Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet „Rechte“ von „Linken“?

Antworten aus neueren empirischen Studien – Teil 1

Sowohl in den Medien als auch bei vielen Sozialwissenschaftlern ist es derzeit üblich, zwischen „Rechten“ und „Linken“ zu unterscheiden und ihnen jeweils unterschiedliche Einstellungen u.a. zur Zuwanderung, zur Demokratie und zur Gewalt zu unterstellen. Es gibt aber auch Menschen, die meinen, dass dann, wenn „Linke“ und „Rechte“ dieselbe Verhaltensweise zeigen, sie bei „Linken“ anders zu bewerten wäre als bei „Rechten“.

Blockupy1So hat sich beispielsweise Jan Rübel, der sich als Journalist geriert, im Juli 2016 auf dem HUFFPOST, dem blog der (deutschen Ausgabe der) Huffington Post, bei der denkenden Leserschaft mit der folgenden Aussage diskreditiert: „Natürlich müssen die Medien der rechten Gewalt mehr Raum einräumen – denn sie ist gefährlicher. Straf- und Gewalttaten von rechts haben für Deutschland eine größere Bedeutung als jene von links. Mit Relativierung und Verharmlosung hat das nichts zu tun”[1] – und dafür im Kommentarbereich beruhigenderweise verbale Prügel bezogen, wobei es allerdings der Erwähnung wert ist, dass bei einer Kommentatorin die Sinnentleerung der Begriffe „Linke“ und „Rechte“ soweit ging, dass sie „Linke“ mit „Guten“ gleichgesetzt hat (und anscheinend „Rechte“ mit „Schlechten“), denn sie meinte bemerken zu müssen, dass Stalin kein Linker gewesen sei, und dass dies „… schon lange als bewiesen [gelte]“, so dass der Betrieb der Gulags nicht als Beispiel stark ausgeprägter linker Gewalt gelten könne.

Während die Anti- bzw. Sympathien für „Rechte“ oder „Linke“ also je nach der eigenen Weltanschauung oder institutionellen Anbindung klar verteilt sind, ist die Frage, was „Rechte“ und „Linke“ denn nun tatsächlich voneinander unterscheidet, weitgehend ungeklärt, jedenfalls dann, wenn man diese Frage nicht als Frage nach den eigenen stereotypen Vorstellungen, den eigenen Assoziationen oder dem persönlichen Geschmack auffasst und sich nicht mit dementsprechenden Antworten begnügt, die lauten mögen: “Rechte“ haben Glatzen, tragen Springerstiefel und Bomberjacken und zünden Asylbewerberheime an“ oder „Linke tragen schwarz, hoodies und Turnschuhe, studieren irgendein Laberfach, schwätzen pseudointellektuell daher und zünden anderer Leute Autos an“.

Will man herausfinden, ob und inwieweit und wie sich „Rechte“ und „Linke“ tatsächlich voneinander unterscheiden, muss man die Frage als eine sozialwissenschaftliche Frage stellen, also danach fragen, ob und inwieweit und wie sich Personen, die aufgrund abgebbarer Kriterien als „Linke“ oder „Rechte“ bezeichnet werden, mit Bezug auf ihre Einstellungen, ihre Handlungsbereitschaften und ihre Persönlichkeiten voneinander unterscheiden, und diese Frage unter Verwendung eines methodisch „sauberen“ Forschungsdesigns empirisch untersuchen.

Entsprechende Forschung, die man meist im englischsprachigen Ausland und im Feld der Sozialpsychologie oder der Politikwissenschaft und unter dem Stichwort „political psychology“ bzw. politische Psychologie findet, gibt es, obwohl sie (noch) ziemlich selten ist. Zwar gibt es Legionen von Texten, in denen sich die Autoren zu Einstellungen, Handlungsbereitschaften und Persönlichkeiten von „Rechten“ äußern, aber diese zeichnen sich gewöhnlich durch grundlegende methodologische Fehler aus, allen voran der Abwesenheit einer Vergleichsgruppe von „Linken“ im Forschungsdesign, so dass über die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen „Rechten“ und „Linken“ keinerlei Aussagen gemacht werden können. (Wir ersparen uns an dieser Stelle ellenlange Zitationen; von der Richtigkeit der Aussagen kann sich jeder selbst überzeugen, wenn er eine entsprechende Recherche in Google oder in Google Scholar durchführt.)

