Kinderlosigkeit (Kinderfreiheit): Für deutsche Männer auch wissenschaftlich empfohlen

Die  Gründe, die gegen Fertilität sprechen, sind eigentlich Legion, und sie sind spätestens seit Garrett Hardin im Jahre 1968 seine “Tragedy of the Commons” veröffentlicht hat, bekannt und lassen sich auf einen Begriff bringen: Überbevölkerung. Angesichts von zwischenzeitlich mehr als 7. Milliarden Menschen, die den Erdball übervölkern, angesichts der damit verbundenen Versorgungsprobleme mit Nahrung und Trinkwasser und angesichts der damit verbundenen Probleme von Umweltverschmutzung, Flächenversiegelung oder miserablen sanitären Verhältnissen oder Epidemien sollte eigentlich im Hinblick auf die Gründe, die gegen eine Fertilität sprechen, alles gesagt sein.

desertificationSeltsamerweise sind die selben Regierungen, die so vehement gegen Umweltprobleme und Versorgungsprobleme, so vehement für Gesundheit und Lebensqualität eintreten, auch die Regierungen, die ihre Bevölkerung zur Fertilität anreizen, sie für die Produktion von Nachwuchs gar noch bezahlen. Die Heuchelei hinter solcher Politik ist jedem offenkundig, der sich einen Moment lang (und politisch ganz unkorrekt) vergegenwärtigt, dass mit jedem Menschen, der diesen Planeten zusätzlich bewohnt, der Verbrauch von Ressourcen und die Verschmutzung der Umwelt zunimmt. Wer dies tut, dem sollte angesichts begrenzter Flächen zur Produktion von Nahrungsmitteln und angesichts einer fortschreitenden Versteppung und wachsender Wüsten der Schluß möglich sein, dass die Probleme der Versorgung mit Nahrungsmittel und Trinkwasser durch weitere Erdenbürger sicher nicht geringer werden. Und schließlich sollte auch der Zusammenhang zwischen einer steigenden Bevölkerungsdichte und einer sinkenden Lebensqualität leicht nachvollziehbar sein. Wenn nicht, einfach an den Nachbarn denken, der sie vor … Tagen um die Nachruhe gebracht hat.

Einen guten und kurzen Beitrag, der die meisten Argumente für Kinderlosigkeit zusammenfasst, hat Richard Stallman hier geschrieben.

VOCKinderbesitz bzw. Fertilität ist ein affektiv-kulturell überladenes Konzept. Wissenschaftliche Konzepte wie z.B. der Value of Children haben die  Vorteile von Kinderbesitz regelmäßig in deren ökonomischem Nutzen und deren psychologischem Nutzen gesehen. In modernen Gesellschaften und Deutschland soll ja eine moderne Gesellschaft sein, spielt angeblich der ökonomische Nutzen von Kindern keine Rolle mehr. Kinder sind demnach nicht mehr notwendig, um die eigene Lebensversorgung im Alter zu sichern oder um einen Beitrag zum Haushaltseinkommen zu leisten. Kinder in Deutschland haben für ihre Eltern vermeintlich einen psychologischen Nutzen: Sie sollen Objekt der Freude sein, Objekt der Hoffnung, Projektionsfläche all der eigenen Träume, die nicht in Erfüllung gegangen sind, Kinder sind ein Objekt, auf das man alle möglichen Formen vermeintlicher Sorge und Fürsorge übertragen kann und vieles mehr. Und mit Kindern verbinden sich kulturelle Vorstellungen von Verantwortung, am besten in der Verantwortung für die nächste Generation eingefasst, von der allerdings gesagt werden muss, dass jeder, der diesen Planeten nicht mit zusätzlichen Menschen belastet, mehr Verantwortung für die nächste Generation übernimmt als ein beliebiger Kinderbesitzer. Aber, wir haben es hier mit affektiv überladenen kulturellen Wertvorstellungen zu tun, und die führen schon bei Max Weber zu traditionalen Handlungen, die wiederum rationaler Argumentation nicht zugänglich sind. Entsprechend sind Kinder Ergebnis affektiver, nicht rationaler Bewertung.

Und affektive Bewertungen schlagen sich auch in der Zusammenstellung der Gefahren nieder, die sich angeblich mit einer Kinderlosigkeit verbinden. Selbst oder gerade wissenschaftliche Beiträge beteiligen sich an der Mythenbildung, nach der Kinder z.B. für das psychologische Wohlbefinden von Menschen wichtig sind. (1) Entsprechend haben Kinderslose unter ihrer Kinderlosigkeit (gefälligst) zu leiden, eben weil sie keine Kinder haben (Eine sehr seltsame Hypothese, die voraussetzt, was erklärt werden soll, aber, wie gesagt, es geht um Affekte, nicht um Rationalität). (2) Etwas elaborierter ist ein anderer Strang der Diskussion, der Kinderlosen weniger psychologisches Wohlbefinden infolge geringerer sozialer Unterstützung zuspricht. Die geringere soziale Unterstützung wiederum soll sich daraus ergeben, dass Kinderlosigkeit in einer Gesellschaft negativ bewertet werden sollen, Kinderlose daher mit sozialer Ächtung, Gefühlen des Versagens oder Einsamkeit zu kämpfen haben sollen. (3) Schließlich gibt es eine Riege von Wissenschaftlern, die den Spieß umdreht und behauptet, nicht Kinderlosigkeit führe zu geringem psychischem Wohlbefinden, sondern Letzteres sei Ursache von Kinderlosigkeit.

