Kinderlosigkeit (Kinderfreiheit): Für deutsche Männer auch wissenschaftlich empfohlen

Die  Gründe, die gegen Fertilität sprechen, sind eigentlich Legion, und sie sind spätestens seit Garrett Hardin im Jahre 1968 seine “Tragedy of the Commons” veröffentlicht hat, bekannt und lassen sich auf einen Begriff bringen: Überbevölkerung. Angesichts von zwischenzeitlich mehr als 7. Milliarden Menschen, die den Erdball übervölkern, angesichts der damit verbundenen Versorgungsprobleme mit Nahrung und Trinkwasser und angesichts der damit verbundenen Probleme von Umweltverschmutzung, Flächenversiegelung oder miserablen sanitären Verhältnissen oder Epidemien sollte eigentlich im Hinblick auf die Gründe, die gegen eine Fertilität sprechen, alles gesagt sein.

desertificationSeltsamerweise sind die selben Regierungen, die so vehement gegen Umweltprobleme und Versorgungsprobleme, so vehement für Gesundheit und Lebensqualität eintreten, auch die Regierungen, die ihre Bevölkerung zur Fertilität anreizen, sie für die Produktion von Nachwuchs gar noch bezahlen. Die Heuchelei hinter solcher Politik ist jedem offenkundig, der sich einen Moment lang (und politisch ganz unkorrekt) vergegenwärtigt, dass mit jedem Menschen, der diesen Planeten zusätzlich bewohnt, der Verbrauch von Ressourcen und die Verschmutzung der Umwelt zunimmt. Wer dies tut, dem sollte angesichts begrenzter Flächen zur Produktion von Nahrungsmitteln und angesichts einer fortschreitenden Versteppung und wachsender Wüsten der Schluß möglich sein, dass die Probleme der Versorgung mit Nahrungsmittel und Trinkwasser durch weitere Erdenbürger sicher nicht geringer werden. Und schließlich sollte auch der Zusammenhang zwischen einer steigenden Bevölkerungsdichte und einer sinkenden Lebensqualität leicht nachvollziehbar sein. Wenn nicht, einfach an den Nachbarn denken, der sie vor … Tagen um die Nachruhe gebracht hat.

Einen guten und kurzen Beitrag, der die meisten Argumente für Kinderlosigkeit zusammenfasst, hat Richard Stallman hier geschrieben.

VOCKinderbesitz bzw. Fertilität ist ein affektiv-kulturell überladenes Konzept. Wissenschaftliche Konzepte wie z.B. der Value of Children haben die  Vorteile von Kinderbesitz regelmäßig in deren ökonomischem Nutzen und deren psychologischem Nutzen gesehen. In modernen Gesellschaften und Deutschland soll ja eine moderne Gesellschaft sein, spielt angeblich der ökonomische Nutzen von Kindern keine Rolle mehr. Kinder sind demnach nicht mehr notwendig, um die eigene Lebensversorgung im Alter zu sichern oder um einen Beitrag zum Haushaltseinkommen zu leisten. Kinder in Deutschland haben für ihre Eltern vermeintlich einen psychologischen Nutzen: Sie sollen Objekt der Freude sein, Objekt der Hoffnung, Projektionsfläche all der eigenen Träume, die nicht in Erfüllung gegangen sind, Kinder sind ein Objekt, auf das man alle möglichen Formen vermeintlicher Sorge und Fürsorge übertragen kann und vieles mehr. Und mit Kindern verbinden sich kulturelle Vorstellungen von Verantwortung, am besten in der Verantwortung für die nächste Generation eingefasst, von der allerdings gesagt werden muss, dass jeder, der diesen Planeten nicht mit zusätzlichen Menschen belastet, mehr Verantwortung für die nächste Generation übernimmt als ein beliebiger Kinderbesitzer. Aber, wir haben es hier mit affektiv überladenen kulturellen Wertvorstellungen zu tun, und die führen schon bei Max Weber zu traditionalen Handlungen, die wiederum rationaler Argumentation nicht zugänglich sind. Entsprechend sind Kinder Ergebnis affektiver, nicht rationaler Bewertung.

Und affektive Bewertungen schlagen sich auch in der Zusammenstellung der Gefahren nieder, die sich angeblich mit einer Kinderlosigkeit verbinden. Selbst oder gerade wissenschaftliche Beiträge beteiligen sich an der Mythenbildung, nach der Kinder z.B. für das psychologische Wohlbefinden von Menschen wichtig sind. (1) Entsprechend haben Kinderslose unter ihrer Kinderlosigkeit (gefälligst) zu leiden, eben weil sie keine Kinder haben (Eine sehr seltsame Hypothese, die voraussetzt, was erklärt werden soll, aber, wie gesagt, es geht um Affekte, nicht um Rationalität). (2) Etwas elaborierter ist ein anderer Strang der Diskussion, der Kinderlosen weniger psychologisches Wohlbefinden infolge geringerer sozialer Unterstützung zuspricht. Die geringere soziale Unterstützung wiederum soll sich daraus ergeben, dass Kinderlosigkeit in einer Gesellschaft negativ bewertet werden sollen, Kinderlose daher mit sozialer Ächtung, Gefühlen des Versagens oder Einsamkeit zu kämpfen haben sollen. (3) Schließlich gibt es eine Riege von Wissenschaftlern, die den Spieß umdreht und behauptet, nicht Kinderlosigkeit führe zu geringem psychischem Wohlbefinden, sondern Letzteres sei Ursache von Kinderlosigkeit.

childfree zoneDie gesammelte Armut wissenschaftlicher Erklärungsansätze, die im letzten Absatz dargestellt wurde, wird am besten daran deutlich, dass alle Ansätze eine Prämisse teilen, die man zunächst als “Alle Menschen haben Präferenzen für eigenen Nachwuchs” formulieren kann, um sie dann in die Prämisse zu überführen: “Alle Menschen sind soziale Wesen”. Letztere Behauptung hat Aristoteles erfolgreich in den philosophischen Diskurs des Westens lanciert, erstere Prämisse sollte eigentlich und mit Blick auf rund 20% kinderlose Frauen über 40 Jahre (interessanter Weise spielen Männer bei solchen offiziellen Statistiken nie eine Rolle, warum wohl?) widerlegt sein. Aber und abermals: Wir sind in einem affektiven Diskurs. Wenn es um Kinder geht, dann gilt: Jeder will sie haben (außer mir). So wenig man affektive und nicht rationale Motive, die eine Gesellschaft durchziehen, auf einen Schlag mit kognitiver Beweislast erdrücken kann, so sehr ist es doch möglich, die entsprechenden kulturell-affektiven Bastionen durch abweichendes Verhalten sturmreif zu schießen.