Nationalsozialistischer_Untergrund_-_Explosion_in_Zwickau_2011_3_(aka)Studien, die tatsächlich „Linke“ und „Rechte“ in ihrem Forschungsdesign berücksichtigen und auf diese Weise einen Vergleich zwischen ihnen ermöglichen, kommen zu dem Ergebnis, dass sie sich durchaus nicht so stark oder in der Weise voneinander unterscheiden, wie viele Menschen – und Medien! – es gerne hätten oder darstellen würden.

Wir stellen heute die erste einer Reihe dieser Studien vor, und zwar die Studie von Arlin James Benjamin, Jr. Aus dem Jahr 2014. In dieser Studie wurde 220 Studenten im Alter zwischen 18 und 59 Jahren ein Fragebogen vorgelegt, der verschiedene Mess-Skalen enthielt. Diese Skalen waren entwickelt worden, um

  1. Einstellungen zu Gewalt zu messen,
  2. das Ausmaß, in dem Befragte die zukünftigen Folgen ihrer Handlungen in Rechnung stellen,
  3. das Ausmaß, in dem Befragte über Dinge nachdenken und es ihnen Freude macht, über Dinge nachzudenken, und
  4. das Ausmaß des Autoritarismus in der Persönlichkeit der  Befragten,

wobei diese Skala aus zwei Subskalen bestand, eine zur Messung von Rechtsautoritarismus und eine zur Messung von Linksautoritarismus. Die erste enthielt u.a. die Items „Gehorsam und Respekt vor Autoritäten sind die wichtigsten Tugenden, die Kinder lernen sollten“ und „Gesetze müssen strikt befolgt werden, wenn wir unseren Lebensstil erhalten wollen“, die zweite u.a. die Items „Eine linke revolutionäre Bewegung darf das Establishment angreifen und Gehorsam und Konformität von ihren Mitgliedern einfordern“ und „Die Angehörigen des Establishments verdienen eine harte Behandlung ohne Gnade, nachdem das Establishment beseitigt ist“.

Die Befragten wurden anhand der Testscores, die sie auf den Autoritarismus-Subskalen erzielt hatten, in vier Gruppen unterteilt:

(A) Nicht-Autoritäre („non-authoritarians“), die auf beiden Subskalen niedrige Punktwerte erzielt hatten,

(B) „Linke“ („Left-wingers“), die niedrige Werte auf der Skala zur Messung von Rechtsautoritarismus, aber hohe Werte zur Messung von Linksautoritarismus erzielt hatten,

(C) „Rechte“ („Right-wingers“), die niedrige Werte auf der Skala zur Messung von Linksautoritarismus, aber hohe Werte zur Messung von Rechtsautoritarismus erzielt hatten, und

(D) Platzhalter-Autoritäre („wild-card authoritarians“), die auf beiden Subskalen zur Messung von Autoritarismus hohe Werte erzielt hatten.

Die Zugehörigkeit der Befragten zu einer dieser vier Gruppen wurde als unabhängige Variable zur Vorhersage/Erklärung der folgenden abhängigen Variablen benutzt:

(i)  Einstellungen zu Krieg,
(ii) Einstellungen zu durch das Strafgesetz legitimierter Gewalt,
(iii)Einstellungen zur körperlichen Züchtigung,
(iv) Gewalt in intimen Beziehungen und
(v) das Ausmaß, in dem Befragte über Dinge nachdenken und es ihnen Freude macht, über Dinge nachzudenken sowie das Ausmaß, in dem Befragte zukünftige Folgen des Handelns in Rechnung stellen.

Die Zusammenhänge zwischen der unabhängigen und den abhängigen Variablen wurden mittels Varianzanalysen geklärt. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Analysen waren mit Bezug auf den Vergleich zwischen „Rechten“ und „Linken“:

(I) Die Personen, die den „Rechten“ zugeordnet wurden, hatten auf der Skala zur Messung von Rechtsautoritarismus durchschnittlich höhere Punktzahlen erreicht als die Personen, die den „Linken“ zugeordnet wurden, auf der Skala zur Messung von Linksautoritarismus erreicht hatten.

