die Qualität des Urteils aus Köln zu beurteilen. Verglichen mit dem Standard, den ich aus den Urteilen eines VRiLG Viro Schultz oder eines VRilG Jens Kaden, beide nach wie vor am Landgericht Leipzig tätig, gewöhnt bin, ist das Urteil  aus Köln kein gutes Urteil, es ist, wie ich nunmehr zeigen werde ein widersprüchliches und in seiner rechtlichen Würdigung absurdes Urteil.

Der Tatbestand, den der stellvertretende VRiLG Beenken und seine beiden Schöffen aus dem Postdienst zu beurteilen hatten, ist schnell erzählt. Ein Arzt hat eine Beschneidung an einem Vierjährigen durchgeführt. Er hat dies mit dem Einverständnis der Eltern gemacht und ist vom Amtsgericht Köln vom Vorwurf der Körperverletzung mittels eines gefährlichen Werkzeugs freigesprochen worden. Am Landgericht  Köln hat dieses Urteil des Amtsgerichts Bestand, denn: „Der Angeklagte war aus rechtlichen Gründen freizusprechen“. Die rechtlichen Gründe, die nunmehr angeführt werden, lassen unbedarfte Leser an der geistigen Verfassung von Juristen zweifeln und können wie folgt zusammengefasst werden. Bevor VRiLG Beenken in seiner Urteilsbegründung festgestellt hat, dass die Beschneidung von Jungen eine Körperverletzung darstellt (worum ihn übrigens niemand gebeten hat), war die Rechtslage nicht eindeutig. Weil die Rechtslage vor dem Urteil nicht eindeutig war, konnte der angeklagte Arzt nicht wissen, dass er sich strafbar macht, wenn er eine Beschneidung durchführt. Da er zudem keinen Behandlungsfehler gemacht hat und im Einverständnis der Eltern gehandelt hat, befand er sich in einem „unvermeidbaren Verbotsirrtum und damit ohne Schuld“ (8). Es ist immer gut zu wissen, dass man sich nicht strafbar macht, wenn man gegen Gesetze verstößt, die es noch nicht gibt – oder? Nun gut, seit dem Urteil von VRilG Beenken soll nun also die Beschneidung von Jungen strafbar sein. Warum? Hier die Gründe:

Dem Recht der Eltern, die die Beschneidung aus religiösen Gründen gewünscht haben, kommt nach Ansicht von Richter Beenken kein Vorrang vor dem Recht des Kindes auf körperliche Unversertheit und Selbstbestimmung zu (5), wenngleich VRiLG Beenken trotz aller Rechte auf Selbstbestimmung von Kindern einräumen muss, dass ein Vierjähriger „mangels hinreichender Verstandesreife“ keine Einwilligung zu seiner eigenen Beschneidung geben könne. Gar so weit ist es mit der Selbstbestimmung also doch nicht her.

Der zentrale Satz zur Begründung findet sich jedoch auf Seite 7 des Urteils. Dort heißt es: „Zudem wird der Körper des Kindes durch die Beschneidung dauerhaft und irreparabel verändert. Diese Veränderung läuft dem Interesse des Kindes später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können zuwider“. Einmal beschnitten, immer muslimisch oder jüdisch?

Mir scheint, VRiLG Beenken ist mit dem letzten Satz  über das Ziel hinausgeschossen, und nicht nur mit diesem. Einmal davon abgesehen, dass die Beschneidung von Jungen z.B. im Koran überhaupt nicht vorkommt, ist es eine eher fragwürdige Ansicht, dass eine fehlende Vorhaut Jungen dauerhaft an eine Religion binden würde. Ich wette, auch beschnittene Jungen haben sich bereits von ihrer Zugehörigkeit zum Judentum oder zum Islam gelöst. Warum auch nicht? Die Ansicht, durch den Verlust der Vorhaut seien Jungen auf Gedeih und Verderb an die beschneidende Religion gekettet, ist einfach und schlicht blanker Unsinn. Und wie soll man ein Urteil ernstnehmen, das auf derartigem Unsinn aufbaut? Wie soll man einen Richter ernstnehmen, der auf Seite 5 die Selbstbestimmung von Kindern über die Grundrechte der Eltern stellt und eine Seite weiter feststellt, dass vierjährige noch keine „hinreichende Verstandesreife“ haben, um selbstbestimmt zu handeln? Ist diese Urteil ein Witz oder ein Versuch, das „stellvertretend“ vor dem VRiLG entfernt zu bekommen?