Warner_Leisure_Hotels-Neben der Tatsache, dass sich immer mehr Menschen gegen Kinder entscheiden, gibt es eine Reihe von warner_holidayswissenschaftlichen Studien, die, zum Teil mit ganz anderen Zielen angetreten, im Ende doch nicht anders konnten, als zu zeigen, dass Kinderlose nicht die Paria der Gesellschaft sind, zu denen sie die affektiv determinierte Mehrheit gerne machen will. Eine solche Studie wurde gerade in der European Sociological Review veröffentlicht. Die Autoren der Studie, Tim Huijts, Gerbert Kraaykamp und S. V. Subramanian geben bereits im ersten Satz des Beitrags ihre Prämissen preis, denn sie wollen untersuchen, in welcher Weise Kinderlosigkeit mit geringem psychologischen Wohlbefinden einhergeht. Eine wissenschaftlich neutrale Fragestellung hätte dagegen untersucht, wie Kinderbesitz oder Kinderlosigkeit mit  psychischem Wohlbefinden zusammenhängen. Die Studie von Huits, Kraaykamp und Subramanian steht somit nicht in Verdacht, eine Kinderlosen-freundliche Studie zu sein.

Und dennoch kommen die Autoren auf der Grundlage der Daten des European Social Survey und auf Basis von 27.182 über 40jährigen Befragten aus 24 Europäischen Ländern zu den folgenden Ergebnissen:

“First, when looking at the European sample as a whole, we found that being childless is associated with worse psychological well-being for men, but not for women. Second, however, the results indicated that both the strength and the sign of the relationship between childlessness and psychological well-being vary between European societies. […] Third, we have found that societal norms towards childlessness […] at the national level may at least partly account for these variations” (43).

Ein Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und psychischem Wohlbefinden existiert demnach im Durchschnitt der untersuchten Ländern nur für Männer, nicht jedoch für Frauen. Er ist für Männer von Land zu Land verschieden und variiert mit der Toleranz, die innerhalb der entsprechenden Kultur, des entsprechenden Landes für Kinderlosigkeit aufgebracht wird. Besonders spannend sind die Ergebnisse für Deutschland und für deutsche Männer:

  • Deutschland belegt im Hinblick auf die Toleranz für Kinderlosigkeit einen Platz im Mittelfeld (11 unter 24).
  • Deutschland belegt im Hinblick auf das durchschnittliche Ausmaß psychologischen Wohlbefindens ebenfalls einen Platz im Mittelfeld (12 unter 24).
  • Deutsche Männer, die kinderlos sind, bilden mit französischen, dänischen und britischen Männern eine Ausnahme, denn deutsche, wie französische, dänische und britische Männer, die kinderlos sind, zeichnen sich durch ein höheres psychologisches Wohlbefinden aus als Väter in diesen Ländern.

HealthyLivingAnders formuliert: Kinderlose Männer in Deutschland fühlen sich wohler als Väter in Deutschland. Das ist angesichts der Gesetzeslage, die Väter zum Freiwild für Unterhaltseintreiber erklärt, nicht weiter verwunderlich (ganz davon abgesehen, dass Männer zum allzeit sorgenden Windelwickler umerzogen werden sollen), aber es ist verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Autoren ausschließlich Männer über 40 Jahren untersucht haben und jüngere Männer, die viel eher als Träger eines kulturellen Wandels angesehen werden können, als alte Männer gar nicht berücksichtigt wurden. Entsprechend kann man vermuten, dass sich in Deutschland ein Wandel abzuzeichnen scheint, ein Wandel von der affektiven Bindung an Kinderbesitz hin zu der rationalen Entscheidung, kinderlos zu bleiben. In jedem Fall kann man festhalten, dass Kinderfreie (Kinderlose) nicht nur der nächsten Generation und ihren Mitmenschen einen unschätzbaren Dienst erweisen, weil sie die knappen Ressourcen der Erde nicht noch weiter mit zusätzlichen Menschen belasten, sondern auch sich selbst, wie ihr besseres psychisches Wohlbefinden zeigt.

P.S. In Deutschland ist der Begriff “kinderlos” verbreitet, und ich habe diesen Begriff auch benutzt, obwohl ich ihn nicht mag, weil er einen Mangel impliziert. In Anlehnung an den englischen Begriff “childfree” schlage ich daher vor, in Zukunft von kinderfrei und Kinderfreien zu sprechen.

Huijts, Tim, Kraaykamp, Gerbert & Subramanian, S. V. (2013). Childlessness and Psychological Well-Being in Context: A Multilevel Study on 24 European Countries. European Sociological Review 29(1): 32-47.

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21 Responses to Kinderlosigkeit (Kinderfreiheit): Für deutsche Männer auch wissenschaftlich empfohlen

  1. heureka47 says:

    “Angesichts von zwischenzeitlich mehr als 7. Milliarden Menschen, die den Erdball übervölkern, angesichts der damit verbundenen Versorgungsprobleme mit Nahrung und Trinkwasser und angesichts der damit verbundenen Probleme von Umweltverschmutzung, Flächenversiegelung oder miserablen sanitären Verhältnissen oder Epidemien sollte eigentlich im Hinblick auf die Gründe, die gegen eine Fertilität sprechen, alles gesagt sein.”:

    Perverse Sichtweise.
    Wer so etwas schreibt / denkt, blendet völlig aus, daß die zivilisierte Gesellschaft den weitaus größten Teil aller Resscourcen völlig sinnlos für die krankhaften Ersatzbefriedigungsversuche verpulvert (hat), die die Kollektive Zivilisations-Neurose verursacht.
    Primäre Maßnahme sollte folglich sein, über diese Krankheit und die Möglichkeit der grundlegenden Heilung – auf völlig natürliche Weise! – aufmerksam zu machen.

    • T.R.E.Lentze says:

      @ heureka47:

      Zustimmung. Die Erde könnte noch viel mehr Menschen ernähren, als jetzt schon auf ihr leben. Ich behaupte sogar – ohne es beweisen zu können -, daß die Erde (die ich für einen lebendigen, ja intelligenten Organismus halte) die Zahl der menschlichen Verkörperungen selbst zu begrenzen in der Lage ist, und daß irgendwelche Maßnahmen unsererseits zur Fertilitätsbegrenzung nicht nötig sind.