(II) “Linke” hatten signifikant negativere Einstellungen zu Krieg als “Rechte.

(III) Platzhalter-Autoritäre und „Rechte“ hatten signifikant positivere Einstellungen zu körperlicher Züchtigung als Nicht-Autoritäre und „Linke“.

(IV) „Linke“ hatten signifikant positivere Einstellungen zu Gewalt in intimen Beziehungen als „Rechte“.

Wie der Autor selbst bemerkt stehen diese Ergebnisse – außer dem zuletzt genannten – im Einklang mit älterer Forschung, und der Autor schließt hieraus, dass „[i]n general, right-wingers and left-wingers may very well operate from different sets of cognitive schemas or frames … when it comes to their acceptance toward violence” (Benjamin 2014: 11). Er ist also der Auffassung, dass die Ergebnisse dafür sprächen, dass „linker“ und „rechter“ Autoritarismus unterschiedlichen „kognitiven Schemata oder Rahmen“ entstammen.

Wenn man bedenkt, dass der Autor diese Schlussfolgerung auf der Grundlage von nur wenigen Variablen trifft, von denen eine, die Einstellungen zu Gewalt in intimen Beziehungen, „Linke“ und „Rechte“ statistisch signifikant voneinander unterscheidet, scheint seine Schlussfolgerung eher zweifelhaft.

Benjamin TableZweifelhaft erscheint sie auch insofern als statistisch signifikante negative Zusammenhänge sowohl bei „Rechten“ als auch bei „Linken“ mit dem Ausmaß bestanden, in dem Befragte die zukünftigen Folgen ihrer Handlungen in Rechnung stellen, und mit dem Ausmaß, in dem Befragte über Dinge nachdenken und es ihnen Freude macht, über Dinge nachzudenken (s. Table 1 in Benjamin 2014: 13). „Rechte“ und „Linke“ teilten in dieser Studie also Rigidität im Denken oder kognitive Geschlossenheit. Am Beginn seines Textes hatte Benjamin dieselbe allein mit „Rechten“ in Verbindung gebracht:

„Right-wing authoritarians are not known for their cognitive complexity. Rightwing
authoritarians, according to Altemeyer (1981, 1988, 1996) tend to see the world in black and white, in terms of absolutes. They are not generally interested in looking for the nuances in an argument, or for handling the ambiguities that characterize life in a diverse democratic republic” (Benjamin 2014: 8).

Darauf, dass seine Daten auch für „Linke“ kognitive Geschlossenheit gezeigt haben, und man aus dieser Gemeinsamkeit die Schlussfolgerung hätte ziehen können, dass trotz einiger Unterschiede bezüglich einzelner Felder oder Kontexte der Gewaltanwendung „rechter“ und „linker“ Autoritarismus durchaus dieselben Grundlagen hat, nämlich Rigidität im Denken oder kognitive Geschlossenheit, geht der Autor nicht ein.

Er geht auch nicht darauf ein, dass man über die Qualität der von ihm verwendeten Skalen zur Messung von Links- und Rechtsautoritarismus bzw. der in ihnen enthaltenen Items trefflich streiten könnte. So fällt auf, dass die Items zur Messung von Linksautoritarismus „härter“ sind als diejenigen zur Messung von Rechtsautoritarismus. Erstere stellen u.a. auf harte Bestrafung ganzer Bevölkerungsgruppen ab, während Letztere u.a. auf die Erziehung von Kindern zur Gehorsam und Respekt vor Autoritäten abstellen. Zweifellos ist es für einen Menschen mit Gewissen einfacher, den letzteren Items zuzustimmen als den ersteren. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die befragten Personen, die überhaupt als „Linke“ identifiziert wurden, auf der Skala zu Linksautoritarismus niedrigere Punktwerte erzielten als die Personen, die als „Rechte“ identizifiert wurden, auf der Skala zu Rechtsautoritarismus erzielten.