Wie dem auch sei, dieses Urteil ist kaum geeignet, um darauf die Hoffnungen der Männerbewegung zu bauen. Und dies bringt mich zu den drei Punkten, um deren Willen ich die Rezeption dieses Urteils in der Männerbewegung für bedenklich halte:

Beschneidung individueller Freiheit

Es ist nicht allzulange her, dass Nigel Farage auf diesem Blog die Strategie beklagt hat, negative Rechte (alles, was nicht verboten ist, ist erlaubt) durch positive Rechte zu ersetzen (alles, was nicht erlaubt ist, ist verboten). Er hat dies im Hinblick auf die EU und die sich ausbreitende totale europäische Bürokratie getan. Tenor dieser Aussage ist die Einschränkung individueller Freiheiten durch Bürokratien und der damit einhergehende regelnde Eingriff von Bürokratien in private Leben. Und wie einfach es ist, individuelle Freiheiten zu entziehen, zeigt sich am Beispiel des Beschneidungsurteils. Etwas wird als schädlich deklariert und unter einen hehren Wert, z.B. die körperliche Unversertheit gestellt. Dann wird ein Präzendensfall geschaffen, z.B. durch das Landgericht, und dann wird geregelt. Und die einstig vorhandene religiöse Freiheit gibt es ab sofort nur noch auf Gnaden der Regierung. Religiöse Freiheit ist bedingte Freiheit geworden, von Staatsgnaden. Bedrückend dabei ist, dass die Einschränkung individueller Rechte von vielen so willig mitgetragen wird. So finden die selben Männerrechtler, die zu Recht auf die Barrikaden gehen, wenn der Staatsfeminsimus neue Rechte für Frauen, z.B. durch Quoten festsetzen und dabei eben einmal die unternehmerische Freiheit einschränken will, nichts dabei, den selben Staat, der für den Staatsfeminismus verantwortlich ist, zu bemühen, um das „Unrecht“ der Beschneidung von kleinen Jungen mit seiner Hilfe und unter dem Kollateralschaden religiöser Freiheit zu beseitigen und damit dem regulierenden Eingriff, auch wenn er letztlich dem eigenen Ansinnen zuwider läuft den Weg zu bereiten.

Scheinbar hat Unfreiheit einen Reiz. Scheinbar macht es unglaublich zufrieden, wenn man das Verhalten anderer regulieren, beschränken, unfrei machen kann, und alles wegen ein paar Zentimetern Vorhaut. Wegen diesen wenigen Zentimetern wird eben einmal die Selbstbestimmung von Kindern über die Selbstbestimmung von Eltern gestellt und weil Kinder noch „keine hinreichende Verstandesreife“ haben, wird ihre Selbstbestimmung eben einmal vom Staat wahr genommen. Wie wollen diejenigen, die so bereitwillig über individuelle Freiheiten hinweggehen, die gierige Hand des Staates stoppen, wenn irgend ein Gutmensch bedindet, dass das Füttern von Kindern mit Schokoladenriegeln ob der drohenden adipösen körperlichen Entwicklung einen langfristigen, wenn nicht irreparablen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit von Kindern darstellt? Wie wollen die entsprechenden Gutmenschen es verhindert, dass Mama Staat sich daran macht, allen Eltern, die nicht nach Schema F erziehen und ihre Kinder z.B. in der Schule an keinem anti-Vergewaltigungskurs teilnehmen lassen wollen, unter der Behauptung, die Selbstbestimmung der Kinder gehe über die Grundrechte der Eltern, das Sorgerecht entzieht? Warum sind es immer diejenigen, die das „wehret den Anfängen“ als tägliche Litanei mit sich herumtragen, die die Anfänge erst erkennen, wenn sie im Endstadium angekommen sind?