      Das Problem ist also keineswegs die Zahl der verkörperten Menschen, sondern die bestehende Ungerechtigkeit. Dabei meine ich “Ungerechtigkeit” in einem sehr umfassenden Sinne, so wie sie in der Antike noch verstanden wurde, also nicht vereinseitigt auf eine angeblich notwendige Umverteilung von Reich nach Arm. Gerechtigkeit ist überhaupt das Thema, das es in diesem Zusammenhang zu diskutieren gilt.

      Die Behauptung von der “Über”bevölkerung an sich ist schon unwissenschaftlich, denn sie enthält eine Vor-Entscheidung, ja eine Wertung. Erst müßte geklärt werden, ob es eine Überbevölkerung überhaupt geben könne, und was darunter zu verstehen sei.

      • TREL,
        das ist keine Frage, die Frage, ab wann Überbevölkerung herrscht kann man objektiv beantworten, in dem man die Anzahl der Menschen zu den verfügbaren Ressourcen ins Verhältnis setzt oder man kann sie subjektiv beantworten, indem man die Menschen fragt, ob sie mit ihrem Leben zufrieden sind und der Ansicht sind, dass sie genug Ressourcen zum Leben haben. Man kann die Frage nochmals objektiv beantworten, in dem man ein Inventar des “guten Lebens” aufstellt, in das dann Variablen wie Ressourcenausstattung, Ruhe, Lebensfreude usw. aufgenommen werden und dieses Inventar dann mit der Wirklichkeit des Zugangs zu den entsprechenden Ressourcen vergleicht. Ob man allerdings derart elaborierte Zugänge wählen muss, wo die Missstände doch nun wirklich offenkundig sind ist eine andere Frage.

        • heureka47 says:

          “…in dem man die Anzahl der Menschen zu den verfügbaren Ressourcen ins Verhältnis setzt …”:

          Genau das ist eben die pathologisch dumme, oberflächliche, von der Kollektiven Neurose begünstige, Sichtweise. Die ermittelten Zahlen werden “ins Verhältnis gesetzt”.
          Nur HINTERFRAGT werden sie nicht. Ob das alles wirklich gut / gesund ist.
          Und das ist es eben nicht.

          “…oder man kann sie subjektiv beantworten, indem man die Menschen fragt, ob sie mit ihrem Leben zufrieden sind…”:

          Erfahrungsgemäß antworten die meisten Menschen der zivilisierten Gesellschaft mit JA.
          Obwohl davon die meisten wiederum im Grunde NICHT zufrieden sind. Aber das blenden sie aus, verdrängen es, weil man nicht längere Zeit mit dem Gedanken des Unzufriedenseins (im NIEDEREN SELBST / EGO !) leben kann. Also belügt man sich selbst – und die meisten anderen auch.

          Ein wahrhaft erwachsener Mensch jedoch, der die Neurose – konstruktiv – überwunden hat, kann zu seiner Lebenssituation stehen. Der kann unbefriedigende Zustände auch sein Leben lang aushalten, ohne sie verdrängen zu müssen, ohne daran zu leiden, daran krank zu werden. Das ist der Unterschied zwischen dem Leben im “Niederen Selbst” / “Ego” und dem Leben im “Höheren / wahren Selbst”, zwischen dem GROBstofflichen und dem FEINstofflichen Bewußtsein.

          Herzlichen Gruß!

          • Ich wünschte Sie würden Ihren eigenen Rat befolgen und die Dinge, die Sie hier schreiben, HINTERFRAGEN und entsprechend NICHT ins Verhältnis zu dem setzen, was ich geschrieben habe, denn mit Verlaub, ihre allmächtigen Aussagen über das, was andere sagen würden, wenn Sie gefragt würden, sind ermüdend und zumindest was mich betrifft, liegen Sie regelmäßig daneben. Wenn Ihr “wahrhaft erwachsener Mensch” der Drückeberger, Feigling und Untertan ist, von dem Sie schreiben, der alles erduldet und erleidet, weil er zu sich stehen kann, dann glaube ich, bleibe ich lieber Grobstofflich, denn die feinstoffliche Memme, die Sie da beschreiben, will ich nun wirklich nicht sein.

      • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

        @T.R.E. Lentze,

        Bitte? Ich glaube, ich verstehe nicht richtig:
        Sie schreiben die Behauptung von der Überbevölkerung sei “an sich” schon unwissenschaftlich. Zuerst einmal muss ich sagen, das Ihre Aussage unsinnig ist, denn wissenschaftlich oder nicht ist eine VORGEHENSWEISE, eine METHODE der empirischen Prüfung oder der argumentativen Auseinandersetzung, die dazu führen soll, den Wahrheitsgehalt (= Realitätsbezug) einer Aussage beurteilen zu können. Wer dieser Methode nicht folgt, ist “unwissenschaftlich”, wenn Sie so wollen; mir persönlich genügt es festzustellen, dass eine Aussage nicht wissenschaftlich haltbar ist (oder es eben ist).
        Also: Aussagen können nicht aufgrund ihres Inhaltes als wissenschaftlich oder “unwissenschaftlich” beurteilt werden, sondern nur aufgrund der Prüfung ihrer theoretischen, logischen und empirischen Begründbarkeit.

        Noch seltsamer wird das Ganze, wenn man liest, was Sie darüber hinaus noch schreiben:

        Nach Ihrem Eindruck ist die Behauptung der Überbevölkerung “unwisseschaftlich”, weil sie eine Vorentscheidung enthält. Aha. Und dagegen setzen Sie Ihre Behauptung der Nicht-Überbevölkerung, und bei dieser handelt es sich anscheinendn nicht um eine Vorentscheidung, denn sonst müssten Sie mit dieser Aussage ja Probleme haben, oder!? Und wenn Sie meinen, dass sei keine Vorentscheidung, dann müssten sich dafür ja Argumente anführen lassen. Sie haben aber keine angeführt, was mich nicht verwundert, denn ich kenne auch keine, und in der Literatur lassen sich in aller Regel Argumente für das Gegenteil finden – nämlich die Überbevölkerung.

        Das macht also keinen Sinn, was Sie da schreiben.