Die in mancher Hinsicht tendenziöse (Interpretation der) Studie verwundert denjenigen nicht, der die Veröffentlichungen von Benjamin kennt: Sie handeln fast alle von Gewalt, die mehr oder weniger deutlich mit „right-wing authoritarianism“ in Verbindung gebracht wird.[2] Es ist Benjamin gegenüber wohl keine Ungerechtigkeit, wenn man vermutet, dass er sich Links-Autoritarismus nur ausnahmsweise mit der Absicht oder Erwartung gewidmet hat, dass sich Links-Autoritarismus als nicht existent oder zumindest als gänzlich anderes Phänomen als Rechts-Autoritarismus erweisen würde. Aufgrund der Ergebnisse der Studie von Benjamin, die er wie gesagt nur teilweise in Worten berichtet, während andere nur als statistische Zusammenhangsmaße in Tabellen berichtet werden, muss man festhalten, dass diese Erwartung enttäuscht wurde.

Unabhängig von der inhaltlichen Fragestellung, die uns hier beschäftigt, kann auch das Folgende als Merksatz festgehalten werden:

Bei der Lektüre von Texten, die über empirische Forschungsergebnisse berichten, genügt es nicht die Darstellung in Worten zu lesen. Oft stehen die wichtigsten oder interessantesten Ergebnisse in den dem Text beigegebenen Tabellen!

Literatur:

Benjamin, Arlin James, Jr., 2014: Chasing the Elusive Left-wing Authoritarianism: An Examination of Altemeyer’s Right-Wing Authoritarianism and Left-Wing Authoritarianism Scales. National Social Science Journal 43(1): 7-13.

Endnotes:

[1] http://www.huffingtonpost.de/jan-ruebel/linke-gewalt-extremismus-_b_10988732.html

[2] Wer sich hiervon selbst überzeugen will, sei auf die folgende Liste der Publikationen von Benjamin verwiesen: https://scholar.google.com/citations?user=bNJlMYsAAAAJ


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Politik für die Arbeiterschicht

von Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Nicht nur zu uns, auf sciencefiles, verirren sich immer wieder Kommentatoren, die von sich behaupten, sie seien „links“ , würden für Arbeiter, die unteren Klassen, die Arbeiterschicht, sozial Benachteiligte, bildungsferne Schichten, Frauen eben all diejenigen kämpfen, die sie in der sozialen Hierarchie unter sich anordnen und bei denen man die Hilfe, die man ihnen angeblich angedeihen lassen will, trefflich dazu nutzen kann, den eigenen  als „höher“ angesehenen sozialen Status zu zementieren. Richtig: Wir sind der Ansicht, diese Form von „Hilfe“ dient lediglich der eigenen Psyche, der Sicherung der eigenen sozialen Position, der Festschreibung sozialer Hierarchien und der entsprechenden Verhinderung von vertikaler Mobilität und, last but not least, ist die entsprechende Hilfe zumeist ohnehin nur ein Lippenbekenntnis, das bestehende Verhältnisse verdecken und vor Veränderung schützen soll.

Keine der Parteien, die so vehement gegen den „Neo-Liberalismus“ zu Felde ziehen, ist wirklich daran interessiert, der Klientel zu helfen, der sie angeblich so verpflichtet ist: Wären Arbeiter und Angehörige der Arbeiterschicht, wäre die Beseitigung der Zementierung sozialer Ungleichheit, die in Deutschland wie in keinem anderen Land über die Bildungs-, die Lebenschancen bestimmt, tatsächlich die Ziele von Linken, ihre Politik, ihre politischen Programme wären ganz anders ausgestaltet. Wir beide, Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein, kommen aus der Arbeiterschicht. Wir gehören zu denjenigen, die in der kurzen Phase eines „Bildungsfrühlings“, wie man die 1980er Jahre bezeichnen könnte, die Möglichkeit ergriffen haben, um obwohl aus der Arbeiterschicht, so doch zu studieren. Und wir haben unser Studium abgeschlossen und anschließend für kürzere bzw. längere Zeit den universitären Alltag ertragen. Wir gehören also zu denjenigen, für die linke Parteien „soziale Gleichheit“ fordern.

Aber: Wir kommen nicht nur aus der so gerne als „bildungsferne“ Schicht verunglimpften Arbeiterschicht (Warum bildungsfern? Ganz einfach, weil man dann Steuermittel loseisen kann, um den armen Menschen aus der „bildungsfernen Schicht“, in erster Linie aber dem eigenen Konto in Form regelmäßiger Gehaltszahlungen zu helfen.), wir haben unser Studium und alles, was danach kam, selbst finanziert und erarbeitet. Und wie alle Menschen, die auf ihre eigene Leistung stolz sind, wie alle Menschen, die wissenschaftliche Ideale haben, sind wir liberal.