Überschneidungen zwischen Staatsfeminismus und Männerbewegung

Das wichtigste Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen, dessen sich Staatsfeministen bedienen, ist die moralische Hoheit, die an bestimmten „Werten“ ausgerichtet ist, wobei sich die Werte alle dadurch auszeichnen, dass sie Eingriffe in die Freiheiten anderer rechtfertigen. Wenn Staatsfeministen Unternehmen untersagen, ausschließlich Männer einzustellen, wenn sie in Schulen dafür streiten, dass Jungen, die den Ruch traditioneller Männlichkeit verbreiten, ausgesonderschult werden und wenn sie ganz offen versuchen, die Gesellschaft nach ihren Interessen umzugestalten und alles Männliche aus dem öffentlichen Leben zu entfernen, dann haben sie offensichtlich dieselbe Lust am Eingriff in das Leben anderer, das nunmehr die Männerbewegung im Hinblick auf die Beschneidung von Jungen gepackt zu haben scheint. Das ist mehr als bedauerlich. Es ist besonders bedauerlich, weil religiöse Minderheiten für die Männerbewegung offensichtlich dieselbe Rolle zur Befriedigung spielen, die Männern im Staatsfeminismus zugedacht ist, ihnen darf ohne weiteres Selbstbestimmung und religiöse Freiheit abgesprochen werden und nicht einmal der grundrechtliche Schutz von Ehe und Familie macht hier einen Unterschied.

Männer haben erhebliche Probleme in Deutschland, die Vorhaut gehört meist nicht dazu

Männer leben kürzer als Frauen. Männer zahlen mehr Beiträge in die Rentenversicherung als Frauen, aber entnehmen deutlich weniger Beiträge. Männer sind in der Werbung Freiwild, der Beleidigung und Entwürdigung sind keine Grenzen gesetzt. Männer als Scheidungsopfer sind die neuen sozialen Outlaws. Obdachlosigkeit ist ein männliches Problem. Männer begehen deutlich häufiger Suizid als Frauen. Jungen werden in deutschen Schulen benachteiligt und und und. Will mir wirklich jemand weiß machen, die Männerbewegung müsse sich intensiv um die Beschneidung von Jungen kümmern? Für mich ist diese Fixierung auf Geschlechtsteile, deren Inszenierung anhand eines Eingriffs, der weitgehend harmlos ist und über dessen negative Folgen es so wichtige Sätze wie die folgenden zu formulieren gibt, einfach nur unsäglich: „Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass auch Jungenbeschneidung negative Auswirkungen auf die Sexualität hat. Eine [ungenannte] Studie aus dem Jahr 2007 belegt, dass bei einer Beschneidung die fünf sensitivsten Stellen des männlichen Penis entfernt und damit das Empfindungsvermögen wesentlich eingeschränkt wird“. Aber: „Männer, die bereits als Kinder beschnitten wurden und ihre Sexualität nie anders kennengelernt haben – und dies ist die überwältigende Mehrheit der Beschnittenen – können dies selbstverständlich kaum beurteilen“. Wie besser als mit diesem Beleg eines entfesselten und irrationalen Paternalismus könnte dieser Beitrag enden: Wir wissen besser, was für dich gut ist als du selbst. Zu schade, dass derartige Belege die Männerbewegung auf die Ebene stellen, auf der sich der Staatsfeminismus bereits befindet.

Manchmal ist es schwierig konstruktiv zu sein, um aber dennoch diesen Beitrag konstruktiv zu beenden, hier zwei abschließende Ideen um die aufgestaute Spannung abzulassen: Frau Dr. habil. Heike Diefenbach schlägt vor, eine beliebige Stiftung mit der Durchführung einer Expertise zu beauftragen, deren Ziel darin besteht, Erfahrungsberichte von Frauen aus binationalen Ehen und Partnerschaften mit Arabern oder Afrikanern zu sammeln und auf Basis dieser Erfahrungsberichte die „Qualität der Sexualität“ zu bestimmen. In einem zweiten Schritt könnte zudem ein Vergleich mit deutschen Partnerschaften erfolgen, um Richtung und Ausmaß im Qualitätsgefälle zu erfassen. Ich schlage vor, Beschneidungsopfer auf einer Skala von 0 bis 100 die Intensität ihrer sexuellen Erfahrung bestimmen zu lassen und mit nicht-Beschneidungsopfern zu vergleichen. Wenn meine Erfahrung als (aus medizinischen Gründen) Beschnittener verallgemeinerungsfähig ist, wird das Ergebnis aus der  Skala fallen, und auch wenn mir Meike Beier und Mario Lichtenheldt in ihrer Stellungnahme für Manndat bestätigen, (a) ein eingeschränktes Empfindungsvermögen zu haben und (b) mein Empfindungsvermögen gar nicht beurteilen zu können, so muss ich hier feststellen: 100: I couldn’t stand more ….

Bildnachweis:
Examiner
In Defense of the Constitution