        Ich stimme Ihnen aber in Ihrer Aufassung zu, dass die Erde das Problem früher oder später selbst regeln wird: Massenarmut und Massen-Mangelernährung, Förderung des Treibhausklimas durch die im übrigen äußert grausame Massen-Tierhaltung und die entsprechend anfallenden Abfallprodukte, Umweltverschmutzung, weiterer Regelungsbedarf und damit Einschränkung von Freiheiten, wegen all dem abnehmende Lebensfreude etc. etc. Aber voraussichtlich werden unter den schlimmsten Folgen des engen Zusammenlebens von Massen von Menschen (wie bereits vorher in der Menschheitsgeschichte) die negativen psychologischen (und in der Folge sozialen) Effekten von übergroßer Dauernähe von Menschen zueinander sein und vor allem Epidemien, denn die Überbevölkerung bietet einen idealen Nährboden für immer neue Mutatationen von Viren und Bakterien werden, die bereits heute kaum mehr erfolgreich zu bekämpen sind (Sie haben vielleicht schon davon gehört, dass Mediziner sich große Sorgen über die Tatsache machen, dass neue Antibiotika nicht so schnell entwickelt werden können, wie Resistenzen entstehen).

        Vor diesem Hintergrund haben wir ein sehr gutes Kriterium dafür an der Hand, wann Überbevölkerung herrscht und wann nicht. Das Dumme an ihm ist, dass wir es erst hinterher wissen und sagen können: “Aha, das war dann wohl zuviel Bevölkerung.” Schön für Sie, wenn Sie unter denen sind, die übrig bleiben, um das sagen zu können. Aber was ist mit denjenigen, die den wunderbaren Selbstreinigungskräften der Natur zum Opfer fallen?

        Man kann die Frage – Ihrem Beispiel folgend – zuspitzen: Aus Sicht der Natur ist nämlich zu fragen, ob es eigentlich eine Unterbevölkerung an menschlicher Population geben kann. Ich fürchte, die Antwort ist klar: nein. Die Erde kommt ganz wunderbar ohne Menschen aus. Vielleicht sollten wir uns also wirklich in so etwas wie Selbstbeschränkung üben – und wenn das in gerechter Weise passiert – wunderbar! Wer könnte etwas dagegen haben. Das Problem ist nur, dass wir uns wie Sie sehr wohl wissen, schon jetzt über vergleichsweise unwichtige Fragen nicht darauf einigen können, was “gerecht” ist. In einer Situation, in der die Knappheiten noch offentsichtlicher werden als sie es jetzt schon sind, wird nicht mehr mehr oder weniger kultiviert über Gerechtigkeit oder Gleichheit (oder was auch immer) diskutiert werden. Persönliches Eigentum enteignet wird in der EU wie man hört schon jetzt, um Gruppen von Bürokraten und Lobbyisten weiterzufinanzieren, wie man hört. Ich will nicht dabei sein, wenn der Kampf aller gegen alle losgeht, wenn es für viel mehr Leute um viel mehr geht als bislang.

        Jedenfalls verschwinden die Probleme nicht dadurch, dass man sie bestreitet oder die Überbevölkerung in Anführungszeichen setzt, also “Über”bevölkerung oder “Überbevölkerung” schreibt, um sie damit symbolisch aus der Realität auszuschließen und die eigene Überzeugung, dass es nicht gibt, was es nicht geben darf, damit zum Ausdruck zu bringen. Es hat noch keinem genutzt, Realität zu bestreiten oder vor ihr zu flüchten. Und falls es in der Realität keine Überbevölkerung gibt, muss sich das wie oben gesagt ja an verschiedenen Indikatoren zeigen lassen. Was diese Demonstration betrifft, herrscht indes ein großes und sehr beredtes Schweigen.

      • heureka47 says:

        Danke. Die “begrenzenden Maßnahmen” kommen ganz selbstverständlich aus der Natur, der Schöpfung, dem “Regelwerk” des Universums, die “Geistigen Gesetze” oder auch das “gute Lebensgesetz” (in der Bibel: “der Herr”) genannt. DAS ist das, was HERRscht. Und zwar völlig gerecht – für ALLE.
        Wer sich daran ausrichtet, sich anpaßt, bleibt im “Spiel”; wer dagegen verstößt, sich – im Bewußtsein abtrennt von der LEBENS-ENERGIE (Od, Chi, Prana, usw.), scheidet aus. Nicht sofort. Jedem wird in sehr geduldigem Zeigen von Zeichen signalisiert, was falsch läuft / was gebraucht wird. Aber die Zeichen werden ignoriert oder mißdeutet oder oberflächlich weggekratzt oder überdeckt. Aber die tiefere URSACHE, der – wohlmeinende! – Sinn wird nicht erkannt. DAS erlebe ich als ehrenamtlich Engagierter im Feld “Psychiatrie”, die ich seit einigen Jahren insgesamt als “Skandal” bezeichne.
        Aber das Ignorieren / Verneinen des Faktors “Lebens-Energie” und damit der tieferen Ursachen ebenso wie der Möglichkeiten der GRUNDLEGENDEN Heilung wird nicht nur bei den “Krankheiten” im Bereich “Psychiatrie praktiziert, sondern auch im Bereich der somatischen Störungen. Die allermeist auch nur auftreten unter der grundsätzlich (vor-)schädigenden Kollektiven Neurose und dem Mangel an Lebens-Energie.

        Da läuft – bewußt oder unbewußt – ein GENOZID!
        Bzw. Beihilfe – großenteils aus “niedrigen Beweggründen” – zum kollektiven / globalen Suizid.

    • @Heureka,

      ” Wer so etwas schreibt / denkt, blendet völlig aus, daß die zivilisierte Gesellschaft den weitaus größten Teil aller Resscourcen völlig sinnlos für die krankhaften Ersatzbefriedigungsversuche verpulvert (hat), die die Kollektive Zivilisations-Neurose verursacht.
      Primäre Maßnahme sollte folglich sein, über diese Krankheit und die Möglichkeit der grundlegenden Heilung – auf völlig natürliche Weise! – aufmerksam zu machen.”

      Dann liegt Ihrer Meinung nach wohl die “wahre” Befriedigung in der Delegation des eigenen Lebenssinns an andere Leute, nämlich die nächste Generation. Wenn man meint, etwas andere befriedigere einen mehr, dann ist das eine “Ersatzbefriedigung”? Das verwundert mich sehr – mir schien, dass Ihr Weltbild der Erkenntnis (auch) des eigenen Selbst eine große Bedeutung zuschreibt. Aber vielleicht irre ich mich da, und falls ich mich da irre, kann ich nur sagen:

      Perverse Sichtweise! Wer so etwas schreibt/denkt, muss dermaßen an mangelndem Lebenssinn leiden, dass er meint, Leute, die meinen, sich nur selbst “heilen” zu können (wie dies übrigens Buddha meinte), seien pervers.