Nun, was passiert, wenn zwei, denen linke Parteien soziale Gleichheit angedeihen lassen wollen, in Positionen kommen, in denen sie nicht mehr als Rezipienten von linker Hilfe angesehen werden können, wenn sie zudem ihren Weg in die soziale Schicht, in die Linke sie durch ihre Hilfe befördern wollen, gänzlich ohne diese Hilfe und nur aufgrund einer liberalen Phase in der deutschen Politik gemacht haben? Sie fangen an, über die Situation der Arbeiterschicht, der sie entstammen, nachzudenken. Sie fragen sich vor dem Hintergrund des Prinzips der Meritokratie, dem die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit zustimmt (Becker & Hadjar, 2009; und dem selbst Jürgen Trittin zustimmt), wie man die soziale Ungleichheit beim Zugang zu gesellschaftlichen Gütern, an der sich linke Parteien seit Jahrzehnten ohne Erfolg abmühen, beseitigen könnte, wenn man nur wollte (Tatsächlich üben sich linke Parteien seit Jahrzehnten darin, Menschen aus der Arbeiter- bzw.  Unterschicht umzuerziehen bzw. nach ihrem Ebenbilde erschaffen zu wollen. Die gesellschaftlichen Strukturen, die für eine über Generationen persistente soziale Ungleichheit verantwortlich sind, wurden von sogenannten Linken bislang zu keinem Zeitpunkt angetastet, und entsprechend hat die vermeintlich linke Politik der vergangenen Jahrzehnte zum einen dazu geführt, dass die Schuld für persistente soziale Ungleichheit, denen angelastet wurde, die einen sozial niedrigeren Status inne haben. Zum anderen haben die Versuche, die entsprechenden Menschen aus unteren sozialen Schichten umzuerziehen, eine aufgeblähte Sozialindustrie geschaffen und damit dazu beigetragen, dass das Geschäft mit der Umerziehung der Arbeiter- und Unterschichtler einträglich ist und diejenigen, die es betreiben, eigentlich gar kein Interesse daran haben können, soziale Ungleichheit beim Zugang zu gesellschaftlichen Gütern zu beseitigen und ihren Arbeitsplatz damit unnötig zu machen).

Und so sind wir zu dem Schluss gekommen, dass bislang noch nie jemand ernsthaft versucht hat, Chancengleichheit herzustellen, um die Vererbung sozialer Ungleichheit zu beseitigen. Statt dessen wurde und wird von linken Parteien Ergebnisgleichheit angestrebt, die per definitionem im Gegensatz zum meritokratischen Prinzip steht. Ausgehend von diesem Schluss haben wir dann ein Brainstorming veranstaltet und uns gefragt, wie eine linke und wie eine liberale Politik aussehen müsste, die tatsächlich Chancengleichheit im Zugang zu gesellschaftlichen Gütern befördern will. Dass sich die Ergebnisse dieses Brainstormings in keinem Parteiprogramm so genannter linker Parteien finden, weder bei SPD, Bündnis90/Die Grünen noch bei der Linken, ist zum einen nicht weiter verwunderlich, zum anderen sehr beredt.