childfree zoneDie gesammelte Armut wissenschaftlicher Erklärungsansätze, die im letzten Absatz dargestellt wurde, wird am besten daran deutlich, dass alle Ansätze eine Prämisse teilen, die man zunächst als “Alle Menschen haben Präferenzen für eigenen Nachwuchs” formulieren kann, um sie dann in die Prämisse zu überführen: “Alle Menschen sind soziale Wesen”. Letztere Behauptung hat Aristoteles erfolgreich in den philosophischen Diskurs des Westens lanciert, erstere Prämisse sollte eigentlich und mit Blick auf rund 20% kinderlose Frauen über 40 Jahre (interessanter Weise spielen Männer bei solchen offiziellen Statistiken nie eine Rolle, warum wohl?) widerlegt sein. Aber und abermals: Wir sind in einem affektiven Diskurs. Wenn es um Kinder geht, dann gilt: Jeder will sie haben (außer mir). So wenig man affektive und nicht rationale Motive, die eine Gesellschaft durchziehen, auf einen Schlag mit kognitiver Beweislast erdrücken kann, so sehr ist es doch möglich, die entsprechenden kulturell-affektiven Bastionen durch abweichendes Verhalten sturmreif zu schießen.

Warner_Leisure_Hotels-Neben der Tatsache, dass sich immer mehr Menschen gegen Kinder entscheiden, gibt es eine Reihe von warner_holidayswissenschaftlichen Studien, die, zum Teil mit ganz anderen Zielen angetreten, im Ende doch nicht anders konnten, als zu zeigen, dass Kinderlose nicht die Paria der Gesellschaft sind, zu denen sie die affektiv determinierte Mehrheit gerne machen will. Eine solche Studie wurde gerade in der European Sociological Review veröffentlicht. Die Autoren der Studie, Tim Huijts, Gerbert Kraaykamp und S. V. Subramanian geben bereits im ersten Satz des Beitrags ihre Prämissen preis, denn sie wollen untersuchen, in welcher Weise Kinderlosigkeit mit geringem psychologischen Wohlbefinden einhergeht. Eine wissenschaftlich neutrale Fragestellung hätte dagegen untersucht, wie Kinderbesitz oder Kinderlosigkeit mit  psychischem Wohlbefinden zusammenhängen. Die Studie von Huits, Kraaykamp und Subramanian steht somit nicht in Verdacht, eine Kinderlosen-freundliche Studie zu sein.

Und dennoch kommen die Autoren auf der Grundlage der Daten des European Social Survey und auf Basis von 27.182 über 40jährigen Befragten aus 24 Europäischen Ländern zu den folgenden Ergebnissen:

“First, when looking at the European sample as a whole, we found that being childless is associated with worse psychological well-being for men, but not for women. Second, however, the results indicated that both the strength and the sign of the relationship between childlessness and psychological well-being vary between European societies. […] Third, we have found that societal norms towards childlessness […] at the national level may at least partly account for these variations” (43).

Ein Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und psychischem Wohlbefinden existiert demnach im Durchschnitt der untersuchten Ländern nur für Männer, nicht jedoch für Frauen. Er ist für Männer von Land zu Land verschieden und variiert mit der Toleranz, die innerhalb der entsprechenden Kultur, des entsprechenden Landes für Kinderlosigkeit aufgebracht wird. Besonders spannend sind die Ergebnisse für Deutschland und für deutsche Männer:

  • Deutschland belegt im Hinblick auf die Toleranz für Kinderlosigkeit einen Platz im Mittelfeld (11 unter 24).
  • Deutschland belegt im Hinblick auf das durchschnittliche Ausmaß psychologischen Wohlbefindens ebenfalls einen Platz im Mittelfeld (12 unter 24).
  • Deutsche Männer, die kinderlos sind, bilden mit französischen, dänischen und britischen Männern eine Ausnahme, denn deutsche, wie französische, dänische und britische Männer, die kinderlos sind, zeichnen sich durch ein höheres psychologisches Wohlbefinden aus als Väter in diesen Ländern.

HealthyLivingAnders formuliert: Kinderlose Männer in Deutschland fühlen sich wohler als Väter in Deutschland. Das ist angesichts der Gesetzeslage, die Väter zum Freiwild für Unterhaltseintreiber erklärt, nicht weiter verwunderlich (ganz davon abgesehen, dass Männer zum allzeit sorgenden Windelwickler umerzogen werden sollen), aber es ist verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Autoren ausschließlich Männer über 40 Jahren untersucht haben und jüngere Männer, die viel eher als Träger eines kulturellen Wandels angesehen werden können, als alte Männer gar nicht berücksichtigt wurden. Entsprechend kann man vermuten, dass sich in Deutschland ein Wandel abzuzeichnen scheint, ein Wandel von der affektiven Bindung an Kinderbesitz hin zu der rationalen Entscheidung, kinderlos zu bleiben. In jedem Fall kann man festhalten, dass Kinderfreie (Kinderlose) nicht nur der nächsten Generation und ihren Mitmenschen einen unschätzbaren Dienst erweisen, weil sie die knappen Ressourcen der Erde nicht noch weiter mit zusätzlichen Menschen belasten, sondern auch sich selbst, wie ihr besseres psychisches Wohlbefinden zeigt.

P.S. In Deutschland ist der Begriff “kinderlos” verbreitet, und ich habe diesen Begriff auch benutzt, obwohl ich ihn nicht mag, weil er einen Mangel impliziert. In Anlehnung an den englischen Begriff “childfree” schlage ich daher vor, in Zukunft von kinderfrei und Kinderfreien zu sprechen.

Huijts, Tim, Kraaykamp, Gerbert & Subramanian, S. V. (2013). Childlessness and Psychological Well-Being in Context: A Multilevel Study on 24 European Countries. European Sociological Review 29(1): 32-47.

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