  2. Frank Grossmann says:

    …dass Kinderfreie (Kinderlose) nicht nur der nächsten Generation und ihren Mitmenschen einen unschätzbaren Dienst erweisen, weil sie die knappen Ressourcen der Erde nicht noch weiter mit zusätzlichen Menschen belasten, sondern auch sich selbst, wie ihr besseres psychisches Wohlbefinden zeigt

    Was für ein Schwachsinn! Die Kinderfreien werden keine nächste Generation haben.
    Diesen ganzen Gehirnkranken knappen Ressourcenquatsch, wir müssen sparen, wir sind alle verloren, zeugt am besten keine Nachkommen mehr.
    Wer entscheidet das? Sie? Die Überbevölkerungsgläubigen, die Resourcenverknappungsanbeter, die psychisch Gesunden, welche wegen der Nachbarsplagen wiedermal nicht schlafen konnten.

    • Wenn Sie, bevor Sie aufschreien, kurz überlegt hätten, dann wären Sie vielleicht zu der Erkenntnis gelangt, dass die Frage, ob man sich fortpflanzt oder nicht, zum einen eine individuelle Frage und zum anderen eine ethische Frage ist. Sie gehören scheinbar zu Fortpflanzern auf Teufel komm’ raus. Aber es gibt auch Menschen, die sich für die Folgen ihrer Handlungen interessieren und ein ethisches Problem damit haben, andere für die eigenen Entscheidungen in die Pflicht zu nehmen und bezahlen zu lassen. Im Übrigen ist Ihre Hysterie fehl am Platze, selbst, was nicht wahrscheinlich ist, wenn sich ab sofort alle Deutschen im fortpflanzungsfähigen Alter entscheiden, sich nicht am Massenkannickeln zu beteiligen, wird es ein paar Jahrhunderte dauern, bis wir ausgestorben sind. Und, nein, ich entscheide das nicht. Wenn Sie dieses blog kennen, dann wissen Sie, wir sind ein liberales blog. Entsprechend verorten wir die Entscheidungshoheit bei Individuen. Wir erwarten aber, dass diejenigen, die sich für Fortpflanzung entscheiden, auch für die verursachten Folgen einstehen, und z.B. die Kosten ihres verwirklichten “Kinderwunsches” selbst tragen und nicht auf andere abwälzen. Das ist mehr als liberal, denn die Kosten für Kinder bestehen nicht nur in Unterhaltskosten, sondern in zusätzlichem Ressourcenverbrauch, den man eigentlich, legte man die Kriterien an, an denen z.B. Unternehmen und Selbständige gemessen werden, besteuern müsste.

    • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

      @Frank Grossmann,

      ereifern Sie sich hier nicht auf diese alberne Art, so dass Sie nicht den Schwachsinn von sich geben, den Sie anderen gerne unterstellen möchten: Die Kinderfreien ermöglichen es durch ihre Wahl, dass eine nächste Generation finanzierbar ist. Sie leisten einen ganz erheblichen Beitrag zur Existenz, Ausbildung etc. der Kinder anderer Leute. Diese Leistungen wären auf diesem Niveau von Eltern allein gar nicht aufzubringen. In der Realität können und wollen Eltern ihre eigenen Kinder nicht selbst finanzieren, sondern ziehen Nutzen aus Kindergeld, Steuerfreibeträgen, Anrechnungszeiten für Nicht-Arbeit, Familienbildungsmaßnahmen, einem öffentlich finanzierten Bildungssystem, Kinderspielplätzen (statt Einrichtungen, die alten Menschen zugute kämen, die bereits eine Lebensleistung erbracht haben), Transferleistungen während – tja was eigentlich? “Elternzeit”, also der Zeit, in der man halt “Elternsein” genießt, und und und. Das sind Tatsachen. Und dass das “gut” oder “wichtig” ist – wer entscheidet das? Etwa Sie? Wie Sie selbst angesprochen haben, ist das der wunde Punkt, und deshalb ist doch wohl nicht so schwierig einzusehen, dass es am besten wäre, wenn jeder die Verantwortung für die eigene Lebensweise auch selbst tragen würde – unter Beachtung dessen, was er damit für Belastungen für andere (bereits existierende!) Menschen schafft.

      Diesen ganzen “Kinder-sind-ganz-wichtig-und-Ressourcenknappheit-gibt-es-nicht-Deshalb-gebt-man-alle-was-an-mich-und-meine-Familie-ab-Quatsch als etwas anderes darstellen zu wollen als eine ziemlich plumpe Art, Nutzen aus anderen ziehen zu wollen, die im Gegensatz zu Eltern die alleinige Verantwortung für Ihre Lebensweise übernehmen, ist einfach peinlich. Vermutlich kann so etwas nur jemandem einfallen, für den es überhaupt keine negativen Folgen hat, wenn er nachts nicht schlafen kann, weil in der Nachbarschaft herumgelärmt wird, weil er entweder keinen oder sowieso nur einen symbolischen Arbeitsplatz hat und kein Mensch merkt, wenn er Fehler macht.

      • Michael Baleanu says:

        “… deshalb ist doch wohl nicht so schwierig einzusehen, dass es am besten wäre, wenn jeder die Verantwortung für die eigene Lebensweise auch selbst tragen würde – unter Beachtung dessen, was er damit für Belastungen für andere (bereits existierende!) Menschen schafft.”

        Was machen wir aber, wenn die – wenigen – Kinder, ihre Eltern im Alter ver- und umsorgen müssen und keine Zeit mehr für andere Alte haben? Die Alten, die keine Kinder haben, haben nun niemanden mehr, der ihnen im Altersheim eine Suppe einlöffelt oder ihnen den Hintern abwischt! Auch ihre Rente wird gekürzt, denn die – wenigen – Kindern, die ihre Eltern pflegen müssen, können nicht mehr genügend Rentenbeiträge erwirtschaften, um die kinderlosen Alten im Altersheim zu finanzieren.

        Wetten, dass dann das Unwort des Jahres – von 1998 glaube ich – wieder an Aktualität gewinnt? Das hiess damals “sozialverträgliches Frühableben”! Denn das wäre doch die logische Schlussfolgerung der Denke: “die Belastung für andere Menschen abzuschaffen”.

        Ist das, die Gesellschaft, die wir anstreben? Na dann Prost Mahlzeit!