Politikbereich Linke Politik, die soziale Ungleichheit adressieren würde Liberale Politik, die soziale Ungleichheit adressieren würde
Bildung Kosten für die Ausbildung in staatlichen Bildungsinstitutionen werden nach Abschluss der Aussbildung und in Abhängigkeit vom erreichten Schulabschluss proportional zur erreichten Berufsposition und proportional zum Einkommen der Eltern zurückgezahlt. Bildung findet ausschließlich in privaten Bildungsinstitutionen statt. Die Kosten sind individuell zu tragen. Begabte Schüler werden durch Stipendien gefördert.
Soziales: Kindergeld und Subventionen für Kinderbesitz Kindergeld und sonstige Subventionen für den Besitz von Kindern werden nach Einkommen gestaffelt, bezahlt. Je mehr Einkommen, desto weniger Kindergeld bzw. Subventionen. Es gibt kein Kindergeld und keine Subventionen für den Besitz von Kindern (weil persönliche Lebensentscheidungen  persönlich zu verantworten sind).
Soziales: Rentenversicherung Arbeiter erhalten für die gleiche Anzahl von Punkten eine höhere Rentenzahlung, einen Rentenbonus, da sie eine kürzere Lebenserwartung haben als Pensionäre oder Angestellte. Es gibt kein staatliches Rentensystem. Individuen können frei wählen, welche Form der Altersvorsorge sie treffen wollen.
Soziales: Krankenversicherung Es gibt keine Mitversicherung von Familienangehörigen. Krankenkassenbeiträge orientieren sich am beruflichen Risiko, zu erkranken. Je höher das berufliche Risiko, desto geringer die Krankenkassenbeiträge. Freizeitrisiken werden nicht auf die Allgemeinheit übertragen und sind selbst zu tragen. Es gibt keine gesetzliche Krankenversicherung. Die Absicherung gegen Krankheit erfolgt je individuell entsprechend der Präferenzen des Versicherten und über private Anbieter, die im Wettbewerb miteinander stehen.
Lohnverhandlungen Lohnverhandlungen werden dezentral von den Arbeitern in entsprechenden Betrieben und unter Brücksichtigung des Humankapitals der entsprechenden Arbeiter geführt. Gewerkschaften werden zu Solidarkassen umfunktioniert, deren Zweck darin besteht, entstehenden Streitigkeiten auf lokaler Ebene finanzielle Unabhängigkeit zu sichern. Lohnaushandlungen erfolgen individuell zwischen dem jeweiligen Arbeiter und Arbeitgeber. Eine Vereinheitlichung nach Tarifsystemen oder Gehaltstabellen findet nicht statt.
Erbschaftsrecht Eine Erbschaft ist nicht möglich. Nach dem Tod eines Vermögenden vorhandene Vermögen werden charitativen Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Vermögende können ihr Vermögen vererben, jedoch sind Blutsverwandte, Parteien und parteinahe Institutionen sowie staatliche Organisationen als Erben ausgeschlossen. Es gibt keinen Pflichtanteil.

Die in der Tabelle skizzierten Politiken wären Ideen, von denen wir glauben, dass sie im Prinzip dazu geeignet sind, über Generationen persistente soziale Ungleichheit zu beseitigen und entsprechend vertikale Mobilität zu befördern. Aber: Sie sind nur der Anfang. Es gibt noch viel mehr Politiken, die man formulieren kann, wenn man das Ziel erreichen will, eine Gleichheit von Startchancen zu gewährleisten, das wiederum die Voraussetzung der Beseitigung über Generationen stabiler sozialer Ungleichheit ist. Entsprechend rufen wir alle, die einen ähnlichen Hintergrund haben, wie wir, dazu auf, uns weitere Möglichkeiten zu mailen oder hier zu kommentieren, um ihre „linke Politik“ oder ihre „liberale Politik“, also ihre Politik, Chancengleichheit im Hinblick auf den Zugang zu gesellschaftlichen Gütern herzustellen, vorzustellen. Denn es ist notwendig, dafür zu sorgen, dass z.B. Politiker und Wissenschaftler aus der Mittelschaft aufhören über uns zu sprechen, also über Menschen aus der Arbeiterschicht, die sie nur vom Hörensagen kennen und statt dessen mit uns sprechen.

Gorilla deep in thought

Für Wissenschaftler, die selbst einer subjektiv reflexiven und konstruktivistischen Weltsicht huldigen und deren Reflexion in der Regel daran hapert, dass der Inhalt der Reflexion zwar subjektiv, aber gänzlich uninformiert ist, stellen wir uns gerne als Inhaltsgeber zum weiteren reflexiven Reflektieren reflexiv-reflektierter Inhalte zur Verfügung – vielleicht kommt auf diese Weise und bei so viel reflexiver Reflexion ja einmal etwas Sinnvolles heraus.

Literatur:
Becker, Rolf & Hadjar, Andreas (2009). Meritokratie – Zur gesellschaftlichen Legitimation ungleicher Bildungs-, Erwerbs- und Einkommenschancen in modernen Gesellschaften. In: Becker, Rolf (Hrsg.). Lehrbuch der Bildungssoziologie. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Bildnachweis:
SPD Espelkamp
Science Skeptical.de
Die Linke
Xiaochaboh