        • Michael,

          es enttäuscht mich, dass Du der offiziellen Rhetorik auf den Leim gehst. Warum gibt es wohl eine Pflegeversicherung und Pflegeheime und ambulante Pflegedienste und einen Bundesfreiwilligendienst, der auch nur eine verkappte Anstalt zur Altenpflege ist, wenn sooooo viele Kinder sich um ihre Eltern kümmern. Und wieso denkst Du, dass Alter mit Demenz identisch ist? Ich kenne viele Alte, die kein Pflegefall sind und die selbst mit über 80 Jahren noch putzmunter sind. Offensichtlich ist die Frage, ob man Pflegefall wird, eine Frage der Lebensweise und der Lebensumstände, aber, … bei näherem Nachdenken hast Du hier vielleicht einen Punkt. Wenn ich mir den Ärger vorstelle und den Unmus, der nach allen Ergebnissen, die die Familiensoziologie so produziert, in deutschen Familien und Nachbarschaften endemisch zu sein scheint und wenn ich dann noch die vielen kaputten Scheidungs-Väter betrachte, die ihr Dasein lamentieren und sich selbst leid tun, dann mag es so sein, dass Kinderbesitzer eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, Pflegefall zu werden.

        • @Michael Baleanu,

          ich kann dem, was Michael Klein Ihnen schon geantwortet hat, nur beipflichten und noch hinzufügen, dass es doch sehr naiv ist zu glauben, dass

          (1) jemand, der aus sachlichen bzw. tatsächlichen Gründen (und nicht gemäß verwaltungstechnisch vorgegebener Kategorien) als Pflegefall bezeichnet werden kann von Leuten gepflegt werden könnte, die keine entsprechende Ausbildung bzw. keine entsprechenden Kenntnisse haben. Die Vorstellung, dass sich alle möglichen Laien um Leute kümmern, die wirklich pflegebedürftig sind, treibt mir Schauer über den Rücken; das finde ich gruselig, und ich kann nur zurückfragen: ist das die Gesellschaft, die wir anstreben? (Falls ja, wäre das mit dem Frühableben vielleicht gar keine so schlechte Idee….)

          (2) es einfach vorausgesetzt werden könnte, dass Kinder überhaupt bereit sind, sich um ihre alten Eltern in nennenswerter Weise zu kümmern (manche sind es, andere nicht), und dass umgekehrt alte Eltern bereit sind, in nennenswerter Weise Hilfe oder Dienstleistungen von ihren Kindern zu akzeptieren (oder sie auch nur von ihnen erwarten). Es ist zwar schön romantisch, sich das im Rahmen einer heilen Familienideologie vorzustellen, aber sicherlich wenig realistisch, und zwar nicht nur, weil Eltern-Kind-Beziehungen ebenso gut stark belastet wie stark unterstützend sein können, sondern schon aus praktischen Gründen (mobile Kinder, die einfach nicht vor Ort wohnen, oder Überforderung erwachsener Kinder aufgrund der Präsenz eigener Kinder, Stichwort: Sandwich-Generation). Fakt ist, dass derzeit niemand weiß, wie genau die Beziehungen zwischen alten Eltern und ihren Kindern aussehen; es gibt nur – wie soll ich das höflich ausdrücken?- ganz und gar nicht wertneutrale so genannte Forschung, die sich dementsprechend natürlich auch nicht dem Problem widmet, wie man eine Thematik, die dermaßen ideologisch aufgeladen und wertbelastet ist, erforscht, denn es ist ja klar, dass eine solche Thematik starke soziale Erwünschtheits-Effekte produzieren wird, und eine Forschung, die das nicht versucht, in Rechnung zu stellen, ist daher völlig ohne Aussagewert. Vermutlich müsste man systematische Beobachtungen anstellen, und wenn ich von meinen eigenen Beobachtungen ausgehe, dann muss ich sagen, bestehen doch große Zweifel daran, dass alte Menschen meist pflegebedürftig wären, dass Kinder sich nennenswert um ihre alten Eltern kümmern wollen oder könnten und dass alte Eltern wollten, dass sich ihre Kinder um sie kümmern.

  3. T.R.E.Lentze says:

    @ Frau Diefenbach:

    Offenbar sind wir uns über die Frage “wissenschaftlich oder nicht” uneinig.

    Wenn ich Sie richtig verstanden habe, behaupten Sie, daß die Frage “wissenschaftlich oder nicht” eine Frage der Vorgehensweise sei, die darüber entscheidet, ob eine Aussage wissenschaftlich haltbar sei oder nicht.

    Das ist zwar nicht falsch, aber einseitig. Denn unwissenschaftlich ist auch eine Frage wie: “Gibt es einen Gott (oder Götter oder unsichtbare lebendige Wesen)?” Ein Wissenschaftler sollte derartige Fragen nicht stellen, und auf keinen Fall sollte er zu beantworten suchen. Selbstverständlich kann er sich mit der Frage befassen, welche Gottesvorstellungen gewisse Menschen haben; was sie zu diesen oder jenen Vorstellungen prädestiniert, usw. Das ist dann Religionswissenschaft. Übrigens ist Theologie im strengen Wortsinne keine Wissenschaft.

    Wichtig und oft zu wenig beachtet ist, daß alle entscheidenden Fragen, die wir uns im Leben stellen müssen und individuell zu beantworten haben, unwissenschaftliche Fragen sind. Es gibt nämlich keine Methoden oder Vorgehensweisen, sie wissenschaftlich zu beantworten. Es sind Wertungen, die nur individuell vorgenommen werden können.

    Besonders im 19. Jahrhundert fungierte Wissenschaft oft als Religionsersatz, sodaß Ideologien wie der Marxismus immer mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit auftraten, um sich zu legitmieren. Mit dem Aufkommen der “Lebensphilosophie” während der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts (Klages, Bergson u.v.a.) setzte eine Gegenbewegung ein. Dennoch geben sich selbst heute noch Ideologien gerne wissenschaftlich, etwa die “Scientology”, der Feminismus, der Genderismus, der Ökologismus, u.a.m.

    Damit will ich die Wissenschaft als solche nicht delegitimieren. Es ist vielmehr begrüßenswert, daß Sie sich um die Einhaltung von Qualitäts-Standards im wissenschaftlichen Denken bemühen. Das ändert aber nichts an den vorhandenen – und oftmals nicht beachteten – Grenzen wissenschaftlicher Zuständigkeit.

    Im Falle der Frage zur “Überbevölkerung” der Erde an Menschen (!) ist diese Zuständigkeit meines Erachtens überschritten. Zwar geht es hier weniger um Menschen als um Menschengruppen; da spielt dann die Wahrscheinlichkeitsrechnung doch schon eine gewisse Rolle.

    Letztlich aber ist es eine Thema für die Philosophie und für die Religion.

    • TREL,

      ich finde diesen Beitrag in höchstem Maße unnachvollziehbar und will daher in aller Kürze drei Punkte einwerfen:

      (1) Es gibt keine wissenschaftliche ESSENZ. Entsprechend gibt es keine Qualität von Sätzen, die “wissenschaftlich” ist. Es gibt nur Sätze.

      (2) Wissenschaft ist eine METHODE, das hat Dr. habil. Heike Diefenbach ja bereits geschrieben. Eine wissenschaftliche Vorgehensweise sieht vor, dass man versucht, zu allgemeinen Sätzen zu gelangen, aus denen man wiederum singuläre Sätze ableiten kann, deren wichtigste Eigenschaft ist, dass man sie an der Wirklichkeit prüfen kann. Jeder singuläre Satz, der sich an der Realität prüfen lässt und jeder allgemeine Satz aus dem singuläre und prüfbare Sätze abgeleitet werden könenn, gehören deshalb in den Gegenstandsbereich der Wissenschaft. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

      (3) Ansonsten sollten Sie genau lesen, was Ihnen Dr. habil. Heike Diefenbach schreibt. Sie bekommen hier first hand Informationen von einer Dozentin, die jahrlang u.a. über Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens und wissenschaftstheoretische Fragen gelehrt hat.

    • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

      @Herr Lentze,

      Ja, natürlich behaupte ich, dass Wissenschaft eine Methode ist! Was denn sonst?

      Natürlich können Sie Wissenschaft definieren, wie es Ihnen beliebt, und Sie können auch statt “Der Himmel ist blau” “Der Himmel ist Wissenschaft” sagen, aber manche Konzepte und Definitionen sind eben sinnvoller als andere, und sei es nur, weil es für bestimmte Konzepte schon Begriffe gibt, für bestimmte andere Konzepte aber noch keine, die dann sinnvollerweise mit einer klaren Begriffsbestimmung versehen werden. Wenn Sie meinen, Wissenschaft könne inhaltlich gefasst werden, dann wäre wissenschaftlich gleich richtig und unwissenschaftlich gleich falsch. Die Idee der Wissenschaft ist aber, dass es einen WEG geben muss, um zu Aussagen darüber zu kommen, was richtig oder falsch ist, der systematisch und damit für andere nachvollziehbar ist. Wissenschaft bezeichnet einen solchen Weg bzw. verschiedene Wege, die einige Merkmale teilen, andere aber nicht, weshalb um die Leistungsfähigkeit dieser Wege auch wissenschaftsintern gestritten wird. (Der Streit wiederum ist entscheidbar anhand von erwiesener Leistungsfähigkeit, also daran, ob und wieviel Erkenntnis auf eine bestimmte Weise erreichbar ist.)

      Die Zuständigkeit der Wissenschaft ist deswegen keine Bereichszuständigkeit (wie z.B. die Zuständigkeit des Wasserwerks für die Wasserversorgung einer Kleinstadt). Sie lässt sich also nicht inhaltlich bestimmen. Sie endet (derzeit) da, wo eine Frage (derzeit) keiner Entscheidung durch Beobachtungsdaten zugänglich ist wie die Frage nach der Existenz Gottes – damit haben Sie völlig Recht.

      “Überbevölkerung” lässt sich dagegen leicht operationalisieren und auf der Basis der entsprechenden Operationalisierung messen. Sie können natürlich immer die gewählte Operationalisierung kritisieren und eine andere vorschlagen, aber Sie müssten dann angeben, warum Ihre Operationalisierung besser sein soll, welche zusätzliche Erkenntnis sie also ggf. produzieren kann. Sie können mit einer beliebigen Operationalisierung beginnen und dann messen, welche Größen mit der gewählten Beschreibung von Überbevölkerung zusammenhängen. Sie können dann weiterfragen, warum das so ist, oder Sie können die Operationalisierung ändern und damit den Blick auf weitere oder andere potentielle Zusammenhänge öffnen. Sie können alles mögliche tun – nur eines nicht: der Wissenschaft Grenzen aufoktroyieren! Wenn Sie das versuchen und Sie in Zuständigkeitsbereiche verweisen wollen, um andere Fragen “unantastbar” zu machen, dann sind Sie nicht besser als die Scientology oder der Staatsfeminismus. Ich für meinen Teil werde mich noch auf meinem Totenbett gegen solche Versuche wehren.

  4. Michael Baleanu says:

    “interessanter Weise spielen Männer bei solchen offiziellen Statistiken nie eine Rolle, warum wohl?”

    Das stimmt so nicht.

    Im Familienreport 2005 der Konrad-Adenauer-Stiftung wurden die mehr als 26% der potenziellen Väter genannt (Anstieg um mehr al 100% zu 1992).

    Dieser Report bezieht sich auf Daten von destatis, die hier zusammengefasst wurden: http://www.bib-demografie.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Download/Broschueren/keine_lust_auf_kinder_2012.pdf?__blob=publicationFile&v=15

    Die Tabelle 11 auf Seite 46 bringt es auf den Punkt: 67% der männlichen Singles wollen keine Kinder haben. Auch bei den anderen Lebensformen ist Kinderlosigkeit überwiegend ein Wunsch der Männer.

    Die Ursachen werden allerdings nicht erforscht. Wie im alten Rom, führt das Familienrecht zu einem gewaltigen Einbruch der Geburtenzahlen und schliesslich zum Kollaps der Gesellschaft.

  5. nico says:

    Sehr geehrter Herr Klein,
    ich glaube, folgendes Buch würde Ihnen gefallen: Kinderfrei oder warum Menschen ohne Kinder keine Sozialschmarotzer sind (Herbig, 2011), es spricht sich nicht nur für den Begriff “kinderfrei” statt “kinderlos” aus, sondern enthält gute Gründe für Kinderfreiheit und stellt den ökonomischen und ökologischen Irrsinn der Fertilitätspropaganda dar. Hier der amazon-link:
    http://www.amazon.de/Kinderfrei-warum-Menschen-Nachwuchs-Sozialschmarotzer/dp/3776626682/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1364288037&sr=1-2
    Mit freundlichen Grüßen,
    Nicole C. Huber

  6. Johannes M. says:

    Hallo Herr Klein

    Ich würde gerne Ihre Sichtweiße zu diesem Beitrag erfahren.
    http://www.atkearney361grad.de/2013/03/25/meine-kinder-deine-rente/

    Liebe Grüße
    Johannes M.

  7. F. Mahler says:

    Zunächst mal meinen Dank an die Seitenbetreiber für den außerordentlich mutigen Artikel und die anhängende Diskussion. Gerade Menschen, die auch auf Plattformen unterwegs sind, die nicht zuletzt mit den Geschlechterrollen und der Problematik entsorgter Eltern ( -teile ) befasst sind, resignieren ja oft vor den auch dort immer mehr wiederholten Parolen, die den sog. “Generationenvertrag” verherrlichen und die Ressourcenbelastung durch Überbevölkerung einfach wegleugnen wollen. Da wird dann oft auch zu Bibelsprüchen als “logische Argumente” gegriffen o.ä..
    Dank auch an die vehement und z.T. recht unsachlich gegenan argumentierenden für ihre offene Darstellungsweise ( Moin TREL, lange nix so elementares mehr von Dir gelesen ).

    Ein paar hoffentlich möglichst kurze Anmerkungen dazu ( nicht meine Stärke, ich bitte ggf. um Nachsicht ):
    TREL meint, und da sehe ich keinen Widerspruch zum Artikel, daß die Erde ein lebender Organismus wäre und v. dh. entsprechende Überlasten selbst regulierte ( so es welche gäbe ). Dem stimme ich grundsätzlich zu. Die Vermehrungsunlust, besonders der Männer deutet ja möglw. auch genau darauf hin. ( übrigens sind schon vor Jahrzehnten ähnliche Schlüsse aus Rattenexperimenten gezogen worden – z.B. Vermehrungsunlust und Kannibalismus nehmen mit der Populationskonzentration proportional zu )
    Daß der sog. “Generationenvertrag” von vorherein glatter Betrug war und ist, sollte jedem Verstandesbegabten mit etwas Allgemeinbildung sehr leicht nachvollziehbar sein. Dafür reicht das Wissen um Schneeballsysteme und die Kenntnis des metaphorischen Rechenmodells mit dem Schachbrett und den Reiskörnern wohl vollkommen aus. Dieses Rentenmodell konnte nie funktionieren und das hat sich in wenigen Jahrzehnten ja auch vollständig bewiesen.
    Es gibt nur ein funktionierendes Renten- u. Krankenversicherungsmodell, nämlich das erste überhaupt: Alle für einen und einer für alle! ( oder umgekehrt 😉 )
    Zeitgleich selbstverständlich!
    Kinder sind eben nicht “unsere Zukunft” wie überall fälschlicherweise suggeriert wird, sondern ihre eigene Gegenwart!
    Und nebenbei als solche besondes schützenswert, da nicht sie für uns ( oder gar andere ) verantwortlich sind, sondern ihre Eltern ( und im erweiterten Sinne auch wir ) für sie.

    Insofern ist es auch unsinnig, die Zahl von Kinderspielplätzen und Altenbetreungseinrichtungen in Relation stellen zu wollen. Kinder und Alte sollten gemeisam leben, die Separation ist kontraproduktiv.

    Gerechtigkeit ist keine als Absolutwert herstellbare Größe, sondern ein Ideal, nicht mehr und nicht weniger, sie lebt durch den dahintersteckenden Relativismus. Sie ist stets anzustreben und bleibt doch immer unerreichbar. Sozusagen die Mutter aller Kompromißbestrebungen.

    Ich denke schon, daß es sinnvoll ist, Familien zu unterstützen, besonders Familien mit Kindern.
    Allerdings nicht durch “Ferkelprämien” und noch weniger durch den Zwang zur Fremdbebildung.
    Im Gegenteil, es sollten Modelle geschaffen werden, die Familien und auch “Singels” ( die ja oft auch eine Familie haben ) ermöglichen, so viel wie überhaupt möglich in möglichst direkter Gemeinschaft zu leben.
    Vorbilder, von der sog. “klassischen Großfamilie” bis zu den verschiedenen Kibbutzmodellen gibt es genug, die Geschichte hat reichlich davon geliefert.
    Auch deren Schwachstellen sind hinreichend bekannt und z.T. auch erforscht.

    Das “moderne Industriemodell” ( möglichst viele Singles, ansonsten Kleinstfamilien – Einelternteil plus Kind – oder Patchwork aus ökonomischem Zwang heraus ) hat sich schon jetzt als unbrauchbar erwiesen. Es ist viel zu eng am Kasernen- o. Knastmodell orientiert.
    Individuelle Freiheit in der Gemeinschaft oder gar eine alltägliche Gruppenfluktuation werden darin praktisch gar nicht berücksichtigt. Es ist lediglich vordergründig für die wirtschaftliche Expansionspolitik sinnvoll.
    In dem Punkte hängt auch der Neowirtschaftsliberalismus in irgendwelchen Milchmädchenrechnungen fest.

    Daß wir zuviele sind und weniger werden müssen, ist wohl vernünftigerweise unbestreitbar.
    Daß es in den nächsten Generationen mehr Dienstleister als Produzierende geben wird, ist absolut unvermeidbar ( außer wir rotten uns mit Gewalt aus ).
    Daß also nur eine Rückbesinnung auf ein gleichwertschätzendes und vor allem zeitgleiches Solidarmodell eine echte Chance bietet, ist m.E. zwingend logisch.

    Diese drei ganz einfachen Prämissen sind es, die wir im Kopf behalten sollten, Details hin o. her.

    Ich persönlich hänge der Vision der örtlichen unabhängigen Sozialzentren an ( besonders für Städte ). Zentren die von Familien ( plus Singles, plus Alten ) für Familien ( ++ ) geführt und größtenteils selbst betrieben und verwaltet werden. Diese Zentren könnten nach und nach die Funktion von Kitas, Altenheimen, Jugendämtern, Gewaltschutzeinrichtungen u.v.m übernehmen und meistens wohl deutlich besser erfüllen als die heutigen Spezialinstitutionen, allein schon aufgrund des Präventivcharakters. Hilflosigkeiten, Überforderungen, Ungerechtigkeiten an sich würden gar nicht erst provoziert, zumindest nicht in so eklatantem Maße wie durch separatistische Einrichtungen.
    Integration und funktionelle Adaption würden sich auf relativ natürliche Weise von selbst entwickeln.

    Logisch, daß dieser Gedankengang in jeder Form von parteipolitischem oder institutionellem Herrschaftsdenken konsequent bekämpft wird. Denn das käme einer echten ( R ) Evolution gleich.
    Ich behaupte einfach mal: Menschen können das!
    Und die meisten würden es wahrscheinlich auch wollen, wenn man sie denn ließe, anstatt sie in Stellvertreterkriegen aufeinander zu hetzten, um sie in möglichst viele nach Bedarf austauschbare und umformbare Gruppen zu spalten.

    Sicher, “eine romantische Vision”,…………

    Gruß……….Fiete

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